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Full text of "Archiv für österreichische geschichte"

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■» 



V 




Archiv 



für 



österreichische Geschichte. 



Herausgegeben 

von der 

zur Pflege vaterländischer Geschichte aufgestellten Commission 



der 



kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. 



Einundachtzigster Band. 



Mit zwei Tafeln. 



Wien, 1895. 

In Commission bei F. Tempsky 

9uehhfiidl«T <l«r k»U. AlMdevi^ d«T WiM«ntoh»ft«n. 



Druck von Adolf Holzhansen, 
k. and k. Hot- tind UniTerrittto-Bnchdniektr in Witn. 



L 



Inhalt des elniindachtzlgsteii Bandes. 



Seite 
Studien zur Geschichte der österreichischen Volkswirthschaft unter Maria 

Theresia. I. Die österreichische Indnstriepolitik. Von Adolf Beer 1 

Der Comniunismus der mälirischen Wiedertäufer im 16. und 17. Jahr- 
hundert. Beiträge zu ihrer Geschichte, Lehre und Verfassung. 
Von Dr. J. Loserth 135 

Studien zu den ungarisclien Geschichtsquellen. I. und II. Von Dr. 

Raimund Friedrich Kaindl 323 

Sigmar und Bernhard von Kremsmünster. Kritische Studien zu den 
Geschichtsqnellen von Kremsmünster im 1 3. und 14. Jahrhundert. 
Von Dr. J. Loserth. (Mit 2 Tafeln.) 347 

Beiträge zur Städte- und Rechtsgeschichte Oberungarns. Von Dr. Franz 

von Krones 447 

Die Frage der Heranziehung des Deutschen Ordens zur Vertheidigung 

der ungarischen Grenze. Von Dr. Wilhelm Erben .... 513 






STUDIEN 



ZUR 



GESCHICHTE DER ÖSTERREICHISCHEN 

VOLKSWIRTHSCHAFT 



UNTER MARIA THERESIA. 



I. 

DIE ÖSTERREICHISCHE INDÜSTRIEPOLITIK. 



VON 



ADOLF BEER, 

WIRKL. M1T0UEDE DKR KAIS. AKADEMIE DER WISSENSCHAPTBK. 



ArehiT. LXXXI. Bd. I. HUfke. 



L 



ixein österreichischer Regent hat sich um die Entwick- 
lung der Industrie solch' grosse Verdienste erworben wie Maria 
Theresia. Die grosse Bedeutung eines regen gewerbUehen 
Lebens^ einer entwickelten Industrie fllr den Staat war ihr früh 
zum Bewusstsein gekommen^ und seit Herstellung des Friedens 
fordert sie unablässig Massnahmen zur Erweiterung bestehen- 
der, zur Einbürgerung neuer Industriezweige. In grossen Fragen 
bekundete sie nicht selten ein wunderbares Verständniss und 
steuerte unbeirrt auf das von ihr als richtig anerkannte Ziel 
los. In Einzelheiten war sie natürlich abhängig und vielfach 
bestimmbar; die vielleicht oft gefärbte Darstellung eines Ver- 
trauensmannes veranlasste Entscheidungen, die nicht leicht mit 
anderen über denselben Gegenstand in Einklang gebracht wer- 
den können. Die eigenhändigen Randbemerkungen, sowie die 
zahlreichen Handschreiben sind glänzende Belege für die Leb- 
haftigkeit, mit der sie die wirthschaftlichen Angelegenheiten er- 
fasste. ,Um die Fabrikanten zu Unternehmungen anzuMschen^, 
lässt sie sich die Erzeu^sse derselben zur Ansicht voiiegen. 
Unerschöpflich in Anfragen, unermüdlich in Forderung von Er- 
läuterungen und Auskünften, ehe sie eine Entschliessung fasst, 
heischt sie sodann unbedingte DurchfÜhnmg derselben. Herber 
Tadel trifft ihre Behörde, wenn ihren Weisungen nicht Folge 
gegeben wird. Die von den Länderstellen einzuliefernden Ta- 
bellen las sie mit grosser Aufmerksamkeit, sie spricht ihr Be- 
fremden darüber aus, wenn dieselben zu spät einliefen, und 
fordert ,mehrere Verlässlichkeit'. Empfindlich über die öffent- 
liche Meinung, verlangt sie Rechtfertigung der getadelten Mass- 
nahmen und Widerlegung von Druckschriften, in denen das 

1* 



wirthschaftliche System einer Kritik unterzogen wird. ^ Für 
jede Anregung empfänglich, macht sie den Commerzienrath auf 
die industriellen Fortschritte in den Nachbarländern aufinerk- 
sam. Ihrer Initiative ist Mancherlei zu danken, was sich ab 
förderlich fiir die industrielle Thätigkeit hätte erweisen können, 
wenn die mit der Ausführung betrauten Organe immer und 
überall der ihnen zugewiesenen Aufgabe entsprochen hätten, 
allein schon die zahlreichen Weisungen der Kaiserin, den 
Kreishauptleuten, von deren Widerspenstigkeit in den Vor- 
trägen Erwähnung geschieht, den Vollzug der Anordnungen 
einzuschärfen, nöthigenfalls die Entfernung vom Amte anzu- 
drohen, zeigen, dass manche treflfliche Verfügung auf dem 
Papiere stand. 

War auch Oesterreich beim Regierungsantritte Maria The- 
resias überwiegend ein Agriculturstaat, dem zum Absätze des 
Ueberflusses seiner Naturerzeugnisse ins Ausland nur ein aus- 
gebildetes Strassennetz fehlte, wozu erst die Anfänge vorhan- 
den waren: in einzelnen Ländern hatte sich schon eine nicht 
unbedeutende Industrie entwickelt, deren Vertreter Handels- 
verbindungen mit fremden Ländern angeknüpft hatten. Böhmen, 



^ In einer Druckschrift wurde die Handelsbebörde über ihre Saumseligkeit 
getadelt. Die Kaiserin überwies dieselbe dem Commerzienhofrathe mit 
der Weisung, dieselbe zu beantworten. In dem Vortrage vom 1. März 
1763 heisst es nun: Zum Wachsthum der Manufacturen hat es in Böh- 
men und Biähren den günstigen Anschein, indem diese Länder nicht nur I 
mit überflüssigen Productis gesegnet, sondern zugleich von einem arbeit- ' 
samen Volke bewohnt sind. Man suche die Obrigkeiten zur Unter- 
stützung des Fleisses durch alle anreizenden Mittel aufzumuntern und 
den Werth der Industrialfrüchte erkennen zu machen. Grössere Hin- , 
demisse äussern sich in Kärnten und Tirol, wo der wahre Commerzgeist 
fast gänzlich erloschen zu sein scheine. Wenn es der Kaiserin gefällig 
sein sollte, dem Publicum von den erbländischen Commerzeinrichtungen 
etwas bekannt zu machen, so würde man es für räthlich und decoros ' 
halten, dass damit so lange innegehalten werde, bis ein solides Mauth- 
System gefasst und auch das Manufacturwesen in Innerösterreich nnd 
Tirol vollkommen eingeleitet sein werde, um die Welt vielmehr durch 
reelle Anstalten zu überzeugen, als dass man derselben nur schmeichel- 
hafte Ideen vorlegen und sich anmit der überhandnehmenden Schreib- 
sucht auswendiger Scribenten noch mehreres blossstellen sollte. Reso- 
lution der Kaiserin: Ich begnehmige das Einrathen, doch ist, sobald die 
in dem Mauthwesen annoch bestehenden grossen Mängel und Gebrechen 
behoben sein werden, die Beantwortung dieses Impressi unumgänglich 
nöthig. 



Mähren und Schlesien erzeugten Gam^ Leinwand^ Glas und 
Tuch. Die Eisenindustrie in den Alpenländem war im Auf- 
schwünge begriffen; Sensen und Sichehi fanden einen fUr die 
damalige Zeit nicht unbedeutenden Absatz in fremde Länder. 
Der Bei^bau^ zumeist noch in den Händen des Staates^ för- 
derte nicht unbeträchtUche Mengen an Kupfer^ Zinn^ Queck- 
silber^ Gold imd Silber zu Tage, und diese Artikel fanden in 
Holland und England^ in Italien und Spanien Abnehmer^ wo- 
durch dem Staate^ dessen Steuerquellen sonst spärlich flössen, 
zeitweilig eigiebige Einnahmen erwuchsen. Vielversprechende 
Keime einer industriellen Thätigkeit waren jedenfalls vorhan- 
den. Es waren zumeist naturwüchsige Industrien, welche den 
Rohstoff im Lande selbst fanden. Auch standen in einigen 
Gegenden die Fabrikanten auf der Höhe der Zeit. Sie waren 
mit den Fortschritten in den anderen Ländern bekannt imd 
suchten dieselben bei ihrer Fabrication einzubürgern. Es ge- 
nügte indess nach damaliger Auffassung nicht, wenn in einem 
Lande Massenartikel erzeugt ^Wurden; die mehr zu Tage tre- 
tende Erscheinung, dass fUr Luxuswaaren grosse Summen 
ausser Landes gingen, war bestimmend, auf die Erzeugung 
derselben besonderen Werth zu legen. Die Bedürfnisse der 
imtersten Classen waren einfach, und der häusliche Gewerbfleiss 
soi^e fiir die Befriedigung derselben; die höheren Stände be- 
zogen ihren Bedarf an feineren Waaren zumeist aus dem Aus- 
lande: in Wien und früher in Linz imd an anderen Orten 
fanden sich Niederlagen auswärtiger Erzeugnisse. Diese Lücke 
in der heimischen Production auszuftÜlen, war die Verwaltung 
in erster Linie thätig. 

Für die Emporbringung der einzelnen Industriezweige 
waren im Allgemeinen jene Ansichten massgebend, welche Justi 
in seinen während des 18. Jahrhunderts vielgelesenen Werken 
dargelegt hatte. Die Ueberzeugung, dass der Regierung Alles 
geUngen könne, durchdrang die Behörden, denn wie Justi sagt: 
der Regent kann aus seinen Unterthanen machen, was er will, 
wenn er nur die rechten Mittel ergreift. Dass der Staat das 
wirthschaftliche Leben zu regeln die Pflicht habe, wurde fest- 
gehalten, da ,die Erhaltung des Nahrungsstandes den wichtig- 
sten Gegenstand der Regierung ausmachet ^ 



' Graf BlUmegen in einem Votum vom 5. September 1771. 



Vornehmlich war es der deutsche Stamm ^ welcher die 
regste industrielle Thätigkeit im 18. Jahrhundert entfaltete. Zu- 
meist sind es deutsche Namen^ die in Böhmen, Mähren und 
Schlesien, überhaupt in den von Slaven bewohnten Gebieten, 
als Industrielle und Kaufleute namhaft gemacht werden. Kein 
kleiner Percentsatz derselben war aus dem Auslande nach 
Oesterreich gekommen. Die mit besonderen Vorrechten aus- 
gestatteten Niederleger, deren Privilegien auf Maximilian I. 
zurückreichen und die unter den späteren Herrschern beträcht- 
lich erweitert wurden, waren Ausländer, die anfangs zumeist 
den Handel Oesterreichs mit dem Auslande in Händen hatten 
und unter Maria Theresia, nachdem durch die Ein- und Aus- 
fuhrverbote der Verkehr mit der Fremde unterbunden worden 
war, sich industrieller Thätigkeit zuwendeten und sich an der 
Einbürgerung neuer Industriezweige betheiUgten. Zahlreich sind 
auch die nichtdeutschen Ausländer: Niederländer, Engländer 
und Franzosen. 

Die EinAihrung neuer Industriezweige und die Verbesse- 
rung der heimischen Arbeitsmethoden sollte durch Heranziehung 
fremder Arbeiter bewerkstelligt werden. ^ Die Emporbringung 
der feineren WoUmanufactur, der Seidenindustrie, der Band- 
fabrication konnte nur auf diesem Wege erzielt werden. Zu 
wiederholten Malen ergingen Weisungen an die Behörden. Ihre 
Majestät sei geneigt, heisst es bereits in einem Erlasse vom 
2. August 1749, allen Fremden, von .welcher Nation sie auch 
sein mögen, wenn sie nur gute künstlerische Professionisten 
sind, in den Erblanden alle Erleichterung imd Beförderung an- 
gedeihen zu lassen. Nach Prag ergingen Aufträge, ausländische 
Fabrikanten und Appreteure aus der Nachbarschaft heranzu- 
ziehen, besonders komme es auf jene Fabrikanten an, ,die in 
einer neuen oder noch nicht zur Vollkommenheit gebrachten 
Manufacturgattung erfahren seiend * Während des dritten 



' Es habe weltbekanntermassen, heisst es in einem Schriftstücke vom 
Jahre 1749, ein Fürst alle Anstrengungen gemacht, hochgewachsene 
Leute zu bekommen, und keinem eine Officiersstelle verliehen, der nicht 
vorher auf seine Kosten mehrere gprosse Leute zugeführt habe. Sollte 
nicht die Kaiserin verfügen können, dajss künftig, wer um eine Civil- 
magistratur sich bewerbe, einen geschickten Fabrikanten oder Künstler 
herbeizuziehen verbunden sein solle? 

* Rescript an die böhmische Repräsentantenkammer, 21. November 1762. 



Krieges mit Preussen wurden Tertraute Personen nach Sachsen 
und der Lausitz abgesendet^ um Untersttitzimgen jenen znizu- 
sichern^ die in Oesterreich Fabriken gründen wollen.^ Aus 
Preussisch-Schlesien nach Mähren eingewanderte Zeugfabrikan- 
ten fanden bereitwillige Aufnahme und wurden den Zünften 
unentgeltlich einverleibt. Auch erhielten diese ^Transmigranten^ 
f&nQährige Befreiung von dem Manufacturbeitrag. Die Gesellen 
waren der Recrutirung nicht unterworfen und konnten sich ver- 
heiraten. ^ jenen Künsten und Manufacturen^ welche zur 
Vollkommenheit noch nicht gelangt sind/ lautet eine kaiserl. 
Entschliessimg auf ein Protokoll vom 7. Mai 1766, ,seien einige 
Prämien für fremde Gesellen von Zeit zu Zeit auszusetzen, so 
den Vortheil der Künste an Hand zu geben wissen.' Fran- 
zosen, Engländer, Niederländer liessen sich in Wien und in 
den hervorragenden Industrieorten Böhmens nieder und er- 
hielten jede mögliche Förderung. Welchen Werth Maria The- 
resia auf die Heranziehung fremder Meister legte, geht auch 
daraus hervor, dass sie sich mit der Zulassung von Luthe- 
ranern befreundete und sich durch den Widerspruch der böh- 
mischen Stände, welche auf die alte, von der Kaiserin eidlich 
bestätigte Landesverfassung imd auf die Schädlichkeit der Re- 
Ugionsvermischung hinwiesen, nicht beirren Hess. Auch die 
Geistlichkeit erhob ihre Stimme, und namentlich der Erzbischof 
von Prag sprach sich entschieden dagegen aus, da freie Reli- 
gionsübung gegen die fundamentalen Ghrundsätze des König- 
reiches Verstösse. Die Gutachten der Behörden stimmten 
nicht überein. Die böhmisch-österreichische Hofkanzlei ver- 
focht die Ansicht der Stände, während der Hofcommerzienrath 
freieren Gesichtspunkten das Wort redete; die Noth wendig- 
keit, zur Hebung der Industrie, zur Entwicklung des Verkehrs 
Fremde heranzuziehen, bestimmte die Monarchin, ihr Gewissen 
damit zu beschwichtigen, dass die Zulassung imd Begünsti- 
gung der Akatholiken für die Wohlfahrt ihrer Länder er- 
spriessUch sei. 

Der Adel wurde ftlr die Anlegung von Fabriken zu ge- 
winnen gesucht. In Böhmen und Mähren entstanden auf den 
adeligen Herrschaften viele Fabriken, und die gräflichen imd 



* Entschliessung auf ein Protokoll vom 14. December 1761; Circular vom 
26. Februar 1762 und andere zablreiche Schriftstücke. 




fUrstlicheD Herrea waren stolz auf die Anerkennung, welche 
ihnen die Kaiserin mUndlich und schriftlich zollte. In Mähren 
ging der Präsident des Reichshofrathes Ferdinand Bonaventura 
Graf T. Harrach mit gutem Beispiele voran. In Böhmen haben 
die Auersperg, Waldstein, Bolza u. m. a. auf ihren HerrBchaften 
Fabriken gegründet. Die grösst«n Verdienste erwarb sich Graf 
Josef Einsky nicht nur durch die EinbUi^erung einiger In- 
dustriezweige auf seinen Gütern, sondern auch als Vorsitzender 
des böhmischen Commerzconsesses. Die Kaiserin war ihm 
ungemein gewogen; sie sowie ihr Sohn liessen selten eine Ge- 
legenheit vorübergehen, ohne seinen Bemühungen volle Aner- 
kennung widerfahren zu lassen. Der Graf berichtete jährlich 
von den Fortachritten, welche auf seinem Gute erzielt wurden. 
Maria Theresia las die SchriftetUcke mit grosser Aufmerksam- 
keit und verlangte nicht selten Auskünfte. Kinsky's Vertraut- 
heit mit den gewerblichen Verhältnissen Böhmens wurde in 
Wien geschätzt, und man zog ihn deshalb oft den Sitzungen 
des Commerzienrathes bei, um jene Massnahmen zu berathen, 
die zur Entwicklung des Handels und der Industrie getroffen 
werden sollten. Kinsky huldigte mercantil istischen Theorien, 
und die Interessen der Industriezweige, welche er auf seinen 
Gütern mit grossem Eifer emporbrachte, fanden an ihm natür- 
lich einen beredten Anwalt. Die adeligen Herren erhielten 
auch fette Unterstützungen oder beträchtliche Vorschüsse, und 
nicht wenige hielten die Zahlungstermine nicht ein. Josef bat 
später in scharfer Weise seinem Missmuthe über diese Wirth- 
schaft Luft gemacht und die Behörden angewiesen, die Rück- 
zahlung entschieden einzutreiben. 

Bereits unter Karl VI. hat der Staat Fabriken ins Leben 
gerufen, und unter Maria Theresia betheiligte er sieh an der 
Grtmdung neuer oder an der Uebemahmc bereits bestehender 
Fabriken, jedoch die industriellen Unternehmungen, welche er 
auf eigene Rechnung fllhrte, machten fast durchwegs schlechte 
Geschäfte und bereiteten der Regierung grosse Sorgen. Nur 
jene lieferten vorübergehend bessere Ergebnisse, wo es gelun- 
gen war. eine geeignete Persönlichkeit ausfindig zu machen, 

Iskenntniss und Ordnungssinn genug besass, um die 
in entsprechender Weise zu leiten. Das Commerz- 
scheint keine erspriessliche Wirksamkeit in dieser 

entfaltet zu haben, und die seiner Obhut unterstellten 



Fabriken liessen Mancherlei zu wünschen übrig.* Der Com- 
merzienrath, dem bald nach seiner Gründung die Verwaltung 
der Staatsfabriken^ welche einige Zeit die Bancodeputation ge- 
führt hatte, übertragen worden war, gelangte zur Ueberzeugung, 
dass die staatlichen Fabriken durch allzu hohe Erzeugniss- 
kosten die Waaren zu einem billigen Preise nicht abgeben 
können. Die Kaiserin, welche die Bilanzen einer sorgfältigen 
Durchsicht unterzog, ertheilte wiederholt die Weisung, Capita- 
listen zur Uebemahme der Fabriken zu bewegen und den 
staatlichen Fabriksbetrieb ganz aufzulassen. Josef erneuerte 
später dringend diese Weisungen, jedoch ohne Erfolg. Einige 
dieser Fabriken wurden bis ins 19, Jahrhundert vom Staate 
betrieben, so die von Karl VI. begründete Neuhauser Spiegel- 
fabrik bis zum Jahre 1830,^ die Linzer Wollenzeugfabrik bis 
1850; am längsten erhielt sich die Porzellanfabrik in Wien, 
die erst auf Andringen der österreichischen Volksvertretung 
aufgelassen wurde. 

Durch Gewährung von Geldunterstützungen aus der Com- 
merzialcassa wurde die Errichtung von Fabriken, namentlich 
die Einbürgerung neuer Industriezweige zu fördern gesucht. 
Die zur VerfUgung stehenden Geldmittel waren zwar nicht be- 
deutend, aber die Kaiserin zögerte nie, so oft ihr die Noth- 
wendigkeit oder Erspriesslichkeit vorgestellt wurde, jedem An- 
trage zuzustimmen. Unterstützungen bis zum Betrage von 350 fl. 
konnte der Commerzienrath im eigenen Wirkungskreise ge- 
währen, ^ bei grösseren Beträgen musste eine Verständigung 
zwischen den verschiedenen Behörden erfolgen und eine kaiser- 
liche Genehmigung nachgesucht werden. Nicht selten ging die 



^ Maria Theresia hat über die Thätigkeit des Commerzdirectoriums ein ver- 
nichtendes Urtheil gefällt. ,Uebrigens wird dem Commerzienrath ob- 
liegenS heisst es in einer Entschliessang auf den Vortrag vom 6. August 
1762, ,worin über den Zustand der Kladruber Fabrik Bericht erstattet 
wurde, künftighin auf der Fabrikatur bessere Obsorge, als nicht von 
dem ehemaligen Commerziendirectorio geschehen, zu tragen, deren Män- 
gel und Gebrechen sogleich abzustellen, dahingegen aber auch denenselben 
die nOthige Hülfe und Beistand angedeihen zu lassen oder erwirken zu 
machen*. 

' Kaiserliche Entschliessung vom 4. Januar 1830. Ueber die anderen Fa- 
briken die Ausführungen im Anhange. 

' Vortrag vom 7. Juli 1762. Im Jahre 1762 betrugen die Einnahmen der 
Commendencassa 309.657 fl. (Vortrag vom 22. August 1764.) 



10 

Weisung zur Unterstützung eines neuen Industriezweiges von 
der Kaiserin aus, sei es, wenn ihr irgend eine Nachricht von 
einer im Auslande errichteten Fabrik zukam, oder wenn sie 
aus den eingesendeten Berichten der Commerzconsesse ent- 
nahm, dass die heimischen Erzeugnisse dem Bedarfe nicht ge- 
nügen, oder wenn Pässe flir die Einfuhr irgend einer Waare 
gefordert wurden. Die Länderconsesse waren nämlich ange- 
wiesen, jährlich Ausweise einzusenden über die Veranstaltun- 
gen, ,welche fiir das Commerzium und Manufacturwesen ge- 
troffen worden seien', und zugleich die etwa zu treffenden Vor- 
kehrungen für das kommende Jahr anzugeben. Die Berichte 
sollten Angaben enthalten, welche Fabricatur zu vermehren, 
durch welche Mittel dies bewerkstelligt werden könnte, welche 
neue Industriezweige einzuführen, welche Waaren zu verbieten 
seien. ^ Seit 1766 wurden besondere Commissäre abgesendet, 
um einerseits Erhebungen über den Stand der Industrie 
zu machen, sowie die industriellen und gewerblichen Kreise 
einzuvemehmen, welche Massnahmen getroffen werden sollen. 
Durch die Hast, alle belangreichen Bedürfnisse durch heimische 
Erzeugnisse zu befriedigen, wurden viele Unternehmungen ins 
Leben gerufen, die nach kurzem Bestände wieder eingingen. 
Manche konnten nur durch fortwährende beträchtliche Geld- 
hilfe erhalten werden und gingen erst nach Jahrzehnten in 
den Besitz eines intelligenten, thatkräfügen Mannes über, dem 
es gelang, Dauerndes zu schaffen. Die Kunde von den Be- 

* An sämmtliche Länderstellen, 2. November 1763. Welche Anforderungen 
von der Kaiserin gestellt wurden, ist aus einem Handblllet vom 29., 
acc. 30. August 1771 ersichtlich. Die anschlüssige Tabelle über den 
Stand der Manufactur in Steiermark theile ich dem Commerzienrath zum 
diensamen Oebrauch mit, und sind die gleichmässigen Tabellen auch 
von den übrigen Ländern abzufordern und mir zur Einsicht vorzulegen; 
es müssen jedoch in denselben, um von den Commerzialkräften eines 
jeden Landes ein verlässliches Urtheil scht^pfen zu kennen, nicht nur, 
wie in dem gegenwärtigen Ausweise geschieht, die Producta artis, son- 
dern auch beyläufig die Erzeugnissen der Natur angemerket, anbey der 
Consumo von dem Transite abgesondert, und was an ein oder dem an- 
dern pro Consumo ausgeführt worden, klar ausgewiesen werden, welches 
mittelst deren Mauthextracten gar leicht erhoben werden mag, zu dem 
Ende dann dem steirischen Commerzconsess aufzutragen ist, dass selber 
über die dasigen Producta naturae in der bemeldten Art ebenmässig an- 
noch eine Commerzialtabelle verfassen und solche als einen Nachtrag 
zur g^enwärtigen einschicken solle. 



11 

strebungen der Regierung zog viele Fremde nach Oesterreich, 
welche aussichtsreiche Anträge stellten, die sie jedoch nicht 
immer zu verwirklichen vermochten, und es ist jedenfalls 
bezeichnend, dass die meisten Industriezweige, die später zu 
grösserer Ausdehnung gelangten, von Fremden eingebürgert 
wurden, eine Erscheinung, die sich auch im 19. Jahrhundert 
wiederholt. 

Erst in dem letzten Jahrzehnte der Regierung Maria The- 
resias trat in dieser Beziehung eine Aendenmg ein. Bereit- 
willig hatte die Kaiserin bisher alle Anträge auf Gewährung 
von Vorschüssen und Unterstützungen an einzelne Fabrikanten 
genehmigt und nicht unbeträchtliche Summen hieftir angewiesen. 
Die Erfolge, welche durch die vom Staate ertheilten Geldunter- 
stützungen erzielt worden waren, befriedigten nicht, und auf An- 
regung des Staatsrathes erfolgte die Weisung, mit diesem Systeme 
zu brechen. ^ Ueberhaupt kann ein jeder zur Unterstützung 
der Fabriken angewendete Zwang als schädlich angesehen wer- 
den, lautet eine Entschliessung auf den Vortrag vom 7. Januar 
1771, es wird also künftighin nicht mehr so leicht auf einige 
den Fabrikanten zu leistende Geldvorschüsse einzurathen, son- 
dern vielmehr darauf zu sehen sein, dass dergleichen ordinäre 
Waaren einem jeden zu arbeiten gestattet werden möge, indem 
hiedurch allein die Wohlfeilheit und Concurrenz mit fremden 
Waaren gehoflft und erhalten werden könne. Auch ziehe eine 
allzu grosse Begünstigung der Fabriken ein wahres Monopol 
nach sich, indem sich das Publicum gefallen lassen muss, nicht 
allein die eigenen schlechten Erzeugnisse der Fabriken, son- 
dern auch dasjenige, was ihnen mit Pässen einzuführen erlaubt 
werden will, um theures Geld zu bezahlen, da sich die Fabri- 



^ Die kaiflerliche Entachliessung wurde in Folge eines Gutachtens des 
Staatsrathes erlassen. ,Aus dem wichtigen Satze/ heisst es in dem Schrift- 
stücke Binder's, ^dass die Industrie möglichst zu befördern und das Geld 
im Lande zu behalten sei, haben wir die richtige Folge gezogen, dass 
unseren eigenen Erzeugnissen nicht besser als durch Verbote, Monopole 
und Zwang aufgeholfen werden könne. Es wäre zu wünschen, dass der 
Commerzienrath seine Vorliebe für Fabriken und seine Willfährigkeit 
zu Gtoldvorschüssen massige und st-att des Zwanges nach und nach mehrere 
Freiheit einführen möchte.* ,Alle Uebel/ meinte Blümegen, ,rühren von 
den Vorschüssen her.' Staatsräthliches Gutachten über das Protokoll des 
Commerzienrathes vom 7. Januar 1771. Den Anlass gab ein Gesuch der 
Penzinger Fabrik, die bereits damals dem Staate Unsummen gekostet hat. 



12 

ken befleissen, die fremden Waaren von schlechter Gattung 
wohlfeil anzuschaffen und theurer zu verkaufen. Auch später 
wurde dem Commerzienrathe eingeschärft, auf die Gewährung 
von Vorschüssen an die Fabriken nicht mehr einzurathen, 
,allermassen dergleichen Fabriken, die ohne Vorschüsse nicht 
fortkommen können, allenfalls ehender aufzulassen sind^ ^ Nur 
würdigen Personen sollten von nun an Beiträge zur Anschaf- 
fung von Werkzeugen und Arbeitsstühlen bis zum Betrage von 
300 fl. gewährt und vierteljährlich die Ausweise vorgelegt 
werden. * 

Die Errichtung von Fabriken wurde durch Ertheilung 
von ausschliesslichen Privilegien zu fördern gesucht Seit Karl VI. 
erblickte man darin ein Mittel, einige Industriezweige einzu- 
bürgern, ^ und die Regierung Maria Theresias hielt daran in 
den ersten Jahrzehnten fest. Die privilegirten Fabriken er- 
hielten die ausschliessliche Befugniss zur Erzeugung bestimmter 
Waaren in einem Lande oder auch nur in einem Bezirke. 
Gleichzeitig wurde die Einfuhr der von denselben erzeugten 
Artikel verboten und nur für den Fall gestattet, ,wenn die 
Compagnie ungeachtet allen Fleisses die Länder damit nicht 
versehen könnte'. Die Ertheilung eines Passes behufs Einfuhr 
von Waaren sollte nur mit Zustimmung der betreffenden Fabrik 
erfolgen. Wohl fehlte es nicht an Klagen über die vielen Pri- 
vilegien, ,wodurch der monopolistische Gewinn nur Einzelnen 
zugewendet, unzählige Andere aber ins Verderben gebracht 
würden*. Speciell in Wien wurde von Seiten des Stadtmagi- 
strates und des Handelsstandes auf die Nachtheile derartiger 
Privilegien hingewiesen. * Das Commerzdirectorium , unter 



^ Entschliessnng auf das Protokoll vom 1. August 1774, rep. 27. August 1774. 

* Protokoll des Commerzienratbes vom 19. September 1774. 

* Vgl. die Privilegien für die Linzer Fabrik Codex austriacus, IV, 227 
vom Jabre 1717, femer für die orientaliscbe Fabrik vom 8. Januar 1726, 
für die Errichtung einer Gold- und Silberbortenfabrik vom 7. März 1727; 
Hainburger Tuchfabrik 1726 Codex Austriacus, IV, 396, vgl. auch 17. Juli 
1731. 

* So auf die Ertheilung eines ausschliesslichen Uadernmagazins zur Hebung 
der Papierfabrication an einen gewissen Kohlmünzer im Jahre 1754, 
femer dass dem Buchhändler Trattner ausschliesslich das Recht ertheilt 
worden sei, die Buchbinderei zu treiben, wodurch den bürgerlichen Buch- 
bindern viele Arbeit entgehe, indem er 16 Gesellen halte und mehrere 
Jungen aufdinge. 



T 




13 

Choteck's Leitongy suchte jedoch die Massnahmen za rechtfertig 
gen. Dass derartige Privilegien mehr hemmen als fördern, wurde 
bereitwillig zugestanden, aber nur in dem Falle, wenn sie auf 
längere Zeit gewährt werden; man verleihe sie jedoch nur auf 
einige Jahre, um während derselben tüchtige Arbeiter zu ,er- 
zügeln^ Einige Fabriken benöthigen anfangs grosse Capitalien 
und hätten in den ersten Jahren grosse Einbusse zu erleiden; 
ohne Ertheüung von PrivUegien fUnde sich Niemand, der der- 
artige gefährUche Unternehmungen ins Leben rufen würde. 
Zwischen den verschiedenen privilegirten Fabriken gab es nicht 
selten Streitigkeiten, welche zumeist in der Heranziehung der 
Arbeiter ihren Grund hatten. So führte die Schwechater Fabrik 
darüber Klage, dass die orientalische Fabrik in dem Viertel 
oberm Manhartsberge die Wollspinnerei ausbreite und dadurch 
die Baumwollspinnerei schädige. Die Cottonfabriken müssen 
,mit höherer Hand beschützt werden, um das Wohl des Wald- 
viertels zu fördernd ^ Jahre hindurch wurde die Frage erörtert, 
welche Fabriken grössere Berücksichtigung finden sollen. Das 
Commerzdirectorium huldigte der Ansicht, dass die Cottonfabri- 
ken, wozu das Materiale in der Fremde erkauft werden müsse, 
bei Weitem nicht den Vorzug verdienen, dessen die WoUmanu- 
£Etctur würdig sei, weil diese mit der Verarbeitung der eigenen 
in grosser Menge vorhandenen Wolle einen ungleich grösseren 
Nutzen verschaffe. Die Kaiserin entschied jedoch im entgegen- 
gesetzten Sinne. ^ 

> Note Yom 30. October 1752. 

^ Protokoll des Commerzdirectoriums yom 23. Februar, rep. 10. März 1761. 
Die kaiserl. Entschliessung lautet: ,Da die Cottonfabriqnen dem Staate 
und dem Nahrangsstande anch jener kränklieben nnd scbwacben Per- 
sonen, die sa anderen Arbeiten nicht tauglich, so beträchtlichen Nutzen 
yerachaffen, die bilance hingegen zeigt, wienach die jezo bestehende 
derlei Fabriqnen die ganze Erfordemiss an ganz- nnd halben Cottonen 
noch nicht und an Barchent gar wenig hervorbringen, das baumwollene 
Strickwerk aber fast alles ausser Landes beigeschafft werde, nicht minder 
anch das Verbot wegen Einbringung der ganz- und halben Cottonen in 
allen Erbländem noch nicht bestehe, dann endlichen die hiesigen Lande 
das rohe Materiale aus der ersten Hand haben und dessen Transport in 
andere Lande dahier transitire, fürzndenken sein dOrfte, noch mehre 
Cottonfabriqnen anzulegen und sodann den Verbot der Einfuhr auf alle 
Lande ausdrücklich zu erstrecken, femers Parchetfabriquen und baum- 
wollene Strickwerke einzurichten, dann jezo oder mit der Zeit das tran- 
sitirende diesfällige rohe Materiale mit einer Abgabe zu belegen, auf 



14 

Der Anstoss zum Bruche mit diesem Privilegiensysteme, 
welches einzelne Gesellschaften oder Fabriksinhaber ausser- 
ordentHch begünstigte und jeden Mitbewerb in den betreflFen- 
den Industriezweigen unmöglich machte, ging vom Throne aus. 
Als die Erneuerung des Privilegiums für die Schwechater Fabrik 
bevorstand, erklärte die Kaiserin, dass sie ein Privilegium 
exclusivum zu ertheilen nicht weiter gewillt sei, ,da die exclu- 
siva höchst schädUch sind und in Ansehung derer Fabricaturen 
auf die möglichste Vermehrung im ganzen Staate das Augen- 
merk gerichtet werden müsse/ ^ Vergebens wurden ihr Vor- 
stellungen gemacht. Wenn die Fabrik nur zwei Monate lang 
mit dem Verlag der Spinnerei innehielte, würde der Contri- 
butionsstand von ganz Oesterreich unter der Enns in eine Ver- 
legenheit gerathen. * Es sei zu bezweifeln, ob Privatgesell- 
schaften in jetziger Zeit ein Unternehmen beginnen würden, 
welches viel Capital erfordere, anfangs mit Verlust verbunden 
sei und in der Zukunft nur zweifelhaften Gewinn verspreche. 
Die orientalische Compagnie habe einen Verlust von 150.000 fl. 
erlitten; die Schwechater Fabrik sei nach dem Urtheile der 
Fremden die vollkommenste der Art, nur habe sie Mangel an 
Gespinnsten. Keineswegs werde die Errichtung neuer Fabriken 
so rasch von Statten gehen, um den Abgang zu ersetzen, wel- 
cher durch die Einschränkung der Schwechater Compagnie 
gewiss erfolgen würde. Bei dieser Gelegenheit entwickelte das 
Commerzdirectorium auch einige Ansichten, welche charakte- 
ristisch sind. Es frage sich auch, in welchem Erblande eine 
Cottonfabrik zu errichten sei. Schon bei der Errichtung der 
orientalischen Compagnie habe man ftlr die Baumwollspinnerei 
und Cottonweberei die österreichischen Erblande ausersehen, 
die böhmischen Erbländer fiir die Einbürgerung der Schafwoll- 
und Leinenmanufactur wählen zu sollen geglaubt. Man sei 
beschäftigt, in den letztgenannten Gebieten die feinen und ordi- 
nären Tuchfabriken emporzubringen, die Erzeugung von wol- 
lenen, halbwollenen imd halbleinenen Zeugen einzuführen, die 



dass die fremde Cottonfabiiques denen hiesigen nicht wohl gleich arbeiten 

and diese letztere so viel mehr emporkommen, sofort auch ihren Ver- 

schleiss ad extra treiben mögen.* 
^ Kaiserliche Entschlieasong auf den Vortrag vom 6. April 1761, rep. 

25. April 1761. 
* Protokoll vom 28. Juni 1761 and andere Bchriftstacke. 



15 

Leinenfabrication in Gang zu erhalten und eventuell zu ver- 
mehren, Wachsleinwand, wollene Strümpfe und Strumpfwirkerei 
zu begünstigen. Ob nun aber auch noch mehrere Cottonfabri- 
ken im Lande zu errichten imd die Industrie auf diese Weise 
auf alle möglichen Gattungen anzuspannen räthlich sei, getraue 
sich das Directorium nicht zu bejahen. Es sei wohl kein Zweifel, 
dass derartige exclusive Privilegien schädlich seien, allein in 
gewissen Fällen seien dieselben nothwendig. Würde das Pri- 
vilegium für die Fabriken zu Schwechat und Sassin mit Ende 
1762 aufhören, dann würde es in Oesterreich wohl Jedermann 
fireistehen, Cottonfabriken nach eigenem Gefallen zu errichten, 
zu weben und zu drucken, die bestehenden Fabriken werden 
aber ihre Erzeugung einschränken und nur die sicheren Be- 
stellungen beibehalten, wodurch jedoch die Cottonfabricatur 
nicht vermehrt würde. Man möge daher der Schwechater imd 
Sassiner Fabrik von der bevorstehenden Aufhebung ihrer Fabrik 
nichts kund thun, um sie in ihrem dermaligen Eifer und Be- 
trieb zu erhalten. Ohnehin erstrecke sich das Privilegium nicht 
auf die böhmischen Lande, wo es daher Jedem ireistehe, sich 
auf die Cottonerzeugung zu verlegen. ^ 

Die Kaiserin liess sich nicht irre machen und wurde in 
ihrer Ansicht im Laufe der nächsten Monate noch mehr be- 
stärkt^ als Klagen der ungarischen Kaufleute zu ihr drangen, 
dass die Schwechater Fabrik die bei ihr vor Monaten ge- 
machten Bestellungen nicht ausführe. In der That erschien 



^ AUemnterthänigste Note yom 4. Juni 1761, anterzeichnet Chotek. Die 
kaiserliche Entschliessung lautet: »Privilegia exclosiva zu ertheilen ist 
öfters anfänglichen nöthig, solche aber zu erstrecken nachmals schäd- 
lich ; und gleichwie in aUen, insbesondere aber in Commerzialsachen bona 
fide fürgegangen werden muss, so ist der schwechater Cottonsfabriqne 
Compagnie von nun an zu bedeuten, dass ich derselben allen Schutz zur 
Bef^Jrderung ihrer Fabrique angedeihen, auch es allem bevor bej dem 
Verbot der £infuhr dieser Cottonwaaren aus fremden Landen immerhin 
bewenden lasse, kein priyatiyum aber hierüber in Zukunft mehr accor- 
diren werde; dem publico ist weiters hiemach zugleich gewöhnlicher 
maassen nicht nur der fernere Verbot der Einfuhr sothaner Cottone aus 
fremden Landen, sondern auch bekannt zu machen, wienach das der- 
malige subsistirende diesflUlige privaÜTum nach exspirirung des Termini 
cessire und sich jedermann, der ein derley Fabrique zu errichten wiUens 
ist, bei dem Commerziendirectorio hierwegen melden könne und solle; 
in Betreff der Anlegung derley Fabriquen in Böhmen gewärtige das- 
jenige, was vom dasigen Consess hierüber berichtlich einlangen wird.' 



16 

am Sohlasse des Jahres in dem wienerischen Diariom die Alier- 
höchste Verordnung vom 16. December 1761: ,Da bey Verlauf 
des mit Ende erloschenen Privilegii privativi der Cottonfabriken 
zu Schwechat und Sassin die Kaiserin keine weitere Verlän- 
gerung derselben zu bewilligen noch fUrohin auf die Cotton- 
erzeugung ein Exclusivurn in dero Erblanden zu ertheilen ge- 
denke, so wird mit Anfangs 1763 Jedermann freystehen, 
ersagte Cottone zu fabriciren und die hiezu erforderlichen Spin- 
nereien allerorten anzulegen^ wo derley Spinnereien von den 
beyden Fabriken zu Schwechat und Sassin nicht schon ein- 
geführet und in wirklichem Verlage sich befinden, da allermassen 
es bey der verbothenen Einfuhr aller fremder Cottone sein un- 
verändertes Verbleiben habe^ 

Die unbedingte Freiheit, Fabriken errichten zu dürfen, 
wurde nach einigen Jahren vielfach angefochten. ^ Die dagegen 
sprechenden Gründe sind in einer Denkschrift zusammenge- 
fasst. Anfangs sei diese Freiheit durch die nothwendige Con- 
currenz erforderlich gewesen. Wenn hingegen mehrere Fabri- 
ken derselben Gattung schon vorhanden seien, deren Verschleiss 
lediglich auf den inneren Verbrauch gerichtet sei, oder wenn 
die Möglichkeit, Absatz im Auslande zu finden, fehle, so würde 
die übermässige Concurrenz sowohl dem Unternehmer als auch 
dem Verschleisser, endlich auch dem Publicum nachtheilig sein. 
Kein Fabriksuntemehmer sollte daher ohne vorläufige Anzeige 
und Concession an die Errichtung schreiten dürfen, und zwar 
wäre eine behördliche Zustinmiung nöthig bei den Cotton-, 
Zitzen-, Wollzeug- und feinen Tuchfabriken, ebenso auch bei 
Erzeugung von Sammt, reicher Seide, Seidenstoffen und Bän- 
dern, Messing- und Drahtwaaren, bei Porzellan und Spiegeln, 
bei Leder, Wachsleinwand u. dgl. m. Die Consesse hätten bei 



^ In einigen Ländern forderten die gewerblichen Kreise Beschränkung. 
In Reichenberg führten die Commerzialzanfte Klage, dass die Errich- 
tung von Fabriken fttr das Tnchmacherhandwerk nachtheilig sei. Aehn- 
lich sprachen sich die Leinenweber ans. In Mähren bemängelten die 
Stemberger Weber die beabsichtigte Qrttndung einer Fabrik in Langen- 
dorf. Ohnehin haben die Weber dnrch die Janowitser Fabrik — eine 
Untemehmnng des Grafen Harrach — eine merkliche Verkünung er- 
fahren. Würden noch mehrere derlei Fabriken errichtet werden, so 
werden die Game im Preise steigen, wodurch viele Hundert Weber- 
meister sammt Weib und Kind an den elendesten Bettelstab gebracht 
wflrden. Schriftsttteke aus den Jahren 1765 und 1771. 



17 

Ertheilang einer Concession zu untersuchen^ ob der Unter- 
nehmer mit den genügenden Mitteln versehen sei^ ob er durch 
seine persönhchen Eigenschaften der Sache gewachsen, ob aus 
dem vorgelegten Plane, aus der Lage der Fabrik, aus der 
grösseren oder geringeren Entfernung des Bezugsortes des Roh- 
stoffes und aus anderen Umständen abzimehmen sei, dass das 
Fabricat zu einem anständigen Preise werde geliefert werden 
können, ob die inländischen gleichen Erzeugnisse schon derart 
wären, dass sie sich der Vollkommenheit nähern, ob die übri- 
gen Fabriken ftU* den Bedarf ausreichen oder nicht, endlich^ ob 
die Wahrscheinlichkeit vorhanden sei, dass der zu erzeugende 
Artikel sich für den Export eigne. Der Hofcommerzienrath 
hätte nun in Bezug auf sänmitliche Erblande sein Augenmerk 
dahin zu richten, dass dergleichen Concessionen nur fUr die 
Befriedigung des inneren Bedarfes ertheilt werden und in Folge 
dessen die Passertheilungen hinwegfallen können. Das Aerar 
würde daraus den Vortheil ziehen, dass die von ihm bisher 
ertheilten Vorschüsse eingestellt werden könnten. Ferner sollte 
in einem Patente der Unterschied zwischen Fabriken, Manu- 
facturen und conmierziellen Zunftarbeiten festgestellt werden, 
denn es sei für den Unterthan, den Verschleisser und für das 
Publicum gleich nachtheilig, wenn eine zur Manufacturarbeit 
geeignete Fabricatur in eine Fabriksuntemehmung ,übersetzt' 
wird oder umgekehrt, da durch eine derartige theilweise Ver- 
änderung der Nahrungsstand im Ganzen keinen Zuwachs er- 
lange. Manche Fabriken seien vortheilhaft, wenn sie in den 
Schranken von Lehrschulen erhalten werden können, sonst aber 
nachtheihg. Den Zünften wäre die Tuch- und Hutmacherei, 
die Strumpfwirkerei, die Erzeugung von reichen und seidenen 
Stoffen, Dünntüchem, Galonen, Tressen von Gold- und Silber, 
Posamentierarbeiten zu überlassen. Als Manufacturarbeiten 
wären zu erklären die Erzeugung von Leinen und Halbleinen, 
sowie der gemeinen Gattungen von Wollweberei, Barchent, 
Mousselin und Schleier, alle Arten von Stickerei, Spinnerei und 
Zwirnerei, Taffet, leichte und halbseidene und Florettzeuge, 
Crepp und Seide, WoU- und BaumwoUfabrication, Knöpfe, 
Spitzenmacherei u. dgl. £^ sei auch ein Uebelstand der be- 
stehenden Freiheit der Fabrication, dass sich alle Gattungen 
von Kunsterzeugnissen in alle Erblande verbreiten, wodurch 
der stärkere Betrieb in jedem Lande gehemmt, die Aufsicht 

▲rehiT. LXXU. Bd. I. HUfU. 2 



18 

vervielfilhigt, die Handelsverbindong zwischen den verschiede- 
nen Erblanden gehindert werde. Es wäre in Zuknnft von 
folgenden Gesichtspunkten auszugehen. Leinwand scheine ftlr 
aUe ErbUnde geeignet, folglich sei die Flachs- und Hanferxeu- 
gung tiberall anzueifem, die feinen und mittleren Leinwände 
hingegen, sowie Battist und Schleier wären mehr für Böhmen, 
sodann ftür die Gebirgsgegenden Schlesiens und Mährens vorzu- 
behalten, während Ungarn, Siebenbtlrgen und InnerOsterreich 
auf die schweren und gemeinen Leinwände, die einen langen 
Transport nicht vertragen und einen beträchtUchen Absatz in 
Ungarn besitzen, zu richten wäre; die Spinnerei und Zwir- 
nerei wären in ähnlicher Weise einzurichten; die Leinwand- 
fabricaturen könnten in Oesterreich ob der f^s belassen wer- 
den, ftür die Baumwollmanufactur scheine Oesterreich unter 
der Enns, dann das flache Land in Mähren, welches mit Woll- 
spinnerei noch nicht belegt sei, geeignet und daher daselbst 
zu begründen; Barchent und Mousselin gehören zwar zur näm- 
lichen Gattung, da jedoch mit der EIrzeugung dieser Artikel be- 
reits in Böhmen der Anfang gemacht worden sei, mögen die be- 
stehenden Fabriken daselbst erhalten, neue Concessionen jedoch 
nicht ertheik werden; die Baumwollstickerei, die Erzeugung der 
Baumwollflöre und Halsbänder, sowie die hiezu erforderUche 
Spinnerei wäre vorzügUch in den Gebirgsgegenden in Oester- 
reich ob der Enns, Steiermark und Kärnten anzueifem, zur 
Verarbeitung der Schafwolle scheine Böhmen vorläufig am 
meisten geeignet, ohne jedoch andere Länder in dieser Be- 
ziehimg zu beschränken, da Wolle fast in allen Ländern er- 
zeugt werde; für die Seidenwaaren werden Görz, Gradisca, 
das Litorale und ein Theil von Untersteiermark xmd Unter- 
Österreich in Vorschlag gebracht. ^ Eine principiell wichtige 
Entscheidung erfolgte erst später im Hinblick auf die Entwick- 
lung der Industrie in Ungarn. 

n. 

Die meisten österreichischen Handelspolitiker vertraten die 
Ansicht, dass Ungarn in wirthschaftlicher Beziehung von den 



' Gedanken über den Manufacturenstand der k. k. Erblande und dessen 
Einrichtang. 



19 

ttbrigen Ländern der Monarchie in einem Abhängigkeitsverhält- 
nisse gehalten werden müsse. Ungarn sollte daher Bezugsland 
für die in den deutschen Erblanden nothwendigen Naturerzeug- 
nisse und Absatzgebiet für die daselbst erzeugten Industrie- 
producte bleiben^ eine Ansicht, welche jedoch erst seit den 
Sechzigerjahren principiell festgehalten wurde. ^ Aus vielen 
Weisungen der Kaiserin ist jedoch ersichtlich, wie sehr sie ge- 
wünscht hätte, dass auch in Ungarn eine Industrie sich ent- 
wickle, und sie machte auch einige Artikel namhaft^ die in 
den E>blanden nicht wohlfeil genug oder nicht in genügender 
Menge erzeugt werden, daher als unschädlich in Ungarn ein- 
geftOirt werden können. Es muss jedoch bei Beurtheilung der 
bezüglich der wirthschaftlichen Verhältnisse Ungarns ergriffenen 
Massnahmen im Auge behalten werden, dass auch fUr die 
deutsch-österreichischen Lande der Grundsatz galt, in jedem 
nur gewisse Waaren einzubürgern und zu begünstigen. In aus- 
führlicher Weise wurde die Stellung Ungarns in dem Wirth- 
schaftssystem der Monarchie unmittelbar vor dem Landtage 
1764 in Erwägung gezogen. Maria Theresia forderte nämlich, 
als der Zusammentritt desselben in Sicht stand, von dem Prä- 
sidenten des Commerzienrathes ein Gutachten, und die Mitglie- 
der wurden daher angewiesen, ihre Ansichten darzulegen.* 

Reischach, später als Vicepräsident mit der Leitung des 
Commerzienrathes betraut, stellte an die Spitze seines Gut- 
achtens den Satz, dass bei der Entwicklung der Industrie in 
Ungarn das Augenmerk dahin gerichtet werden solle, den 
deutschen Erblanden keinen Abbruch zu thun, namentlich seien 
nicht jene Manufacturen in Ungarn zu fördern, welche den Ab- 
zug der österreichischen hemmen würden. Die Hebung des 



* Das wahre CommerzialBystem besüglioh des ZnsammenhaDgs der hnii- 
gariachen und deutschen Erblande scheine darin zu bestehen, dass man 
trachte, so yiel als ceteris paribus geschehen kOnne, Hungam an Volk 
und beglückten Unterthanen, nicht aber an dem sich allda sehr ungleich 
vertheilenden Geld allzu reich zu machen, sondern die Wohlfeilheit der 
Naturalien zu erhalten, dass solche für die Osterreichischen Lande er- 
wflnschliebe mehrere Population der Industrie und den Fabriken gleich- 
sam eine beständige Nahrungsquelle sein möge. Aus einem Schriftstück 
Ton Mygind vom 1. März 1762 

' Handschreiben vom 3. August 1763; das Gutachten sollte sich auf die 
den Handel betreffenden Punkte erstrecken, wodurch dem Königreich 
Ungarn einiger Nntzen und VortheU yerschafft werden konnte. 

2* 



20 

Feldbaues und der Viehzucht sei anzustreben; zu wünschen sei, 
dass Böhmen anstatt mit polnischem Vieh, mit ungarischem sich 
versehen möge. Sowie die meisten Gutachter wies Reischach 
auf die Wichtigkeit der Vermehrung der Bevölkerung hin, 
allein ,diese sei nicht anzuhoffen, wenn diejenigen, die in ein 
Land gelockt werden, die Früchte ihrer Arbeit und ihres 
Fleisses zu gemessen nicht versichert seien, sondern willkür- 
lich translocirt oder gar weggeschafft werden könnend ,Die 
Anziegelung neuer Inwohner^ sollte nicht blos darauf gerichtet 
sein, Landleute zum Ackerbau heranzuziehen, sondern auch 
Professionisten; dadurch werde den deutschen EIrblanden kein 
Eintrag geschehen, indem ,Artefacta, so den Pracht betreffen 
und einigen Geschmack erfordern, in diesen Städten nicht auf- 
kommen, sondern femer aus der hiesigen Residenzstadt oder 
aus der Fremde werden genommen werdend Wenn die Spin- 
nerei und Weberei im Lande eingeführt sein werden, dann 
können auch Tuch- und Wollenzeugfabriken entstehen, diese 
werden aber in einem Lande, wo die Einwohner noch so wenig 
zur Lidustrie vorbereitet sind, den Manufacturen in den deut- 
schen Erblanden um so weniger Schaden zufügen, da die böh- 
mischen und mährischen Tuch- und Wollenzeugfabriken nicht 
im Stande seien, Ungarn genugsam zu versehen, welches der- 
artige Erzeugnisse in grösseren Mengen aus der Fremde als 
aus den Erblanden beziehe. 

,Doblhoffen' wies in seinem Gutachten darauf hin, dass die 
Bergwerke einen grossen Theil von Oberungam ernähren, und 
dass mindestens zwei Dritttheile des ,Bergsegens' in der in- 
ländischen CirculatioQ verbleibe, und zwar theils als Arbeitslohn, 
theils als Frachtlohn. Auch die Viehzucht sei eine reiche Quelle, 
um fremde Barschaften ins Land zu bringen, indem das Erz- 
herzogthum Oesterreich und Mähren jährlich bei 50.000 Stück 
in Ungarn kaufen, was, das Stück zu 40 fl. berechnet, 2 Millio- 
nen betrage. ,Die Population' sei in Ungarn zu vermehren. Würde 
Ungarn so glücklich sein, ,das8 es nach dem Beispiel der deut- 
schen Länder ohne Benachtheiligung der Viehzucht nach und 
nach mehreres inpopulirt würde, so könnte es nicht fehlen, 
dass es in kurzen Jahren zu einem blühenden Wohlstand ge- 
langen könnte'. Der Seidenbau wäre allein in der Lage, ,un- 
zähligen Insassen den Unterhalt zu verschaffen', ebenso könnten 
Farbkräuter: Krapp, Waid und Röthe angebaut werden, welche 



21 

jetzt aus Holland, Thüringen und Schlesien in grosser Menge 
besehen werden müssen und wofür das baare Geld ausser 
Landes gehe. Die Tabakpflanzungen liessen sich erweitem, die 
Erzeugung müsste jedoch verbessert werden, damit der Tabak 
in fremden Ländern Anwerth fUnde. Allerdings müssen ,an- 
reizende Mittel' ergriffen werden, deren sich auch andere 
Staaten bedienen, um fremde Unterthanen und Künstler her- 
beizulocken. Man müsste den fremden Professionisten und 
Künstlern auf einige Jahre freie Quartiere anweisen, die An- 
scha£Eung der Werkzeuge übernehmen, ihnen das Bürgerrecht 
eventuell gratis ertheilen, die Handelsleute und Negocianten zur 
Versilberung der Waaren anfrischen. Doblhoff ist nicht gegen 
die Einbürgerung von Manufacturen im Lande, allein er wünscht, 
dass blos solche befördert werden, wofür dermalen das Geld 
ausser Landes gehe, und wenn dadurch anderen Erblanden 
kein empfindlicher Abti*ag geschehe. Er weist auf die Erzeu- 
gung der Hanfleinwand, auf die Tuchmacherei hin, welch' 
letztere schon in einigen Comitaten eingebtlrgert sei; da es dem 
Königreich Ungarn an Wolle nicht fehle und die mährischen 
Tücher sehr wohlfeil seien, scheine es nicht nothwendig, über 
die Erweiterung dieser Manufactur besorgt zu sein. »Nach der 
wahren Staatsklugheit,' bemerkte er, ,könne man mehrere Län- 
der, so unter einerlei Beherrschung stehen, nicht wohl anders 
als in der TotaUtät und ihrem Zusammenhange, mithin nur für 
einerlei Körper betrachten; es müsse daher das Augenmerk 
vornehmlich dahin gerichtet werden, damit nicht ein Land dem 
andern Schaden zufüge, daher auch nicht eine Manufactur 
durch die andere zu Grunde gerichtet werde, sondern alle 
SorgfSedt sei darauf zu wenden, jene Fabriken zu erweitem, 
welche für den inländischen und ausländischen Handel noch 
unerkleckUch sind.' £2rspriesslich wäre es, wenn Ungarn sich 
auf die Erzeugung von Halbrasch und auf das sogenannte 
Abbatuch verlegen würde, welche Wollstoffe ,zur Pracht des 
gemeinen Volkes' dienen und mit geringer Mühe zu verfertigen 
sind. Auch die ,Erziegelung' geschickter Hutmacher wäre ins 
Auge zu fassen, indem diese Waare mit grossem Nutzen nach 
Italien und Spanien abgesetzt werden könne. 

In umfassender Weise erörterte Degelmann, später die 
einfiussreichste Persönlichkeit in wirthschaftlichen Angelegen- 
heiten, die commerziellen und industriellen Verhältnisse Ungarns. 



22 

Die Erzeugnisse des Landes müssten theils vermehrt, theils vei^ 
bessert werden. In erster Linie sei die Verbesserung der Schaf- 
zucht; die Vermehrung der Bienenzucht^ bessere Pflanzung^ 
Sortirung, Trocknung und Packung des Tabaks anzustreben. 
Die Ledererzeugung sei ebenfalls in Ungarn einer Vermehrung 
fähig; und der für den Seehandel taugUche Weizen erfordere 
eine besondere Verbesserung. In Bezug auf Aussaat und Auf- 
bewahrung müssten jedem Comitate Anleitungen gegeben wer- 
den; zu wünschen wäre^ dass einige Dominien wie in Slavonien 
mit gutem Beispiele vorangehen würden. Ebenso erfordere die 
Verbesserung der Hornvieh- imd Pferdezucht besondere Ver- 
anstaltungen. Die Fleisch- und Buttersalzung und der Export 
verdienen nähere Erwägung. Wo der Handel blühe;i soll, müsse 
auch eine prompte Handelsjustiz bestehen, es könnte daher 
wegen Einführung des Wechselrechtes und dessen Legalisirung 
in Ungarn die ,Anmuthung' gemacht werden. Bezüglich des 
Weinexports, der den Ungarn am Herzen liegt, solle ihnen der 
Fingerzeig ertheilt werden, dass derselbe nach Russland und 
Polen auf den neu herzustellenden Strassen gefUhrt werden 
könnte. Was die Vermehrung der Industrie im Königreiche 
selbst anbelangt, werde es nicht schwer sein, den Ständen be- 
greiflich zu machen, dass ,von der Industrie die Nahrung, von 
derselben die grössere Population, von dieser die Kräfte des 
Staates und zugleich die Wohlfahrt der Einzelnen abhängend 
Die traurige Lage, in welcher sich Ungarn befinde, den nöthig- 
sten Hausrath und Kleidung aus der Fremde zu holen und 
anderseits seine Naturerzeugnisse an den Mann zu bringen und 
das weit unter dem Werth der Erzeugung dafür erhaltene Geld 
wieder Fremden zu geben, sollte die Wohlgesinnten bewegen, 
Veranstaltung zu treffen, um den Uebelständen abzuhelfen. Es 
sei daher auf die Entwicklung der Industrie in Ungarn vorzu- 
denken, jedoch nur solche Zweige derselben ins Auge zu fassen, 
welche zu den Landesmanufacturen hinleiten und dem Genie 
der Nation gemäss sind. Nicht aus Rücksicht für die übrigen 
Länder, sondern aus der wahren Beschaffenheit der Sache 
würde es übel für Ungarn gedacht sein, wenn man an die Ei^ 
richtung von kostbaren, mehr zur Pracht dienenden Fabriken 
denken, dagegen aber die Landesmanufacturen ausser Acht 
lassen würde. Unter den letzteren seien Hanf-, Flachs-, Baum- 
woU- und Wollspinnereien die vorzüglichsten. Die Spinnereien 



23 

können nur durch Spinnschulen entwickelt werden; in jedem 
Comitat wie in den königlichen Städten wären daher nach dem 
Beispiele der Bei^städte eine oder zwei Spinnschulen je nach 
der Grösse der Bevölkerung zu errichten^ daselbst in jener 
Spinnereigattung^ welche für das Comitat am schicklichsten 
wäre, durch eigene Lehrmeisterinnen Unterricht zu geben^ Be- 
lohnungen auszusetzen^ die Geräthschaften und das erforder- 
Uche Material beizuschaffen. Es sei zweifellos^ dass die Ge- 
spinnste einen beträchtlichen Verschleiss in den.deutscherblän- 
dischen Fabriken finden dürften^ da die Linzer Fabrik einen 
Theil ihrer Gespinnste aus Sachsen beziehe und die Friedauer 
Spinnerei auch in dem Earlstädter Generalat eine Filiale anzu- 
l^en gedenke^ in der Schweiz viele Tausend Ballen türkischer 
Gespinnste Absatz finden. Was die Weberei anbelangt^ so 
treibe sogar die wallachische Nation dieselbe. Man möge daher 
in Ungarn Weberschulen errichten und diejenigen Manufacta, 
welche am leichtesten und vortheilhaftesten seien^ erzeugen. In 
den königlichen Städten könnten die Baumwollstickerei, die 
Sockenwirkereiy die Hut- und Hauben- und ordinäre Tuch- 
macherei eingeftLhrt werden. Zur Hebung der Seidencultur 
wären bei den Städten und Dominien Pflanzschulen anzulegen, 
um die ,Seidenerziegelung' nach und nach einzuleiten. Für die 
Flachserzeugung wäre die Anstellung von Versuchen und die 
f^rtheilung von Unterricht nöthig; endlich könne auch in Un- 
garn dahin gewirkt werden, dass in der Anpflanzung von 
Tabak, Oel, Buben, Färbepflanzen, Baumwolle die Anleitung 
gegeben werde. Die Lederfabrication könnte einen grösseren 
Au&chwung erlangen.^ 

Mit den Gutachten erklärte sich die Kaiserin im Wesent- 
lichen einverstanden, aber sie machte auf einige Zweige der 
Landwirthschaft und des Gewerbfleisses aufmerksam, deren För- 
derung angezeigt sei. Auf dem Landtage des Jahres 1764 
brachten die ungarischen Stände zahlreiche Beschwerden über 
die Hemmnisse des Verkehrs vor.* 

Ueber die Mittel, welche zur Hebung der Industrie in 
Ungarn ergriffen werden sollten, wurden auch später wieder- 

' Dieses Schriftstück: Vorläufige Gedanken, wie die Vorschläge in Com- 
merciftlibus an die versammelten Stände des Königreiches Hungam zn 
bringen, vom 8. JnU 1764. 

' Handschreiben an deo Grafen Andlern vom 27. Juni 1764. 



24 

holt Gutachten von dem Commerzienrathe verlangt, ^ach der 
ftbr alle Meine untergebenen Reiche und Lande hegenden glei- 
chen Sorgfalt/ lautet die Entschliessung der Kaiserin auf den 
Vortrag vom 12. Februar 1767, ,wiU Ich das Wohl eines jeden 
derselben befördert wissen/ Es sei daher in einem Ghitachten 
darzulegen, ob einige Bedenken obwalten, dass diejenigen Be- 
günstigungen, die den deutschen Erblanden für Fabriksmate- 
rialien und Artikel zugestanden werden, auch Ungarn, Sieben- 
btlrgen, Temesvar und der Militärgrenze zugewendet werden 
können, jedoch ,mit der Beobachtung, dass wegen der Erzeu- 
gung der Fabriksmaterialien eine den besonderen Umständen 
eines jeden Reiches und Landes wohl angemessene Eintheilung 
getroffen, somit die Erforderaiss in dem Ganzen erlanget und 
von keinem der Länder dem andern zum Schaden gearbeitet 
werdet Als durch Vorti*ag vom 5. Mai 1768 die ungarischen 
Commerzialtabellen vorgelegt wurden, schrieb sie auf denselben, 
sie erkenne zwar die dermalige Noth wendigkeit, diejenigen 
Manufacte in Ungarn so viel thunlich hintanzuhalten, welche 
der Aufnahme und dem Debit der deutsch-erbländischen In- 
dustrieerzeugnisse schädlich fallen können, dagegen aber sei 
sie ebenso sehr von der unumgängUchen Nothwendigkeit tiber- 
zeugt, dem Volke in Ungarn durch Verbreitung einer der 
deutsch-erbländischen unschädlichen Industrie einen grösseren 
Nahrungsverdienst zuzuwenden, und sie gewärtige demnach das 
umständliche Gutachten des Commerzienrathes, welche Manu- 
facturgattimgen in Ungarn und mit welchen Mitteln dieselben 
einzuführen seien, und ob nicht von nun an darauf Bedacht zu 
nehmen sei, dass vorzüglich diejenigen Manufactui*en, welche 
aus fremden Ländern nach Ungarn eingeführt werden, z. B. 
grobe Tücher und Leinwände, halbwollene und halbleinene 
Zeuge, in dem Königreiche selbst erzeugt werden können. 

Der Commerzienrath entledigte sich durch Vortrag vom 
30. Juni 1768 der kaiserlichen Weisung. Ehe er an die Be- 
antwortung der kaiserlichen Anfragen ging, glaubte er einige 
allgemeine Sätze vorausschicken zu sollen. Die deutschen Erb- 
lande, heisst es in dem Vortrage, haben eine Population von 
ungefkhr 6 Millionen Seelen, die ungarischen dagegen kaum 
die Hälfte; jene entrichten eine Contribution von 12 Millionen 
Gulden, und die übrigen Auflagen belaufen sich auf 6—8 Mil- 
lionen, in Ungarn betragen dieselben etwa 4 Millionen; die 



35 

£rblande seien in der Handelsbilanz passiv mit ungefähr 2 Mil- 
lionen, während Ungarn ein fast gleiches Activiun ausweise. 
Wenn man daher der arithmetischen Proportion folgen wollte, 
80 könnte auf die gesammten ungarischen Lande nicht mehr 
als ungefiihr der zehnte oder zwölfte TheU von der in der 
ganzen Monarchie ^möghchen Industrie' fallen, ohne dass den 
übrigen Ländern nah^etreten würde. Zwar könne man dieses 
Ausmass nicht als eine unüberschreitliche Richtschnur nehmen, 
allein man wünschte blos begreiflich zu machen, mit welcher 
Behutsamkeit vorzugehen sei, um nicht ein in der That ge- 
gründetes Verhältniss au^Euheben. Die gütigste Landesftürstin 
konnte zu ihrer Ansicht, eine Vermehrung der ungarischen In- 
dustrie als nothwendig anzusehen, vomehmUch aus folgenden 
Gesichtspunkten gelangt sein: entweder den Ausfluss des Geldes 
zu verhindern, daher den Reichthum des Staates und der Unter- 
thanen zu vermehren, oder den letzteren die Mittel zur Er- 
Schwingung einer grösseren Contribution nach Erfordemiss der 
Umstände zu verschaffen, oder aber ihnen ein gemächlicheres 
Auskommen zu ermöghchen. Die erstere Absicht vereitle sich 
von selbst, sobald der Ausfluss nicht aus der Monarchie ge- 
schehe und jenes vortheilhafte Verhältniss für Ungarn fort- 
dauere, welches den übrigen Erblanden gegenüber wirklich 
bestehe; die Erleichterung der Contribution dürfte durch Manu- 
fetcturen nur insoweit erreicht werden, als sie einen Nebenver- 
dienst des Ackerbauers abwerfen, ohne ihn seinem Berufe ab- 
wendig zu machen, da es ja bekannt sei, dass die Contribution 
in Ungarn auf Grundlage der ,Habschaft' abgemessen imd diese 
bei dem Ackersmann ergiebiger als bei den ,Industrialisten' sei. 
Daher sei die Vermehrung der Contribution in der Vergrösse- 
rung der ,Habschaft des Unterthanen' zu suchen. Welche Zu- 
kunft der Ackerbau noch in Ungarn habe, gehe daraus hervor, 
dass ganze Landschaften unbebaut seien. Man müsse daher 
zu folgenden Schlüssen gelangen : dass in einem Lande, wo die 
Bevölkerung fllr den Ackerbau ohnehin nicht ausreiche, die 
Manu&cturen demselben noch mehr Hände entziehen, da der 
Industrielle geringeren Lasten als der Ackerbauer unterliege. 
Ohnehin beschäftigen sich in Ungarn mit dem Handel und mit 
der Industrie die Bewohner der Städte, sowie die Raizen, welch' 
letztere eine Million Seelen zählen. Sei einmal der Geist für 
Manufacturen erweckt,^ so sei man nicht mehr Meister, den- 



26 

selben Schranken zu setzen, zumal dort, wo jeder Grundkerr 
sie betreiben könne und sogar der Handarbeit des Unterthanen 
sich zu bedienen beAigt sei, und wer weiss, ob nicht der für 
die Unterthanen in Aussicht genommene Vortheü in der Folge 
lediglich dem Grundherrn zufliessen werde. Das Beispiel der 
Grafen Eszterhazy, Batthyany imd Forgach, dann der Städte 
Pressburg und Oedenburg beweise, dass auch Cotton-, Band-, 
WoU-, Zeug- und Seidenfabriken in Ungarn beigestellt und be- 
trieben werden können imd zum Theil hiedurch erbländische 
Manufacturisten abwendig machen. Durch eine Aneifernng der 
Manufacturen in Ungarn und Siebenbürgen werde das Passiyum 
der übrigen Erblande sich zum Vortheil der ungarischen &b- 
lande vermehren, der Verschleiss der letzteren und in Folge dessen 
auch der Contributionsstand abnehmen, da jenseits der Leitha 
die Lebensmittel wohlfeiler, die Abgaben geringer und die Roh- 
stoffe durch die Befreiung von Zoll und Mauthen billiger seien. 
Hierauf wird, ,um dem a. h. Befehl die allerunterthilnigste 
Folge zu leisten*, erörtert, welche Industrie in Ungarn an- 
zueifern sei, mit welchen Mitteln das zu geschehen habe und 
auf welche Art der Verschleiss der erbländischen Manufacturen 
nach Ungarn sicherzustellen sei. Der ,unschädliche Industrial- 
trieb* in Ungarn scheine vornehmlich in der Vermehrung und 
Verbesserung der Rohstoffe ftlr die erbländischen Manufacturen 
zu bestehen, wie Seide, Wolle, Hanf und Flachs. Der Seiden- 
bau könne beträchtlich erweitert werden. Man habe kürz- 
lich 8000 fl. zur Einlösung von Galetten nach Slavonien ge- 
schickt. Der Bischof von Fünfkirchen habe sich zur Errich- 
tung eines Wasserfilatoriums geneigt gezeigt, und die Kaiserin 
möge demselben ihr Wohlgefallen zu erkennen geben. Die 
Wollerzeugung sei einer Verbesserung f&hig, auch eine neue 
Gattung, nämlich die einschürige Wolle noch einzuführen, die 
einen beträchtlichen Theil des erbländischen Verbrauchs aus- 
machen könnte. Flachs und Hanf werden zwar in einigen 
Gegenden, namentlich in Oberungam erzeugt, aber nicht in 
genügender Menge, und es scheine nicht sowohl in dem Klima, 
als an den Mängeln der Bearbeitungsart zu liegen, dass diese 
Cultur nicht allgemeiner werde; man möge daher diesen In- 
dustrialtrieb vermehren, indem man die Ausfuhr der erzeugten 
Materien in die Erblande erleichtere und durch Abhaltung der 
fremden Rohstoffe den beständigen Absatz sichere, Proben auf 



27 

den Camenüherrschaften vornehme^ einige Grandherren zu einem 
gleichen Voi^ange auffordere und auswärtigen Samen anschaffe. 
Man möge auch Agriculturgesellschaften errichten. Was die 
Mana£&cturen anbelangt, so scheinen für Ungarn hauptsächlich 
diejenigen geeignet zu sein, die zur Kleidung des gemeinen Man- 
nes dienen und als Hausarbeit ohne künstliche Qeräthschaften 
getrieben werden können, wie z. B. gemeine Flachsleinwand, 
Äbbatücher, alle Gattungen von gemeinem Strickwerk, Flore, 
Lederwerk, ganz gemeine halbbaumwollene und halbleinene 
Zeuge zu Kopf binden und Handtüchern, wie sie von den Ttlrken 
den Walachen zugeführt werden. Diese Erzeugnisse vertragen 
wegen ihres geringen Preises und schweren Gewichtes keinen 
weiten Transport und können daher für Ungarn in den deutschen 
Erblanden, wo der Arbeitslohn theuer sei, nicht wohl aufge- 
bracht werden. Von einer Ausdehnung anderer Industrieerzeug^ 
nisse in Ungarn, wie z. B. der verschiedenen WoUwaaren, be- 
fürchtete der Commerzienrath eine Verwirrung und einen Um- 
sturz des bestehenden Systems, wenn Ungarn, dessen Rohstoffe 
in den deutschen Erblanden erforderlich seien, auch den Fabri- 
catui^ewinn an sich bringen wtlrde. Ohnehin sei man schon 
auf dem Punkte, dass jede der erbländischen Provinzen alle 
Erfordernisse erzeugen werde, demnach die Handelsverbindung 
derselben untereinander aufhören und das Mautherträgniss für 
die Finanzen verloren gehen würde. Wohl aber empfehle sich, 
unschädliche Manufacturen in Ungarn anzueifern, durch An- 
legung einiger Spinn- und Webschulen in jenen Districten, 
welche für die erwähnten Fabricate am günstigsten liegen. 

Die ungarischen Lande, heisst es in dem Vortrage vom 
9. November 1768, müssen auf keine anderen als die ihnen 
unentbehrlichen Manufacturen angeleitet werden, wenn zwischen 
ihnen und den übrigen Theilen der Monarchie das natürliche 
und für den Staat vortheilhafte Commerzium fortwähren soll. 
Alles, was zur Pracht, zur Bequemlichkeit gehört, müsse ihnen 
von den übrigen Erblanden geliefert werden, sie hingegen 
müssen das abgängige Materiale dazu verschaffen. Dieses sei 
die alleinige richtige Proportion, worin der Nahrungsstand von 
Landen bestehen und sich verbessern könne, die ungleich in 
der Population und in den Abgaben seien. Jedes Land für 
eine kleine Monarchie ansehen und in demselben all' dasjenige 
einführen wollen, was zu dessen unabhängigem Selbstbestand 



28 

erforderlich sei, würde dem Unternehmen einer Mutter gleichen, 
die vierzehn Kinder auf das nämUche Gewerbe setzen und 
jedes derselben unvermögend machen wollte. 

Unter Festhaltung des Grundsatzes, nur jene Industrie- 
zweige in Ungarn zu begünstigen, deren Erzeugnisse den deutsch- 
erbländischen ,imschädlich^ sind, wurden verschiedene Mass- 
nahmen getroffen, um im Temesvarer Banat, in Croatien und 
Slavonien, in Siebenbürgen und vornehmlich auf den Cameral- 
gütem in Ungarn einzelne Gewerbe einzubürgern und Fabriken 
zu errichten. AUerdings ging es damit ungemein langsam vor- 
wärts, da es an einer Arbeiterbevölkerung gebrach, die unga- 
rische Hofkanzlei keine besondere Rührigkeit zeigte und auch 
der Wiener Commerzienrath trotz aller Weisungen der Kaiserin 
keine lebhafte Thätigkeit entfaltete. Die Impulse gingen im 
7. Jahrzehnt von Maria Theresia aus, die imerschöpflich in An- 
fragen, unermüdlich in Weisungen den lebhaften Wunsch hegte, 
auch jenseits der Leitha eine gewerbliche Thätigkeit festen 
Fuss fassen zu sehen. Durch Handschreiben vom 13. Januar 
1761 wurde die österreichische Handelsbehörde aufgefordert, 
ihre Meinung zu eröffnen, ob nicht im Temesvarer Banate der 
Anbau von Baumwolle nützlich wäre, ob in Ungarn Pflanzungen 
von Farbwaaren, Waid und Färberröthe zu veranlassen seien, 
und bald darauf wurden diesbezügliche Verfiigungen getroffen. * 
Im Jahre 1762 erfolgte die Weisung, auf den ungarischen Cameral- 
herrschaften des Bäcser Bezirkes die ,Inpopulation^ mit mehr 
Eifer anzufangen. Die Leitimg wurde dem Hofkammerrathe 
Cothmann übertragen. Versuche mit dem Anbau von Waid und 
Röthe wurden gemacht und die hiefiir erforderlichen Summen be- 
willigt. ^ Bekanntermassen, lautet die kaiserliche EntSchliessung, 
werde auf diesen Herrschaftien mehr Getreide gebaut, als zum 
Gebrauche nöthig, während an Waid und Röthe in den Erb- 
landen Mangel sei, weshalb die Einfuhr aus Thüringen und 
Schlesien nöthig werde. Der Hanf- und Flachsbau sollte durch 
Prämien und unentgeltliche Vertheilung von Samen befördert, 
Seidenbäume gepflanzt werden. ^ Der ungarischen Hofkammer 



1 An Perlas, 26. Januar 1762. 

^ Protokoll dos Commerzienrathes vom 29. April 1763 und Allerhöchste 

EntSchliessung. 
• Vorträge Tom 12. August, 15. October und 14. November 1763, Hand- 

schreiben an Andlem. 



29 

wurde wäkcher Hanfflamen übersendet. ^ Qraf Lichnowsky^ 
damals in Triest, wurde aufgefordert^ Hanfsamen aus Bologna 
kommen zu lassen; zwei Sachverständige dieser Stadt wur- 
den nach dem Banat zur Ertheilung von Belehrung entsen- 
det. * Die Bienenzucht soUte gefördert werden durch Ver- 
mehrung der herrschaftlichen Bienen, um das Volk zu diesem 
Zweige der Landwirthschaft zu animiren. ^ ^Asiatische Böcke 
und Geisen^ sollten von Wien nach Ungarn gesendet werden, 
und die ungarische Hofkammer wurde deshalb aufgefordert, 
eine vertraute Person nach Wien zur Besorgung des Trans- 
portes zu schicken. Die Züchtung macedonischer Schafe wurde 
empfohlen mit der Bemerkung, dass die Kaiserin gewillt sei, 
jene, ,welche sich in Bewirkung ihrer Befehle vor anderen 
emsig erzeigen, vorzüglich zu befördern und auch sonsten mit 
Onaden anzusehend Den Unterthanen sollte der Zehent von 
dieser neuen Gattung Schafe erlassen werden; im Jahre 1779 
wurde eine Belehrung in ungarischer, lateinischer und slovaki- 
scher Sprache über die Zucht spanischer Schafe und Verfeine- 
rung der Wolle hinausgegeben. 

Die in Böhmen bereits seit dem Jahre 1753 verbreiteten 
Belehrungen für den Anbau von Flachs wurden im Jahre 1767 
auch in Ungarn veröffentUcht und in die Landessprachen über- 
setzt. In der Einleitung zu der in Pressburg bei Johann Michael 
Landerer gedruckten Schrift: ,Eurze Anleitung zum Flachsbau^ 
betitelt, wird bemerkt, dass diejenigen Manufacturen in einem 
Lande die nützlichsten seien, wozu der nöthige Stoff nicht erst 
von der Fremde hergeholt werden müsse, sondern im Lande 
selbst erzeugt werde. Der Nutzen sei hiebei ein vielfacher. 
Nicht nur werden bei den Manufacturen selbst viele Menschen, 
die sonst der Hauptquelle aller Laster, dem Müssiggange, er- 
geben wären, ernährt, sondern die Erzeugung der hiezu nöthi- 
gen Materialien beschäftige die Hände des Landmannes und 
gebe ihm Gelegenheit, nebst dem gewöhnUchen Feldbau sich 
auch auf manche andere Art etwas zu verdienen; sodann gehe 
ftLr die Materialien das Geld nicht ausser Land, sondern der- 
jenige Nutzen, den sich Auswärtige verschaffen, wenn sie die 

^ 28. Mai 1764 an die ungariBche Hofkanzlei. 

' An Lichnowsky, 18. Januar 1764; Commerzienrath an die Bancodepu- 

tatien, 27. M«n 1764. 
' Vortrag vom 26. November 1767 von Hatzfeld-Gleichen. 



30 

inländischen Materialien für einen geringeren Preis an sich 
bringen, solche verarbeiten und die verfertigten Waaren wieder 
mit grossem Vortheile verkaufen, könne den Inwohnern ver- 
bleiben. Folgende drei Stücke seien zum menschlichen Leben 
ausser den Nahnmgsniitteln die nothwendigsten imd unentbehr- 
lichsten: Leinwand, Tuch oder andere Wollzeuge und Leder, 
denn alle Menschen haben Leinwand zur Wäsche, Tuch zu 
Kleidern und Leder zu Schuhen unumgängUch nöthig. Das 
Königreich Ungarn sei wegen seiner vortheilhaften Lage und 
wegen seines fruchtbaren Bodens zur Hervorbringung dieser 
drei Hauptnothwendigkeiten vorzüglich taugUch und könnte 
daher nicht allein zu seiner eigenen Nothdurft diese Waaren 
verfertigen, sondern noch in grosser Menge die benachbarten 
Länder damit versehen. ^ In demselben Jahre wurde auch eine 
kurze Anleitimg behufs Pflanzung des Anilkrautes, ,aus wel- 
chem eine blaue Farbe, Indig genannt, zubereitet wird', der 
ungarischen Hofkanmier zur Verbreitung im Lande über- 
mittelt. 

Die Errichtung von Papiermühlen wurde in Angriff ge- 
nommen, imd böhmische Arbeiter sollten in Ungarn angesiedelt 
werden. Der Gedanke wurde angeregt, böhmische ölasarbeiter, 
die in Böhmen keinen Verdienst finden und in andere Erblande 
oder gar in die Fremde ziehen, an der Carolinerstrasse anzu- 
siedeln, wo durch die grossen Waldungen Gelegenheit geboten 
werde, den Venetianem einen Theil ihres mehrere MiUionen 
betragenden Verdienstes, welcher ihnen durch die Glasfabri- 
cation zu Theil wird, abzugewinnen. * Im Warasdiner Generalat 
wurden Versuche mit der Einführung der Seidencultur gemacht. 
Die Kaiserin liess dem Manne, Beck mit Namen, der sich hie- 
bei Verdienste erworben hatte, ihre Zufriedenheit aussprechen, 
,da es dem Staate zum Nutzen gereiche, wenn die Seidencultur 

^ Bei Abfassung der Schrift, welche von dem Flachsbau, von der Art und 
Weise der Bearbeitung des Erdreiches, von der Zeit und Art, Flachs zu 
s&en u. dgl. m. handelt, wurde die in Prag im Jahre 1753 erschienene 
Abhandlung betitelt: ,Art und Weise, wie der edle Leinsamen prSpariret 
angebauet und conserviret und wie da ein guter, langer und schöner 
Flachs mit besonderem Nutzen erziegelt und zugerichtet wird, dann was 
bey dessen Anbau zu beobachten ist*, femer eine spSter erschienene 
Schrift: ,Unt6rricht von dem edlen Flachsbau', benutzt. 

' Kaiserliche Entschliessung bei Vorlage der Commerztabelle fttr das Jahr 
1768. 



31 

aach in den gesammten ungarischen und slavonischen Ländern 
wie auch in Croatien heeifert werdet Die fllr Maulbeerplan- 
tagen erforderlichen Kosten sollten aus der Commerzialcasse 
bestritten und Prämien ertheilt werden. Auf allen grösseren 
Cameraldomänen sollten Maulbeerpflanzungen, sowie auch in 
Slavonien und Croatien angelegt werden.^ Später plante man 
auch die Errichtung eines Seidenfilatoriums in Esseg. Um die 
Erzeugung von Abbatüchem zu fördern, erging an die Be- 
hörden der Auftrag, ,Leute aus der Türkei möglichst herbei- 
zulocken, welche Abbatücher verfertigend * Die EinAihr wurde 
verboten. Auf den Cameralgütem wurden auf Staatskosten 
Fabriken gegründet, mit geringem Erfolg. 

Sowie in den deutschen Erblanden zur Hebung der Volks- 
wirthschafl die Verbesserung des Schulwesens in Angriff ge- 
nommen wurde, sollte auch in jenen Gebieten der Länder der 
Stefanskrone, wo die Regierung freiere Hand hatte, an die Ein- 
richtung von Schulen Hand angelegt werden. Die ungarische 
Hofkanzlei erhielt den Auftrag, dass in Agram und in den 
grösseren Ortschaften Croatiens ,teutsche Schulmeister^ ange- 
stellt werden. Mit dem Unterrichte im Nähen, Stricken, Spitzen- 
klöppeln, Sticken seien einige arme Officierstöchter, ,auch an- 
dere derley Weiber mit einer geringen Zulage zu ihrer Pension 
oder anch mit einem geringen Lohn von 150 — 200 fl. zu be- 
trauen. In weiterer Folge sei sodann ^zudenken, wie aus 
vacanten Beneficien eine Hülfe zur Errichtung einiger Klöster 
von Ursulinerinnen und englischen Fräulein verwendet werde, 
um öffentliche Schulen flir das weibliche Geschlecht zu er- 
halten'. Den Beamten sollten einige gute Bücher mitgetheilt 
werden, um sich über Agricultur und Viehzucht zu unterrich- 
ten, für das Volk daraus Auszüge zu machen, in croatischer 
Sprache zu drucken imd unentgeltlich zu vertheilen; einige der 
,dasigen Edelleute' auf Kosten des Aerars sind zum Besuche der 
CoUegien über die Cameralwissenschaften anzuhalten und der 
etwaige Aufwand von 400 fl. aus der Commerzcasse anzu- 
weisen. Ueber Schafzucht, Verbessenmg der Wolle, Pflanzung 
und Zurichtung des Hanfes und des Flachses, über Anbau der 
,ohnehin dortigen Enden^ wachsenden Farbenkräuter sollte aus 

^ Kaiserliche Entschliessiuig auf den Vortrag des Commerzienrathes vom 

15. Mars 1763. 
* Vortrag von Hatxfeld-Gleicbeu vom 1. März 1769. 



32 

den Büchern ein Auszug gemacht und in die croatische Sprache 
übersetzt und unentgeltlich vertheilt werden. Ein Gleiches sei 
auch mit anderen Verbesserungen der Cultur und Industrie zu 
beobachten^ ^überhaupt aber 'durch auszusetzende Prämien der 
Wille anzufrischen und ein Mann dortigen Enden anzustellen^ 
der dem noch unkundigen Volk mit Rath und That an Händen 
zu gehen wisse und von allen Vorkehrungen die Berichte an 
den Commerzienrath rasch zu erstatten hättet ^ Im Banate 
sollten Spinnschulen wie in den deutschen Erblanden errichtet^ 
nach Siebenbürgen Mädchen zur Erlernung der Wollspinnerei 
gesendet und die Unterthanen ,zur Erzeugung von Gespunsten 
autoritativ angehalten werden'.* In Mehadia sollte eine Baum- 
wollspinnerei gegründet werden, weil man daselbst die Baum- 
wolle aus erster Hand bekomme und das wallachische Weibs- 
volk eine besondere GeschickUchkeit im Spinnen habe. Drei 
Colonistenmägdlein sollten nach Wien gehen, und zwar ein 
raizisches, ein wallachisches und ein deutsches, um daselbst 
das Spinnen zu erlernen.^ Ein Anonymus schlug zur Verbrei- 
tung der Spinnerei vor, die priesterliche Copulation allen Män- 
nern und Weibern zu versagen, die nicht erweisen könnten, 
die Spinnkunst zu besitzen.^ 

In einigen Gegenden Ungarns wurden Fabriken errich- 
tet, deren Anzahl mit der Zeit in Wien Bedenken erregte. 
Von einem Anonymus wurde eine Denkschrift der Kaiserin 
überreicht, worin dargelegt wurde, dass Ungarn von den deut- 
schen Erblanden für Getreide, Vieh und andere Producte mehr 
Geld empfange, als es für Manufacturen zahle; die Bilanz sei 
daher für Ungarn günstiger und dürfte für die Erblande noch 
nachtheiUger werden, wenn die Fabriken in Ungarn eine grössere 
Ausdehnung erlangen würden. Wenn Ungarn Alles selbst ver- 
fertige, so werde es die österreichischen Länder nicht mehr 
benöthigen, und die Gelder, die für Victualien nach Ungarn 
gehen, werden keinen Rückfluss haben; es komme darauf an, 
,das Ungarland mit den diesseitigen Ländern im Credit und 
Debet bilanciren zu machend Die ungarischen Fabriken müssen 
unterdrückt, wenigstens die Errichtung neuer gehemmt werden. 

^ Kaiserliche Resolution anf den Vortrag vom 5. September 1764. 

' Kaiserliche Entschlieasang auf das Protokoll vom 25. September 1764. 

• Vortrag vom 4. Januar 1770. 

* Protokoll vom 9. Juni 1773. 



33 

Die Kaiserin forderte von dem Grafen Rudolf Chotek ein Gut- 
achten. ^ Der oberste Kanzler wies in seinem Vortrage vom 
22. October 1770 darauf hin, däss in früherer Zeit als Grund- 
satz anerkannt worden sei, den ungarischen Handel von dem 
deutsch-erbländischen abhängig zu nlachen. Auf den ersten 
Landtagen jedoch, welche unter der Regierung der Kaiserin 
abgehalten wurden, habe man daran gedacht, Ungarn, welches 
damals Verdienste sich erworben hatte, auch an der allgemeinen 
Wohlthat einer lebhaften Industrie theilhaftig zu machen. Ein- 
zelne Landtagsbeschlüsse wurden auch in dieser Richtung ge- 
fasst. Kaiser Franz habe in Bassin, einem zur Herrschaft 
HolitfiTbh gehörigen Orte, eine Cottonfabrik errichtet, welche 
später in die Hände eines Privaten übergegangen sei. Seitdem 
mehren sich in Ungarn die Fabriken. Erbländische Handels- 
leute tragen selbst dazu bei, weil sie in Ungarn einer scharfen 
Matitfemanipu!ation sich entziehen können. 

Der Staatsrath, dem der Vortrag Chotek's zur Begutach- 
tung vorlag, stimmte den Ansichten desselben bei. Binder mein- 
te, die Wohlfiihrt Ungarns erfordere, dort nicht auf Anlegung 
von Fabriken und Manufacturen das Hauptaugenmerk zu rich- 
ten, sondern auf die Cultur und den Export der Ackerbau- 
erzeugnisse. Ein Land, dessen Gnmd und Boden fruchtbar sei, 
habe selten an Arbeitern Ueberfluss und könne durch Pflege 
des Ackerbaues weit grössere Vbrtheile als durch Fabriken er- 
langen f es sei die grösste Vorsicht zu tragen, dass Ungarn nicht 
zum empfindlichsten Nachtheile der deutschen Erblande in Ma- 
nufacturen begünstigt werde. Blümegen wollte einige Fabriken 
ausgenommen wissen, so die Erzeugung grober sogenannter 
Abbatücher, grober Leinwände von Hanf, Segeltücher u. dgl. m., 
was für die deutschen Erblande nicht schädlich wäre, dagegen 
sollen Leinen-, Schafwollen- und Seidenfabriken keine Privilegien 
gegeben werden; wenn derartige Erzeugnisse aus Ungarn nach 
dezL Erblanden geftihrt werden, sei ein Zoll wie für fremde 
Waaren zu entrichten, erbländische Erzeugnisse jedoch sollen 
bei der Einfuhr nach Ungarn blos 5 Percent zahlen. Kaunitz 
stimmte Blümegen bei. Es sei Alles daran gelegen, bemerkte 
er in seinem Votum, der ungarischen Nation über ihre eigenen 
wahrhaften Vortheile die Augen zu öffnen. Die kaiserliche 



^ Handschreiben vom 6. October 1770. 
ArehiT. LXIXL Bd. I. Hilfto. 




u 

Entschliessnng auf den Vortrag Chotek's lautete im Sinne der 
staatsrechtlichen Anträge. ^ 

Die Kaiserin forderte nochmals Chotek auf, im engsten 
Geheim und ohne dass hievon das Geringste transpirire, nur 
allein mit dem Kammerpräsidenten die zu ergreifenden Mass- 
nahmen in reife Ueberlegung zu nehmen. In dem von den 
Grafen Rudolf Chotek und Hatzfeld von Gleichen am 2. Ja- 
nuar 1771 erstatteten Vortrage wurde beantragt, die Kaiserin 
möchte durch eine Verordnung an die Staatswirthschaftsdepu- 
tation zu erkennen geben, dass in Hinkunft in den gesamm- 
ten Erblanden keine neue Fabrik ohne die Allerhöchste 
Bewilligung errichtet werden solle. Ohnehin sei hiezu ein 
Beweggrund vorhanden, da der Commerzienrath schon bei 
einer anderen Gelegenheit vorgestellt habe, dass zu beftirch- 
ten sei, wenn sich die Fabriken über den Verschleiss ver- 
mehren, der Umsturz einiger nothwendig erfolgen müsste. 
Das Königreich Ungarn würde sich daher nicht zu beklagen 
haben über eine Vorsicht, welche auch fUr den deutsch-erb- 
ländischen Nahrungsstand getroffen werde. Es werde immer 
von der Kaiserin sodann abhängen, ob und wo neue Fabriken 
anzulegen seien, und der Commerzienrath werde bei jedem 
einzelnen Falle in Erwägung zu ziehen haben, welche Gattung 
der Fabricaturen fUr Ungarn und Siebenbüigen und den Temes- 
varer Banat geeignet sein dürfte. 

Zufolge eines Handschreibens vom 21. Januar 1771 er- 
ging am 14. Februar 1771 an sämmtliche Länderstellen die 
Weisung, dass die Kaiserin die Vermehrung der Fabriken in 
den Erblanden mit gnädigster Zufriedenheit wahrgenommen, 
dabei aber in Betracht gezogen habe, dass öfters von einer 
Gattung zu viel entstünden, dass eine die andere in ihrem Fort- 
kommen hindere und, weil anfänglich der Verschleiss der Er- 



^ Das staatsrechüiche Votum vom 18. Juni 1770. Die kaiBerliehe Ent- 
schliessung besagt: ,Der Haaptsats habe allerdings seine Biohtigkeit, 
dass die Eniclitang mehrerer hongarischer Fabriqnen und Manufactnren 
wenigst insolange Hungam die allgemeinen Abgaben nicht in einem 
gleichen Verhältnisse mit den tentschen Erblanden entrichte, den lets- 
teren zu grossem Nachtheil gereichen würde, folglich dass allerdings 
die wirksamen Mittel vorzukehren, um gegenwärtig die Vermehrung und 
den weiteren Anwachs der, Fabriqnen in Hungam zu erschweren und 
möglichst abzuhalten.' 



35 

Zeugung nicht angemessen sei, die Unterthanen Schaden leiden; 
in Zukunft solle daher keine neue Fabrik in den gesammten 
Erblanden ohne Bewilligung errichtet werden dürfen. 



ni. 

Sogenannte Qualitäten- und Beschauordnungen für die 
verschiedenen Industriezweige enthielten Bestimmungen über 
die Erzeugung der Waaren. In der Regel wurden vor dem 
Erlasse derselben genaue Erkundigungen eingezogen über den 
Stand der Fabriken, über die Art und Weise des Betriebes, 
über den Rohstoff, die Qualität und Quantität, sowie den Preis 
der Waaren. Mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgte man 
die industrie-politischen Massnahmen anderer Staaten. Die von 
Friedrich 11. erlassenen Verfllgungen wurden eingehend studirt 
and gaben nicht selten Anlass zu Anfragen an die Länder- 
consesse und zu Aufforderungen, ihr Gutachten einzusenden. 
Die von Friedrich II. am 27. Juli 1742 erlassene Beschauord- 
nung für die Leinwandfabrication wurde in Oberösterreich als 
Muster empfohlen.^ Die in Glatz 1748 erlassene Instruction 
ftLr die Fabriksinspectoren wurde am 30. December 1761 dem 
böhmischen Consesse mitgetheilt, um eine ähnhche zu entwerfen 
oder die bestehende zu verbessern. Auch sollte bezüglich der 
ganz- und halbwollenen, der ganz- und halbleinenen Manu- 
facturen eine gleiche Vorschrift verfasst und Fingerzeige ge- 
geben werden, ,worauf es denn eigentlich ankomme, dass eine 
echte und annehmbare Waare erzeugt werdet Die in Berlin 
erlassene Anordnung, dass die Gesandten bei den fremden 
Staaten die etwaigen Beschwerden gegen preussische Erzeug- 
nisse zur Anzeige bringen sollten, fand den vollen Beifall der 
Wiener Behörden. Allgemein wurde anerkannt, dass die Hand- 
habung der Verordnungen in Preussen ausgiebiger sei, da den 
Magistraten und Landräthen, sowie der Domänenkammer eine 
genaue Befolgung obUege, während man in den Erblanden, ,wo 
das Commerciale nicht alle Zeit nach seiner Wichtigkeit be- 
trachtet werde, sich begütigen müsse, wenn die politische Be- 
hörde die Assistenz nicht verweigeret 



^ An die Deputation und Kammer, 17. Juli 1749. 

8« 




36 

. Eingehend wurde die Frage erwogen, ob die Fabrikanten 
an die Qualitätenordnung gebunden sein sollen, und ob es den 
Privaten gestattet sein solle, ,willktb4icfae Bestellungen* zu 
machen. ^ Willküriiche Bestellungen, so lautete nun das Votum, 
wären zu untersagen bei allen Waaren, deren Einfuhr ver- 
boten sei, folglich ausser Concurrenz stehen und ledigUch für 
den inneren Consum bestimmt seien, da hiebei der Käufer gegen 
Uebervortheilungeo sicherzusteUen sei, ferner bei jenen inländi- 
schen Fabricaten, die auswärts in Folge ihrer Qualität Credit 
erhalten haben. Hieher gehören Leinwände, Tücher, einige 
Gattungen WoUenzeuge, als: Eroorasch, Halb rasch, Ganz- und 
Halbcottonzeuge. Dag^«n könne man dieselbe nicht versagen 
bei Waaren, die innerhalb und ausseriialb des Landes mit 



^ ,Okwohlen 2war verschiedene von den preiuiBischen Biitsnngen wegen 
ihres offenbar guten Grundes und Nutzbarkeit ohne weitere Berifihtab-' 
forderung sogleich eingeführt werden könnten, so begnehmige doch das 
Dafürhalten des Commerzienrathes, dass die betreffenden Stellen vorläufig 
darüber zu vernehmen seien, jedoch mit der Einschränkung, dass von 
denen Commerzialconsessen nur allein die hiesigen und mährischen mit 
ihrer Qutmeinnng einvernommen werden sollen, und da diese von denen 
durch dem Commeroienrath vorhin stabUirten Qrundsätsen nicht abgehen 
können, so hat der Commerzienrath jene Sätze, wegen deren die preussi- 
sehen Ordnungen ein Besseres enthalten, selbsten zur weitern Frage und 
Deliberation aufzustellen, als wohin insonderheit mitgehOret, dass hier- 
landes denen Verlegern frey gelassen wird, die Fabricata nach ihrer 
Willkür EU bestellen, somit von der Breite, I^nge und Güte der sonst 
vorgeschriebenen Fabricaton. abzugehen, welcher irrige Grundsate in 
effectu dahin schUesset, dass denen Verlegern freygelassen wird, falsche 
Waare verfertigen zu lassen und damit das Publicum zu übervortheUen, 
woraus sodann der Discredit deren inländischen Fabricatorum erwächst, 
dahingegen in der preussischen Ordnung ganz recht darauf bestanden 
wird, dass alle und jede Fabricata in gleicher Güte, Breite und I&nge 
verfertigt werden müssen, weil dem Commercio am meisten daran ge- 
legen und zu dessen beständige Aufnaluue gereichet, dass der Credit der 
Waare conservirt bleibt und auch verfälschte untüchtige Waaren nicht 
geschwächt werden. Es ist also auf diesen wichtigen Hauptpunkt der 
sorgfältige Bedacht zu nehmen und die Einbringung des endlichen Gut- 
achtens über acht W-ochen nicht aufzuhalten, wie auch femer die Be- 
steUung allenthalben dahin zu machen, damit dem CommerzieBrath die 
in auswärtigen Reichen und Ländern herauskommende, die CnltuTi Ma- 
nufactur und das Commercium betreffende Anordnungen und Abhandlun- 
gen jedesmal zukommen, um davon den diensamen Gebrauch weiter 
machen zu können/ Entschliessung auf das Protokoll des Commersien- 
rathes vom 23. März 11(S2. 



87 

fremdea Waaren conourrüren und doroh wohlfeile Preise den 
Vorzug gewinnen müssen, femer bei solchen, welche sieb nach 
dem verä«nderliehen Qesohmack richten mliesen. Im Jahre 1775 
w¥u*de die Behörde angewiesen, jene Ordonnanzen zu bestini- 
men, welche bezüglich der Waarenqualität beibehalten werden 
sollen; im Uebrigen müsse jedem Manufkcturkten freigestellt 
bleiben, nach dem Verlangen und Geschmack seiner Abneh- 
mer, auch allenfalls zu einem Versuch Waaren zu verfertigen, 
welche die ordonnanzmässige Länge und Breite und andere 
Eagenschafien nicht haben; es müsse durch ein kennbares Zei- 
chen das Publicum zu warnen sein, dass die Waaren nicht 
nach der allgemeinen Voreohrift verfertigt sini ^ In einer spH- 
teren VerfUgung hiess es, es sei nicht die Absicht, dass bei 
den Seiden- imd Halbseidenwaaren alle Qualitätenordnung ganz 
ausser Acht gelassen werde, imd den Fabrikanten voUkonmien 
frei gestattet werden solle, die Waaren ganz nach Belieben 
bald länger, bald breiter oder sonst in abgeänderter Eigenschaft 
verfertigen zu können, aber er solle nur abweichen dürfen. 
Dieses sei exceptio a regula. * Erst unter Josef wurde die bis 
dahin bestandene Qualitätenordnung auf Seide ganz aufgehoben. ' 
Einige der für die verschiedenen Industriezweige erlassenen 
Ordnungen enthielten auch Lohnbestimmungen.* So z. B. die 
am 10. October 1751 erlassene Qualitätenordnung für Seiden- 
zeuge, ,damit die Waare durch übermässigen Arbeitslohn nicht 
vertheuert werde, noch auch die Gesellen wider Billigkeit ge- 
druckt, sondern hierin eine durchgehende Gleichheit beobachtet 
werde, mithin sowohl die Meister als Gesellen wissen mögen, 
was bei einer jeglichen Gattung der seidenen Zeuge, welche 
gut imd kaufrecht verfertigt seien, denen Gesellen fUrohin für 
Lohn gebühren würde*. ^ Später beschäftigte man sich auch 
mit der Regelung der Löhne fUr die Baumwollspinnereien. Die 



' KAiBerlicbe EntsohUessung auf den Vortrag des CommerzienratheB vom 

23. November, rep. 3. Deoember 1775. 
' KaiserUche EkitooblieMung auf den Vortrag der böhmUcb-österreicbischen 

Hofkanzlei vom 16., rep. 28. Homung 1776. 
» An sümmtUcbe LändersteUen, 20. Mai 1782. 

* Lobnbestnnmungen für Maurer, Zimmerleute und Tagwerker bereits 1722 
C. A. IV. 106. 

* Aebnlick die am 1. September 1765 in Prag erlassene Sammtqualitäten- 
Ordnung. 



38 

zu diesem Zwecke einvernommenen Fabrikanten bemerkten^ 
dass der Spinnerlohn sich nicht fixiren lasse^ weil dadurch der 
Eifer unter den Spinnleuten aufhören würde; auch sei der 
Preis der Esswaaren und übrigen Bedürfhisse durchgehends 
nicht von gleicher Beschaffenheit^ weshalb auch der Lohn an 
den yerschiedenen Orten kein gleichmässiger sein könne. ^ Eine 
von dem Grafen Josef Einsky als Präsidenten des böhmischen 
Consesses gegebene Anregung fand jedoch bei der Behörde 
grösseren Anklang. Nach eingehenden Untersuchungen über 
den Spinnlohn im Inlande und in der Schweiz wurde ein ^soge- 
pannter Spinnfuss^ normirt und zunächst in den Staatsfabriken^ 
wie in Linz eingeführt, sodann auch den Privatfabriken zur 
Damachachtung hinausgegeben.' 



^ Bericht des niederOsterreichischen Consesses von Philipp v.Sinzendorf 1764. 

' Nicht ohne Interesse ist eine Bemerkang der Kaiserin: Das gute Vor- 
haben des Commerzienrathes, da derselbe bei einigen Fabriken den 
Arbeitslohn zu vermindern und hierdurch eine mehrere Wohlfeilheit zu 
erhalten gedenket, begnehmige vollkommen, doch wird bei der hier 
in Wien zunehmenden Theuerung aller Lebensmittel, solches der Zeit 
hart zu bewirken sein, besonders nachdem die Arbeiter den grossen 
Lohn bereits durch lange Zeit bekommen haben. Kaiserliche Entschlies- 
sung auf den Vortrag vom 22. Januar, rep. 21. März 1767, betreffend 
die niederOsterreichischen Manufacturtabellen. — Karl Graf Zinzen- 
dorf sprach sich über die Spinndistricte und den Spinnfuss wegwerfend 
aus. Man könne, bemerkt er, diese für die Baumwollgespinnste an- 
gewiesenen Districte nicht anders als für eine Veranstaltung ansehen, 
wodurch die Spinner unterdrückt und die Mannfacturen und Fabriken 
beschränkt werden. Die Spinner haben in einem solchen District keine 
andere Wahl, als entweder für die Fabrik um geringen Lohn zu spin- 
nen oder Hungers zu sterben. Gleichwie es auf einer Seite dem 
Fabriksunternehmer freistehen muss, an denjenigen Orten spinnen zu 
lassen, wo man ihn am besten und wohlfeilsten bedient, so muss auf 
der andern Seite dem Spinner die Freiheit belassen werden, für den- 
jenigen zu spinnen, der ihn am besten bezahlt. Das Spinnerpatent vom 
16. November 1768, kraft dessen der Lohn für eine jede Gattung von 
Qespinnst gesetzlich vorgeschrieben wird, ist diesem Endzweck entgegen. 
Es wird dadurch dem Spinner alle Hoffnung genommen, sein Schicksal 
zur verbessern und seine Arbeit gegen vortheilhaftere Bedingungen ver- 
richten zu kdnnen. Solchergestalt muss ihm der Muth sinken, weil ihm 
die Motive zur Aneiferung benommen werden. Wenn daher eine Fabrik 
gut bedient werden will, so muss sie nothwendig das Patent indirect 
übertreten. Dies geschieht auch, indem an Spinner neben dem gesetz- 
mftssig vorgeschriebenen geringeren Lohn etwas mehr unter dem Titel 
einer Prämie zugetheilt wird. 



39 

Durch die Normirung des Spinnfiisses beabsichtigte man 
zwei EiXtreme zu vermeiden: einmal ^ dass die inländischen 
Fabriken durch Steigerung des Spinnlohnes nicht ausser Con- 
currenz mit den fremden gesetzt werden, sodann aber, dass 
das Landvolk durch enge Schranken, die Spinnerei als einen 
Nebenverdienst zu ergreifen, nicht abgeschreckt werde. Man 
beftLrchtete, dass durch eine Steigerung des Spinnlohnes die 
inländischen Erzeugnisse mit den fremden den Wettbewerb 
nicht aushalten könnten. Den Behörden sollte aufgetragen wer- 
den, dass sie den Fabriken und den Factoren derselben eine 
ausgiebige Assistenz zur EinftLhrung der Spinnerei nach dem 
neuen Spinnfuss leisten sollten. Wenn jedoch bei einzelnen 
Nummern ein geringerer Betrag, als bisher wirklich bezahlt 
wurde, festgesetzt wäre, so sollte es gestattet werden, dass in 
denjenigen Spinndistricten, wo ein höherer Spinnlohn besteht, 
derselbe in den erwähnten Nummern allein bezahlt werden 
könne. Femer wurde bestimmt, dass die Eltern ihre Kinder, 
insoweit sie derselben immer entbehren können, in die Spinn- 
schulen zu schicken haben. Die Obrigkeiten und Commerzial- 
beamten haben zu entscheiden, ob dem Folge geleistet werde, 
und jene Eltern sollten bestraft werden, die nach erfolgter Er- 
innerung ihre Kinder oder Zöglinge in die Spinnschulen zu 
schicken, unterlassen. Damit tüchtige und echte Gespinnste 
erzeugt werden, sollten diejenigen ausgelemten Spinner, die 
sich als nachlässig bezeugen würden, entweder das Material er- 
setzen oder, im Falle sie dies nicht zu thun vermöchten, mit 
Leibesstrafe belegt werden. Diese Lohnbestimmungen wurden 
später aufgehoben, nachdem die Zuweisung von Spinndistricten 
an die Fabriken fortgefallen und die Erzeugung von Cotton 
freigegeben war. An Klagen über die neuen Verfügungen 
fehlte es nicht. Auch die Arbeiter waren nicht durchwegs mit 
der Beseitigung der Spinnlöhne zufrieden; die Factoren der 
Schwechater Fabrik z. B. baten, dass ihnen der ehemalige 
Spinnerlohn wieder verabreicht werde. Der früher bestandene 
Zwang der Spinndistricte, sagte die Handelsbehörde, sei be- 
seitigt worden, die Spinner können sich nicht beschweren ; wenn 
sie bei anderen Fabriken höheren Arbeitslohn erhalten, können 
sie darauf eingehen. ^ 



' Protokoll vom 13. November 1775. 



40 

Für die Beschau der Leinwand wurden BescbauBieister 
angestellt, ^ wofllr der Weber auf dem Liu;ide einen Kreuzer per 
Stück, in den Städten und Märkten anderthalb Kreuzer au ent- 
richten hatte, Gebühren, welche erst 1772 entfielen. Einer 
kaiserlichen Entschliessung vom 16. December 1762 zufolgie 
sollten alle inländischen Fabricate künftig beschaut und mit 
einem kennbaren Stempel bezeichnet werden. Die Kreishaupt- 
leute waren angewiesen, die ,Echtheit' der Leinwand zu unter- 
suchen, eine Verfügung, die jedoch nur auf dem Papiere stand. 
Es handelte sich nämlich darum, ob die Leinwand im In- oder 
Auslande bestellt sei, wobei die Bestimmungen des Patents vom 
Jahre 1750 eingehalten werden sollteu. Auch Hausleinwand 
musste beschaut und gestempelt werden. Durch Verordnuqg 
vom 27. Februar 1764 wurde das Ellenmass der zum inländi- 
sehen Verkauf bestimmten Leinwand auf 60 Ellen, für die nach 
dem Auslande bestimmte Waare auf 58 Ellen festgesetzt. Die 
erstere sollte zur besseren Unterscheidung mit dem ganzen, die 
letztere hingegen mit dem halben böhmischen Löwen bezeich- 
net werden. Schlechte und übel qualificirte Leinwand sollte 
dem Eigenthümer zurückgegeben und weder mit dem halben, 
noch mit dem ganzen Löwen bezeichnet^ sondern blos als eine 
liederliche Waare mit einem NB signirt werden. * 

Die rich%e Vertheilung der Gewerbe in Stadt und Land 
bildete in der zweiten Hälfte der Regierung Maria Theresias 
den Gegenstand eingehender Erörterung. Der Ansässigmachung 
von Gewerbetreibenden und Fabrikanten in den kleinen Land- 
städten wurden Schwierigkeiten bereitet, indem die Ausübung 
des Gewerbes an gewisse Bedingungen geknüpft wurde, deren 
Erfüllung von Magistraten und Dominien gefordert wurde. 
Die Kaiserin wünschte die Gewährung von Erleichterungen, um 
in den Landstädten das Aufkommen der Gewerbe zu befi^r- 
dem. Ihrer Anregui^ Folge leistend, wurde die Frage, .durch 
welche Mittel die Verlegung von Fabriken und Manufacturen 
in die Landstädte bewerkstelligt werden könnte, in Erwägung 
gezogen. Es könne von Seite der Behörde nichts geschehen, 
lautete das erstattete Votum, als den Weg zu bahnen, Hinder- 
nisse zu beseitigen, etwaige Begünstigungen zu gewähren, 



' Instruction für dio neuen Beschaumeister vom 1. Januar 1752. 
' Protokoll vom 16. September 1764. 



41 

dem freimlligon Zuge nicht entgegenzutreten, da man sowt 
aof ungewisae SeitenBtrassen gerathen wtlrde. Der Zug gehe 
nun einmal in die grossen Städte^ und man getraue sich nicht 
einzugreifen und die Gewerbetreibenden in die Iiandstftdte 
au lenken* JSrst mUsee der Haupistannn Wurzel fassen^ ehe 
mch die Aeste verbreiten können. Nicht alle Gattungen von 
Fabriken kennen ausschliesslich in der Stadt oder auf dem 
Lande betrieben werden* Jene Fabriken, welche grössere 
Aufsicht erheischen und daher sorgßütig beschaut werden 
müssen^ der Beihilfe und Mitwirkung anderer Gewerbe be- 
dürfen, mit den Verlegern beständiges Einvernehmen pfle- 
gen müssen und sich mich dem wechselnden Geschmack zu 
richten haben, sind für die Landstädte nicht geeignet, z. B. 
Seidenzeugfabriken, Galanterieerzeugnisse, Band-, Borten- und 
Stiekarbeiter, Hutmacher und Strumpfwirker. Durch Ueber- 
leitung aus den Städten auf das Land würden überdies die 
ConsumtionsgefUle der Hauptstädte vermindert werden. Da- 
gegen gehören auf das Land Spinnereien und Webereien von 
Tuch und Leinen, Stahl-, Eisen-, Messingfabriken u. a. m. Die- 
sen Auseinandersetzungen stimmte die Kaiserin nicht gan^B bei. 
Sie gab zu, dass das Commerzdirectorium gute Ursachen habe, 
,den Anfang deren Fabriken in der dahiesigen Stadt und deren 
nahen Gegenden anlegen zu lassen', sie stimmte den über die 
Beschau, über die Verbindung mit den Kaufleuten und über 
die Berücksichtigung des Geschmacks dargelegten Ansichten 
bei, fügte aber hinzu, ,dass darauf zu sehen sei, dass diejenigen 
Gewerbe, welche in den kleinen Landstädten fortkommen kön- 
nen, dahin geleitet würden'.* Auch war sie über jene Ge- 
werbe, deren Standort in kleinen Städten wohl am Platze sei, 
zum Theil anderer Ansicht, denn Hutmacher, Strumpfwirker 

' EUne kaberliche Weisung besagte, dass, da wegen Theaerong der Lebens- 
mittel in einer volkreichen Hauptstadt die Fabriken niemals anlkom- 
men kennen, weil die Fabricate allzu tbeuer würden, wäre zu bedenken, 
dass dabier (in Wien) keine Fabrikanten mehr niedeigesetzt, vielmehr 
darauf fUrgedacht werde, wie die bestehenden Fabriken in thunlicher 
Art nach und nach in die Landstädte versetzt werden. «Erkenne loh die 
gute Ursachen, welche das Gommerciendirectorium bewogen haben, den 
ersteren Anfaiig deren Fabriquen in der hiesigen Stadt und deren nahen 
Gegenden anlegen zu lassen; dasselbe ist weiters darum recht daran, 
das« jene Fabriquen, welche eine mehrere Nachsicht und Beschau, so- 
wi^ die Beihülfe anderer Professionisten erfordern, mit deren Verlegern 



42 

und Seidenzengmacher gehörten ihrer Ansicht nach in die 
Landstädte^ denen durch Verwohlfeilong der Waaren aufge- 
holfen werden könnte^ ^denn in regula ist es allezeit besser, 
wenn neue Fabriken zwar nicht gezwungen, aber angeleitet 
werden, sich auf dem Lande zu etabliren'. ' Auch die Strumpf 
Wirkerei sollte einer Weisung der Kaiserin zufolge in den Dorf- 
sch^ften und nicht in den Städten eingeführt werden, ,weil fUr 
derley Arbeiten der Bauer zu einem geringeren Preise ver- 
wendet werden könne^ Sie hielt daran fest, dass von Seiten 
der Regierung etwas geschehen könne und müsse. Sie ver- 
langte nach eingeholten Erklärungen der Landesstellen einen 
Antrag, wie das Unterkommen der Manufacturen und Fabriken 
in den Landstädten thunlichst zu befördern sei, * und gab auch 
die Mittel an, wie dies geschehen könne. Es bestehe, schreibt 
sie, in den niederösterreichischen Städten die Anordnung, dass 
Niemand als Bürger aufgenommen werden dürfe, wenn er nicht 
ein Haus angekauft habe; da nun angehende Fabrikanten die 
Mittel dazu nicht haben, daher von der Aufnahme in die Städte 
indirect ausgeschlossen seien, habe der Commerzienrath mit der 
Kanzlei zu überlegen, wie diese Hindemisse aus dem Wege zu 
räumen seien.' 



ein beständiges Einverstftndniss und Abrechnung unterhalten, und sich 
nach dem immer abwechselnden Geschmack der Hauptstadt gerichtet 
werden muss, auf dem Land oder in kleinen Städten sich ausser ihrer 
Lage befindeten, dannoch aber hat dasselbe darauf zu sehen, dass diese 
Fälle nicht überschritten, sondern die übrige Fabricanten, welche in 
kleinen Städten aufkommen mOgen, und unter welche die Hutmacher 
und Strumpfwirker, wie auch ein Theil deren Seidenzeugmachem mit 
gehören, dahin geleitet, und darmit nebst der Wolfeilung in der Waare 
auch deren Landstädten aufgeholfen werden, dann in regula ist. 

> Protokoll vom 28. Juni 1761 rep. 30. September 1761 und die dazu ge- 
hörige Resolution. 

* 9. NoTomber 1761. 

' Kaiserliche Entschliessung auf den Vortrag vom 20. October, rep. 6. No- 
vember 1762: Ich genehmige das Einrathen, doch ist diese Fabrique 
nicht hier in Wien, sondern in einer Landstadt zu errichten und da bey 
den mitleidenden Städten in Niedösterreich die Anordnung bestehet, dass 
keiner in diese als Bürger eingenommen werden darf, er habe denn mit 
Ankaufung eines Hauses sich posessionirt gemacht; die neu angehende 
Fabrikanten aber dazu die Mittel nicht besitzen, folglich per indirectum 
von der Einnehmung in diese Städte ausgeschlossen sind, so hat der 
Commercienrath mit der Canzley das Vernehmen zu pflegen, wie dieses 
Impedimentum in allen Stücken am anständigsten zu beheben sejn 



43 

In der nächsten Zeit wurden wohl einige Massnahmen in 
Vorschlag gebracht. In der Umgebung von Wien hatten sich 
auf dem Lande einige Gewerbe angesiedelt, die mit ihrem Ab- 
satz natttrh'ch auf die Hauptstadt angewiesen waren. Nun 
mussten dieselben, wenn sie daselbst Ein- oder Verkäufe mach- 
ten, Ausfuhrzölle für den Rohstoff und Consumzölle bei der 
Einfuhr nach Wien zahlen, konnten daher mit den in Wien 
wohnenden Gtewerbsleuten nicht concurriren. Die Gleichstel- 
lung der Landfabrikanten in Bezug auf ihre Erzeugnisse wurde 
von der Kaiserin verfügt. ,In Berichtigung dieses so wichtigen, 
mit dem Wohle des Staates so eng verknüpften Gegenstandes,* 
heisst es in einer kaiserUchen EntSchliessung auf den Vortrag 

mOge? worüber mir sodann das gemeinschaftliche Gutachten heraufzu- 
gehen sey. ESs wird nun zwar nach meiner wegen des Käme! genom- 
menen EntSchliessung, dass dieser mit seiner Fabrique in eine deren 
mitleidenden Städten gesetzt werden solle, dem Janner wegen dessen 
noch fürdauemden Priyilegii kein Eintrag gethan, jedoch hätte darauf 
▼on Seiten des Commerzienrathes die Rücksicht genommen werden sollen, 
indem den Fabrikanten das einmal ertheilte Wort heilig zu halten und 
damit das allgemeine in Commerziabachen so n($thige Vertrauen zu be- 
gründen seyn will, und da die Erforderniss an derley Bändern so gross 
ist, dass solche von einer Fabrique nicht kann verschaffet werden, dem 
Janner es aber nur an Wissenschaft einer g^chickten Manipulation ge- 
bricht, so ist dahin fUrzudenken, wie solche ihme beygebracht, somit 
diese Fabrique für ihren Verfall bewahret werden mOge. Schliesslichen 
ist dem Kamel der Auftrag zu machen, dass er trachten mOge, noch einen 
Fabrikanten für das Land Tyrol zu verschaffen. — Kaiserliche Resolution 
auf ein Votum des Hofcommercienrathes, ddo. 27. September 1763, be- 
treffend die Befreiung der in den mährischen Landesstädten sich nieder- 
lassenden Fabrikanten von dem Gewerbsbeitrage. Da das Absehen 
dahin gehet, um die Fabrikanten in die Städte einzuziehen, und darmit 
diese wiederum zu bev($lkem, in der Folge aber die Accisen erträglicher 
zu machen; so ist indistinctim allen Fremden und innländischen Fa- 
brikanten, so in eine Landes-Stadt einziehen, sie mOgen eine neue oder 
allschon bestehende Fabricatur betreiben, eine fUn^ährige Freyheit von 
der Gewerb-Steüer zuzugestehen, dieses Beneficium aber auf die Zeit 
von fünf Jahren zu beschränken, und von solchen jene auszuschliessen, 
welche von einer Stadt in die andere wandern. "Ea wäre zu wünschen, 
heisst es in einer Entschliessung auf den Vortrag vom 22. Januar 1767, 
dass mehrere Fabricaturen, die ein grösseres Personal erfordern, auf das 
Land oder in die andern Erbländer übersetzt werden könnten, wodurch 
die Waaren um Vieles wohlfeiler erzengt werden und auch den Vertrieb 
nach Aussen finden konnten; auch würden dadurch die ausländischen 
gleichen Waaren, ohne eines Verbotes zu bedürfen, um so gewisser von 
den Erblanden abgehalten werden. 



u 

yom 3. December 1762, ^hat der Commerziencath ein ganzes 
und in allen Theilen ausgiebiges System zu yerfassen^ über 
dessen Thunlichkeit und DurcfafUhrbarkeit mit der Banco- 
deputation das Vernehmen zu pflegen, und Mir das Elaborat 
baldmöglichst vorzulegen, indem Ich solchem mit vielem Ver- 
langen entgegensehe, um die bis nun so mehrfidtig vorgekom- 
menen Vorschläge einmal in Elrßillung gesetzt zu wissen/ Sie 
wird nicht müde, in der Folge manchmal auf diesen Gegenstand 
zurückzukommen, und gewährt den Anaiedlem auf dem Lande 
eine fUn^ährige Freiheit von der Besteuerung. ^ Im April 1765 
fordert sie, ihr endUch einen ,Hauptvortrag* vorzulegen, wie 
die Unterbringung der Manufacturen in die Landstädte zu be- 
günstigen sei. 

Bereits im Jahre 1764 wurde verfügt, dass Fabrikanten 
und Manufacturisten, welche in landesfUrstliche Städte und 
Märkte einziehen, nicht verhalten werden können, Häuser zu 
besitzen; das Bürgerrecht sei gratis zu ertheilen;* die Bürger- 
und Meisterrechtstaxen wurden herabgesetzt. ' Zwölf Jahre 
später, am 30. März 1776, wurde an die gesammten Länder- 
stellen ein Normale erlassen, welches besagte, dass geschickten 
Commerzprofessionisten, Fabrikanten, Manufacturisten und Arbei- 
tern die Gelegenheit, sich ehrlich zu ernähren, möglichst zu 
erleichtem sei. Tüchtigen und guten Gesellen sollte die HoflF- 
nung zur Erlangung des Meisterrechtes mit geringem Aufwände 
ermöglicht werden, die Eingeborenen daher nicht blos von der 
Auswanderung abgehalten, sondern auch fremde geschickte 
Arbeiter zur Einwanderung bewogen werden, überhaupt aber 
durch erleichterte Nahrungswege die Vermehrung der Bevöl- 
kerung und die daraus folgende Ermunterung zur Erweiterung 
des Ackerbaues erzielt werden; Magistraten und Amtsobrig- 
keiten sollte gestattet werden, alle Commerzprofessionisten, Fa- 
brikanten und Manufacturisten, ohne sich an eine bestimmte 
Anzahl zu binden, aufzunehmen und denselben auf Verlangen 
das Bürger- und Meisterrecht in ihren Bezirken zu ertheilen. 
Die Magistrate und Dominien wurden angewiesen, sich von 
den bisherigen Vorurtheilen nicht leiten zu lassen und sich der 



^ Kaiserliche EntschUessung auf das Protokoll Tom NoTember 176Sw 

« Cod. Anstr., VI, 818. 

* Kaiserliche Entschliessong vom 14. Juli 1766; Cod. Aostr., VI, 823. 



46 

Anfiiahine solcher Arbeiter nicht zu widerBetEen. Ausdrücklich 
wurde auch anbefohlen^ Arbeitern, wenn sie ihre Tüchtigkeit 
gehörig ausgewiesen haben, die Ertheilung des Meidter- und 
Bürgerrechtes nicht zu erschweren, sondern auf alle nur immer 
billige und ihunliche Weise zu erleichtem. Den Beschwerde- 
fthrem wurde der Recurs offen gelassen. Zur Erleichterung 
der Meisterrechtsbewerber wurde femer verfügt, dass dieselben 
von dem Nachweise eines Vermögens, welches zur Anschaffung 
der nöthigen Handwerksgeräthschaften und des ersten Material- 
verlages erforderlich sei, enthoben werden sollen, es genüge, 
wenn sie hinreichende Beweise ihrer Professionstüchtigkeit dar- 
gelegt haben. 

Die letzten Verfllgungen über die Erleichterung der 
Niederlassung von Fabrikanten, Commerzialprofessionisten und 
Manufactaristen erfreuten sich nicht allerorten günstiger Auf- 
nahme.^ Die oberösterrdchischen Stände waren der Ansicht, 
dass die Vermehrung der Fabrikanten nicht nur keinen Nutzen 
habe, sondern vielmehr schädliche Folgen nach sich ziehe; die 
Anzahl der Fabriken müsse mit der Menge der Consumenten 
and Käufer in ein billiges Verhältniss gesetzt werden; der 
ruhige Bentz ginge durch eine Vermehrung verloren; der bis- 
herige Besitzer werde ,eines Capitals entsetzt^; die Häuser, 
worauf die Gewerbe radieirt seien, verlieren ihren Werth; die 
Haasinhaber seien dann ausser Stande, die bisherigen Abgaben 
zu leisten; die Anzahl der Professionisten und Fabriken sei 
fast zu gross, die zahlreichen Fallimente geben hievon Zeug- 



* Die Bestrebangen der Regierung, in den Städten die Fabriken empor- 
znbringen, fanden ebensowenig Anklang wie später die Versuche, die- 
selben anf das Land eu verpflanzen. So sprach sich der Wiener Stadt- 
rath gageo die Gründung von Fabriken in den Vorstädten ans, wogegen 
Graf B. Chotek in einem Vertri^e bemerkte: der Stadtrath unlorziehe 
Gegenstände seiner Beurtheilung, wovon er keine Kenntniss habe; dem 
gemeinen Wesen und noch mehr dem aerario civico sei daran gelegen, 
in den hiesigen Vorstädten die Fabriksarbeiten emporzubringen. (Aus 
einem nndatirten Vortrage [1766?].) Als später der niederOsterreichische 
Conseaa am 28. Juli 1763 angewiesen wurde, anf die Eneogung dier 
SeidenstrOmpfe nnd Seidenhüte in den Landatädten Bedacht zn nehmen, 
machten die büiigerlichen Seidenstrumpfwirker Vorstellungen : es befanden 
sich in Wien 64 Meister nebst 60 (Gesellen und so viel Jungen ; das Ge- 
schäft sei schlecht, 80 Meister würden für den Consum genügen. Auch 
die Hutmacher machten Einwendungen. 



46 

niss; auch drohe die Gefahr, ,da die Bemühungen der bürger- 
lichen Gewerbe und Manufacturen mit den harten Arbeiten des 
Feld- und Ackerbaues in keine Vergleichung gesetzt werden 
können, dass eine zahlreiche Menge sonderheitlich von dem be- 
mittelten Landvolk den Pflug verlassen und in Hoffnung, als 
Bürger der Recrutirung zu entgehen und ein gemächliches 
Leben zu ftihren^ sich der Erlernung der Gewerbe widmen 
werde'; die Landwirthschaft werde abnehmen, die Gewerbe zu- 
nehmen. ^ 

IV. 

Der Zunftzwang wurde bei einzelnen Gewerben gemil- 
dert und später ganz beseitigt, namentlich bei der Weberei. 
In Böhmen wurde den Webern 1755 gestattet, sich auszuzünften. 
Eine Ausdehnung des Zunftwesens auf Gewerbe, bei denen es 
nicht bestand, wurde nicht gestattet; man sei nicht gewillt, 
heisst es in einer Weisung vom 15. Januar 1756, Gewerbe, 
welche den Zünften nicht einverleibt seien^ zünftig zu machen. 
Die Gewerbetreibenden erhoben nicht selten Vorstellungen gegen 
die freisinnigen Massnahmen der Regierung. Als z. B. im Jahre 
1768 die Erzeugung von Bändern freigegeben wurde, hatte die 
Behörde fast alljährUch Bittgesuche abzuweisen, welche Wieder- 
einftihrung des Zunftzwanges verlangten. Zünfte mit geschlosse- 
nem Meisterrecht beklagten sich, dass ,neue Meister^ zugelassen 
werden, ,wodurch viele Professiones geschwächt und die Bür- 
ger ausser Nahrungsstand gesetzt werdend In Böhmen, wo die 
Weberei von Zeugen an Ausdehnung gewann, wendeten sich 
viele Leinenweber derselben zu. Die Frage wurde erörtert, ob 
jedem Weber freigestellt sein solle, alle Gattungen von Leinen- 
und WoUwaaren zu verfertigen. Der böhmische Consess sprach 
sich dagegen aus, da dadurch nur Schleuderei und Hemmung 
des Handels entstehen würden. Die Leinenweber würden von der 
Verfertigung der guten Leinwand abgezogen und zu schlechten 
WoUwaaren angeleitet werden; nur jenen solle die Erlaubniss 
ertheilt werden, welche darthun, dass sie nebst ihrem Gewerbe 
auch noch fUr eine andere Manufactur die Fähigkeit besitzen. 
Der Commerzienrath sprach sich damals dahin aus, den Leinen- 



1 Voratellang vom 4. Juni 1776, anterseichnet Thflrbeim. 



47 

webem die Verfertigung von hsJbwoUenen und halbleinenen 
Zeugen zu gestatten^ und wenn sie zu Zeugmachem übertreten 
wollen^ nach abgelegter Probe eingezünftet zu werden^ auch 
möge ihnen wieder erlaubt werden, zur Leinenweberei zui'ück- 
zükehren; jenen, welc^ie besondere Kunst in einer oder andern 
Waarengattung besitzen, mögen Particulareoncessionen zum Be- 
triebe ertbeilt werden. Die Jungen und Gesellen, welche bei 
den erbländischen Zeugfabrikanten das Gewerbe erlernen, sollen 
nach erftdlter Lehrzeit und zweijähriger Arbeitszeit, ohne bei 
den Zünften au%edungen zu werden, freigesprochen und für 
ssonftmässig angesehen, folglich nach abgelegter Probe zur zunft- 
massigen Meisterschaft zugelassen werden. Die Kaiserin ge- 
nehmigte diese Anträge.^ 

Eünige Jahre später wiu*de der niederösterreichische Con- 
sess aufgefordert^ ein Gutachten zu erstatten, ob bei den Cotton- 
webem nicht die Zünftigkeit aufzuheben sei. * Die Wiener 
Weber sprachen sich gegen die beabsichtigte Einschränkung 
des Zunftzwanges aus. Der Commerzienrath wies jedoch darauf 
hin, dass in den anderen Ländern gerade die Freigebung die 
gedeihlichsten Folgen gehabt habe, nie würde der Manufacturen- 
stand in Böhmen, Mähren und Oesterreich ob der Enns einen 
solchen Aufschwung gewonnen haben.' Durch die Aufhebung 
des Zunftzwanges erwartete man eine Erweiterung der betreffen- 
den Industrie, indem derselben dadurch eine grössere Anzahl 
Arbeiter zugeführt und der Arbeitslohn erniedrigt würde, 
die Waare daher in Folge eines billigeren Preises Absatz nach 
Aussen finden dürfte. Die Tendenz war in der That in den 
nächsten Jahren darauf gerichtet, die Zünfte wo nicht gänzlich 
aufzuheben, doch wenigstens bei solchen Gewerbschaften, die 
ihrer Natur nach einer Erweiterung f^diig sind, eine grössere 
Freiheit zu gewähren. Der Antrag wurde gestellt, in Wien und 
innerhalb der Linien die Befugniss auf eigene Hand oder mit 
Gehilfen zu arbeiten, ledigUch nach Erfordemiss der Umstände 
blos den verheirateten Gesellen, mit Ausschluss der ledigen, zu 
ertheilen, ihnen zu erlauben, ihre Weiber und Kinder beiderlei 

' Bericht des böhmischen Consesses Tom 16. Juni 1764. Protokoll des 
Commensienrathes vom 31. Juli 1764, in Folge dessen Weisungen an die 
Behörden in Böhmen, Mfthren und Innerösterreich am 6. September 1764. 

' An den niederOsterreiohischen Consess, 4. Febmar 1768. 

* Vortrag des Commerzienrathes vom 9. April 1768, unterzeichnet Chotek. 




Die 

sof «fem haaie £e Erihnbei» enkeSt » nJca , ffer Fabriken 
n»i Verk'i K T aHcnn oder sk CirliiK'a sa jufcciieii , sie nftchte 
j^doeb eineB üutei»t i a ed j.wi s diee iubuialeten imd lefigeo 
(ßtBdhm^ indem fetzteren vcht gcaUttet sein «Ate, auch We%8- 
penonea zo Tenreaden. ' ADen sei müa s ih iedglcs <Be firknlh 
mm zo ertlieilefi, Jmgen aafiielmieii und denselbeii Ldiii)riefe 
naeb roHendeten Lehjakren ao afei t i gc n sa können. Nielil blos 
die Zttnfie sprachen sich, wie erwifant gegen die Freiheit der 
Arbeit aits, auch die Fabriken machten Vorstelhingen. So bat 
die Linker Fabrik seit 1771 wiederholt^ den Wd>em in Ober 
Österreich nicht za gestatten, gc w is s e Gattnngen woDener Zeuge 
zn ver fer tigen, sondern aOein der Fabrik ea überlassen. Zur 
Verbesserung nnd E rwei t era ng der Leinwandmannfiictar in 
Mfthren wurde Terftgt, dass aDen zünftigen nnd onzünf^en 
Webern das Unterkommen im Lande erieichteit werde, weldie 
dnreh Probestücke darthnn können, dass sie ihre Knnst im Ver 
fert^en der znm inbndischen und aaslän£sehen Handel be- 
stimmten Leinenwaaren gut verstehen.' In Hinkunft, lautete 
schon eine Weisung an die Behörden in Mähren, Böhmesi tmd 
Schlesien vom 30. Juli 1765, sei es jedem TuchmachergeseHen 
erlaubt, so viele Oesellefi, Stühle und Jungen zu halten, als er 
seinem Nahrungstrieb fürträglich zu sein selbst ermessen werfe, 
dergestaR, dass gegen sothane Erlaubniss die etwa bisher be- 
standenen Privilegien, Zunftartikel, GewcAnheit oder Bnve^ 
ständniss der Meisterschaft ftlr unkräftig erklärt Verden. Dss 
Verbot, auf Mühlsttthlen zu arbeiten, welche die Handwerks- 

> Vortrag Tom 19. Mai 1769. 

* An den Consess in MUhren, 4. Mäns 1771. Bei manchen Zflnften wMen 
die bisherigen Bescbränlrangen aufgehoben; so durfte z. B. in l^aujedo' 
angeaemene Meister blos 4 Stück Tnch monatlich verf<ertigen; Sn BOlöiidn 
dtirfte ein Tnchmachennelster blo« anf einem Stühle Arbeiten. ' 
Igtauer Tnchmaohensunft, Sk 124 nnd 12S. 



1*1 



49 

artikel der Posamentirer vorschrieben, wurde 1770, aus die Aus- 
breitung der Bandfabrieation hindernd, beseitigt.^ 

Die Beschäftigung der Frauen bei den Gewerben wurde 
angefochten. Die Leinwandordnung vom Jahre 1750 enthielt 
die Bestimmung, dass ,den Weibsbildern nicht verboten sein 
solle, bei den zunftmässigen Leinenwebem oder Wittiben mit 
dem Lfcinwandmachen sich zu ernährend Die Kaiserin legte 
für die Verwendung weiblicher Arbeitskraft besonderes Inter- 
esse an den Tag. Als sich die Seidenzeugmacher beschwer- 
ten, dass der Fabrikant Gatzi eine Weibsperson in ihrer eigenen 
Wohnung zur Taffeterzeugung verwende, bemerkte Maria The- 
resia: die wohlfeile Taffeterzeugung könne nur durch Weibs- 
bilder erzwungen werden, wie es in Frankreich und Italien 
geschieht. 

Bis in die Mitte der Sechzigerjahre hatte man dem Wan- 
dern der Gesellen ins Ausland bei den meisten Gewerben nicht 
nur keine Schwierigkeiten entgegengesetzt, es wurde als er- 
spriesslich angesehen, wenn dieselben fremde Orte aufsuchten, 
um die Fortschritte ihres Handwerks in dem benachbarten 
Sachsen und Preussen kennen zu lernen. Nur bei einigen 
Gtewerben wurde die Auswanderung tüchtiger Arbeiter zu 
hindern gesucht und zahlreiche Weisungen an die Behörden 
verftgen, auf Werber zu fahnden und dieselben zu be- 
strafen. Namentlich dem Wegziehen der böhmischen Glas- 
arbeiter sollten Schranken gesetzt werden.^ Die ,Abwendung 
d^ EmigrantenUbels^ scheint jedoch nicht geglückt zu sein, 
obgleich den Arbeitern mancherlei Begünstigungen zugestanden 
worden. Zu wiederholten Malen wurden Verbote bezügUch der 
Auswanderung von Eisenarbeitem, Sensenschmieden, Künstlern, 
Fabrikanten und Stahlarbeitern erlassen.' Als man im Jahre 
1763 Kunde erhielt, dass in Preussen Anstalten zur Hebung 
der WoUmanu&ctur getroffen werden, wurde die Behörde in 
Schlesien beauftragt, darauf Acht zu haben, dass etwaigen An- 
erbietongen nicht Folge gegeben werde. Zinzendorf sprach sich 
dahin aus, das beste Mittel, die Auswanderung zu verhüten, 
sei, einem jeden Individuum sein Vateriand so angenehm als 

' KaUerlicbe EDtschliessnn^ auf deu Vortrag vom 19. November 1770. 
* Kaiserliche EntBchlieasung rom 12. August 1762 und 19. Juli 1758, oft 

wiederholt. 
' 23. Juni 1763, später wiederholt. 
AiekiT. LXXXl Bd. I. Hilft«. 4 



50 

m(^lich zu machen. Denn die Ursachen der Auswandenmg 
der Glasarbeiter liegen nicht in dem Mangel an Arbeit, sondern 
darin, dass die Gesellen zu Sclaven der GKasmeister gemacht 
werden und ihnen von ihren Arbeitgebern die schlechtesten 
Lebensmittel zu theuren Preisen verkauft werden. Allein mit der 
Zeit erwachten Zweifel über die Erspriesslichkeit des Wandern». 
Sämmtliche Oonsesse wurden am 7. November 1767 aufgefor- 
dert, sich darüber zu äussern, ob das Wandern der Reicht- 
zünftigen und der Handwerksgesellen in der That zum Besten 
des Staates und zur Aufnahme der Manufacturen gereiche, oder 
ob nach dem Beispiele anderer Länder das Wandern der Com- 
merzialgesellen zu verbieten sei. In Niederösterreich sprachen 
sich die Seidenzeugmacher, Seidenftlrber, Dünntüchlmacher fllr 
das Wandern aus. Obgleich die Gesellen hiezu nicht gezwun- 
gen werden, so sei es doch nützlich, da auf diese Weise manche 
Vortheile der Profession in der Fremde kennen gelernt würden. 
Auch die meisten anderen Gewerbe waren dieser Ansicht. Es 
scheint jedoch zur damaligen Zeit zu einem Abschlüsse dieser 
Enquete nicht gekommen zu sein; bei der Kaiserin wurden Be- 
denken rege, und sie verlangte die Erstattung eines Gutachten«. ' 
Abermals ergingen Weisungen an die Behörden um Darlegung 
ihrer Ansichten. Der schlesische Commerzconsess sprach sich 
gegen eine jede in dieser Hinsicht zu ergreifende Massregel 
aus, welche weder dem Staate noch den Gewerben Nutzen 
bringen würde, im Gegentheil sollte man den auswandernden 
Professionisten jene Orte anweisen, wo ihr Handwerk blühe und 
mit der grössten Geschicklichkeit betrieben werde. * Ganz ent- 
gegengesetzt lautete das Gutachten in Mähren. Die Folgen der 
Auswanderung seien schädlich; die geschickten Landeskinder 
gehen ins Ausland, die ungeschickten und unerfahrenen bleiben 
zurück, auch werden viele in den fremden Ländern ,aufgerodet' 
d. h. zu Soldaten gemacht. Zeige doch die Erfahrung, dass 
eine bessere Einrichtung der heimischen Fabriken nur durch 
die Heranziehung fremder Manufacturisten bewirkt werden 
könne, woraus folge, dass die bereits seit mehr ab 100 Jahren 
übliche Wanderung wirkungslos sei.' Das Wandern ins Aus- 
land sollte den Gesellen freistehen, aber Niemand dazu ge- 

* Resolation auf das ProtokoU Tom 19. Mars 1770. 

* Gutachten Tom 15. Januar 1770. 

* QuUchteu rom 11 Februar 1770. 



61 

zwangen werden, * lautete eine Verfligung an alle Länderstellen 
mit Ausnahme Schlesiens. An das königliche Amt in dem 
letztgenannten Lande erging erst eine ähnliche Weisung am 
5. Februar 1780. Die unterlassene Wanderung sollte bei der 
Meisterrechtswerbung kein Hinderniss bilden und hiefUr keine 
Dispensationstaxe gefordert werden. 

Zu den socialen Fragen des vorigen Jahrhunderts gehörte 
die Verheiratung der Gesellen, die bei vielen Handwerken ver- 
fehmt war, da die verehlichten keine Arbeit fanden. Die Kai- 
serin interessirte sich lebhaft für die Frage. Sie fragte an, was es 
damit ftir eine Beschaffenheit habe, dass verheiratete Gesellen 
nicht mehr arbeiten können; dieses hindere die Population: es 
sei mithin ein Gutachten zu erstatten, wie sothaner Abusus ab- 
zustellen sei. In breitspuriger Weise setzte ihr die Hofkanzlei 
auseinander, dass sehr viele Gewerbe regelmässige Sammlungen 
einleiten oder Beiträge von ihren Gliedern erhalten, um solchen 
Gesellen, die keine Arbeit haben oder aus dem Auslande kom- 
men, ein Geschenk zu verabreichen. Diese sogenannten ,ge- 
schenkten Gewerbe* dulden keinen verheirateten Gesellen, da 
die Gaben für eine FamiUe nicht genügen. Femer bestünde 
eine enge Verbrüderung zwischen den hiesigen Zünften und 
jenen des Reiches. Würde in Oesterreich ein Gebrauch einge- 
führt, der sonst nicht übUch sei, so würden die Gesellen im 
deutschen Reiche keine Arbeit erlangen. Erst wenn man durch 
HeranbUdung taugUcher Jungen tüchtige Gesellen erzügelt haben 
werde, wtlrde man auf die ,Reichsge8ellen' verzichten können. 
EHe Auskunft befriedigte die Kaiserin augenscheinlich nicht, 
denn die unverheirateten Gesellen konnten so lange nicht warten. 
Sie schreibt auf den Vorti'ag, dass die Hofkanzlei mit dem 
Commerzienrath überlegen solle, ,ob nicht bei einigen Hand- 
werken den Gesellen das Heiraten erlaubt oder wenigstens in 
casibus specificis dispensirt werden möge, ohne dass einem sol- 
chen verheirateten Gesellen die Arbeit bei den Meistern ver- 
hindert werden solle.'* 

Eine Umfrage ergab, dass folgende Gewerbe das Heiraten 
nicht gestatteten: Posamentirer, bürgl. Bandmacher, Gelbgiesser, 
Gürtler, Huterer, Messerschmiede, Rothgärber, Nadler, Papier- 

1 Allerhöchste Re8olation vom 20. Mars 1776, Erlass vom 5. Febrnar 17S0 

an die Länder. 
* Vortrag der Hofkanzlei Vbm 26. An^^ust 1763. 

4» 



mfiUer, Schw 
her, Wolbtru 
schmiede, Zi: 

Es d&at 
den wurde. 
AuBarbeitnng 
den Gesellen 
abgestellt we 
schon von Kl 
licher HntwoJ 
Die Ufinehini 
werksmeister 
ffe wisser zu ^ 
derlei Qeselle 
verheiratet, v 
ipso facto gle 
werden eolle. 
,der Unfiig b 
den vorheirat 
KeUbt werde, 
werksordnunf 
net, dus bei 
Handwerken 
ledigen Geael 
sieh weigern, 
denselben ihr 
und die Behi 
Q«Bel]eD, we 
wollen oder b( 
reden, lu schi 
ftngniss^ Zu< 

Zu ein^ 
Arbeiter, die 
anderen Fabi 

■ Coa. A«*tr.. 
* BÜMkBimrii 



53 

Fabrik wendete sich an die Behörde^ hieRir eine Strafe von 
100 Ducaten festzusetzen und die Verpflichtung auszusprechen, 
dass die Fabriksinhaber die Arbeiter auf eigene Kosten zu- 
rückzustellen haben. Wer einen Arbeiter zur Mittheilung von 
Fabriksgeheimnissen verleite, sei mit 300 Ducaten zu bestrafen; 
endlich sollten Fabriksdiebstähle vom Landgerichte pflichtge- 
mäss zur Verhandlung genommen werden. Aehnliche Begehren 
stellten auch einige andere Cottonfabrikanten, wie Schwechat 
und Eettenhof, die unter sich bezttgUch der Arbeiter und der 
Fabriksgeheimnisse ein Abkommen getroffen hatten. Der Hof- 
commerzienrath war entschieden ftlr eine ErfllUung der Wün- 
sche; Graf Kollowrat wies jedoch auf die Schädlichkeit einer 
staatlichen Verfügung hin. Die Arbeiter, legte er dar, werden 
in eine Art Sclaverei von den Fabrikanten gerathen, geschickte 
und fUhige Arbeiter zur Auswanderung gezwungen; denn die 
Fabrikanten werden einem geschickten Arbeiter nie den Ab- 
schied ertheilen. Die Kaiserin mochte ohne Anhörung der ober- 
sten Jnstizstelle keine Entscheidung treffen und forderte auch 
die Erstattung eines nicht blos auf Cottonfabriken beschränkten 
Gutachtens. Die oberste Justizstelle sprach sich dahin aus, 
Hass das von den Cottonfabrikanten getroffene Einverständniss 
in Betreff des Fabriksgeheimnisses auf eine bestimmte Zeit ge- 
nehmigt, ohne jedoch öffentlich verkündigt, keineswegs aber 
auf Fabriken in anderen Ländern angewendet werde. Und 
ein Jahr später stellte die Justizstelle auch den Antrag: dass das 
Einverständniss der Fabriken wegen Aufnahme der Fabriks- 
arbeiter, sowie wegen Erforschung des Fabriksgeheimnisses, 
letzteres auf drei Jahre, genehmigt werde, jedoch müsse die 
Klage binnen sechs Monaten vom Tage der Betretung einge- 
reicht werden. Was den Fabriksdiebstahl anbelangt, genügen 
die Bestimmungen der Theresiana (Art. 94, §. 11). Die Kaiserin 
genehmigte das Einrathen, jedoch mit dem Zusätze: ,Die nach 
den gemeinen Rechten jedem Beschädigten zustehenden For- 
derungen werden durch dieses Privateinverständniss, welchem 
alle erbländischen Fabriken nach eigenem Ermessen beitreten 
können, weder beschränkt noch aufgehoben.' ^ 

kein Geselle ohne ordentlichen Abschied von seinem Principal, bei dem er 

in Arbeit gestanden, bei Fabriken und Handwerkern aufgenommen werde. 

^ Vortrag Kolowrats Tom 26. Juli 1773; Vortrag der obersten Jnstixstelle 

vom 21. Jnli 1774. — Auch die Altersversorgung wurde angeregt. Die 



54 



V. 

Bei den Bestrebungen^ die wirthschaftlicbe Thätigkeit in 
allen Theilen des Reiches zu fördern, hatte Maria Theresia auch 
ethische Ziele im Auge. ^An der Erziehung der Jugend ist 
Alles gelegen/ lautet ein in den kaiserliehen EntSchliessungen 
öfters wiederkehrender Satz. Lange bevor die epochemachende 
Verordnung vom Jahre 1774 erschien, welche grundlegend flir 
die Entwicklung der Volksschule war, ergingen Weisungen an 
die Handelsbehörde, das fachliche Unterrichtswesen, wie der 
moderne Ausdruck lautet, zu pflegen. 

Zui' Förderung der Spinnerei und Weberei wurden Spinn- 
und Webeschulen errichtet. In Böhmen hatte Chamarä auf die 
Nothwendigkeit der Errichtung einer Spinn- und Webschulc 
hingewiesen und von der Wiener Behörde die Genehmigung 
erhalten. ^ Klagen über die Mangelhaftigkeit des Gespinnstes 
beschäftigten in den nächsten Jahren wiederholt die Regierung, 



liietfigeu Fabriken gelaD^eu Bnm Wachsthunif hei^t es in einem Vor- 
trage des Commerzienratbes vom 6. März 1764, und es ereigne sich, daae 
GeHellen, die sieb durcb langjäbrige Arbeit yerdienntlich genuusbt haben, 
am Ende kraftlos werden oder wegen misslicben Gesundboitszustandes der 
Profession nicht mehr obliegen kOnnen. Die bedauemswerthen Leute bitten 
ohne Unterlass, auf ihre Versorgung mildherzig Bedacht zu nehmen. Der 
Commerzienrath überreiche derartige Gesuche der bOhmiBch-österreichi- 
sehen Kanzlei an die milde Stiffcung^ommission ; jedoch diese reflectirc 
hierauf wenig, wodurch den Künstlern und Fabriksgenoasen alle Lust und 
jeder Muth entfalle, da sie in ihren alten Tagen keine Versorgung haben. 
Man richte daher an die Kaiserin die Bitte, jene Personen, die bei den 
hiesigen Fabriken alt oder gebrechlich werden, mithin zur ferneren 
Arbeit untauglich seien, im grossen Armenhause vorzüglich anfznnehmen. 
Dies werde den Fabriksarbeitem neuen Muth erwecken, den Verarmten 
Trost und wohlverdiente Hilfe gewähren. ,Ich begnehmige diesen billi> 
gen Antrag*, schrieb Maria Theresia auf den Vortrag. 
' ,lTm die Spinner in der besseren Art der Gespunst zu einem dichten und 
gedrehten Faden, die Weber aber in Verfertigung schwerer Commerzial- 
leinwand und der feinen gezogenen Waare gehörig zu unterrichten', 
heisst es in der Instruction an Chamarö vom 28. Februar 1766. Der 
landesfürstliche Commisaär in Oesterreich ob der Enns, Graf Schlick, 
erhielt den Auftrag, ,den Spinnerinnen und Stickerinnen, welche die 
Bauernmägdlein von Ort zu Ort unterrichten, den nOthigen Gehalt an- 
zuweisen, auch zur Aufrischung der Jugend Prämien ausiuaetsen.' 
3. Angfut 1762. 



55 

und eine VerordnuDg vom 5. Juni 1765 besagte^ dass jede Per- 
son männlichen oder weiblichen Geschlechts^ die tauglichen 
Kinder inbegriffen^ welche binnen drei Jahren von dem Tage 
der Publioation in eine Fabrik oder öffentliche Spinnschule zur 
Erlernung der Flachs-, Hanf-, Baumwollen- und Wollspinnerei 
eingestellt werden, durch vier Wochen 2 kr. täghch aus der 
Commerzialcasse, und wenn sie die Fähigkeit vor dieser Zeit 
erlangen würden, den auf vier Wochen entfallenden Betrag als 
Prämie erhalten. Zahlreiche Weisungen der Kaiserin, theils 
Handschreiben, theils EntSchliessungen auf Vorträge und Raths- 
protokolle fordern die Förderung der Spinnerei auf dem Lande 
und in den Städten. Nach mannigfaltigen Beratliungen erschien 
am 7. November 1765 das sogenannte Spinnpatent. In allen 
landesfUrstlichen Städten und Märkten, wo die Spinnerei noch 
nicht eingeführt sei, soll in Spinnschulen Unterricht im Spinnen 
vom 1. October bis zum letzten März ertheilt werden; Schul- 
räumlichkeiten, Beheizung und Beleuchtung seien auf Kosten 
der städtischen Cassa beizustellen, einem Rathsmanne die Ob- 
sorge zu tibertragen ; der Magistrat wurde für die Durchführung 
der Normen haftbar gemacht. Für den Spinnmeister oder die 
Spinnmeisterin wurde 1 fl. wöchentlich aus der Landescommerz- 
cassa bewiUigt. Nicht nur die müssigen und armen Kinder, 
sowie Waisen, sondern auch die Kinder von Handwerkern von 
7 — 15 Jahren, die, der Spinnerei nicht kundig, von den Eltern 
entbehrt werden können, sollen in die Schide ,gestellt^ werden; 
wenn wiederholte Ermahnungen nicht helfen oder keinen Er- 
folg erzielen, sollen die Elltem oder Vormünder mit einem 
bürgerlichen Arrest von 2 — 3 Tagen und bei weiterer Wider- 
spenstigkeit mit schärferer Strafe belegt werden. Auch er- 
wachsene, in der Spinnerei nicht geübte Mägdlein, wenn sie 
nicht im Lohne dienen, sollen von den Eltern zum Besuche 
der Schule angehalten werden. ,Au8gelernte Kinder* seien dann 
von den Eltern oder Vormündern zu Hause zur Spinnerei an- 
zueifem. Der Spinnlohn ist den Kindern während der Schul- 
zeit zu verabfolgen, und zwar in den ersten vier Wochen täg- 
lich 2 kr. Auf dem Lande haben die Obrigkeiten für die 
Errichtung dieser Spinnschulen Sorge zu tragen. Für die. herr- 
schaftlichen Beamten, welche sich die Beförderung der Spin- 
nerei angelegen sein lassen, wurden Prämien zu 150, 100 und 
50 fl. bestinmit. Wo die Einleitung der Spinnerei von Demi- 



56 

nien, Obrigkeiten, herrschaftlichen Beamten nicht übernommen 
werde, solle es GemeincLen, Zünften und jedem Privaten frei- 
stehen, in den unterthänigen Städten, Marktflecken, Ortschaften, 
Dörfern und Bezirken derartige Schulen zu errichten. Ausser- 
dem wurde verfligt, dass den Gesellen bei verschiedenen Com- 
merzialzünften das Heiraten einer der Spinnerei oder einer 
anderen Manufacturarbeit kundigen Person gestattet werde; 
derartige Verehelichimgen sollen befördert, Müssiggänger und 
Bettler in Strafspinnhäusern untergebracht werden. Wiederholt 
wurde die Befolgung dieses Spinnpatentes eingeschärft, die 
Magistrate und Dominien zur Errichtung von Spinnschulen an- 
getrieben. Da die Brünner Tuchmanufactur, wie aus dem Be- 
richte des Commerzialconsesses hervorging, durch den Abgang an 
,genug8amer Spinnerei behindert wurde', erhielt das Gubernium 
die Weisung, die in dem Bezirke drei Meilen um Brunn gelege- j 

nen Dominien zur Herstellung von Spinnschiden anzueifem. ^ 



* 1. December 1768. Auf der oberösterreichisclien Harrach'schen Herr- 
schaft Freistadt wurde eine Spinnschule errichtet und bereitwiHig eine 
Remuneration gewährt. In Wien wurden Spinnschnleu errichtet sn 
fMatzelstorf, im Neu-Lerchenfeld, in der Rosnan und eq Erper (Erd- 
berg). Die erstere wurde im zweiten Jahre wieder au%ela88en, weil 
die Kinder nicht ^ezohen* werden konnten; im Lerchenfeld wurde die 
Schule durch das ,Weib des Commerzialbeschauers PuchbinderinS in der 
Rossau durch den ehemaligen kaiserlichen Trabanten und späteren Be- 
sorger der Armenkinderschule Josef Peckenlechner, in Erdberg durch den 
,ge Westen kaiserlichen Hatschier* Hannibal Lamberty besorgt. Die Lehrer 
erhielten 10 kr. per Tag, die Kinder in den ersten acht Tagen 2 kr., 
in den nächsten acht Tagen je 1 kr. per Tag. (Aus einem Schriftstücke 
vom 16. Februar 1768.) In Qraz werden drei Spinnschalen als vorzüg- 
lich gut gerühmt, die von zwei Zwimfabrikantinnen, ,die Liedlerin und 
die Tirmannin*, errichtet wurden. Femer befanden sich Spinnschalen 
für Flachsgam zu Frohnleiten, Brack, Wildon, Veitsberg, Leoben, Vor- 
demberg, Knittelfeld, Jadenburg, Mfirzzaschlag; Spinuschalen für Woll- 
garn in der Festung zu Graz und im Spinnhause zu Pettau, allein alle 
diese Schalen hatten mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Ma- 
gistrate und Obrigkeiten Hessen es an Eifer fehlen und die Eltern über- 
liessen ihre Kinder lieber dem Müssiggange, als dieselben zur Schule zu 
schicken; das Garn fand keinen Absatz, da sich in der ganzen Steier- 
mark kein Verleger oder Factor, auch kein Garahändler befand, den 
Schalen fehlte es an Flachs. In Krain wurden die Spinnschnlen be- 
dacht, insolange die Kinder den Spinnbeitrag erhielten, dann ,k6hrten 
die Kinder zu ihrem vorigen Lebenswandel zurück*. (An die Landes- 
hauptmannschaft in Krain, 9. August 1770.) 



I 



57 

Leider hatten diese Massnahmen nicht überall guten Er- 
folg. In Oberösterreich wurde das Spinnpatent nicht einmal 
veröffentlicht^ nachdem von der dortigen Landesbehörde vor- 
gestellt worden war, dass die Errichtung von Lehrschulen zur 
Unterweisung in der ,Radlgespunst^ nicht nothwendig sei, da in 
den Gebieten jenseits der Donau die Bevölkerung der Spinnerei 
^ergeben^ sei und in der Winterszeit Knechte und Mägde spinnen; 
auch im Traun- und Hausruckviertel werde viel gesponnen. 

Auch flir die Weberei wurden Schulen errichtet, zur 
Unterhaltung derselben Unterstützungen gewährt. In Böhmen 
erwarb sich der Commerzialinspector Lieblein Verdienste. 
Namentlich jene wurden gefördert, die eine bisher unbekannte 
Fabricationsmethode einbürgern sollten. So wurde zu Hohen- 
elbe in Böhmen eine Schule von dem Schweizer Fabrikanten 
Mitterholzer ins Leben gerufen, um ,die echte Gespunnst ein- 
zuführen*, Webermeister und Gesellen in der Erzeugung von 
schweizerischer und holländischer Leinwand, sowie der Schleier 
zu unterrichten, auch eine bessere Röstung des Flachses in 
jener Gegend zu verbreiten; gleichzeitig sollte auch die Blat^ 
binderei gelehrt werden. Die Schule erftUlte jedoch die darauf 
gesetzten Erwartungen nicht, einerseits durch die Indolenz der 
Bevölkerung, welche aus ,VorurtheiI' sich ferne hielt, da nie- 
mand in dem Anbau und der Röstung des Flachses Unterricht 
nehmen wollte, anderseits aber, weil Mitterholzer seinen Ver- 
pflichtungen nicht nachgekommen war. Der Unterricht war 
auf sechs Monate berechnet, und die Lehrlinge erhielten im 
ersten Monate 45, später 30 kr. wöchentlich. Nach einigen 
Jahren ging die Schule wieder ein. * In Wien und in einigen 
Provinzen wurden Spitzenklöppeleischulen gegründet. * Ein be- 
sonderes Verdienst erwarb sich Theresia Mayer, von der be- 
merkt wurde, dass sie durch ihre Bemühungen 300 armen 
Mädchen Nahrung durch ihren Unterricht verschafft habe, ^ so- 
dann Katharina von Boullemont, ,die Stifterin der niederlän- 
dischen Spitzenmanufactur'. * Auf Anregung des Triester Han- 



* Schriftetacke aus dem Jahre 1770 n. ff. 

' So in Knün nnd Böhmen; eine in Prag von dem Qrafen Clarj ^effHin- 
dete Schule warde von Josef Hardy geleitet, ging jedoch bald ein. 

* Protokoll vom 23. Juni 1762 und Decret vom 6. Februar 1768. 

* Sie kam 1732 nach Wien, eröffnete später zwei Schulen und erhielt 1500 fl. 
aus der niederländischen Cassa und ISO fl. aus dem Illuminationsfbnde. 



§8 

delsmaDnes Jakob Hirschl, der im Auftrage der Regierung 
Böhmen bereiste, um eine Handelsverbindung mit Böhmen ein- 
zuleiten, beschäftigte man sich mit dem Plane, Appretorschulen 
zu gründen.^ Ein Sachse, Gottfried Knobloch, wurde mit der 
Leitung einer derartigen Schule in Neuschloss betraut und er- 
hielt 600 fl., femer ftir jeden Appreteur, dem 100 fl. verab- 
folgt wurde, wenn er einen dreijährigen Unterricht genossen 
hatte, 20 fl. Das böhmische Gubernium stellte den Antrag, 
Niemand den Leinwandhandel zu gestatten, der nicht durch 
ein Zeugniss der Schule ausweise, ,dass er die diesfäUige Wis- 
senschaft erlernt habe', was das einzige Mittel sei, imi den 
Leinwandhandel seinem schlechten Zustande und das Gebilde 
der schlesischen Abhängigkeit zu entreissen. * 

Die Kaiserin interessirte sich lebhaft ftir den Fortgang der 
Schulen. Sie Hess den Behörden ihr Missfallen aussprechen, 
wenn das Spinnpatent nicht befolgt wurde. Der niederOster- 
reichische Consess wurde angewiesen, nach je sechs Monaten 
Bericht zu erstatten.* Durch Patent vom I.September 1766 
wurde eine Art Schulzwang eingeführt. Nicht den Eltern, 
welche die Kinder der Schule zu entziehen trachten, sondern 
den Obrigkeiten, Magistraten und Commerzialbeamten sollte die 
Entscheidung überlassen bleiben, ob und welche Kinder ftir 
die Hausarbeit entbehrlich seien, die Eltern sollen in ,angemes- 
sene Strafen verfallen, die über geschehene Erinnerung die Kinder 
nicht zur Schule schicken'.* Die Kaiserin forderte sodann 
,mehrere Anzeige' über die Wiener Spinnschulen und die von 
solchen ,ge8tiftete und noch zu erwartende Frucht'. Der Be- 
richt war nicht sehr günstig. Zwar wurden die Schulen in den 
ersten Jahren besucht, aber alle Bemühungen zur Verbreitung 
der Spinnerei in der Residenz waren vergebens, da durch die 
Vermehrung der Seidenzeug- und Bandfabrication, dann der 
Spitzenklöppelei die Jugend Gelegenheit fand, sich mehr zu er- 
werben als durch Spinnen. Im Jahre 1771 wurden daher diese 
Schulen mit Zustimmung der Kaiserin wieder aufgehoben. ^ 
Und in den niederösterreichischen Ortschaften gingen die 

' Kaiserliche Entschliessong auf den Vortrag vom 4. März 1771. 

• 9. September 1774. Vgl. Schreyer, I, 61. 
' An die LftnderMtelleo, 28. August 1766. 

* Das Patent wurde für Niederösterreich erlassen. 

^ Kaiserliche Entschliessung auf das Protokoll vom 6. Mai 1771. 



59 

Schulen wieder ein, da Niemand die Gespinnste abnehmen 
wollte. 

Zur Förderung der Seidenmanufa ctur^ sowie für die 
Gralanterie- und Metallarbeiter soUte durch den Zeichnungs« 
Unterricht Sorge getragen werden. Zunächst wurde in einigen 
Waisenhäusern zeichnen gelehrt. Florian Zeiss übernahm die 
Heranbildung von Blumenzeichnem^ sowie ,den Seidenarbeitem 
die Wissenschaft beizubringen^ wie sie ihre Zeichnungen zur 
reinen Bearbeitung in die Charta rigata übersetzen sollend Die 
von ihm geleitete Schule nahm guten Fortgang; die Söhne der 
Meister und auch Webergesellen besuchten dieselbe. Zeiss er- 
hielt jährlich 1200 fl. von der Regierung; den Knaben wurden 
Prämien ertheilt. Zeiss besass jedoch keine Eenntnißse von 
dem Manufacturwesen und verstand die Stuhleinrichtung bei 
der Bandfabrication nicht. Diesem Mangel soUten zwei Werk- 
meister abhelfen^ ^um einige des Zeichnens kundige Scholaren 
gegen Vergütung eines massigen Kost- und Lehrgeldes zu über- 
nehmen und in der Einrichtung von Werkstühlen zu unter- 
richten, die Seidenfabrication zur letzten Perfection zu bringen 
und die Eirbländer mit guten Meistern zu versehend Der Pflege 
des Zeichnenunterrichtes zollte Maria Theresia grossen Beifall 
und gewährte bereitwillig die erforderlichen Prämien, ,Das In- 
stitut der Prämien flir die in der Zeichnungskunst sich hervor- 
thi^ende Jugend ist rühmlich und höchst nützlich', bemerkte sie 
auf ein ComnussionsprotokoU vom 13. August 1761, ,massen die 
Fabriquen und insonderheit die Seidenfabriquen ohne gute Zeich- 
nern nicht aufkommen könnend Die für Prämien ausgewor- 
fenen Preise erschienen ihr aber zu gering und waren ihrer 
Meinung nach die Ursache, dass die Zeichnungsschule von den 
Knaben nicht fleissig besucht werde. Sie erhöhte daher das 
erste Prämium auf 50, das zweite auf 30, das dritte auf 2ö fl., 
für die im Zeichnen excellirenden Meister und Gesellen aut 
150 und 100 fl. ^ Spinner und Stickerinnen, welche als Wan- 
derlehrer von Ort zu Ort zogen und Unterricht ertheilten, 
soUten für ihre Müheleistung entlohnt werden. ^ Da es im 
Gk^rzischen an Zeichnern fehlte und für geblümte und broschirte 

^ Kaiserliche EnUtcbliessuDg auf das Comnii0«ioiiHprotokoIl vom 13. Augiut 
1761. 

' An den landesfliretlichen Commissär in Oesterreicb ob der EnnB, 3. Au- 
gust 1762. 



m 

Hi t4t ttAU/ifi' \p*'Xr^4'\t*\:i\,*i ^anuneii iitf Amiuid gingen, wurde 
i\it' KSt%**Mdnu^ vou I>and^i»kmdem nach Fnmkreich and Italien 
i*mititfUUiih ' Kifi Z^ichnenmeister ans Venedig, Benuurdo Zjl- 
lumif wiirdi; in Wi^^n angei^Dt, damit Damaschin und geblümte 
MiiirA in fnwhu^r Qualität^ verfertigt werden k5nnen. Einige 
hrhMirm wurAi'.u dnn Zeugmaehem in G^rz mitgetheilt, da die 
mnu^^i^lhuiXo Z^^if^hnurig Ursache sei, daes die dortigen Waaren 
Mhltl ^iiiMif(Hain yholicibt^ Heien.' Zeichnongascholaren soUten 
ntit(M'N(IUKunK<iit <irhalt(ui. Auch in Prag wurde am 28. Novem- 
Imit ITilh <liti Krrichtuiig einer Zeichnenschule verfligt. Kupfer- 
hliM'lM'i' Hrhiini/<n' wurde nach Paris entsendet ,zu seiner Per- 
l'oolliinlnm^' und nach «einer Rückkehr zum Director der neu 
«M'Vh'htott'U Ku|>roi*Ht<H'hersohulc ernannt. Man erhoflfte, dass 
<ho Kup(nrNttM'hoiM>i hIh »schwärze Kunst' bald mit anderen Län- 
\Wv\\ \\\\\ dio Wi^tto streiten werde. Vier ,Scholaren' sollten 
(\W du< H\diWMnio Kupforstocherei abgerichtet und denselben 
r»Uo«^HU«un>?t^n ^jft^wtthrt werden. Auch die Errichtung einer 
HsVMxu" , Ui^vt^u»^ und Verschneidungssehide wurde in Aussicht 
<\'U\nv\uu'U ^ \\\ dtu ruivor^itÄtsstÄdten wurden .mechanische 
J oviuMUM^ vnlor iVUo4:ion\ .wt^K*he ftlr die meisten Professioni- 
xi\ u hvvKM uvU-ilu^h ^iud\ in$ Loben srt^rufcn. * Das Rechnungs- 
\NVM"i> xv^'iv »**.> ^»rHflT^r \N Hi^^oub^xk!* svlehrt werden.* 

H.^ i VN t ♦x ** ' u V ii d or S;» ; r V >^* '• u! -: n kine man xonAchst die 
\ ,^Skvxvc^u"x 'K> i»v\vi**v**^:\* Yv-" Pji.^> und Wolle im Ange, 
>^,vs, -V* K,.Axs'v A„» o-,-- v-^-'-fc'-M r VerbÜiaüee des be- 

N '• 'A4* V ' .\'^* « ^ >fc * *•, Vt> ^'u*;r •.»* 















^ - ^ ' ■ -V NJv^ ^ 






tu*" 



61 

spinnen nur in jenen Gegenden zu fördern, wo der Flachs- 
and Wollspinnerei kein Eintrag geschehe, ^ ein Gesichtspunkt, 
der während des ganzen Jahrhunderts festgehalten wurde. Die 
arbeitslosen Spinner sollten den Wollzeugfabriken überwiesen 
and die letzteren zum Verlage aufgemuntert werden. Das 
Augenmerk soUte darauf gerichtet werden, dass die Wollspin- 
nerei in Böhmen in dem Gebirge, wo die Flachs- und Hanf- 
spinnerei eingeführt sei, nicht zu deren Nachtheil gereiche. Die 
Obrigkeiten wurden aufgefordert, ihre Unterthanen zu feinen 
Wollspinnereien anzueifem, damit das ftir Garn hinausgehende 
Qteld im Lande behalten werde.' Auch das Militär wurde in 
Mussestunden mit Spinnen beschäftigt.' Den Lascy 'sehen Re- 
gimentern wurde Wolle monatlich zum Verspinnen verabfolgt.* 
Als sieh herausstellte, dass sich viele Leinweber der Erzeu- 
gung von Wolle und Zeugen zuwendeten, forderte die Kaiserin, 
dem Schranken zu setzen und die Leinenweberei zu heben, 
liess sich jedoch durch die Darlegung beschwichtigen, dass 
Woll- und Leinenweberei gleichen Werth hinsichtlich des Nah- 
rungsverdienstes haben. 

Die Verbreitung der Spinnerei wurde überhaupt auf jede 
Weise gefördert. Die Waisenkinder sollten mit der Spindel 
bekannt gemacht und denselben Prämien ertheilt werden, um 
durch Aufmunterung feinere Gespinnste zu erbieten.'' In den 
Zuchthäusern sollte Spinnen, Weben und Sticken gelehrt wer- 
den, ^ dieselben erhielten Spinnbeiträge, 2 kr. tägHch. Von 
der Kaiserin speciell liegen zahlreiche Weisungen in dieser 
Richtung vor. Die Allerhöchste Gesinnung gehe dahin, lautet 
eine Zuschrift an den niederösterreichischen Consess vom 23. Ja^ 
nuar 1766, dass vorzüglich in den hiesigen Vorstädten die 
jungen und mtlssigen Weibspersonen von dem Mttssiggange ab- 
gezogen und zur ehrlichen Arbeit angehalten werden mögen. 
Auch die in dem Gnadenstockhause befindliehen Arrestanten 



* An den Consess in Mähren, 28. Angust 1709. 
' An den Consess in Mähren, 19. Febmar 1770. 
» 16. Juni 1768 und 14. JuU 1769. 

* Vortrag vom 6., rep. 18. October 1768. 

^ An die Repräsentation und Kammer in Oesterreich ob der Ennn, 6. Juni 
1749. 

* Sehon unter Karl VI. hierauf besügliehe Weisungen, 3. Februar und 
30. September 1717. Cod. Austr., IV, S. 18. 



62 

sollten zur Arbeit in der Wollspinnerei verhalten werden.^ In 
Schlesien wurde bereits 1752 die Errichtung eines Spinnhauses 
verfügt, in Kärnten 1763, in Mähren 1764. Auch erfolgte am 
14. Juni 1766 die Weisung zur Errichtung von Arbeitshäusern in 
allen Provinzen, wo dieselben nicht bestehen. * In Böhmen wurde 
der Armenleutaufschlag zur Erhaltung derselben verwendet Dem 
Arbeitshause in Triest wurde ein Theil des Weinau&chlages zu- 
gewiesen (16. December 1771), ebenso in Fiume (29. März 1773). 
Josef wies auch den erhöhten Weinaufschlag dem Triester Arbeits- 
hause zu (1786). Auch in den Armenhäusern sollten Manu- 
facturarbeiten eingefllhrt werden, junge Mädchen, die sich da- 
selbst befanden, zum Seidenabbinden abgerichtet werden (1761). 
Verbesserte Spinnräder wurden unentgeltlich vertheilt. 

Die Einbürgerung und Verbreitung einzelner Industrie- 
zweige wurde durch Gewährung von Prämien zu fördern ge- 
sucht. Nicht selten machte die Kaiserin die Behörde auf den 
einen oder anderen Industriezweig aufmerksam, der ihrer An- 
sicht nach dadurch emporgebracht werden konnte. Städten^ 
wie z. B. Tulln und Ybbs, welche sich um Prämien zur Er- 
richtung von Spinnereien bewarben, wurden dieselben bereit- 
willig gewährt. Für die Erzeugung der feinsten Tücher wur- 
den jähriich 200, 160 und 100 fl. bestimmt. » In Mähren wurde 
die Einführung der Tucherzeugung auf inländische Art beson- 
ders empfohlen und die Brünner Lehnbank mit dem Verlag 
betraut (16. Jiüi 1761). Die Regierung Hess Wolle zum Ver- 
spinnen kommen. Für die Spitzenmanufactur in Böhmen wur- 
den 100, 75 und 50 fl. bewilUgt, ebenso auch fllr die Zwirn- 
erzeugung auf holländische Art. Auch in Siebenbürgen wurden 
Air 10 Jahre Prämien fUr das feinste Gbspinnst und für die 
feinsten und besten MusseUne ausgesetzt, und zwar eine Prämie 
von 50 fl. ftlr das feinste Gespinnst; zwei Prämien k 30 fl. für 
das zweitbeste und vier Prämien a 20 fl. für das drittb^te 
Oespinnst; 100 fl. für das beste Stück Musselin und zwei Prä- 
mien k 50 fl. für die zweitbesten Stücke. 

Die Garnsammler, wie man auf dem flachen Lande die 
Käufer von Garn nannte, wurden verpflichtet, die Qttrne an 

^ Allerh()chstefl HandbiUet yom 1. Mai 1766. 

' In der Mitte der Sechzigerjahre bestanden Arbeitshäuser zu Bbendorf, 

GUtding, Graz, Linz» Pilsen, Riegeraburg, Triest, Weiaswasser, Wien. 
* Kaiserliche Entschliessang auf den Vortrag rom 4. Juni 1761. 



68 

einheimische Weber oder auf privUegirten Garnmärkten zum 
Verkaufe zu bringen; nur jene, die nicht abgesetzt werden 
konnten^ durften gegen Entrichtung einer Gebühr von 15 kr. 
per Schock — eine Einnahme des Commerzialfondes — ausser 
Landes verführt werden. * Zwei Jahre später wurde Lothgarn, 
wovon das Stück höchstens 15 Loth wog, von dieser Beschrän- 
kung ausgenommen. Die Errichtung von Gammärkten wurde 
angeordnet, inländischen Webern der Vorkauf gesichert. Die 
Gtirnmärkte, lautet eine Verfligung vom 22. Februar 1755, 
haben um 8 Uhr Sommers und 9 Uhr Winters anzufangen und 
ist den einheimischen Käufern eine Stunde der Vorkauf gesichert, 
eine Verordnung, welche am 23. August 1763 erneuert wurde. 
Als im Jahre 1772 die inländischen Gampreise von 36 kr. per 
Stück auf 21 und 18 kr. herabsanken, wurde die Beschrän- 
kung des Verkaufes auf den Gammärkten aufgehoben, der 
Handel freigegeben (1. Juli 1772), wobei die Ansicht ausschlag- 
gebend war, dass die Zahl der Spinner grösser sei als jene der 
Weber, daher mehr Rücksicht verdiene.* Im Jahre 1774 
wurde in Böhmen und Mähren infolge des Verfalles des Gam- 
nnd Leinwandhandels das Garnsammeln als ein freies Gewerbe 
erklärt, während bisher eine Licenz erforderlich war.* 

Der angestrebten Verbreitung der Spinnerei und Weberei 
auf dem Lande stand in den böhmischen Erblanden das Unter- 
thanenverhältniss im Wege. Die Obrigkeiten stemmten sich in 
manchen G^enden dagegen, dass die Kinder ihrer Unterthanen 
ein Handwerk erlernten, und die Frage wurde erörtert, ob den 
Dominien nicht die Befugniss zur Ertheilung oder Verweige- 
rung eines Consenses, ein Handwerk erlernen zu dürfen, ent- 
zogen werden soU. Der Commerzienrath hielt es nicht für 
räthlich, da Jedes Dominium zu sehen hätte, damit durch allzu 
häufige Manufacturisten nicht der Ackerbau selbst leide', nur 
die ,Exces8e' sollten abgestellt werden, z. B. in Mähren, wo 
einige Dominien ftlr die Ertheilung des Consenses bis 6 fl. for- 
derten. * Abgesehen von den Grund- und Häuserzinsen, von 



* Nachtragspatent 1753. 

* Vgl. Schreyer, I, S. 27, der dieser Ansicht nicht beipflichtet. 
' 28. Marx 1774 an das Gubemium in Böhmen. 

* ZoAchrift des Commerzienrathes an die böbmiflch-Osterreichiscbe Hof- 
kanselei, 4. December 1766; Protokolle der bObmiflcb-Osterreichiscben Hof- 



64 

Ehrungen und Frobndiensten hatten die Uotoitbanen einen Ge- 
werbezins zu leisten, der in einigen Ländern ziemlich gross 
war. So mussteii in Schlesien noch im Ja)ire 1770 die Untei^ 
thanen, welche sich einem Polizei- oder Commerzialgewerbe 
widmen wollten, einen sogenannten Licenzzettel bei den Obrig- 
keiten nehmen und hiefllr an manchen Orten mehrere Thaler 
erlegen, femer jähriich 6 — 8 Qroschen entrichten. Die Natural- 
robot hinderte den Landmann, ausschliesslich ein Oewerbe zu 
treiben. Die Klagen gingen dabin, dass durch dieselbe die 
Arbeiter das zur feinen Weberei nöthige besondere öefUhl ver- 
tieren. Zwar konnte die Robot abgelöst werden, aber nur 
dnrcli einen ,fa3t unerschwinglichen Zins'. ^ Auch in KAmten 
wurde die ,sclavi8che' Verfassung zwischen den Unterthanen 
und Herren als Hindemiss fUr die Ausbreitung der Gewerbe 
bezeichnet, * und die dortigen Fabriken konnten sich nur schwer 
die nOthigen Arbeiter verschaffen. 

In Mähren wurde die .Robotgespunnst' den Obrigkeiten 
theils urbarmässig und nach uralten Gerechtsamen, theils aber 
infolge richterlicher Erkenntnisse verabreicht, und zwar in ein- 
zelnen Orten entweder in natura oder durch eine andere pro- 
portionirte Robotleistung, z. B. durch den Holzschlag ersetzt, 
oder aber durch baares Geld reluirt. Es fragte sich, ob eine 
Aenderung nicht zweckmässig sei. Die Landesstelle, nament- 
lich der landständische AusBchuss sprach sich dahin aus, dass 
diese weder rathsam noch billig sei; eines neuen Gesetzes be- 
dürfe es nicht, weil jene Obrigkeiten, welche infolge eines mit 
iliren UntertlianeQ geschlossenen Tractates oder infolge irgend 
einer Abmachung urbanuftssig oder kraft eines richterlichen 
Spruches dazu berechtigt wären, von der ihnen zustehenden 
Gerecbtaame, so lange dieselbe ihnen zu Nutzen gereicht, ohne- 
hin niemals ablassen werden. Auch dort, wo bisher diese 
,Kobotge8punnst' durch Geld reluirt worden war, fand es der 
landständieche Ausschuss nicht angezeigt, die bisherige Ge- 
wohnheit zu ändern: weil Flachs und Hanf nicht allerorten ge- 
baut werden, auch nicht in ' 
das Material zum Spinneu 

kaoilei vom 19. und SO. D< 

Commeralenratlie einventani 
' Mate von Harach, TrappBu, 
■ Protokoll des ( 



65 

daher auch den Unterthanen Gespinnste in natura zu liefern 
im Allgemeinen nicht wohl zugemuthet werden könne; auch 
wäre es für die Obrigkeiten selbst nicht zuträglich, theure oder 
unrichtige G^pinnste übernehmen zu müssen. Dies wäre auch 
die Ursache gewesen, weshalb in früherer Zeit derartige Re- 
luitionsübereinkommen geschlossen worden seien. Den Obrig- 
keiten würde durch eine hierauf bezügliche Vorschrift, Ge- 
spinnste in natura übernehmen zu müssen, weit mehr Schaden 
als Nutzen zuwachsen. Auch habe der Landesunterthan ein 
vollkommenes Recht, wenn er auf Grund der alten Ueberein- 
kommen mit den Obrigkeiten darauf bestehe, die Robotgespunnst 
mit Geld reluiren zu können. Ueberdies sei es ja bekannt, 
dass selbst in jenen Orten, wo seit langen Jahren die Ge- 
spinnste in natura abgeliefert werden müssen, Uneinigkeiten 
und Streitigkeiten zwischen den obrigkeitlichen Beamten und 
den Unterthanen bezüglich der Qualität, des Gewichtes, sowie 
des Fadenmasses fortdauern, mit auch ein Grund, weshalb viele 
Obrigkeiten zur Reluirung der Robotgespunnst geschritten sind. 
Auch wäre die Landespraxis zu berücksichtigen, wonach die 
Unterthanen von allen zwischen ihnen und den Obrigkeiten 
urbarmässig getroffenen Vereinbarungen überaus ungerne ab- 
gehen und die geringsten ganz unschädlichen Neuerungen mit 
äasserster Hartnäckigkeit verabscheuen. Aus einem Robotge- 
spunnstzwang würden daher nur Missverständniss, Widersetz- 
lichkeit und Verbitterungen der Landesunterthanen gegen die 
Grundobrigkeiten entstehen. Um aber auch die Emporbringung 
des Handels mit Gespinnsten zu ermöglichen, so sei es dien- 
sam, wenn der mährische Landmann zu emsiger Betreibung 
des Spinnens und zum Verkaufe gegen billige Bezahlung an- 
gefirischt würde, aber in dem Patente sollte auch beigerückt 
werden, dass in jenen Orten, wo die Obrigkeiten die Gespinnste 
gegen baare Bezahlung einftihren, den Unterthanen kein Nach- 
theU erwachsen solle, wenn selbe darein willigen. ^ 

Das für Böhmen am 13. August und für Mähren am 7. Sep- 
tember 1775 erlassene Robotpatent bestimmte bezüglich jener 
Unterthanen, welche bisher obrigkeitlichen Flachs oder Werg 



* Ans einem Schriftstücke, Brttnn, 16. Au^st 1763; unterseichnet : Christof 
Freiherr y. Blttmegen, Franz Freiherr v. Tauber, Josef Freiherr v. Wid- 
mann, I^^nai SchrOffel yon Mimsberg. 

AmMv. LXXXL Bd. I. H&lfte. o 




66 

entweder unentgeltUch oder um einen gewissen Lohn zu ver- 
spinnen schuldig waren^ dass ein künftiger Handroboter nicht 
mehr als ein Stück und ein künftiger Zugroboter nicht mehr 
als zwei Stücke Games zu spinnen schuldig sei: ,Hat aber ein 
oder der andere bisher noch weniger zu spinnen gehabt^ so 
würde derselbe auch noch in Zukunft bei seiner geringeren 
Spinnschuldigkeit zu verbleiben haben/ 

Auch den landwirthschaftlichen Gewerben, namentlich der 
Erzeugung der fiir die Industrie nöthigen Rohstoffe wurde über 
besonderen Auftrag Maria Theresias Sorgfalt zugewendet. Lein- 
samen aus Riga wurde vertheilt, bessere Röstung des Flachses, 
sorgftlltige Behandlung desselben, sowie von Hanf wurden an- 
befohlen. Zahlreich sind die Verordnungen über die Verbes- 
serung der Schafzucht in Mähren, Krain, Ungarn und den 
Nebenlanden. Die Erweiterung der Pflanzungen für Elrapp und 
Röthe in den Ek'blanden wurde den Behörden aufgetragen. 
Die Hebung der Bienenzucht wurde von Maria Theresia be- 
fohlen. Dieses Geschäft sollte mit allem Ernste in Oesterreich 
und Mähren unterstützt und dahin getrachtet werden, dass die 
,landesmütterlichen Sorgen' wenigstens in der Nähe unter den 
Augen der Monarchin mit Eifer befolgt würden. * Eine Bienen- 
schule sollte daher errichtet, im Augarten bei Wien unentgelt- 
licher Unterricht ertheilt werden. Auch in den anderen Län- 
dern wurden Lehrer für die Bienenzucht mit einem Gehalt 
von 600 fl. angestellt, Prämien in Krain, Görz, Schlesien, Böh- 
men, Mähren gewährt. Der Jugend soll Unterricht im Acker- 
bau von den Landschullehrem ertheilt werden, lautet eine 
Weisung vom 19. August 1771. Li Krain wurde angeordnet, 
über die Samenzubereitung zur Aussaat Belehrungen zu er- 
theilen. ' Ln Mitterburgischen District sollte auf den Anbau 
von Seide, Lein und Olivenöl hingewirkt werden. In Steier- 
mark wurde die Anpflanzung von Obstbäumen den Strassen 
entlang anbefohlen, ^ femer niederländischen Leinsamen zu ver- 
theilen^ und die Schafzucht zu vermehren.^ 



* Aus einem ProtokoUe der Staatswirthschaftsdepatation Tom 7. Januar 
1773. Raab als Referent. 

' Laibach, U. März 1772. 

* Protokoll vom 3., rep. 80. November 1768. 

* Protokoll vom 18. Febmar, rep. 14. Mira 1768. 

* Protokoll vom 20. October, rep. 13. November 1768. 



67 



VI. 

Als das wirksamste Förderungsmittel der Indastrie erschie- 
nen die Verbote. Zu wiederholten Malen wurden Berathungen ge- 
pfl(^n über eine consequente Durchführung jener Grundsätze, 
welche Johann Joachim Becher und Ottokar v. Homeck em- 
pfohlen hatten. Unter Karl VI. wurden in dieser Richtung be- 
reits mehrere Massnahmen getroffen, welche die Einfuhr frem- 
der Industrieartikel erschwerten. Namentlich die ZoUordnungen 
fClr NiederOsterreich, Mähren und Böhmen enthielten Bestim- 
mungen, die in den Kreisen der Kaufmannschaft und auch von 
einigen Verwaltungsbeamten scharf bemängelt wurden. Die 
Verbote wurden anfangs nicht für alle Länder der Monarchie 
erlassen, sondern in jedem Lande die !^nfuhr jener Artikel 
untersagt, die in demselben erzeugt wurden. Auch war die 
Absicht bei einzelnen Erlässen vorwaltend, dem übertriebenen 
Luxus zu steuern. Von denselben Gesichtspunkten wurde auch 
die Regierung Maria Theresias in der ersten Zeit geleitet. 
Wohl befllrworteten einige Handelspolitiker, viele Waaren von 
den österreichischen Märkten auszuschliessen, aber man be- 
schränkte sich in den Zollordnungen auf eine bedeutendere 
Steigerung der Zollsätze, und nur zögernd entschloss man sich, 
das Verbot einer Waare auszusprechen. * Die Forderung von 
Verboten ging zumeist von den einzelnen Ländern aus. Nicht 
blos die Einftihr ausländischer Waaren sollte verhindert werden, 
nicht selten verlangte ein Erbland Schutz gegen ein anderes. 
Viele Gewerbe in Wien klagten, dass sie zu Grunde gehen 
müssten, weil so viele Waaren eingeführt werden, so die Fär- 
ber, Galanteriearbeiter, Goldschläger, Uhrmacher, Hutmacher 
u. 8. w., während man in der Residenz so viel erzeuge, um 



^ Als sich die Stadt Eger nach Wien mit der Forderung am Schutz für 
ihre Tuch-, Wollen- und Zeugwaaren wandte und darauf hinwies, dass 
der Yerschleiss ein geringer sei, die eingeführten Zeuge und Tücher die 
Ursache seien, dass ihre Waaren ,ver8ch]agen' werden, daher ein höherer 
Auftchlag auf dieselben gelegt werden mOge, wurde bei Prüfung der 
ESgerer Erzeugnisse befunden, dass die Farbe und überhaupt die Appretur 
yiel zu wünschen übrig lasse; hier sei einzugreifen, wenn der Verschleiss 
befördert werden solle. An die bühmisehe ReprXsentation, 22. Deeember 
1749. 

6» 




68 

das Publicum sowohl der Qualität als auch der Quantität nach 
versorgen zu können. Diese AnUegen wurden zunächst ab- 
schlägig beschieden. Die Verbote fremder Waaren, lautete ein 
Bescheid, seien wohl zuträglich, wenn die Länder mit ein- 
heimischen sattsam versehen seien. ^ Und noch zwei Jahre 
später sprach sich die Behörde dahin aus, insoweit die hie«gen 
Fabriken gute Waare in hinlänglicher Menge und zu erträg- 
lichem Preise erzeugen, verbiete sich die Einfuhr schon durch 
die erhöhte Consumomauth. Die Generalverbote fallen nicht 
nur allen benachbarten Fürsten sehr gehässig in die Augen 
und geben dann zu vielen schädlichen Retorsionen Anlasa, 
sondern seien selbst ein Hindemiss für den Handel, welcher 
keinen Zwang leide, sondern sich nach der natürlichen Con- 
venienz in solche Länder ziehe, wo die Waare besser und 
wohlfeiler zu haben sei. Man könne weder Ungarn noch 
Siebenbürgen, Länder, welche den Hauptzweig des Wiener 
Handels ausmachen, an die Wiener Manufacte binden, und es 
sei ein Irrthum, wenn man glaube, dass alle diese Fabriken 
bereits einen hohen Grad erstiegen haben, um auch nur die 
Erbländer damit versehen zu können.^ 

Die heimischen Industriellen erblickten nur in Verboten 
ein Mittel, dem fremden Wettbewerb entgegentreten zu können, 
und hielten einen Zoll von 30 Percent üicht fUr genügend zur 
Beschränkung der Einfuhr. In den an die Behörden gerichteten 
Eingaben wurden nicht selten Berechnungen der heimischen 
Erzeugungskosten angestellt und der Beweis zu erbringen ge- 
sucht, wie viel billiger das Ausland die Waaren herzustellen 
im Stande sei, daher nur ein Verbot Abhilfe gegen den Mit- 
bewerb der Fremden verschaflFen könne. Diese Auseinander- 
setzungen machten um so grösseren Eindruck, wenn der Be- 
sitzer der betreflfenden Fabrik dem Adel angehörte, der seine 
sociale Stellung nicht selten ausbeutete, um ein Verbot auf die 
auf seiner Herrschaft erzeugten Gegenstände durchzusetzen. 
Die Stimmen jener, welche auf die Nachtheile einer Absperrung 
gegen die Fremde hinwiesen, verhallten, da sie zumeist aus 
dem Eaufinannsstande kamen, der damals freieren Ansichten 
huldigte als heutigen Tages. Vor Erlass eines Verbotes wurden 



* An die Reprftsentation and Kammer in Kärnten, 21. Juli 1749. 
' AoB einem im Jahre 1751 erstatteten Vortrag. 




69 

in der ersten Zeit zuerst Erkundigungen eingezogen über 
den Stand der Industrie. Auch sollten die Verbote nur eine 
bestimmte Zeit in Kraft bleiben^ wie aus einzelnen Anfragen 
hervorgeht, ob die Verhältnisse, welche flir den Erlass eines 
Verbotes ausschlaggebend gewesen, noch andauern. Die Rück- 
sichtnahme auf die älteren Polizei- und Kleiderordnungen war 
bei Erneuerung oder Verschärfung des Verbotes ausschlag- 
gebend. * Später wurde die Ansicht, dass Verbote zur Empor- 
knngung der Industrie unbedingt nothwendig seien, ein Axiom 
der Wirthschaftspolitik. Jeder Anregung wurde Folge gegeben, 
und die Gesuche der Adehgen, die auf ihren Gütern Fabriken 
errichtet hatten, fanden eine gtLnstige Erledigung.^ Ein Zoll 
von 30 und mehr Percent erschien nicht genügend. Nur unter 
dem Schutze von Verboten könne die Industrie gedeihen und 
sich entwickeln. Dieser Wandel der Ansichten vollzog sich 
während des sechsten Jahrzehnts und fand später unter den 
MitgUedem des Commerzienrathes die energischesten Vertreter. 
Der Präsident desselben, Graf Andlem -Witten, war ein ent- 
schiedener Anhänger des Verbotssystems. Bereits als Landes- 
hauptmann in Oberösterreich hatte er sich dahin ausgesprochen, 
wenn auch die heimischen Feilschaften, wie z. B. die Erzeug- 
nisse der Linzer Fabrik, höher im Preise stehen als die frem- 
den, ,die im Lande bleibende Geldcirculation und die dem ge- 
meinen Wesen durch derartige Fabriken vielfach erwachsenden 
Vortheile übertreffen weit obigen Anstand^ 

Die volkswirthschaftlichen Schriftsteller, so spärlich sie 
auch waren, sahen darin das einzige Heil fUr die industrielle 

' V^l. Zeitschrift für Social- und Wirthschaftsgeschichte, S. 341. 

* So richtete Graf Josef Kinsky ein Gesnch an die Behörde, dass er in 
Bttrgstein Wachsleinwand in genflgender Menge erzeug^. Am 80. Jani 
1769 wurde eine Verordnung verOffentUcht, besagend, in Böhmen werde 
die Wachsleinwandfabrik mit g^tem Fortgang betrieben, die Erzeug- 
nisse seien mit jenen im Auslande im Preise und in der Güte gleich, 
die Einfahr werde daher verboten und die Kanfleute an die Bürgsteiner 
Fabrik angewiesen (Cod. Austr., VI, 58). Der Graf wurde gleichzeitig 
angefordert, ,8ich in genügsamen Verlag aller Gattungen zu setzen, die 
Kaufleute mit den bisherigen billigen Preisen zu versehen und auf die 
Erzeugung der noch abgängigen geblümten Sorten fürzudenken^ (Au 
Josef Kinsky, 30. Juni 1759.) Das Verbot der Einfuhr von Granaten 
erfolgte auf Ananchen des Oberstbnrggrafen von Böhmen, Grafen Ko- 
lowrat, der auf seiner Herrschaft Swietla eine Fabrik zur Verarbeitung 
von roh€ii Granaten errichtet hatte. (13. Juni 1761.) 



70 



Ekitwicklung. Jasti's Schriften wurden von den Beamten studirt 
und dessen Ansichten über die Hebung der wirthschaftBchen 
Verhältnisse^ wie aus vielen Erlässen ersichtlich^ zum grössten 
Theil befolgt. Homeck's ^Oesterreich über Alles^ wenn es nur 
will', wurde vielfach gelesen; eine neue Auflage erschien 1750 
mit einem Anhange: .Unpartheiische Gedanken über die (teter- 
reichische LandesökonomieS hervoi^erufen wie bemerkt wird 
durch jene Veränderungen, welche seit dem ersten Erscheinen des 
Werkes eingetreten seien. Der patriotische Geist des Buchea 
fand bei den Staatsmännern Anklang. Auch aus den Werken 
Zinken's schöpften die Mitglieder des Commerzienrathes Be- 
lehrung. Irre ich nicht, so hat eine Schrift auf die Massnahmen 
der Behörden, das Verbotssystem in grösserer Ausdehnung als 
bisher durchzuftihren, Einfluss gehabt, welche im Jahre 1763 
erschienen ist. Den Bestrebungen der Regierung, das Fabriks- 
und Manufacturwesen in den österreichischen Ländern in guten 
Stand zu setzen, wird von dem Verfasser alle Anerkennung 
gezollt, allein die Bemerkung hinzugefügt, dass die Massnahmen 
einen entsprechenden Erfolg nicht gehabt hätten, künftig müsste 
die Einfuhr aller fremden Waaren, welche im Lande selbst 
verfertigt werden könnten, verboten werden, da sonst nicht zu 
hoffen sei, die Landesmanufacturen emporzubringen. Das Bei- 
spiel anderer Staaten biete hieflir Belege. Die Eaufleute wür- 
den dadurch gezwungen werden, sich mit dem Verschleisse 
inländischer Erzeugnisse zu befassen, was sie sonst nie thun 
würden, da die Leichtigkeit, womit sie auswärts Credit finden, 
die Vortheile, welche sie durch auswärtige Waaren erhatten, 
und der gute Absatz derselben ihnen den Verschleiss inländi- 
scher Industrieartikel ,nicht so angenehm mache^, als es die 
Wohlfahrt des Staates und dessen immittelbarer Nutzen erfor- 
dere. Die Niederlagsverwandten, deren Hauptgewerbe bisher 
der Verkauf ausländischer Waaren gewesen, würden vielleicht 
durch das Verbot bestimmt werden, Fabriken anzulegen, Aus- 
länder herangezogen werden, sich in den österreichischen 
Staaten niederzulassen; die Unterstützung von Fremden oder 
Einheimischen, die Manufacturen und Fabriken anlegen, wird 
empfohlen. * Erst später machte sich der Einfluss von Sonnen- 

^ Abhandlung von dem Manafactor- nnd Fabrikswesen in den k» k. Srb* 
ländern, abgednickt in der Schrift von C. F. M(eixner): 
tiber die natürliche BeBchaffenheit der k. k. Erblande. 



71 

fels geltend, der jedoch in zollpolitischen Fragen keine scharf 
aasgesprochene Richtung vertrat. < 

Die Bedeutung des am 24. März 1764 erlassenen Patentes 
beruht darin, dass in demselben aUe Waaren zusammengefasst 
wurden, deren Einfuhr in den letzten Jahren zum Theil nur 
in einzelnen Ländern verboten war, die nun in allen deutsch* 
alavischen Erbländem, Tirol und Vorarlberg ausgenommen, aus 
der Fremde nicht mehr eingeführt werden durften. Das Patent, 
welches durch Trommelschlag an einigen Orten bekannt ge- 
macht wurde, rief in den betbeiligten Kreisen mannigfachen 
Widersprach hervor, und aus den Landeshauptstädten kamen 
zahlreiche Vorstellungen über die grosse Anzahl der verbotenen 
Waaren und ttber die kurz bemessene Frist für den Verkauf 
der vorräthigen Waaren. Eine Beschwerdesohrift des Wienw 
Handelsstandes tlbermittelte Maria Theresia dem Commerzien- 
rathe zur Berichterstattung. Einige von den verbotenen Waaren, 
hiess es darin, werden nicht in genügsamer Menge oder gar 
nicht erzeugt Durch die Vermehrung der Verbote werde der 
ungarische und siebenbürgisehe Kaufinann von Wien vertrieben, 
dagegen der Transitohandel der Türken begünstigt. Die Ver- 
bote seien nicht blos für den Handel, sondern auch für die 
Fabriken hinderlich. Der Ausfluss des Geldes, der durch 
Wechsel im Qleichgewicht erhalten werde, sei nur scheinbar. 
Der Commerzienrath hielt es für nothwendig, auf die Grund- 
sätze hinzuweisen, die bei der Ausarbeitung massgebend ge- 
wesen waren. Eün grosser zusammenhängender Staat, so lauteten 
die Auseinandersetzungen, der seine Bedürfhisse aus der Fremde 
hernehme, müsse mehr auf die Beförderung der Manufacturen 
als des Handels bedacht sein. Wenn die Vortheile des Handels 
und der Manufacturen sich kreuzen, müsse der Handel zurück- 
treten, und derselbe sei nur insoweit zu begünstigen, als mit 
dem Fortkommen der Manufacturen vereinbarlich sei. Es 
wurde nicht in Abrede gesteUt, dass unter den verbotenen 
Waaren einige sieh befinden, die voriäufig nicht in hinreichen- 
der Menge erzeugt werden. HiefÜr schaffen jedoch die CJom- 
mersialpässe Abhilfe. Auch sei ja das Patent nicht Air den 
gegenwärtigen Augenblick, sondern fUr längere Zeit erlassen. 
Man habe daher viele Artikel nicht ausnehmen können, eines- 
theils ,weil von den meisten schon ein Anfang der Fabrication 
vorhanden, die angeeifert werden müsse^, sodann aber auch, 



72 

jweil die Verleger sonderlich der neu angehenden Manu&cturen 
gleichsam erzwungen werden müssend Ueber etwaige Schwie- 
rigkeiten glaubte der Commerzienrath leicht hinwegkommen zu 
können: durch Ertheilung von Pässen und Aneiferung von 
Fabriken zur Erzeugung jener Artikel, die bisher ausschliess- 
lich aus der Fremde eingeführt wurden; durch Bevorzugung 
jener Handelsleute, ^die den Landesfabriken geneigt seien und 
diese Neigung mit Bestellungen erweisend Dem Staate könne 
es ganz gleichgiltig sein, ob der Ungar und Siebenbttrger die 
Baarschaften fbr fremde Waaren nach Leipzig und Breslau 
tragen oder ob sie der Wiener Kaufmann dahin versende. Nach 
Erweiterung der Landesfabriken können auch fUr Ungarn die 
Verbote erlassen werden, und wenn die Kaufleute darauf hin- 
weisen, dass sie den Geschmack nur mit fremden Waaren be- 
friedigen können, so werde man ,diesen Geschmack an ver- 
botenen Waaren, die lediglich zur Pracht dienen, durch Er- 
höhung der Mäuthe verbessern, und wenn zu dieser Verbesserung 
vollkommene Hofliiung nicht vorhanden sei, so werde der Satz 
nicht bestritten werden können, dass, wenn der Handel nicht 
nur den Manufacturen schädlich, sondern auch der Vermehrung 
der Pracht und dem Ausflusse des Geldes förderlich sei, der- 
selbe vielmehr hintanzuhalten als zu begünstigen wäre^ 

Obgleich das Patent erst im März 1764 erlassen worden 
war, wähnte der Commerzienrath bereits im Juni ,werkthätige 
Vortheile' zu verspüren. Mehrere Unternehmer und Verleger 
von Fabriken hätten sich hervorgethan, die Industrie fange bei 
Particularen zu wachsen an, die Juden gewöhnen sich an in- 
ländische Manufacta, und schliesslich wurde die Hoffnung aus- 
gesprochen, dass die Kaiserin dem Handelsstande zu erkennen 
geben werde, dass es bei dem Patente sein unabänderliches 
Verbleiben habe. Die Kaiserin genehmigte den Antrag, ftigte 
aber hinzu, ,dass fbr die noch fehlenden Waaren Pässe auf 
Grund der sich herausstellenden Nothwendigkeit ertheilt und 
ftb' die Hinwegschaffung der fremden Waaren nach Umständen 
eine längere Frist bewilligt werde'. * 

Mit welchen Schwierigkeiten jedoch die Durchführung 
verbunden war, geht aus der Correspondenz des (Jommerzien- 



^ Vortrag des Commerzienrathes vom 26. Juni 1764, übergeben am 2. Joli, 
corttckgelangt am S. Juli; Beferent Degelmann. 



7S 

rathes mit den Lande8behörden hervor; wiederholt sah man 
sich genöthigt; dem Jrrwahne^ entgegenzutreten, dass das Patent 
beseitigt werden dttrfte. Mancherlei Erläuterungen über die 
DurchftÜurong des Patentes erwiesen sich nothwendig^ ebenso 
auch genauere Bezeichnung der verbotenen und erlaubten 
Waaren. ^ Die Vorstellungen über die Schädlichkeit der Ver- 
bote kamen nicht blos aus den Kreisen der Kaufleute, sondern 
auch die Gubemien im Gegensatze mit den meisten Commerz- 
consessen stellten Anträge auf Aufhebung der Verbote oder 
auf Milderung der hohen Imposte namentlich Air solange, bis 
die inländischen Fabricaturen mehr emporgebracht seien und 
sich im Stande befinden würden, das Land der Menge und 
Qualität nach mit den betreffenden Waaren zu versorgen. Zu- 
gleich wurde die Forderung gestellt, Handelsverträge zum Be- 
hufe des Verschleisses nach aussen abzuschliessen. ^ 

Auf die Behörde machten Vorstellungen und Klagen 
keinen Eindruck. Es konnte nicht in Abrede gestellt werden, 
dass die zur ,Pracht geeigneten oder durch Verwöhnung zur 
Nothwendigkeit gewordenen fremden Waaren mit erstaunlichen 
Abgaben^ von 40—100 Percent belegt seien, allein man hielt 
es flir nothwendig, eine Minderung nicht eintreten zu lassen, 
um die staatlichen Einnahmen nicht zu schmälern. Zwischen 
politischen und privaten Handelsmassregeln müsse ein Unter- 
schied gemacht werden. Der Handelsmann sehe blos auf 
seinen eigenen Nutzen, und es sei ihm gleichgiltig, ob derselbe 
mit dem allgemeinen Besten zu vereinbaren sei oder nicht. 
Die ,Zwischenzeit von dem Anfange der Manufacturen bis zu 
ihrer besten Vollkommenheit sei fUr den Handelsmann aller- 
dings die beschwerlichste, so wenig aber die zwei äussersten 
Punkte einer geraden Linie sich vereinigen lassen, so wenig 
ist der Zwischenraum von dem Wachsthume der Manufacturen 
zu beseitigend Auch wurde der Beweis zu erbringen gesucht, 
dass einzelne Artikel in den letzten Jahren gerade infolge der 
Verbote grossen Aufschwung genommen haben. So werden 
Damaste besser und wohlfeiler erzeugt als in Italien, ebenso 
werden gemeine und mittlere Cotton- sowie Seidenfabricate den 



* Vgl. Cod. Austr., VI, 8. 695. 

' Gubernialbericht aua Böhmen, der von der bOhmiBch-Österreichischen Hof- 
kanslei am 26. October 1766 dem Hofoommenienrathe übermittelt wnrde. 



74 

Eaufleuten zum selben Preke wie in Lyon angeboten^ in Bar- 
chenty Leinwand and Tischzeugen könne man die Concurrenz 
aushalten^ die Wollenzeuge nähern sich der VoUkomm^iheit 
Allein das wichtigste Argument für die Schädlichkdt des Han- 
dels mit fremden Waaren^ wobei natürlich auf die Rinfiihr von 
Industrieartikeln zumeist hingewiesen wurde^ war die passive 
Handelsbilanz^ nur war die Begründung jedenfSEÜls origineller 
als bei den modernen Theoretikern. ^Das Passivum/ wurde 
dargelegt; ,sei nicht blos nach dem Quanto^ sondern auch nach 
dem Quali der Waaren abzumessen, dergestalt, dass jenes Land 
in der Bilanz verliere, welches gegen Rohmaterialien ein glei- 
ches Quantum Manufacturen einflihre/ Die Verbote bezwecke, 
das Passivum in Manufacturerzeugnissen von den Erblanden 
abzuhalten und das Activum zu vermehren, den neueingeführten 
Fabricaten den Verschleiss zu verschaffen ; dem Nahrungsstande 
würde durch Aufhebung der Verbote nicht geholfen werden. 
Es sei zu wünschen, dass die Mauthen fUr das leitende Princip 
des erbländischen Handels angesehen würden, da sie aber zu- 
gleich das Mittel abgeben müssen, die Staatserfordemisse 01 
decken, so sei freilich nicht leicht, den Endzweck in dieser 
doppelten Rücksicht ohne Beschwerde der Länder zu errdchen. 
Handelsverträge könnten nur zwischen jenen Staaten mit Nutzen 
bestehen, welche nicht die gleichen Conmiercialabsichten, folg- 
lich nicht die nämlichen Handelsinteressen haben.^ 

Noch grössere Ausdehnung erhielten die Verbote, seit 
Josef Einfluss auf die Geschäfte gewann. Bald nach seiner Er- 
nennung zum Mitregenten wurde die Frage über die Nützlich- 
keit derselben erörtert, da von verschiedenen Seiten Beschwerden 
über die Waareneinfuhrverbote eingelangt waren. Ein Ansturm, 
den Qraf Philipp Sinzendorf gegen die Zollpolitik unternahm, 
indem er in einer Reihe von Denkschriften die Schädlichkeit 
derselben und die Nothwendigkeit, Handelsverträge mit den 
Nachbarstaaten abzuschliessen, nachzuweisen suchte, wurde von 
dem Grafen Rudolf Chotek abgeschlagen. In einem Hand- 
schreiben vom 19. April 1766 bestätigte Josef ausdrücklich die 
Verbote;* ohnehin war nach der Meinung des jungen Mon- 
archen noch zu wenig geschehen. Die Einfuhr fremder Waaren 



> Protokoll vom 6. December 1765. 

> Abgedruckt bei Ameth, IX, S. 608, Note 712. 



erschien ihm noch immer zu gross, was er dadurch erklärte, 
fdaas seit dem Verbote gewisser Waaren sich die Ausländer 
beeifem, neue Namen und Waarengattungen zu erfinden, um 
sich den verlorenen Verschleiss zu yerschaffen^ Bereitwillig 
ging der Commercienrath auf die Ansichten des Kaisers ein. 
,Die Neugierde/ heisst es in einem Vortrage, ,biete dem Unter- 
nehmer die Ehud, und da die erbländischen Manufacturen sich 
inzwischen dem Nachahmungsgeiste überlassen, so entspringen 
daraus zwei Folgen, wovon eine jede dem Staate gleich gefthr- 
lieh sei, nämlich dass man in das Mannigfaltige gerathe, ohne 
in einem Sttlcke die Vollkommenheit zu erreichen, und zu 
dieser erst alsdann gelange, wenn die Fremden den Geschmack 
schon auf andere Neuigkeiten geleitet haben; niemals seien 
vielfältige Aenderungen des Nationalgeschmackes einem Staate 
vortheilhaft und in dem Manufacturstande nur jenen Völker- 
schaften verträglich, die nicht mehr für den eigenen Bedarf, 
sondern Air die benachbarten Staaten arbeiten; sogar der öftere 
Wechsel der Trachten lasse bei Privaten eine Unentschieden- 
heit muthmassen; bei ganzen Nationen entdecke derselbe den 
Mangel übereinstimmender Grundsätze der Erziehung und der 
Denkungsart/ Man erbat sich daher die Genehmigung folgen- 
der Grundsätze: Eis sei nicht rathsam, die Nachahmung aller 
fremden Neuigkeiten und Erfindungen in den Manufacturen mit 
gleichem Eifer zu treiben, sondern sich nur die Verbesserung 
der nothwendigen, nützlichen und vortheilhaflen angelegen sein 
zu lassen, daher fremden Fabricaten die Einfuhr auch dann 
zu verbieten sei, wenngleich die eigene Erzeugung nicht so 
weit in Bezug auf die Mannigfaltigkeit gediehen wäre, da die 
fi*emden Waaren den Verbrauch eines erbländischen Productes 
hindern. So z. B. überschwemme England viele Provinzen mit 
einer Art Papiertapeten, welche wohlfeil seien und dem Kauf- 
manne einen Nutzen von 30 — 40 Percent gewähren. Die Ein- 
wendung, dass sie wohlfeil seien, falle nicht ins Gewicht, ,wenn 
eine übereinstimmende Erziehung mit der patriotischen Den- 
kungsart nur gelehrt hätte, dass in einem wohlgeordneten Staate 
die entbehrliche Bequemlichkeit aufgewogen werde durch Ver- 
besserung des Nahmngsstandes. Was demnach an Patriotismus 
fehle, müsse die Gesetzgebung zu ergänzen trachten'. ^ 



' Vortrag vom 26. Januar 1767, Beferent Degelmann. 




l 



76 

Der hervorragendste Vertreter des Verbotsystems, Degd- 
mann^ entwickelte eine ausserordentliche Thätigkeit, um jene 
Massnahmen zu ersinnen, welche zur strengen Durchführung 
erforderlich waren.^ Das Patent vom 24. März hatte sich schon 
insofeme als mangelhaft erwiesen, als ganze Waarenclassen 
verboten wurden, bei näherer Prüfung sich erst später heraus- 
stellte, dass darunter auch mancher Gegenstand begriffen war, 
der in den Erblanden gar nicht erzeugt wurde; anderseits 
unterlagen einzelne Artikel nicht dem Verbote, welche z. B. in 
def Nadelburger Fabrik verfertigt wurden. Neue erläuternde 
Verzeichnisse von verbotenen Waaren mussten entworfen und 
an die Behörden versendet werden. Das Patent vom 31. August 
1767 war das Ergebniss eingehender Berathungen, und auch 
Ungarn imd Siebenbürgen wurden den Ländern angereiht, fftr 
welche die Waaren verböte ausgesprochen wurden. 

Gleichzeitig mit den Einfuhrverboten wurden auch Aus- 
fuhrverbote erlassen. Es scheint, dass man sich anfangs nur 
zögernd dazu entschloss, später aber bereitwillig den Wtlnschen 
nachkam, sobald die Industriellen es forderten. Auch hier ging 
der Anstoss zumeist von Böhmen aus. Die Flachsspinner heisch- 
ten ein Verbot flir Flachs, die Weber flir Garn, die Tuch- 
macher für Wolle, die Metallfabriken flir Bergwerksproducte. 
Die Rohproducte sollten im Inlandc verarbeitet werden. ESne 
kaiserliche Entschliessung vom Jahre 1762 besagte, dass nicht 
bei allen Gütern die Ausfuhr nützlich sei, und machte eine An- 
zahl Rohstoffe namhaft, als* Kupfer, Messing, Eisen, Zinn, 
Stahl, deren Ausfuhr nicht zu befördern, sondern die im Lande 
zu verarbeiten seien, dagegen sei ffer den Verschleiss von 
Quecksilber, Getreide, Wein und Obst Sorge zu tragen, die 
Ausfuhr von Flachs, Garn, roh und gebleicht, von Häuten, 
Hasenbälgen, Wachs und Schaffellen sei zu erschweren.* Graf 



' Weisung an die Landesgubernien vom Mars 1767, die yerlÜMlichere 
Massnehmung in Ansehung der verbotenen Waaren betreffend. 

* Eine kaiserliche Entschliessung auf einen Vortrag der Hof kämm er in 
MflnEwesen und Montanisticis vom 10. August 1770, unterseiohnet Frans 
Graf Kolowrat, lautet: »Ueberhaupt ist zwar der allgemeine Qrandsata 
fortan zum Richtmass zu nehmen, dass keine Ausfuhr der inländischen 
Producten zu gestatten, 8oweit deren Verarbeitung in Meinen Landen 
mit g^tem Nutzen geschehen, mithin das Materiale in einen höheren 
Preis gesetzet werden mag. 




77 

Josef Kinsky brachte später in Antrag und erhielt die Zustim- 
mang ftLr das Ausfuhrverbot von Pottasche, um den böhmischen 
Olaafabrikanten den Rohstoff billiger zu verschaffen. Schon 
firOher hatte der Commercienrath einen ähnUchen Antrag mit 
Rücksicht auf die Bleichen gestellt, denen ,bald der Vorzug 
sukommen werde', und die sächsischen, sowie die schlesischen 
Elaufleute würden genöthigt sein, ihre Leinwand zur Bleiche 
nach Oesterreich zu senden. 

Das System der Einfiihrverbote wurde durch Gewährung 
von Pässen, wodurch Einzelnen die Erlaubniss zur Einftlhrung 
gewisser Artikel zeitweilig oder dauernd gestattet wurde, durch- 
brochen.^ Es dürfte aber schwer sein, genau die Grundsätze 
zusammenfassen zu wollen, von denen man sich leiten Hess. 
Es fehlte nicht an Willkür. Vielfach hing auch die Bewilligung 
oder Abweisung des Gesuchswerbers von der mehr oder minder 
freisinnigen Ansicht des Referenten ab und von der Wärme 
seiner Darstellung in den Vorträgen an die Kaiserin. Einigen 
Fabrikanten wurde die Einfuhr bestimmter Waaren gestattet, 
wenn sie sich verpflichteten, eine ebenso grosse Quantität in 
einer bestimmten Frist auszuftihren.^ Fabrikanten, deren Er- 



,Doch lässt flieh für alle Fälle, ob und wann eigentlich das Verbot 
oder einige Beschränkung der Ausfuhr eines Bergwerks- Producti einzu- 
treten habe, und so auch wegen der Preisen, die in Ansehung der in- 
lindiBchen Fabriken, dann der fremden Abnehmer zu halten seyn wollen, 
zum Voraus kein gewisses Normale festsetzen, sondern es wird de casu 
in casum nach den jeweiligen Umständen sich zu richten, auch allenfalls 
über die Torkommende Betrachtungen die Anzeige ein verständlich mit 
dem Commercienrathe zu Meiner Entschliessung abzustatten seyn. 

.Soweit ein Ueberfluss an Metallen sich ergibt, deir in den Län- 
dern nicht aii%earbeitet werden mag, da kann allerdings auf die Er- 
theilang der Frejpässe zur fremden Ausfuhr gemeinschaftlich von der 
Cameral- und Commercial-Stelle femers angetragen werden/ 

' Waaren, die nach dem Patente vom 12. September 1749 einzuführen 
verboten werden, dürfen mit Pässen in die deutschen Erblande einge- 
führt worden, als schwere seidene, ganz- und halbseidene ausländische 
Zeuge, Blondes und sonstige Qalanteriewaaren (Juwelen ausgenommen). 
Cod. Austr., V, 713. 

' Graf Boltza bat, 7000 Stück fremde Bohcottone zum Sortiment seiner 
Fabrik einfuhren zu dürfen, und zwar entweder gegen einen vollständigen 
Manthnachlass oder gegen einen Zoll von '/« Percent, wobei er jedoch 
die gleiche Anzahl eigener Fabrioate binnen zwei Jahren ausser Landes 
zu führen verpflichtet werden sollte. In dem Gutachten hob der Commer- 
zienrath hervor, dass der Mauthsatz in Böhmen und in Oesterreich ein 



78 

Zeugnisse verboten waren, die aber den inneren Consum m 
befnedigen nicht im Stande waren, erhielten die EHaubniss, 
eine bestimmte Menge des betreffenden Artikels ßlr eine be- 
stimmte Zeit' einzuftlhren, and mancher Besitzer einer Fabrä 
dehnte seinen Betrieb niuht ans, weil ihm die fremde Waare 
grosseren Gewinn abwarf ab sein eigenes Product* Bei der 
mangelhaften Grenzilberwachung blulite der Schmuggel, and 
ganze Stösse von Contrebandacten liefern einen besseren Em- 
blick in die Menge der Einftihr als die ofSciellen, fast durch- 
wegs auf unsicheren Grundlagen beruhenden Tabellen; so er- 
finderiscb man auch mit Vorkehrungen gegen die Einfuhr frerm- 
der Waaren war: die Behörden wurden doch überlistet, uaA 
die angestellten Zollbeamten drückten mehr als ein Äuge gegen 
ein gutes ,Doiiceur* zu. 

Von der Kaiserin kamen wiederholt Weisungen, die Gte- 
Währung von Pässen ,in ein festes System zu bringen'. ESd 
Verzeichniss der ertheilten P&sse musste ihr alljährlich vorge- 
legt werden; sie forderte, ,Ton Zeit zn Zeit nachzusehen, ob 
die eineufUhrenden Waaren, für welche Pässe verlangt werden, 
nicht in den Erblanden verfertigt wUrden, und die Handelsleute 
auf die Fabriken aufmerksam zu machen.'^ Nur in jenen Fftllen 
sollten Passe erthcilt werden, wenn der Commerzial- und Pa- 



verBcbiedenar »ei, indem in dem ent^enannten Ldode 3 fl. vom 8tQek 
GuiECottoti and die Hllfto von dem StOck Httlbcottoo lu eotricfat«« 
komme, in Oeateireich jedoch werde die Wauenachittnin^ von dem ZoU- 
Kmte vorgenommen; femer werde müchen rohen und gani fertigen 
Wuren kein Unterschied gemacht. Es mOge dem Grafen Boltaa ge- 
Btattet werden, TOUO Stflck gegen Entricfatung von '/« Percent einan- 
fUbren, jedocb hStte er aich Ende 1768 ausEQweisen, daa gleiche Qaaatom 
von dieser oder von den selbst eneogten Cottonwaaren in fremde linder 
snagefUhrt sa haben, Dieser Antrag nnrde genehmigt, jedoch mit dam 
Znsatie, doss, fall» die TOOO Stock nicht ausgeführt wOrdan, Qraf BoltiA 
verpflichtet w&re, die Übrigen 18 Percent Zoll noch nacbiOMihlen. Pro- 
tokoll dee Commeraienrathee vom tS. November 1766. 

' So der Fabrikant Lui " - — — - ■ 

Bindern auf iwei Jahr 
1771. 

* Auch Private erhisllai 
gnogen; io wnrde eing 
einfache Hanthgebflhr 
ta entrichten vergflnnt 

* Vortrag des Commeni« 



79 

briksinspector das Zeagniss gebe^ dass die verlangten Waaren 
nicht vorhanden seien.^ Sie nahm Anstoss daran^ dass die Pässe 
bald gewährt; bald verweigert werden, namentlich bei jenen 
Waaren, die im Lande, wie man ihr dargelegt hatte, in ge- 
nügender Menge erzeugt wurden. Bei den Wiener Krämern 
wurden 3041 Stttcke Wollenzeuge vorgefunden. Sie verfügte, 
dass nicht nur diese, sondern alle in den deutschen Erblanden 
befindlichen Waaren bis Ende December unter Confiscations- 
strafe ausser Landes gebracht und keine Pässe auf wollene 
Zeuge ertheilt werden sollen.' Einige Wochen später liess sie 
sich jedoch bestimmen, wieder einigen Fabrikanten auf Ein- 
rathen des Commerzienrathes Pässe ftir die Eünftihr wollener 
Zeuge zu ertheüen, fhgte aber hinzu, im Uebrigen habe es bei 
den Verboten zu bleiben.' Bei der Passertheilung sollte auf 
das Genaueste untersucht werden, ob das angebliche Quantum 
inländischer Fabricate von den Bewerbern abgenommen worden 
sei, femer ob die nämlichen Mengen nicht zweimal vorkommen.« 
Der Commerzienrath habe zu invigiliren, dass die ftlr die in- 
ländischen Fabriken eingeführten Materialien von denselben auch 
verarbeitet und nicht zum Schaden des MauthgeföUs verkauft wer- 
den.^ Die Menge der seidenen Waaren, auf deren Einfuhr Pässe 
ertheilt werden sollen, erschien der Kaiserin zu gross, und sie wie- 
derholte ihre Weisung, dass derartige Bewilligungen nicht so leicht 
erdieilt werden sollen und die Qiltigkeit der Pässe auf sechs Monate 
zu beschränken sei.^ Bei der Ertheilung von Pässen sei nicht 
auf die angebliche Bestellung gleicher oder ähnUcher Waaren 
bei den inländischen Fabriken, sondern auf die wirkUch er- 
folgte Abnahme inländischer Waaren Rücksicht zu nehmen.^ 
Der Commerzienrath machte Vorstellungen, ohne jedoch die 
Monarchin von ihrer Weisung abbringen zu können; sie be- 
harrte bei ihrer EntSchliessung und fügte eigenhändig hinzu: 
,wäre besser keine mehr zu gebend® Feine Tücher werden 



* Protokoll 7om 2., rep. vom 23. April 1767. 
' ProtokoU Tom 1. Jani, rep. 10. Jali 1768. 

* Protokoll vom 28. Juli, rep. 15. Aag^iut 1768. 

^ EntBchliessnng auf den Vortrag Tom 80. Januar, rep. 14. Februar 1769. 

* HandbUlet rom 2. Mai 1769. 

* EntaehliesBung auf den Vortrag vom 12., rep. am 23. MKrs 1770. 

* Bntsohlienung auf den Vortrag vom 9., rep. am 20. April 1770. 

* Protokoll vom 14., rep. 25. Mai 1770. 



80 

^nugsam in den Erblandcn erzeugt, lautet eine Entschliessong 
vom August 1770. Die Fabriken führen Klage über geringe 
Abnahme; es seien daher keine Pässe auf feine TUcher zu er- 
theilen, ausser wenn die Handelsleute nachweisen, dass die ver- 
langten Gattungen in den inländischen Fabriken nicht zu haben 
seien.* Und einige Wochen später verfUgte sie, dass die Fase- 
Werber durch Zeugnisse der Fabriken ausweisen sollten, daas 
diese nicht im StaDde seien, die Waaren zur rechten Zeit za 
liefern.* Auf ganzseidene Bänder sollten Pässe nicht gewährt 
werden (30. Juli 1770), zugleich aber in Vorschlag gebracht 
werden, wie und in welchen Arten die Erzeugung der Sanunt-, 
Flanell-, Halhseiden-, Harras-, Zwillich- und Leinenbänder am 
ftiglichsten eingeleitet werden könne, um das inländische Be- 
dUrfniss zu befriedigen, die fremden Waaren bintanzubalten 
und den Nahrungsverdienst den eigenen Unterthanen zuzuwen- 
den. Am 27. August 1770 erging an die Commerz! alconsesse 
mit Ausnahme von Niederösterreich, VorderöBterreich und Tirol 
die Weisung, dass bei künftigen Passgesuchen auf verbotene 
Waaren nebst der Menge, dem Crewicht, StUck oder EUenmass 
auch der Gcldwerth sowohl der abgenommenen erbländischen 
als einzuführenden iremden Waaren beiläufig angegeben werde. 
,Für dermalen/ lautet eine Ent«chliessung, ,will die Erthei- 
lung dieser Pässe noch willigen, t\ir das Künftige aber wird 
für solche Waaren, welche wegen dos schon vorhandenen Sur 
rogats leicht entbehrt werden können, besonders aber für Seiden- 
waaren auf Ertheilung von Pässen nicht mehr anzutragen seyn.' 
Der Commerzienrath habe auch nach PBicht gemäss fUrzudenken, 
wie die Fabricatur derjenigen Waaren, die nicht zu entbehren 
sind, in den Ländern noch eingeführt oder nach ErfordemisB 
erweitert oder allenfalls ein anständiges Surrogat beschafft 
werden möge, um auf die eine oder andere Art die fremde 
Einfuhr vollends beseitigen zu können.* 

Durch diese Verbote waren namentlich jene Länder hart 
getrofTen worden, deren Industrie gar nicht oder nur in eio- 

' Protokoll vom 13. Augiut, reji 

* ProlokoU vom 27. Augiut, rep 

• Protokoll vom 15,, rep. 26. Oi 
deTstellen, December 1770: mi 
Waaren. die wegeu des Lier 
behrl werden kSnneu, 



81 

zelnen Artikeln entwickelt war^ die daher bei den noch unge- 
nügenden Strassenverbindungen nicht nur die Erzeugnisse 
theurer bezahlen mussten, sondern auch fllr ihre eigenen 
Waaren ihre Absatzgebiete verloren. So bezog das Oörzische 
wollene Strümpfe^ Flanell^ Eronrasch^ ordinäre Tücher aus dem 
Venetianischen zu billigeren Preisen als etwa aus Mähren oder 
Erain. Der Wiener Handelsstand führte Elagen durch den 
Hinweis^ dass im Lande nicht alle Waaren in genügender 
Menge und Güte erzeugt werden und die Qeneralverbote schä- 
digend für Handel und Verkehr seien. Geringere Zölle würden 
einen grösseren Waarenabsatz zur Folge haben und auch dem 
Staate mehr Einnahmen abwerfen. Die Preise der inländischen 
Fabricate seien zu hoch und übersteigen die auswärtigen um 
80 — 100 Percent. Der Handelsstand bat nach dem Muster an- 
derer Länder um Errichtung einer aus geschickten Handels- 
leuten zusammengesetzten Handelsdeputation. Der Commerzien- 
rath sprach sich gegen diese und andere Forderungen aus. 
Der Handelsstand; meinte er^ sei unwissend^ mit den Grund- 
sätzen der Handelspolitik nicht vertraut, eigennützig. Nur Graf 
Eolowrat befürwortete, den Wünschen des Eaufmannsstandes 
Rechnung zu tragen.^ 

Auf die Eaiserin scheinen die wiederholten Elagen Ein- 
druck gemacht zu haben. Sie hatte wohl früher selbst den 
Anstoss gegeben, dass die Verbote in grösserer Zahl erlassen 
wurden, aber von Zeit zu Zeit tauchten denn doch Bedenken 
bei ihr auf, ob dadurch Handel und Industrie in entsprechen- 
derer Weise gehoben werden. Linz, noch im ersten Drittel des 
Jahrhunderts ein besuchter Marktplatz, hatte seinen einträg- 
lichen Handel eingebüsst. Die Eaiserin verlangte einen Plan, 
wie und auf welche Weise nach dem Exempel anderer be- 
rühmter Messorte, als Leipzig, Mainz u. s. w., in Linz ähnliche 
Einrichtungen getroffen und die in der Mauthverfassung be- 
ruhenden Hindemisse hinweggeräumt werden können.^ In einem 
aosftlhrlichen Vortrage setzte das Commerziendirectorium aus- 



' Vortrag vom 22. Juni 1772. 

* ,Die Messen sind der Ursprung alles Yerschleisses, und der Verschleiss 
ist der alleinige Behelf zur mehreren Erzeugung deren Fahricatoruro, da 
es aher eben an der Vollstreckung dieser ohnumstOsslichsten Qrundsätzen 
gebrieht und die Herstellung der Linzer Messe die gedeyllchsten Folgen 
nach sich ziehen muss, so will von mir die questio an? in Betreff der 

AkUt. LXXXI. Bd. I. HUfte. 6 




82 

omander^ welche Ursachen zum Rückgang der ehemals be- 
rühmten Messen zu Bozen^ Wien und Linz mitgewirkt haben. 
Der Handel habe seit der Auffindung des neuen Seeweges nach 
Ostindien von Venedig sich abgewendet, und die Städte, über 
welche der Handelszug seinen Weg genommen, haben dadurch 
Einbusse erlitten. Vor 50 Jahren seien in der Monarchie keine 
anderen Manufacturen als Leinwand, Tuch und Eisen vorhanden 
gewesen. Die Fremden konnten daher viele Waaren einführen. 
Nun werden auch noch andere Industrieartikel in erträglicher 
Qüte imd zu leidlichem Preise erzeugt, so dass die fremden 
Waaren entbehrt werden können. Man habe daher dieselben 
verboten oder mit einem hohen Zolle belegt und könne sich 
daher nicht verwundem, dass sich die Fremden von den Jahr- 
märkten fernhalten. Wenn die erbländischen Jahresmessen nicht 
mehr so blühend seien wie vormals, so sei dies vielleicht um 
so besser. Es fehle den inländischen Waaren nicht an Absatz 
nach aussen. So werden Eisenwaaren, Sicheln und Sensen in 
Menge nach Italien, Polen und dem Orient verführt; Leinwand 
und wollene Zeuge gehen in die Fremde; an Cottonen werden 
schon 50.000 Stück erzeugt; die Wollenzeugfabrik in Linz habe 
einen Aufschwung genommen. Man sei bemüht, dem Handel 
alle Erleichterung zutheil werden zu lassen, und habe die Aus- 
fuhr- und Durchfuhrzölle, herabgesetzt. Erbländische Erzeug- 
nisse werden von den Ausländem wohl nicht auf den Messen 
gekauft, aber in das Ausland gesendet. Nach hergestelltem 
Frieden sei Hoffnung vorhanden, dass die Waaren aus Nürn- 
berg und Leipzig ihren Zug durch die Erblande nach Italien 
nehmen werden. Ob den Erblanden genützt würde, wenn Mittel 
angewendet werden zur Herstellung florissanter Messen, sei 
zweifelhaft. Ein wesentliches Erfordemiss hiefÜr wäre die Ge- 
stattung freier und uneingeschränkter Einfuhr, dann wären aber 
Verfall und Umsturz der wichtigsten Landesmanufacturen die 
unvermeidhche Folge. Fremde Kaufleute werden sich dann mit 
erbländischem Qelde bereichern, der inländische Nahrungsstand 
aber Abbruch erleiden, denn die schädliche Sehnsucht nach 
fremden Waaren sei bekannt. Der Erhaltung des Geldes im 
Lande sei alle Rücksicht zu zollen. Dies geschehe auch in 



EtabliruD^ einer Messe allda dadurch Dormirt und ist mir ein wohlaos- 
gearbeiteter Plan vorzulegen.* 



83 

anderen ätaaten. Das Beispiel kleiner Staaten sei kein Beweis 
fär die nothwendige Begünstigung freier Messen. In Oesterreich 
müsse nicht der auswärtige, sondern der innere Handel gehoben 
werden. Linz sei allerdings für den Handel günstig gelegen, 
aber es mangle an vermöglichen Handelsleuten, welche im 
Stande seien, wohl assortirte Waarenlager zu errichten.^ 

Diese Auseinandersetzungen befriedigten die Kaiserin. Die 
Berichte der Behörden über den Stand der Industrie lauteten 
ungemein günstig, allein die alten Zweifel über die Nützlichkeit 
der Verbote erwachten, als in der zweiten Hälfte der Sechziger- 
jahre neue Beschwerden von Seiten der Kaufleute einliefen, die 
namentlich gegen die grosse Anzahl der in den Jahren 1764 
und 1767 erlassenen Verbote gerichtet waren.* Es scheine sehr 
bedenklich zu sein, heisst es in einer kaiserlichen Entschliessung 
auf ein Protokoll, welches einige Anträge über zu erlassende 
Verbote enthielt, ,dass die inländischen Fabriken durch den 
doppelten Zwang, nämlich durch das Verbot der ausländischen 
Einfuhr und durch die Verhaltung der Handelsleute zur Ab- 
nahme inländischer Waaren beständig unterstützt werden sollen, 
and dies könne auch die Ursache sein, dass die Fabrikanten 
wenig bedacht sind, ihre Producte in der Güte und im Preise 
den fremden gleichzusetzen. Dieser wichtige Gegenstand sei 



^ Vortrag vom 4., rep. 30. Juli 1761, unterzeichnet Graf K. Chotek. Die 
kaiserliche Entfichlieesung lautet: ,Dieser Vortrag ist sehr wohl und 
gründlich verfasset, und da Mein Absehen wegen der Wiedererhebung 
der Linser Messe dahin gehet, um den inländischen Fabricatis, deren 
einige schon zur Vollkommenheit und so auch zur genüglichen Menge 
gediehen, die Gelegenheit zu einem mehren Verschleiss zu verschaffen 
und den Specerei- wie auch den Eisenhandel wieder nach Linz zu ziehen, 
so hat das Commerzdirectorium sich auszulassen, wie die Erreichung 
dieser beeden Gegenstände befördert werden kOnne; übrigens ist dasselbe 
ganz recht daran, dass der freie Handel mit den fremden Waaren, welche 
theils schon verboten und theils, weil sie inner Landes fabricirt werden, 
weiter zu verbieten sind, dem Aufkommen deren Landesfabriken schäd- 
lich sej, und da bey den inländischen Fabriken die geringen Tücher, 
Leinwand und Leder schon in der Menge existiren, so hat das Commerz- 
directorium auf Mittel und Wege, wie deren Verschleiss zu befördern, 
besonders aber auf Errichtung dergleichen Societäten, wie das Institutum 
der mährischen Lehenbank ist, fUrzudenken/ 

' Auf ein ProtokoU vom 1., rep. 16. October 1767 schrieb die Kaiserin 
eigenhändig: ,M()chte ein Exemplar von dem Druck haben wegen aller 
verbotenen Waaren.' 

6* . 





84 

daher in reife Ueberlegung zu nehmen und zu seiner Zeit ein 
Vorschlag zu machen^ wie das Fabrikswesen wenigstens nach 
und nach ohne vielen Zwang verbessert werden möge/ Und 
einige Monate später schrieb Josef auf ein Protokoll, worin 
die Beschwerden des Handelsstandes dai^elegt wurden, es 
sei sich gegenwärtig zu halten, dass die Verbotsanordnungen 
weder zu weit zu treiben, ebenso wenig aber allgemein davon 
abzusehen sei.^ Gleichzeitig übersendete Josef dem Commerzien- 
rathe einige Anmerkungen, welche als Anleitung dienen sollten, 
wie diese Verbote, die bisher vielleicht zu weit erstreckt wor- 
den, in dem rechten Masse zu bestimmen seien.' 

An die verschiedenen Commerzconsesse der deutschen 
Erbländer wurde am 10. JuU 1772 die Anfrage gerichtet, wel- 
che Waarengattungen in hinlänglicher Menge und derart ver- 
fertigt werden, dass sie den fremden in der Güte und im Preise 



' Auf einen Vortrag vom 22. Juni 1772 unterzeichnet Kolowrat 
* Sobald man das Verbot einer Waare veranlassen wolle, so lauten die 
Anmerkungen, habe man auf das Genaueste zu untersuchen, ob man 
dieselbe im Inlande in hinlänglicher Menge und so verfertigen könne« 
dass sie der fremden an Güte und Preis wohl nicht vollkommen, den- 
noch beiläufig gleichkomme, oder ob sie nicht von einer Eigenschaft sei, 
dass man sie entbehren oder dem Publicum ein anderes angenehmes 
Artefactum darbieten könne, das dessen Abgang ersetze. So wäre es 
nicht schädlich, die Einfuhr der Baumwollwaaren zu verbieten, wenn 
man durch Erzeugung hinlänglicher wollener Waaren den Abgang der- 
selben zu ersetzen im Stande wäre. Sei dieser Punkt aufgeklärt, so sei 
sodann in weitere Ueberlegung zu nehmen, ob der Fremde, dessen Waare 
verboten wurde, durch dieselbe einem anderen inländischen Waarenartikel 
der Handlung nicht mehr Schaden thun kann, als derselben durch die 
Abhaltung des verbotenen Artikels Nutzen zugeht. Man hat also wohl 
einzusehen, ob der Fremde, welcher die Landesproducte und Artefacte 
von dem Staate abgenommen, dafür aber andere Waaren abreichet, solche 
noch femers g^gen bares Geld werde abnehmen müssen, und ob er nicht 
solche anderwärts sich werde verschaffen können. Ist man nun des er- 
steren sicher und hat das letztere nicht zu befürchten, so kann mit dem 
Verbote vorgegangen werden. Es wird dem Nutzen nach sich zeigen, 
dass das Publicum ungeachtet des Vorurtheils für die Fremden zu Zeiten 
auf schlechtere Waare den Landeseinwohnem jenen Nutzen wird zu- 
wenden müssen, welchen bisher der Fremde genossen. Nach diesen Ge- 
sichtspunkten wären alle dermaligen Einfuhrverbote von dem Commer- 
ciali und der politischen Stelle in die genaueste Ueberlegung zu nehmen 
und nach Umständen beizubehalten oder abzuändern. Ich glaube, man 
würde finden, dass die Aufhebung eines Theiles derselben für den Statt 
ebenso nothwendig als die Beibehaltung des anderen Theiles sein 



85 

gleichkommen; ob Fremde/ welche österreichische Natur- oder 
Eansterzeugnisse ausführen^ andere Waaren einführen oder die- 
selben mit baarem Qelde bezahlen, ob eine Verminderung des 
Absatzes österreichischer Erzeugnisse eingetreten sei, weil die 
ausländischen mit einem Einfuhrverbote belegt worden seien. 
Die Consesse wurden auch angewiesen, Kaufleute und Fabri- 
kanten einzuvemehmen. 

Die Ansichten gingen weit auseinander, aber es ist be- 
merkenswerth, dass damals die Kaufleute sich mit ihren For- 
derungen nicht den Industriellen anschlössen, wie dies im 
19. Jahrhundert der Fall war und ist, sondern liberalen zoll- 
politischen Gesichtspunkten das Wort redeten. Es seien Waaren 
verboten, lauteten die Voten der Kaufleute, welche im Lande 
nicht erzeugt werden. Die stählernen in Klagenfurt verfertigten 
Lichtputzen, die Bürgsteiner Papierspiegel stünden den Nüm-* 
berger Erzeugnissen weit nach; die Stahl-, Messing- und Metall- 
waaren könnten auswärts wegen des hohen Preises und der 
schlechten Beschaffenheit nicht abgesetzt werden; die türkischen 
und siebenbürgischen Kaufleute machen in Nürnberg ihre Ein- 
käufe; einige WoU- und Seidenfabricate, deren Einfuhr dem 
Verbote unterliege, werden in den österreichischen Landen 
nicht verfertigt; die Brünner, Klagenfurter und gräflich Wallen- 
stein'schen Tuchfabriken könnten weder die nöthige Menge, 
noch die gehörigen Farben liefern; bei Ausländem finde man 
eine Auswahl von Mustern und langen Credit; Bestellungen bei 
den inländischen Fabriken werden nur langsam geliefert. Die 
Tuchhändler baten um Gestaltung der Einfuhr feiner Tuche. 
Ueberhaupt schilderten die. Kaufleute die grossen Nachtheile 
des beschränkten Handels. Das Verbot ersticke den Wetteifer 
und den Fleiss, der Handel ohne Freiheit gedeihe nicht und 
nehme ab. Der Wiener bürgerliche Handelsstand machte 
80 Artikel namhaft, die vor Erlass der Verbote von der Resi- 
denz nach Polen, Ungarn, Siebenbürgen und der Türkei ver- 
sendet worden seien, während sie in diesen Ländern nunmehr 
aus Leipzig, Breslau und Frankfurt a. O. bezogen werden, da in 
Wien kein vollständiges Sortiment der erforderlichen Waaren 
vorhanden sei. Gleichzeitig seien auch inländische Waaren ab- 
gesetzt worden. Dagegen wurde geltend gemacht, der bürger- 
liche Handelsstand sei blos Commissionär der englischen Fabri- 
kanten und ,vergröS8ere den Geldmangel^ 




86 

Natürlich lauteten die Aeusserungen der Fabrikanten in 
einem anderen Sinne. Seidenerzeugnisse^ behaupteten die Fa- 
briksinhaber, seien in Güte und Menge vorhanden, die Verbote 
müssten bestehen bleiben schon mit Rücksicht auf die beschäf- 
tigten Arbeiter. Die Friedauer Cottonfabrik wies darauf hin, 
dass ihr Erzeugniss auch ins Ausland gehe, sie zahle 150.000 fl. 
Arbeitslohn, ein hoher Zoll würde nur den Schleichhandel be- 
fördern, eine Behauptung, die bis zum Jahre 1848 stetig wieder- 
kehrt. Frankreich und England hätten ihre Fabriken durch 
Verbote, Prämien und RückzoU entwickelt und gehoben; Hol- 
land, die Schweiz und Hamburg dagegen müssten sich auf den 
Transport verlegen, Tausende würden durch Aufhebung der 
Verbote ihr Brot verlieren. Einige Fabrikanten, wie Fries & 
Comp., welche sich im Laufe der Zeit in Oesterreich bereichert 
hatten, forderten ein allgemeines Verbot für alle fremden Waaren 
mit Ausnahme einiger, deren Einfuhr durch Pässe gestattet 
werden soll. Die Folgen der Aufhebung der Ausfuhrverbote 
wurden in herzerschütternder Weise geschildert. Das gehei- 
ligte Wort der Kaiserin habe so viele Unternehmer ermuntert, 
heisst es in einem Schriftstücke, so viele MiUionen angetrieben, 
zur Qlückseligkeit des Staates, zur Erweiterung des Nahrungs- 
standes neue Fabriken zu gründen. Ein Volk von einer Mil- 
lion Familien nähere sich dem Throne und lege sich seinem 
gnädigsten Landesvater zu Füssen, welches Erzeugnisse mehr 
als 30 Millionen Gulden im Werthe liefere, es rufe zitternd und 
hoffnungsvoll um Hilfe, um von seinem Untergange und Elende, 
von seiner Verzweiflung gerettet zu werden. ^ 

Die oberösterreichische Regierung sprach sich für die Auf- 
rechterhaltung aller Verbote und bei einigen Waaren für die 
Ertheilung von Pässen aus. Bei Eisen- und Stahlwaaren hob 
sie hervor, dass die ordinären Gattungen im Inlande erzeugt 
werden; die feinen können in Preis und Qualität die ausländi- 
schen nicht erreichen, auch ,ohne Abbruch der bereits ange- 



^ Aus einem an Josef gerichteten Schriftstücke ans dem Jahre 1772. Fries 
& Comp, wendeten sich ebenfalls an Josef, der das Promemoria am 
4. Februar 1773 herabgab. In erster Linie war es Fries um seine Seiden- 
fabrik zu thnn, die, wie er betonte, 474 Personen beschäftige nnd 79 
Stühle besitze. Jedenfalls meinte er, sollte die Einfuhr nur gegen Pässe 
jenen gestattet werden, die sich verpflichten, zweimal so viel von ein- 
heimischen Fabriken abzunehmen. 




87 

wohnten ordinären Sorten nicht zur Genüge erzeugt werden*, 
fUr die letzteren möge daher das Einfuhrverbot aufrecht bleiben, 
ftor feine Sorten ein Zoll von 15 Procent festgestellt werden; 
Nähnadeln sollten nur gegen Pässe hereingelassen werden; 
Kalender können in den Erblanden zur Nothdurft gedruckt 
werden, ,folg8am' sei deren Einfuhr nicht nothwendig. Der 
innerösterreichische Commerzconsess setzte auseinander, Ver- 
bote seien nützlich, wie das Beispiel anderer Staaten beweise; 
auch die Wiener Spiegelfabrik sei nur dadurch emporgekom< 
men; der Staat werde durch Ausfuhrverbote bevölkert, das 
Geld in Umlauf gebracht; ohne dieselben werde das Landes- 
capital geschwächt und die Arbeiter zur Auswanderung ge- 
zwungen; ein Land, welches z. B. eine Million Familien aus je 
sechs Seelen bestehend besitze, wovon jede jährlich blos für 
Kleidung nur 5 fl. braucht, würde in 10 Jahren 300 Millionen 
an Capital verlieren und das Volk ohne Nahrungsverdienst sein. 
Nicht in Uebereinstimmung mit den Voten der Consesse waren 
die Gutachten der Gubemien. Verbotsgesetze seien ,in totali 
dem Staate schädlich^, schrieb das innerösterreichische Guber- 
oium, höchstens grobe Leinwand, grobe Tücher, wollene Strümpfe 
u. dgl. wären zu verbieten. Für Tirol, bemerkte das oberöster- 
reichische Gubemium^ seien Verbote nicht anwendbar, die be- 
stehenden sollten au%ehoben werden, erbländische Manufacte 
seien wegen des Preises unerschwinglich. Im Banate erklärte man 
sich ebenfalls gegen Verbote. Das böhmische Gubemium sprach 
sich dahin aus, es komme bei dem Erlasse eines Einfuhrver- 
botes darauf an, ob die betreffende Waare entbehrlich sei, ob 
sie im Lande selbst in genügsamer Menge und Qualität um 
denselben Preis wie die ausländische erzeugt werde, endlich 
ob der allfällige Geldentgang bei der Einfuhr durch die Aus- 
fiihr inländischer Waaren ersetzt werden könne; durch Gestat- 
tung der Einfuhr werde der Eifer zur Verbesserung der hei- 
mischen Erzeugnisse mehr gesteigert als durch Verbote; die 
Fabrikanten müssen sich dann bestreben, dieselbe Waare zu 
demselben Preise und in gleicher Qualität zu liefern, da es 
dem Eläufer ganz gleichgUtig sei, fremde oder heimische Waaren 
zu erhalten, wenn dieselben nur gut und preiswürdig seien. ^ 
Mährens und Schlesiens Länderstellen entschieden fUr Verbote. 



* Bericht vom 5. lAin 177S. 



Von deo eingelaufenen Voten der Conseese and der Lftoder 
atellen sprachen eich blos 2 fUr unhedingte Aufrechterhaltang 
der Verbote aus, 36 waren für theilweise Aufhebung, 7 Län- 
derstellen und 6 Separatvoten fUr gänzliche Aufhebung. 

Der Commerzienrath beschäftigte sieb auf Grund der ein- 
gelaufenen Gutachten im Mai 1773 mit der Frage. Die Majo- 
rität sprach sich fUr die Aufrechterbaltung der Verbot« aus. 
Durch Einfohrrerbote sollte der herrscbenden Auffassung nach 
den Untertbanen ausser dem Ackerbau eine nüteliche Beschäf- 
tigung verschafiTt, dem Staate selbst die grQsste und beste Be- 
Tälkerung gewonnen werden. Dieses Ziel kOnne in einem 
grossen Staate, wie der österreichische sei, durch den Handel 
nicht in jener ausgiebigen Weise als durch die Manofacturen er^ 
reicht werden, da jener weit weniger Hände beschäftige und ohne 
Manufacturen passiv, daher dem Lande schädlich wäre. Wo sich 
daher die Interessen der Industrie und des Handels kreuzen, 
habe der letztere zurückzustehen; dagegen mtlssen die Manu- 
facturen dem Wohle des ersten Erzeugers weichen; dies werde 
jedoch selten eintreten, da die Manufacturen die BeTölkemng 
und den Beichthum des Staates -rermehren. Der (isterreicbiacbe 
Staat wUrde auch schwerlich seit dem letzten Kriege eine Er- 
höhung der Abgaben von 8 Millionen ertragen haben, wenn 
die Manufactursbegttnstiguugen nicht eingetreten wären. Die 
Verbote seien aber das ausgiebigste und sicherste Mittel zur 
Entwicklung der Industrie : das ausgiebigste, weil sie den Unter- 
nehmer reizen und den Wetteifer hervorrufen, das sicherste, 
weil sie an dem Fortgänge keinen Zweifel Übrig lassen, folg- 
Uch den ersten Aufwand bei den Fabriks- and Mannfacton- 
antemehmiiugen wagen und verschmerzen lassen. Zollsätze 
wirken nicht so stark wie Verbote, bei denen der private mit 
dem allgemeinen Nutzen dergestalt vereinbart werde, dass der 
eine von dem andern unzertrennlich zu sein scheine. Es sei 
auch geßlhrlich, die inländische Manu&ctur aUen Uebervor- 
theiluugen der ' > '^^ "--" 

lieh, um dem 
währen, nach 
den Waareo It 
' geringer, was 
nen die verbot 
entgehen, leic 



89 

erkannt werden, wenn die letzteren den Zoll umgangen haben. 
Wohl yerringem sich die Mauthge&lle; allein die Consumtions- 
abgaben steigen. Der nützliche Handel könne durch Verbote 
keine Aenderung erleiden, da der Tausch gegen baares Geld 
weit vortheilhafter als jener gegen Waaren sei. Der Handel 
mit dem Auslande werde dadurch nicht geschädigt werden; 
man könne sicher sein, so lange die österreichischen Staaten 
wohlfeile und den Nachbarn anständige Waaren haben werden, 
werde man dieselben ungeachtet der Verbote ausführen dürfen. 
Auch sei die Lage der Erblande so beschaffen, dass die Furcht 
vor Repressalien nicht die geringste Rücksicht verdiene. ItaUen 
und die Levante, wohin die nützlichsten Speculationen gehen 
können, seien in so viele kleine Staaten getheilt, dass von den- 
selben nichts zu beseiten sei. Frankreich, England und die 
Schweiz, welche die meisten Manufacturwaaren liefern könnten, 
seien von Oesterreich weit entfernt. Sachsen und Schlesien 
sind in den wichtigsten Erzeugnissen die Concurrenten von 
Böhmen und Mähren. Das Erforderniss von Bayern sei wenig 
beträchtlich, dass man deshalb eine Ausnahme von der Regel 
machen sollte. Ja wenn die Verbote noch nicht bestünden, 
80 schiene es flir die Vermehrung der allgemeinen Wohlfahrt 
am ftbrträglichsten, dieselben einzuführen. Auch habe der Staat 
eine Art von VerbindUchkeit eingegangen, die Verbote zu halten, 
da die Fabriksuntemehmer im Vertrauen auf die Gleichförmig-, 
keit des Systems und auf die Standhaftigkeit der allgemeinen 
Anordnungen ihre Privatmassnahmen gewählt haben, und es 
würde gegen die Qerechtigkeit laufen, zu einer gänzlichen und 
jähen Aufhebung der Verbote zu schreiten, welche den Umsturz 
vieler Fabriksuntemehmer und eine nicht gleichgiltige Verwir- 
rung in dem Privateigenthum nach sich ziehen, dadurch aber das 
allgemeine Vertrauen empfindlich schwächen würde. Die Commis- 
sion sprach sich jedoch für eine Verminderung der Verbote aus. ^ 

^ »Dieselben sollten nicht blos ftir jene Waaren, die in quanto, qaali et 
pretio, sondern aacb für jene, welche in quanto und quali, and wie einige 
sich aussprachen, nur in qaanto in den Erblanden aufgebracht werden, 
ohne Rücksicht auf das pretium fortan weiter bestehen, denn wenn das 
quantum leicht aufgebracht werden kOnne, sei dies ein sicheres Kenn- 
seichen, dass die Fabricatur ftir das Land geeignet und zu hoffen sei, 
dass auch die entgegenstehenden Hindemisse noch gehoben würden, um 
auch bezüglich der Qualität und des Preises zu einer weiteren Vollkom- 
menheit zu gelangen ; wo jedoch Quantität und Qualität nicht vorhanden 



90 

Schliesslich wurde die Frage erörtert, ob die Verbote 
einiger fremden Waaren den Absatz erbländischer Erzeugnisse 
herabgemindert haben. Die meisten Commerzconsesse und 
Landesstellen behaupteten das Qegentheil und bemerkten, dass 
in Böhmen und Niederösterreich sogar eine Vermehrung des 
Verschleisses mit erbländischen Erzeugnissen eingetreten sei. 
Allein die Commission weist darauf hin, dass diese Angaben 
durchaus nicht verlässlich seien. Es könne nicht geleugnet 
werden, dass schon vor dem Jahre 1764, also noch vor den 
Verboten, die ungarischen Weine nach Schlesien keinen Ab- 
zug mehr gehabt haben, dass dagegen böhmische Leinwand 
und böhmisches Garn nach Sachsen, Schlesien und Holland ge- 
fiihrt werden, dass Sachsen Holz und Kohle, vielleicht auch zur 
Unzeit, Getreide und Vieh aus Böhmen flihre, sowie die Schweiz 
und Bayern Wolle aus Böhmen und Ungarn ziehen, dass wäh- 
rend der Herrschaft der Verbote halbleinene Zeuge aus Oester- 
reich ob der Enns nach ItaUen, aus Niederösterreich Damast, 
halbseidene Zeuge und Kattune in das römische Reich, femer 
Spiegel, Wachsleinwand und gedruckte Tücher aus Böhmen in 
verschiedene Länder versendet werden. 

Die Commerzcommissionen waren aufgefordert worden, 
sich zu äussern, welche Manufacturen für jedes Land beson- 
ders geeignet seien und durch Aufhebung der Verbote am 
meisten benachtheiligt werden dürften. Aus den Berichten ging 
so viel hervor, dass die Leinen-, Wollen- und BaumwoUenmanu- 
facturen für die meisten Erblande, die Seidenmanufacturen fiir 
Niederösterreich und Görz die wichtigsten seien. Wie viel 
wahre Vortheile aber durch die Veränderung eines Systems, 
das sein Gutes schon dargethan habe, gegen scheinbare und 
Ungewisse aufs Spiel gesetzt werden, bemerkte der Commerzien- 
rath, sei eine Sache, die der Empfindung eines Patrioten nicht 
entfallen könne und die daher der allerhöchsten Ehitscheidung 
überlassen werden müsse. ^ 



seien, wären die Verbote aufzuheben.' Die entbehrlichen Surrogate seien 
zu beseitigen, GommerzpSsse für so wenig Artikel als mOglieh zu ertfieilaii. 
In den Torderösterreichischen Landen wären die Verbote ganz und gar und 
in Tirol ffir alle Artikel mit Ausnahme von Tuch aufzuheben, indem 
diese Länder in einer anderen Verfassung als die anderen Erblande stehen. 
^ Protokoll über die ausserordentlichen Sitzungen des Commerzienrathes 
am 11., 12., 18. und 19. Mai 1773 wegen Aufhebung oder Mlssigiuig der 




91 

Der Commerzienrath theilte die Waaren in sechs Classen: 
in solche^ welche in Bezug auf Qüte und Preis den auswärtigen 
gleichen und in hinlänglicher Menge in den Erblanden gear- 
beitet werden, oder welche wohl in grosser Menge vorhanden 
sind und auch hinsichtUch ihrer Qualität ausländischen Waaren 
gleich stehen, aber theurer im Preise sind, femer solche, wel- 
che in Bezug auf Qüte und Preis hinter den fremden Waaren 
zurückstehen u. s. w. Hiemach wurde sodann die Erspriess- 
lichkeit oder Nothwendigkeit eines Verbotes bemessen. Nur ein 
einziges Mitglied der Commission sprach sich gegen Verbote 
überhaupt aus: Carl Graf von Zinzendorf. 

Die Vorschläge des Commerzienrathes gelangten an eine 
,zu8ammenge8etzte' Commission, aus Mitgliedern der böhmisch- 
österreichischen Hofkanzlei, der Finanzstellen und des Com- 
merzienrathes bestehend. Mit der principiellen Frage, ob die 
Verbote beizubehalten seien oder nicht, beschäftigte sich die 
Commission nicht Sie sah dieselbe eigentlich durch den Wort- 
laut der kaiserlichen Entschliessung als in bejahendem Sinne 
entschieden an und sämmtliche Stimmen sprachen ihre Ansicht 
dahin aus, ,dass, wenn eine Waare in quali, quanto et pretio 
der firemden gleiche, dieselbe dem Verbote zu unterliegen hättet 
Nur Graf Philipp Cobenzl war für die Beseitigung der Verbote, 
weil inländische Erzeugnisse die Concurrenz mit den fremden 
um so weniger zu befürchten haben, denen ein 20percentiger 
Zollsatz genügenden Schutz gewähre.^ Man könne nicht be- 
haupten, fügte er hinzu, dass bei solchen Umständen das Ein- 
fuhrverbot wenigstens unschädUch sei, nachdem durch die Hint- 
anhaltung aller möglichen Concurrenz die inländischen Fabriken 
sich in ihrem Fleisse vernachlässigen oder den Preis der Waare 
nach ihrem Wohlgefallen erhöhen können; es sei übrigens eine 
klare Wahrheit, dass in Commerzangelegenheiten jedes nicht 
unbedingt nothwendige Zwangsgesetz ein Uebel sei. 

lieber die Frage, ob Waaren, welche in Bezug auf Menge 
and Güte den ausländischen gleichstehen, aber nur höher im 



Einfahrrerbote fremder Waaren in die Erblande. Gegenwärtig: Vice- 
präs. Baron Beischach als Vorsitzender, die Hofräthe Graf Zinzendorf, 
Mannagetta, Doblho£f- Dier, Rottenberg, Degelmann, Raab, Titelbach, 
Eger, die Hofsecretäre Taube, Paradis and Trieb. 
^ Vgl. über Philipp Cobenzl meine Abhandlung in den Mittheilungen des 
teterr. Inst, XV, S. 264 n. 807. 



92 

Preise sind, mit dem Verbot zu belegen seien, gingen die An- 
sichten auseinander. Die einen wiesen darauf hin, dass das 
Verbot einer im Inlande erzeugten Waare, die ungeachtet eines 
20 percentigen Zolles theurer sei, eine Bedrückung und gleich- 
sam eine neue Contribution für den Consumenten wäre, wobei 
auch das Aerar verliere, ,ein solches Fabricatum^ sei daher dien 
Erbländern nicht angemessen. Der Hinweis auf den G^ldab- 
schluss wurde mit der Bemerkung bekämpft, ,da8S in früheren 
Zeiten wohl viel weniger Fabriken vorhanden waren, dennoch 
weit mehr Geld circulirt habe.^ Auch hätten die Erbländer 
allemal eine Menge Gattimgen Waaren, welche sie ausser Lan- 
des gegen andere Waaren baratiren können, ohne dass baares 
Geld hinausgeschickt werden müsse, ,da doch nur der Barat- 
handel zur Beförderung des Commerzwesens beitraget Da- 
gegen vertraten andere die Ansicht, dass der ,abzuhaltende 
Ausfluss des Geldes nach dem Beispiele der meisten grossen 
Staaten den Hauptgegenstand der zu treffenden Anstalten in 
Handlungssachen bildet Einige Stimmen wollten bei der Aus- 
wahl der Waaren, welche dem Verbote unterliegen soUten, auch 
darauf Rücksicht genommen wissen, ob dieselben aus einem 
Lande eingeführt werden, welches ,in keiner wechselweisen 
Verbindung mit den Erblanden stehet Graf Cobenzl vertrat 
auch in dieser Beziehung einen anderen Standpunkt. Ein solch 
allgemeiner Grundsatz, meinte er, sei irrig, denn er würde dazu 
führen, dass ,ein jedes Land die Consumtion der eigenen Er- 
zeugnisse einschränken und die Handelschaft mit allen übrigen 
Völkern nebst allen daraus entspringenden Vortheilen aufheben 
müsste. Das Augenmerk sei hauptsächlich darauf zu richten, 
dass in jedem Lande die seiner Natur und seinen Umständen 
am besten schicksamen Erzeugungen in grosser Menge, in guter 
Qualität und in wohlfeilem Preise hergeschafft und die Hand- 
lungscirculation sowohl inner Landes als mit den Fremden wohl 
unterhalten werde, wo sich alsdann die Importation mit der 
Exportation von selbst am allerbesten balanciren und kein Geld 
in ein fremdes Land gehen werde, das nicht entweder aus dem 
nämlichen oder aus anderen fremden Ländern wieder ersetzt 
werde, welches dem Staate sehr gleichgiltig sein müsset* 



^ Protokoll über die Sitzungen vom 12. bis 19. Mai und 20. August 1773. 
Gegenwärtig: Oberster Österreichisch-böhmischer Kanzler Graf Blümegen, 



93 

Die Berathungsprotokolle gelangten nun an den Staats- 
rath. Loehr sprach sich dahin aus, dass Zwang und Verbote 
gar nicht das Mittel seien, den Handel emporzubringen, und 
diese Massnahmen sich am allerwenigsten ftlr die Erbländer 
schicken. Seitdem man im Jahre 1764 die Verbotsgesetze er- 
lassen habe, sei ein gedeihlicher Erfolg bisher nicht verspürt 
worden; der Handel habe abgenommen, viele Fabriken, wenn 
sie auch mit vielen und ausserordentlichen Begünstigungen an- 
fingen, haben die Concurrenz nicht ertragen können; nur das 
Pablicum sei bedrückt worden, die Fabriken seien aber den- 
noch zu Qrunde gegangen. Er rieth jedoch ab, von einem 
Extrem auf das andere zu verfallen, und empfahl, blos all- 
mälig das Verbotssystem zu verlassen. Kresel meinte: Man 
müsse jedenfalls den Preis der Waare in Betracht ziehen, um 
das Publicum nicht zu bedrücken; wenn man z. B. die nieder- 
österreichischen Fabriken ins Auge fasse, so müssen, um 
28.000 Seelen zu erhalten, 900.000 Unterthanen contribuiren, 
aber auch jenen 28.000 werde nicht geholfen; bei den höheren 
Preisen der inländischen Waaren sei die Schwärzung unver- 
meidlich ; in einem landwirthschaftlichen Staate müsse der Pro- 
ducent von Flachs und Wolle vor Allem begünstigt werden, 
erst nach ihm komme der Fabrikant. Ziendich ausführlich sprach 
sich Eaunitz aus. Wenn man den Endzweck der Verbote be- 
trachte, setzt er auseinander, so dürfte derselbe ein zweifacher 
sein, nämlich die Erhaltung des Geldes im Lande und die Be- 
Bchäftigung der Einwohner; um Geld im Lande zu erhalten 
oder ins Land zu ziehen, komme es jedoch nicht auf die Menge 
der angelegten Fabriken an, sondern auf den Werth der er- 
zeugten Fabricate; eine einzige Art von Fabriken, die eine 
Million Gulden jährlich ins Land bringe und darin erhalte, sei 
von grösserem Nutzen als zehn Gattungen von Fabriken, die 
nur 500.000 fl. jährlich im Lande erhalten oder hereinziehen; 
auch sei es gleichgiltig, ob die nämliche Summe Geldes durch 
Natur- oder durch Kunsterzeugnisse ins Land komme; dasselbe 
gelte von der Beschäftigung der Einwohner, die sich ebenso 
gut durch eine oder mehrere Gattungen von Manufacturen, 



Graf Leopold Kolowrat, Graf Auersperg, Baron Reiscbacb, Graf Cobenzl, 
Baron ▼. Spiegelfeld; die Hofräthe Zenker, Degelmann, Eger; Commer- 
lienrath Graber, Secretäre Paradis, Vogt. 



94 

durch Belebung des Ackerbaues oder der Industrie erhalten 
lassen; ersteres sei sogar aus vielen Rücksichten vorzuziehen. 
Hieraus folgert Kaunitz die Freiheit als Regel, die Verbote als 
Ausnahme. Hohe Zollsätze seien eine Mässigung der Verbote^ 
welche denselben Endzweck erreichen, ohne dem heimischen 
oder dem fremden Publicum in so gehässiger Gestalt zu er- 
scheinen. Wenn 20 Percent nicht hinlänglich seien, einer hei- 
mischen Fabrik aufzuhelfen, werde ein Verbot dies ebenfalls 
nicht bewirken; nur der Staat hätte den Nachtheil, indem er 
weniger Einnahmen erhielte; es würde wenige Fälle geben, wo 
Verbote nothwendig oder nützlich wären. Auch für die Be- 
seitigung der Ausfuhrverbote erklärte sich der Staatskanzler, 
weil dadurch die Erzeugung unstreitig vermindert werde; ,der 
Ackerbau sei in einem Staate wie Oesterreich, der so viel Erde 
und so wenig Manufacturen habe, den Fabriken vorzuziehend 
Die Ertheilung von Pässen habe aufzuhören. 

Qebler war der Ansicht, dass infolge der allerhöchsten 
EntSchliessung vom Juni 1772 die Einfuhrverbote weder aufzu- 
heben noch allzu weit zu erstrecken seien, sondern nur zu 
massigen wären. Es sei nicht nöthig, die Ansichten, welche 
fllr allgemeine Handelsfreiheit sprechen, zu widerlegen; allge- 
meine Sätze, wenn sie wohl aufgeputzt seien, machen anfangs 
einen grossen Eindruck, unterliegen aber bei ihrer wirkUchen 
Anwendung vielen Schwierigkeiten und bedürfen unendlicher 
Einschränkungen; es wäre viel zu gefährlich, mit einem solchen 
in keinem Lande praktisch bestehenden Idealsysteme einer all- 
gemeinen Handelsfreiheit in der österreichischen Monarchie 
einen Versuch anzustellen, wodurch allein in Oesterreich ob 
und unter der Enns mehr als 60.000 arbeitsame Familien an 
den Bettelstab gebracht und der Abfluss des Geldes um viele 
Millionen gesteigert würde; die Erzeugung einer genügenden 
Menge für den Bedarf sei hinlänglich flir das Verbot; die 
Qualität bringe die Concurrenz unter so vielen Hunderten und 
bei manchen Artikeln, z. B. leinenwollenen Waaren, Tausenden 
inländischen Fabrikanten nach und nach von selbst hervor; der 
Preis regulire sich nach den abwechselnden umständen der 
Lebensmittel oder der ersten Materien; der fremde Fabrikant 
könnte dem einheimischen Kaufmanne, um die ihm so verhasste 
östeiTcichische kaum aufblühende Industrie auf ewig zu ver- 
nichten, einen langen Credit gewähren, wodurch der erblän- 




95 

dische Kaufmann in den Stand gesetzt würde, ohne Fonds und 
Rifflco sein staatsschädliches Gewerbe zu treiben. 

Hatzfeld behauptete: es sei einer heimischen Fabrik ohne 
Unterstützung nicht möglich emporzukommen; 20 Percent seien 
nicht hinlänglich, man müsse das Interesse fUr das Gebäude 
in Anschlag bringen; die Arbeiter, welche zur Verwendung 
gelangen, seien mittelmässig geschult, erzeugen daher viel 
,Powel', die Ausländer gewinnen bei dem Verkaufe an dem 
Gelde 10 bis 18 Percent, keine Waare sollte jedoch länger als 
20 Jahre einem Einfuhrverbote unterliegen; eine Fabrik, die 
nicht innerhalb dieser Frist im Stande sei, mit dem Auslande 
zu concoriren, gewähre keine Hoffnung, jemals dahin zu ge- 
langen, aber für beständig seien jene Waaren zu verbieten, 
welche den Verbrauch der inländischen verhindern; so z. B. 
die Einfuhr fremder Fayence sollte nie gestattet werden, weil 
sie den Consum des zinnernen Geschirres so sehr herabsetze; 
nur jene Waaren sollten einem zeitlichen Verbote unterliegen, 
die in einer solchen M^ge verfertigt werden, dass die eigenen 
Länder grösstentheils damit versehen werden können; endlich 
können Waaren verboten werden, welche der Pracht dienen, 
abo aus Polizeiursachen zur Unterdrückung des Luxus, wie 
z. 6. kostbare Arbeiten von Silber und Bronzen oder auch 
Tischler- und Sattlerarbeiten. ^ 

Ene Denkschrift Josefs vom 11. Februar 1774 war die 
Veranlassung, dass der Staatsrath nochmals zur Abgabe von 
Gutachten aufgefordert wurde. 

Die geographische Lage Oesterreichs, setzte der Kaiser 
auseinander, die Niederlande und Wälschland nicht inbegriffen, 
sei f)lr den Handel nicht vortheilhafl; es seien zumeist fruchtbare 
Länder, welche die Monarchie umgeben, deren Bewohner auch, 
wie z. B. die Venetianer und Schweizer, weniger Steuern zahlen 
und daher wohlfeiler produciren, wogegen in der österreichischen 
Monarchie die staatlichen Bedürfhisse gross seien. Der Bogen 
sei hoch gespannt, es sei aber nothwendig, es müssten daher 
alle Mittel angewendet werden, dem Bauersmanne die Erleich- 
terung zu verschaffen, die grosse Last zu tragen und bei einem 
Kriege noch grössere zu übernehmen. Auf einen grossen 



^ Diese Gutachten wurde von den Mitgliedern des Staatsrathes in den 
Monaten September bis November 1773 abgegeben. 




96 

Absatz könne die Monarchie nicht rechnen, aber sie sei nicht 
klein, von 13 Millionen Menschen bewohnt, sie besitze durch 
ihre Fruchtbarkeit die nothwendigen Producte, die zur Nahrung 
und gröberen Kleidung gehören, im Ueberfluss, sie brauche 
aus der Fremde nichts als Specereiwaaren, feinere Kleidungs- 
und Luxusartikel. Alle Erbländer müssten daher als Eines an- 
gesehen, die Grenzen überwacht und alle Vorsichten ergriffen 
werden, damit die Einfuhr fremder Waaren hintangehalten 
wllrde. Ungarn, Siebenbürgen, GtJizien müssten sich mit hei- 
mischen Tüchern und Leinwanden versehen, und wenn sie auch 
darunter litten, so sei die Monarchie als eine Societät von 
13 Millionen Menschen zu betrachten, dass, wenn 2 oder 3 Mil- 
lionen dabei einige Beschwei*niss hätten, 10 Millionen aber ge- 
winnen, der grössere Nutzen dem kleineren Uebel vorzuziehen 
wäre. Einige Gebirgsgegenden in Böhmen, 100 Fabrikanten in 
Wien würden zu Grunde gehen, was aber nicht in die Waag- 
schale falle, denn jetzo sehen diese Fabrikanten, diese Lein- 
wandhändler nur auf sich, jeder Herr nur auf seine Herrschaft, 
jeder Kreishauptmann nur auf seinen Kreis, jedes Land nur 
auf sein Wohl und kein Mensch auf das Ganze der Monarchie. 
Wenn aber ein Mann für den anderen stehe, was das einzige 
Rettungsmittel flLr die Monarchie sei, werden sich unfehlbar 
grosse Veränderungen vollziehen. Handelsleute und Fabriken 
werden sich an dem einen Orte vermindern, an dem anderen 
Orte erstehen und emporkommen. Werde die Monarchie von 
einer Zolllinie umschlossen, dann sollte auch die Einfuhr aller 
Waaren, die in geeigneter Menge erzeugt werden, wenn auch 
Qualität und Preis den fremden Erzeugnissen nicht gleich- 
kommen, verboten werden. Lrig sei der Einwand, dass die 
Qualität wegen Mangel an Concurrenz sich nie bessern werde; 
man hebe nur alle Monopole und Privilegien, alle Zünfte und 
Handwerksinnungen auf, dann werde sich eine mächtige Con- 
currenz von Individuum zu Individuum, von Land zu Land 
bemerkbar machen. Die Besorgniss, dass, wenn man von 
Fremden nichts kaufe, auch die überflüssigen Erzeugnisse nicht 
abgesetzt würden, theilte Josef nicht und f&hrte einige Artikel 
an, die man immer ausführen werde, wenn man nur einen ent- 
sprechenden Preis fordere, wie Glas, Eisen, Kupfer, Queck- 
silber. Auch der Gedanke, der namentlich in neuester Zeit 
vielfach zur Begründung des Schutzzolles angeführt wurde, 



97 

dass bei Hebung der Industrie und Vermehrung der Bevölke- 
rung die landwirthschaftlichen Erzeugnisse entsprechendere Ver- 
werthung finden werden, daher die Nothwendigkeit der Aus- 
fuhr entfallen dtLrfte, wird von ihm ins Feld geführt. 

Q^bler stimmte dem Grundsätze des Kaisers vollkommen 
bei; besonders das Princip, dass man wegen des hohen Preises 
oder der Qualität einer inländischen Waare die fremde zulassen 
solle, schien ihm vollständig unrichtig. Letztere — d. h. die 
Qualität der Waare nämlich — bestehe oft nur in der Einbil- 
dung oder im Betrüge der Eaufleute, welche gute inländische 
Fabricate fbr fremde verkaufen und ein missrathenes Stück 
zuweilen zum Beweise der Ungeschicklichkeit unserer Nation 
aufzeigen. Aus diesem Grunde eine Erleichterung der EinfuEr 
eintreten zu lassen, wäre höchst schädlich und das sicherste 
Mittel, die aufkeimende Industrie zu ersticken, welche unmög- 
lich der fremden sofort gleichkommen könne. Löhr meinte, 
dass die Absichten des Kaisers von der höchsten Wichtigkeit 
seien. Wenn man der Folgen sicher wäre, würde es eine der 
grössten Olückseligkeiten sein, sich selbst reciprok zu versehen 
und jeden G^ldausfluss zu vermeiden, ohne den Zufluss zu 
hemmen, allein seinem Ermessen nach sei die Gefahr zu gross, 
der man sich durch gänzliche Abbrechung des ausländischen 
Handels aussetze; wenn der Ausländer keine Gelegenheit zum 
Absätze habe, werde er auch die österreichischen Producte 
nicht nehmen; wenn es auch möglich wäre, dass sich ein Staat 
von allen übrigen mit Vortheil im Handel absondern könnte, 
80 könnten doch die Umstände sich ändern, und ein einmal 
al^ewendeter Handel bliebe fUr immer verloren; selbst zur 
Emporbringung der Landescultur scheine alle nur mögliche 
Erweiterung des Handels nothwendig, da der Landmann ledig- 
lich durch die Aussicht auf grösseren Verschleiss seiner Pro- 
ducte zum Fleisse angespornt werde, dies aber nur durch den 
auswärtigen Handel oder durch die Vermehrung der Arbeiter 
möglich wäre, denn der Handel von einem Erblande in das 
andere sei nicht beträchtlich; dass der österreichische Handel 
mit dem Auslande bisher sich nicht sehr vortheilhaft entwickelt 
habe, dürfte wohl in den bisher genommenen Massnahmen 
liegen. Kresel äusserte sich folgendermassen: ,Ein Staat, der 
sich gänzlich einsperre und keinen auswärtigen Handel treibe, 
werde inmier ärmer und schwächer bleiben, da die innere 

IrektT. LXIXI. Bd. I. Hilfke. 7 



98 

Handlung lange nicht so viel als die äossere betrage. Jene 
Länder, welche Naturalien gegen Artefacta vertauschen, haben 
allemal den Activhandel für sich; die grösste Freiheit des Han- 
dels könne daher nicht nachtheilig sein; nicht in allen Manu- 
facturen seien die Nachbarn Oesterreich Überlegen; mit Lem- 
wand, Glas, ordinären Tüchern, Eisenwaaren könne Niemand 
Oesterreich zuvorkommen; bei grösserer BVeiheit wären diese 
Industriezweige noch weiter gekommen, es seien dies fttr Oe8te^ 
reich geeignete Manufacturen, welche nie ein Verbot nöthig 
gehabt haben, sondern lediglich Freiheit; sie haben ohne Unte^ 
Stützung dennoch Millionen ins Land gebracht. Trotz der vielen 
Kriege seit 1740 sei früher nie so grosses Elend zu Tage ge- 
treten wie gegenwärtig; die Ursachen seien Henmiung des Han- 
dels, Störung der Industrie durch zu viele Rücksichten; er 
glaube, dass jener Staat der mächtigste sein werde, welcher der 
erste seine Industrie und seinen Handel durch nichts Anderes 
als Freiheit und Sicherheit, durch gute Strassen, sowie durch 
Schutz nebst einer raschen Justiz leiten und vergpössem werde. 
Hatzfeld stimmte dem Kaiser wohl bei, dass die ganze geo- 
graphische Lage der Monarchie zur Verführung des Ueber 
flusses nicht so leicht wie jener Staaten, die eine hinlänglidie 
Anzahl von Seehäfen und schiffbaren Flüssen haben, sei, in- 
dessen sei es nicht richtig, dass der Vertrieb der österreichi- 
schen Erzeugnisse in die Fremde nicht beträchtlich sei. Sach- 
sen nehme Game und Leinwände in grosser Menge, femer 
Getreide, Wein, Vieh, Wildpret, Butter werden für Millionen 
ausgeführt; seit dem Verbotssystem habe Sachsen allerdings die 
Einfuhr erschwert und Oesterreich gelitten. Bayern nehme 
Hopfen, Vieh, Wein, Tuch und Leder; Polen Wein, Sattle^ 
arbeiten, Stickereien, Galanteriewaaren; in die Türkei werden 
versendet Porzellan, Kupfer, Uhren, Leinwand, Spiegel, Glas, 
Getreide und Eisenwaaren; in das römische Reich Wolle, Ge- 
treide, Wein, Eisen imd Eisenwaaren, Kupfer, Blei, Stickereien, 
Leinwand und geringe Tücher; nach Italien Eisenwaaren, Tabak, 
zeitweilig Getreide, Glaswaaren, Leinwand, Vieh, böhmische 
Steine, Kupfer und Quecksilber; Frankreich beziehe Glas- 
waaren, böhmische Steine, Stickereien, schlechte Bijouterien; 
Holland Lothgarne und Leinwand, Quecksilber und Glaswaaren; 
Spanien Glas- und Eisenwaaren und Leinwand. Nach AuisSb* 
lung dieser Ausfuhrartikel kommt Hatzfeld zu dem Schfasi^ 




99 

dass alle jene Waaren verboten werden sollten; die den Län- 
dern im Ganzen nützlich seien^ also nnr jene^ welche genüglich 
in Güte und Wohlfeilheit den fremden Waaren ziemlich gleichen. 
Eaonitz bezog sich aufsein schon einmal abgegebenes Gutachten.^ 

Während seiner Wirksamkeit in Böhmen hatte Graf Hatz- 
feld Gelegenheit gehabt^ sich mit den industriellen Verhältnissen 
des schon damals wichtigen Landes bekannt zu machen, und er 
betonte es^ dass die Einfuhrverbote der sächsischen und schlesi- 
sehen Waaren dem Vertriebe der österreichischen Erzeugnisse 
einen vielleicht unersetzlichen Schaden zugefllgt haben, allein im 
Widerspruche mit dieser Ansicht trat er dennoch fUr Verbote ein, 
und zwar bei einigen Artikeln, nicht wie die anderen Staatsraths- 
mitglieder beantragt hatten, auf eine Anzahl von Jahren, sondern 
auf ,ewige Zeiten^ So sollten nach seiner Ansicht baumwollene 
Zeuge fto immer dem Verbote unterliegen, weil sie den WoU- 
seugfiibriken Eintrag thun und bei deren Abgang der mittlere 
Bürgerstand sich nicht in Baumwolle kleiden werde; die baum- 
wollenen Zeuge können nur geduldet werden, wenn der Ar- 
beitslohn in den Erblanden bleibt. Hatzfeld's Ansichten waren 
schon insofeme von grossem Einflüsse, als er damals die Vor- 
träge über die Gutachten des Staatsrathes erstattete und daher 
in der Lage war, seine persönlichen Ansichten schärfer hervor- 
zuheben und zu begründen. Die Kaiserin war auch diesmal 
von seinen Vortrag entzückt und genehmigte die Anträge.' 

Li dem Patente vom 14. October 1774 wird bemerkt, dass 
in der Absicht, dem Nahrungsstande durch Lidustrialbeschäfti- 



^ Das Gutachten von Kaunitz lautete: Jch lese meine über diesen Gegen- 
stand bereits erstatteten Voten nach und finde, dass ich in blosse Wieder- 
holungen TerfaUen mttsste, wenn ich gegenw&rtig noch weiter in die 
Sache eingehen wollte. Was die a. h. Aeusserung des Kaisers Majestät 
betrifft, bin ich mit den Voten der Freiherren ▼. LfJhr, Stupan, Kressel 
und besonders mit jenem des Herrn Grafen von Hatzfeld fast in allen 
Punkten yollkommen einverstanden/ 

' Am 26. April 1774 wurde von Hatzfeld die allerunterthanigste Note mit 
den Anträgen erstattet. Die Kaiserin schrieb eigenhändig: ,placet find 
es unverbesserlich mOgte eine Abschrift davon haben.* Gleichzeitig soUte 
die Passertheilung abgestellt werden. Es erfolgte die Weisung, dass die 
übrigen noch bestehenden Verbote nach dem Grundsatze, dass die Frei- 
heit als die Regel, die Verbote aber als die Ausnahme anzusehen seien, 
in eifrige Ueberlegung zu nehmen und die gegen diesen Grundsatz strei- 
tenden Verbote gleichfalls aufzuheben wären. 

7» 



100 

gungen Zuwachs zu verschaffen, in den Jahren 1764 und 1767 
verschiedene Verbote erlassen worden seien. Einige Industrie- 
zweige haben sich jedoch seitdem entwickelt, dass das Publi- 
cum sich weder über die Güte noch den Preis der Erzeugnisse 
zu beschweren habe, auch dem Bedarfe der Erbländer entspro- 
chen werde, daher es bei dem Verbote dieser Waarengattungen 
auch in Zukunft zu verbleiben habe. Die Anzahl der verbote- 
nen Waaren blieb jedoch noch inmier zahlreich genug. Auch 
die Ertheilung von Pässen wurde eingeschränkt und sodann 
ganz beseitigt.^ 



1 



Auf ein Protokoll vom 21., rep. 30. März 1774 über die in den letsten 
acht Tagen vorgekommenen Passgesuche hatte die Kaiserin eigenhändig 
geschrieben: »Diese sollen die letzte Pässe sejn, die gegeben werden, 
indem wenigstens auf 6 Monat selbe sospendire, bis dass Mir vom Com- 
mercium -Colleginm klar vorgelegt wird, was für Waaren dann in Erb- 
landen in solcher Menge gemacht werden, womit die deutsche und han- 
garische Erblanden ohne Pass für fremde Waaren genugsam versehen 
werden können. Wann dies klar Mir ^ezeiget wird, sollen die Verbote 
bleiben. Im Widerspiel seien sie schädlich, unbillig und das Passerthei- 
len keineswegs anständig.' — Auf ein Protokoll vom 9., rep. 16. Mai 
1774 schrieb die Kaiserin eigenhändig: ,E8 wäre mir eine Liste «i 
geben von jenen Waaren, welche künftig werden erlaubt seyn; vor 
diese kOnnen nicht einigen, aber allen Kaufleuten Pässe gegeben werden; 
verlange zwey Listen von jenen, die künftig werden erlaubt werden 
oder verboten bleiben ; alle Monat die Liste, die Pässe bekommen.* Auf 
den Vortrag vom 8., rep. 24. August 1774 erfolgt die Entschliessung, 
,von nun an überhaupt gar keine Commerzialpässe su ertheilen*. 



Grössere Anmerkungen. 



I. (Zu 8. 7.) Vom Grafen Josef Kinsky liegt ein eingesendetes 
Verzeichniss der von dem Adel gegiündeten Fabriken aus dem Anfange 
der Sechzigerjahre vor. Hienach bestand za Oberleutensdorf eine dem 
Grafen Waldstein gehörige Tuchfabrik mit 80 Stühlen ; Wollzeugfabriken 
zQBraunan, auf Kosten des dortigen Prälaten errichtet, später von Franz 
Winter übernommen, ferner zu Ossegg dem Prälaten gehörig; Graf 
Schafgottsche hatte im Königgrätzer Kreise und Graf Piccolomini zu Nachod 
Wollzeugfabriken ins Leben gerufen; Florett-, Boy- und Kotzenfabriken 
zn Heraletz und Humpoletz, dem Bai-on Neffzer gehörig; der Oberstbuig- 
graf von Böhmen hatte bei Pi*ag (Swiatla) eine Knopfmanufactur und 
Hutfabrik begründet; in Jenikau bestand eine Bandfabrik des Grafen 
Ulfeld, zu Kosmanos eine Leinenfabnk auf 10 Stühle des Grafen Boiza, 
Baumwoll&briken zu Pottenstein, dem Grafen Chamare gehörig; für feine 
Strümpfe bestand zu Dux eine vom Grafen Waldstein angelegte Fabrik; 
in Reichenberg wird Clam, in Kamnitz Fürst Kinsky als Begründer von 
Leiüwandfabriken genannt. In Schlesien wird Mylord Taaffe als Giünder 
einer Strumpffabrik erwähnt. 

Auch in Mähren betheiligte sich der Adel an der Gründung von 
Fabriken. Graf Harrach errichtete eine Wollenzeugfabrik in Namiest, 
eine Leinenfabrik, Bleichen und Eisenhammer in Janowitz, Graf Mi- 
trowski in Ziadlowitz eine Fabrik ftir halbleinene und halbwollene Waaren, 
Freiherr v. Hauperski eine Leinen- und Barchentfabrik in Rossitz, Graf 
Contessa erwarb sich um die Einführung der Baumwollspinnerei Ver- 
dienste, Graf Blümegen rief in Lettowitz eine Baumwollfabrik ins Leben, 
anf der kaiserlichen Familienherrschaft in Göding wurde eine Leinen- 
fabnk gegründet. In einigen Ländern hat auch die Geistlichkeit zur 
Forderung der Industrie beigetragen. Der Pi-älat von Ki'emsmünster 
stellte Webstühle auf und Hess 600 Spinner abrichten; zumeist wui'den 
solche Artikel erzeugt, welche die Religiösen zu Kleidungen benöthigten: 
Calmant, Droguet, Kronrasch und ordinäre Tücher; er Hess Strümpfe 





102 

stricken, welche der Hamburger Arbeit am nächsten kamen. (Ans einem 
Berichte vom 6. April 1749.) In Kärnten ist eine Leinwandfabrik des 
Bischofs von Gurk zu neuAen. In Oberösterreich wird Graf Clam als 
Förderer einer Baumwoil- und Zwirnstrumpffabrik genannt. In Krems 
hat Graf Engel zur Errichtung einer Taffet- und Sammtfabrik beige- 
tragen. (Vortrag vom 21. Juli 1768.) Die Beträge, welche von Seiten 
der Regierung den Inhabern der adeligen Fabriken vorgeschossen wurden, 
sind beträchtlich. So erhielt Graf Waldstein aus der böhmisch-mährischen 
Commercialcassa, welche damals mit 50.000 fl. dotirt war, 10.000 fl. 
gegen Versicherung auf das Fabriksgebäude vorgeschossen (an den Con- 
sess in Böhmen 16. Juni 1764), Graf Starhemberg 30.000 fl. (Hand- 
schreiben vom 7. Februar 1767), Oberstbui'ggraf Graf Kolovnnt 4000 fl. 
auf fünf Jahre zinsfrei zur Erweiterung seiner Hutfabrik in Swiatla (Pro- 
tokoll vom 7. August 1769), Graf Clarj, der sich in Böhmen um die 
Einführung der Spitzenklöppelei durch Errichtung von Schulen Ver- 
dienste erworben hatte, 12.000 fl. (Protokoll vom 30. März 1772). Die 
Tuchmacherschaften Böhmens erhielten 1764 zur Erzeugung mittel- 
feiner Tuche 9500 fl., Kaemel erhielt zur Errichtung einer Bandfabrik 
in Penzing 30.000 fl. (8. Februar 1770), Thys in Klagenfurt 100.000 fl. 
(13. April 1775). 

Einem im Jahre 1785 angefertigten Verzeichnisse entnehme ick 
folgende Angaben: Es schuldeten damals dem Staate Graf Theodor Bat- 
thjany für die im Jahre 1769 übernommene Nadelburger Fabrik 
124.919 fl., der Kaufschilling hatte 270.268 fl. betragen; Graf Philipp 
Kolowrat schuldete 2000 fl. seit 1770, auch waren die Zinsen seit dieser 
Zeit rückständig, ferner weitere 1400 fl. Nach einem Ausweise der 
Buchhalterei vom 27. Juni 1785 waren ausständig 679.527 fl.; hieven 
wurden 558.029 fl. für einbringlich erklärt, 55.385 fl. für zweifelhaft, 
der Best wurde abgeschrieben. Die meisten Summen kamen auf Böhmen, 
und zwar 343.477 fl., ferner auf Niederösterreich 324.279 fl. 

Die Verdienste jener Männer, welche in irgend einem Industrie- 
zweige Hervorragendes leisteten, wurden bereitwillig anerkannt und be- 
lohnt. Der Abt von Braunau liess Halbrasch aus böhmischer und schle- 
sischer Wolle erzeugen^ wofür ihm das Wohlgefallen ausgedrückt wurde. 
(28. September 1752.) Die meiste Anerkennung erntete Graf Josef 
Kinsky, der sich grosse Verdienste um die Emporbringung der Industrie 
in Böhmen erwarb. Alljährlich legte er den ,statu8' seiner Fabriken 
vor, die Kaiserin und Josef drückten ihm wiederholt ihre Zufriedenheit 
aus. Seine Bathschläge fanden volle Beachtung, da er als der kenntniss- 
reichste Mann Böhmens galt. Als im Jahre 1767 Graf Kinsky den Stand 



103 

seiner acht Fabriken vorlegte, bemerkte der Commercienrath in dem Pro- 
tokoll vom 12. Februar, dass daraus ,der Anwuchs und der blühende 
Zustand der Burgersteiner Fabriken zu ersehen sei^ Die kaiserliche Ent- 
sdiliessung lautet: ,Dem Kinsky ist meine besondere Zufriedenheit über 
die errichtung und weitere erhaltung dieser fabriquen zu erkennen zu 
geben, wobey aber die Ursache zu erheben, warum der verschleiss derer 
waehsleinwand ad extra abgenommen habe.' 

In Bürgstein bestanden Leinwandfabrik und Handlung, die Wachs- 
leinwandfabrik, Spiegelfabriken, Folienfabriken u. dgl. m. Errichtet wur- 
den die meisten Fabriken im Jahre 1756, dazu kam im Jahre 1757 die 
Leinwandbleiche, 1759 die Schönfärberei und 1760 die Barchentfabrik. 
Die Fabriken standen in Verbindung mit Mähren, Oesterreich, Ungarn, 
Italien (Livorno und Lugano), Spanien (Cadix und Sevilla), Portugal 
(Lissabon), Holland (Amsterdam), Dänemark (Kopenhagen), Kurland 
(Libau), Polen, Sachsen, Livland, England, Moskau, Preussen. (Aus 
einem Rapport der Burgsteiner herrschaftlichen Fabriken vom 1. De- 
cember 1764 bis 81. October 1765.) 

Auf ein Protokoll vom 12. Januar 1769 schrieb die Kaiserin: 
J)em Kinskj ist nach dem Einrathen wegen seiner so patriotischen un- 
eigennützigen Unternehmungen mein Wohlgefallen in den allergnädigsten 
Ausdrücken zu erkennen zu geben; besonders ist Mir sehr vei-gnüglich, 
zu ersehen, dass die Fabricatur nicht etwa nur in den Fabrikshäusern 
bleibet, sondern sich auch auf dem Land ausbreitet, welches das sicherste 
Mittel, solche fest zu gründen. Uebrigens hat der Gommerzienrath die 
Ursache des angezeigten geringen Abgangs der gezogenen Waaren näher 
zu untersuchen.' 

Der Status des Josef Kinsky fQr das Jahr 1769 wurde mit der Be- 
merkung voi'gelegt: ,Er zeige die Fortsetzung der von dem Grafen Kinsky 
eingeführten Fabricaturen, nur beklage sich derselbe, dass die gezogenen 
Waaren oder Tafelzeuge keinen Absatz finden und diese den schleude- 
rischen, lediglich durch die äusserliche Zurichtung ansehnlichen aus- 
ländischen derlei Waaren nicht gleich zu gehen vermögen.' Der Gom- 
merzienrath machte dai*auf aufmerksam, dass diese Waaren verboten seien, 
daher zu hoffen wäre, dass sich ein Verschleiss der Kinsky'schen Producte 
ergeben werde. 

Die kaiserliche Besolution auf das Protokoll vom 11. April 1770 
lautet: ,Der Kinsky verdient wegen seiner Meinen Staaten zu Hebung 
des Nahrungsstandes so nützlichen Unternehmungen, dass demselben darob 
Meine besondere Zufriedenheit zu erkennen gegeben werde. 

Joseph, Corregent.' 



104 

Eine ähnliche Besolution des Kaisers über einen Voriarag you 
1. April 1771 : ,Dem Einsky ist über die Fortsetzung seiner patriotischen 
Bemühungen Mein gnädigstes Wohlgefallen zu eri^ennen zu geben, und 
was am Ende seines Berichtes wegen des Missbrauchs der den Mauth- 
ämtern anyeiirauten Stempeln ankommt, erfordert eine nähere Er- 
örterung. Joseph, Corregent.* 

Seit 1755 erhielt Josef Einsky zur Beförderung der gezogenen 
Leinwände und Tischzeugmanufacturen 1000 fl. auf zehn Jahre, Ende 
1765 auf weitere fünf Jahre auf sein Ansuchen. In dem Votum wird 
bemerkt, seine Erzeugnisse kommen den sächsischen der Qualität, nicht 
aber dem Preise gleich; dies werde erst erreicht werden, wenn diese 
Fabricatur in eine Hausarbeit oder Landesmanufactur werde verwandelt 
und dadurch die auf das Directionsgebäude entfallenden Kosten erspart 
werden können. Man möge Kinskj, wurde gesagt, der unentgeltlich das 
Präsidium des böhmischen Consesses versehe, sein Ansuchen bewilligen 
unter der Bedingung, die erwähnte Fabricatur in eine Hausarbeit zu ver- 
wandeln und um wohlfeilere Preise zu liefern, sowie auch künftighin zu 
erweitern durch Herstellung einer Schule. (Protokoll des Commei-cien- 
rathes vom 18. December.) Auch Zollbegünstigungen wurden ihm ge- 
wähi-t; zur Erleichterung des Handels mit fremden Ländern hatte er für 
die ,per bai'atto eingeführten ausländischen Waaren' nur die Hälfte des 
Gonsumzolles zu entrichten. Ausgeschlossen von dieser Begünstigung 
waren wollene, leinene und lederne Waaren. Im Jahre 1770 klagte 
Kinsky, dass er einen Waarenvorrath im Werthe von 270.000 fl. habe 
und für gezogene Waaren oder Tafelzeuge keinen Absatz finde, ,weil diese 
den schleuderischen, lediglich durch die äusserliche Zurichtung ansehn- 
lichen ausländischen derlei Waaren nicht gleichzustehen vennögen^ (Pro- 
tokoll vom 11. April 1770.) Einige Angaben über Kinsky in der Schrift 
von Pandler ,6raf Josef Kinsky^ Leipa 1885. 

Unter den Niederlegern zeichneten sich zwei als Industrielle aus: 
Thys und Fries. 

Thys hatte für die in Klagenfurt errichtete Tuchfabrik folgende 
Privilegien erhalten: für seine Person und seine Familie und für alle in 
der Fabrik wirklich angestellten Bedienten und Manufacturisten die 
gänzliche Befreiung von jeder persönlichen Contribution; Bealabgaben 
hatte er zu leisten, dergestalt jedoch, dass auch die bei der Fabrik be- 
schäftigten Personen mit keiner höheren als den gewöhnlichen Indo- 
strial- oder Gewerbesteuern belegt werden sollen. Wenn er sich in 
Oesterreich sesshaft mache, soll er dieselben Privilegien wie die Nieder- 
lagsverwandten in der Besidenz bekommen, ohne verpflichtet zu sein, sidi 



105 

dieser Körperschaft einzuverleiben, daher an jenen Orten, wo er sein 
Domicil wähle, keiner anderen Gerichtsbarkeit als dem foro nobilium oder 
umüttelbar der landesfürstlichen Begiorang unterstehen. Das in M^n- 
facten und in seinem Geschäfte angelegte Capital war von jeder Contri- 
bation wie auch von der Nachsteuer befreit. Seine Erben, solange sie 
die gleichen Manufacte und das Commercium fortsetzen, hatten eine Erb- 
steuer nicht zu entrichten. Es stand ihm frei, in allen landesf&rsüichen 
Städten Niederlagen zu eiTichten, Gross- odei* St&ckhandel zu betreiben 
Qud auch seine Waaren anderen Niederlegen! in Commission zu geben. 
(Privilegium vom 10. Juli 1762.) 

Im Jahre 1765 arbeitete Thys auf 21 Stühlen, es fehlte jedoch für 
die von ihm geplante Erweiterung seiner Fabrik an Gespinnsten, woran, 
wie es in einem Protokolle vom 2. April 1765 heisst, ,di6 Widerspen- 
stigkeit der Dominien und deren Beamten' die Schuld trage. Es sei 
dem Heister, lautet eine kaiserliche Entschliessung auf das Protokoll 
vom 8. April, rep. 15. April 1765, ein besonderes Bescript zu er- 
lassen und demselben im Namen der Kaiserin aufzutragen, sich die 
Förderung der Tuchmanufactur allen Fleisses angelegen sein zu lassen, 
erforderlichenfalls selbst dahin zu wirken, dass das Volk zur Spinnerei 
verhalten werde; die Ereishauptleute habBH auf den Vollzug der kaiser- 
lichen Anordnungen unter unnachsichtlicher Strafe, von ihi*er Stellung 
entfernt zu werden, zu sehen und vierteljährlich Tabellen einzusenden. 
Prämien wurden fQr jene Beamte bestimmt, welche die Spinnerei am 
meisten befördern, und zwar das erste Prämium mit 200 fl. und zwei mit 
je 100 fl. Die Bancodeputation sei anzuweisen, den Beamten der ehe- 
maligen Lamberg'schen Herrschaft aufzutragen, in Städten, Marktflecken 
and Dörfern, wo Thys Spinnschulen errichten wolle, die müssige Jugend 
ZOT Spinnerei allenfalls unter Strafe zu verhalten. Jedes Haus sei anzu- 
halten, drei Pfund Gespinnste gegen haare Bezahlung jährlich zu liefern, 
und da an der Erziehung der Jugend zui* Arbeit Alles gelegen sei, dem 
Spinnhause zur Veimehrung seines Personals den Armenleuteaufschlag 
und die Quote des Becrutenbonificationsquanti anzuweisen. Es fehle an 
einer guten Polizei, ohne diese aber könne das Fabriks- und Commerz- 
wesen nicht gedeihen. Thys stand in grossem Ansehen und wurde den 
wichtigsten BeraÜinngen in finanziellen und kaufmännischen Fragen 
beigezogen. Später errichtete er eine zweite Fabrik. Der Staat gewährte 
ikm bedeutende Unterstützungen, und zwar 100.000 fl. Die von ihm 
gegründeten Fabriken gingen nach seinem Tode ein. 

Johann Fries, aus der unter schweizerischer Eidgenossenschaft 
stehenden Stadt Mühlhausen im Sundgau gebürtig, wui'de nach dem 



106 

Aachener Frieden nach London geschickt, nm 100.000 £ zu übernehmen 
und zu überwachen. 1752 etablirte er sich in Wien als Niederlagsfer- 
wandter und erhielt ein Privilegium protectorium zur Errichtung einer 
Fabrik für Barchent, halb- und ganzwollene Zeuge auf den Harschalleii 
Fridau und Babenstein in Oesterreidi unter der Enns, Artikel, wekhe 
die orientalische Compagnie nicht erzeugte (15. Januar 1752). Graf 
Chotek übertrug ihm die Direction der Seidenmanufacturen, welche er bis 
zur Aufhebung des Seidenmagazins mit Tagniola gratis führte, sodann 
für seinen Yorschuss den Best der Waaren und Geräthschaften übernahm. 
Er errichtete später eine Fabrik für Sammt- und Seidenwaaren, liess 
Arbeiter aus der Fremde kommen, beschäftigte 100 Stühle, errichtet« 
eine Halbrasch- und Halbcastorfabrik, bürgerte die Nürnberger Messing- 
gusswaarenfabrication in Oesterreich ein, rief mit Neffzer eine Wollzeng- 
fabrik in Böhmen ins Leben und erhielt am 1. Juli 1752 den Thaler- 
handel. Li dem Zeiträume bis zum 1. Juli 1766 waren 11,281.751 Stfick 
Thaler ausgeführt und an die Gommerzcassa nach Abzug der Spesen 
1,017.757 fi. abgeführt. Auch liess er Silber aus dem Auslande kommen 
und ausprägen. Der Nutzen für das Aerar belief sich auf 173.522 fl. 
Aus dem fremden Silber wurden 5,851.417 Stück ausgeprägt und nnr 
der Best aus kaiserlichem Silber. 1757 wurde er von Eaunitz in einer 
geheimen Bichtung ausgesendet, aus den Acten sind die näheren Details 
jedoch nicht ersichtlich. Im Jahre 1759, als das Münz- und Bergwesen 
an Chotek kam, errichtete er die BergwerksYerschleissdirection. Der Yer- 
schleiss belief sich bis zum Jahre 1766 auf 13,979.566 fl., der Nutzen 
betrug 4,991.472 fl. Während des siebenjährigen Krieges machte er 
Anticipationen. Alle Geschäfte, die Kaunitz durch ihn und das Hans 
Nettine in Brüssel machen liess, kosteten nicht mehr als 7s Vo- ^^^ ^^^ 
Schlacht bei Frankfurt an der Oder, als das Laudon^sche Corps an Allem 
Mangel litt, unterstützte er dasselbe mit Geld und Lebensmitteln. In 
einem Actenstücke vom 10. Mai 1790 wiesen Fries & Comp, darauf hin, 
dass sie bei der Cottonfabrik zu Fridau und Eettenhof, welche 2000 Men- 
schen beschäftige und 80.000 Stück jährlich erzeuge, mehr als zur Hälfte 
interessirt seien. Li der Ueberzengung, dass Fabriken in den grossen 
Städten nicht gedeihen, haben sie ihre mit 120 Stühlen betriebene 
Seidenfabrik nach Wiener-Neustadt verlegt. Die Florfiabrik, die Masgoti 
in Dübling gehörte, wurde durch sie beschäftigt und mit ihrem Capital 
betrieben. Li Galizien haben sie die Fabriksstadt Ederow mit 100.000 fl- 
errichtet, in Böhmen den Leinwandhandel unterstützt und zum Absatz 
das Haus Beymond Piatti in Neapel mit 165.000 fl. dotirt, in Fiume bei 
der Zuckerfabrik sich mit 250.000 fl. und auch bei der BafiÜnerie te 




107 

Tridst beiheiUgt. Sie haben Zuckersiedereien zu Elosternenburg und 
Ednigsaal in Böhmen errichtet, um den Consam in Oesterreich zu decken; 
die Production wird auf 80.000 — 100.000 fl. angegeben. Die Fabrik in 
Königsaal war auf Actien errichtet, ebenso auch die in Nachod; der 
Actienfond in Königsaal belief sich auf 750.000 fl. 

IL (Zu S. 8.) Eine eingehende Darstellung der vom Staate über- 
nommenen oder gegründeten Fabriken w&re für die Kenntniss der indu- 
striellen Verhältnisse unter Maria Theresia von hohem Werth. Hier mögen 
einige Angaben Platz finden. 

Die von Christian Zug zu Lichtenwörth bei Wiener-Neustadt ge- 
gründete Nähnadel- und Drahtzugsfiibrik wurde vom Staate unterstützt, 
,Qm diese Manufactur, welche insonderheit der armen Jugend viel Nahrung 
TerschaflFt, emporzubringen'. Zug bezahlte mit dem erhaltenen Gelde 
Schulden, der Staat sah sich genöthigt, die Fabrik zu übernehmen. (Yor- 
tr&ge vom 22. April 1751.) 

Artillerielientenant Schmid und Johann Fries erhielten ein Privi- 
legium privatum zur Erzeugung von Nürnberger Waaren, einen Yorschuss 
Ton 4000 fl. aus der Commerzcasse, Gussmessing aus Tirol und von 
Frauenthal in Steiermark um 5 % im Preise geringer als Andere und 
ttnen viermonatlichen Credit. Bruchmessing, welches von den Nüm- 
beigem angekauft wurde, sollte mit einem höheren Zolle belegt werden. 
Im Jahre 1 754 wurde die Fabrik von dem Directorium für Münzwesen über- 
nommen, Schmid erhielt 10.000 fl. baar, Fries die Yerschleissadmini- 
stration der Weissenbacher und Nadelburger Fabrik, um den Yertrieb der 
Nähnadeln zu erweitem, und zwar nach Smyma, Aleppo und anderen 
orientalischen Orten; die Yersendungen von Waaren sollten auf Risico 
des Staates laufen. Aus einem Schriftstücke vom 2. März 1756 geht 
hervor, dass in Nadelburg ein Yorrath von 50 Millionen Nähnadeln vor- 
banden war, die jedoch keinen rechten Yertrieb hatten, weil die Nadeln 
aas Mannheim und Schwabach billiger eingeführt wurden. Fries wurde 
eine vierpercentige Proviaion zugesichert, und als das Directorium später 
den Yerschleiss selbst übernahm, gewährte man demselben eine Ent- 
schädigung von 12.000 fl. (Yorträge vom 22. April 1751, 22. Mai 1752, 
Convention mit Fries vom 15. December 1754, Separatartikel vom 15. Ja- 
nuar 1755.) 

Im Jahre 1762 fand der damalige Präsident des Commerzienrathes 
bei einem Besuche der Nadelburger Fabrik, dass daselbst ,allzuviel wenig 
Abgang habende Capi erzeugt werden'. Der geringe Absatz erkläre sich 
dorch den hohen Preis, der durch den ,kostbarQn Arbeitslohn' veranlasst 




108 

werde, »massen die Arbeiter in wenig Tagen so viel erwerben können, 
als ihnen erklecklich, die übrigen Tage der Woche ohne Verdienst zu- 
bringen'; es sei daher nothwendig, eine vollständige Bilanz der Er- 
zeugangs- und übrigen Verwendnngskosten zu entwerfen, um den wahren 
Stand der Fabrik zu erkennen, was durch die Hofkammer bewerkstelligt 
werden möge, deren Obsorge die Fabrik anvertraut sei. (Vortrag vom 
10. October 1762.) Die Kaiserin verfügte, dass die Direction dieser 
Fabrik von dem Commerzienrath zu übernehmen sei, da der Kammer die 
Zeit nicht erübrige, ,in eine bei dieser Fabricatur in allen Theilen 
nöthige Dataglio und mercantilistische Speculation einzugehen^ Ein 
Jahr später erfolgte die kaiserliche Entschliessung, Vorkehrungen zu 
tiefifen, dass die Fabrication, wenn nicht mit Nutzen, doch wenigstens 
ohne Schaden betrieben und endlich das ganze Werk duixh Verkauf 
hintangegeben werde. (Protokoll vom 30. Apiil 1768.) Erst 1769 wurde 
dieselbe an den Grafen Bathyany verkauft, der noch anderthalb Jahrzehnte 
spater (1785) den Kaufschilling grossentheils schuldete. 

Das von Karl VI. erbaute Filatorium in Fara wurde von dem Banco 
mit Verlust verwaltet: die Privaten benutzten es nicht, die Behörde 
musste Seide kaufen, um die Arbeiter beschäftigen zu können. Im Jahre 
1763 wurde der Antrag auf Verpachtung gestellt. (Protokoll vom 23. April 
1763.) Vom 1. November 1764 wurde das Filatorium auf fünf Jahre an 
die ,vermöglichste Seidenfabrikanten' gegen einen jährlichen Pachtschil- 
ling von 720 fl. verpachtet, 1770 wieder in eigene Administration ge- 
nommen, jedoch mit jährlichem Verlust von mehreren Hundert Gulden, 1 775 
um 1000 fl. jährlich wieder vei'pachtet an die Görzer: Bonaventura Bossi, 
Jakob Dezorzi und Jakob Bosti, Alois Zorzini, Aren Morpurghi und 
Bruder, Ventura und Gentile Caventi. Der Pachtungscontract vom 
24. April 1775. 1780 auf weitere zehn Jahre gegen 720 fl. Pacht. 
1784 Entschliessung Josefs^ das Filatorium zu verkaufen; Zorzini und 
Genossen: Josef Moise Luzzato, Moise Morpurgo und Gentile erstanden 
dasselbe um 18.000 fl. 

Christian Sind, Bathsbürger und Handelsmann in Linz, erhielt auf 
Antrag der Stände ein Privilegium zur Errichtung einer Fabrik zur Er- 
zeugung von Wollenzeugen mit einer Kunstfäi'berei (11. März 1672), 
welches durch Patent vom 14. Mai 1682 auf seinen Tochtermann Ma- 
thias Kolb und später unter Josef I. auf den Bruder desselben, Dominik 
Kolb V. Kolbenthui-m (7. April 1707) übertragen und von Karl VI. am 
22. Januar 1715 bestätigt wuide. Dominik Kolb verkaufte die Fabrik 
1716 an das vor dem Schottenthore zu Wien gelegene Soldatenspital und 
grosse Armenhaus, was auch am 15. Januar 171 7 vom Kaiser genehmigt 




109 

wurde; 1722 ging die Fabrik durch Kauf an die k. k. priv. orientalische 
Compagnie ober (ratificirt vom Kaiser am 27. März 1724), damit »die 
sich vermehrende Bettelleute, Müssiggeher, Feiernde und Almosen 
suchende Personen zur Arbeit und zur Gewinnung einer täglichen 
Nahrung verwendet werden'. 1764 übernahm der Staat die Fabrik um 
930.000 fl. und übergab dieselbe dem Banco als Hypothek. Bereits 1759 
wurde sie von dem geheimen Zahlamte eingelöst. DerWerthder verkauften 
Waaren wird angegeben 1748: 178.000 fl., 1749: 229.000 fl., 1750: 
241.000 fl., 1751: 270.000 fl., 1762: 304.000 fl., 1759: 400.000 fl., 
1760: 571.000 fl. (Gommissionsprotokoll vom 9. Mai 1762.) 

Die Leitung der Fabrik wurde Franz Paul v. Stegner übertragen. 
(Zuschrift an den Bepräsentationspräsidenten von Oesterreich ob der Enns, 
Qrafen v. Andlem, vom 9. November 1 754, Mittheilung wegen IJebemahme 
der Fabrik und Bestallung St^pier^s mit 3000 fl. Gehalt und 5 fl. Beise- 
geid täglich.) Eine Beihe von Massnahmen wurde zu Gunsten der 
Linser Fabrik getroffen. Aus den Manufacturtabellen in Böhmen wollte 
man entnommen haben, dass mehrere Gattungen wollener Zeuge im Lande 
selbst verfertigt werden und der etwaige Abgang leicht durch andere 
Landesfabriken, worunter die Linzer gehörte, beschafft werden könnte. 
Der Consess, darüber befragt, äusserte sich dahin, dass Guinette, Barcan, 
Mantel- und Pfaffenzeuge wohl an verschiedenen Orten verfertigt werden, 
aber nicht in solcher Qualität, um die fremden Erzeugnisse verbieten zu 
können, auch Calmanken und andere Zeuge wegen Abgang der erforder- 
lichen Färberei und Appretur keinen Vergleich mit den auswärtigen aus- 
halten können. Man entschloss sich daher, vorläufig den Zollsatz für 
Linzer Fabricate von 5 auf 37s 7o berabzusetzen, obgleich das Ge^le 
emen Entgang erleiden würde, und wenn die Linzer Fabrik sich an- 
heischig machen würde, den Abgang in Böhmen in Bezug auf Qualität 
und Quantität zu ersetzen, sollte ein allgemeines Verbot erlassen werden. 
Auf diese Weise würden, wie Chotek darlegte, ,die gesammten Erblande 
in ein g^enseitiges Verhältniss des Absatzes gesetzt, um den Ueberfluss 
des einen Landes dem anderen zuzuführen*. Gegen die Gewährung der 
Beciprocität, nämlich Festsetzung desselben Zollsatzes für die Einfuhr 
böhmischer Tücher nach den österreichischen Landen, sträubte sich 
jedoch die Linzer Fabrik, und Chotek schloss sich dieser Ansicht an; ,den 
Böhmen', meinte er, ,wäre die Vertröstung zu ertheilen, dass, sobald die 
dortigen Fabrikanten das ganze Land mit dem Erforderlichen zu ver- 
sehen im Stande sein werden, die freie Communication gestattet würde^ 
(Vortrag vom 19. Juni 1769.) Ein Einfuhrverbot aller fremden wollenen 
Waaren ohne Ansn^me wurde erst später erlassen und die Direction 



110 

der Linzer Fabrik angewiesen, ,sich mit den noch nicht erzengten Gat- 
tungen dieser Waaren in Verlag zu setzen nnd damit die Esnflente in 
der gehörigen oder in der anyerlangten Qualität zu einem billigen Preise 
zu yersehen'. (Am 29. Juni 1759.) 

Die Ausweise der Fabrik lieferten ein stetig steigendes Ergebniss, 
und in den Kreisen der Verwaltung wähnte man, dass die Erwerbung 
derselben fQr den Staat eine neue Aera in der Entwicklung der Indu- 
strie bezeichnen werde. In der Umgebung der Kaiserin wünschte man 
jedoch, dass auch jene Artikel erzeugt werden mögen, welche ans dem 
Auslande eingefühi-t werden, so Leydener Camelotte, deren Einfuhr einem 
Kaufinanne Namens Stöckholzer mit Zustimmung der Linzer Fabrik ge- 
stattet worden war. Auch erschienen die Preise der in Linz erzeugten 
Waaren zu hoch. »Nachdem die Billigkeit erheische,' lautet ein Hand- 
schreiben der Kaiserin an den Präsidenten des Commerzienrathes, ,da88 
den inländischen Fabriken nicht gestattet werde, aus dem Verbote der 
fremden Einfuhr einen Missbrauch zu machen und ihre Fabricate zn 
einem allzu hohen Preise den Landeseinwohnern aufzudringen, so sei 
nöthig, dass wegen der Linzer Fabrik, welche in dem Lande ein schäd- 
liches Monopol habe und in vielen Waarengattungen zu theure Preise 
ansetze, künftig eine Vorsehung zum Besseren getroffen werdet Der 
Commerzienrath wurde aufgefordert, mit Zuziehung der DirecUon der 
Linzer Fabrik Mittel und Wege yorzuschlagen, wie die Wollenzeugfabri- 
catur erweitert und die Preise billig in derselben Höhe wie die fremden 
bestimmt werden mögen. ,Gleichwie nun diese Wohlfeilheit durch die 
Mehrheit deren Fabriken erzfl^et, so ist eines und das andere nöthig, 
indem die Linzer Fabricatur alleine nicht zureicht, um die Bedürfnisse 
f&r die gesammte Monarchie zu yersehen und mehr auf das Publicum als 
auf den mehreren Priyatgewinn der Fabrik zu sehen sejn will, gestiüten 
aus der Totalität des Nahrungsverdienstes Meinem Aerario ein weit 
grösseres Einkommen zufliesst'. (Handschreiben der Kaiserin an den 
Grafen Andlern, präs. am 19. März 1762.) 

Die eingeleitete commissionelle Verhandlung stellte die Leistungs- 
fähigkeit der Fabrik in das schönste Licht. Die Direction yersicherte, 
dass schon einige Versuche mit der Erzeugung der sogenannten zwei- 
farbigen Brüsseler und anderer Camelotte gemacht worden seien und 
derartige Fabricate nicht blos in der gleichen Qualität, sondern auch um 
einen billigeren Preis geliefert werden können. Sie zeigte sich erbötig, 
die Preise einiger Waaren herabzusetzen. Die Klagen der Juden und 
einiger Händler, die fremde Wollenzeuge einführen, seien nicht begründet. 
Zwischen den sächsischen und österreichischen Waaren könne ein Ver- 



111 

gleich nicht gemacht werden, sie seien im Ellenmass, in der Qualität und 
Breite verschieden. Es wäre nicht zn rathen, dass die Linzer Fabrik als 
die Hauptfabrik im Lande von der guten Qualität, wodurch sie ihre Waai'en 
auch im Auslande in Credit gebracht, abgehe; das inländische Publicum 
sei schon daran gewöhnt, und die Fremden fangen an, dieselbe zu wtlr- 
digen. Die Erzeugung von geringen Gattungen sei daher, wie der Com- 
merzienrath meinte, den neu anzulegenden Fabriken und einzelnen Zeug- 
macherschaften zu überlassen. Allerdings besass die Linzer Fabrik grosse 
Vorrechte, allein, setzte der Commerzienrath auseinander, eine neue 
Fabrik von solchem Umfange und solcher Wichtigkeit werde ohne be- 
sondere Begünstigung aufisukommen und die Hindemisse zu überwinden 
nicht im Stande sein, und aus diesem Grunde wurde nicht blos die Be- 
lassung der schon eingeräumten PnYilegien, sondern die Ausdehnung 
derselben befüinnrortet. Die Fabrik wünschte, den Bohstoff mauthfrei zu 
erhalten. Der (Commerzienrath sprach sich dafür aus, indem er darauf 
hinwies, dass dadurch eine bedeutende Einbusse an Einnahmen nicht 
entstehen dürfte, da zumeist inländische Wolle verarbeitet werde. Die 
Direction gestand zu, dass sie mit den erzeugten Tuchmengen das Er- 
fordemiss der Monarchie nicht zu befriedigen im Stande sei, allein sie 
wünschte denn doch, dass mit der Errichtung von Tuchfabriken insolango 
innegehalten werden solle, bis die Wollspinnerei in mehreren Gegenden 
eingeführt und verbreitet sein werde, sonst stünde zu befürchten, dass 
eine Fabrik der anderen behufs Erlangung des erforderlichen Gespinnstes 
Concurrenz mache, wodurch beide ,aufliegen' würden. Das Publicum 
würde dann nicht einmal mit dem Nothdürftigen versehen werden, und 
das Einfuhrverbot fremder Waaren könnte dann nicht aufrecht bleiben. 
Wenn genug Gespinnste vorhanden sein werden, könne die Errichtung 
Ton Fabriken Jedermann gestattet werden. Die Linzer Fabrik als die 
Lehrschule und Mutter der übrigen würde dann bezüglich der Färberei 
und Appretur die anderen Fabriken unterstützen können. Vorläufig sei 
jedoch die Linzer Fabrik bei ihren Begünstigungen zu belassen, da Pri- 
vate mehr auf die Fructificirung ihres Capitals als auf die Generalfabri- 
cation Bücksicht nehmen würden. Die Fabrik sei erbötig, die neuen 
Färbereien mit Lehrmeistern und Factoren zu versehen, auch das Ma- 
teriale unentgeltlich zuzusenden und die Gespinnste an sich zu lösen. 
(Protokoll des Commerzienrathes vom 9. Mai 1762.) 

Die Besolution der Kaiserin auf dieses CommissionsprotokoU lautet, 
wie folgt: ,Die Linzer Fabrique hat sich in allen Punkten meiner Loitention 
gemäss, und wie es der Nutzen des Publicums erfordert, erklärt. Es ge- 
reichet Mir demnach zur besonderen Zufriedenheit, dass mit Ernst und 



112 

durch Ergreifung der gehörigen Mittel daran gearbeitet werde, die sehr 
wichtige Wollenzeugmanufactur auszubreiten und nicht nur die Monopolia 
zu beschranken, sondern auch die ernannte Linzer Fabrique dem Publico 
nützlich zu machen. Es walte kein Bedenken ob, dass zur Einfuhr der 
fremden feinen Camelotten kein Pass mehr ertheilt wird, da die Linzer 
Fabrique ihrer Erklärung gemäss sich befleissen werde, die feinen Ca- 
melotten in der nämlichen Qualität und im billigen Preis, wie die Frem- 
den, zu erzeugen, somit die Handelsleute damit zu versehen, und weui 
auch würklich die Qualität anfänglich nicht ganz gleich ausfiele, so ge- 
reichet es doch allezeit zum Nutzen des Publici, wenn das Geld, so für 
die fremden Camelotten ausser Land gegangen, inner solchen erhalten 
werde und mehrere Leute durch die Spinnerei und andere Arbeiten die 
Nahrung erwerben. 

,Ist die Billigkeit und Notwendigkeit bereits bei den Cotonfabriqnen 
anerkannt worden, dass die Spinnerei und Weberei in ausgemessenen 
Bezirken den alten schon eingerichteten Fabriquen nicht entzogen werden 
solle, daher denn auch billig, dass der Linzer Fabrique ihre eingerichteten 
Spinnereien in Oesterreich ob- und unter der Enns, auch in dem erstern 
Lande die Weberschaften überlassen werden, damit diese Arbeit nicht Yer- 
theuert und die Fabricatur durch Schleudereien in ihrem bisher er- 
worbenen Credit nicht herabgesetzet werden mögen, wo übrigens die 
reciproke Einfuhr der in Meinen Erblanden erzeugten derley wollenen 
Waaren bereits verwilligt, auch notwendig ist, dass bey den Transito- 
gütei*n, wie es bey allen andern pro Consumo einzuführen verbotenen 
Waaren geschieht, alle mögliche Vorsehung gemacht werde, damit die 
per Transite einngebende fremde wollene Waare nicht im liand Terblei- 
ben möge. 

,Ist den producirten Mustern von allen Gattungen keine Ansstellong 
zu machen, und da die Fabriksdirection viele derselben sogleich in dem 
Preis herabgesetzet, auch nach jenem hiemit noch weiter fürzugehen er- 
klärt, als derselben eine Erleichterung in denen Mäuthen zugehen wird, 
so hat der Commercienrath alleine dahin fürzasorgen, womit die ausge- 
setzten Preise nicht überschritten, auch jene in den allgemeinen Commen- 
Principiis gegründeten und in der Notification de anno 1749 verspro- 
chenen Mautherleichterungen in balden hergestellt, hiedurch auch dem 
Publico der Nutzen einer wohlfeilem Waare zugewendet werden möge, 
in wessen Folge dann auf die bessere Einrichtung derer Mauthen Bedacht 
zu nehmen und Mir das diesföllige und wegen der eben erwähnten Noti- 
fication de anno 1749 abgeforderte Gutachten ehemöglichst herauf zu 
geben seyn wird, massen es, solange diese Mautheinrichtung nicht zu 



113 

Stande kommt, keineswegs befremdlich fallen kann, wenn sich keine 
nenen Fabriqnen henrorihnn, dahergegen, wenn diese Sache recht ange- 
griffen wird, die bereits in Vorschlag gekommene Societät der inländischen 
Kanfleoten wohl noch zu Stande zu bringen sejn dürfte. Es könne yon 
der Linzer Fabriksdirection wohl nichts Mehres verlangt werden, als 
wozu sie sieh selbsten erbietet, zu welchem Ende demnach die von Mir 
erüieilende Freiheit in allen böhmischen und innerösterreichischen Ländern 
dellgleichen Spinnereien anzulegen, auch ordentliche Fabriquen zu er- 
hditen, den betreffenden Bepräsentationen mit der versprochenen Hfllfe- 
leistong kond gemacht werden kann, obwohl sehr zu zweifeln stehet, 
dass dergleichen ein sehr grosses Capital erfordernden Fabriquen so bald 
entstehen werden, da bisher ohnangesehen der vor einem Jahre publi- 
cirten freien Cotonfabricirnng noch Niemand vorgekommen ist, welcher 
eine solche Fabricatnr zu errichten Willens wäre.' 

Der Verkauf der Linzer Fabrik, sowie der anderen vom Staate über- 
nommenen Fabriken wurde jedoch nach einiger Zeit von der Monarchin 
dem Commerzienrath empfohlen. 

Zumeist wurden grobe Game gesponnen. Als aus den Büchern zu 
entnehmen war, das bedeutende Summen — 76.000 fl. — für feine Ge- 
spinnste in& Ausland gingen, wurde die Direction angewiesen, feine Ge- 
spinnste im Lande zu erzeugen. 

Die Linzer Fabrik stellte das Ansuchen, da sie nicht im Stande sei, 
die Ausschusswolle im Lande abzusetzen, um Befreiung von dem Aus- 
fohrszolle. ,Ich begnehmige zwar,' lautete die Resolution der Kaiserin, ,den 
Antrag, dass der Linzer Fabrique mit den jedesmal ansuchenden Aus- 
fnhrpässen geholfen werden möge, jedoch ist zugleich dahin zu trachten, 
dass diese Ausschusswolle, gleichwie solche die Augsburger brauchen und 
▼erarbeiten, nun also auch in den Erblanden selbst verbraucht und auf- 
gearbeitet werde, von dessen Erfolge, wie solcher erwirket worden, binnen 
einem Jahre Mir die Anzeige zu erstatten.' 

Bestehende Fabriken wurden aufmerksam gemacht, wo etwa Fi- 
lialen errichtet werden können, um auch den industriearmen Ländern 
einen Nahrungsverdienst zu verschaffen. So wurde der Linzer Fabrik 
Krain als ein Land, welches manche Vortheile biete, bezeichnet: leichte 
Zufuhr bulgarischer Wolle und von Farbwaaren zur See, wohlfeiler Spinn- 
lohn und Export nach Italien. Als die Direction später über Mangel an 
inländisdien Gespinnsten Klage fühi*te, wurde ihr die Steiermark als ein 
zur Wollspinnerei geeignetes Land namhaft gemacht. (Vortrag des Com- 
menienrathes vom 12. Februar 1765. Zuschrift an die Linzer Direction 
▼om 4. September 1766.) 

Archiv. LIXXl. Bd. 1. Hilfte. 8 



114 

Die Kaiserin verfügte (ProtoMl tob 1., rep. S6. Octotar 1770), 
dast Tor Allem der Stand der Linier Fabrik, wie bodi sidi ihr jÜirUdics 
Ertragnies belaufe, ans sechsjährigen Bechnungen und Biknxen zu- 
sannenzofinden, ihr zur Einsicht ▼ortalegen seL Sie wiederholte, dsss 
der Sinn ihrer Anordnung wegMi Hintangebnng der Unser Fabrik allMn 
dahin gegangen sei, dass eine dem Werte wohl aocreditirte Compagnie 
ausfindig gemacht und an dieselbe unter billigen Conditionen die Fabrik 
kauf lieh fiberlassen werden solle; für den Fiül, wenn der gtodidw Ver- 
kauf der FiUirik nicht zu bewirken stfinde, könnte anf den Ausweg Ar- 
gedacht werden, eine Administration auf die Hüfte des Gewinnes zu be- 
stellen, jedoch mfisste die Compagnie für das bisherige Ertrigniss der Fa- 
brik nach einem drei- oder sechsjahrigm Durchsdinitt gntstehen und das 
Superplus mit dem Aerar theilen. Einige Zeit spfiter (Protokoll ▼(»n 7. Ja- 
nuar, rep. am 9. Februar 1771) entschied die Eaiserin, dass gegenwärtig 
keine Ursache Torhanden sei, die Linzer Fabrik zu Terkaufen, ders^be solle 
nur dann erfolgen, wenn ein besonderer Yortheil damit erreidit werden 
könne, von einer administratorischen Pachtung solle weiter keine Bede sein. 

Mit der Zeit traten bei der Leitung der Fabrik viele Uebdstfinde ans 
Licht Auf einen Vortrag des Präsidenten vom 87., rep. 28. Februar 1773 
fiber den Vortrag der fiber die Linzer Wollzeugfiabriksangelegenheit an- 
geordneten Hofcommission vom 18. Januar 177S erfolgte die kaiserlicke 
Entschliessuug: Der Stegner sei von der geffihrten Direction dieser 
Fabrik sogleich zu entheben, und es könne ihm der bisher als Director 
bezogene Grehalt keineswegs gelassen werden. Der Commerzienrath wurde 
beauftragt, die demselben zur Last liegenden Facta, fiber welche die Com- 
mission, wie es scheint, zu leicht hinausgegangen, nochmals wohl und 
gründlich zu erwSgen und sich gutachtlich zu äussern, ob nicht etwa der 
Eammerprocurator zur Einklagung der von der Buchhalterei zo liqni- 
direnden Ersatzpost anzuweisen oder eine diesfallige neue üntersui^ungs- 
commission anzuordnen sei. Sorgenthal, der neue Director, erhielt 4000 fl. 
nebst freier Wohnung in der Fabrik und die Weisung, gleichzeitig bei der 
obderennsischen Landeshauptmannschafl in Mannfactur- und Commerzien* 
Sachen als Landrath beizusitsen. Den Antrag, demselben den Hofraths- 
charakter zu verleihen, lehnte die Kaiserin ab. Stegner fiberreichte 
einige Wochen später ein Promemoria, um fernere Belassung seines bis- 
herigen Gehaltes. Hierauf schrieb die Kaiserin eigenhändig: indessen 
die Untersuchung des Camer-Procurators sistire, ihme ^e 4000 fl. Tom 
aerario auch continuire als eine Pension.* 

Dem neuernannten Director, einem tfichtigen, geschäftskundigen 
Manne, gelang es, durch Herabmindemng der Geschäftskosten und Ver- 



k 



116 

bessernng der Erzeugnisse Ueberschflsse zu ensielen. Wie aus einem 
Berichte Sorgenthars aus dem Jahre 1772 zu entnehmen, waren die 
Enengungskosten bisher um 20 — 50 Vo ^^^^^ ftls in anderen Fabriken. 
In der Linzer Fabrik wurde der Spinnlohn derart festgesetzt, dass ein 
fleissiger Spinner seinen ganzen Unterhalt davon bestreiten, die Spin- 
nerei daher nicht blos ein Nebenverdienst^ sondern sogar ein Haupt- 
Terdienst werden konnte. Qegen Veruntreuung und Verwahrlosung des 
Materials von Seite der Spinner hatten die Ereisämter Unterstützung zu 
gewähren; die Qemeindevorstehung sollte die Jugend zum fleissigen Be- 
such der Spinnschulen anhalten. Jenen Spinnereien, die in Bezirken 
errichtet werden, wo dieselben noch nicht bestehen, sollen Unter- 
stützungen gewährt werden. Auf diese Weise hoffte und erwartete man, 
dem Gespinnstmangel abhelfen zu können. (Vortrag vom 5. December 
1786, die Entschliessung langte am 22. December herab.) Die kaiser- 
liche Entschliessung lautete im Allgemeinen zustimmend. Es stehe den 
Fabrikanten und Verlegern, sowie einzelnen Weberschaften zwar frei, 
sich ihre Spinnerfordemisse auf mehrere Jahre contractmässig zu sichern, 
jedoch die Schliessung der Contracte sei keineswegs der Willkür der Grund- 
obrigkeit oder ihrer Beamten zu überlassen, sondern dieselbe habe von 
der Individualeinwilligung und freiwilligen Verabredung der einzelnen 
Hausväter mit dem Verleger auf der herrschaftlichen Kanzlei im Beisein 
der Beamten, dann eines Mitgliedes des Ereisamtes abzuhängen. Dem 
solchergestalt verabredeten und entworfenen Contracte sind die Namens- 
nnterschriften oder eigenhändigen Ereuzzeichen aller Contrahenten bei- 
zudrucken, gegen die Contractbrüchigen Assistenz zu leisten. Mit dem 
Hof kriegsrathe sei sich ins Einvernehmen zu setzen, um die bei einigen 
Begimentem berdts mit gutem Fortgange eingeführten Wollspinnereien 
zu verbreiten; die Linzer Fabrik soll die Wollspinnerei und WoUklanberei 
in Ungarn einzuführen suchen. 

In den Jahren 1780 — 1790 wurde die Fabrik durch grosse Bauten 
erwdtert, 1795 die Fussteppichfabrication und ein Jahr darauf eine 
Easchmirmannfactur ins Werk gesetzt. Ein Tnchwalkgebäude wurde 
errichtet, 1810 Tuchscheer-, Eartenrauh- und Farbholzmaschinen er- 
richtet. Der Verkauf erfolgte in Linz, ferner in Niederlagen zu Wien, 
Pest und Mailand. Die kriegerischen Wirren im ersten Jahrzehnt unse- 
res Jahrhunderts veranlassten durch Bergung der Materialien und Waa- 
ren, sowie durch Invasionskosten beträchüidie Auslagen. Nach Her- 
stellung des Friedens wurden Jaquardmaschinen anfigestellt, 1820 eine 
Drud^erei auf SchafwoUwaaren eingerichtet. (Vgl. ,Linzer Zeitung' 

1866, Nr. 122.) 

8» 



116 

Bei der Untersuchung der Meidlinger Fabrik, welche 63.000 fl. 
kostete, durch Sorgenthal ergab sich ,Mangel an Calculation und Scontri, 
Beschafifung der Geräthschaften in höherem Werthe, wilikflrliche Gebahnmg 
mit Gespinnsten, höhere Erzengungskosten, und zwar um 20 ^/^ höher 
als in Linz^ Der grösste Verlust rührte von den vorräthigen Seiden- 
bändem her, deren Vorrath ,dem Vernehmen nach* von einer anf&nglich 
betriebenen Seidenfabrication herstammt, ,weil in den Acten des Com- 
merzienrathes von der ganzen Errichtung dieser Fabrik nichts Legales, 
ebensowenig von dem Fortgang vorkomme*. Die Sch&fereien brachten 
ebenfalls Verluste. (Vortrag vom 16. M&rz 1772.) Die kaiserliche Ent- 
schliessung genehmigte den Verkauf der Schafe. Fflr Ende 1777 wurde die 
Vorlegung der Bilanz gefordert, um die kaiserliche Entschliessong ein- 
zuholen, ob die Fabrik aufzuheben oder weiterzufQhren sei. 

III. (Zu S. 9.) Von den Unterstützungen, welche einige von 
Privaten gegründete Fabriken erhielten, sollen nur jene erwähnt werden, 
die bedeutende Beträge bekamen. 

Handbillet der Kaiserin an den Grafen Hatzfeld ddo. 12. December 
1763, betreffend die Leinwandfabrik Eichhorn & Comp, in Klagenfurt: 

,Ich habe über einen VoHrag des Commercien-Raths zu verwilligen 
befunden, womit derjenigen Compagnie, welche sich zu Errichtung 
einer Leinwand-Fabrique in Klagenfurt unter dem Namen Eichhorn 
et Compagnie hervorgethan, das anverlangte Quantum von drejsig 
Tausend Gulden auf acht Jahie ohne Interesse aus der Commercial-Cissi 
vorgeschossen, und zu Händen der Commercien-R&the Thys, und Herbert 
Successiv^ verabfolget werde, gegen deme, dass von besagter Compagnie 
die Ruckzahlung nach obiger Frist in denen darauf folgenden ersteren 
drej Jahren, und zwar in gleichen ratis geschehen solle; die Cassa- 
Direction wird also hiemach die Achtung zu nehmen, in benöthigtem 
Fall mit dem besagten Commercien-Rath das nähere Einverständniss xu 
pflegen j und hierwegen das erforderliche auch der Rechen-Cammer sar 
Vormerkung zu eröfnen haben. Maria Theresia m. p.' 

Zu Gunsten der Ponegger Fabrik wurden alle ausländischen ge- 
wirkten und gestrickten Harrasstrümpfe mit 30 % ^^ ^^^^^ deutschen 
Erblanden belegt ; den Interessenten wurde erlaubt, in Wien und an anderen 
Orten, wo sie es fQr nothwendig finden, ein offenes Gewölbe zu halten; 
zwei Jahre hindurch sollten sie bei der Commerzcasse 1 fl. für jedes 
Dutzend Strümpfe erhalten, wobei ihnen eingeschärft wurde, darauf m 
sehen, dass die Strümpfe in Qualität und Form den ausländischen gleich 
seien. (Vortrag vom 20. Juni 1766; an die Interessenten der Poneggw 



117 

ftibnk 3. Joli 1766.) Die Fabrik erhielt später auch Vorsehüsse: 10.000 
\aB 15.000 fl. auf zwei Jahre ohne IntereBsen, sodann in halbjährigen 
Baten rftekzahlbar k 2000 fl. (Vortrag vom 10. December 1767)i ein aus* 
schliessliohes Monopol fftr den Handel mit Strümpfen (Vortrag vom 
24. März 1768), wogegen die ungarische Hof kanzlei bemerkte, dass das 
der Fabrik ertheilte Privilegiim privativum als den ungarischen Gesetzen 
entgegen im KiVnignreich nicht publicirt werden dürfe. Die Vorschüsse 
stiegen in den nächsten Jahren bis 1774 auf 50.000 fl. Auch erhielt 
Bie die Erlaubniss, anf zehn Jahre 6000 Dutzend sächsische gestrickte 
und gewirkte, sowie Berliner Sommerstrümpfe gegen einen Zoll von 
127t ^* einzuführen, während die tarifinässige Gebühr 45 fl. betrug. 
Als im Jahre 1779 der damalige Besitzer der Fabrik um eine Ver- 
längerung der Erlaubniss bat, da er sonst die Fabrik nicht fortsetzen 
konnte, weil er nur auf diese Weise die eigenen Erzeugnisse absetzen 
ktonte, baten die Beichenberger und Kamnitzer Strumpffabriken, der 
Bitte nicht zu willfahren. Der Antrag der Behörde um Ablehnung des 
Gesuches erhielt die kaiserliche Genehmigung. (Vortrag yom 21. August 
1777.) 

Die vielgerühmte Waldstein*8che Tuchfabrik zu Oberleutensdorf 
erhielt 1756 einen unverzinslichen Vorschuss von 4000 fl. und 1764 
einen Vorschuss von 10.000 fl. auf fünf Jahre unverzinslich, in den 
darauffolgenden fünf Jahren in Baten ä 2000 fl. rückzahlbar. In einem 
Sehreiben an die Kaiserin, unterzeichnet Emannel von Waldstein, präs. 
am 6. Juli 1766, heisst es: ,Der Fabrik gehe nichts Anderes als der 
Yerschleiss ab, um von Zeit zu Zeit den kostbaren Tuchvorrath an den 
Mann zu bringen; er bitte, die Tuchhändler in Wien, Brunn, Prag und 
anderen Orten anzuweisen, Tücher aus seiner Fabrik zu nehmen.' Im 
Jahre 1770 wurden dem Grafen die dargeliehenen 10.000 fl. noch auf 
weitere zwei Jahre gegen eine dreipercentige Verzinsung belassen. Als 
er 1775 starb, war jedoch die Rückzahlung noch nicht erfolgt. 

Johann Baptist Falzorger, der eine Erausflor&brik anlegte, erhielt 
freies Quartier in dem Montecuculi^schen Hause in der Leopoldstadt, 
welches dem Commerzialfonde gehörte, zur Herstellung von vier Fila- 
torien und der ersten zwanzig Stühle 2000 fl., zur Anschaffung zweier 
Pferde und zum Betriebe zweier Filatorien 150 fl. ein- für allemal, für 
jeden Jungen oder jedes Mägdlein 25 fl. Remuneration. (Vortrag vom 
U.November 1767.) Die Genehmigung erfolgte mit der Weisung, von 
Zeit zu Zeit nachzusehen, dass Landeskinder männlichen oder weiblichen 
Geschlechtes, vorzüglich Weibspersonen in die Lehre genommen und 
wohl unterrichtet werden. 




118 

Auch Valero erhielt 1771 für eiae ähnliche Fabrik 9879 fL rar 
AwifM'Mfffifig Yon GeräthBchaften. Eine Erweitenmg dieser Fabriken 
wurde 1772 angestrebt, in Folge einer Anfrage Maaia Theresias bei 6e- 
nehmignng einer Passertheüung für Flore, woran es hafte, dass diese 
Kraosflöre in den Erblanden bisher nicht gekingsam erzeugt werden, mit 
der Weisung, eine Yennehrnng der Erzeugung einzuleiten. Es scheint, 
däss Bologna und die Schweiz den österreichischen Erzeugnissen be- 
trächtliche Concurrenz machten. Die Kaiserin bemerkte auf ein Protc^oU 
vom 21. April 1772, die Fabrioation dürfte weniger Kosten verursachen, 
wenn die Zubereitungsart in den ausländischen Fabriken in Erfahrong 
gebracht werden könnte. 

Die Kaiserin genehmigte, dass der Montfort'schen Gotonfabrik zn 
Zell ein Yorschnss von 3000 fl. mit zweipercentiger Verzinsung auf adii 
Jahre gewährt werde, mit dem Zusätze, es sei ihr lieb, dass auf die Er- 
hebung des Manufaoturwesens in den Vorbinden der Bedacht genimunen 
werde, nachdem die dasige starke Popuktion die VerschaflFung einet 
Industriai Verdienstes unumgänglich erford^. (Protokoll vom 18., rep. 
22. Januar 1770.) 

Für Commerzialunternehmungen in Tirol wurden 10.000 fl. jährlich 
auf zehn Jahre angewiesen. (Entsdiliessung vom Februar 1764.) 

Beträchtliche Vorschüsse erhielt die Penzinger Fabrik: anfangs 
Januar 30.000 fl., für weitere 20.000 fl. wurde Garantie geleistet. Die 
eigenhändige kaiserliche Entschliessung auf den Vortrag vom 18. De- 
cember 1769, rep. 5. Januar 1770 lautet: ,Placet auch ohne Interesse 
hat sich die Kammer anheischig den Vorschuss zu machen, doch gewiss 
denselben wieder zurück zu zahlen.' Schon nach einem halben Jahre 
stellte sich die Nothwendigkeit heraus, abermals 20.000 fl. vorzuochiesseiL 
(Protokoll vom 16. Juli, rep. 3. August 1770.) Die kaiserliche Ent- 
schliessung lautet: ,Kaemel et Comp, anzuweisen, sich um Particular- 
darlehen der anstandige Fidegussores zu bewerben, worauf sodann über 
weitere Anzeige der Vorschuss geleistet werden könnte.' 

In Mährisch-Neustadt wurde von dem Gemeindorathe eine Zeog^ 
fabrik gegründet. Eine Gesellschaft brachte 60.000 fl. auf Actien aaf. 
Das Privilegium vom 3. Mai 1769 ertbeilte ihr das Becht, alle in die 
Zeugmanufactur einschlagenden Halbseiden-, Woll-, Halbleinen- und 
Baumwollwaaren auf englische und sächsische Art zu verfertigen. Diese 
Fabrik soll 5000 Menschen beschäftigt haben. (Engel, Geschichte von 
Mährisch-Neustadt.) Sie erhielt ein Darlehen von 10.000 fl. att a. B^ 
bruar 1773. Bereits im Sommer lag ein Gesuch vor um einaii.fliUMitf' 
schuss zam Ankauf von Wolle. Sorgenthal, Director der 




119 

erkielt den Auftrag, in die Bflcher der Fabrik Einsicht zu nehmen. (Vor- 
trag Tom 20., rep. 26. S^^esber 1778.) 

Ein Schooakind des Gommeizienrathes war die Brünner Fabrik. 
Im Jahre 1 749 worden Tneharbeiter atts Verriers nach Igkiu berufen, 
die aoB inl&ndiseher Wolle ^durch niederländisohe Manufactursart' eine 
gute Tncherzeugung «nbfirgem sollten. Das Streben ging dahin, feinere 
Tnchsorten, als bisher erzeugt wurden, in Oesterreich einzuführen. Unter 
diesen NiederHlndern war auch BaiUoux, dem nachgerühmt wurde, günstige 
&fi}lge eraidt zu haben, allein Zwistigkeiten mit den. Zünften machten 
seine Entfernung aus Iglau möthig und bestimmten den Kaiser Franz, der 
an allen wirthschaftlichen Angelegenheiten sich lebhaft betheiligte, Tuch- 
fabriken anf seinen Herrschaften in Böhmen zu errichten. Bailloux und 
Commerzienrath Westerhold wurden nach Böhmen entsendet, um den 
tauglichsten Ort für Spinnerei^ Web^*ei und JPärberei auszusuchen. £la- 
dmb wurde gewählt. Mit welchen Beti^en sich Franz bei der Gründung 
dieser Fabrik betiieiligte, ist aus den Acten nicht m^htlidi. Bailloux 
war Terpflichtet, die erzeugten Tücher nach Wien zu senden, und erhielt 
Ton dort spanisdie Wolle. Nach mehr als einem Jahrzehnt zeigte sich, 
dass BaiUoux s^uier. Aufgabe nicht gewachsen war, obgleich ihm Ton 
Seite der Kaiserin noch zahlreiche Begünstigungen gewährt wurden, als 
bereits die Behörde über den Mann sich in abftlliger Weise ausge- 
sprochen hatte. (In einem Vortimge vom 31. December 1761 wird Bailloux 
,unTerlftsslioh' genannt; die Entschliessung der Kaiserin lautete dennoch: 
»diesem nfltalidien Mann sei aller f5rmliche Beistand zu geben'.) Aber 
alle Unterstützungen brachten die Fabrik nicht empor. Im Jahre 1762 
wurde endlich eine Untersuchung angeordnet, welche die misslichen Zu- 
stände derselben ausser Zweifel stellte. Als Ursache wird ,die erman- 
gelnde Unterstützung der GameraladministoationS am allermeisten aber 
die üble Gebahrung des Bailloux angegeben. Er schuldete damals dem 
Staate 22.000 fl. (Vortrag Tom 2. August 1762. Bailloux wurde später 
in Brunn angestellt und erhielt 10 fl. Wochenlohn.) Die Bemühung, 
einen Verleger für die Fabrik zu schaffen, blieb ergebnisslos, obgleich 
man sich geneigt zeigte, ein Capital von 20.000 fl. auf acht bis zehn 
Jahre zu borgen, und man entschloss sich, dieselbe nach Brunn zu über- 
tragen. Die mährische Lehenbank übernahm dieselbe anf zwölf Jahre, 
alldn schon im Jahre 1767 wurde dieselbe im Köflller übergeben, der sich 
anheischig sMChte, die Anzahl der Stühle von zwölf auf zwanzig und in 
seehaJahrenaufrierdg zu rennten. (Vortrag vom 26. September 1767.) 
Die TOB ihm gestellten Forderungen bdmft Erweitei-ung des Fabrikshauses 
aai iniertar BersteUungen, worauf 12.000 fl. yerwendet werden mussten, 



120 

wurden ihm gewährt. Auch erklärte er sieh bereit, die rar Eoneiii 
daselbst errichtete Plüschefabrik des in Ami^is gebfiriigen De Yaux in 
übernehmen. (De Yaux erhielt eine lebenslängliche Pension yon 1000 fl., 
für jeden Stuhl 60 fl., für jeden Lehrjungen 50 fl., u. dgl. Die Begierung 
kanfte ein Haus für 2500 fl. De Yaux starb 1766.) Naeh einigen Mo- 
naten musste man jedoch zugestehen, dass Köfiller nidit die nötfaigen 
Eigenschaften besass, um das Unternehmen emporsubnngen, es gdang 
jedoch, eine Anzahl Eaufleute zu bestimmen, sich mit ihm %a Tereinigen. 
(Yorträge Tom 1. October 1767 und 26. Mai 1768.) Der Kwisdien Blft- 
megen und den Theilnehmem an dem neuen Unternehmen abgeechkesene 
Contract trägt das Datum Tom 1. August 1768 und wurde am 2S. De- 
cember 1768 ratificirt. Yon Seiten der B^ierung unterseichnete Graf 
Blümegen. Die Theilnehmer der Fabrik waren: Leopold Edler t. K(^ler, 
Franz Josef Wachner, Franz Augustin Steyrer, Antonio Buiini, Frans 
Stimmer. Bereits nach einem halben Jahre wuitle ein Yorschnss tob 
50.000 fl. erbeten, sowie die Handelsleute zur Abnahme der Erzeugnisse 
zu verhalten, wie auch die Einfuhr zu verbieten. Man gewährte 25.000 fl. 
auf fünf Jahre gegen vierpercentige Interessen. (Handschreiben vom 
18. Mai 1769.) Auf das Yerbot ging die Kaiserin nur ungern ein. Diit 
Erzeugnisse der Fabrik fanden jedoch in Wien keinen Anklang. Die nach 
Wien gesendeten zwei prämürten Tücher wurden von der Kaufmannschaft 
,zu fett gefunden, mithin gerne von den Motten angefressen werdenS 
sie seien nicht fest genug, im Preise übertrieben, die Beichenberger und 
Olmützer Tücher seien besser. Zu wiederholten Malen wurde der Ckmsess 
in Mähren beauftitigt (am 28. August 1769 und 7. November 1769), die 
dortige Tuchfabrik anzuweisen, sich besserer Fabricate zu befleiBsigeDy 
da sie die hiesigen Tuchlaubenverwandten mit unechten Tüchern be- 
dienen. Auch wurde die Farbe bemängelt. Der Commerzienrath stellte 
den Antrag, der Tuchfabrik zu Brunn von den ihr vcHTgeschoss^en 
25.000 fl. nach vier Jahren ungefähr 10.000 fl. nachzulassen. Hiowif 
erfolgt die kaiserliche Entsohliessnng: ,Die Oompagnie werde wegen der 
übernommenen schlechten Waaren ihren Begress, wenn sie einiges Becht 
zu haben glaubt, bei den betreffenden Parteien zu suchen haben. Wenn 
sodann in einer Zeit von vier Jahren dieselbe ausweise, dass sie die 
Fabricatur in den Stand gebracht, um ihre Kundschaften mit guter Waare 
zu einem billigen Preis versehen zu können, so werde sie nacb bewandten 
Umständen der Compagnie einige Bemunerirung angedeihen au lassen 
sich geneigt zeigen, doch solle derselben auf kein gewisses Quantum die 
Yertröstung zu geben sein.' (Protokoll vom 27. December 17€9| r^. 
25. Januar 1770.) Nach einiger Zeit legten die Theilnehmer das 8e* 



121 

ständiiiBfi ab, da38 sie nieht in der Lage seien, den Yerfall der Fabrik 
weiter aofzohalten. Der mährische Ck>nse88 gab als Ursache ao: die Ab- 
neiging des Handelsstandes» die Einschw&rxajsgen, die Fallimente einiger 
Handelsleute. In Wien liess man sich jedoch bestimmeni die Fabrik noch 
weiter 2n nnierstAtzen, da Simon, eine in den Kreisen des Commerzien- 
rathes angesehene Persönlichkeit, der FiU>rik das Wort redete. Die 
Weisung erfolgte, dass Thys aus Elagenfurt nach Brflnn abzugehen 
habe, um die dortige Tuchfabrik zu untersuchen, den Wei-th des Vor- 
rathes zu bestimmen und den Schaden, welchen die Oompagnie erlitten 
habe, anzuzeigen, die Manipulation zu untersuchen und die etwaigen Ge- 
brechen und nothwendigen Verbesserungen namhaft zu madien und an- 
zuzeigen, welche Hoffnung man sich in Zukunft Ton dieser Fabrik zu 
machen habe. Thys solle auch die Mittel vorschlagen, ob und wie dieser 
Fabrik zu helfen sei ; mittlerweile sei, um der Fabrik bezQglioh des todt 
erliegenden alten Waarenlagers unter die Arme zu greifen, die VerfQguBg 
zu treffen, dass Passansucher auf fremde Tflcher zur Abnahme eines 
Yiertela von diesem alten Waarenlager zu yerhalten seien, auch sei der 
Judenschaft in Böhmen und Mfihren durch den Gonsess kundzumachen, 
dass man auch den Juden auf fremde feine Tflcher Pässe ertheilen wflrde, 
wenn sie ein Drittel von dem alten Waarenlager der Brflnner Fabrik ab- 
nehme. (Protokoll vom 4. M&rz, rep. 16. April 1771.) Thys erstattete 
einen eingehenden Beridit: die Fabrik, setzte er auaeinander, habe 
Tide yphysikalische und Localnachtheile*, das Wasser sei schlecht, die 
Arbeitslöhne zu hoch, die Fabrikslocalit&ten zerstreut, weshalb die Auf- 
sicht schwer, die Direction unerfiEÜiren, die Mittel der Interessenten zu 
klein, die Erzeugnisse in Misscredit seien. Dennoch rftth er zur Unter- 
stfltzung des Unternehmens. Um die Fabrik vor ihrem Verfalle zu 
retten wurde der Tuchvorrath im Werthe von 86.000 i. von der Com- 
merzoaasa übernommen. Eine Weisung an die Gubernien in Böhmen 
ond Mfihren besagte: Jhre Majestät habe zum Besten der Brflnner 
Tuchfabrik au entachliessen geruht, dass auch Juden zur Einfuhr 
fremder feiner Tflcher Ck>mmerzialpfiBse ertheilt werden sollen, wenn 
sie dagi^n halb so viel Tflcher von dem alten Waarenlager der Brflnner 
Tuchfabrik abgenommen und sich darflber hinreichend ausgawiesem haben 
werden.* 

Auf Grund dieses Gutachtens erfloss die kaiserliche Entschliessung 
auf Protokoll vom 24. Juni, rep. 25. September 1771 : ,Um diese Fabrick, 
die vor andern eine besondere Bucksicht verdienet, von ihrem Verfall zu 
retten, bewillige Ich deo'selben, ihren alten Tucher -Yorrath, der auf einen 
Betrag von 5- bis 86.000 fl. sich belaufet, und zwar in dem Preiss, wie 



122 

Boleher in InTentario nadi eigenen Bnengnngs-Kosten einkommet, »b 
»rario abnehmen zu lassen. 

,£& sind also der gedachten Fahrick anforderist die m/B4 fl.» derni 
sie SU Bezahlung der schon anfgekündeien Espiti^en am ersten bedarf, 
gleich jezo von dem Commercien-Bath za rerabfolgen, gegen deme, dass 
sie alsogleich nm diesen Betrag so viele Tflcher von besagtem V<nTttli 
anhero abschicke. 

,Was sodann an dem Yorrath noch erfibriget, wird in quartiUigea 
ratis jedesmal mit einem Betrag von m/lO fl. zn übernehmen, nnd der 
Fabrick so, wie sie quartaliter f&r diesen Betrag die Tücher abgiebet, da- 
für der Geld-Betrag abznreichen seyn. Doch bleibet der Fabriek auch frey 
nnd vorbehalten, einige dieser Tücher auch während sothaner Zeit^ sowät 
sie einen Verschleiss dazu findet, hindangeben zn mögen. 

,So ferne in der Commereien-Oassa die Baarschaft zu dieser Aus- 
lage nicht obhanden ist, hat indessen die Kammer hierzn den Yoradmss 
zn leisten. 

,Der Verschleiss dieser Tücher ist sodann von dem CSommereien- 
Bath in der Art, wie er es am besten finden wird, einznleiten, ob nlm- 
lichen diese Tflcher unter den gesammten Handelstand meiner Erb- 
länder, wie aus Mähren eingerathen worden, vertheilet, oder aber jeder- 
männiglich, der immer auf fremde Tücher einen Pass impetriret, die 
Hälfte ans diesem Yorrath abzunehmen zugleich gehalten seyn solle. 

,I)as aus dem Verschleiss einlösende Gtold ist so, wie solches ein- 
fliesset, zur Commercien-Gassa, oder zur Kammer, wenn von dieser der 
Vorschnss geschehen, wiederum abzuführen. 

,Wegen Ausfindigmachung eines tauglichen Manufaeturisten von 
Verviers begnehmige das Einrathen, wesshalben also dem Thys der Auf- 
trag zu machen ist. 

,Da übrigens diese der Fabrick zugedachte Hufe genug ergiebig 
seyn wird, ihren Verfall abzuwenden, so ist einiger Nachlass an den 
Forderungen meines ararii nicht einzugestehen, ans lyesonderer Gnade 
will ich noch verwilligen, dass der Betrag der 12.500 fl., auf die sich ihr 
Verlust bey dem alten Vorrath nach der Angabe des Thys belsuÜBt, an 
diesen IVH-demngen abgeschrieben werden möge.' 

Allerhöchst eigenhändiger Zusatz: 

,Es muss ihnen gleich in 8 Tagen geholfen werden mit denen 
m/86 fl. Vorschnss, um. ihren Creditoren zuzuhalten, reooBonnendire flme 
also bestens es gleich zu besorgen.' 

Auf einen Präsidialvortrag vom 26., rep. 29« JttK 1774 über den 
ProtokoUsextract vom 11. Juli, die Verlängerung auf wettere zehn Jahre 



123 

der YDm Gämenüe der BrtVuner Fabrik vorgesohossemen 2&.000 fl. be- 
treffendy erfolgte die kaiserUcke Eniscfalieasimg: ,yon einem weitem 
Vorachuss sei e8 lediglich absiikommen, dodi verwülige, dass dad yer» 
falieoe Kapital von 3:5.000 fl. noeh auf drei Jahre beygelasseu werden 
m^ uater der Wamong jedoch, dass ihre Bem&hung nnd ihr Vermögen 
havptsächlieh auf die Betreibung der Fabrik nnd nicht auf Nebenge- 
sehfifte oder gar Sohw&rzerei verwendet werden solle.* 

BedentsAien Absa^ ihrer Erzeugnisse scheint die Fabrik nicht ge- 
habt zu haben, sie wendete sich an die Begierung mit der Bitte: die 
Tochhändler ,durch Bedrohungen zu bewegen, Bestellungen zu maehen', 
wurde aber abgewi^en. (An das Gubemium in Mähren vom 5. April 1775.) 

Seit 1786 scheinen sich die Yeiiiältnisse der Fabrik dem Berichte 
zufolge gebessert zu haben; in einem Vortrage vom 12. October 1784 
iflt sogar von einem Absätze nach Constantinopel die Bede. Ein Jahr 
darauf wurde ein Gesuch um einen Vorschuss aus dem Beligionsfonde im 
Betrage von 40.000 fl. zur Ekrweiterung der Fabrik abgewiesen; sie hatte 
4en bisherigen noch nicht zurückgezahlt. 

Mfihselig erhielt sieh die Fabrik bis zum Jahre 1789, seit August 
konnte sie ihren Verpflichtungen nicht nachkommen. Da der Staat, lautet 
eine kaiserliche Entschliessung auf den Vortrag vom 3. November 1789, 
sm einer blos für die Privatindustrie geeigneten Fabrik keinen unmittel- 
baren Antheil nehmen kann, so wird diese Fabrik, wenn nicht Privat* 
Unternehmung^ ihre Fortsetzung auf ihren Bisico auf sich nehmen, 
lediglich ihrem Schicksale zu überlassen sein, jedoch da deren Erhaltung 
ervfinschlig, so will ich die bei der Küfillerischen Fabrik anstehenden 
Staatsgelder auf l&ngere Zeit borgen, wenn dieses ein Mittel zu dei'en 
Fortsetzung sein kann. 

lY. (Zu S. 18 f.) Hier mögen einige Handschreiben und Ent* 
Schliessungen der Kaiserin, Ungarn betreffend, Platz finden : 

Maria Theresia an Hatzfeld (rep. 3. MSrz 1762): ,kh verlange 
eine Auskunft über den dermaligen Stand der Seiden-Cultur im Bannat, 
und da dar Seiden-Bau bekanntlich von einem grossen Nutzen ist, und 
dieser auf denen vielen Halden, und öden Feldern im Bannat nützlich 
umgewendet werden kann, hierzu das dasige Clima, und Terrain besonders 
geeignet ist, daher auch der deutsch -erblandischen Cultur keinen Ein- 
trag macht, vielmehr diesen zu ihren Fabriken ein wohlfeyleres Material 
Tersciutft, so ist auf dessen Erweiterung aUe Sorgfalt zu tragen und 
wegen Ablöisung deren Oalleten sich mit dem Oommercio-Directorio ein- 
mverstehen.' 




124 

Kaiserlichfi EntBohliessung aaf einen Vortrag vom 8. M&n 176S, 
unterzeichnet Herberstein, acc. 4. April 1763, Ueber die Ziegelong der 
macedonischen Schafe anf den Cameral-Herrschaften in Ungarn: 4^ be- 
gnehmige das Einrathen, anbey ist allen Cameral-Beamten in pnbHciren, 
dass in denen nächstfolgenden 6 Jahren von einem jeden derwssMbea 
alljähi*lich angezeigt werden soll, ob und inwieweit derselbe mit der An- 
ziehung der macedonischen Schafen f&rgegangen sey? ans weichen An- 
zeigen mir denn alljährlich ein besonderer Vortrag za machen ist, maassen 
Ich gesinnet bin, jeglichen, welcher in Bewirkung dieses Meines Befi^ 
sich vor andern emsig erzeiget, vorzüglich zu befi^dern, auch sonsten 
mit Gnaden anzusehen. Und damit auch die üntertbanen zu sotlianer 
dem Staate sehr nützlichen Schafzucht angefrisch^ werden mögen, so ist 
denenselben der Zehend, so von denen Lämmern uis Dominium moss 
abgereichet werden, von dieser neuen Gattung von Schafen auf 6 Jahre 
nachzusehen. Im IJebrigen, da der Stegner die Camel-Gaisen dahier zur 
Propagation gebracht hat und deren Anzahl sich bereits über 100 w- 
strecket, so können von diesen Gaisen ebenfalls einige auf dn jedes deren 
Cameral-Dominien abgegeben werden, um auch deren Propagation zu 
erweitern und mit der Zeit die andern gemeinen Gaisen gar za ver- 
biethen. 

,Eine fernere nützliche Anordnung wird auf den Cameral-Dominien 
dahin zu treffen seyn, wenn die Mandelbäume daselbst ai^baut wfirden, 
gestalten laut deren Commercial -Tabellen für 80.350 fl. Mandeln in anno 
1761 aus Italien in die Erblande einegeführet worden.' 

An Grafen Andlern (28. Juni 1768): ,Da8 Wohl des Staats er- 
heischet, dass die Anlegung deren Manufacturen in Hungarn nicht be- 
hindert, sondern dazu vielmehr beygewürket werde, wobey aber das vor- 
zügliche Augenmerkt dahin zu richten ist, dass nur allein solche 
Fabricaturen in dem ernannten Königreiche angerichtet werden, welche 
Meinen deutschen Brblanden nicht schädlich sind, oder seyn könnten, 
dahero dann jene Fabrikaturen nach Hungarn geleithot werden müssen, 
mit deren Erzeignus man in den deutschen Erblanden auf die erforder- 
liche Wohlfeilkeit in denen R'eisen nicht kommen kann, oder deren Er- 
fordemiss so gross ist, dass zu solchen die Arbeiter in den deutschen 
Erblanden ermangeln. Wie dann die Erzeugung des Segel-Tuchs, die 
Gespunnst von Baumwolle, zu denen Oottonfabriquen, die gestrickte 
baumwollene Strümpfe, Hauben, und andere derley Waaren in Hungarn 
ohnschädlich eingeführt werden können. Weiterwerden die aus Banm* 
wolle verfertigte Mäntel, so die Oi'oaten, und alle Gränizer treges» 
in gleichen die auch von Baumwolle verfertigte Pf er de -Decken, dfi«^ 



125 

ganz Enropa Terführet werden, und ein jährliches Oonsom von mehreren 
Millionen ausmachen, in der anliegenden Türkei gearbeitet; da nun diese 
Fabricatur den deutschen Erblanden ebenfalls unsch&dlich, flir Hungarn 
aber guiz ausgiebig ist, so ist auf deren dortige Einführung hinzudenken. 
— Im übrigen, da der Wein wachs in Hungarn so gesegnet ist, so können 
aus diesen Weinen alle Gattungen Ton Liqners gebrannt werden, als 
woTon ein grosser Abgang nach Polen, Moscau und andere nordische 
Länder auf der Weichsel zu erwarthen ist. . . .' 

Die Kaiserin forderte einen Vortrag, der am 12. Juli erstattet 
wurde; die kaiserliche Entschliessung lautete: ,Da in Hungarn nur auf 
solche Fabriken, welche denen deutschen Erblanden unschädlich sind, 
der Antrag, auf einmal ein Anfang, so schwer er auch ist, gemacht 
werdetf muss, so wäre damit anzufangen, dass den Administratoren zu 
Ahenburg und Bäes durch die Cammer und i-espective Bancodeputation, 
mit welcher hierüber das EinTornehmen zu pflegen, au^eti-agen werde, 
womit sie* sich beeifern sollen, mit der BaumwoUspinnerey in dasigen 
Districten einen kleinen Anfang zu machen, worzu jeder einen Verlag 
Ton 8000 bis 4000 fl. aus der Amtscassa zu verwenden hätte, an dem 
Fortgänge dieser Unternehmung umb so weniger zu zweifeln, als die 
Baumwolle in denen hungarischen Bergstädten idlschon gesponnen wird 
und die Cottonfabriken an diesem Qespunst einen Mangel haben. Hier- 
dordi wird also in Hungarn nichts Neues noch minder etwas Schädliches 
f&r die* deutschen Erblande angegangen. Zumahlen, da die gesponnene 
Baumwolle sogar aus der Türicei boigeführt wird. Weiters ist mit der 
Oammer zu überlegen, wie die BaumwoUspinnerey in denen Bergstädten 
durch die dasige Beambte mehrers beeifert und yerbreitet werden möge. 

Maria Theresia.' 

An Graf Andlern (8. December 1768). ,Was Ich wegen der Be- 
schäftigung des Modersfeld (früher Steuereinnehmer in Prenssisch-Schle- 
sien) auf den hungarischen Cameralherrschaften und wegen daselbstiger 
EmfAhmng einso anderer nützlichen Oultur der Camer unter einstens 
aufgetragen, solches thmle ihme zur Nachricht und dem Ende andurch 
in Abschrift mit, um das weitere von Seiten des Ck)mmercienrathe8 zu 
Yerfftgen, damit derjenige Mann, welcher den Waid- und Rötte-Bau auf 
den NeiÜEemGütem in BOheim eingeführet, dem gedachten Modersfeld, 
wie es Meine Anordnung vermag, beygegeben werde. 

Maria Theresia.' 
Beiliegend folgende Allerhöchste Besolution: ,Der Modersfeld ist 
Mif den Bäcser Herrschaften zu belassen und ihm aufzugeben, dass er 
lurf soldien den Waid- und Rötte-Bau einführen solle. Bekanntermassen 



126 

wird auf besagten Herrschaften mehr Getraid gebaat, als znm Gebraadi 
daselbst angebracht werden mag, dahingegen ist an Waid ond BMe an- 
noch ein Mangel in den Erblanden, so, dass die diess&llige namhafte 
Erfordemiss fßr die hierländigen Fabriken ans Thttiingen nnd Schlesien 
angeschafet werden mnss. 

,Die Erfahrenheit hat bey den angestelten Proben gezeiget, dass 
je näher diese Farbzeug an Hangam angepflanzet werden, desto besser 
solche in der Qualität gerathen. 

,Die Bacser Herrschaften werden durch diesen nfltzliehen Bau den 
doppelten Yortheil erhalten, eines Theils, dass ihre überflftssige Omnd- 
stücke, damit angebauet werden, anderseits aber, dass die mit diesem, 
dann der Zubereit- und YerfQhrung des Produkts beschäftigte mehr»« 
Pei*sonen, das jetzo unanbringliohe Getrayd consumim. 

,An dem Weyd-Saamen und Bötte-Pflanzen kann es eben&Us nidit 
fehlen, dass beede in den Erblanden allschon angezohen, und fär heuer 
sogar auch Saamen Ton der B6tte erhalten worden, dahero es nur auf die 
weitere Vermehrung und das nöthige Terrain hierunter ankommen wilL 

,Dem Commercienrath gebe auch untereinstens mit, demjenigen, 
welcher diesen Bau auf einigen böhmischen Gfltem bereits eingeführet, 
dem Modersfeld beyzugeben, um die Ausführung dieses nützlichen An- 
trags desto sicherer zu erreichen. 

,Der Bau der Seiden-Bäume soll Meinen ergangenen Anordnungen 
zufolge auf den hungarischen Camenü-Herrschaften ebenfalls g^ben 
werden, wozu der dortige Grund Tor andern taugli<^ ist. 

,Der Modersfeld kann also auch zu Einführung dieses Baues und 
nachhin zur Seiden-Cultur selbstständig angewendet werden, da ohnehin 
der Bischof von Waitzen hierzu allschon den Anfang gemacht hat. 

,Die Einführung der Baumwollen-Spinnerei auf den Cameralherr- 
schaften ist demselben zu gleicher Zeit mitzugeben, und da Meine 
teutsche Erblande an dem Flachs noch einen Mangel, an dem Hanf aber 
einen Abgang haben, so soll auch der Flachs- und Hanf^Bau aof denen 
mehrbesagten Cameralherrschaften zu heben und ihm, Modersfeld, hier- 
wegen der Auftrag zu machen seyn. 

,Der Umstand, dass er, Modersfeld, der hungarischen ^rache un- 
kundig seye, kann hierunter keine Hindemüss madien, indem die Ca- 
meralherrschaften grösstentheils mit Teutschen inpopularisirt sind. Im 
üebrigen ist derselbe anzuweisen, dass er halbjährig von dem Fortgang 
seiner Verrichtungen die Berichtsanzeige machen solle, wo mir sodann 
der Vortrag heraufisugeben, wie weit derselbe in ein und dem andern f&r- 
geschritten sey. Maria Theresia.' 



127 

An Graf Andlern (15. Juli 1764): ,E8 kommt vor, dass ein Glas- 
meister aas Böhmen, Namens Hollab, mit 350 Personen an die Carolinei- 
Strasse, um daselbst die angehofFte Grundstücke zu beziehen, abgeschicket 
worden, dahingegen aber bishero diese Grundstücke nicht habe erhalten 
können, sondern auch schon durch verschiedene Wochen ohne Geld und 
Aushülfe gelassen, folglich dadurch in die grösste Verlegenheit gesetzet 
worden sei; es ist Mir dahero ohngesäumt die Auskunft zu erstatten, was 
tö mit dieser Sadie für eine Beschaffenheit habe und warum Meiner die 
BoTölkernng der Carolinen Strassen betreffenden Anordnung nicht nach- 
gelebet wird. Maria Theresia/ 

Allerhöchstes Handbillet Tom 12., acc. 15. Mai 1766: ,£r ersiehst 
aus dem Anschluss des Mehreren, was für eine Anzeige wegen deren in 
einer Anzahl Ton 200 herfibertietenen Land Geraischen Wollenzeugfabri- 
kanten vorgekommen; da es von besonderer Wichtigkeit ist, diese nütz- 
lichen Fabrikanten für den diesseitigen Staat zu erhalten, so habe bereits 
entschlossen, denselben bey ihrer Herfibertretung alle Unterstützung an- 
gedeihen zu lassen und ihnen das Unterkommen in einem Meiner Erb- 
lande, wo das lutherische Beligions-Exerdtium ohnehin gestattet ist, an- 
zuweisen. 

Jn dem diesseitigen Antheil Schlesien und in dem freyen Seehafen 
Fiume würde die Etablirung dieser Leute dem Staate am nützlichsten 
seyn; ans Schlesien würde Hungam und Polen, von Fiume aus aber 
Innerösterreich und Hungam mit ihren Fabricatis versehen, auch nach 
und nach ein nützlicher Yerschleiss nach Italien und Spanien eingeleitet 
werden können; daher sie dann auf diese beyde Gegenden am ersten zu 
leiten sind. 

»SoUten sie aber daselbst sich nicht niedwlassen wollen, so können 
selbe in Siebenbürgen, wo eine sachsische Nation allschon bestehet, ein- 
genommen, oder auch in dem Marmaroser Comitat in Hungarn, sonder- 
keitiioh in 4en Städten Szigeth und Hust (Huszth), wo nebst dem schon 
obhandenen calvinischen auch das lutherische Beligions-Exercitium ge- 
stattet werden mag, das Unterkommen verschaffet werden. 

»Endlich können sie in dem Fall, wo sie in besagte Länder sich 
nicht begeben wollten, auf den hungarischen Cameral-Gütem zu Alt- 
Ofen oder in dem Bacser Distrikt eingenommen und ihnen allda die volle 
Bdigionsfreyheit gestattet werden. 

,Dem Commerciemrath will hiernach den Auftrag andurch mitgeben, 
Cf&az fi^dersamst einen geschickten und wohlvertitiuten Mann auszu- 
^^en und mit der Anwdsnng nach den bemerkten regulis directivis zu 
diesen Leuten insgeheim und mit der gehörigen Behutsamkeit abzu- 



128 

schicken, zu gleicher Zeit aber auch die weitere Veranstaltang zu treffen, 
damit in einer der böhmischen Gr&nzen ein genugsam bevollmfichtigier 
Bath deren Ankunft erwaiie, um mit ihnen die Gonyention zu schliessen» 
in welcher ihnen dann unter andern Punkten die Zusage zu machen ist, 
dass ihnen nebst der Religionsfreiheit noch das Bfirgerrecht und eine 
sechsjährige Betrejung yon aller Contribution und andern Personal- 
Abgaben, auch auf 30 Jahre die Befreyung von der Bekrutimng ge- 
stattet, auch die Gebäude, wo deren einige sind, unentgeltlich eingeräumet, 
zu den neu errichtenden aber die Beyhfllfe ab Aerario geleistet werden 
soll. Von dem Fortgang des Geschäftes ist Mir sodann die ungesäumte 
Anzeige zu erstatten, um nach Mass der erfolgenden Erklärung das 
Weitere yerfflgen zu können.' 

Kaiserliche Entschliessung auf den Vortrag des Commerzienratbes 
fiber die Einleitung der eigenen Erzeugung der Fai*bkräuter und die Ver- 
besserung der Färbereien vom 19. Februar 1767: ,Ich begnehmige den 
zu Meiner Zufriedenheit gereichenden Inhalt dieses Vortrages, haupt- 
sächlich aber ist dem Lieblein ein Stflck Erdreich in dem Banat, so g^oss 
derselbe solches verlanget, auszuweisen, überdies aber ihm zu gestatten, 
dass er nach Verlangen und Nothdurffc Arbeiter anstellen könne, wo 
dann einem jeden dieser Arbeiter, wann derselbe diese Pflanzung und 
ganze Manipulation der Farbkräuter erlernt haben wird, ein Praemium 
Ton 100 fl. und den auf die Oultur der Farbkräuter sich Vertuenden die 
Bobotfreiheit för die ganze Zeit, als sie diesen Bau auf dem halben Betrag 
ihrer Grundstücke fühi*en, einzugestehen, auch ferner diesen die Farb- 
kräuter bauenden ünterthanen das doppelte Gonstitutirum sessionis an 
Gi-undstücken auf Verlangen abzugeben und endlich auch die Farbkrftuter 
von den Zehentabgaben zu befi'eyen seyn werden. Nicht minder ist dem 
gedachten Lieblein die Versicherung zu ertheilen, dass, wenn er die 
Oultur der Farbkräuter in dem Banat ins Grosse bringen werde, ihm 
eine weitere seinem Fleisse angemessene Belohnung zu Theil wM^en 
wflrde; femer ist von demselben unYerzQglich eine Liste aller Kräuter, 
wovon er die Saamen in dem Banat aufsuchen will, mit ihrem gemonen 
und botanischen Namen abzufordern, damit man solche auch in Meinen 
übrigen Erbländem während dem Sommer anfsucben lassen, und wenn 
man sie alle oder zum Theil findet, selbe mit den Kräutern aus dem Banat 
in Vergleichung ziehen, auch die Eigenschaft des Terrains, wo sie am 
besten wachsen, untersuchen könne, indem solohergestalten die Sache 
am geschwindesten und leichtesten auszubeuten und durch die von den 
Agricnltur-Gesellschaften und andern Landwirthen anzustellende Ver- 
suche zu Vollkommenheit zu bringen wäre. Scbliesslicben ist dem Lieb- 



129 

lein etwas von dem Indigo-Saamen (welchen Ich dem Commercienrath, 
wenn solche^ Mir das diesfalls jüngsthin abgeforderte Gutachten erstattet 
haben wird, werde zukommen lassen) zur Anpflanzung im Banat unter 
der Zusicherung mitzugeben, dass ihme, wenn er mit der diesl&lligen 
Probe glflcklich auslangen sollte, eine Remuneration Ton 100 Dukaten 
abgereichet werden würde. Maria Theresia.' 

Kaiserliche Entschliessung auf einen Vortrag Tom 14. October 
1767: ,Was die Bienenzucht auf den hungarischen Cameral-Herrschaften 
betrüft, dass selbe in den warmen hungarischen Landen allerdings Ton 
einem grossen Betracht werden kann, so hat die Kammer vorläufig den 
Proponenten zu prüfen, ob er im Stande sei, seinen Vorschlag selbst aus- 
zuführen, und ob das Vertrauen in ihn gesetzt werden könnte, ihm die 
Direction des ganzen Werks und so auch Besorgung und Verrechnung 
der darauf zu verwendenden Unkosten anzuvertrauen. Nach Befund nun 
hat die Camer entweder einem andern dem Werk gewachsenen Subjecto 
die Direction zu übergeben oder falls in den Proponenten das Vertrauen 
gesetzt würde, wenigstens auf dessen Benehmen eine genaue Obsicht zu 
taugen, damit nicht die Unkosten vergeblich verwendet werden. In 
diesem letztem Fall also ist dem Proponenten die erstere Anrichtung 
der Bienengärten nach dessen Antrag aufzugeben, ihm die dazu nöthigen 
Unkosten sammt dem Salario von 300 fl. auf die von ihm selbst ange- 
tragenen 6 Jahre abzureichen und überdies ihm der zehente Theil des 
jedes Jahr ausfallenden Gewinnes zuzusichern; anbey ist auch in Csmieral- 
Dominien kund zu machen, dass jenen der Unterbeamten, welche gleich- 
missig Bienengärten errichten wollen, der diesfollsige Verlag w^de ab- 
gereichet und denenselben ebenmässig der zehente Theil des Gewinnes, 
dann den Oberbeamten für die diesföllige gute Obsicht der zwanzigste 
Theil von dem eingehenden Totalgewinn dieses neuen Provents abge- 
geben wird. 

»Zugleich hat die Camer über die zwei Einwürfe, dass der Wind 
die Bienen im flachen Hungarn vertreibe und dass die Krankheiten 
öfters unter den Bienen einreissen, den Proponenten zu vernehmen, 
ond wenn er tauglich scheint, ihn vorzüglich zur Execution auszu- 
wiklen. 

,In Ansehung der unter den Unterbeamten einzuführenden Bienen- 
zucht begnehmige das Einrathen der Camer, dass diese Art der kleinen 
Landwirthschaft so viel immer thunlich unter dem Landvolk ausgebreitet 
werde, und da viele von Cameral-Gütem ihre portas separatas haben, so 
ist bei diesen Gütern in dem Falle, dass die Bienenkörbe ein Objectum 
Goutributionis ausmachen, zu statuiren, dass deren Anfänger die ersten 

AnUT. hJOXl. Bd. L Hüfte. 9 



130 

drei Jahre wegen der Bienensncht mit emw Contribntion nicht beleget 
und in künftigen Zeiten die Contribation nor Ton 10 Bienenstöcken ab- 
genommen» die über 10 habende mehrere StÖdLe aber contribotionsfrei 
gelassen werden, zugleich hat sich die Camer über die weiters in dem 
Vorschlag des Thomee vorkommende Pnncta wegen des zn befördemdea 
Yerschleisses des Wachses und wegen Errichtung einer Wachsbleiche 
annoch zn äussern/ 

Eine kaiserliche Besolution auf den y<^tnig Tom 20. Juni 1768, 
die am 9. August 1768 herabgelangte, lautet wie folgt: Jn Ansehung 
der Cultur begnehmige Ich das Einrathen, dass zu deren Verbesserung 
auf den Cameralgütem der An£uig zu machen sei, zu welchem Ende der 
Kammer untereinstens mitgebe, dass Ton nun an ein der Agricultor 
wohl verständiger Mann au^nommen und bei der ungarischen Kamm^ 
mit dem Auftrage angestellt werden solle, dass selber zur Yerbesseraug 
der Cultur in den ungarischen Cameralgütem in loco die Anleitung gete 
und durch fortwührige Visitationen anch in loco die Ein- und Nachsicht 
nehme, damit das Verordnete vollzogen werde. Ein Gleidies hätte aodi 
in Siebenbürgen, jedoch nur mit Anstdlung eines Thesauriats-Assesseris 
zu geschehen, während IGr die Camer mit Einvernehmung des agricultnr- 
verständigen Kozian diese zwej Sul^jecta in Zeit von 14 Tagen ver- 
schlagen soll. Ingleichen gebe den betreffenden Behürden untereinstens 
mit, dass in Hungam, Croatien, Siebenbürgen und dtm Temesviier 
Bannai Agrknltur-GeseUschaften errichtet und dazu noch dieses Jahr der 
erste Anfing gemacht werden soll. 

4n Ansehung der Manufactnren ist unter den verschiedenen 
Bekhen und Landen ein Unterschied zu machen In Hungam und Sla- 
vonien int nadi dem Kinrathen des Commerdenratkes mit den aoge- 
tngenen Fkbrkatis, nämlich Ahba^Tüchem, gemeinen Leinwänden von 
Hanf und Ffaidis, allen Gattungen gemeinen Strickwerks, Bauern- und 
andern Hören, gemeinen halbhanmwoUenen und halbleinenen Zeugen n 
S^^fhinden, Hand- und Fürtftchen, Lederweik ftrzngehen und dieae 
Mannbctwen in den kAniglkhen Städten, gebiiigigteii Gegenden und in 
grosseren MaikUlecken d«* kteigL Oameralgütar anznlegen. 

.Wegen der künii^icken Städte lasse durch Behäcde an die städtifldM 

CMuniMion den Anftrag ergehen, dass seihe daran gehen aoUe, damit in 
einer jeden der kteigL Städte die FüNtkatien eüuger der vnrbesagten 
einen allgemeinen Ahng hiheaden Waaren eu^pe'ihit werde. Zn diesem 
£nde aeUen die rntermehmer dieser I^ihcicatuen mit einigen Geldvor- 
««hiasen ana denen den Städten in Felge ihinr Fassira besämmten E^ 
sfanu^ps^Fnndis ante««tAtai und Mir alle tjnarinl ven dem Tollzog 



131 

Fortgang dieser Anordnung die Anzeige gemacht werden, allermassen 
nach dem Mass, als diese inländische Erzeugang aufkommen wird, Ich 
geneigt wäre, die BinfQhrung dieser Fabricatorum aus fremden Landen 
zu yerbieten, mit dem weitem Beysatz, dass jene Magistmalen, welche 
in dieser Sache sich vor andern nützlich verwenden würden, von Mir be- 
sonders werden belohnet werden. 

,Wegender stärkeren Marktflecke anf den königl. Commercialgütem 
oigeht der nöthige gleichmässige Auftrag an die Camer, desgleichen auch 
wegen der gebirgigten Gegenden, in welchen es am Erdreich mangelt 
nnd an Volk ein Überfluss ist, dass in denselben, besonders in jenen des 
Marmaroser Comitats die nämlichen Anordnungen getroffen, auch da- 
selbst ein des diesfallsigen Fabrikenwesens kündiger Commerz-Beamter 
eigens angestellt werden solle. 

,Wegen Siebenbürgen gebe der Behörde mit, dass selbe dem von 
Mir neu zu errichten anbefohlenen dasigen Commerz-Consess anheben 
soll, damit selber mit der Erzeugung der oben angeführten Fabricatomm 
den ersten Anfang von darum mache, weil deren Verschleiss in dem 
Luide allgemein, und bei der Erhebung dieser Fabricaturen Ich geneigt 
bin, die Einführung derlej fremder Fabricatomm zu verbieten. 

,Wegendes Bannats ergeht untereinstens auch die Anordnung, dass 
die für üngam angetragenen Fabrikate jetzmalen nach der dasigen 
Theresienstadt eingeleitet, die Unternehmer dieser Fabricaturen in dieser 
Stadt mit einem Geldvorschuss unterstützt und Mir alle Quartale über 
den Vollzug nnd Fortgang dieser Anordnung die Anzeigen gemacht 
werden sollen. 

,Was endlich das Mauthwesen anlanget, so gebe der Camer mit, 
difis selbe die wegen der siebenbürgischen Tarif von dem Commercien- 
rathe geforderte Auskunft alsogleich abgeben soll. Weiters trage der 
Rechen-Camer auf, dass dieselbe in einer Tabelle darthun solle, wie die 
hangarische, sowie auch die siebenbürgische Tarif in jeder Gattung der 
Waaren mit der innerösterreichischen, auch niederösterreichischen und 
böhmischen, dann mit der tirolischen insonderheit auch wegen des dasigen 
Consumzolls sich verhält. Zu Berichtigung der siebenbüiigischen und 
himgarischen Tariffen aber bat der Commercienrath sich in Zeit von 
14 Tagen dergestalten gefasst zu halten, damit in einer unter dem 
Praesidio des Fürsten Starhemberg mit den betreffenden Stellen abzu- 
haltenden Commission dieses so lange andauernde Geschäft in den Haupt- 
sitzen einsmal zu Stande gebracht werde.* 

Handschreiben an Hatzfeld, 8. August 1768: ,Ich habe be- 
schlossen, dass von nun an ein der Agricultur woblverständiger Mann 

9» 



132 

eigends aufgenommen, und bej der hungarischen Kammer mit dem Auf- 
trag angestellet werden solle, dass selber zu der Verbesserung der Cultor 
auf den hungarischen Gameral-Gfltern in loco die Anleitung gebe, und 
durch fortwürige Visitationen auch in loco die Ein- und Nachsicht 
nehme, damit das Verordnete vollzogen werde. Ein gleiches hat in 
Siebenbürgen jedoch nur mit Anstellung eines Thesauriats-Assessores n 
beschehen. Die* Kammer hat Mir also nach EinTemehinung des Agri- 
culturverständigen Kozian diese zwej Subjecta in Zeit von 14 Tagen 
vorzuschlagen. 

,Da Ich weiters beschlossen habe, dass mit der Fak^rication einiger 
Manufacturen, nämlich AbbatQcher, gemeiner Leinwanden von Hanf und 
Flachs, aller Gattungen gemeinen Strickwerks, Bauern- und anderer Flore, 
gemeiner halbbaumwollener und halbleinener Zeuge zu Kopfbinden, 
Hand- und Fflrtüchem, auch Lederwerk in Hungam ui^d ^avonien f&r- 
gegangen, und in den königl. St&dten der gebürgigen Gegenden, wo es 
am Erdreich mangelt und an Volk ein Überfluss ist, auch in den grösseren 
Marktflecken der könig. Cameral-Gütern diese Manu&cturen angeleget 
werden sollen; so hat die Kammer der städtischen Commiasion anfni- 
geben, dass selbe daran sejn solle, damit in einer jeden der königl 
Städte die Fabrikation einiger der obbesagten, einen allgemeinen Abzog 
habenden Waaren eingeführt werde; zu welchem Ende die Unternehmer 
dieser Fabricatoren mit einigem Geld-Vorschuss aus denen den Städten 
für ihre Passive bestimmte Ersparungsfonds zu unterstützen sind, und 
alle Quartal von dem Vollzug und Fortgang dieser Anordnung Mir die 
Anzeige zu erstatten ist, indem Ich nach der Maass, als diese innlin- 
dische Erzeugong aufkommen, geneigt wäre, die Einführung dieser Fa- 
bricatomm aus fremden Ländern zu verbieten; welchen ^hnoch beyzu- 
fügen, dass Ich jene Magistratoalen, die sich in dieser Sache vor andern 
nützlich verwenden, besonders belohnen werde. 

,Die gleiche Anordnung ist auch in den stärkeren Marktflecken auf 
den königl, Cameral-Gütem zu bewürken, anch sind die Unternehmer 
dieser Fabriken mit einem Geldvorschoss zu unterstützen. Weiters ist 
in den gebürgigen Gegenden besonders des Marmaroser Comitats, als in 
den Städten Hnst, Stiget etc., das nämlidie zu veranlassen, und daselbst 
ein des diesfiUligen Fabriqae-Wes«ns kundiger Conunwcialbeamter eigends 
anzustellen, auch dem dasigen Oameral-Oberbearaten zu bedeuten, dass 
w«nn er das diesfidUge von Mir hegende Absehen zu Verbesserung des 
Nahrungs-Sundes de« dasigea Volks v«U asslfthren werde, derselbe einer 
weltfern l^it^nstbefiMndemng sich zn erfineoen haben, und zn dem Ende alle 
Quartal über den Fortgang des Fkbnkeaweeens den Beriet erstatten solle. 



133 

,Yon Seiten der Bancodeputation aber ist die Voi'sebuDg dahin zu 
machen, damit die obigen für Hungarn angetragenen Fabricate in dem 
Bannat, und zwar hauptsächlich nach Theresienstadt jetzmalen einge- 
leitet werden, zu welchem Ende die Unternehmer dieser Fabrikaturen in 
dieser Stadt mit einem Geldvorschnss zn unterstützen sind, auch Viertel- 
jahrs über den Vollzug und Fortgang dieser Anordnung die Anzeige zu 
machen ist. 

,IJnd da Ich beschlossen habe, dass in dem Bannat eine Agricultur- 
gesellschaft errichtet werden solle, so ist die nöthige Vorsehung dahin 
zu treffen, damit dieses nützliche Institutum daselbst baldest einge- 
föhret, und damit noch dieses Jahr der erste Anfang gemachet werde. 

»Endlich hat die Kammer sowohl als Bancodeputation zu einsmaliger 
Besichtigung der siebenbürgischen und hungarischen Maut-Tariffen sich 
in Zeit von 14 Tagen dergestalt gefast zu halten^ damit in einer unter 
dem Fürsten Starhemberg zu haltenden Commission dieses Geschäft in 
seinen Hauptsätzen einsmals besichtiget werde. Dabey aber hat Mir die 
Kammer ihre Wohlmeinung zu eröffnen, ob zu Begulirung der Tariffen 
die Hungarische und siebenbürgische Eanzleyen mit beyzuziehen seyn 
wollen. Auch hat selbe dem Commercien-Bath die von demselben wegen 
der siebenbürgischen Tariff erforderte Auskunft alsogleich abzugeben. 

Maria Theresia.' 

Handschreiben an Grafen Bud. Chotek, den 15. Juli 1769: ,Die 
Anlag enthaltet die Nachricht von dem ersteren Anfang der Pflanzung 
der Baumwolle in der Bacser Herrschaft, und von dem an der zum Ver- 
kauf eingeführt werdenden Baumwolle mit befindlichen Saamen. Nach- 
deme die Pflanzen einen guten Wachsthum in dem dasigen Grund ge- 
winnen, so stehet nunmehr zu erwarten: ob solche auch zur Zeitigung 
gelangen oder, wie besorget wird, von denen frühen Frosten Schaden 
ieyden werden. Maria Theresia.' 



DER COMMÜNISMÜS 



DER 



MÄHRISCHEN WIEDERTÄUFER 



IM 16. UND 17. JAHRHUNDERT. 



BEITRÄGE 

zu 

IHRER GESCHICHTE, LEHRE UND VERFASSUNG. 



VON 



D>^ J. LOSERTH, 

PBOPBSSOK DEH GESCHICHTE AN DEB DNIVEKSITÄT IN GRAZ. 



Vorwort. 



Unter den aus dem Nachlasse des Hofrathes Dr. Josef 
Ritter v. Beck stammenden Materialien zur Geschichte der 
Wiedertäufer in Oesterreich befand sich eine erhebliche An- 
zahl solcher, die flir die Geschichte der Wiedertäufer in Mähren 
im 16. und 17. Jahrhundert viel Belangreiches boten und bis- 
her weder von J. v. Beck in den ,Geschicht8btichem der 
Wiedertäufer' verwerthet, noch auch von mir in meinen bis- 
herigen Studien zur Geschichte der Wiedertäufer verarbeitet 
worden waren. Sie bezogen sich zumeist auf die Beziehungen 
der mährischen zu den Wiedertäufern in anderen Ländern, 
dann auf ihre SteUung in Mähren selbst. Besonders reichhaltig 
sind sie flir das innere Leben der mährischen Wiedertäufer, 
ihr Lehrsystem und ihre communistischen Lebensformen. Nach 
dieser Seite hin stand mir eine ausserordentlich reichhaltige 
Menge von Actenstücken, Sendbriefen, Lehrgebäuden, Hand- 
werksordnungen u. dgl. zu Gebote, auf deren Grundlage eine 
gerechtere Würdigung der mährischen Wiedertäufer möglich 
war, als man sie noch in vielen neueren Büchern findet. Na- 
mentlich konnte der communistische Grundzug, der die Huter- 
sehe Gemeinde in Mähren von den übrigen Religionsverwandten 
schied, bis ins Einzelne dargelegt werden und fand Manches 
von dem, was J. v. Beck in seinen Geschichtsbüchern nur an- 
deutete, eine ausführlichere Darstellung. Der erste Theil ent- 
hÄlt die äussere Geschichte der Wiedertäufer in Mähren; hier 

AiekW. LXIXI. Bd. I. H&lfto. 9** 



138 

musston des Verständnisses wegen einige Punkte berührt wer- 
den, die ich schon in meinem ,Anabaptismus in Tirol', sowie 
auch in meiner Monographie über Balthasar Hubmaier erörtert 
hatte. Doch konnten auch hier noch einzelne wichtige Ergän- 
zungen gemacht werden. In den Beilagen theile ich fünf Stücke 
mit, von denen das erste ein Beispiel abgibt, welcher Art die 
Sendbriefe waren, welche die Apostel der Wiedertäufer an die 
,Gemeinde' schickten, die übrigen den Nachweis liefern, dass 
die QueUe, aus der zuerst die vriedertäuferischen Elemente 
nach Mähren einströmten, bis in die letzten Zeiten des Bestan- 
des der mährischen Gemeinde nicht versiegte. 

Indem ich meine Studien zur Geschichte der Wiedertäufer 
in Oesterreich an dieser Stelle beende, will ich nicht unter- 
lassen, der Familie des verstorbenen Hofrathes Dr. Josef Ritter 
V. Beck fUr den reichhaltigen mir zur Verfttgung gestellten 
Stoff auch diesmal meinen Dank auszudrücken. 

Graz, im September 1893. 

J. Loaerth. 






L Theil. 

Die Hnter^sche ^Gemeinschaft^ in MShren ron ihrem 
Entstehen bis zu ihrer Yertreibung. 

1. Capitel. 

IKe Parteimigen unter den Tanfiifesinnten in Mahren von Hub- 

maier's bis sn Jakob Hnter's Tode. 

Die Hinrichtung ihres Apostels Balthasar Hubmaier war 
ftbr die ungeheure Menge der Tau^esinnten^ die sich in Nikols- 
borg unter dem Schutse des Hauses Liechtenstein zusammen- 
gefunden hatte^ zweifellos ein harter Schlag. Nicht weniger 
bitter wurde die Verfolgung empfunden, die in Oesterreich und 
Mahren eingeleitet wurde. Wer aus der Zahl und Art der von 
der Regierung hiebei in Anwendung gebrachten Mittel auf die 
Erfolge schUessen wollte, der müsste meinen, dass sich fortan 
weder in Böhmen und Mähren, noch in den österreichischen 
&blaadem Wiedertäufer in grösserer Anzahl hätten behaupten 
können.^ Und doch war dies nicht der Fall. Es war nicht 
nur nicht gelungen, der Secte Herr zu werden, diese griff 
vi^ehr noch weiter um sich; nur war ihr Aufreten weniger 
geräuschvoll und wurden ihre Erfolge weniger bemerkt, weil 
die wachsende Türkennoth die ganze Aufmerksamkeit der Be- 
völkerung und vor Allem der LandespoUzei auf sich zog und 
die Rüstungen gegen den Erbfeind des christlichen Namens das 
Werk der Gegenreformation ins Stocken brachten. Darüber 
verlor die Regierung aber das Ziel einer vöUigen Ausrottung 



' Die folgenden Aniftthnuigen knüpfen unmittelbar an das letate Capitel 
meines Buches (8. 1S6 ff.) ,Doctor Balthasar Hubmaier und die AnfKn]^ 
der Wiedertäufer in Mähren, BrUnn 1S93' au. 



140 

der Taufgesinnten keinen Moment aus den Augen, umso- 
weniger, als sie wusste, dass die Hervorragendsten unter ihnen, 
Männer wie Bader, Spittelmaier, Jörg von Passau, Hans Hot 
u. A., von der Ankunft der Türken eine Verbesserung ihrer 
Lage erwarteten, und glaubte, dass sie mit diesen in einem 
landesverrätherischen Bündnisse ständen. 

Kaum waren daher die Türken von den Ringmauern 
Wiens zurückgeschlagen, so fing das Werk der Glaubens- 
reinigimg wieder an und forderte an vielen Orten blutige Opfer. 
Nur in Mähren hielten die Stände ihre schützende Hand über 
den Wiedertäufern. Von ihnen begünstigt, liessen sie sich in 
Znaim, Eibenschütz, Brunn und anderen Orten nieder. ,Al8 
der Profoss,' erzählen die Geschichtsbücher, ,von seinem Nach- 
jagen in Oesterreich aufhörte, schickten die Herren von NikoU- 
burg Boten auf die Berge und in die heimlichen Orte im 
Wälder, dahin die Frommen geflohen waren, und liessen ihnen 
sagen, dass jedermann wieder in sein Haus und seine Herbeiige 
ziehen solle und sich nicht fUrchten möge.^ 

Damals ,kam einer gen Rossitz% das den Herren von 
Femstein gehörte. Es war Gabriel Ascherham, seines Zeichens 
ein Kürschner, aus Schärding im Baierland, eine der or^ 
nellsten Gestalten unter den Separatisten in Mähren. Seine 
Ueberzeugungen und Lehren hatte er an dem Herde des 
deutschen Separatismus, in Oberdeutschland und der Schweiz, 
gewonnen ^ und dann in Glogau und Liegnitz, Schweidnits und 
Glatz ,ein Volk^ gesammelt, das sich in Rossitz niederliees. Bk^ 
fanden sich auch Gesinnungsgenossen aus Hessen, Schwaben 
und der Pfalz ein. Rossitz wurde bald zu enge, und die Pfidzer 
zogen unter der Führung Philipp Plener's^ der nach der Art 
seiner Gewandung auch ,BlauänneP oder nach seinem Hand- 
werk ,Weber* genannt wurde, nach Auspitz. Beide ,Völker* 
— Gabrieler und Philipper — ,standen in Lehre wid En- 
richtungen auf gleichem Boden.^' Davon^ dass die Beiden, wie 



* Man liest in sokleeischen Geschichtsbüchern, so schon im Cod. 9004 der 
Wiener Hofbibliothek, dass er erst in ScUesien auf seine lutchmalifOB 
Ueberzeugungen gekommen. Eine Yollständig gerechte Würdigang 
Ascherham^s ist durch den Umstand erschwert, dass jene Leute, die über 
ihn aussagten — die Hnter'sehen — seise ausge^rooheniten Cfegner 
waren. 

* Beck, Geschichtsbücher der Wiedertäufer, B, 69. 



141 

spätere SchrifkrteUer^ Petrejus, Plärre und Meshovins, melden, 
die Gottheit Christi geleugnet oder die Dreifaltigkeit gelästert 
hätten, kann keine Rede sein. Die jüngere Genossenschaft, 
die skh später auf Hnter's Kamen sammelte, madite ihnen 
znm Vorwurfe, dass sie der commonistisehen Grnndlehre Huter's 
— der ^Gemeinschaft^ — gegenüber sich kühl verhielten. 

Inzwischen war in NikoUnirg der alte Gegensatz zwischen 
den Anhängern Hubmaier's und Hut 's ^ über die Fragen 
,vom Schwert und Krieg, von der Steuer und Gemeinschaft^ 
in yerschärfter Weise zum Ausbruche gekommen. Hubmaier's 
Platz wurde durch Hans Spittehnaier ausgeftillt; an Hufs Stelle 
traten Jakob Wiedemann und Philipp Jäger. Diese hatten einen 
grossen Anhang und waren nicht gewillt, nachzugeben; daher 
gebot Spittehnaier den Seinen, allen Verkehr mit ihnen abzu- 
brechen. Wiedemann's und Jäger's Anhänger werden nach 
ihrem Grundprincip die ,Gemein8chaftler^ oder ,Stäbler' 
genannt, denn sie sagen, dass ein Christ mit gutem Gewissen 
imd nach dem Worte Gottes kein Schwert, keine Waffe und 
keinen Krieg ftlhren dürfe. Ihre Gegner hiessen die ,Schwertler.' 
Auf Seite dieser' stand Leonhard von Liechtenstein. Er hatte 
wiederholte Versudte gemacht, die feindUchen Brtkler zu ver- 
einigen; als dies nicht gelang, erhielten die Stäbler den Befehl, 
seine Gründe zu räumen und hinwegzuziehen. 

Der vomehmUehste Grund der Trennung war die Streit' 
frage ,über die Gemeinschaft^ ,Die Führer der Auswanderer 
breiteten vor altem Volke einen Mantel aus, und hier brachte 
jedermann mit willigem Gemüth, ungezwungen und ungednm- 
gen, zur Unterhaltung der Dürftigen in Gemässheit der Lehre 
Christi sein Vermögen dar.^ * Noch jetzt machte Leonhard von 
Liechtenstein, einen Versuch, die Abziehenden zur Rückkehr 
so bewegen. Mit edichen Reitern kam er bis Bogenita, wo 
die GtemeiQBchaftler rasteten, herangesprengt und sprach sie 
sn, wo sie denn hinaus wollen. Sie hätten wohl zu Nikokburg 
bleiben können. ,Ihr Gewissen und Herz,* erwiderten sie, 
)habai wider seinen Prädieaalen gezeugt.* ,Sie hätten es für 

' 8. hierilber meinen «Balthasar Hnbrnaier* 8. 18S— 1S6. 

* Diese in NikoUbnrg snrttokibleibendeii Wiedertinfer püegte man später 

Sckweiaer Brüder sn nennen. Sie beseteten einige Dörfer in der Um- 

tS^kiang Ton Nikoblmig. 
' Geschichtsbücher, 8. 75. In Nachahmung der Apostel, Act Apost, IV, 34. 



142 

ungötdich erkannt, dass er und sein Bruder dem Profossen mit 
Gewalt widerstanden, da er doch von der Obrigkeit geschickt 
worden sei/ Sie zogen weiter. Liechtenstein begleitete sie bis 
Unterwistemitz, ,yerschaffte ihnen dcnt einen Trunk und hielt sie 
mauthfrei^ Von Gros8*Nembschitz bei Nusslau sandten sie vier 
Männer nach Austerlitz, das den Brüdern Johann, Wenzel, Peter 
und Ulrich von Kaunitz, Freunden der neuen Lehre, gehörte. 

Ulrich von Kaunitz hatte schon 1511 ,den Pikarden^ in 
Austerhtz einen Platz eingeräumt. ^ Die Boten baten um Auf- 
nahme. Man möge ihnen gestatten, frei nach ihrer Lehre zu 
leben. Ihrem Gewissen seien nur Kriegssteuem und Aehnliches 
zuwider. In das könnten sie nicht willigen. Die Heiren von 
Kaunitz erklärten, sie aufieunehmen, und wenn es ihrer Tausend 
wären. Um ihnen die Reise zu erleichtem, sandten sie ihnen 
drei Wagen entgegen und räumten ihnen drei abgebrannte 
Wohhstätten ein, in denen sie die nächsten drei Wochen ver- 
weilten. Auch die Bürger von Austerlitz benahmen sich freundlich 
und erwiesen den Fremdlingen manche Wohithaten. Die Herren 
von Elaunitz gaben ihnen soUiessUch die Erlaubniss, ,auf dem 
Hafenmarkt' ihre Häuser zu bauen, schenkten ihnen das zum 
Baue nöthige Holz und erliessen ihnen die Robot auf sechs Jahre. 

Austerlitz wurde nun der Hauptsitz der Taufgesinnten in 
Mähren. Von hier aus betrieben sie eine eifrige Propaganda: ,8ind 
die Brüder aus göttlicher „Anmuth^ verursacht worden, in an- 
dere Länder zu schicken^ vornehmlich in die Grafschaft Tirol'. ' 

Aber auch in Austerlitz wurde der Friede bald durch 
neue Zwistigkeiten gestört; schon nach drei Jahren wandte 
eine grössere Anzahl von Tau%e6innten den Austerlitzem den 
Rücken und beschuldigte sie, nicht nach der Lehre Christi zu 
wandeln. ,Sie haben,' erzählt Sebastian Frank, ,zu Austerlitz 
Oeconomioos, SchafiPner, und alle ein Kuchensäckel, daraus 
man einem Jeden soll geben, was ihm Koth ist Ob es aber 
geschehe und recht ausgetheilt wird,, frag ich sie umb.* Sie 



* ChytU, Du fOntUch KMmSti'tche OsatraUrchiT sn JamiMits in llJUmii 
im V. Bande der Schriften der hist-tUt Beetion sn Brunn, 8. 86. 

* Geachicfatsbficher, 8. 76. 

* IMe Antwort findet steh in der Epiatel BenbKn't an seinen Fieand Pil- 
gram Marpeek Tom S6. Jianer 1681. Comeliaa, Qeachiehle des MOnsteri- 
fchen AafnüuTB, 11, 8. 267: ,8i hont da« ansehen der person i^haltea, den 
raichen Teignnt aigne hAiislein . . .' 



143 

thun die andern Brttder in Bann, und ist des Bannens in ihrer 
Gemeinde viel — und ist schier eine solche Freiheit bei ihnen 
zu glauben als im Papstthum. Wer nit zu allen Dingen Ja 
sagt, dem hat Gott die Ohren verstopft^ und will er nit um- 
kehren, 80 sdiliessen sie ihn aus/ 

Die Anfänge des Anabaptismus in Mähren waren somit 
wenig verheissungsToll. Wohl hatten sich aus verschiedenen 
Himmelsstrichen Wortführer der neuen Richtung eingefunden, 
und noch immer dauerte der Zug der fremden Leute in das ge- 
lobte Land der Gewissensfreiheit fort: aber kaum hatten sich die 
eingewanderten Schaaren an einem Orte niedergelassen, so be- 
gann der Glaubensstreit unter ihnen, und der Geist der Ver- 
neinung machte sich hier noch in höherem Grade geltend als 
in der alten Heimat: bald standen Nikolsburger und Auster- 
litzer, später Rossitzer und Anspitzer, Anspitzer dieser und 
jener Richtung gegeneinander. Der Genosse von gestern ver- 
schmälite es, mit dem ,Bruder^ an einem Tische zu sitzen und 
in einem Hause zu beten. 

In diese verfahrenen Zustände brachte die kräftige Hand 
des Tirolers Jakob Huter Ordnung. Ihm gelang eS; feste und 
dauerhafte Formen ftlr die Wirksamkeit der Taufgesinnten in 
Mähren zu finden und die getrennten Brüder zu vereinen.' 
Wer den Tirolern den Weg nach Mähren gewiesen^ ist nicht 
überliefert. Die Kunde von den grossen Freiheiten dieses 
Landes wird wie nach Steiermark so auch in die Berge Tirols 
gedrungen sein und weckte da ein kräftiges Echo. Die Tiroler 
Genossen sandten ihre Diener Jakob Huter und Sigmund 
Schützinger im Herbste 1529 nach Austerlitz und vereinigten 
sich mit der ,Gemain der Heiligend Huter ,kehrte hierauf nach 
Tirol zurück, sandte von da ,ein Völklein nach dem andern^ 
nach Mähren und stellte sie unter die Obhut Jörg Zaunried's. 

,Kuttenweise' wussten die Taufgesinnten ,des Oberlandes' 
in das Land ihrer Sehnsucht zu entkommen. Und doch waren 
die Verhältnisse daselbst recht unerquicklicher Art. Die wieder- 
täoferischen Elemente in AusterUtz waren zu verschiedenartig. 



' lieber die AnfiUüge Huter*B siehe meinen Anfaftts yDet AnabapÜsmos in 
Tirols ArcliiT Ar Osterr. Gesch., 78, 8. 66 ff. Im Hinblick auf die ans- 
ftthrliche Enählnng daselbst ist die folgende Darstellang knapper ge- 
halten und nur die Verh&ltnisse der mährischen Gemeinde selbst etwas 
eingehender behandelt. 



144 



als dass es nicht zu schweren Reibungen und Kämpfen ge- 
kommen wäre. Ihre Zusammenkünfte hatten sie des Sommen 
im Freien gehalten. Jetzt bei der strengen Winterkälte fimden 
sie keinen Platz, geräumig genug, AUe m faiaen. Damm wurde 
das yVolk^ an drei Orten gesammelt und jeder Abthdlung m 
Diener beigestellt Diese Theilung erwies sich als schädlich; 
die Lehre war eine ungleiche: der Eine brachte dies^ der 
Andere jenes vor. Die Einen meinten, man dttrfe sich den 
bürgerlichen Pflichten und Eiden nicht entziehen, denn auch 
Christus sei zu Sotphamaum Bürger gewesen und habe ds 
solcher seine Schuldigkeit gethan; Andere, unter ihnen der 
Diener des Wortes Jakob Wiedemann, quälten die Schwestern 
mit seltsamen Fragen, und einzelne Genossen wurden in Essen 
und Trinken vor den üebrigen bevorzugt. 

Führer der Unzufriedenen wurde Wilhelm Reublin. Die 
Vorwürfe, die er in seinem Briefe an Pilgram Marpeck geg» 
die Austerlitzer Lehrer erhebt, finden wir 70 Jahre später in 
den Schriften des Gegners der Wiedertäufer, Christoph Andreas 
Fischer, PfiMrers von Feldsbeig, wieder.^ Die heftigsten Vor- 
würfe bezogen sich darauf, dass die ,G«meinschaft;^ nicht in 
der rechten Weise gehalten werde. 

Reublin und seine Anhänger, Tiroler, SchwiU>en xmd Rhein- 
länder, schlugen den Staub von ihren Füssen und wand^leB 



' Reublin an ICarpeok, Comelins, l. c. 
267: Item im eesen habent die 
gmainen brueder ein erbeisz und 
kraut vor guet genomen, aber die 
eltUten und ire weiber fleisch, 
prattens, fiscb, vOgl und gueten 
wein . . . 



Die iungfrauen gegen den kna- 
ben one ires berzens wissen ver- 
mächlet und in die ee verbunden 
mit vil iwang und drang an gotes 
befelcb . . . 

die iungen kindl«n on milch 
berter speis verderbt, deren auch 
mer dann zx aoagedort und ver- 
dorben sint; es mOcht einen stein 
erbarmen. 



Georg Scherer in s^ner PcitiU 
(in Festo Trinit.) eitirl von FiBch«, 
Antwort auf die Widerlegung B.IIL: 
Ihr Vorsteher werden samt ihm 
weibem herrlich tractieret mit ge- 
sottenem und gebratenem, mit Fi- 
schen und Wildpret» mit edlem vd 
kOftlichem Getiänk: auf die aadn 
gebort Buben und Kraut . . . 

. . . warumb ir awai wider Iren 
willen zusamenknüpfl und benemt 
inen also ire freiheit, die da too 
nOten ist . . . (Antwort F. IL) 

In Flscher^s Zeiten wwdea die 
Kinder erst mit mwei Jabrea tod 
den Mttttem genommen (F. II), aber 
die Klagen fiber schlechte Kinder 
sucht verstummten noch immsr sieht 



145 

am 8. Jänner 1531 von den fabchen Brüdern zu Austerlitz 
weg und gegen Auspite, wo ihnen die Aebtissin des Königs- 
klosters in Brunn als Grundherrin von Auspitz und Steurowitz 
Wohnsitze einräumte. Hier fanden sie sich ,wie auf einer rei- 
chen köstlichen Insel im Meere, wo Wein, Korn, Fisch, Fleisch 
und sonstige Nahrung reichlicher vorhanden ist als anderswo 
im deutschen Land^ 

Die Anfänge der Taufgesinnten in Auspitz und Steurowitz 
waren freUich schwierig genug, ,denn die Leute waren der 
Arbeiten des Landes und der Weingärten nit berichtet^ Schlim- 
mer war es, dass die neue Gemeinde auch hier nicht die ge- 
wünschte Einigkeit fand. Gerade das, was ReubUn den Auster- 
litzem zum Vorwurfe machte, der ,Eigennutz', ward an ihm 
selbst entdeckt und wurde die Ursache seines Sturzes.^ 

Die Austerlitzer und Anspitzer hatten mittlerweile einen 
Schiedsspruch von Huter erbeten. Dieser erschien und ent- 
schied zu Gunsten der Anspitzer. Die Leitung der neuen Ge- 
meinde erhielt Zaunried, und als sich auch dieser unfähig er- 
wies, Sigmund Schützinger, wie Huter selbst, der abermals 
nach Mähren gekommen war, ein Tiroler. ^ Die Einigkeit zwi- 
schen den einzelnen Haushaben wurde zwar hergestellt, aber 
sie war doch mehr eine äusseriiche. 

Eine straffere Ordnung wurde erst durch Jakob Huter 
begründet, der im Sommer des Jahres 1533 vor der blutigen 
Verfolgung in Tirol nach Mähren entwich. ,Die Tyrannei hatte,^ 
nach dem Ausspruche der im JuU d. J. im Gufidauner Bezirke 
zahlreich versammelten Brüder, ,einen so hohen Grad erreicht, 
dass ftbr die Heiligen keines Bleibens mehr war.^ Sie Alle be- 
schlossen, nach Mähren zu ziehen, und Huter wurde abgesandt, 
um seinen Gesinnungsgenossen ,die Wege zu bereitend Am 
12. August erschien er, von wenigen Freunden begleitet, in 
Auspitz und wurde von der Gemeinde freudig empfangen. Die 
Freude dauerte nicht lange: Keiner von den Führern der drei 

' lieber die späteren Schicksale Renblin's (Keiblin's) s. Bossert, Die TSnfer- 
bewegnng in der Herrschaft Hohenberg. Blätter f. württemb. Kirchen- 
gesch. IV, 73. 

* Es gab nun drei Hanshaben: zwei in Auspitz, die Tiroler und Philipper, 
und das zu Bossitz unter Gabriel; jene zählten an 2000, dieses an 1200 
Personen. Die Einxelnheiten über diese Zerwürfnisse siehe in meinem 
,Anabapti»mua in Tirol*, 8. 498 u. flf. und in den »Oeschichtsbücheru der 
Wiedertäufer«, S. 99-102. 
Irtki?. LXXXI. Bd. 1. HälfU. lö 



146 

Gemeinden wollte zu Gunsten Huter's seiner Stelle entsagen, 
und diesem selbst ,war es nicht gegeben, des Wortes Gottes 
ledig zu gehend ^ Bei den fortwährenden Streitigkeiten that 
aber eine kräftige, zielbewusste Leitung dringend Noth. Zur 
Durchführung der ,Lehre' hatten die bisherigen Führer sich 
untauglich erwiesen. Es genügte nicht, mit dem ,einaugeten' 
Jakob zu sagen, ,all' unser Heil steht im Wassert ,In der 
Lehre von der Obrigkeit schwankten sie hin und her,' und 
alle hiengen noch an dem ,Eigen^, um dessentwillen zuerst Ja- 
kob, dann Reublin von ihrem Amte entfernt worden waren. 
Auch Schützinger verlor es ,wie ein zweiter Ananias' aus 
demselben Grunde. Sie hatten ,von der wahren Gemeinschaft 
nicht den rechten Begriff. Während sie Alle insgeheim G-eld 
aufspeicherten, brachte Huter aus der Heimat ,eine Gab' im 
Zeitlichen mit, ein Opfer der Süssigkeit, ja ein klein wenig 
Zehrung, damit sie ihre Schuld an die Nonn' zu Brttnn und 
die Anspitzer abzahlen konnten^ 

Mehr noch als die Wahl durch das Loos im biblischen 
Sinne galt ihm aber die innere Erweckung: ,Der heil. Geist 
hat ihn zur Leitung berufen; davon kann er nicht abgehen.^ 
,Seme Pflicht sei es, die Dinge zu bessern.' Unter unerquick- 
lichen Kämpfen^ erhielt er die Leitung der nunmehr nach ihm 
genannten Gemeinde. Er hat ,die wahre Gemeinschaft durch 
die Hilfe und Gnade Gottes in eine ziemliche Ordnung ge- 
bracht, daher man uns noch heuV die Huter'schen nennt^. ' 

Huter machte den Versuch, die Philipper und Gabrieler 
von ihren Führern zu trennen, aber er hatte darin keinen Er- 
folg; selbst von den Tiroler Brüdern ging ein Theil, der von 
Schützinger nicht lassen wollte, verloren. Daftlr erhielt Hüter 
reichlichen Zuzug aus Tirol und anderen Ländern. Infolge 
der Berichte, die er aus der ,heiligen' Gemeinde in Auspitz ins 
,Oberland' schickte, kam es zu einer fortgesetzten Wanderung 
der Tiroler Genossen nach Mähren. ^ Noch im Jahre 1533 
wurde in dem eine halbe Meile von Auspitz entfernten Schäcko- 
witz ein neues Haushaben gegründet. Selbst Leute aus dem 
tiroUschen Adel, wie Sigmund von Wolkenstein, pilgerten nach 

^ I>er AnabaptismuB in Tirol, 1. c, Cap. 7 : Die Hnterisohen in Mfthren. 

* Ebenda, 8. 628. 

* Oerchichtobttcher, S. 113. 

* Ueber Znzilgler aus Hemen siehe meinen »Anabaptismua inTiroI% 8. 5S1. 



147 

Auspitz. Zu Anfang 1534 war die Bewegung unter den Tiroler 
Taufgesinnten eine allgemeine. Aber schon war die Regierung 
daran, ,den Fremden' auch die Aufenthaltung in Mähren ,ab- 
zustricken*. Der Schlag, zu dem sie ausholte, war von langer 
Hand her vorbereitet und in der Hauptsache eine Folge jener 
Ereignisse, die sich eben in Münster abgespielt hatten. Von 
allen Seiten wurden nun Mandate, schärfer als alle vorher- 
gehenden, erlassen, und was noch schlimmer war: die alten 
Vorwürfe gegen das Täuferthum, als sei es auf einen völligen* 
Umsturz nicht blos der kirchlichen, sondern auch der staat- 
lichen und geseUschafUichen Ordnung abgesehen, gewannen 
nunmehr einige Berechtigung. Schon längst hatte man auf die 
Betheüigung Hubmaier's an den Wirren des Bauernkrieges hin- 
gewiesen; die Aeusserungen der Wiedertäufer in Mähren und 
Tirol: Wir haben mit denen von Münster nichts gemein, wir 
kennen sie nicht — wurden als Lug und Trug hingestellt. 
Triumphirend wiesen die Behörden darauf hin, dass sich ihre 
Annahme, die Wiedertäufer würden, wenn sie nur erst in einer 
Stadt oder einem Lande das Heft in die Hände bekämen, das 
von ihnen verabscheute Schwert zum Schrecken aller Anderen 
gebrauchen, durch den Erfolg bewährt habe. Nun wurden 
auch solche Körperschaften zu einem scharfen Vorgehen wider 
sie bewogen, die, wie die Stände Mährens, vordem von einem 
solchen nichts hatten wissen wollen. Es wurde darauf hinge- 
wiesen, dass das ,Fundament der Rädelsftihrer dieser Secte die 
Zerstörung und Vertilgung aller Obrigkeit und Ehrbarkeit sei^ 
Dem Wunsche des Königs entsprechend, beschloss der 
Landtag, der in der Woche des ersten Fastensonntags in Znaim 
zusammentrat, dass ,die Wiedertäufer hinflir nicht mehr im 
Lande geduldet, sondern ausgetrieben werden sollten^^ Die 
kürzeste Frist fllr den Abzug ward ihnen zugemessen: ,Zu 
Geoi^ sollten sie das Land räumen und ihr Brot anderwärts 
verzehren.^ Eine Klageschrift, die sie den Landesherren über- 
reichten, hatte ebensowenig Erfolg wie die Epistel, die Jakob 
Huter dem Landeshauptmann von Mähren übergab:^ die Aus- 
weisung wurde ohne Zögern durchgeführt, und nun strömten, 
allen Gegenmassregeln zu Trotz, die Wiedertäufer ,haufenweise' 

* Das Nähere siehe in meinem ^Anabaptismus in Tirol*, 1. c, S. 544 ff. 

* Sie bat bei Ranke, Sämmtl. Werke, HI, 369 weder die richtige chrono- 
logische SteUniig, noch die entsprechende Würdigung* gefunden. 

10* 



rück, aus denen eie gekommen waren. In 
Böhmen, Oberflsterreich, Faseau und in an- 
rurden sie einzeln oder grappenweise aii%e- 
irruf gezwungen oder eingekerkert und hin- 
äsem Interesse sind die Angaben jener Wieder 
nmer 1535 im Gebiete des Bisthums Paa&aii 
en wurden; ' es waren zumeist Schwaben. 
Lnwurf, dass sie mit denen von Münster Ge- 
oder Beziehungen zu den Türken haben, mit 
:h: ,Mit denen von MUnster haben wir keine 
iQ man sagt, dasa diese fast kriegen. Wo sie 
n sie ihre Brüder nit.' ,Ihr FUrhaben sei nie- 
• Obrigkeit Widerstand zu leisten, denn wer 
richtet, wird selbst damit gerichtet werden.' 
nichts Anderes, ab nach dem Worte Oottee 
von den Gefangenen schätzt die ZaU der 
rtäufer auf 3000— 4000. Die meisten bleiben 
.a bestehen: ,sie wissen, dass sie auf dem 
n', 

lein der Auswandernden — es gehörte dea 
lern zu — erstand in der Person ihres ehe- 
'm Heinrich von Lomnitz zu Jamnitz ein 
Retter. * Solche Fälle ereigneten sich fmlick 
wurden nicht einmal jene Wiedertäufer, die 
adigt. So sandten die bairischen Herzoge 
an den Administrator von Fassau, in denen 
lan gedenke auch von den jabgestandenen' 
ige dem Schergen zum Richten zu Ubei^ben: 
eb wegen.' 

ung aus Mähren traf alle Schattirungen der 
aen Taufgesinnten: die Schwertler in Nikols- 
lie Stäbler in AusterUtz, die Gemeinden d« 
t> Huter in Auspitz ebenso wie jene des Oi- 
ind wo sie sonst in Gruppen oder vereinielt 
n. Die schweren Z^ten, die Über de Alle 
raren, milderten ihren harten Sinn den Tanf- 
Richtung gegenüber. Von den Aosterlitieni 

urchiv, Pnminer Aetan. 



149 

zog ein Theil in die Slovakei, ein anderer bis nach Krasnikow 
in Podolien. An diese ,Fremdlinge und Pilgrime zu Krasuikow 
in Polen' schrieb der Tiroler UWch Stadler seine Sendbriefe. ^ 
Die Philipper zogen zumeist in ihre Heimat zurück, und die 
Gabrieler zogen nach Schlesien^ wo sie in Randen und Wohlau 
Aufnahme fanden^ oder nach Polen und Preussen. 

Von den aus Mähren flüchtigen Wiedertäufern hatte sich 
eine erhebliche Anzahl in die tiroUsche Heimat gerettet. Unter 
ihnen befand sich Huter selbst. Hier hoffte er allen Verfolgun- 
gen zum Trotze sich behaupten zu können. ,Wir haben/ 
schreibt er bald nach seiner glücklichen Ankunft^ ,fast viel zu 
arbeiten^ und es war' von Nöthen, dass unser mehr Diener 
wären und taugliche Brüder.' In Mähren hatte ihn die Ge- 
meinde in seinem eigenen Interesse nicht mehr geduldet. Die 
masslose Sprache^ die er dem Landesherm gegenüber in seiner 
Eingabe an die mährischen Herren geführt hatte, hatte zur 
Folge, dass sich die Verfolgung vornehmlich auf ihn bezog. 
Bald sollten seine Brüder erfahren, dass ihr Oberhaupt auch 
im Oberlande nicht sicherer weile als in Mähren. Die Nach- 
richten von seiner Gefangennahme, seinem Processe und seinem 
Ende folgten einander auf dem Fusse. Sein Nachfolger im 
bischöflichen Amte, Hans Amon, schreibt ,von der grossen 
Lehr', die Huter durch seinen Tod gethan habe: Gott sei mit 
ihm gewesen*. Es fragte sich nun, ob die Huterischen in 
Mähren sich auch ohne ihr thatkräftiges Oberhaupt zu halten 
vermöchten. 

2. Capitel. 

Fortsehritte des Anabaptitmns in Mähren nach dem Tode Jakob 
Hnter's. Der Kampf gegen die «Oemeinsohaft* und die zweite 

grosse Verfolgnng in Mähren. 

In schwerster Zeit hatte Hans Amon — der Tuchmacher, 
wie er in tiroUschen Schriftstücken meistens genannt wird — 
^e Leitung der Huter'schen ,Gemeinschaft^ in Mähren über- 
nommen. Von den Vertriebenen kehrte mancher zurück, als 

* Sttdler errichtete für seine Anhänger ein Haus zn Butschowitz in Mähren 
und vereinigte sich 1537 mit den Huterischen, woranf sie ihren Wohn- 
siti wieder in AnsterUtz aufhingen. S. J. v. Beck, Geschichtsbücher, 
S.97. 



( 



nachlioss. Kein Geringerer als der Lande»- 
[id einige LandeBherren Hessen sich ver- 
. gerathcn, die armen Leute zur Verzweif- 
ht recht und billig, sie aus ihrem Besitz, 
lie sie um ihr Geld gekauit, zu vertreiben, 
trundhorrcn, denen sie tilchtigG Arbeiter 
nd, dem sie Tribut und Steuern zahlen, 
etwas Anderes bogehren, ab dass man sie 
ihren religiösen Gebräuchen lasse. ' 14ocb 
I sie unter diesen Verhältnissen im Stande, 
?n in Butschowitz, in der Nähe von 
en. Aus einem Briefe Hans Ämon's an die 
Qg ersieht man, dass sie damals noch vier 
besassen. * Im folgenden Jahre worde 
besetzt, dann Fopitz in der Nähe von 
»ruDu an der mährischen Grenze in Oester- 
ig Amou. die Vereinigung mit den bisher 
ler Brüdern zu bewerkstelligen : Amon 
ter stets die schroffe Seite hervor. ,Ulricli 
or an die Gefangnen in Mt»dling, ,iBt jetzt 
rwarte seine Ankunft. Mit den Abgefalle- 
niclii handeln mi^en. Ich hoffe in rndnem 
lUtiT^nommfu. Der Herr m(^ es schicken 
on Wiiton und gebe uns, dass wir hasdeb, 
I iu si'inem Hause, wie es ihm wobIgefUlig 
L'it h;*i si-hoa E:!ii.-he angeeifert, nach uns 
>:;'U;ar,.!t\ ö.or s^^-t 1Ö37 in der Verfolgung 
;said. iIass die Re^.erang durch den Tür 
Kr iu Ar.>jr.;vh ^;:ciameo war, als dasa 
ihr Aai:v:i:i:^rk Li;:e xawFodeD kfliui«i 
IL-5v,;l:-:. ä*is c*r T-jkeiirie^ ihre Lag« 
.:! d:< Ti^-c; <;;:;: WH nivfc; auf. In diesem 
*riYr.en 12 Mj-ilzj te^eiJ«: .Wir haben 
■,n t':;,>. -.i-.> li.vh ei=»I wieder schenken 
? sc>-vK= » ■>: 5:::* f^rciw» äcfa &3t tot 



I SL T^iW-. ArUt fb 



151 

dem Türken: Sie werden, wenn er nahe ist, Busse thun wollen; 
aber noch sind sie verstockt wie Pharao. Unser Gott kommt, 
ans zu rächen ob des unschuldig vergossenen Blutes. Komm' 
Herr, erlöse dein Volk/ Die Verhältnisse lagen nun doch 
schon 6o, dass sie 1538 Häuser in Pulgram und Pausram 
aufrichteten und in Austerlitz ,ein Haus auf grünem Wasen 
erbauten^. * Zu Allerheiligen wurden schon wieder fUnf Brüder 
zu Dienern der Nothdurft erwählt und zu Schäckwitz* der 
Gemeinde vorgestellt. Es fehlte freilich noch viel, dass sie sich 
völliger Rohe hätten erfreuen dürfen. An einzelnen Orten kam 
es zu blutigen Scenen: Am 17. April wurden in Olmütz drei 
Brüder verbrannt, ,ein Klempfher, ein Melzer und ein ausge- 
laufener Mönch'. ^ 

Die im Jahre 1539 in Ungarn herrschende Waffenruhe 
brachte die Frage der Austreibung der Wiedertäufer aus 
ilähren wieder auf die Bahn. Die Regierung stellte am Bar- 
tholomäi-Landtage zu Brunn an die Stände die Forderung, die 
Taufgesinnten auszuweisen. Die Stände waren indess keineswegs 
gesonnen, der Forderung der Regierung nachzukommen, sie 
erhoben vielmehr so lebhafte Beschwerden, dass Duböansky, 
der lauteste von ihnen und ein Sectirer, mit seinem Anhänger 
Wogkowsky auf Milhostitz nach Prag vor das Hofgericht ge- 
laden und dort eingekerkert wurden.^ Die Stände erklärten ein 
derartiges Verfahren, welches mährische Edelleute ihrem ordent- 
lichen Gerichte — dem Landrechte — entziehe und ihr Leben 
und Eigenthum einer Versammlung aiisländischer und ab- 
hängiger Richter imterwerfe, als Landfriedensbruch. Duböansky 
wurde auf die Bedingung hin entlassen, dass er auswandere 
oder sich der Verbreitung von Lrlehren enthalte. Aber auch 



^ Geschichtsbücher, S. 135. 

' Hier befanden sich 500 Briider und Schwestern; unter diesen auch 
Agnes von Waltenhofen, aus romehmer Tiroler Familie. S. ,Der Anabap- 
tismos in Tirol*, Archiv fUr österr. Gesch., 79, S. 51. Die Vorsteher der 
Wiedertäufer in Mähren waren damals nach den Tiro\er Acten: Hans 
Tuchmacher, Lienhart Sailer, Hans Gentner aus dem Schwabenland, 
Christoph Gschftl, Peter von Gmunden ,und sonst ein Schlesinger*. Die 
Zahl der mährischen Wiedertäufer wird von Tiroler Brüdern auf 1000 
— ohne Weiber und Kinder — berechnet 

* Dadik, Geschichtaquellen, I, S. 9. 

* Chlomecky, Karl v. 2erotin, S. 71. 



152 

darauf gingen die Stände nicht ein. ,In der Wahrheit/ schreiben 
sie^ ,air unser Gedächtniss kann es nicht begreifen^ dass jemals 
zuvor ein König hier zu Lande auf irgend einen Einwohner 
des Glaubens wegen mit etlichen Bestrickungen oder G^ftng- 
nissen gegriffen oder ihn gepeinigt hätte/ Vor mehr als hundert 
Jahren sei in Böhmen und Mähren zweierlei Glaube aofi^- 
standen, viele Priester habe es da gegeben^ die dem Glaubra 
der Römer ^widerständig' gewesen^ sodann Pickarden oder 
Bunzlauer, Wlaustennzer (sie), Nicolaiten u. s. w.,^ und wie- 
wohl Gemüth und Sinn aller dieser Leute wider die römische 
Kirche gewesen, habe S. kais. Majestät keinen Inwohner und 
,Landfriedener^ mit Bestrickung oder Gtefilngniss angegriffen, so 
viele Verbote auch ausgegangen seien, dass der Glaub' unter 
zweierlei Gestalt nicht gepredigt und die VersamnJungen der 
Pikarden oder Brüder abgestellt werden sollen. ,Ohne Zweifel 
haben die Vorfahren Sr. Majestät erkannt, dass die Leut* nicht 
mit Gewalt zum Glauben genöthigt werden können, dieweil der 
Glauben nichts Anderes ist denn die Gabe Gottes und von 
niemandem Andern denn allein von Gott gegeben werden 
kann, und dass es sich Ihrer Majestät nicht geziemen will, 
wider die Freiheiten und unsern Landfrieden mit Bestrickung 
und GeiUngniss Jemanden anzugreifen. So wurden auch unter 
Kaiser Sigismund Hus und Hieronymus mit keinem Ge&ngniss 
angegriffen, sondern vor dem ConciUum gehört und dort ge- 
richtet.' ,Auch jetzund im Reich Sr. kais. Majestät, wo luis 
allen Ständen viele von der römischen Kirche abgetreten sind, 
wider diese öffentlich gepredigt wird und zahlreiche Schrif- 
ten ausgehen, wird Niemand des Glaubens wegen gefangen.' 
Demnach bäten die Stände, dass Niemand von dem, was er 
zur Seligkeit seiner Seele ftir nothwendig halte, abgedrängt 
worden solle. 

Am Dreikönigstage 1540 fanden sich die Stände Mährens 
in Olmlltz zum Landtage ein. Von hier aus sandten sie dem 
Könige eine Botschaft nach Böhmen, die auf mehrfache Be- 
schwerden der Krone Bescheid zu geben hatte. ^ Der König 

> Aus einer dfleichieitigen Abschrift IV, H. 3 im Archiv des Ministerinms 
des lunem. Uebersetit aus den böhmischen Pamatkenbüchem. Ausrag 
in der v. BeckVhen Sammlung. 

* Archiv des Ministeriums des Innern IV, H. 3 und mährisches Lande»- 
archiv. 



k 




183 

hatte unter Anderm Klage gefllhrt, dass sich die Wiedertäufer 
neuestens wieder in grösserer Menge in und um Nikolsburg 
aufhalten^ wogegen die Regierung schon auf dem Znaimer 
Landtage Stellung genommen habe. Daher habe Se. Majestät 
auch anzeigen lassen^ dass er im Hinblicke auf diesen Land- 
tagsbeschluss die Wiedertäufer im Lande nicht zu dulden ge- 
denke. Die Stände erwiderten, sie ßlnden nicht, dass der 
Beschluss in solcher Weise gelautet habe; es sei ihnen in 
frischem Angedenken, dass Ihre Majestät auf dem Znaimer 
Landtage nur verlangt habe, dass jene Stände, die Wieder- 
täufer auf ihren Besitzungen beherbergen, sie hinwegthuen; 
das sei geschehen. Sie hätten kein Wissen, dass solche Secten 
jetzt noch im Lande vorhanden seien. Sollten sie in Zukunft 
betreten werden, so sei ihnen zu befehlen, zu gelegener Zeit 
aus dem Lande zu ziehen. Was aber die betreffe, die auf 
ihrem eigenen Boden und besonderen Gründen sitzen oder 
Herren dienen, auch sonst alle Unterthänigkeit leisten und sich 
gegen ihre Herren gehorsam erweisen: wenn ,wir diese Leute 
von unseren Gründen verweisen würden, so möchte hieraus 
nichts Anderes denn Aufruhr erfolgen. Unsere Gründe würden 
öde und wüst Uegen und Se. Majestät im Kriege gegen die 
Türken vielfach gehindert sein. Deshalb möge Se. Majestät uns 
sammt unseren Unterthanen bei unseren Privilegien und Frei- 
heiten verbleiben lassen und auf die Personen des Markgraf- 
thumes Mähren nicht greifend 

Die Stände stimmten demnach nur dann in die Aus- 
weisung der Wiedertäufer, wenn sie auf ihren communistischen 
Lebensformen, der ,Gemeinschaft' beharrten, weU man immer 
noch mit Schrecken des von den Münster'schen gegebenen 
Beispieles gedachte. Wo sie Sondereigenthum erworben hatten, 
was ja bei den Wiedertäufern mit Ausnahme der Huter' sehen 
der Fall war, oder wo sie in ein Dienstverhältniss zu dem Adel 
des Landes getreten waren, dort sollten sie geduldet werden. 
Ja einige Qrundherren gingen noch viel weiter: Jaroslav von 
Pemstein empfahl dem Könige eine a%emeine Toleranz. Dar- 
auf ging dieser aber nicht ein. Wegen utraquistischer Lehr- 
meinungen, erwiderte er, habe in der Markgrafschaft Niemand 
Anfechtungen zu erdulden. Solche Secten seien aber, als irrig, 
in keiner Weise zu dulden. Es fänden sich Leute in Mähren, 
die weder von Gott, noch von den Sacramenten etwas wüssten 



on Thiereo gleich, nicht einmal an die Auferstehnng 
Q. ' Oder soll man auch die dulden, von denen nicht 
Luther und Zwingt! etvras wissen wollenV 
uf die Bitten der Stände antwortete der Kitnig am 
ner 1540: Was sie dartlber gesagt, dass sie von keinem 
^bcschlusB und keiner Bewilligung wissen, nach Aer 
adertfiufer im Lande nicht geduldet werden sollen, be- 

ihn in hohem Masse, zumal sie über solche unruhige, 
;e und aufrührerische Leute die Hand halten — aber 

die aller löblichen und christlichen Ordnung wider- 

und jeder Hoheit und Obrigkeit feind seien. Sc. Ma- 
rinnerc daran, dass sie auf dem Znaimer Landtag an- 
haben, dass die Wiedertäufer im Lande fürderhin nicht 
len seien, Sie mijgen sich auch erinnern, dass Se. Ma- 
mehrere Schreiben und Mandate dieses Inhalts nicht 
,uf den Landtagen, sondern auch an den Landeshanpt- 
labe ausgehen lassen; wenn man aber jetzt ,theile', als 
die Wiedertäufer, so in ,Sonderbeit' angesessen swcn, 
sein als jene ,in der Versammlung', so sei zu bedenkea, 
e doch einer und derselben Secte angehören, daas sie 
^rsammlungen in Häuseni abhalten, die Leut« vom christ- 
Qlauben weglocken und viele bdse Sachen wider den 
n und die Obrigkeit handeln. Se. Majestät vermöge da- 
ht zu verstehen, weshalb man solche Leute nach dieser 
in zu scheiden habe; auch sehe man nicht ein, wie die 
! in dem Markgrafthum, wenn die Wiedertttofer entfernt 
I, leiden konnten, da die Wiedertäufer doch zumeist ddt 
inge seien. Wie sei es denn in den Tagen gewesen, da 
I keine derartigen Secten gegeben? Man habe j« aoeb 

keine Verödung der OrUnde gesehen. Aach die Vl)^ 
Sr. Majestät hätten Unordnungen im Lande nicht ge- 

dabei aber in keiner Weise gegen die Rechte und Frei- 
des Landes Verstössen. Sc. Majestät gebiete demnach 
die solche Wiedertäufer auf ihren GrOnden beherbe^eo, 
oscbaffen. Wer sich dagegen auflehne, gegen den werde 
>rzugehen wissen. 

Ke Stände beasen sich von ihrer Meinung nicht abbringen, 
b bei dem Beschlüsse des Dreikfinigs-Landtages, das« den 

hholi. OeschichtB FMdinands I., IT. S- 46«. 



155 

Wiedertäufern in Zukunft nicht gestattet sein solle, rn , Gemein- 
schaft' zu leben. Wo dies ftlrderhin noch vorkäme, da sollten 
sie abgeschoben werden. Die in Sondereigenthum lebenden an- 
sässigen Brüder sollten für den Fall, als sie Gehorsam geloben, 
von der Ausweisung nicht berührt werden. 

Es handelte sich somit einzig um die Frage, ob die 
Wiedei*täufer geneigt seien, von ihrem Communismus zu lassen. 
Nun war aber gerade ,die Gemeinschaft' das Ideal der Huter- 
sehen Brüder. Wer das angri£F, griflf an ihren Lebensnerv. 
Sie waren denn auch fest entschlossen, es in keiner Weise 
preiszugeben. ,Wir sind noch,' sehreibt Hans Amon in diesen 
Tagen an die gefangenen Brüder in Triest, ,im Mährerlande. 
Aber auf Pfingsten ist beschlossen, alle Die, so in der Gemein- 
schaft leben, zu vertreiben. So sind wir denn mit Gottes Hilfe 
gewillt, eher zu sterben, als die Gemeinschaft zu verlassen.' In 
mehreren anderen Schreiben klagt er über die Noth der Zeit. 
,Leider,' schreibt er an die Gefangenen auf Falkenstein, ,sei es 
wahr, dass man auch zu Kostl und Pulgram den Abzug ge- 
boten und sogar die Kranken und Kinder hinausgestossen habe.' 
Auch auf die Herren in Schlesien suchte Ferdinand I. in 
gleicher Weise einzuwirken. Am 28. Mai 1540 verlangte er von 
den Pfandinhabem von Oppeln und Ratibor, Begünstigungen 
der wiedertäuferischen Winkelprediger in keiner Weise zu 
dulden. ^ 

Bei den Gesinnungen des mährischen Herrenstande» war 
an eine allgemeine Ausweisung der Wiedertäufer aus Mähren 
nicht zu denken. Eben in diesen Tagen waren zahlreiche Ge- 
sinnungsverwandte in Hessen geneigt, nach Mähren zu ziehen.* 
Hans Amon klagt in einem Schreiben an die Brüder in Hessen, 
dass diese an den mährischen Genossen irre werden, weil 
einige Leute, die man aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, 
Uebles von ihnen berichten. 

Allen Anfechtungen zum Trotz vermochten es die mäh- 
rischen Wiedertäufer damals, in Rackwitz und Saiz.neue 
Wohnsitze zu erwerben. ,Wir wohnen noch,' schreibt Amon im 
April 1541 an die ,ausgebliebenen' Falkensteiner Brüder, ,an 
den Orten wie vorher, und sonderlich ist die Versammlung zu 

* Buchholz, Geschichte Ferdinand« L, IV, 8. 463. 
' Lenz, V, S. 168. 



tz noch im Hause, wiewobl man tSglich Über ans 
il ans droht mit Verfolgung, zumal jetst, wo der 
in Regenshui^ versammelt ist and, wie Etliche sagen, 
zuBammentreten soll. Denn sie Rauben, man werde 
nimmermehr leiden. Aber wir stehen tn Gottes 

1 selbst stand damals am Ziele seines Lebens. ,NacIi 
mpf und Streit und nachdem er seinen Glaubens- 
iele heilsame Lehren mitgetheilt, ist er als ein be- 
angeliscber Diener Christi and Vorsteher der ganzen 
friedlichen Herzens um Lichtmees 1542 zu Schftcko- 
ilafen." Zu besonderem Lob wird ihm angerechnet, 
1 gefangenen Brttdem trOstliche Sendbriefe zuschickte, 
ger als siebzehn sind von diesen erhalten. Auch ab 
ter Tcrsnchte er sich, doch stehen seine Lieder so- 
ihrem Lihalt als in der Form weit hinter denen man- 

minder bodeatender Glaubensgenossen zurUck. Die 
;o seines Lebens wurden durch die Angriffe Gabriel 
's auf die Huteriscfae Gemeinde verbittert. Dieser lieei 
tUchlein erscheinen,' in welchem er die Huterischen 
muthes zieh, Jakob Huter selbst verunglimpfte, üia 
Ik hiess und sagte, dass das Opfer eines solchen ein 

Gott sei. Die Huterischen liessen dagegen ein offe- 
hreiben ausgeben.' Dies machte unter den Gabrielem 
beben und veranlasste Aschersham, eine Streitschrift 
die 1544 unter dem Titel ,Vom Unterschied glW- 
menschlicher Weisheit' erschien.* ^Ordnung ond 
hrt Gabriel, ,8teht Niemandem zu, er sei denn in der 
I Kirche; Niemand ist in der christlichen Kirche, 
enn den heiligen Geist Weder der Glaube noch 
kann aus der Schrift genommen werden. Aach ia 
e nicht der Grund and Ursprung unserer Selig- 

Sohrift «nd »wei Vorreden aütg^eben. ,Wie nnd,' 

der einf-n, .la dieser Zeit so viele Kirchen unter 
n des E%'ang«liains aufgerichtet: ein jedes Volk hat 

MrMi nvvh n <,fl<ttifhli> k*m. is* «llwdi^i iwsifelhaft. 
.>n>n« A« OabmlBrl)«« Bm^M; Ct<d. SS&, 375 Bad SU in P«*t. 
dw V. Bwvk'K^va Ssmk)«^. 



167 

seine Secte und jedes will das rechte Chiistenvolk sein, wes- 
halb sie die Andern verfolgen. Die Einen vertheidigen ihr 
Christenthum aus der Schrift^ die Anderen aus Wundem und 
Zeichen, Etliche mit Leiden und Sterben^ und so flickt ein 
jeder Theil an dem zerrissenen Gewand mit neuem Tuch^ d. i. 
mit mancherlei neuer Ordnung, und das Gewand nimmt immer 
mehr ab, und der Schaden wird mit jedem Tage grösser. Jeder- 
mann zieht die Schrift auf seinen Theil und will seine Sache 
damit ^bewehren', was doch nicht aus der Schrift geschehen 
kann. Auch kann kein Mensch seinen Glauben durch äusser- 
liche Dinge ' bezeugen, denn auch der Teufel thut Zeichen und 
Wunder. Die Schrift ist uns gegeben zur Unterweisung und ist 
(ein Seitenhieb auf Huter) nur Denen gegeben, die darin 
geübt sind, nämlich den heil. Geist empfangen haben. & will 
das, ,wa8 aus dem heil. Geist predigt, lehrt und tauft, in ein 
Reich, als sein Volk^ beschlossen habend 

Die zweite Vorrede ist auch von Gabriel geschrieben, 
doch liess er sie im Namen seiner ,Diener und Mitgehilfen' 
ausgehen, die in Mähren und Schlesien versammelt sind. Auch 
diese Vorrede wendet sich mit spitzen Worten gegen die 
Huterischen und preist Gabriel; ,dieser ist durch die göttliche 
Erkenntniss gesondert von den Secten der Brüder, die man die 
Schwertler, Austerlitzer, Schweizer und Huterischen nennt. Mit 
deren Leben nicht zufrieden, ist er ein Bruder derer, die im 
Lande hin und wieder zerstreut sind imd auch etliche Brüder 
in Mähren haben, ,die in reiner kindlicher Liebe, in der Furcht 
Gottes und im Gehorsam gegen die Obrigkeit leben und ihre 
Seligkeit nicht in Wasser, Brot und Wein, Silber oder Gold, 
sondern in einem abgesonderten Leben suchen und gewaschen 
sind durch die Gnade Gottes^ Von sich selbst sagt Gabriel, 
dass seine Predigt aus Gott sei. ,Dem Christen ist die inner- 
liche Wirkung des heil. Geistes nothwendig. Wer den Geist 
nicht in solcher Weise empfangen hat, ist kein Christ. Nur die 
der Geist Gottes treibt, sind Gottes Kinder. Wer die Weisheit 
nur schriftlich empfangen hat, dessen Geist gleicht dem Schatten 
an der Wand und dem Schaum auf dem Wasser. Darum sage 
ich Euch: Niemand soll sich weder um die Schrift noch um 
die Ordnung bektlmmem, er habe denn den Geist der Ver- 
heissung, denn ausserhalb dieses Geistes gibt es keine christ- 
liche Kirche: studire, lerne Tag und Nacht gar fleissig auf 



158 

der hohen Schule, du wirst den Geist, der die christliche Kirche 
baut und versammelt, in der Schrift nicht finden/ Wie man 
sieht — der reine Gegensatz zu Hubmaier, dem begeisterten 
,Buchstäbler^ 

Mit den übrigen Taufgesinnten hat Gabriel die Verachtung 
der hohen Schulen gemein: ,Was hat uns und unsem Jankern 
seit 1500 Jahren der Besuch der hohen Schulen zum Seelen- 
heile genützt? Jene, die wohl darnach getrachtet haben, hat 
man gehindert, und noch heute wird im Grunde der Wahrheit 
nicht Einer gefunden, der durch ihre Lehre und Predigt selig 
werden könnte/ 

,Sagt aber Jemand, er habe den heil. Geist empfangen 
und ist immerdar unstet, der besitzet ihn nicht. Einmal sucht 
er die Wahrheit bei diesem Volke, eine andermal bei jenem, 
und solche Unstetigkeit findet man am meisten unter den 
Brüdern. Und die sich am meisten des heil. Geistes rühmen, 
einmal sind es die Schwertler, dann wieder die Auster- 
litzer, über eine Weile die Schweizer, endlich Huterische; 
ja jedes Volk unter sich ist nicht einig: so viel „Verstand'^ und 
Auslegung der Schrift findet man unter ihnen, dass es oft 
spöttlich wäre, zu hören. Und es nimmt auch der Zank unter 
ihnen kein Ende: bald laufen sie zusammen und sind ihrer 
Einigkeit froh, dann laufen sie wieder auseinander und ist 
ein solches gegenseitiges Schelten und Lästern, dass es eine 
Schande zu hören ist.' 

Gabriel griff in seinem Büchlein fast mehr noch als die 
,Päpstischen und Lutherischen' die einstigen Genossen an. In- 
dem er lehrte: ,Du sollst die Versicherung Deiner Seligkeit 
nicht in auswendigen elementischen Creaturen, im Taufen, 
Nachtmahl, in der Gemeinschaft oder in einem keuschen 
Wandel suchen: Du findest sie auch nicht bei den Menschen, 
und wenn man Dir sagt: Dieses Volk hat seinen Glauben mit 
dem Blute bezeugt: O, lieber Freund, wenn die Versicherang 
Deiner SeUgkeit keinen anderen Grund hätte als diesen, so ist 
sie nichtsnutz; du musst dein Wissen vom heil. Geiste empfttngen 
haben^; indem er sich selbst gegen das Taufprincip kühl ver- 
hält und lehrt: ,Der päpstische und lutherische Haufen und 
alle vermeinten Brüder dürften sich um die Taufe nit also 
zanken und beissen, denn es wird viel unschuldiges Blut dar- 
um vei^ossen: die Taufe gebe Niemandem den heil. Geist, 



169 

drum dürfe man ihretwegen Niemanden verdammen, weder mit 
dem geistlichen noch mit dem weltlichen Schwert, und indem 
er endlich die Kindertaufe nicht fiir sündhaft erklärt, musste 
er mit seinen eigenen Anhängern in Widerstreit gerathen: auch 
seine Lehre von der ,öemeinschaft^ ^ regte die Genossen auf 
Wie es scheint, hatte Gabriel die Namen der Diener und 
Aeltesten seiner Gemeinde missbraucht, als er in der Vorrede 
sie erklären liess, sie seien mit dieser Schrift einverstanden. 
In Wirklichkeit waren sie weit davon entfernt, ,den wüsten 
Greuel d^s Kindertaufs^ zu billigen, und so wandten seine Ge- 
nossen sich von ihm ab. Dieser bemerkenswerthe Mann, der 
an Tiefe des Wissens und in der Gewandtheit der Darstellung 
alle anderen Separatisten in Mähren weit hinter sich liess, zog 
nun nach Schlesien. Dort ist er 1545 gestorben. 

Seine Anhänger suchten und fanden nun ihre Vereinigung 
mit den Huterischen. Vier Gabrieler: Bärtl Riedemaier, genannt 
Schlesinger, Fabian Fütz, Merten Veit und Jakob Heusler 
schlössen am 15. Jänner 1545 mit den bisherigen Gegnern auf 
Grundlage der fllnf Artikel der Huterischen eine Ueberein- 
kunfi;, die dann von der Mehrheit der Gabrieler gebilKgt 
wurde. 

In Bezug auf die ,Gemeinschaft' erboten sie sich, den 
Huterischen einfach beizutreten; denn wiewohl sie auch bisher 
schon sich der Gemeinschaft gerühmt, ,habe es ihnen doch am 
Werk und an äusseriicher Handreichung gefehlt^ Auch in Be- 
zug auf die Ehe nahmen sie einfach die Huter'sche Lehre an, 
,da8s die Ehe nichts scheide als der Ehebruch^ ,Wenn Jemand 
ein ungläubiges Weib hat imd sie Hesse es sich gefallen, bei 
ihm zu wohnen, der scheide sich nicht von ihr, falls er für 
seinen Glauben nicht Gefahr laufe und die Kinder im rechten 
(Hauben erzogen werden. Der Obrigkeit muss man Zins, Zoll 
tmd Robot leisten, denn sie ist von Gott gesetzt. Nur was zum 
Blutvergiessen dient, brauche ihr nicht geleistet zu werden. 
Auch gebe man ihr jene Ehrenbezeigungen nicht, die Gott 
allein gebühren, wie die Bezeichnungen: gnädig, fürsichtig, 
weise u. s. w. Beide Theile erklären sich bereit, alle Gemein- 
schaft ,mit den Gottlosen' aufzugeben. ,Wir haben mit ihnen 
nichts zu schaffen, weder im Kaufen noch im Verkaufen, oder 



* S. darüber den zweiten Theil dieser Abhandlnng. 



^rllseen, BsBen und Trinken, dieweil Allee, was 

Götzenopfer ist,'^ 

kleiner Tlieil der Gabrieler trat scbmolleDd eut 
lauptete zu Kreuz bei Goding aein Sonderdasein 
:r auch der Gemeinschaft der Huterischen beitrat 
ung Leonhard Lanzeostiel'B — so hieae AmoDs 
begann daher unter glücklichen Vorbedeutungen. 
iBcher Wiedertäufer, der eich 1544 auiinacfale, 
ren zu ziehen, wurde in NUmberg aufgegrifFen. ' 
m Ansiedler brachten in kurzer Zdt einzelne Ge- 
lentUch die Tuchbereitung, zu ausserordenthcher 
^oUe scheinen sie aus Ungarn eingeführt zn haben, 
e hierin eine Beeinträchtigung des heimisclieo 
ekten, so eriiessen sie 1544 das Verbot,* ,die 
ire Werkstätten anderswo als in den königlicbeo 
auf den Schlössern und Höfen der GmndherreD 
>lchen Geboten gehorchten sie um so williger, je 
^mndherren sich ihren Schutz angelegen 8«n 
■en Schützern gehSrten die edelsten Familien d«i 
erren von Lipa, Zierotin, Erava^ und Andere, die 
Jahren 1545 und 1546 neue Hanshaben in Räck- 
1, Gobschitz, Biseoz, Napajedl, Paulowitz, AlteD- 
g, Schackowitz, Faraditz, Pochlitz, Rubschitz. 
i, Pnslawitz und Frätz einräumten.* 

Ungarn machten sie sich anaäaug. Sie grOnde- 
ich t^Sobotiät) im Nentraer Comitate eine starke 

sich in ihrem Glauben bis 1784 behauptete.' 
Anhängern ihrer Lehre bUeben sie in reger Ver 
e Glaubensboten in der Fremde waren eifrig 

Braitmichl: ,Wie und welrber Wüi' die Brfidar von i"* 
mit uni Tereinip ood in allrn HuipUitikclii d«D OUsbM 

ch ID anilem die Ui.>tsil^»il g^aim taefriedeu worden mu. 
sei— 375. C-J, Art..ir. 316— 3S5. 

wL Tb«>I.. 1860. S. er«. 

cb«r, & 158. 

iitkj:n> Aufi£hli>ne«a drr WMdefäaJM^iulMbeD ■. ikW 

k)>.: Di« Dorrlißihni^ der C c » c i n. '»haft. a) Die Hiw 

•ttatisrh«- WiAl^rtäofer. dl« t-^fnoiaaten Hsbiner, ■- ^' 
rhrr. & I». VjH. lach den imhaU Ton HnliijaiutT '"■ 



161 

bemüht^ ihren Ruhm in der Mattergemeinde verkündigen zu 
lassen. ^ 

Es konnte nicht fehlen^ dass das Wachsthum der Ana- 
baptistengemeinde der Regierung grosse Sorgen bereitete. Am 
Montag nach Lätare (16. März) 1545 kam demzufolge ^aber- 
mals ein Befehl von Prag, dass man uns an keinem Ort im 
Land mehr dulden noch behausen^ sunder hinausjagen und 
nimmer einziehen lassen solle. Auf das hin haben die Herren 
des Lands den Künig mehr als Gott gefUrchtet und hah^n 
bewilligt, dass die Brüder bis zum Kunigundentag ihre Haus- 
haben vei^assen und die „Gemeinschaft^ aufgeben müssen, ist 
aber mit Gottes Hilfe nit darzu komen^ * ,Ist ihre Meinung 
gewesen, dass nur vier oder fUnf in einem Hause sein sollten. 
Das konnten die Frommen um ihrer Bekanntnuss des Glaubens 
wegen nicht thun.' 

Gegen den Landtagsbeschluss von 1545 legten sie in 
einem ausführlichen Sendbriefe ,an die Märherischen Herren'' 
feierhche Verwahrung ein. Sie geben von ihrer Lehre und 
ihren Einrichtungen Rechenschaft und vertheidigen sich gegen 
alle wider sie erhobenen Anschuldigungen: ,Aus keiner anderen 
Ursache, als um Gott zu dienen, was ihnen wegen der Ty- 
rannei der Obrigkeiten an keinem anderen Orte habe gedeihen 
wollen, seien sie nach Mähren gekommen. Trotzdem sie sich 
eines unsträflichen Wandels befleissen, sei doch von leicht- 
fertigen Leuten böses Geschrei wider sie erhoben worden, wes- 
halb sie genöthigt seien, über einige Artikel, als über die Obrig- 
keit, Steuer und Versammlung (Gemeinschaft), Rechenschaft zu 
geben. In allen diesen Punkten stimmt die Erklärung mit jenen 
Artikeln überein, die bei der Vereinigung mit den Gabrielern 
festgesetzt worden waren. Mit einer gewissen FeierUchkeit ver- 
wahren sie sich gegen eine jede Vergleichung mit den Münste- 
rischen: ,Niemand von ihnen habe deren Art an sich, denn 
diese Art stamme vom Teufel.^ 

Die ,Gemeinschaft' wolle man nicht dulden, weil man 
glaube, sie würden, in grösserer Zahl versammelt, so handeln 
wie die Mtlnsterischen. Das hätten sie nie im Sinne gehabt. 
Ihre Gkmeinschaft beruhe auf Liebe und Einigkeit und habe 

* 8. unten, ü. Theil, 1. Cap. 

* Geschichtabücher, 8. 163. 

* Gedruckt ebenda, 8. 169 ff. 

Arekir LXUl. Bd..I. Hilft«. 11 



162 

so auch in den Zeiten der ersten Kirche bestanden. Wenn sich 
etliche Städte darüber beschweren, dass wir den Landhand- 
werkem das Brot vor dem Munde wegschneiden, so wüssten 
sie hievon nichts; sie hätten in Allem sich treuer Arbeit be- 
flissen und jedem seinen Pfennig vei^olten, ,welche unsere 
Treue nun fast unter alles Volk gekommen ist^ 

Nicht ohne Grund habe sie Gott in dieses Land geführt, 
dem er sonderlich viele den Glauben betreffende Freiheiten 
gegeben, so dass weder König noch Kaiser die Macht 
habe, demselben Regel und Ordnung zu geben, son- 
dern ein Jeder seinem Glauben leben mag, wie er auf 
das TreuUchste Gott zu dienen weiss. 

Was endlich ihre grosse Zahl betreffe (man spreche von 
etlichen Tausend), so müssten sie sagen, dass der erwachsenen 
Personen im Lande etwa bei 2000 seien, die in ungefähr 
21 Orten wohnen, in dem einen in grösserer, in dem anderen 
in geringerer Menge, je nachdem er zur Arbeit gelegen ist. 
Zu Schäckowitz, um dessentwillen man ein besonderes Geschrei 
erhebe, seien wohl etliche (mehr), aber meistens Alte, Kranke 
und Kinder, die wenig oder gar nichts ausrichten können. Das 
sei der Sachverhalt, und damit wollen sie sich in den Schutz 
Gottes begeben und die mährischen Herren warnen, Hand an 
die Frommen Gottes zu legen. Man sehe jetzt deutlich: Wo 
Mitleid mit dem Volke Gottes walte, verschone er um der 
Frommen willen das Land, wie denn auch gegenwärtig der 
Türke Oesterreich völlig durchstreife, aber nach Mähren nicht 
gekommen sei. 

Von den Beschlüssen des Lätarelandtages war Ferdinand 1. 
wenig befriedigt. Am 19. Mai versammelten sich die Stände 
abermals in Brunn. Hier Hess er ihnen seinen Willen eröffioien: 
,Die Wiedertäufer, die der Kaiser weder im Reiche noch sonst 
irgendwo dulde, seien von ihren Gütern abzuschaffen und aus 
dem Lande zu weisen.'* Die Herren beriefen sich auf ihre letzten 
nur gegen ,die Gemeinschaft' der Wiedertäufer gerichteten Be- 
schlüsse; der König blieb dagegen auf seinem Willen bestehen. 
Der Landtag verhielt sich im Hinblick auf die grossen Ver- 
loste, die das Land durch die Ausweisung so tüchtiger Arbeits- 
kräfte erleiden würde, gegen den Willen des Königs ablehnend. 

1 Geschichtsbflchef, 8. 177 ff. 



16S 

"esen Umständen strömten noch immer neue Schaaren 

'fgesinnten ins Land. Viele Tausend, heisst es in den 

■^ (er Wiener Universität von 1546, lebten damals in 

Daher erging am 26. März der wiederholte Befehl, 

~ ^'- dem Lande zu weisen. ^ Die Ausweisung traf nun alle 

*^-^olche gemeinsam wohnen; sie sollten bis Jakobi 1546 

"*-'dem, die Anderen bis Georgi 1547 das Land verlassen. 

"^- .: önner wtirden mit Strafen bedroht. 

"ic^er böhmische Aufstand von 1547 und dessen Unter- 

• :• L' mg durch Ferdinand I. bot diesem die erwünschte Ge- 

3 'rj; eit, nicht blos in politischen, sondern auch in kirchlichen 

" ' 5K i n die Zügel straffer anzuziehen. * Namentlich waren seine 

-»i hten darauf gerichtet, dem Sectenwesen in Mähren ein 

.'Cii*x®s Ende zu bereiten. Am Mittwoch nach Ostern 1548 er- 

j. y V er zu dem Zwecke den Befehl, allen Denen, welche sich 

^ ,^jj . .Wiedertäufer noch nicht entledigt hatten, die Verpflichtung 

. .., .jerlegen, dies sofort zu thun. Fortan sollten sie nicht ein- 

-t:.- an den Landesgrenzen geduldet werden.^ Am Georgi- 

. .. . lag zu Brunn verkündete er seine Absicht, die Glaubens* 

Ande vom Jahre 1526 wieder herzustellen und die in Mähren 

jreit verbreitete Häresie mit Gewalt auszurotten."* Die Aus- 

.rung des Mandates gegen die Wiedertäufer wurde dem 

ftdeshauptmanne Wenzel von Ludanitz übertragen. So stark 

r die Stellung des Königs geworden, dass er mit den unga- 

^en Ständen auf dem Reichstage von Pressburg den Be- 

Uuss fasste, den Katholicismus im ganzen Reiche wieder h^r- 

I0tellen. Den Wiedertäufern wurde diese Lage der Dinge 

frfaängnissvoll. Für sie begann ,des Trübsais Leid', die Zeit 

es Kreuzes und der schweren Verfolgung.* ,Da geboten uns 

* Quorum undecunque frequens est numerus; maxime vero in Moravia 
multa degunt millia . . . Acta universitatis Yindob. L. III., Fac. theol. 
ad annum 1546. 

^ yEü stuend aber alles stiU bei ainem iar oder darüber bis in das 1547te 

iar, daz sie nit vil ernst mit uns brauchten, bis daz der Kaiser Karl . . . 

das reich, mit dem er streit hat, übersiegt und herzog Hans gefangen 

ward . . .' Geschichtsbücher, S. 179. 
' Mandat Ferdinands L, Landesarchiv Brunn, Copie in der v. Beck'schen 

Sammlung. 

* Chlumecky, Karl von Zierotln, S. 77. 

' ,Efl ließ der Herr kumen 

Im 1547ten Jar 

Trübsal über die fromen etc. . . .* 

11* 



164 

die mährischen 1 
und Kranken. '. 
wusBten nicht, 

Ein Theil 
Tlicil noch unb 
von PrBntsch, 
Bisen 2S kennen 
ein. Ein ande 
Unter-Nussdorf. 
man also arbe 
zu allem Guten 

Schon am 
sehen Lande e 
wieaenen und i 
8. Februar wui 
bürg weilenden 
rieht der Land 
von Augsburg 
Niederösterreicl 
die Aufnahme 
mOge fleissig 
unsere Lande i 
rischen Grenze 
geben, die W 
gedulden . . .'* 
herren aufgetr. 
Peter Bakisch 
zog ein Theil i 
hatctzer Wald« 
diese zogen ge 
sandten sie vi 
suchen. Diese 
ihren Zweck h 



a. die Geschic 

Ton 168G. 
' GeschichlabQc 
■ MtlndRt vom 8 

Im Mandate v 

nach Nieder-, 



165 

Die meisten der Flüchtigen wandten sich nach Mähren. Die 
Polauer Berge mit ihren Höhlen boten ihnen ein Versteck. 

Auf die Kunde von ihrer Rückkehr wurde das Aus- 
weisungsdecret um Judica 1549 erneuert; doch gewährte man 
ihnen bis Mittsommer des nächsten Jahres Frist zum Abzüge. 
Das Ausweisungsmandat wurde übrigens in Mähren ebensowenig 
allgemein befolgt wie in Ungarn der elfte Artikel des Reichs- 
tages von 1548, der gleichfalls die Ausweisung der Wieder- 
täufer geboten hatte. 

Gegen die Absicht des Königs, die kirchlichen Verhält- 
nisse in Mähren auf den Zustand von 1526 zurückzuführen — 
eine Absicht, in der die Stände nur den Anfang einer gänz- 
lichen Umgestaltung der Landesverfassung erbUckten — erhoben 
sich diese auf dem Georgilandtage 1550 in schroffster Weise :^ 
,Die Markgrafschaft Mähren sei ein freies Land, es hat freie 
Rechte und darf hierin vom Landesherm nicht beschränkt 
werden. Die Mährer haben das Recht, nach altem Gebrauch 
and Herkommen, nach Gutdünken und Gewissen zu richten. 
Sie können ihre Verfassung bessern und ändern wie freie Leute; 
nur in wichtigen Dingen holen sie die Genehmigung des Königs 
ein.Mn feierlicher Stunde erinnerten die Stände den König an 
ihre Rechte. Fünf Jahre war es her, seit die Wiedertäufer eine 
ebenso feierliche Mahnung an die Herren gesandt hatten, sich 
dieser Rechte zu erinnern. Der König musste die Herren ge- 
währen lassen; das landesfürstliche Princip vermochte nicht wie 
in Böhmen den Sieg über das ständische zu erringen; dazu 
war die allgemeine Lage nicht angethan, denn die Beziehungen 
Ferdinands I. zu Karl V. waren eben im Frühjahre 1550 
schwierig genug: Der Plan des Kaisers, seinem Sohne Philipp H. 
die Nachfolge im Reiche zu verschaffen, hatte einen tiefen 
Schatten auf das Verhähniss der beiden Brüder geworfen; die 
Gährung unter den Protestanten war im Wachsen. Das nöthigte 
Ferdinand, in Mähren in massvollerer Weise aufzutreten und 
demgemäss auch in kirchlichen Dingen so wenig als möglich 
in gewaltsamer Weise zu ändern. ,Mähren sollte auch in Zukunft 
das Land sein, wo ein Jeder ungestört in seiner Weise Gott 
anbeten durfte.'* 



* Chlumecky, Karl von Zierotin, S. 78—82. 
' Chlumecky, S. 82. 



So mochten auch die Wiedertäufer bessere Tage erwarten, 
iunächat freilich wurde noch 1551 verboten, dass man die 
IrUder als Arbeiter verwende, von ihuen kaufe und ihnen 
erkaufe. Ihre Wanderzüge aus Mähren nach Oesterreicb und 
Jngarn und von dort zurUck dauerten noch längere Zeit an. 
^ konnte nicht fehlen, dass Manche kleinmüthig wurden, aber 
s trat doch auch der Fall ein, dasa ,trotz der schweren Noth 
''iolfl zur Gemeinde traten' und deren Leiden willig theilten. 
Das waren die rechten Eiferer Gottes." 

Die Noth dauerte bis ins fUnfte Jahr: ,Dann hat sich die 
lomeinde Gottes wieder gesammelt und die cfaristliche Gemein- 
cliafl so fleissig gehalten als jemals zuvor.' 

Vom mllhrischen und Österreichischen Adel hatten Einselne 
elbat in diesen kritischen Tagen ihnen ihre Unterstützung an- 
«deiheu lassen. * Wir finden, dass noch im Jahre 1550 in 
)arabersohitz, einem der Familie Kaunitz gehörigen Orte, 
lud 1563 in Sohädowitx nnd Gnpschitz neue Hanshaben 
ufgerichtet worden. Zwar 'erschien noch im folgenden Jahre 
i;l«ioh nach Jeronrme' 1,30. September) ein Undesffirstlicher 
Wft'hl an die mährischen Herren, .nit au dniden, dass die ver- 
Uhrvrische S»>ct« der Wiedertäufer, die man weder im Reiche, 
loob in anderen Landen dulden mag, üch im Lande niedtf- 
ii«si\ häufe und stark werde', aber im G&nzen and Grossen 
rarvn doch di^ Gofahreo .ftlr die Gemeinschaft' vorüber, nnd 
*-h.iu das Jahr l;x>4 rechneten die Wiedertäufer selbst j«f 
tnoti'u /fit der Ooiueiu". 

3, Capitel. 

)m Wirknaküt Pttar liili— ■■'■ ul linkard Lutraitiel'i. 

StM W^^'a wd Wfct»! Knl'a. Ikit cl«^liefe Xeit te Bfr 

«MMchaft «bI <n ivutc iriaBiBiiiin, aai 4er Bdiweil. 

IVr \Vii\iort4;iÄM^at-i3^e jwKäoh« es nm wesentlichen 
fc .NnK<-.K d»ss ihnca J&vit,>fV- Le>.<c:Kard LAnaeBStiel ger»d* 
^1 ö.Ä kr;:.s>St- J.\>-.TVK <:;r, s.;.-Äkirii:j«- Mann als .treuer 






167 

Gtehilfe' zur Seite stand — Peter Riedemann^ der hervorragendste 
Schriftsteller unter den Genossen in Mähren. Er wird auch der 
^grosse* Peter oder von seiner langen Haft in Gmnnden ,Peter 
von Gmunden^ genannt. ^ Um 1506 zu Hirschberg in Schlesien 
geboren, muss er schon sehr ftük den Separatisten beigetreten 
sein, denn schon zur Zeit der ersten Verfolgung in Oberöster- 
reich finden wir ihn als Diener des Wortes thätig. Als solcher 
wurde er 1529 gefangen und lag drei Jahre und einige Wochen 
in Haft. Schon damals trat er als Schriftsteller auf: In seiner 
Rechenschaft und Bekenntniss des Glaubens lehrt er, wie man 
das Haus Gbttes bauen solle, und welches die Pfeiler dieses 
Hauses seien. Auch in Nürnberg lag er mehrere Jahre lang 
gefangen. Die hervorragendsten Theologen der Stadt suchten 
ihn von seinem Glauben abzubringen, hatten jedoch keinen Er- 
folg. Der langen Haft müde, erbot er sich 1537, weder in 
Nürnberg, noch im Gebiete der Stadt zu taufen oder zu predi- 
gen, sondern zu der Gemeinde nach Mähren zu ziehen. Hier 
traf er 1539 ein, wie ein Sendbrief der Gemeinde den Brüdern 
in Hessen meldet. * Als Diener des Wortes sandte er ein Trost- 
schreiben an die gefangenen Brüder auf dem Falkenstein und 
zog dann nach Hessen, um den Irrlehren des Hans Both ent- 
gegenzuarbeiten. Hier wurde er zu Walkersdorf gefangen.* 
In seiner Epistel an die Gefangenen in Güpling schreibt er, 
dass die Gemeinde des Herrn sich täglich mehre. Die meisten 
neubekehrten Brüder aus Hessen zogen nach Mähren. Dem 
Vorsteher Lanzenstiel ,half er die Last der Gemeinde tragend 
,Er war,' wie die Geschichtsbücher schreiben, ,reich an aUen 
göttlichen Geheimnissen und Kenntnissen und floss von ihm 
heraus wie ein Wasserquell, der überläuft, und Alle, die ihn 
hörten, hatten Freude an ihm.' Er starb 1556. 

Man wird kaum irregehen, wenn man annimmt, dass die 
meisten von der Gemeinde ausgesandten Schriftstücke aus seiner 



^ Vgl. Brnckmaier's «Väterlied* in den Geschichtsbachern, S. 217. Seine 

Haft in Gmnnden ebenda, S. 89. 
' Copie in der t. BecVschen Sammlung. 

* Oeschichtsbücher, S. 143. Der Sendbrief in Copie in der v. Beck'schen 
Sammlung. In dem Sendbriefe werden die Brüder in Hessen vor den 
Irrlehren des Hans Both gewarnt. 

* Qeechichtsbacher, S. 148, 151. Vgl. Hochhuth in der Zeitschr. f. bist. 
Theol. 1860, H, 8. 266. 



168 

Feder stammen; 
mähriBchen Hern 
rtlhrt das einzige 
bens her, das di< 
wohl auch ia je 
gedruckt wurde, 
geändert 

Die eigen di 
Hand Lanzenstiel 
schöner , Ordnung 
nichts erhalten; ( 
und Handwerkso 
Brentel'a, nur di 
Lanzenstiel her. 
die Gemeinde eii 
die Qefahr für c 
die alten Haush 
Propaganda nacl 
Weise betrieben ; 
richtungen. In U 
burg,^ der Suh« 
Schlesien, Polen 
grosse Erfolge, 
älaubensboten il 
30 Flüchtlinge , 
Zu ihnen gehört« 
sigerjahren an d 
ratisten im Venet 
gezogen war, w 

> S. darüber Th. 1 
< üescbichUbUclia: 
' Ebenda, 8. 306, 
' Ebenda, S. 20S, 
^ Ebenda, S. 204, 

• Ebenda, S. 204, 
' Ebenda, S. 28S. 
■ Ebenda, 8. 2S1, 

* Ebenda, B. 288. 
» Ebenda, 8. 288, 
" Ebenda, S. 32&, 
" Ebenda, 8. 288, 



169 

An diese sandte er, nach Hause zurückgekehrt, eine Anzahl 
von Gesinnungsgenossen. ^ Wichtiger noch war es, dass sich 
eine grössere Anzahl von Schweizer Brüdern an die mährische 
Gemeinde anschloss,^ demnach die communistischen Grundsätze 
dieser annahm, weil ,bei allen denen keine wahre Liebe gefun- 
den werden kann, die im Eigenthume sitzend 

Der Glaubensmuth der Genossen wurde durch die Be- 
richte über die Leiden und den Märtyrertod, den einzelne 
Sendboten in Baiern und Tirol, Niederösterreich, Salzburg, den 
Rheinlanden und in Italien erUtten, angefacht.^ Ihre Thaten 
worden von gesinnungsverwandten Dichtern im Liede besun- 
gen. Diese ,Märtyrer' schicken ihre ,Sendbriefe^ an die Ge- 
meinde und mahnen die Genossen zur Standhaftigkeit. ,Lasst 
Euch,' schreibt Hansl Schmidt, der am 19. October 1558 zu 
Aachen hingerichtet wurde, ,zum Abfall nicht verleiten. Bleibt 
steif im Glauben. Gott soll Euch seinen Tempel sehen lassen.' 
In einem zweiten Sendbriefe klärt er seine Genossen über einen 
schwierigen Glaubenspunkt, den Artikel von der Menschwerdung 
Christi, auf.* Seiner Gattin schreibt er, ,sie möge keck sein 
im Worte des Herrn'. Seinen Mitgefangenen schickt er Trost- 
briefe, die in der Heimat die Genossen erbauen. Die Mutter- 
gemeinde bittet er, vorsichtig zu sein in der Aufnahme von 
Brüdern. Es treiben sich viele falsche Brüder herum. In einem 
zweiten Schreiben an seine Frau nimmt er von ihr Urlaub: 
Sie werde am besten thun, zur Gemeinde zu ziehen. Er liege 
allein im Gefängniss, eine reiche Frau habe ihm Nahrung ge- 
schickt; er habe ihr sagen lassen, das werde ihr, wenn sie 
nicht fromm werde, wenig zum Nutzen gereichen. Seiner Frau 
sende er mehrere Lieder, mit deren Verfassung vertreibe er 
sich die Zeit. 

Weniger belangreich ist der Brief Wolf Maier's an seine 
ßattin; aber man sieht auch aus ihm,^ dass die Wiedertäufer 
beherzt in den Tod gehen, weil sie die Ihrigen versorgt wissen. 



' Seine späteren Schicksale s. in den Gescliichtsbüchern, S. 240 — 243. 
' Ebenda, 8. 225 — 229. lieber die Zusammenkunft in Strassburg s. ebenda 
und Ott, Annales Anab., p. 120. 

* S.dle Geschichtsbücher, 8. 204, 205, 208, 217, 218, 219, 221, 222, 230, 239. 

* Die Sendbriefe Hansl Schmidts in Copien in der v. Beck'schen Samm- 
lung (nach dem^ Cod. Bruckmaier). 

* Copie in der v. Beck*schen Sammlung. 



170 

Ein grUsaeres Ansehen genossen die Sendbriefe, die CL 
FelbJDger, der 1560 mit einem Genossen zu Meumarkt io Bai 
gefangen, peinlich verhört und hingerichtet wurde, nach M 
ren sandte.' In seiner ,Rechensehaft' entwickelt er das ga 
Lelirgebäude der Huteriachen Gemeinde in Mahren, fast g 
in der Weise, wie dies ia Biedemann's grosser Arbeit 
Fall ist. 

Nicht weniger erbaulich waren die Sendbriefe eines Hi 
Krlll, Hans Mändl und Genossen.* Einer von diesen Sc 
briufon ist an die Hauer und Weingftrtner in der Gemei; 
zu Mähren gerichtet. Viele Sendbriefe bieten einen recl 
Spiegel der Zeit. Thomas von Imbroich, genannt der Bu 
driickur, sagt seinen Richtern: ,Icfa will Euch selbst fragen, 
ß» nicht aoi wie in den Tagen des Noe. Man baut und pflai 
man vorkauft einen Acker an den Andern, mau frisst i 
sauil, »lau greift zu der Ehe ohne Furcht Gottes, und die i 
vUüä tliun, das ist genug offenbar. In allen Winkeln flu 
man solche Greuel. Der Herr wolle sie Alle bekehren.' Gi 
in dvr Weise Hotzer's rügt er die, so sich an ihrem GIsul 
alK<in gonng sein lassen und lustig darauf los sündigen: ,D 
abor Etlitfbe ohne Soi^e leben, ist die Uraach', dass sie keii 
FUi^uug sehen und sind darauf getröstet: Ich bin ein Chnst 
luonsvh. ich biu getauft, und meinen, es sei Alles genug, w£ 
mal) gt'tauft ist, aber sie wissen wenig, was der Tauf ist. De 
nie habou d«n lebendigen Bronnen noch nicht getrunken." 

Die Lüg« der Wiedertftufer in llsbren war noch kei 
vüUig )^>siohertt\ es erschien noch am 9. Juli läö7 ein Deci 
das ihn» Ausweisung gebot;* aber es kam doch noch öfter v 
iLiss luAU iu eiiueluen Fällen Milde walten bess, oder di 
einrt«ssi\'iebe rrMtestanteu sich der Wiedertäufer annahmei 
Mauebtf \>ut ihnen l>ekla^n die Spahnng and weisen d 
lV)U>si»uton selltsl die Schuld hieran au: .Xon die aran 



V.-n .luwo Hiif^ii is« p:iw* U 4tr I«t«-hr, f. aüg. G«wL. L J 
»Iv^iiu.lv K;u i'«rihT n^l,« tis Pub* i 



l ÄG^-JKW II, 4 



171 

Täufer/ schreibt Katharina Zell 1557^ ^da Ihr so grimmig^ zor- 
nig über sie seid und die Obrigkeit allenthalben über sie 
hetzet^ wie ein Jäger die Hunde auf ein Wildschwein und 
Hasen. Sie bekennen doch auch Christum mit uns im Haupt- 
stück, darinnen wir uns vom Papstthum getheilt haben, über 
die Erlösung, aber sich in anderen Dingen nit vergleichen kön- 
nen. Soll man sie gleich darum verfolgen und Christum in 
ihnen, den sie mit Eifer bekennen und Viele unter ihnen bis 
in das Elend, Gefkngniss, Feuer und Wasser bekannt haben? 
Lieber gebet Euch die Schuld, dass wir in Leben und Lehre 
die Ursache sind, dass sie sich von uns trennen. Der Böses 
thut, den soll eine Obrigkeit strafen, den Glauben aber nit 
zwingen und regieren, wie Ihr meint; er gehört dem Herzen 
und Gewissen zu mit dem äusserlichen Menschen.^ ,Freihch, 
wenn Euch eine Obrigkeit folgen wollte, sie würde bald eine 
Tyrannei anfangen, dass Stadt' und Dörfer leer würden . . .' ^ 
Diese Stimmung kam den Wiedertäufern an vielen Orten zu 
Gute. In Mähren hörte man von Annäherungsversuchen zwi- 
schen den Angehörigen der Brüdergemeinde und den Wieder- 
täufern. Blahoslaw liess 1559 in Eibenschitz ein Gespräch mit 
den Austerlitzern, freilich nicht mit den ,Gemeinschaftlern^, 
sondern mit den Gabrielem abhalten.^ 

Man wird sich nicht wundem, dass unter diesen Umstän- 
den der Zuzug nach Mähren immer bedeutender wurde. ,Mäh- 
ren,^ so schreibt Vergerius 1558, ,wimmelt mehr als jemak 
früher von Wiedertäufern.^^ Und dass auch recht bemittelte, 
hie und da auch sehr wohlhabende Leute ihnen zuliefen, siebt 
man aus den Aufzeichnungen der Tiroler Behörden.^ Die Lieder 
der Wiedertäufer gedenken dieses Anwachsens der Gemein- 
schaft,^ das unter dem Regimente Lanzenstiers stattfand. Ihm 
folgte 1565 Peter Walpot (nach seinem Handwerk ,Scherer' 
genannt) und mit ihm die glücklichste Zeit der mährischen 
Täufergemeinde. ,Mit Lust und Liebe hiengen,^ wie ihre Ge- 



^ Datum 24 Maiüi anno 1567. Katharina Zellin, des seligen Mathäi Zellen 
nachgelassene Hausfrau. FOsslin, Beiträge V, 273—277. 

* Arch. Bratr. IX, 255, in Herrenhnt; s. Gindelj, Casopis 1856, II, 9. 
' Geschichtsbücher, S. 209. 

* ,Der Anabaptismus in Tirol' 1. c. S. 213. 

^ Bis unser ein gute Summe — aus gnaden worden sein. Qeschichtsbücher, 
S. 217. 



173 

r (Iber die Frage der Vereinigung: ,Wie sollten die, eo 
GrUuben, eine Tauf u. s. w. haben, sich nicht gern auch 
ich zusammenthaen ?' Einen Tag, nachdem er seine ,letzte 
n die Aeltesten' gehalten, starb er, am 30. Jänner 1578.' 
m Regimente folgte ihm Hans Kräl, wie Walpot ein 
', ,eio fast gütiger Mann, von friedlicher Qeberd', sanft- 
;, auch mild geneigt, in Stock und Banden wohl be- 

bei dem alleweg ein guter Rath zu finden'.* Hans KrftI 
er Verfasser eines jOemain-Geschichtsbuches'; leider ist 
te verschollen. 

Vie die Verhältnisse lagen, konnte die Gemeinde die Zahl 
iaushaben bedeutend vermehren: 1Ö65 wurden Fribitz 
andshut, 1566 Scheikowitz und Pruschanek, IÖ67 
tz, 1568 Urachitz, 1570 Nikolschitz und Neudorf, 
Popitz, 1581 Frischau und Pohrlitz, 1583 Nussla 
et, wogegen sie allerdings aus einem und dem andern 

wie z. B. aus Selowitz, wieder abziehen musaten. Auch 
au liessen sich OesinnungBgenossen nieder,^ ebenso in 
i; doch wurden hier schon 1568 scharfe Verordnungen 
sie erlassen uod 1571 und 1573 erneuert.* Auch Gaya 
^n Wiedertäufern bereitwillig ein Asyl.^ Nur in Nikols- 
tegann Adam von Dietrichstein seine hoffnungsvollen Vor- 
der Wiederherstellung der katholischen Lehre.* Aber 
e plötzliche Ausrottung der taufgesinnten Elemente war 
liier nicht zu denken: zunächst schon aus volkswirth- 
ichen Motiven. Kamen doch schon vereinzelte FäUe vor, 
i Gruadherren Zwang anwenden mussten, um ihre zum 

geneigten, so schwer zu ersetzenden Arbeitskräfte zu- 
ihalten. Um so geneigter mussten die Herren und Rittor 
nde sein, die Wiedertäufer vor plOtzUchen Ausweisungen 
amit sich selbst vor grossen Verlusten zu schützen. Es 

edertSufer*. An die Schulordnung schlieasen »ich Kioder-, Tiscb- 

iBte u. B. w, an, die wohl such von Peter Walpol herrühren dQrftan. 

ne übrigen Schriften s. in den Geschichtsbtlchem, 8. 371. 

enda, S. 287. S. Ober Walpot und ErSl meinen .Anabaptisinus in 

vi', 8. 319. 

lilich noch viel mehr Schwenkfelder, wie man ans den Schriften de« 

aner Predigen Iwias Tribauor entnimmt. 

aimer VerhOrbuch Bub aigno XII, ■, 11, im itlnd. ArchiT bu Brflnn. 

ndel;, Oesch. der b«hm. Brflder 11, 341. 

* NKhere im folgenden Abichnitte. 



ihnen sehr gelegen, dass ein in religiösen Fragen so mild 
nder Monarcli wie Maximilian 11. auf dem Throne sasi 
im dui-Aen sie ein wcsentlicliea Entgegenkommen erw&rtei 
lern Dreiktinigstage des Jahres 15t>7, der in BrUnn tagt 
1 denn die Herren und Uittcr dem Künigo melden, w; 
der Mangl^l sei, der im ganzen Lande an Handwerker 
hneni und Dienetboton herrsche. Da sich nun unter de 
L-rtäufcm ausgezeichnete Arbeiter (wybomy dielnici) b 
n, so mügo er allei^ädigst gestatten, dass sie im Lant 
üben dürfen.' Maximilian H. erwiderte, dass schon se 
und dann er selbst sich mit dieser Frage beschüfti 
Er habe sie mit den Käthen in Erwügung gezogen. 2 
den Wünschen der Grundherren völlig entsprechend« 
gung Hess er sich nicht herbei, sondern bewilligte di 
ertäufcrn den Aufenthalt auf die Dauer eines Jahres, 
er Zeit sie sich dott zu machen in der Lage wären. D 
-G Aufenthalt wurde bei Todesstrafe untersagt. In ihr 
lerung wiesen die Stände dara 
:\i sei, die Wiedertäufer innei 
. i^ie fragen daher abermals an, 
rc GrUnde auch dann nicht 
I sie sich auch wenden? Sie wüi 
, ab das Land räumen. Der 
: die Sache neuerdings in Erv 
^cit antworten. Damit war di 
gt: ,Wir blieben,' sagen die ( 
I, unbeschwert.' 

Nun strömten die Taufgesinnten 
'olen, von wo sie im Septembi 
iiebenbilrgen, wo zu derselben 
rholt wurde/ und aus Tirol un 
Herd des Anabaptismus, die S 
sandte gleichfalls einzelne Fui 
indtags-Gedenkbuch im Landesarubiv 
ibenetzuDg; in der v. Beck'schen Samn 
tioB, Ann. Anab. ; Labenüas, Hi»t. pei 

as&. 

,lig U, 828—829. 

sr Anabaptismiu in Tirol, I. c. 816—2! 

de Pritz, Gescbichte der Stadt St«yer, 



175 

ie Stadt Steyer vor Aem Landeshsiiptmann, ,daHB unter 
imeineu Volk und Handwerkern hier zu titeyer Viele zu 
gewesen, die in ihrem Glauben ungleich, und bei etlichen 
auferische und dergleichen Irrthlimer erfahren werden'. 
n der Anrainung ihres Burgfrieds und also stracks an 
idt unter anderer Herrschaft finden sich die vornehm- 
idelsftUirer der wicdertäuferischea Sekt' dieses Orte, als 
uster am Dachsberg, desgleichen ein Bauer und Öchnei- 

nicht allein viel einfältige Leut' aus ihrer BUigerschaft, 
ich ans dem ungclelirten Hand wer ksvolk vertUhren, 
i dahior sich auch zu etlichenmalen des Jahres andere 
>ecten Anhänger gar aus dem Land Mähren her und 

mehr verhandeln und daselbst heimliche Conventikel 
inkelpr od igten, auch ihre besondere Tauf und Abend- 
Iten.' * 

olche Verbindungen hatten die mähnechen Wiedertäufer 
\it Salzburg, vornehmlich aber mit der Schweiz, von wo 
T Mitte der Siebzigerjahre eine zweite grosse Einwan- 

nach Mähren erfolgte. Am 15. September 1574 stand 
5 TUrgger (Törker) mit zwei Genossen vor den Verord- 
des Käthes zu Zürich und beantwortete die Frage, ,aus 
frund sie sich in dies Land verfUgt und daselbst ge- 
t'. E>r stamme aus der Gegend von Frankfurt, wohne 
n Mähren. ,Nachdem verschienenen Jahres viel Volks 
iT Eidgenossenschaft zu ihnen gezogen und sie jctzund 
"g' getragen, dass auch das gegenwärtige- und klintUgo 
riel zu ihnen ziehen würden, hätten ihre BrUder ^r gut 
iben, Etliche zu verordnen, die in die Schweiz wandern 
ie, so weiter zu ihnen ziehen wollen, unterrichten, was 
auben, Thun und Lassen sei, damit sie dessen ein Wissen 

1 und zu ihnen nicht also unbedacht kämen. Und da wäre 
it den zwei Brüdern heraufgeschickt worden.' Sein Ge- 
Hieronymus Falk war vor drei Jahren auf Geheiss seines 
'S nach Mähren gezogen, der dritte ist der durch seine 
gkeit als Sendbote der Wiedertäufer im Bregenzcrwalde 
ante Melchior Platzer aus dem Etschland.* ,Wiewohl mit 
i AUen viel disputiit wurde, sind sie doch Alle steif auf 

äntwiri im Archiv der Stadt Steyer. 

<. QW ihn meinen ,AiULb»ptümiu io Tirol', 8. 283. 



177 



seine im Züricher Gebiete ausstehenden Gelder einzuziehen.^ 
Jakob von Loupen hielt sich nun zu Selowitz auf. Am 17. Juni 
1577 wurde Müller aus der Grafschaft Baden verklagt; dass er 
wiedertäuferische Predigten halte und die Leute zum Abzug 
nach Mähren verlocke. Auf das hin wurde zwei Monate später 
von den Zürichern entschieden, dass man solche Leute abziehen 
lassen, ihnen jedoch die Wiederkehr verbieten möge.* 

Am 3. Juli 1579 schreibt Hans Mayer aus Lettowitz in 
Mähren an seinen Bruder Wolf und seine Schwester Regele, 
sie mögen fromm werden und den Bruder, der zu ihnen kom- 
men werde, gut aufnehmen. ' Die Zuzüge nach Mähren nahmen 
ihren ungestörten Fortgang: seit 1579 zogen die Taufgesinnten 
aus Appenzell immer zahlreicher dahin ^ und setzten auch ihre 
Gesinnungsgenossen im Bregenzerwalde in Bewegung. Im Jahre 
1580 erliessen die Züricher ein neuerhches Verbot der Ver- 
sanmüungen und Predigten der Wiedertäufer: man wolle sie 
im Lande schlechtweg nicht dulden. Daher soll man nach 
ihnen greifen, damit sie laut unseren Satzungen gestraft wer- 
den.^ Das Jahr darauf wurden die alten Bestimmungen gegen 
sie wiederholt. Nichtsdestoweniger zogen noch im Herbste 
mehrere Familien aus Bremgarten, Ober- und Niederbergken, 
Oberwyl, Rudisteten, Wyningen und Grüningen dahin. 1584 
wurden die auswandernden Wiedertäufer in Appenzell des 
Landrechtes verlustig und unftlhig erklärt, etwas zu erben; im 
folgenden Jahre wurden zu Aarau, Zürich und Bern Erlässe zur 
Abstellung der wiedertäuferischen Secte publicirt; immer wird 
die Verbindung mit Mähren aufrecht erhalten. Von der leb- 
haften Correspondenz der Taufgesinnten in beiden Ländern 
liegen einige Belege vor. * Auf der Tagsatzung, die am 28. Juni 
1585 zu Aarau tagte, wurde ,Ein Bedenken' vorgelegt, ,durch 
was Mittel der TöuflFerey möge gewehrt auch wie die Töuffer 
und sunderlich die Redlifiierer under ihnen söllind gestrafft 

' Züricher Staatsarchiv, Beligionssachen I, ddo. 13. April 1577. 

' Ottius, p. 164. 

' Züricher Staatsarchiv. 

* Der Anabaptismus in Tirol, a. a. O. S. 220. 

* Ottins, p. 169. 

^ Ausser den oben im Texte genannten Stücken liegen mir noch Schrift- 
stücke vom 29. October 1681, 25. August 1584 und ein ,Christlich-ein- 
nUtiger Brief (Druck) von 1683 vor, die alle die Beziehungen der mäh- 
rischen und schweizerischen Wiedertäufer bestätigen. 
IrchJT. LXXXI. Bd. I. Hilft«. 12 



179 

n u. s. w. der Brtlder zu Echätzen und von je 1000 Gulden 
h 10 Oulden za verlangen, die halbjährig gezahlt wer- 
H>llten.' Die Orundherren sollten die Gelder einbeben und 
iren. Die Schätzungen sollten von den Ortsgerichten ver- 
werdon. 

Im Jahre 1575 wurde auf dem Landtage zu BrUnn, der 
Vochen nach Elspet' tagte, gekUgt, dasa die Wiedertäufer 
tVohnsitze mit Brauhäusern ausstatten, wo sie nicht wenig 
brauen, was gegeu die Landesordnung sei. Eb wurde 
daher das Brauen von Bier in den von ihnen errichteten 
em und das Aufkaufen des Getreides untersagt. Zugleich 
D beschlossen, dass eine jede Person von ihnen, so Über 
ihre alt ist, 4 weisse Groschen steuere.* 1576 wurde zu 
tz befohlen, dass sie 5 Groschen Kopfsteuer zahlen.^ Vier 
: später wurden zur Sicherang der Ruhe im Lande 2500 Leute 
stellt, wozu die Stande die entsprechenden Steuern be- 
ten: eine jede Person in den Haushaben, so über 18 Jahre 
DQusste 4 weisse Groschen zahlen.* Ebenso wurde 1582 
jeder Person, so 30 Jahre alt ist, der Betrag von 2 weis- 
iroschen gefordert und der Aufkauf von Getreide in den 
:m ausserhalb der Markttage untersagt.' In den sonstigen 
gkeiten wurden sie den übrigen Unterthanen gleich ge- 
il.* Für die Steuern kam die ,Gemein8chaft' als solche 
sie war auch durch ihre Organisation leichter im Stande, 
;eijahre, wie das von 1569, zu Hberdauem.^ Eine fort- 
Bte Aufimerksamkeit wurde den einzelnen Handwerken zü- 
ndet, von denen das Schmiedehandwerk, die Tuchmacherei 
VlUllerei einen immer grösseren Aufschwung nahmen. Schon 
klagten die Handwerker anderer Confessionen über den 
iichon Wettbewerb mit den Gewerben der Wiedertäufer, 
a den sie nicht aufzukommen vermochten, und der ihnen 
bnltcher Weise wie den Juden grosse Miesgunst eintrug. 



■andee-PamatkeiibttcheT, p. 333. 

'araitkenbUcher und GeschichtabQcher der WiedertXufer, S. SGT. 
lontag nach Philipp nad Jacobi (6. Mai). PnmatkeiibUclier 127. 
•Andtigs-Pamatkeabtlcber. 
luchichtabacher, S. 282. 
Ebenda, 8. 323. 

lob» Hia V..rbDl.rnn«.. A\^ duiali getToffeii wurden, a. den 8. Theil. 
12» 



181 



Aus Alzey sandte Leonhard Dax seine Briefe an die - 
"'ide,* aus Salzburg Veit Grünberger,* aus Schärding 
linder,* aus Wien Marx und Bernhart Klampferer,* aus 
aberg Matthes Binder, Paul Präl' und Paul Qlock/ aus 
dz Hans Arbeiter,^ aus Salzburg Hans Zuckenhammer 
i Vorarlberg Melchior Platzer.* Einzelne Sendboten sind 
1 Zusendungen unermüdlich: die Berichte Paul Qlock's 
:n einen Zeitraum von 13 Jahren und sind entweder an 
eheliche Schwester' Else oder an Leonhard Sailer, Peter 
lot oder an die ,Qeschwistrigeten' überhaupt gerichtet, alle 
TOn Erinnerungen an die mährische Heimat der Kinder 
■s und an einzelne Taufgesinnte in den verschiedenen Haua- 
Q Mährens." Das kecke Auftreten der mährischen Send- 
I im Wttrtembei^er Lande veranlasste die Stuttgarter, ein 
hrliches Gutachten Über die Wiedertäufer und ihre Lehren 
den verordneten Käthen' zu verlangen.^" Mit Schärfe soll 
gegen die , Vorsteher* einschreiten: ,Wiewolil nun die 
isconstitutionen,' heisst es daselbst, ,nnd die Mandate von 
und 1551 verordnen, dass sie an Leib und Leben ge- 
werden sollen, 60 mSgen sie's, weil es in diesem FUrsten- 
btsher nicht üblich gewesen, ihnen ob der ,wiedertäufe- 
en Irrthllmer' allein das Leben zu nehmen, weil damit 
die Hoffnung auf Besserung hinfällt und mit dem Leib 
die Seele ins Verderben kommt, am Leben erhalten und 
iCerkerhaft gestraft werden/ 






C'i-, 



'. Beck (GMu-hicIibibncber, S. i 



inden aith in der v. Bpck'schen Satnmlunfr' 



183 



Der Zuzug seitens der Schweizer und Vorarlberger Gesin- 
nungsgenossen hielt in ungeschwächter Weise an. Am 13. August 
richtet W. Eöler aus GK)ttmading einen Brief an Michael Feld- 
thaler in Nikolsburg, einen Freund des bekannten Arztes G^org 
Zobel^ desselben^ der 1599 nach Prag an des Kaisers Hof ge- 
rufen wurde^ um ,der Infection^ so derselbigen Zeit heftig in 
Böhmen regieret'^ beizukommen. Man ho£Fte, ^dass er fbr die- 
selbige Krankheit in des Elaisers Burg werde Rath schaffen 
können^. ^ Der Brief gewährt Aufschlüsse über die andauernde 
Bewegung unter den schweizerischen TaufgesinnteU; ,yon denen 
man itzund viel unserthalben um Geld gestrafft hat^ die uns 
geherbringety essen oder trinken geben haben, auch die so bei 
der Predigt gewesen sind. Da war' ich den Zürichern schier 
in die Kluppen kummen, denn ein MeiF von Zürich, da hab' 
ich das Völkl, das kummen ist, besucht, ihnen eine Zeit be- 
stimmt, wann sie sollen auf sein.' Dieses ,Völkl' wurde wie 
viele andere zur ,Gemeinde' geschickt. Er selbst ,will sich mit 
seinem Bruder wieder zu der Gemein richten. Der Herr wolle 
ans mit Freuden heim helfend' 

Tags darauf schreibt er an Braidl ,zu der Neumüll' selbst: 
Er habe das ,Völkl' bei Ulm abgefertigt: ,es ist wol ein ziem- 
lich freches Gesindel, aber sie haben sich wol erpoten'. ,Unter 
ihnen befindet sich Einer, der vor zwei Jahren zu Schadewitz 
abgefallen und nun Busse thun will.' Auch eine Witwe Barbl, 
die vor acht Jahren zu Brotzka ,wegkommen', begehrt von 
Herzen Buss' zu thim.' 

Nicht weniger als im Jahre 1585 kamen 1586 nach Mäh- 
ren:* ,In disem 1586 ist vil volks aus dem Schweizerlandt zue der 
gemein zogen.' Erhard redet von 1600 Personen, die aus dem 
Oberlande nach Mähren gekommen seien. ^ Noch im Jahre 1598 
klagt der Magistrat von Zürich: Durch Messer und ähnliche 
kleine Geschenke locken sie das Volk an sich.^ Drei Jahre 



^ Geschichtsbücher, S. 329. 

' Orig^inal in der v. BecVschen Sammlnng. 

' Desgleichen. 

* Geschichtsbücher, S. 295, 296. 

^ ,£& ist nit ein kleines, dass sie anno 1687 (sie) von Ostern bis auf 
Michaelis 1600 Personen . . . von Tentsch- und Oberländischen Land- 
Tolk in Biärhem gebracht* Gründliche, knrzverfasste Historia, S. 41 b. 
Dasselbe in Fischer, 54 Ursachen, S. 82. 

* OtUus, S. 191. 






ii 



185 

ihee vOQ Christoph Erbard dem biederen Nadlermeister in 
B'eder dictirt and MsDcheB behauptet worden, was der 
rheit nicht gaaz entspricht. Glauben mag man ihm, dass 
e Heiligkeit des Lebens, die er unter den Wiedertäufern 
rtete, nisht gefunden hat^ und daes auch hier Neid, Hass 
kleinliche Klatschsucht ihren Boden gefunden hatten. Den 
lertänfem mochte es recht beschwerlich sein, dass diese 
e an die grosse Glocke gehängt wurden. Eine Widerlegung 
Den sie nicht versucht zu haben. 

Im Uebhgen ziehen katholische Schriftsteller ihre Gegner, 
mter diesen gerade die hervorragendsten, wie Claus Braidl, 
; Zobel u. A., mancher Vergehen gegen die Sittlichkeit, 
Jmgehens des Mauthgefälles u. dergl., wobei sich nicht 
r ersehen lässt, ob die von ihnen erhobenen Anklagen 
htfertigt sind oder nicht. Einige von jenen Klagepunkten, 
Christoph Andreas Fischer gegen die Wiedertäufer vor- 
t, wurden von Claus Braidl sofort in Abrede gestellt.' 
Auch sonst lagen manche Dinge für die Wiedertäufer 

mehr so gtknstig als in den früheren Jahren. Von den 
lion des Herrenstandes, denen sie ihre mehr oder minder 
berte Stellung im Lande verdankten, zog sich eine und 
indere von ihnen zurilck, und bald setzte der Kampf 
1 sie gerade an jenem Punkte ein, wo sie ihre ersten 
en Erfolge errungen hatten — in Nikolsburg. Dies war 
irste Bollwerk, da8 sie zu räumen genöthigt waren. Hier 
a sich die Verhältnisse seit dem letzten Viertel des 16. Jahr- 
erte durchaus zu ihren Ungunsten verschoben. Leonhard's 

Christoph (IV.) von Liechtenstein war es, durch dessen 
;hulden die bedeutendste Besitzung des Hauses fUr dieses 
mmer verloren ging. Seine Verschwendung nöthigte ihn 
, die Herrschaft Nikolsburg an einen reichen Ungarn, 
ilaos von Keretschin (Kereczeny), um 60.000 böhmische 
iT zu verkaufen. Dessen Sohn Christoph starb 1573 ohne 
D. Nun fiel Nikolsbui^ an die Krone, und MasimiUan II. 
iufte es 1576 an Adam von Dietrichstein, jedoch mit Aus- 
le ,des vierten Tbeiles in der Stadt Nikolsburg sammt den 
rthanen in den Vorstädten, so zur Herrschaft Eisgrub gehörig 



im Biaselaan anzufUhreo, mScbte zn weit 
rrsachen' sind voll davon. 



186 

gewesen, und die der Kaiser das Jahr zuvor an Harttnann •r 
Liechtenstein verkauft hatte'.* Adam von Dietrichstein, derVat 
des späteren Fürsten und Cardin&ls Franz von Dietricbstein, l 
trachtete es als seine vornehmste Aufgabe, ,aUe Ketzer auf s 
ner HerrBchaft auBzurotten'. Die Anfluge davon waren schii 
genug. Noch konnte der erste Prediger der Stadt den neu 
Herrn in SfiTentlicher Predigt schmähen und ihn und den Kaie 
Knechte des Antichrist nennen. Dieser Prediger dilrAe übrige 
eher der Brüdergemeinde als den Taufgesinnten zugehört li&bt 
Adam von Dietrichstein ghiubte, dass die Bekehrung dieser lei( 
ter erfolgen würde, wenn der Oenuss des Kelches freigegeb 
würde, und wechselte hierüber mit dem Bischof Lambert v 
Neustadt viele Briefe.^ Man konnte indess in dieser Sache in Bt 
keinen Erfolg erzielen. Da berief er den Jesuiten Michael G 
daneua aus Wien, der sich schon vordem um die Bekehrung i 
Ketzer viele Verdienste erworben hatte. Ueber dessen That 
keit und Erfolge liegen einige Briefe vor,' Schon am 9. J 
1579 konnte er seinem Herrn melden: ,Wiewohl man viel v 
Nikolsbnrg sagt, dass nicht ein einziger Hausgesessener do 
sich weggezogen als nur ein einziger Baier, den der Lu 
marschall von Oesterreich der Religion halber von da vertr 
ben, so ist doch der alte Secter und Sabbather, die billig t 
einem halben Jahre hatten wandern sollen, noch da. Man ka 
sie nicht wegbringen: so sind sie in ihr Nikolsbuig verliel: 
,Die sancti Udalrici haben wir zu Voiteisbrunn (einem zi 
sehen Nikolsbuix und Feldsbere gelesrenen und zu Nikolsba 
gehörigen <^rt( 
allda haben sie 
versöhnt, gebe 
ganze Dorf wi« 
tänferische Per 
den können a 
und Eisgrub ^ 
Die gut«n Lei 
ihrem Gewisse 




187 

en Air diesen heiligeo Glauben Leib und Leben lassen, 
ö. Juli habe ich dann zu Pnlgram (auch einem Haupt- 
der Wiedertäufer) meine erste Predigt gethan. Das Kirch- 
war gesteckt voll." Am 16. Juli 15S2 meldet er, mit 
lier Pracht heuer das Featum corporis Christi in Nikolsburg 
Unterwistemitz abgehalten wurde. Er fügt eine Klage 
den OlmUtzer Bischof und dessen Gesinde an, die , nicht 
1 am Samstag, sondern oft auch am Freitag Fleisch ge- 
in haben'. Einer BUrgersfrau, die bei Lebzeiten gesagt 
, ,sio brauche unser geweihtes Erdreich nit', verweigerte 
in chrietliclies Begräbniss. Ein anwesender schlesischer 
mann begleitete die Leiche, die in dem Garten der Yor- 
euen, neben ihrer Mutter, begraben wurde. ^ Die Gesin- 
en und Wtlnsche des Cardaneus fanden noch keinen all- 
nnen Beifall: ,Der Hauptmann und seine Oattin (eine 
schfresaerin') wollen, dass der Lorenz draussen (zu Wister- 
am Galgen hinge und alle Jesuiten dazu;" er klagt, dass 
T Hauptmann es mit den BrUdem halte. Am 21. Dccember 
et er, die Rorate werde ,hier und zu Wisternitz tAglich 
Iten, dazu das Volk an beiden Orten flebeig komme'. Der 
rer zu Wisternitz habe vor einigen Wochen einen Bruder 
hlagen, darob die Wiedertäufer ein grosses Geschrei er- 
n. .Darauf er mich herein berichtet, der Bruder hab's an 
1 „dutzet" (--= gedutzt) und also ange- 
Du aus und ein? und ihm dazu den 
stellt). Zu welchem er gesagt, was er 
)i, duzet man doch auch unsem Gott 
>' er sich über ihn ergrimmt und ihn 
n aber der Bruder genugsam Ursach 
r zu Wisternitz zu beweisen, so dabei 

kann nicht wohl entschuldigt werden: 
für die Priester, so das heil. Sacra- 
tragen, thun ohn' Scheu keine Reve- 
1 einen einlegen lassen, der mich ohne 
ennete und duzete. Der andere sagte 
in Gesellen einer, darvon der Prophet 



Sehmibeo vom S9. October 1ÖT9. 
Ebenda. October IMä. 



ias schreibt: Welche do laufen 
;en und niemand hat's ihnen 
tnen. Hette Ew. Ctnaden viel da' 

Die Erfolge des Cardaneos in di 
erregten grosses Aufsehen. Wii 
wiederholt auf den schwierigst 
r den EurfUrsten fUr die kath 
, in Baiem, wo er zu Regensl 
l^'ort ftihrte, endlich in Steiennai 
»erief, und wo er ,niit Gefahr sein' 
erwaltete. In Graz ist er am 1. 
Nicht weniger erfolgreich war ( 
rd's, den Adam von Dietricbstein 
ach Nikolsburg berief, wo er in 
thätig war. Mit den Wiedertä 
, der wohl niemals freundlicher A 
inzelnen seiner Gegner gelegent 
schrieb er eine Schrift voll argi 
srtäufer. Weil die Herrschaft Nil 
unter den Domen, d. h. unter 
ranem bereits von vielen katholiE 
}}esicht gerissen, auch die schlä 
lurch Wenzeslaus Sturm widerle 
Üesen Schwärm durch tägliche 14 
n gelernt, ein Werklein verfaest, 
,TUck und StUck' ans TagesL 
einer so umfassenden, vielseitig 
Itnissmäseig knrzer Zeit die Bewo 
ten WiedertÄuferorte Voitelsbrun 
Jnterwistemitz u. A. katholisch — 
Gregor XIII. gewährte am 4. 1 
likolsburg mit Ausnahme der J 

anetHB Voi^, ■. r. O,, ÄnluiQg, 8. t 
imker, Nacliricht von der UnterdrUckm 
hre anf dar Hormchaft Nikolsbui^. Leu 
Undlicbe und karzverfasste IliHtoria voi 
. durch Cbriatopben Erhard, Theologt 
laft Tirol voa Hall ^boreo. Qedmckl ic 



189 

Abiaas und belobte Dietrichstein fUr seine ersprieasliche 
samkeit. Dies that auch der £rzherzog Kar] von Ocster- 
, und der Herzog Wilhelm von Baiern bezeugte seine 
le durch einen Brief, den er 1584 den Nikolsburgem 
ib, , darin er sie zur heileamen Rückkehr in den Schooss 
ürcbe beglückwünscht und zu standhafter Beharrlichkeit 
int'.^ Namentlich rieth er ihnen die Auirichtung einer 
;rschaft Corporis Christi an. Dietrichstein wollte lieber die 
den unbesetzt als mit solchen Geistlichen versehen wissen, 
irer Pflicht nicht durchaus genügten, und schon 1586 er- 
: er, Keiner kOnne sein Untertban sein, der nicht eines 
lens mit ihm sei. 

Die Fortschritte des Katholicismus beleuchtet Christoph 
-d in seinem Buche: ,CatholiBche Brieff und Sendtschrei- 
daritmcn vermeldet, wie es ein Beschaffenheit umb das 
ionswesen in der Herrschaft Nicolspurg in Märhern.' * In 
iVidmung Ittsst Erhard den Unterschied zwischen Einst 
letzt scharf heraustreten. ,Ganz Nicolsburg,' sagt er, ,hat 
tsBcD von wegen gottloser, verdammter, verbannter Sect 

bösen Namen bei dem ganzen heiligen römischen Keich 
amen, dessen noch bis dato viel unschuldige katholische 
ßQ entgelten müssen, dass ihnen nit allein ihre Qüter und 
haft abgeschlagen worden, sondern oft einer in Leibes- 
i^ebensgefabr kommen, allein des Ai^ments wegen: Er 
iD Nikolsburg, ergo ist er ein Wiedertäufer. So (nun) 
das contrarium kann vermeldet werden: Er ist von Nikols- 

ergo ist er ein römischer, katholischer und jesuitischer 
:. Demnach zu sonderlichen Schützung und Rettung, dass 
nit also, sondern dass die Nikolsburger rechte katholische 
^babstische" Christen, ist anch dies Schreiben von mir in 
£ verfertigt worden.* 

Erhard rühmt an Maximilian von Dietrichstoin, ,da8B er 
öllen das wolgeborne Fräulein Helena Kbrusytzin zu einer 
au haben, ob sie gleich noch hunderttausend werüi und 
ranze Grafschaft zu ihm brächte, che sie zuvor katholisch 
»'. Er lobt Maximilians Bruder Sigismund, dass er sich 

L Voi^ Leben Franx t'ilratea und Cardinab von Dietrichstein, 8. 131 



Olmützer Jesuiten- Societät d< 
ch von ihm etwas Grosees veri 
rotz der umfassenden Thfttig] 
len Behörden zur Ausrottung < 
kobburg scheinen immer nocl 
t zurückgeblieben zu sein. En 
tschichtebUcher, dass die BrUde 

und Voitclsbrunn, da sie Über 
eben aus Pulgram haben abzi< 
ind von Dietrichstein habe sie 
3n nach Wostitz und Sabatisi 
'ird noch ein Binder Thoman ! 

der 2u Freiburg im Baiertan 
a des GUubena willen gemarte 
a in Nikolaburg selbst finden 
V^iedertäufer, die sich dort mit 

Sendschreiben' ist ein ,DUluguii t 
den bekehrten kathaliiK-hen Burgert 
rt des wolgabomen Herrn AdaraE von I 
den*. Hier treten die drei theologiacb 
Liebe, auf, dnnn der Tenfel, der V 
itbe heiiiBt dan Baron willkommen un 

Ivb bin der alt catholia 
Der hie viel iar ^ba 

Der kstzerisub glaub ai 
AUliie dorthaus regi* 



leb bin die alt catholis 
Die MarÜn Luther, d 

Den alten Christen dise 
AuB iren herzen gent 

Kirirbe bittet dann 



' Teufel klagt, dan er alldieweil so 
I der Jesuiteriache Hsnn hiehei^kar 



tthichtsbüuber, S. 306. 



191 

,ns TOD Dietrich Btein aufhielten und erst als sie auf Bein 
veres Bekehren' nicht willigen wollten, zum Wegzug auf- 
■dert wurden. Aber auch jetzt zögerte er noch, die ertrag- 
len ArbeitskrSRe zu entlassen. Die Geschichtabttcher mel- 
darüber: 

,In diesem 98 Jar, den 30 tag Juni hat Herr Maximilian 
Üictrichstcin,' Herr auf Nikolsburg, die Brueder auf seinen 
iden zu Nikolepurg und Tracht auggeboten: in 18 Wochen 
3 Tagen die Häuser zu räumen und abzuziehen. Ist aber 

zuletzt in sich seibor gangen, die Sach wieder dahin gc- 
let und kommen lassen (als man schon im wegf^ibren ge- 
n), dass man blieben und nit wegzogen ist.'^ 

Man entnimmt daraus, dass Maximilian von Dictricbstein 

des grossen Lobes, das ihm Erhard spendet, Über die 
lertäufer und ihren Werth (,seine besten Unter thanen') 
rs dachte als Adam von Dietrichstein. 

Wenn man zu alledem noch erfährt, dass das Bruderhaus 
Taufgesinnten in Mikolshurg fortbestand und selbst die 
ere Heimsuchung des Jahres 1619, wo es durch das Dam- 
e'sche Kriegsvolk ,hart geplündert und auch die Kranken 
Kindsbetterinnen beraubt wurden', überdauerte, dass sie noch 

ihre Schule daselbst hatten, ja ihr Schulmeister es wagen 
ite, eine Abhandlung wider das Papstthum abschreiben zu 
n, und dass der Cardinal Franz von Dietrichstein die Brfl- 
jrst 1622 von seinen GrUnden in Nikobburg verstiess, so kön- 
lie Erfolge des Cardaneus und Erhard's nicht so ausserordent- 
gewesen sein. Zu einer Bedeutung wie in den Zeiten Hub- 
r's vermochte Nikolsburg freilich nicht mehr zu gelangen.' 

Gleichzeitig erhob sich von einer anderen Seite ein Icb- 
sr Widerspruch gegen die Huterischen Brüder, der viel 
ger gegen deren Lehren, als vielmehr gegen die scharfe 
;urrenz gerichtet war, welche sie in ihren verschiedenen 
lOchster BlUthe stehenden Gewerben den übrigen Händ- 
lern und Händlern im Lande bereiteten. Man vernimmt 
Stimmen dieser Leute aus einem Liede jener Tage, das 
"le und Wendungen gebraucht, die wir von nun an in den 
ja selbst in offi- 



fer Volk cog nach 



193 



Das Brot thun sie abschneiden 

Dem armen, wol Tor dem Maul. 
Das macht: da^s man's thut leiden . 



Und vom Gelder 



Das gelt thun sie behalten^ 

Dasselb' verdampt sie nit . . . 

Von der Kleidung: 

Kein samet sie nit tragen, 

Aber das beste Tuch . . . 
Wol umb ein eilen (sie) geben 

Drei Taler one scheu, 
Einen guten Welsch daneben, 

Doppel Barohat dabei. 
Kein Ffaidt sie lassen krösen: 

Sie sprechen ,e8 sei sünd*, 
Führen ein geistlichs Wesen: 

So aber ein iarmarkt kombt, 
Die schönsten seiden kaufen, 

Damit man's in stept aus. 
Sie haben auch den Haufen, 

All iarmarkt sie auslauffen 
Das ganze iar durchaus. 

Solche Reden waren nicht ganz unbegründet; es ist ja 
begreiflich: von jenen Handwerkern, die ihre Geschäfte im 
Kleinen betrieben und von der Hand in den Mund lebten, 
konnte kein Einziger wider eine Gesellschaft aufkommen, 
welche die einzelnen Handwerke nach Art der Fabriken im 
Grossen betrieb, das Bohproduct in grosser Menge und darum 
&uch billig kaufte, wofern man es nicht gar in den eigenen 
Höfen erzeugte, und wo die Arbeitslöhne nicht mehr kosteten, 
als der einzelne Arbeiter für Nahrung und Kleidung brauchte. 

Die Schlagworte vom Aufkaufen des Getreides, davon, 
ciass sie den armen Handwerkern das Brot vor dem Maule 
wegschneiden, wurden ein beliebtes Agitationsmittel gegen die 
Wiedertäufer, und landständische imd landesftlrstliche Obrig- 
keiten sahen sich genöthigt, diesen Dingen auf den Grund zu 
kommen. Wir finden diese Schlagworte in den EIrlässen Beider 
zum Theile wortgetreu wieder. 






IrdÜT. LXXXI. Bd. I. Hilfle. 



13 



196 

:hte Hilfe. Es leachte daher ein, dase die Wiedertäufer 
so unvermöglich seien, wie sie sich selbst ausgeben.' 
Das auf solche Weise von den Behörden selbst ausge- 
le Stichwort, dass die Wiedertäufer ihren Nachbarn ,daa 
TOD dem Maule wegschneiden', nahmen ihre G^egner mit 
i^n auf und machten es zum Mittel- und Stutzpunkte ihrer 
en und leidenschaftlichen Angriffe, die auf nichts mehr 
weniger als auf die vollständige Verjagung der Wieder- 
' aus Mähren hinzielten. 

,In disem Jar (1600),' melden die Qeschtchtsbtlcher, ,i3t 
(tneeren Widersachern, gross Qeschrei angangen in Mär- 

wie sich die Brtteder Über die Maßen im Land hauffen 
mit ihrem Handwerk den Städten und Flecken nicht ge- 
a Schaden und Abbruch thun. Die Landherren haben 
alben beschlossen, uns die Aufrichtung neuer Haushaben 
atersagen, den örundberren aber auch fernerhin zu ge- 
a, sich der Arbeiten der Brüeder zu bedienen.' ' 
In Mähren, wo die Wiedertäufer an dem Adel einen 
9n Rtlckhalt besassen, hatte dies Qeschrei nicht die ge- 
übten Folgen, in Nieder Österreich wirkten die Oertlchte 
dem Reichthum und der ins Unerlaubte gehenden Con- 
nz der Wiedertäufer nachhaltiger und veranlassten das 
lat Kudolts n. vom 23. März 1601, darin befohlen wird,^ 

sich alle Widertauffer, es seyen Manns- oder Weibs- 
nen, bei Verliemng Leibs und Lebens, sammt den ihri- 
lenget innerhalb drey Monaten von Publiciemng dieses 
ralmandats aozuraiten gewisslichen aus dem ganzen Land 
. ob als under der Ens hinwegmacben und gänzUchen 
liesen beiden Ländern abziehen, auch hiniUro ausser son- 
' 1. f. Bewilligung tmd Erlaubnuss auf keinerlei Weise 

Weg weiter darein begeben, sich darinnen aufhalten 



iMchicbttbUcher, B, 331. 

edrnckt in Cbristoph Aadreu Fischer'B Antwort auf die Widerlegung, 
" ~ " Inig oder Oberite etc. hat geUian, 

liehe Unacheu, wuumb die Wider- 
', S. 20-26. Die anderen Drucke 
33. Id der Einleitung nimmt das 
inands I. vom 6. Mai lfi48 gegen 
Ttlnfer Id Ober- nnd Niedertster- 



18« 



en lassen." Alle, die solche Wiedertäufer infp 
iben sie bei Strafe von 500 Ducalea in Gold z 
od auezuschafFen'. Keinem von ihnen soll f^ei 
^, Speise oder Trank, ,UDlerBchleif oder Untei 
lioten werden. ,Auch sind in ganz Oesterreich i 
[ Märkten Prophosen gesetzt oder geordnet wordei 
en Bruder antreffen, der nicht Befehl oder gul 
von der Obrigkeit hat, den sollen sie gefilDglic 

Vichtigkeit ist, was von den BeweggrOnden gesa; 
u diesem Erlasse gefllhrt haben: ,Fast allen Haa 
leh hantirendei 
nem, entziehen 
il und Besuch 
hnen das Brot 
WS dem gemein 
I mit ihnen fta 
.um andern verf 
aufkommen, so 
in hängig ist' I 
ihren in den S 
derfinden. 
Mandat,' sagen 
j (erlassoD), wäl 
ircht und Schre 
ad ziehen lassei 
ürste, der sich 
Ignete und gest 
Austreibung d 
I Feldsberg in '. 
Is er, so schrei 
lates, nach dem 
ieses gottlose ( 
sten verfuhrt, i 
[aulc wegschn 
irch mllndlichei 
ade ober sie zi 



muu, t. Theil, 5. ( 
ibQcber, S. 3». 



197 

orden, und oun sei er in der Lage, ,von der Wiedertäufer 
iuchtem Ursprung' und ihrer gottlosen Lehre zu schreiben 

die Frage zu beantworten, ob sie im Lande zu ddden 
1 oder nicht. So entstand diese Hetzschrift Fischer's, die 

Taufgesinnten in Mähren viele Sorge machte.' ,Wie ein- 
i Hubuuiier seine Tractate den Herren Leonhard und Hans 

Liechtenstein gewidmet,' also hab' ich,' sagt Fischer in 
Widmung an Karl von Liechtenstein, ,dieBe meine geringe 
eit in Ibrer Gnaden Namen ausgehen lassen, weil sie wie 
rechter Liechtenstein leuchtet, als die sich jetzt zu dem 
ten allgemeinen katholischen Glauben hat begeben . . .' 

Buch enthält zwei seinem Umfange nach sehr ungleiche 
ile: der erete handelt vom Ursprung der Wiedertäufer, Über 
Fischer freilich nichta Rechtes weiss, ihren Lehren und an- 
ichen Lastern, ihren zahlreichen Seelen und irrigen Artikeln, 
ar im Enzelnen bespricht und bekämpft. Im zweiten Theile 
len alle Obrigkeiten ermahnt, sie auszutilgen. 

Da sich in der Schrift Fischer's zahlreiche Anzüglich- 
en gegen die Taufgrainnten in der Umgebung von Fetds- 
: und Nikolsbui^ fanden, ihnen viele Verbrechen zur Last 
^ wurden und sie also ftirchten mussten, dass die Landes- 
en in Mähren hiedurch gegen sie eingenommen werden 
Uten, so griff Claus Braidl zur Feder, um die Angriffe 
her's zurückzuweisen. Die Schrift Braidl's fUhrt den Titel: ^ 

Widerleg und warhafte Verantwortung der allergrausame- 

I abschewlichsten | und unverschamisten Gottslesterung | 
nach I und gantz unwarhalftigen Beschuldigungen so | Chri- 

Audreas Fischer Pfarrherr zu Veldtsperg | etc. theils auU 
em bOsen Hertzen über uns Brtider erdacht: Anderstheils | 

andere Gottlose verkehrte und irrige Vulcker (die nie mit 

in einem gleichen Glauben gestanden | auch unsere BrUder* 



Ihr (rensueT Titel Uatel: ,Voii der Wiedertauffer | TerflnchteD Unpmng, 
gottloHon I Lehre, und derselben ^rdodlicbe Widerle^ng. | N&ch welcher 
^rr*^ wird! I Ob die WiedertaaSer im Landt in lef-|deii teiaA oder 
nicht? I Durch | Chriitophonini Andream Fischemm der Heili-|^n Schrift 
Doctorem Pfarrherro sn Veldtaperg^. 1609. Cam licentia illoitriiwinii Card. 
d. Dietrichatein etc. epia. Olomacen^, etc. Gedruckt in Bmck ao der 

ier*, S. 137. 
Widerlegung. A. 111. 



199 

Ort und Platz TersUttet, wie unzählig viel einfältiger Lenth 
durch Bie verführet and zu ihrer verdammten Secten mit fäl- 
Bchen gleiBsnerischen Schein Oberredt werden. Und da gleich 
kein Seelengefahr zu fUrchten wäre, so soll doch allein das ea 
Herzen genommen werden, dass die Wiedertäufer in politischen 
Sachen einem ganzen Land nachtheilig sind, indem sie den 
Landesinwohnem, Handwerkern, auch hantierenden christlichen 
BUrgcrschaiten ' ihren Oewinn und Nahrung mit sonderm listi- 
gen Vorteil und Besuch entziehen etc. , . .' 

CUaoa Braidl setzte die Fehde nicht mehr fort. Fischer 
aber arbeitete eine neue Schrift ans, widmete sie mit einer 
Zuschrift vom 1. September 1605 dem hoch- and wohlgebore- 
neu Herrn Maximilian von Dietrichstein und liess sie 1607 
unter einem nicht sehr reinlichen Titel in Ingolstadt erschei- 
nen.* Die Obrigkeiten mOgen, lehrt er, sich des Kaisers Tbeo- 
dosins Beispiel vor Äugen halten, die Schriften der Wieder- 
täufer prüfen, ond falls sie mit der heil. Väter Meinung nicht 
übereinstimmen, die Wiedertäufer sammt ihrem Schwann ver^ 
werfen and verjagen. Die letzte Schrift Fiecher's ftlhrt schon 
einen aufreizenden Titel: ,VienmdfUnfzig eriieblicbe Ursachen, 
vanimb die Widertauffer nicht sein im Land za leyden,' * und 
das verständliche Motto: ,Den Zaaberer sollst du nicht lassen 
leben.' Noch aufreizender ist der Scbluss: .Schlafet nicht mehr, 
liebe Mährer, thut Herzen nnd Äugen auf, seht zu, wie sie 
Euch vertilgen wollen. Laset nicht zu, dass diese Fremden, der 
Abschaum der Erde, Eure QUter rauben und besitzen. Gebt 
nicht länger zu, dass sie Euch das ganze Land verschlagen, 
Euch als Obrigkeiten verachten, Euch die Regalien abstehlen 
und Euch ftir Heiden und Ungläubige halten. Laset sehen, 
dass Ihr Euer Btreitbares Herz zur Erhaltung von Land und 

' Worts des Decrets von 1601. 

' Der Hatterischen Widertauffer Taubenkobel: in welchem all ilir Wüst | 

Uiit I Kott I und Unflat j da« ist | ihr fsliche \ itiiiheade | unflStige und 

BbKheoliehe Lehm | ... zu finden . . . auch dei groOen Tnuben des 

^kt: dorch Ch. A. Flacher. Gedrnckt 

ruckerei durch Andream An^nneyr. 

m Angenneyer. Anno 1607. Diese 
vorige, einen ,Taabetikobel', der ein 
abilden soll. Ueber den hisloriKchen 
n Theil der vorlu^nden Abhandlung. 



901 

ea, ob viel oder wenig, 
n, ingieichen von jeder 
ih drei Jahre zu steneni 
1 Landtag beredet, daaa 
BBsen, allein wenig con- 
ng, darin eine Küchel 

Haushaben), 8 Oulden 
;n; ist aber nicht dazu 

folgenden Jahre ^ von 
lilitärischen Bedürfnisse 
kss de von jedem Rade 
Rade gepachteter Muh- 
hause mit einer Küche 
rar den Wiedertttufem 
lerleistungen fllr Kriegs- 
verboten, und das war 
' von den Besitzungen 
nwegziehen als sich zu 

che Re^erung die Äh- 
ren ein grösseres Dar- 
luberischen lleberfalles, 
der Wiedertänferbischof 
lan der Thäter habhaft 
einige kaiserliche Rllthe 
aldorten zur NeumUll, 
lentliche PaarBchaft und 
lee die Tätter auskund- 
iffer überfallen haben'. 
Kriegswesen hohe be- 
Kammerweseo an Geld 
Ew. Kays. Maj. gehor- 
adeshauptmann in Mttr- 

in PamatkenbOcbem in der 

LandUge in BrUno. 
den GeHchicblablichern wird 



lÜ 



1696 w itfeda po Invocavit 



eilich, wie man dem bereits 
lek (vom 7. Februar 1597) 
Eiuben. Alle die &eigDiBse 
in der Meinung bestärken, 
im. Besitze grosser Schätze 
600 kam daher dem Qe- 
Viedertäufer entgegen, in- 
sr Steuer, die sie mit dem 
von jedem Hause, wo sie 
D jedem Bierbrau in ihren 
haben.' FUr 1601 wurde 
wieder auf 80 Qulden fest- 

Bit, ab der Lärm Über den 
Butesten vernehmbar war, 

sie schärfer als bisher zu 
innte. Am 2. Jänner 1601 
it der Frage beschäftigte, 

Mttbren zu bessern sein 
allgemeinen Landtag eine 
irüder unter dem Prätexte 
r ZOT Zahlung der inländi- 
ng der Herren Landsassen 
n Bttrgschaften gebrauchen 

stungen fanden die BehSr- 
die Wiedertäufer viel zn 
tillig, ,daBS sie sich besser 
udolf n. am 28. Juli 1604 
Karl von Liechtenstein auf, 
g;ung einer grösseren Baar- 
izahl von Ross und Wagen 
erklärte am 30. August, er 
, etwas zu erhalten, gleich- 
rtäufer vorgefordert; diese 
'e, mehr zu leisten.* 



L CommiBMrieD, Knrier BerichL 
SS. Kau eriXhrt darana, dua de 



206 



» 



i^ 



Die Landherren kannten die Noth der Taufgesinnten 
besser. Als der Kaiser durch seine Commissäre im Landtage 
von 1605 begehrte^ dass sie ausser ihren sonstigen Leistungen 
noch von einer jeden über 10 Jahre alten Person in ihren 
Haushaben Vs Thaler zahlen sollen, wurde dies von den Land- 
herren abgelehnt.^ Aber schon 1607 mussten sie sich be- 
quemen, ,fiir das kommende Jahr von jeder Küchel 20 Gul- 
den, von jedem Mühlrad T^g Groschen, von jedem Eimer in 
der Weinlese 1 Groschen, von jeder Mass gebrannten Wassers 
1 Groschen, von jedem Stein Wolle in der Schur 3 Groschen 
und von jedem Schock Garben in der Mahd V, Groschen zu 
zahlen. 

Der Krieg in Ungarn lastete mit unerträglicher Schwere 
auf der Gemeinde, deren Wohlstand in den Jahren 1596 bis 
1608 einen argen Stoss erlitt. Ihre Haushaben wurden von 
durchziehenden Kriegsschaaren oder den Feinden arg mit- 
genommen; innerhalb der genannten Zeit verging kaum ein 
Jahr, wo nicht die Plünderung oder gänzliche Vernichtung 
eines oder mehrerer ihrer Häuser zu beklagen gewesen wäre. 
Ihre Jahrbücher bringen ausführliche Nachrichten über die 
schweren Leiden, die sie in jenen kummervollen Zeiten durch- 
zumachen hatten.* Erst 1609 konnte die Gemeinde aufathmen: 
,ünd dieweil man nun vorhin vil Jar, in denen die gemain vil 
^alt, uberdrang, unbill und grosse beschwernuß erdulden 
mtlessen, beschrieben und verzaichnet hat, so will sich auch 
gebühren und ist bilUch, dass man dises 1609 gueten frid- 
samen Jars, das gott sonderlich disem Land verliehen hat, 
auch soll gedenken und nit vergessen, indem wir dann eine 
feine stille ruhige Zeit gehabt und keinen sonderlichen scha- 
den erlitten, ausgenommen von den umbstreifenden Kriegs- 
leuten, die zu Oesterreich lagen, hin und wider in der gemain 
vier Ross geraubt wurden.^ 

Wie schlimm die Zeiten waren, welche die Wiedertäufer 
durchzukämpfen hatten, mag man daraus entnehmen, dass allein 
,während des erschröcklichen Aufruers anno 1605^ nicht weni- 



'•> 



\ 



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■ii_ 



■.i' 



* Qeachichtsbücher, S. 351. 

' Zorn Jahre 1696 S. 321, 1697 S. 826, 1598 8. 326, 1599 S. 329, 1600 

S. 331, 1601 8. 333, 1602 8. 384, 1604 8. 386, 1606 8. 887—349, 1606 

8. 363, 1607 8. 354, 1608 8. 366. 




206 

ger als 153 Wiedertäufer auB < 
St. Georgen, Protzga, Bittowit 
dorf, SväÜa, Lou£ka, Hulka 
Svatobofitz, Kreuz, Tvrdonifc 
Mädchenschule gefangen hinv 
bofitz, Bofctitz und Rakwitz 
Einzelne bis Constantinopel go 
als 84 Personen kamen dabei t 
dem Weib und Kind hinweg 
sich zu Anfang 1607 auf den ^ 
ibteu. Von der Reise schrieb 
die Aeltesten der Gemeinde, w 
und was er unter solchen ha 
sind (1607 und 1608) aus K 
fGriechisch -Weissenburg', Coi 
aus Ofen und (1610) Levär 
greifenden Einblick in die e 
Gefangenen, zumal der Mftdch' 
Die Zahl der Blutzeugen 
wird allmftlig eine kleinere, de 
nicht mehr Überall, und auch 
Fällen auf die Todesstrafe. O 
Melchior FUtzer, Andreas PUi 
reichenden Stoff zur Erbauung, 
lassen ee nicht, auf den Umst 
boten der Wiedertäufer nicht 
sondern mit Vorliebe die der 
suchen, was eich freilich leich 
Sendboten erklären lässL 



* Ueber die Verdieust«, die sich 
Gefangenen erwarb, i. die Oeecb 

* ,Die Oescbwietriget haben goaag 
hshen leiden mOnen, als wenn 
sich am Reiten verderbt, dtua 
viele davon gestorben sind. I 
■chnCden Geldes willen das Volk 

• Copie aus der Handgchrift Pöger 

• Ge«chicbtsbücfaer, S. 888 ff., woi 
In den Sendbriefen finden lioh 
VerblltniHe. 



207 



5. Capitel. 
Die Vertreibung der Wiedertanfer aus Mähren. 

Das Land, das die ersten Taufgesinnten nach Mähren 
gesandt faatte^ hielt seine Beziehungen zu den Wiedertäufern 
daselbst bis zu deren letztem Augenblicke aufrecht. Koch 
1611 wandern Täufer aus der Schweiz nach Mähren. Am 
30. December 1612 erliessen die Behörden von Zttrich ein 
scharfes Mandat^ g^g^n diese ^in schädlichen, erschrecklichen 
und handgreiflichen Irrthümem befindlichen' Leute , welche 
die Kinder verftüiren; so dass diese von den Eltern laufen 
oder die Eltern hinweg nach Mähren locken und so ^ie Kin- 
der um ihr Erbgut betrügen. Am 26. Jänner 1613 vernahm 
man neuerlich von Taufgesinnten, die in Mähren gewesen. Am 
20. April 1614 schreibt Madlena Knen ihren Schwestern gen 
Oberlangen im Züricher Gebiet: es gehe ihr und ihrem Jakob 
gar wohl. ,Wenn etwa Euer eins wäre, das Lust und Eifer 
hätte, zu uns her (nach Mähren) zu ziehen und kunnt sich 
also in die Forcht Gtottes schicken, so war es ihr gar von 
Herzen lieb.^ An demselben Tage meldet der Zimmermann 
Heinrich Thomann seinem Bruder Jäckl zu Wüpkingen bei 
Zttrich, dass es ihm und seinen zwei Kindern wohl gehe. 
)Weil mir Oott der Allmächtige durch seine Gnade zu einem 
frommen gottesftü*chtigen Volk geholfen hat, das sich von Her- 
zen der Treue, Wahrheit und BiUigkeit befleisset und nach 
dem Exempel und der Lehr' unsers lieben Herrn Jesu Christi 
lebt, desgleichen man ^eder bei Euch, noch in der ganzen 
weiten Welt nit finden kann, so gedenk' ich oft; an Euch und 
wünsche, dass Ihr auch bei uns wäret. Unserer Schwester 
geht es gnetig, auch ihrem Mann, dem Felix, sammt ihren 
sechs Kindern. Sind zu Schäckowitz, eine Meil' Wegs von 
mir, wohnhaft.^ 

Ebenso schreibt der Ziegelschläger Heini Kuen aus der 
Neomühl bei Eisgrub am 15. April an seinen Bruder Hans zu 



' S. Beilage Nr. 2. Dass aber auch der Zuzug aus anderen Ländern, 
namentlich Hessen, ein überaus starker war, s. in Hochhuth, Protestan- 
tische Sectengeschichte in Hessen, im XXX. Bd. der Zeitschrift f. bist. 
Theologie, S. 258 ff. 



bei Altdorf im Züricher Gebiet: ,'Wer um se 
eiles willeQ daher zeucht, den gereue es nimmer, 
da tausendmal besser firomm sein und Gott dienen 
n bei Euch, Die Brüder werden Euch Bolc 
Ich besser sagen als ich.' 

m 13. April desselben Jahres gibt Kanrad Debend< 
ms Jakob Bflrkli in Zürich Auskunft über seinen 
h, der bei den Brüdern war: ,Er ist weggez(^en, ' 
er todt sei oder lebendig.' 

lUb Maskowitz im Märhemland' lässt sich Madlena Hl 
iisram Bärbel Sieberio vernehmen: jene wünscht 
idten, das rechte Volk zu suchen, diese meldet, da 
, ihrem heben ,HuU' (Haus) wohl gehe, 
ridli Notz von Hönng, Jetzt zu Weselen im Meri 
; dem Vogt Lauby zu Hönng um Eincassirung von 
SS seine Verwandten zu ihm kommen mögen: ,1 
a Schatz vermöchten sie nit zusammenlegen, denn 
lins kommen.' 

lisahetb Schweizerin schreibt aus W&tzenobis an 
ialthasar nach Zürich: er möge sich nur nicht m 
e Kinder sorgen und bekümmern, denn es gehe : 
'obl. Jcb lass Dich auch wiseen, dass ich gen 
t Volk bin, begehr' nimmer hinaus, dieweU ich < 
Gnad' einen rechten Grund und Sicherheit hab', 
r rechte Weg der Wahrheit zum ewigen Lebei 
und Laster werden nicht geduldet, and was 
und irrigs davon sagt, das ist nicht wahr. 
wie Dir wohl bewust, bin ich von meinem Mani 
in. Möcht' gern wissen, wo er hinkommen ist. 
aa aber nehmen sich gar fleissig um mich und 
Binder an und lassen ans keinen Hangel leiden. I 
meine Bitt' an Dich, wtillist den Brüdern um id< 
wo Du kannst und weisst, alles guet beweisen. 

herzogen, hatt' ich wobi etwas mitnehmen köi 
r nit getbon. So wollt' ich nun gern, dass Du 
linen Kindern etwas zu einem Denkzeichen echic 
hreib', wie es m'* ^•" "f"*»* """i '"" Tl" '^ 1 



dem Züricher Staatsai 



Diese acht Briefe trugen Heioriob ,BU]er von BrUtisell' 
r Gra&chaft Kyburg und Jochem Arter von EbeoBchweil 
<r Herrschaft Knonau in die Schweiz. In dem Wellenberg 
gen und gefragt, weBhalb sie in dies Land gekommen, 

Jener: ,d&BB er bei zwölf Jahren mit Weib und Kindern 

Märhem gezogen und in dieser Zeit zum viertenmal all- 
:ekommen sei, vor vier Jahren in Erbscbaftssaclien nach 
n Vater. Er zeige an, dass er vom Hnsz (Haus) Weselen 
eli) sei und von der Bruderschaft daselbBt Befehl erhalten 
seine Freunde allhie umben heimzusuchen und ab er 

einige bewegen möchte, dieselben mit sich dahin zu fuh- 
so würde er es gethan haben. Mit ihm seien noch sechs 
ertäufer hiebeif;ekonimen, von denen etliche schon wieder 
tggezogen seien. Er habe, sich sechs Wochen aufgehalten 
(riefe mitgebracht, deren er noch etliche zu verfliegen habe'. 
In ähnlicher Weise sagt Jochem Arber, der schon seit 
lundzwanzig Jahren in Mähren weile, aus. Beide wollen, 

man sie entlasse, wieder dahinziehen. Das geschah. Sie 
en zuvor versprechen, nicht wiederzukehren, widrigenfalls 
nen als Meineid angerechnet und sie darnach gestraft 
Bn.' 

Mittlerweile hatten sich in dem ,gelobteD' Lande aller 
gesinnten deren Verhältnisse wesentlich geändert. Schon 
ihre 1611 ftlgte das Passauische Kriegevolk der Gemeinde 
L Schaden zu,* noch schlimmer worden die Zustände seit 
Ausbruche des grossen Krieges, als ,Qraf Tampierre mit 
I 1000 Mann ins tandt kam, diejenigen, so von im (dem 
tr) abgetreten, und nit widerkeren nnd gnad begeren, mit 
und Schwert heimzusuechen und im das land Märhem 
r unterthänig zu machen. Welche schreckliche straff und 
beuechung aber schier am meisten die Qemain des Herrn, 
loch an allem Handel ganz unschuldig war, bctraff*. 

Unmittelbar vor dem Ausbruche des Krieges fand sie ein 
mder Namens Zeiller noch in ziemlichem Wohlstand. Er 

rehiv. Die Abreise 
nf deu Brnder des 
e Scbweii herauf- 



im amfObrUch be> 
S. 361 ff. 



210 

berechnete ihre Zahl auf ungefkhr 70.000 J Aber die Tage 
nicht nur ihres Wohlbefindens^ sondern ihres Bleibens in Mäh- 
ren überhaupt waren gezählt. Ihre Geschichtsbücher sind voll 
von Kachrichten über die Unglücksfalle, welche die einzelnen 
Haushaben betrafen.^ ,Also ist die Gemain des Herrn ditz 
1619 Jar umb 12 seiner Haushaben, one das^ was zu Eobilitz 
und Dämerschitz abgebrunnen, darunter auch 6 Schuelen ge- 
wesen, komen. Welche 12 Haushaben die Tampierischen ganz 
in Grund verbrennt und verderbt haben. Desgleichen 17 Haoa- 
haben jamerUch verderbt und geplündert/* 

Die Haushaben, die der Feind verschonte, wurden mit einer 
neuen, um 50 Procent erhöhten Steuer belegt.^ In den folgen- 
den Jahren plünderten die polnischen Hilfstruppen des Kaisers 
und andere kaiserliche Eriegsvölker die noch verschonten Haas- 
haben. ^ ,Es war eine sehr traurige Zeit, dass man nit wusste, 
wo aus und wo ein, wie man sich verstecken oder verkriechen 
solle. Oft ist gesagt worden, wenn man nur eine Nacht sicher 
wäre vor der unsäglichen Angst und Furcht.^ 

In so schwerer Zeit fehlte den Wiedertäufern eine feste 
Leitung. Nach dem Tode Braidl's wurde (1611) Sebastian 
Dietrich zum Oberhaupte gewählt; er gab sich grosse Mühe, 
die in den verschiedenen Handwerken eingerissenen Miss- 
bräuche abzustellen, zu welchem Zwecke einzelne Handwerks- 
ordnungen revidirt wurden,' aber den schweren Stürmen, die 
seit 1618 über die Gemeinde hereinbrachen, war er nicht 
gewachsen. Er starb schon im folgenden Jahre, und nun 
wurde Ulrich Jaussling zum Bischof gewählt; er starb 1621 
,nach viel Kimimer und Trübsal, so ihn und die Gemain des 
Herrn dieser Zeit betroffen, auf dem Schloss Bränitsch in 
Ungarn^ Der Kummer um die Gemeinde brach ihm das 
Herz: ,£r hat vor seinem Ende oftmals gewünscht und ge- 



^ Ottü Annales. 

* Oeechichtsbücher, 8. 373 ff. 

* ^Verzeichnis unser Leat, alt und jnng, umb welche die Qemain in dem 
leidigen teuf lischen Krieg, bo sich im Jahr 1618 in BOheim angefangen, 
kommen ist-' Anno 1619. Dazu d'Elvert, Beiträge zur Geschichte der 
Rebellion, im XVL Bd. der Schriften der hist-stat. Section, S. 68. 

« Geschichtsbücher, 8. 380. 
» Ebenda, 8. 381—405. 

* Ebenda, 8. 368. 



211 



beten, dass sich doch Gott der Herr sein Volk und die Gemain 
in dieser letzten bösen und kümmerlichsten Zeit, da es am 
allergefährlichsten mit uns stund, wolle treulich befohlen sein 
lassen/ 

Leider war das Mass des Unglückes noch nicht voll: 
einen Vorstand, den die Huterische Gemeinde hätte seines 
Amtes entkleiden tmd aus der Gemeinschaft ausschliessen müs- 
sen, hatte sie bisher noch nicht gehabt. Sie erhielt einen sol- 
chen in der Person Rudolf HirzFs, der am 9. Mai 1621 ge- 
wählt wurde. 

Noch immer meinten die Behörden des Landes, dass die 
Wiedertäufer grosse Schätze verborgen hielten, imd so liess 
der Cardinal Franz von Dietrichstein am 2. Juni Rudolf Hirzl 
mit zwei anderen Brüdern von der Neimiühle abholen und ins 
Geftngniss nach Nikolsburg führen. Nachdem sie dort einige 
Wochen gelegen, begehrte der Cardinal ,scharf und ernstlich 
von ihnen, kundzuthun, wo sich das Geld der Gemeinde be- 
finde; wenn man es nicht gutwillig sage, würde man die Ge- 
meinde von Grund aus vertilgen und mit Nikolsburg und der 
Neumühl den Anfang machen. Wenn man aber zu Willen sei, 
werde der Kaiser sie als seine treuen Leute in Schutz neh- 
men und sie mit Freiheiten begaben^ Auch verhiess man, 
dass man nicht daran denke, ihnen das Geld zu entziehen, 
man woUe es nur in Verwahrung nehmen, imi es vor den Re- 
bellen sicherzustellen. So wurde Rudolf Hirzl beredet, das Geld 
der Gemeinde, den sauren Schweiss so vieler Frommen, aus- 
zuliefern. Er meinte damit des Volkes Leben zu retten, erntete 
ftir seine That allerseits nur Schmach und Schande- und wurde 
schliesslich seines Amtes entsetzt. Er starb am 27. April 1622 
zu Gtöding ,an der gelbsüchtigen Krankheit^^ 

Zu all diesem Elend kamen noch die Bedrängnisse der 
meisten Haushaben durch die das Land durchziehenden kaiser- 
lichen und feindUchen Heerhaufen, die Noth und in vielen Fäl- 
len ein elender Tod vieler Brüder.* Auch der Friede von 
Nikolsburg, der am 3. Jänner 1622 zwischen dem Kaiser und 
Bethlen Gabor geschlossen wurde, endete nicht, wie sie hofiten. 



^ Geschichtsbücher, S. 397—398. 

' iVerzeichnis der Leute, jung und alt, um welche die Gemain des Herrn 
im Jahre 1621 kommen ist' Ebenda, S. 400—402. 

14* 



II 



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213 

BD aas besonderem Wohlwollen und Liebe zur Kenntniss- 
1 and Damachachtung mit^tfaeilt haben." 
Das entBcheidende Mandat erflose am 17. September, 
land n. schrieb an den Cardinal Dietrichstein: * ,Wir 

Ew. Lieben nicht verhallten, dass bei Unsern hocben 
rossen tragenden sot^eltigkeiten, wie in Unseren Känig- 
D und Landen zuförderst die Ehr und der Dienst Oottes 
in und befördert, and dann gute und beständige Ord- 
angerichtet und erhalten werden müge, Wir anter andern 
,uch insonderheit erinnert und zu GemUet gezogen, was 

die im ganzen Heil. Römischen Reich bandisirte und 
ene Sect der Widertauffer in Unserem Markgrafthumb 
m dermaßen eingewurzelt, dass sie sich auch von wenig 
1 und noch täglichen mehr und mehr erweitert und aus- 
:, und viel einßlldges unwissendes Volk an sich ziehet, 
• von fernen Orten hinterrücks der Obrigkeit und wider 
B Verbot ahstilt and aas dem Land fUhret, und weil 

außer jetzt angedeuter zweien Ursachen, nemb- 
las berllrte Widertauffer aus dem ganzen Heil. Reich 
ssen und ausgeschlossen und dann mit Verführung und 
;h Ziehung des in- und aualändbchen einfältigen Volkes 
Fehles stiften, aach ihre dritte Eigenschaft ist, dass sie 
■ Obrigkeit nach dem Willen und Qebot Gottes, wie sich 
et, unterworfen sein wollen und neben diesem viel andere 
übt« eigensinnige Irrthumben lehren und im Schwang 
1, auch Bonsten andere nicht geringe Ursachen mehr mit 
Bufen: als hat Uns Unser Pflicht and eigen Gewissen er- 
'. und getrieben, weil diser Leutt Thun und FUmehmen 
[tnd seiner Ordnung zuwider strebet und laufet, sie weder 
t>emeltem Unserm Markgrafthumb Mfthrem noch an andern 
■n ESnigreichen und Landen, so wenig als im Römischen 



1» Cujtfa's .Commeutaris de Germania sacra reataurata', Köln 1G39, 
Kreta etc., p. 67. Mit^theilt von d'Elrert, BeitrK^ lar Oeschichts 
II Rebellion, Reformation, des dreiraigjShrigan Krieges und der Neu- 
Mtaltung Hthren* im 17. Jahrhundert, im XVI. Bd. der SchrUton der 
■t-itaL Section, 8. 147. 

I der Torlle^ndan deutschen FkMnng am dem Originsl-Concepte in) 
ranieas-Uuseum au Briinu bei d'Elrert I. c, p. SSO — S81. In lateini- 
her Redaction »ob Carafa'i .Commentaria etc.', p. 69 bei d'Blvert, 1. c. 



315 



an, dass man auf den FrUbling, vermög das kaiserlicbea 
idats, das Land rftumeo wolle. Es ward uns aber alle 
d' abgeschlagen. Also wurden wir im Monat October dieses 
i Jabres auf Gebot des Kaisers Ferdinand, durch den An- 
> des Cardinais von Dietrichstein aus 34 Haushaltungen 
Iftrhem, wie auch aas vielen Maierhöfen, MUhlen, Bräu- 
lem, Keller- und Kastnerdiensten, und zwar aus den aller- 
iten mit leeren Händen, um des Glaubens willen verfolgt 
vertrieben, als von den Hausbaben zu: NeumUhl, Schftcko- 
, Kobehtz, Tracht, Fausram, Prybitz, Poherlitz, Nusslau, 
berlitz, Dämerschitz, Gerspitz, Nikolsburg, Nembscbitz, Ole- 
itz, Stigonitz, WLschenau, Teckowitz, Schermakowitz, Masco- 
, AJtenmarkt, Göding, Schaidowitz, Urscbitz und Gostl.' 

,In disen jebEtgemelt«n Orten,' so fahren die Geschichts- 
her fort, ,blieb der Gemain des Herrn von allerlei Getraide, 
nan durch den Sommer gebaut nnd eingefechset und auch 
den Winter schon wieder ausgesäet hatte, desgleichen an 
in, den man dies Jahr mit grossen Unkosten erbaut, item 
Tuch, Leinwand, Salz, Schmalz, Wolle, Kupfeigeecbirr, 
l>- und Bettgewand, wie auch an allerlei Vieh: Ross', Ochsen, 
i', Schaf, Schwein', ohne die gebauten Häuser und alle 
i kostbare Handwerkzeuge ein sehr gros- 
irück) und war nunmehr Trttbsal und 
''itwen und Waisen ausser des Landes, 
Jahr in aller Erbrigkeit und Kedhchkeit 
Leidener Theil und wurden uns unsere 
ir dem Herrn Cardinalen und seinen Vor- 
leren Herrn in Mftrhern viele Jahre red- 
asem Undank bezahlt, was wir alles aber 
echten Richter, der Herr über Tod und 
I jeden ohne Ansehen der Person nach 
ten wird, heimstellen; der weiss auch die 
Zeit aus aller TrUbsal wohl »u eriösen." 
ator bemerkte, dasa viele Wiedertäufer, 
rundherrschaften begünstigt, unter dem 
t in der Absicht, kathobsch werden zu 
tber in Mähren zuzubringen die Absicht 
i günstiger Jahreszeit sich ausser Land 



n 



,:|:it.; 



OB, 109. 



216 

begeben möchten, erliesH er am 27. November ans seiner fte» 
denz zu Nikolsbui^ ein neuerticbes Patent folgenden Inhilli: 

,Wir Franz* . . . entbieten denen vier Ständen dkMt 
Marggrsfthumbs . . . demnach Meniglichen nunmehr wol be 
wuBt, wie . . . verwichener Zeit auf der ROm. KaiB. Haj. ge 
mesaenen Befelch . . . die abscheulich und im ganzen Hai 
Räm. Reich handisirte Widertaufferische Sect ans diesem Hirk 
graflhumb Mährem auQgerottet: wie auch die Vertreibung da 
selben allen . . . ernstlich anbefohlen . . . Ob nun zwar . . 
eine ziembliche Anzal solcher Hutterisch- und Widertaufferische 
Bruder ihren Irrthnmb erkennet und im Lande verbliebeD, di 
meisten aber sich anderwärts hinbegeben und anitzo fitgt 
selbiger orten erzeugender grossen Thewerang und zu nahe; 
den Kälten Winterszeit widerumb hauffenweiß allhero in Hi 
hem einschleichen und gleichmässigen Prätext, ab wollten s 
zu unser Religion treten, fürwenden: so ist doch auß viet 
bewe^ichcQ Vermutungen zu besorgen, dass solches allein ai 
bezwang und diesen Winter hinzubringen, hernach aber ai 
necbstkunff^igen Früling sich widerumb davon zu machen m 
in irer Sect zu verharren, von ihnen angesehn sein. 

Damit nun aber dergleichen nit gestattet, sondern c 
angeregten publicierten Patenten nachgelebt und festiglicb di 
ob gehalten werde, ab wollen, an Statt und im Namen me 
hochsterwähnter K. K, etc. Maj., Wir solches hiemit allen Hob 
und Niedrigen, deroselben Statthaltern und Offiziren dienst- n 
freundlich angedeutet, denen aber aus allen vier . . . Ständen g« 
gemessen anbefohlen haben, dass keiner, seye was Standes '. 
wolle, dergleichen wiederum einschleichende Widertauffer, i 
wol Manns- ab Weibs Personen (es wäre denn, dass sich d 
selbigen auf ein oder der andern Herrschaft oder Stadt alsbi 
in wUrkliche Untcrthänigkeit begeben und von ihrem IrrthuE 
ab- und zu unser Religion treten wollten, wie sich dann t 
jeder Inwohner wohl zu Tersichom haben würdet) bey Vi 
meydung hoher Straff und Ungnad auf seinem Grandt ui 
Boden keineswegs gedulden, auffhalten noch einige Wohnang 
oder Unterschlaiff verstatten, sondern alsbald and ohne alk 
Hinderung von denen ab- und hinw< 
nach sich nun ein Jeder zu richten 



* Mit einigen KQnungen nnd Vareinracbniii 



218 

ein Patent des Inhalts: ^dass sich innerhalb 14 Tagen von 
dato des ergangenen Befehls Niemand^ so der Haterischen 
Bruderschaft zugethan sei, weiterhin noch in Mähren finden 
oder betreten lassen solle. Würde man hiertlber jemanden er- 
greifen, so solle er ohne weiteres Urtheil niedergehauen, an 
den nächsten Baum aufgehängt oder mit Feuer verbrannt wer- 
dend ^ ,Auf welches nun etliche mährische Herren, die unsert- 
wegen des Kaisers und Cardinais Ungunst nicht auf sich neh- 
men wollten, die Unsrigen in ihren Diensten wieder urlaubten, 
der ein Theil abermals wie in voriger Verfolgung fast mit 
leeren Händen davon ziehen musste. Den andern wurde das 
Ihrige auf der Strasse von den kaiserischen Kriegsleuten mit 
Gewalt geraubt/ Aber auch jetzt noch gab es einzelne mäh- 
rische Barone, welche der Dienste dieser Leute nicht entbehren 
wollten und sich lieber der Gefahr kaiserlicher Ungnade aus* 
setzten; ,Es schicket aber,^ sagen die Geschichtsbücher, ,der 
allmächtige Gott dennoch durch ediche gute Herren noch ein 
Mittel, dass die unseren diesmals, wie hart auch das Gebot 
war, nit alle aus Mähren vertrieben wurden/* 

Durch die Ausweisung der Wiedertäufer hatte sich die 
Regierung einer Menge tüchtiger Arbeitskräfte beraubt. Den 
Ausfall einigermassen zu ersetzen, wurden jene Handwerker, 
Meister und Gesellen, die eben katholisch geworden waren und 
bisher unter den Huterischen Brüdern gewohnt und den Hand- 
werksbetrieb von ihnen erlernt hatten, in jeder Weise geför- 
dert. Schon im November 1622 erschien hierüber ein eigenes 
Patent des Cardinais: ,Da Se. Kais. Maj. aus hochwichtigen 
und ganz beweglichen Ursachen unlängst die Hatterischen 
Brüder habe ausweisen lassen und bei deren Abzug sich aller- 
lei Handwerkspersonen von ihnen und ihrer verdammlichen 



^ Geschicbtobttcher, S. 424—426. Wolny im Archiv für (toterr. Qescb. V, 
127, und d'Elvert 1. c, p. 160. 

* Die aus Mähren verjagen Wiedertäufer zogen grossentheils nach Nieder- 
Osterreich, woselbst sie bei einigen Herrschaften Unterkunft fanden. Anf 
das bin wurde am 3. M&rz 1625 ein Generalmandat erlassea, in welchem 
die früheren erneuert und strengstens geboten wird: 1. dass Kieknand 
einem Wiedertäufer Unterhalt gebe; 2. dass die Obrigkeiten darob and 
daran sein mOgen, die Wiedertäufer aus dem Lande zu treiben, und 
3. dass denen, so .abstehen*, alle Gnade und christliche Liebe erwiesen 
werden solle. Mandat nach einem gleichaeitigen Drucke bei v. Beck, 
Geschichtsbacher, S. 426. 



! abgewendet und hinwegbegeben haben, jetzt aber ihr 
irbe und Hantierungen neben anderen ehrliebenden ZUnf- 
ind Zechen zu treiben gedenken, so befehlen wir, damit 

von anderen Handwerksgenossen oder Zünften nicht 
Hindemisee in den Weg gelegt werden, daas alle diese 
nen in den St&dten, Märkten und Dörfern von den 
;keiten angenommen werden, dasa sie frei und ungehin- 
ihre Gewerbe betreiben und die wandernden Gesellen 
logat wie die anderen Meister zu befördern befugt sein 
. Auch die Gesellen, so von den Wiedertäufern „ausge- 
i seien", mögen aaf allen Handwerken ohne Bedenken 
lese wie die anderen Gesellen mit Arbelt befördert wer- 
und alles das den gemeldeten Zünften und Zechen zu 
m Nachtheil und keiner Minderung ihrer Privilegien ge- 
in. Die Obrigkeiten werden Bcbliessüch aufgefordert, den 
Straten Handwerksleuten, Meistern und Gesellen allen ge- 
icben Schutz zu gewähren, sie von aller Gewaltthätigkeit, 
ähung und Verachtung zu vertheidigen und den Dar- 
'handelnden „unnachlftssige" Strafe zuzumessen/' 
Die aus Mähren vertriebenen Wiedertäufer fanden Auf- 
e und Schutz bei einigen ungarischen Grossen. Der Um- 
, dass ein grosser Theil ihrer Haushaben hart an der 
-ischen Grenze lag, erleichterte ihnen den Abzug; noch 
ivoller war es ftir sie, dass sie schon vor mehr als zwei 
chenaltem ihre ersten Niederlassungen in Ungarn he- 
uet hatten. Schon 1546 waren sie in Sobotifit oder Saba- 

das sie Freischütz nannten, eingezogen. Sieben Jahre 
r finden wir sie in Protzka, hart an der südlichsten Spitze 
Mähren; 1588 gründeten sie in Levär, wo ihnen der 
rbcbe Mundschenk Bernhard von Lemhacb Wohnsitze ein- 
te, ein grosses Haushaben. Von hier aus besetzten sie 
lüg eine Anzahl kleiner Ortschaften in den slovakischen 
lestheilen. 

In Ungarn, wo man die wirthschaftliche Kraft und die 
tutung der Wiedertäufer wohl zu schätzen verstand, legte 

)m Patent — nach dem Dntcke — bei d'Elrert, Beitrüge inr Geachichts 

ier Rebellion, XVI. Bd. der Schriften der hist.-stat. Section, S. 116—149. 

e des Tag^, der von der betreffenden 

ka binzngefügt wurde, wo das Patent 



2» 



deo ^ 

Btcz>3 •»£>:«- :lj»a WotL fhr die Entn 

MX CL-i 'r^wrx k'traia ^derat und t 

Tie I^S Ficsit-i ri Ahrincx mn. In dem 

4_ J-Li 1'^ clt; «<^ D> er TcmommeD, < 

su£ ij? -Hl^-^-f.^^' ceDBl. MOS ifaren Si 

iirtil iji v-rs«r*sl «m«. so habe er i 

wtn^zzie xzii Hmaürfanier. die Andere] 

tes. wi SK- «Tii^^a -^TSCTi «ad weise ihnen 

AckerzT^ie a:.-i Wriag*rteo an, woge^ 

Ecke Kaz-^-er d«^a Zebent zu saUen on 

T&^.^ oa dta bsib^^D Preis m arbeiten 

Aas i£jvs HaBsbaben in Hibren zogi 

im H«rbe» lr>^ nach Sabatiaeh, Protak 

.Vc'!k'. so kicr nicht nntergebracht werden 

und wi«der bei den Herren in Ungarn, , 

wilÜg aafiuhin'. Uaterkonft und Winteriiei 

NikoUborser Volk wnide gegen E^chtelw 

veeen Kes5eU«li>rf. das TOn \6mschitx gt 

fuhrt. Die MaskowiUer nnd OUekowitzer : 

^n nach Siebenbür^n. die Sdganitzer sai 

gen anf die Trentscbiner Herrschaft, nach 

how and wo man sonst noch onterkoninK 

angarischen Herren waren ihnen die Gr 

and die Herren von KoUonitsch besooders 

Koch hielten sich vod ihnen aahlreicl 

auf, solche, die im Dienste einzelner Landi 

Uess ,FQrst Cardinal von Dietrichstein als I 

and Gubernator des Markgrafthume Ma 

Namen Ihr. K. K. Maj. ein offenes Fat« 

gehen, des Inhalts, dasa idle Herren, we 

ihreii Diensten haben, diese innerhalb eech 

"- r Rom. K. Mi 

lie onsrigen b 



in Ungarn j 



. der T. Beck'tcl 
625 in den Q««cl 



221 

bischof von Gran kämpfte vergeblich gegen diese Einwande- 
rung an. Die Regierung verbot ihnen^ Bekehrungsversuche zu 
machen. So wurde auf dem Landtage von 1635 im 26. Artikel 
beschlossen, dass die Wiedertäufer, obwohl sie zur Zeit im 
Lande gedtddet werden, sich nicht unterfangen sollten, einen 
,Christen^ unter sich aufzunehmen oder wiederzutaufen. Für 
jede wiedergetaufte Person sollten sie eine Strafe von 500 Rcichs- 
thalem zahlen.^ 

In ihrer neuen Heimat organisirten sie sich in ihrer ge- 
wohnten Weise mit dem gemeinschaftlichen Tische und allen 
sonstigen communistischen Qebräuchen, wie sie diese in der 
Heimat geübt hatten. Durch anderthalb Jahrhunderte haben 
sie auf ungarischem Boden, wo man sie Habaner nannte, ihre 
Eigenthümlichkeiten bewahrt. Zu einer Bedeutung freiKch, wie 
sie eine solche in Mähren besassen, vermochten sie nicht zu 
kommen. Die kirchlichen Behörden Mährens freuten sich ihres 
Triumphes: Am 7. October 1628 fragt der Cardinal von Dietrich- 
stein bei seinem Beichtvater Georg Dingenauer an, ob er ihm 
nicht einen Bericht über die Fortschritte der (katholischen) 
Religion in Mähren schicken wolle, namentlich aber über alles 
das, was mit der Verjagung der Anabaptisten zusammenhängt; 
der Nuntius, der nächstens nach Italien reise, interessire sich 
daftbr. Näheres hierüber ist leider nicht bekannt. Nur wenige 
Notizen aus späterer Zeit, wie etwa die aus Merian's ,Topo- 
grapbie von Mähren^, erinnern noch an die Huterischen 
daselbst. 

Unter den kaiserlichen Propositionen, die am 9. August 
1650 dem mährischen Landtage unterbreitet wurden, ist aller- 
dings eine nicht blos gegen die im Lande überhandnehmende 
Judenschaft, sondern auch gegen die sich neuerdings ein- 
schleichenden Wiedertäufer gerichtet: diese mögen förderlichst 
abgeschafft und nirgends im Lande geduldet werden. Der Land- 
tag bewilligte die Bitte, ,dass den Juden kein anderer Auf- 
enthalt eingeräumt werde, als wie sie ihn am 1. Jänner 1618 
besessen; auch soll ihnen der Besitz, die Vei*pachtung und Ver- 
waltung der Mauthen nicht gestattet, endlich auch die Wieder- 
täufer im Lande nicht geduldet werdend ^ 



^ A. Freih. v. M(ednyan8k7) im Hesperas, 1810, IV, S. 217 ff. 
* d'Elyert, Beiträge, a. a. O., p, 699, 601. 



333 

:hen Verhalten der Geisüichkeit den grßsBten AostosB nah- 
: fOhn' ain gemaio Reformation/ erklärten die Tiroler Bc- 
eo, könne man die verderbliche Secte ucht austilgen. 

Es -waren in der That nicht die Lehren (wenn auch viele 
e nicht begriffen, warum Männer wie Luther,* Zwingli und 
in mit der Kindertaufe ein gutes Stück Katholicismus be- 
iu), sondern das Leben und die ganze Haltung der Wie- 
Lufer, die ihnen die Sympathien der grossen Massen ge- 
len. Man muss ihren Ruhm von ihren Gegnern, Katholiken 
Protestanten, vernehmen: ,Sie leben,' sagt Fischer, , nicht 
ich, kleiden sich einfach und kennen keine weltliche 
ht',* Das gemeinsame Stichwort fast aller Reformbeatre- ' ■'ü'i'' 

;en in der Kirche in der zweiten HtLlfte des Mittelaltere: ^l|!i 

Zurückgehen auf die Zustände der ersten Christengemeinde ' j: :'. 

erusalem, kennen auch die Täufer (wie sie sich nennen) : J^ 

16. Jahrhunderts. Man sah sie, nach dem Beispiele der ir 

;er Christi, verkaufen, was sie hatten, und den ErlOs zu 'st^J' 

Füssen ihrer Lehrer legen; man hörte, wie sie standhaft ^'■{jf= 

Marter und Pein, selbst den Tod, für ihre Lehre ertrugen. Irf'l-'*^^- 

zahlreichen Procease gegen die Wiedertäufer legen laut im!»'^' 

piiss davon ab, dasa ihre Standhaftigkeit den nachhaltig- iDHC*' 

Eindruck auf die Zeitgenossen machte und das ,Blut der 1'£ ' 

tjrer' der Same war, aus dem sich die Wiedertaufe fort- älJÄ.- 

izte. Wie viele wurden erst, nachdem sie Zeugen des Todes ' f^S- ' 

er Leute gewesen, itir ihren Glauben gewonnen. Es war u*«ft 

t ohne Grund, wenn in Tirol ein und das andere Mal der 1 £Sk 

schlag gemacht wurde, die Hinrichtungen insgeheim zu lj*t& 

uehen. Nie ist ein Huterischer Bruder, sagt der Vogt, %1'^ 

1573 Mathes Binder verhörte, im WUrtembei^er Lande Dijii> 

seinem Glauben gewichen. Und Binder selbst schreibt an i^^. 

Gemeinde: Jedermann im Volke ist uns geneigt, selbst der MI: 

;t und die Seinen. Dem Veit Uhrmacher sagt der Pfleger: "" ;l 

iim's blos an ihm wäre, er wollt' ihn Heber ziehen lassen.' 

e er Abschied von uns nahm, gingen ihm die Augen über, , 

u und Köchin schluchzten,' Der Scherge des Hans Ubr- / 

Lnther lehrt: Die Tnafe ohne den Glauben ist ein bloBsee wirkun^loMi H , 

Zeichen. Wie soll aber der Olenbe mflglich BSin im SaapUng? Uit ;_ r ' 

Habmaier stimmte Zwingli lan^ Zeit Ubeiein, faia auch er uch wieder ,< '.' 

DDtar die Plflgel der alten Kirche flüchtete q. b. w. ; | *, 

.Vnn Acr (WioJa«iin»Q- w>^n..kh>^ "ipmntf', Um. H Atli- 



224 

macher (im Gebiete des Bischöfe von Speier) weigerte sich, den 
Gefangenen zu binden: ,er wolle nicht schuldig sein am Ge- 
iUngniss des Frommen. Hätt' ich gewusst, man werde sie bin- 
den, so wollt' ich sie gewarnt habend Der Schultheiss selbst 
war genöthigt, Schergendienste zu thun. Als er einige Wochen 
darauf starb, sah der gemeine Mann hierin eine Strafe des 
Himmels. Wenn man, sagt gar Hosius, die Wahrheit einer 
Religion nach der BereitwiUigkeit und Freudigkeit benrtheilen 
soUtc^ die ihre Anhänger im Leiden zeigen, so könne die Mei- 
nung keiner Secte wahrer und zuverlässiger sein. 

Dieser tugendhafte Wandel der Wiedertäufer wurde frei- 
lich von ihren Gegnern ftir eitlen Schein und Heuchelei ge- 
nommen, wie man ihnen, denen es grundsätzlich verboten ist, 
das Schwert zu fUhren/ auch fortwährend und noch sechs bis 
acht Jahrzehnte nach den Ereignissen von Münster Absichten 
auf Empörung unA Umsturz der bestehenden Verhältnisse unter- 
schob. So schreibt Franz Agricola in seinem ^Evangelischen 
Process über die Wiedertäufer': Unter allen jetzt schwebenden 
unterscheidlichen Secten (deren über anderthalb hundert, ob 
sie sich gleich aUe des heil. Evangelii und einer wahren Re- 
formation mit vollem Munde anmassen) ist keine, so, ,äu88er 
lichem' Schein nach, einen eingezogeneren, besseren, gottselige- 
ren Wandel fUhrt als die Wiedertäufer oder, wie sie sich 
nennen, die Täufer, denn während sich die anderen Secten, 
vorab die Lutherischen, Zwinglischen und Calvinischen, in auf- 
rührerisch, blutdürstig und aUerlei weltliche und fleischliche 
WoUüste eingelassen, sind die Wiedertäufer, soviel den änsser- 
lichen und öffentlichen Wandel betrifft, eines gar eingezogenen, 
ehrbarlichen Lebens, an welchen kein Lügen, Trügen, Schwö- 
ren, Hadern, Zanken, kein Fressen, Saufen, keine Hoffart, 
sondern Demuth, Geduld, Treue, Sanftmüthigkeit, Wahrheit, 
Leibeskasteiung, Massigkeit und allerlei Aufrichtigkeit gespürt 
und vernommen wird, also dass man meinen sollt', sie hätten 
den heil. Geist Gottes, wie sie sich denn auch rilhmen, gewiss- 
lich und ohne Zweifel. Daher auch Viele ihnen vor anderen 
Secten insonderheit geneigt sind, dass sie sich zu ihrer Rotte 
oder christlichen Bruderschaft begeben und meinen, dass sie 



> Weshalb sie stets gegen eine Zosammenwerfnng mit den Mttnsterischeo 
Wiedertftnfern in lebhafter Weise Einsprach erhoben. 



226 

Die Rechenschaft Riedemann's schliesst sich enge an die 
Schriften Hubmaier's an. Die Lehren vom Glauben, der Gnade 
und Busse, dem Testamente des Herrn, der Taufe und dem 
Abendmahl, der Gemeinschaft der Heiligen, der Ehe, der Obrig- 
keit und den Verpflichtungen gegen diese, von den guten Wer- 
ken und der Ordnung des Lebens stimmen im Wesentlichen 
mit denen Hubmaier's tiberein. Selbst in der Lehre von der 
Gemeinschaft steht er in gewissem Sinne auf dessen Schul- 
tern.^ Bevor wir indess die Lehre ,von der Gemeinschaft' 
ausftihrlicher darstellen, mögen noch einige Worte über den 
,Unter8cheid der Aemter^ und die ,apostolische Mission^ an- 
gefügt werden. 

Die Grundzüge der Verfassung der Wiedertäufer sind im 
Capitel vom ,Unterscheid der Aemter' in Riedemann's ,Rechen- 
schaft' enthalten. Bei der Besetzung der einzelnen Aemter 
gehen sie nach dem Beispiele der Apostel in der ersten Zeit 
der Kirche vor: ,Nicht sie selbst besetzen das Amt, sondern 
Gott,' der in inbrünstigem Gebete angerufen wird und seinen 
Willen durch das Loos kundgibt, das über die Würdigsten ge- 
worfen wird. ,Wenn die Gemein einen oder mehrere Diener 
nothwendig hat, so soll sie nit nach ihrem eigenen Gefallen 
wählen, sondern auf den Herrn warten, was der anzeigt/ 



Gemeinschafft der Heiligen. Vergebung der Sünden. Auferstehung des 
Fleisches. Ein ewiges Leben. Was der Qlauben sej. Von der Leere. 
Ordnung der Leere . . . Was die Sünde sey. Von der Erbsünde. Wie 
weit die Erbsünde schade. Von der Reue. Von der Busse. Vom Testa- 
ment Gottes. Vom Kindertauff. Von der Erwftlung der Diener. Unter- 
scheid der Aembter. Vom Abendmal Christi. Gemeinschaft der Güetter 
(s. das Folgende). Von der Absünderung. Vom Pfaffen und warum wir 
nichts mit ihnen zu schaffen haben (Sie erfüllen das Amt nicht, sa dem 
sie berufen sind. Sie haben den Geist nicht. Ihre Werke sind Trunken- 
heit und Geiz, Hoffart und Unzucht. Ben Dienst verrichten sie ,bnch- 
stabisch*; nicht dem Geiste nach, der lebendig macht). Von der Ehe 
(s. unten). Von der Obrigkeit. Von den Kriegen. Von der Steuer. Vom 
Schwertermachen (s. unten). Vom Klaidermachen (s. unten). Vom SchwC^ 
ren. Von Gruss und Gebet. Vom Fasten. Vom Feyem. Von Rrimem 
und Wirt (s. unten). Vom Zutrinken. Von der Kindensueht. Vom Bann. 
Vom ganzen Tracht, Wandel, Schmuck und Gezier der Christen. Wie 
Gott sein Volk erwält hat. Wie das Haus des Herrn erbaut werden solle. 
Vom Gnadenbund in Christo. Vom Abendmal Christi. Vom Schworen. 
Von der Obrigkeit. Die letzten sechs Capitel sind ein Nachtrag. 
« S. unten S. 236. 



228 

sich vor den Gerichtshöfen als Apostel. Hans Arbaiter^ 1568 
zu Kirchweiler im Bisthum Speier gefangen^ antwortet auf die 
Frage^ ob er ein Apostel sei: ^Ja, dies Amt sei ihm von Gott 
in seiner Gemeinde befohlen worden^ auch Andern den Weg 
des Heils zu zeigen/ ,Wir ziehen/ sagt Claus Felbinger^ ^nicht 
allein in dieses Land^ sondern in alle Länder, soweit unsere 
Sprache reichen mag. Wo Gott uns eine Thtü: aufthut, eifrige 
Herzen zeigt, da ziehen wir hin. Und dazu haben wir gött* 
hebe Ursach: Himmel und Erde ist des Herrn, dazu alle Men- 
schen. Wir haben uns ganz Gott ei^eben und aufgeopfert, 
wohin er uns schickt, dahin ziehen wir, unangesehen, was wir 
darunter leiden müssen.^ Sie gehen freudig in den Tod, den 
sie, wie die amtlichen Aufzeichnungen melden, förmlich mit 
Sehnsucht erwarten. Sie sind hochbeglückt, ans Martyrium zu 
gelangen: ,Ihr Beispiel werde Andere nachziehen.' Sie treten 
mit grosser Sicherheit auf: ,Ich kann's nit lassen,' sagt Hans 
Mändl, ,dass ich nit sollt' reden, was mir Gott geoffenbart.' 

Den Neubekehrten verkündigen sie, was ihrer in der 
Gemeinde warte: ,Man soll den Leuten nicht von der Fülle 
guter Tage und friedlicher Zeit predigen. Man soll sie auf- 
merksam machen, dass sie ihre „Habe'' verlassen müssen.'^ 
Unter grossen Feierlichkeiten ziehen die Glaubensboten in die 
Fremde. 

Ueber den Auszug der Sendboten belehrt uns ein Bericht: 
,Wie die brüder des worts, so in die land gezogen, vor der 
gemain Urlaub nemen.' Er ist zwar nur in einer Handschrift 
des 17. Jahrhunderts überliefert, es ist indess kein Zweifel, 
dass derselbe Vorgang auch schon im 16. Jahrhundert geübt 
wurde. Der Sendbote tritt vor der zu diesem Zwecke ver- 
sammelten Gemeinde auf: Jm Rathe des Herrn sei beschlossen, 
einige Genossen in fremde Länder zu senden, um dem Heim 
eine Gemeinde zu sammeln. Auch ihn, den Redner, habe man 
hiezu bestimmt; er sei zwar in Wahrheit zu diesem Werke 
viel zu gering und ungeschickt, denn es bedürfe grosser Weis- 
heit, die Menschen von dem breiten Wege auf den schmalen 
zu bringen. Wiewohl es ihm nun dem Fleische nach hart und 
sauer ankomme, so begehre er doch seinen Gehorsam zu er- 



* Ehrenpreis, Ordnungen, 2. Mit den Brttdern, so ins L&nd liehen, mxx 
reden. 



229 

weisen und hierin der Gemeinde zu dienen. Gott habe ja „oft 
durch schlichte und einfache Menschen sein Werk getrieben^^ 
und so sei auch er^ der Sendbote, der Hofihung, er werde ihm 
die Gnade verleihen, die Herzen der Menschen zu erwecken. 
Wenn es dem Redner gelingen sollte, zahlreiche Genossen für 
die Gemeinde zu werben, wenn also die Leute Haus und Hof, 
Vater und Mutter, Weib und Elind verlassen, um zur Ge- 
meinde zu gelangen, so möge man diesen durch das lebendige 
Beispiel beweisen, dass das Leben der Brüder ihrer Lehre 
vöUig entspricht. Nehmet denn solche Leute mit Freuden auf, 
habt Geduld mit ihnen, seid bescheiden und gelassen; fahret 
sie, falls sie ihre Arbeiten nicht sogleich verstehen, nicht hart 
an, etwa mit den Worten: O du grober Schweizer, du spitz- 
findiger Rheinströmer, du zorniger Hesse; seid vielmehr demüthig 
gegen Jedermann und bedenkt, wie wohl es Euch war, wenn 
sich im Anfang Eures Wirkens Jemand Euer mit Gutthat und 
Freudigkeit annahm. Wie würde es Euer Gewissen drücken, 
wenn etwa Jemand um Eurer Grobheit willen* die Gemeinde 
verlassen würde. Den Fremdlingen ist ja im Anfange Alles 
ungewohnt: die Sprache, die Arbeit, selbst das Essen und 
Trinken.' Der Redner richtet hierauf Elrmahnungen an die 
Jugend, den Alten zu folgen, von ihnen zu lernen, ,Straf und 
Anred^ mit Dank anzunehmen; dann folgen Ermahnungen an 
die Alten, sich der Kranken und Altersschwachen, ,auch der 
Ausgearbeiteten, so Eure Hilf bedürfen', der Witwen und 
Waisen anzunehmen. Lasst Euch die Aeltesten als unsere 
Väter befohlen sein, ,verdenkt es ihnen nicht in Speise und 
Trank', ^ sondern nehmet, was sie zu Euch reden, hoch auf 



' Das feine Benehmen der Wiedertäufer in Mähren bezeugten selbst 
katholische Schriftsteller. 

* Darauf wird sieh wohl der Vorwarf Fischer's (aus der Postille Georg 
Scherer*B) beziehen: ,Es gehet aber ungleich zu bei dieser Gemeinschaft, 
so das ungleiche SchUsseln schliche Brüder machen. Ihre Vorsteher 
werden sammt ihren Weibern herrlich traktiert, mit Gesottenem und 
Gebratenem, mit Fischen und Wildpret und edlem und köstlichem Ge- 
tränk. Auf die andern gehört Ruhen und Kraut, Gtorste und Brei, und 
Wasser dazu. Wollte sich einer gern laben mit einem Trünke Weins, 
so sagt der Kellner: Bruder, komm* nicht oft, kreuzige dein Fleisch, 
wir sind nicht hier wegen des Essens und Trinkens,' u. s. w. Vgl. auch 
yWarum die Wiedertäufer nicht im Land sein zu leiden' von Ch.A. Fischer, 
S.97. 



Euch darm 
>ten nicht « 
nicht wiese, 
bre FUrbitte 
; er dankt I 

und nimmt 
ald gescheht 

erhebt sich 
m, die da 
>lfe', als Lei 
der Welt, i 
rümpft und d 
i' sind. Ihn 
^erk einen g 
wie es in < 
aeinde sie b 
entliess, so i 
!inn einer -v 
zurück, so 
wäre', Ihre 
anderen Se 
achteten, Bt 
1 ihren Sen 
n dem Beis] 
iinde erbaue 
faulns sich 
iristi willen 
usamen Mai 

ßlhrt dann 
Sefangenon, 
irf lag ich 
auch bei ei: 
im Qe&ngni 
ilden halber 
Bknecbten. 
iweil ein Gli 
Reden sie g 

Beriebt findet 
1, Pol. 126 ff. 



, si« sollen Einkaufe and Verkäufe der GetQeinde besoi^ 
Die Kinder Gottes soUen dienen und iu*beiten, nicht ihren, 
em den gemeinen Nutzen suchen. Die Brttder BoUen mit 
ider nicht hantiren und nicht kaufen und Verkaufes wie 
Heiden. Man sage zwar, um des Zankes und Murrens 
OS Bei CS besser, dass Jeder für sich selbst sorg^ das thun 
nur die Leute, die ihrem Fleisch nicht abgestorben sind 
ihre Lost und Begierde nicht zähmen. Man weude auch 
die Kinder Gottes könnten nicht alle an einem Orte woh- 
nicht alle in einem Lande sein; das sei wohl richtig, aber 
die Gefahr liebt, kommt darin um; darum ist es besser, 
nit den Heiligen Gottes zu leben; wenn man sage, zu den 
n der Apostel seien nicht alle Dinge gemeinsam gewesen, 
i zu erwidern: ,Damals habe man die Gläubigen bei ihrem 
E gelassen, jetzt haben sie im ganzen römischen Reich kei- 
PUtz: die römische Kirche speiet alle Kinder Gottes nur 
ind treibt sie in die Wüste hinaus. Da mUsaeo die Aus- 
hlten die Wahrheit bekennen, und diese lautet: Wir ge- 
1 uns selbst nicht an, haben auch in Wahrheit nichts Eige- 
sondem alle Gaben Gottes, sie seien zeitlich oder geistlich, 
gemein imd mUssen nach Zeit, Ort und Gelegenheit den 
em Gottes zum Guten gelenkt werden. Im Hause des 
1 gebe es kein Mein, Dein und Sein. Gleiche Liebe 
che, gleich sei die Sorge und gleich die Austbeilung der 
r. Und Jene, die gläubig werden und trotzdem bei ihren 
em verbleiben, die sollen nur „treue Wirthe und Ausspen- 
sein.' * Stadler nimmt somit nicht den strengen Stand- 
t ein, wie ihn die Huterischen verfechten. 
Der Gemeinschaft der Güter hat Peter Riedemann* in 
m grossen Lehrgebäude ein eigenes Capitel gewidmet:* 
reil alle Heiligen in heiligen Dingen Gemeinschaft haben, 
denn auch Christus tÜT sich selbst nichts, sondern Alles 
ins besessen, so sollen auch alle Glieder seines Leibes 
itlichen Dingen nichts für sich haben. Gott hat dem Men- 



■SD, Cod. MichDAf, 291—298, 
. Beck'tclien Sammlung. 
lichubUchar, 8. 207. 
id glsobeii von den Briodem 
[iTch Peter Kiedemano.* Copie 



237 

lie sündhaften Zeichen der Fiaanz uad des Betruges, 
'en und Verkaufeu, Eigennutz und Geiz, Wucher u. s. w.. 
Alles dem vom heil. Geist in der Kirche gelegten Grunds 
der Gemeinschaft widorstrebt. Warum finden sich denn 
urcr Kirche, so redet er die Andersgläubigen an, so viele 
Istreicher und Bettler, die auf den Strassen und vor Euren 
lern sich heiser schreien nach Almosen? Das ist kein 
leu der wahren Kirche. Frei bekenne ich: Wenn Petrus, 
Lis oder ein Engel vom Himmel kfime und lehrte eine 
e Gemeinschaft wie Ihr in Eurer calvinischen Kirche, so 
sie meinem Herzen abscheulich. Bei uns gibt es verord- 
Männer, die das Geld und Gut aufheben, am der Moth 
Gemeinde zu steuern. Wenn Ihr sagt, die Apostel lehren 
., daSB man alle Güter gemein machen soll, wie es unsere 
be in Mähren zu thun pflegt, so antworte ich, dass dies 
Gebrauch in der alten Kirche gewesen. Soll das jetzt in 
letzten Kirche schlecht sein? 

Peter Walpot stellt alle SteUen zusammen, die voo der 
eioscbaft handeln; diese ist ihm das Höchste. Wie das 
im Feuer, so wird der Mensch in ihr bewährt. ,Gott4S8 
t (von der Gemeinschaft) war' nicht schwor, wenn der 
nnutz nicht war'.' Mit diesem Vers hat er freilich die 
le an die Wunde gelegt, an der die ,GemeinBchaft' krankte 
später zu Grunde ging. 

Dass die alte Kirche nicht blos in Jerusalem, sondern 

sonst ,Gemeinschaft' gehalten, erweist Zuckenhammer 

einer Anzahl voo Stellen älterer Kirchenväter. Gott will 

dertäufer sich derb aus, dass seine 

it leben wie das Vieh, etwa wie die 

lüge finden und den Trog allein be- 

ft beisse nichts Anderes, als aus Liebe 

lin haben; Jeder legt, was er hat, in 

chem Nutzen nieder; da erst theilcn 

Alles mit einander: Leid und Freud. Nur bei den Heiden 

ein Jeder sein eigenes Gesetz, sein Haus, seinen Äcker, 

9 KllnhR. Rp.iriAn Knllnr und seinen eigenen Tisch. Mein 

' Kriege gewesen und sind es 

dem Geiz verwandt 

z, lehrt Ehrenpreis, ist ein 

leicht nicht entwurzeln. Wie 



■1. 9 






*:'i| 



■Wj 



zur Zeit der Apostel, so ist es jetzt bei uns.* Freilich ■ 
man zur Zeit des Ehrenpreis von der H uterischen Stre 
schon abgekommen. Schon war es erlaubt, Leib- und E 
^wand sein Eigen zu nennen. 

,Die Gemeinschaft/ lehrt er weiter, ,ist kein Zwang 
Drang. Man beschuldigt uns ungerechterweise, dass wir i 
Gewalt, Zwang und Drang daraus machen, Gemeinschaft 
halten. Wen nicht die Liebe, die Erkenntnies und der G 
Gottes dazu zwingt, der mag's bleiben lassen. Nur die 
Geist Gottes treibt, sind Gottes, die anderen sind Kinder 
Welt. In der Welt ist Alles Lust der Augen und des I 
Bches, Eigenwille und Hoffart. Der Reiz und die Begie 
nach dem ewigen Leben, der ewigen Freude und Seligl 
zum andern die Furcht vor der ewigen Straf und dem Z 
Gottes soll uns treiben und zwingen. Den Zweien kann ] 
mand dienen: Gott und dem Mammon.' 

Wenn man gegen die Gemeinschaft vorbringe, sie sei 
gröBste Ursache zur Uneinigkeit und Zertrennung des eh 
liehen Friedena, so seien das nichts als Feigenblätter, um 8( 
eigenen ungereimten Beschönigungen des Eigennutzes zu 
decken; das sei fast so, als wenn man sage: Mann und W 
sollen nicht heiraten, denn man sehe so Viele in der Ehe ni 
wohl hausen. 

Zank und Streit komme wohl in der Gemeinde vor; a 
sei CS denn nicht auch im Leben und der Lehre der Apo 
ganz ohne Muhsehgkeiten abgegangen? Habe nicht selbst Cl 
stus den Apostel Petrus anfahren müssen? 

Die Gemeinde ist nichtsdestoweniger das Haus des leb 
digen Gottes, die Säule und Grundfeste der Wahrheit. Wt 
der Eine oder der Andere schwach ist, darum ist doch ni' 
das ganze Volk zu 
darauf, dass man c 
wird der gemeine ^ 



* Ehrenpreis gsbraact 



Hat nicht Christus der Herr selbst Gemeinschaft gehalten? 
denn nicht Einer allein der Säckolmeister? Der Gemeinde 
ipoBtel fielen Taasende zu, sie achteten das Zeitliche nicht 
«h, wie es heutzutage geschieht. Aber auch nachher gab 
}le tausend Liebhaher Gottes, Manns- und Weibspersonen, 
tattlich Haus und Hof und ihren eigenen Willen verliessen, 
seren Händen zur Gemeinde kamen und Gott Zeit ihres 
QB dankten, dass er ihnen die Wahrheit zu erkennen ge- 
i. Die hätten nicht den Reichthnm der ganzen Welt, nicht 
und Gunst daftlr genommen. 

Wieviele sind da herzugekommen, Lehrer und Schiller, 
oancherlei Brüderschaften, wie z. 6. die Schweizer Brtt- 
leren Lehrer ihre ,Völker' zur GemeiuBchaft herzuf^hrten 
liese mitunter durch Feuer, Wasser und Schwert bekann- 

Wie ist ee doch mit dem Eigennutz? Warten nicht die 
1 auf die Hinterlassenschaft wie die Würmer auf den 
nam? Warum sollte man so am zeitlichen Eigenthum 
m, dass man ihn nicht um Gottes und der Qlaubensge- 
n willen verlasaen konnte? Verlieren wir es doch immer 
1 den Tod, oft durch den Raub der Tyrannen und andere 
1. ,Darum haben ohne Ruhm, nur wegen Gottes Ehre zu 
tn, sich in diesen letzten, allergef^hrlichsten Zeiten so 
Helden gefunden, die, in der Schrift trefflich erfahren, 
echte Licht angezündet und die Wahrheit bezeugt haben: 
aben die rechte Gemeinschaft wider alle Pforten der Hölle 
ille verzagten Herzen bezeugt und wider die Zweifeistlcb- 
ihrc Haushaltungen eingeführt.' 

Sehr viel beschäftigt sich der Codex ritualis, der noch 
16. Jahrhunderte angehSrt und in einer Handschrift von 
in der Preesburger Lyceumsbibliothek erhalten ist,* mit 
Semeinschaft; die Motive, die er vorbringt, sind die näm- 
1, die wir in den anderen Wiedertäufer-Schriften finden, 
dort werden auch hier zahlreiche Bibelstellen zusammen- 
gen, die zu ihren Gunsten sprechen. Die Hauptbeweis- 

wird auch hier ans dem Leben der ersten Kirche ge- 

«ndbrief . . . Brüderliche Q«ineiiuohaft 
StreffeDd . . . Anno 1660.' lieber du 
B Bbrenprei« s. die Geschichtsbücher, 

n. Copid in der v. Beck'Bchen Simmlnng. 



. Daraus ersehe man, dass ,e8 ein Anrichten und 
les heil. Geistes ist. Das gilt uns mehr als 1000 '• 
an die Apostel haben es von ihrem Meister gehört 

und so findet man klärlich geschrieben: ^ie bli« 
g in der Lehre der Apostel und in der Qemcinsc 
e (merke: Alle, nicht nur ein Theil), die da glä 
n waren, waren bei einander und hielten die D 
,Ihrc Guter und Habe verkauften sie und theiltei 
iT Alle, je nachdem einer Noth hatte.' 
in findet auch, dass Christus gar hart wider das Ei 
dete, da er sprach: O wie schwer worden die Reit 
Himmel gelangen, filrwahr, leichter ist es, dass 

durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reichei 
Reich kommt Eine harte Red' tür AUe, die Ei] 
nben. Wer diese Worte aus dem Munde des Go 
vernimmt und nicht darauf achtet, der hat gar 
3s Herz. Dass die christliche Gemeinschaft keine i 
mg oder ein Gutdünken sei, sondern zum Grund- 
1 der ersten apostoliecheu Kirche gehöre, das en 
B dem BekenntnisB unseres christlichen Glaubens, 

Gemeinschaft der Heiligen die Rede ist Im Ei| 
rsticken die Menschen unter dem Troge des Re 
len Sorgen um die Nahrung and den Domen der i 

Es ist schier nicht anders, wie wenn man dem Ei 
im Schaden und Verderben das Messer Illssl, bis 
-wandet Wie der Käfer im Rossmist und der W] 
i, so hat der Geiz seine Wohnung, sein Werk 
3sen im Eigen thum. Von alledem das Gegentheil 
neinschaft: da kann man das Wort Gottes, so ui 

Theil hier auf Erden ist, mit grösserer und bess« 
heit haben und hören, eines über das andere wacl 
erlich anreden und strafen und die Jugend in 
rcht aufziehen, damit sie nicht, auf den Gassen uml 
1, die sodomitischen Anreizungen dieser Welt sieht 

späterer Zeit hat man, je weniger die ,Gemeingcl: 
ivSltrte, um so längere Schutzschriften zu ihrer \ 
Dg geschrieben. In den Tagen des Andreas Ehrwpi 

Gemeinschaft schi 
fgegeben. Schon i 
nterrichtung, dass 



1 von allen Qlftubigc 
emeinEchaft, die ma 
irspottet und ab eit 
boten unseres Hen 
i;t er, unter der G' 
B übrig ist, dahingi! 
1 Alles, was man ha 
^ und zu gcnieinei 
darlegt', wie ,68 d< 
e sie die Heiligen z 
iute, gleich als ob ii 
Is wenn dort geböte 
Der Eine nennt s 
Menschenzwang, d( 
meinte Gemein schal 
ibe Hauser bewogei 
irt dazn zu thun, di 
e Lehre sei der hOcl 
len gelehrt und dari 

von Bibelstellen ai 
Sinwürfe der Gegn< 
sn Bemerkungen llb< 
er in Mähren: ,Jct: 

ihnen zu arm.' ,D< 

die doch Viele reic 
Glaubens willen ve 

auf in unseren Häi 
tränken, kleiden un 
r in unsere Schalen 
rtlppeln, Alten, Krai 
3 uns der Herr immt 
r Mammon sorgt fll 

bre Cbristi: Man so 
>ehält Alles wider di 
m. Die Gemeinscha 

Pwt. V. a. (Fol. 103—146 



: den Mutzen der Mächsten, das EUgenthum den Eig 

Die GemeiDBchaft sorgt, dase die Kinder nach der Schi 
lung und Zucht des Herrn erzo^n werden, das f^gentfa 

es nicht; die Qemeinschaft bringt es mit sich, dass i 
ISB der Schrift ruhig und mit den Händen arbeitet, et 
iches schafft und dadurch Gelegenheit hat, den Armen 
n, das Eigenthum verursacht, dass man der zeitlic 
-ung wegen ,k:ablet', hadert, zankt und sich das Eine tl 
Ändern entrüstet, dase man Wucher treibt, Renten uini 

nicht mit den Händen arbeitet. Die Qemeinschaft p6a 
einiges, gehorsames, gutwilliges, demtltbiges Volk, 
Qthum ein eigenwilliges, widerwärtiges und trutziges, 
einschaft hält das angenehme Jubeljahr, da Niemand c 
:m etwas schuldig ist, es sei denn die Liebe, das Ei| 
1 hält die unfireien Jahre, da ein Bruder den ande 
gl, die Schulden eintreibt, wuchert, auf Bürgschaften G 

u. B. w. Die Gemeinschaft handhabt gute Ordnung i 
larkeit in ihren Versammlungen, daa Eigenthum Uoehrl 

dass oft ein Geschrei ist, als wäre ein Brufen trunkei 
edlicher Leute in einem Emge beisammen. Die Gem< 
ft besucht die Völker und hält sie zur Besserung 
ins an, das Eigenthum hat mit sich selbst zu thun. 
einschaft betrUbt die Geizigen in ihrem E^ennntz i 
' Wollust, das Eigenthum stärkt sie nur darin. Die < 
Schaft lehrt, dass Jener, der im Himmel mit allen Fn 

das ewige Leben gemein haben will, nueh hier anfRn 

zeitlich Gut gemein machen mui 

ein Jeder wie ein Fuchs seine C 

Nest fllr sich selbst haben soll. 

Reichen ein Nadelöhr und dem A 
nthum zeigt dem Reichen ein Ste 
Bigenheb'. Die Gemeinschaft ist 
rauch der Heiligen zu Jerusalem, 
anderen Herren und Ist ein Gebr 

Wer sich den Taufgesinnten zu 
!8 ganzen Beaitzes zu entäussern 
itehem zu übergeben. Der Gern 
dings Tomehmlich arme Leute zu 
nbauem, aber wir erfahren aus ■ 
; abgesehen von vereinzelten sdel 



emeinschaft'. Da durfte er ihn eelbst in dem Falle ni 
EurUckbekommen, wenn er aus der Genossenschaft Ul 

austrat Die Huterischcn wurden deswegen von ih 
m hart genng angelassen, und das nicht erst am A 

des 16. Jahrhunderts. Schon das Memorandum a 

1545 an die mährischen Herren nimmt auf diese 
Bezug. ' Wie dieses yertheidigt ein Jahrhundert spi 

Ehrenpreis das Vorgehen der Wiedertäufer: ,Und w 

sagt er, ,einer hinterher wieder ab&llt und das Seil 
' fordert und haben will, so kann man ihm doch ni< 
^eben; denn einestheils hat er es nicht auf sol 
i^abe beigegeben, anderestheils hat man es bereite 
id auf Andere gewendet, daher ist man vor Gott : 
Billigkeit ihm nichts mehr schuldig: Was einer Von 
ergibt, ist Nachmittags nicht mehr sein. Uebrigens t 
iea allen denen, die in die „Gemeinschaft" treten woll 
ieser waren nun freilich nicht einmal alle Wiedertai 
standen. Die ,Schweizer Brüder* verwarfen diese 
;keit, die nach der Meinung der Huteriscben ,allein 
;ilt und von alten Gläubigen erfordert wird', 
heftiger noch hat sich der Wiedertäufer Gabriel Äscl 
;egen sie ausgesprochen, wie er sich ja schliesslich se 

das Taufprincip der Huterischen kUhl genug verii 
.postel, sagt er, haben nichts von der Gemeinschaß 
:t, und die Gemeinschaft, die man jetzt hält, ist dei 
Iten Kirche nicht gleich: diese war freiwillig, zu je 
n die Leute genöthigt werden. Jetzt werden die Le 
aus Liebe vom beil. Geiste zu ihr getrieben, sond 
Simonie' nöthigt sie dazu, ,ob sie vielleicht darum 

Gottes zu kaufen vermöchten'. , Wirst du nicht s 
halb deiner Gemeinschaft, innerhalb ihrer wirst du 
viel weniger.' ,Icb meine, die eintrügen Päpstler wer 
ist die richten, die der Gnade und Barmherzigkeit Go 
Q Arm fallen wollen, mit Werken das Reich Gottes 
en und meinen, die Seligkeit bestünde auf ihrer Bi 
seit, Taufe und Gemeinschaft. Nicht daran werde 
:eit am Tage des Gerichtes gelegen sein, sondern an 
i Gottes.' 

lacbiclitsbüchor, ä. ITl. 



246 

Ihre Lehre vod der Gemeinschaft eiaerseits, die Abi 
derung von den ^Heidenkindem' anderseits brachte es mit s 
daes sich die Wiedertäufer aufs Engste aneinaaderschlo« 
War eine genügende Anzahl an einem Orte versammelt, 
gründeten sie eine ,Haushabe', ein grosses Haus mit einer 
zahl von Kebeogebäudea, deren sie zur Äoinahme der in ( 
Orte ansässigen Glaubensgenossen bedurften. Schon im Ji 
1535 wurde die Zahl der in Mshreii wohnenden WiedertSi 
auf mehrere Tausende geschätzt Von den in Passaa ge 
genen Wiedertäufern sagte Dietrich von Heilbronn am 20. Auj 
des genannten Jahres aus, dass wohl 3000 — 4000 Wiedertä' 
in Mähren gewesen seien; jung und alt hätten sie in dreiH 
acbaflen, Tschäckowitz, Marschalk (sie) und der Klosterfra 
gewohnt. Bernhard Schrott berechnete die Zahl der in Aus 
wohnenden Wiedertäufer auf 1000. Der gleichfalls in Pu 
gefangene Wiedertäufer Schneider sagt ans: Zu Aospitz w< 
ten sie 1535 in drei Häusern, ,darinaen allerlei Personen, J 
und Alt, bei 300 — 400, gewesen'.' Im Hause zu Scbäcko' 
weilten 1540 an 500 Brilder und Schwestern. In den grösi 
Haushabea betrug ihre Zahl oft mehr als 2000. Die erste 
meinde wurde 1526 ,mit Muhe und Arbeit' in Mikolsbnrg 
richtet. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte finden wir Hi 
haben in Austerlitz, Auspitz, Altenmarkt, Alexowitz, Ber 
(bei Nikolsbui^), Bogesitz, Budespitz, Biseoz, Boretitz, Bc 
titz, Bilowitz, Budkau, Birnbaum, Czermakowitz, Daml 
schits, Durdenitz, Eibeuschitz, Eibis, Frätz, Frischan, G 
schitz, Gdding, Gurda, Hrubscbitz, Hosterlitz, Herspitz, Janu 
Jermeritz, Kromau, Kobily, Kostl, Eanitz, Kreuz, Lundeobi 
Landahut, Moskowitz, Milotitz, Mistrin, Mnnchui. Nanain 
Neumtlhl, Nembschitz, Nemschau, Neudoi 
bürg, KuBslau, Popitz, Pulgrams, PauBn 
witz, Polehraditz, Pralitz, Polau, PribitZj 
Rossitz, Räkowitz, Rackschitz, Robatec, 
witz, Schäckowitz, Saitz, Schaidowitz, Si 
lowitz, Skalitz, Swetlau, Swatoborschitz 
witz, Tracht, Tscheitsch, Tumitz, U: 
Wacenowitz, Wessely, Wischenau, Woati 
Wistemitz. 

' Piusaner Acteu im MQuchener Bsiduarchir. 



247 



Sie behielten freilich nicht alle Hauehaben fUr längere 
;; manches Haus mussteu sie ein zweites-, ja selbst drittes- 

kaofen und einrichten.* In ihren Sendbriefen geben sie 
Namen der Haushaben oft nur in verdeckter Weise an. 

grossen Euch,' schreibt Hans Ämon, ,die Kindlein Gottes 
dem Orte, da der Oswald haushaltet und die Marti kocht 
chlawitz), aus der Stadt, da die Küchel im Keller ist und 
Iser haushaltet (Gostal), die in dem Dorf, da der arme 
th ist und wo der Leonhard zuletzt hausgehalten hat'. Die 
euteudsten unter deo Haushaben mochten jene gewesen 
, die sie bis zum Augenblicke ihrer Vertreibung in Mähren 
ihatten und aus deren Vertreibung ihre Chroniken aus- 
:kliche Meldung thun. Dass damit aber nicht alle genannt 
, die sie im ersten und zweiten Jahrzehnt des 17. Jabr- 
derts besassen, lehrt ein Blick in die Terschiedenen, heute 
ich sehr selten gewordenen Bücher des Feldsberger Pfar- 

Christoph Andreas Fischer, der ihre Häuser mit Tauben- 
ein vei^Ieicbl, in denen sie ,all' ihren Mist, Koth und Un- 
i' abladen, und der dann auch ein Buch wider sie unter 
1 Titel ,Der Hutteriscben Taubenkobel' geschrieben bat. In 
en ,54 erhebhchen Ursachen, warum die Wiedertäufer nicht 
Land zu dulden seien' nennt er ,Uber die 70 Haushaltun- 
, Meierhöfe und Wirtbscbaften, in deren jeder mau vier-, 
- bis sechshundert Personen finde, ja in einigen sogar 
lend, als zur NeumUbl, Priwitz u. s. w., unangeseben die 
erhöfe, Mublen, Brauhäuser, Gärten, Schäfereien, Ziegel- 
iel, die ihnen die Herren verordnet haben'.* Er macht den 
iSrden Angst vor ihrem Wachsthum; sie wUrden es, wenn 
nur einmal ein Schloss oder eine Festung in Mähren in die 
ide bekämen, nicht anders machen als vordem ihre Qe- 
lUngsgenossen in MUnster. Im Hinblicke darauf war den 
igkeiten des Landes in der That das Zusammenleben der 
idertäufer sehr unbequem und schon mehr als zwei Men- 
Bnalter zuvor das Verbot ,der Gemeinschaft' erlassen wor- 
.' An einer anderen Stelle sagt Fischer von ihnen: ,Die 
stUchen sind ihnen ein Dorn im Auge; weder eine Kirche, 






: tu 
, Uli...! • 

1 1.-^ I. 






cb eine Kapelle fiadet man bei i 
imal in die 70 stattlichstea Höf 
Wen.' * Wie sich das Leben und ' 
Mähren gestaltete, darüber haben 
hrzebnte keine genügenden Äufzei 
3 der Mitte des 16. Jahrhunderte 
serer Religion, Lehr und Glaubens 
: Huterischen nennt, ausgegangen 
)t hierüber keine volktttndige Äusl 
Ueber die Anlage der einzelne 
lige Andeutungen bei Fischer. In 
n der Wiedertäufer mit Taubeuk< 
ie diese ganz frei und am besten 
eh die Häuser der Wiedertäufer an 
n Orten. Wie die Taubenkobel 
ben, durch welche die Tauben ein 
eh der Wiedertäufür Häuser und 1 
n. Ein Taubenkobel ist inwendig \ 
s Tauben sich auflialten kUnnen, a 
inkel voll mit Wiedertäufern, ja ai 
i Daches. Das ist doch wohl so zi 
e grosse Anzahl von Stuben and ] 
iben fUr die gemeinsame Arbeit in 
n (erwähnt werden in den Send 
ollstabe,' die Backstube u, a.), fll 
.mmern iUr die einzelnen Ehepaa 
iidern. Eine Hanshabe musste den 
li bedeutenden Umfang haben und 
r sonstigen Insassen einer Ortscha 
n; daher die fortwährenden Klage 
I BchOuBten Häuser' u. s. w. Dai 
eben grossen Stuben in jedem Ha 
in befanden, ersehen wir auch aus 
renpreis, in dessen Tagen sich die 
rtäufem schon anfzultisen begann: 
l er aus, Jetzt müssen sie nit nur ] 
icheln und jedes seinen eigen Herc 

M UnBchen, S. 110. 

Den Seh weitem io der ,B*<iniwolbtab«n* 

OrüMie, LknzBiutiel und Fseser den Sehn 



'erfolgten und Verji 
i, bis Oott uns wiei 
Vor der ganzen W 
miese guter Zeiten 
Was die Gemeinscl 
[iche wobl schon to 
in seinem zweiten 
itet: ,Wa8 Handel' 
seinen Vorgesetzte! 
in und anderen Seh 
Iten' Klingenschmiec 
■m, Schustern, Rothj 
Uten, Bäckern u. s. 
ir, von denen dies n 
jVorgesetzten', wie 
In dem Briefe, dei 
□Schaft in Wien an 
iten in der Qemeii 
er Schul, im Backe 
,Der „FUr^eatellte", 
über das Volk unc 
Q Handwerk gehört 
nd nimmt die .geleii 
nach ihrem billigen 
T, soweit es nicht z 
wieder In die Gern 
,AIle Handwerker i 
I die Gemeinde ven 
Jung anzunehmen.'' 



Für ein jedes Hai 
rird den Handwerl 

lirenpreU maclit liier eir 
uiDSchaft ca treiben', e 
in nns, dieweil ea ein 
Dl. 
>d. Q. J. VI. S8 (Gran), '. 



le vor vU underechidlichen Jaren in der Gtemain d 
1 von uneem lieben Altvätem, chriBtlich nnd vftterlich 
Tg nach, geordnet und geBchriben worden, die nothwc 
in Punkten herauszuziehen and jede Oattung zusonun 
tzen, damit solche fUeglich den Briledem möge filrgeb 
werden zu der Gemain Besserung,' ' 
In den alten, noch aus Mähren stammenden Ordnung 
es einzelne Punkte, die fUr die Verhältnisse in Unga 

mehr passend waren, ein Grund, um sie zu ändei 
> 1640, den 13. Martj, die fUi^estellten Mulner ztiBammc 
iert und irer Ordnung halber mit inen geredt, was m 

Zeit notwendig erkennt hat,'* 

Es war ein Verdienst des Wiedertäuferbischofs Andre 
ipreis, der durch dreiund zwanzig Jahre ,als rechter, fro 
treuer Hirt' seines bischöflichen Amtes waltete und i& 
ibatisch starb, dass er die Ordnungen sammeln liess. f 
n eich in dem Codex Q. J. VI. 26 der Graner Primati 
ithek und wurden 1640 im Monate Februar geBchriet» 
nthält 142 paginirte Blätter in S" mit einer Anzahl v 
In, die von Ehrenpreis selbst eingelegt wurden, und wur 
l>ri3 Joseplii Heinrich 1775 an die Graner Bibliothek s 
len. Das Motto ist der bekannte Wahlsprach Balthae 
anier's: ,Die Wahrheit ist untudtlich/ Nebst den eiof 
1 Zetteln hat Ehrenpreis den grösseren Theil des Inhal 
ntlich Alles, was die Zeit von 1633—1642 betrifil, seil 
irieben. ' 

findet sich die Ordnung fUr die , Diener des Wort 
enthält die Festsetzungen für die Diener ,dr&u 

sen im Land', 
Mit den Haushalten! zu reden. 
jAnno 1642 den Haushaltern auch diese dr 

Punkte gesagt worden,' 
Schuster Ordnung vom 9, December 1561. 
: „ „ „8, Jänner 1591. 

Einkäufer Ordnung anno 1G39 den 31,Octobn 

eichichtsbOcIier, 8, 462. 

bscbriit mit Beschreibuug der HandKlirift iu dar v. Beck'schen SvoB 



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i von Nöthen ist und wie viel Pereonen er 1 

Die miiss man ihm lassen. Wenn der H& 
tiim ist, so soll man seinon Oe^ilfea ohne al 
ch sowohl folgen als ihm selbst.' 
lälter ist schuldig, ,frah und spät, bei Tag i 
und Wacht mit Fleiss auf sich zu nefamei 
zu sehen, dass alle Anstellung und Arbeit 

den Amtleuten, Gehilfen und Weinzierlen 
lentlich angestellt werde.' ,Die Haushältcr 
ül nachsehen, dass der SUnd' und allein 1 
werde und es allerorten recht und wohl 
rheit soll er im ganzen Hause nachsehen, ' 
erstatten bestellt ist, auf dass kein Feuer s 

oft in die KUche gehen und die Speisen sei 
mken, Alten und Kinder stehen unter seiner 

Er hat Acht zu geben, dass einem jeden ni 
ind seiner Nothdurfl gereicht werde. Mit ( 
' Raths zu pflegen, mit ihnen freundlich um 
t ein jedes Wort oder "^ 
sonders darauf sehen, d 
Trank gleich zugehe, d 
nd Fleisch geben, Woll 
fs Feld tragen, so köi 
t ihre Sache, darauf zu 
as Besonderes aufbrin| 
. dgl.' ,Des Weines 1 
ein Jeglicher baut, wii 
I damit handle.' ,Sie i 
träger" die Gäste nich 
j rasch bedienen, wie 
' jeden Jahrmarkt lauf 
lit erlaubt werden. Hi 

Vieh, Weingärten oder 
äen Rath der Aelteste 
gespärig und geschm« 
ade Sachen, und viel 



n^ der Fuhrleute. Andre 1 
in, Fol. 121. 



257 

Bcblechte Kunst, und ist dasjenige, so man ergpart, gleich 
tt, als mftD es erst gewinnen soll und muss.' 

Kein Eaushälter soll ,ein tadelhaftigea Ross als gut ver- 
;d, denn ea kann mit gutem Gewissen nicht geschehen'. 
Schuldenmacben soll ein Jeder eich hUten, sei es, dass er 

oder Getreide ausleiht, denn meistens bat man nichts da- 
ils Feindschaft und Schaden.' 

Wenn der Haushälter Häuser oder Guter kauft, ,bo11 er 
ches vorher äeissig austragen, verbriefen imd verschreiben 
Q, dieweil wir oft mit Schaden gewitzigt werden'. 

,Das Bauen soll mit gutem Rath geschehen; kein StUbel 

keine Kammer soll zur Küchel gebaut werden, um da- 
t etwa Gastereien su halten.' ,Den Handwerksleuten soll 

nicht so gemeine Kämmerlein machen, sondern wo es 

that, soll ea mit gutem Rath geschehen.' 

Von denen, die aasgesandt werden, ,bo11 die Zebrung 
ig abgefordert werden — es ist der Ordnung wegen, nicht 
Misstrauen'. 

,Alle 14 Tage hat der Haushälter das Geld von den 
Iwerkem einzufordern und Niemandem gestatten, ohne 
abnis auszugeben.' 

Er soll Jeden verhalten, ,äeiasig aufzuschreiben, was er 

Herrschaft leistet, damit nicht einer Über den andern 
e'. Er achte darauf, dass Niemand ,sich mit Arbeit über- 
ne', dass ,die Handwerker vor allem anderen die Gemeinde 
rt versorgen; denn etliche streben nur gern nach auswärts 

sagen dann, sie können die Gemeinde nicht versorgen'. 

Die einzelnen Handwerker, Riemer, Sattler u. s. w., haben 
ächst noch die alten Zeuge zu bringen, falls sie noch aos- 
jssern sind'. 

Von den Hausbälteni soll einer dem andern treulich hei- 

sie sollen die Neuankommenden gut versot^n und darauf 
»n, dass die Jugend, Buben und Dirnen, in der Furcht 
tes erzogen werden. Der armen Verwaisten mögen sie sich 
ehmen. Jedermann billigen und freundlichen Bescheid sagen 

die Schlüssel zu dem Eigenthum der Gemeinde weder 
« Weibern, noch ihren Kindern tlterlassen. Eine Glosse 

späterer Zeit f%t hinzu, ,sie sollen diese auch nicht mit 
serer, daher anstössiger Kleidung versehen'. ,Ihre Weiber 
en in der Spinn- oder Kindsmutterstube sein.' 

bcU'. LXUL Bd. I. Hline. 17 



,Vor achtzig Jahren,' Bchrcibt 
it des Blilthestandes der Clemeincl< 
ng der HauBhlÜter geschrieben wo: 
res, beseeres Bettgewand, d. h. ] 
Br,' fUgt er klagend hingu, ,babi 
idern sie verseifen eich, ihre Fr 
lönsten und besten Linnen, die ei 
Lch die Bemerkung, dase die Haus 
m nit zu ihren Betten gewöhnen 
er lächerlich seien, was einem Bp 
imeinde Trauer und Schmach erze 
iterer Zeit stammen. Die Haush) 
38 ,die Weinzierle nicht so lange 
m im Felde bei den Arbeitern 
;sen gar wohl, dass es ein gemein 
g Drescher in der Woche 3 Uuth 
Lher in einem Tag eine Fuder Hc 

Es ist Sache dee Haueb&lters 
B FeldfrUchte rechtzeitig geschnitt 
rden. Auch das Qras muss man 
sen, denn wenn es in die Stengel 
:ht geniessen. 

,Der HauehtUter soll fleissig acl 
junge Dirnen braucht und sie ii 
d herschickt: man mdge vielmehr 
nutzen, die man dann auch brau 
ink wird.' 

Junge Haushälter sollen sich i 
laften und Amtleute hängen, so d 
:sen nicht unterscheiden kann'. , 
linde und ihr Recht Rede und Ai 
gewiss immer Feindschaften ge 
ier darauf bedacht, vorfallende Gi 
lassen und wachsendem Schade 
nger zu sehen.' 

,Mit Essen und Trinken sollen 
d gebührlich halten, weil sie der 
ben; namentlich im Trinken Bollen 
SeisBen, dass man des Morgens i 
er den Wein nicht an ihnen spUn 



259 

^Eio jeder soll, was ihm von der Gemeinde anvertraut 
ist, als daa theuerste anseheD und als seinen besten tichatz 
betrachten. Wie ist es ein gut und gross Ding um einen klu- 
gen und treuen Hausbalter.' 

,Und haben die lieben Altväter vor langer Zeit die 
Hausbälterordnung mit dem beschlossen, dass, eo eUiche 
sich um unsere Befehle nicht kümmern, es auch kein Wunder 
3^, wenn der Herr den Segen nicht gibt.' 

In diesen Punkten ist die wesentliche Thlltigkeit der 
Haushälter gezeichnet Aus der letzten Anmerkung ist ersicht- 
lich, dasB es in der Hauptsache die Satzungen sind, die wäh- 
rend des Aufenthaltes der Wiedertäufer in Mähren gegolten 
haben. Im Jahre 1640 wurde eine Zusatzordnung erlassen, die 
'20 Funkte umfasst und die Haoshälter zu einer genaueren Be- 
ao&icbti^ung der Fei darb citer mahnt ,I)er Haushälter soll 
täglich wissen, was ausgerichtet werden kann, damit man nicht 
eine ganze Woche an dem hängt, was in zwei oder drei Tagen 
gerichtet werden kann.' ,D!e Haushälter sollen auf Getreide, 
Mehl, Sehrot, Kleie und Futter Achtung geben und bedenken, 
dass man durch den Winter gelangen kann.' ,Wenn die Haus- 
hälter bei einander sind, so sollen sie vom Nutzen der Ge- 
meinde und dem, was ihr Noth thut, reden, den jungen Haus- 
hältem 2ur Nachahmung, und alles unnütze Gespräch unter- 
lassen.' 

5. Capitet. 

Au »inselneu Handwerkfln. 

1. Verbotene oder nur bedingt erlaubte Handwerke. 

Nicht alle Geschäfte durften von den Tanfgesinnten be- 
trieben werden. In Peter Riedemann's , Rechenschaft' ' lesen 
wir: jKrämerei und Kaufmannschaft zu treiben unter uns, ge- 
statten wir keinem, dieweil es ein stlndiger Handel Ut; wie 
denn der weise Mann sagt: Ein Kaufmann und Krämer kann 
sich schwerlich bewahren, dass er nicht sUndigt, und wie sich 
il einzwängt, also die SUndo 
larum gestatten wir keinem, 
a kaufe, wie die Kaufleute 

Tiubenkobe), S. 51. 



260 

und Krämer zu thun pflegen. Aber einem^ der kauft zur 
Nothdui'ft seines Handwerks^ um dieses damit zu treiben, und 
das, was er daraus gemacht, wieder zu verkaufen, das acht^ 
wir niclit für unbillig. Das allein halten wir für unrecht, wenn 
einer was kauft und gleich dieselbige Waar', wie er sie kauft, 
wieder verkauft und seinen Gewinn und Uebemutz davon 
nimmt und dem armen Mann die Waare vertheuert und ihm 
das Brot vor dem Mund abschneidet, so dass ein Armer nit 
mehr als der Reichen Knecht sein kann.^ 

Nicht anders war es mit dem Wirthsgeschäfi ^ ,AQch 
lassen wir unter uns keinen zu, dass er ein offener Wirdi sei, 
Wein oder Bier schenke, dieweil alles unzüchtige, ungöttliche 
und verderbte Wesen dabei geschieht und alle trunkenen und 
unnützen Buben da zusammenkommen und ihren Muthwillen 
treiben. Ein Wirth kann sich, wie der weise Mann sagt, der 
Sünde auch schwerlich entifalten. Das aber thun wir und ist 
auch recht gethan, wenn Jemand über Feld kömmt und nit 
weiter weiss und kann und zu einem unserer Brüder einkehrt, 
so nimmt ihn dieser auf, beherbergt ihn und dient ihm, so gut 
er immer kann, aber nit ums Geld, sondern frei umsonst. Abo 
finden wir auch, dass die Heiligen gethan haben und gastfrei 
gewesen sind.' 

Auch das Schneiderhandwerk durftie nur unter gewissen 
Einschränkungen betrieben werden. ,Mit allem Fleisse,^ sagt 
Riedemann, ,sollen und wollen wir unseren Nächsten dienen, 
mit allerlei Arbeit zu seiner Nothdurft, und dass Gott darin 
gelobt und unser Fleiss erkannt werde. Was aber allein zur 
Pracht, zum Stolz und zur Hoffart gereicht, als „zerschnittene, 
verbremte und ausgestochene" Werk, das machen wir Nie- 
mandem, auf dass wir unser Gewissen vor Gott unbefleckt er- 
halten.' * 

,DieweiI die Christen ihre Schwerter verschmieden oder 
hinlegen sollen, dürfen sie noch viel weniger solche mach^, 
weil sie zu nichts Anderem als zum Würgen, Beschädigen und 
Verderben der Menschen dienen. Darumben wir weder Schwert, 
Spiess, Büchsen, noch dergleichen Wehr und Waffen machen. 



^ Riedeinann, Rechenschaft, Capitel: ^Vom WirthS 
' Ebenda, Capitel: »Vom Kleidermachen'. Copie in der t. Beck^schen 
Sammlung. 



261 

Was aber zu Nutz und tauglichem Gebrauch der Menschen 
gemacht wird^ als Brotmesser, Aexte, Hauen u. dgl., mögen 
wir wohl machen und thun es auch. Wenn man gleich sagen 
kann, es mag damit auch der eine und andere erwürgt und 
get5dtet werden, so wird es doch nicht von uns des Erwürgens 
und Ttfdtens wegen gemacht Darum es au machen uns nichts 
hindert. Will es aber ja einer zum Beschädigen gebrauchen, 
80 geschieht das ohne unsere Schuld; darum möge er sein 
Urtheil tragen/* 

Weder das Schmiedehandwerk, noch die Schneiderstätten 
konnten somit zur vollen Entfaltung gelangen. Dem Schneider- 
handwerke stand das Gebot einfacher Tracht* im Wege. ,Der 
Schmuck der Christen besteht nicht in äusserlicher Pracht und 
Zier, im Umhang des Gh>ldes, Anlegung der Kleider und der- 
gleichen Aufputz, sondern in der Unverrückbarkeit eines sanf- 
ten und stillen Geistes. Derhalben die Christen ihren Fleiss 
auf äusseren Putz der Welt zu Gefallen nit legen sollen, und 
ist solcher Putz nit eine Zier der Christen, sondern ein Zeichen 
eines Unchristen.' 

Ueber die Tracht der Wiedertäufer in Mähren belehrt 
die Kleiderordnung und Weisung für die Tuchmacher, die auf 
dem Convente von Pribitz am 27. December 1605 beschlossen 
wurde:' ,Anno 1605 den 27. December zu Brywitz erkennt, 
dass man in gemeinhin in die Brüderröck' die Ermel nit weiter 
den vierthalb Viertl schneiden soll, einem alten Bruder aber 
ellenweit, und dass die Schöss' an den Brüderröcken in gemein- 
hin nit länger als eine halbe Ellen lang und aufs weitest 
anderthalb Glocken sollen geschnitten werden. Einem alten 
Bruder aber mag man die Schöss' um zwei Finger länger 
machen. Was aber die Brüder des Worts belangt, denen soll 
man's machen, wie es jedem in seiner Ehr*, Weis', Alter und 
Dienst vor dem Volk zu stehen geziemt^ 

,Die Hosen sollen fürhin weder oben noch unten umb 
die Ejiie so (zu) weit geschnitten werden. Sie dürfen umb 
die Knie nit eingezogen oder gefaltet sein oder überhangen. 



' Riedemaim, Rechenschaft, Capitel: ,yom SchwertmachenS 

' Ebenda, Capitel: ,yom ganzen Tracht, Wandel, Qeschmuck und Zier 

der Christen^ 
* Cod. G. J. VI, 26, in Oran, Fol. 26. Einlegeblatt Copie in der t. Beck- 

schen Samnilnng. 




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263 

In Wirklichkeit stand das Tucbmachergewerbe der Wie- 
dertäufer auf einer sehr hohen Stufe; ihre Tücher waren ausser- 
ordentlich geschätzt; so dass man nach ihrer Vertreibung aus 
Mähren danui dachte, gewerbst&chtige Niederländer ins Land 
zu rufen, um den so wichtigen Erwerbszweig auf der alten 
Höhe zu erhalten. 

2. Erlaubte Handwerke. 

Den andersgläubigen Handwerkern bereiteten die Wie- 
dertäufer in Mähren eine äusserst scharfe Concurrenz, der jene 
schon aus dem Grunde nicht gewachsen waren, weil, ganz ab- 
gesehen von den viel einfacheren Lebensverhältnissen und Ge- 
wohnheiten, die Productionsmethode in den einzelnen Hand- 
werken eine einfachere war. EUer ging Alles auf den Gboss- 
betrieb aus, und die einzelnen Handwerker arbeiteten einander 
in die Hände. Es war strengstens untersagt, ein Rohproduct 
wo ander» als von den Wiedertäufern selbst zu nehmen, vor- 
ausgesetzt, dass es vorhanden war.^ So wurden aus den 
Schlächtereien die Felle an die Gerber abgeUefert und von 
diesen zubereitet an Sattler, Riemer und Schuster geliefert. 
Elbenso war das Verhältniss zwischen den Baumwollstuben und 
Webereien, den Tuchmachern und Schneidern u. s. w. Nur 
wenige Rohproducte, wie Eisen, feinere Oele u. a. wurden aus 
der Fremde genommen. Im Einzelnen wurde das Gewerbe im 
Qrossen betrieben, denn für ihre Producte: Messer, Sensen, 
Beuteltücher, Tücher, Schuhe u. s. w. fanden sie nicht allein 
an den eigenen Brüdern, sondern an den übrigen Nachbarn 
fleissige Abnehmer. ,Sehe ich,^ fragt Fischer, ,nicht alle Sonn- 
und Feiertage, sonderHch des Morgens, die Leute haufenweise 
zu Euch gehen und ihren Bedarf von Euch kaufen?^ ,Und 
das ist,' fügt er bei, ,nicht allein zu Feldsberg, sondern allent- 
halben im Land der Fall. Daher die lebhaften lüagen, dass 
die KathoUken neben ihnen nicht aufkommen, dass ihnen die 
Wiedertäufer das Brot vor dem Mund wegschneiden.' Diese 
Klagen hatten zur Folge, dass am 23. März 1601 ein förm- 
liches Mandat gegen die Wiedertäufer für Ober- xmd Nieder- 



^ Das galt aach von anderen Producten, s. Geschichtsbücher, S. 463, ,die 
Fenster nicht bei den Juden oder Qlasem machen zu lassen*. 



264 

Österreich erlassen ¥nirde, ^ ^dass die Landherren in Oesterreich 
die Brueder^ wo sie in Müelen oder andern Orten unter ihnen 
wohnen^ Urlauben sollen^ und wo ein Herr sie über das weiter 
aufhalten wurde, soll er in kaiserliche Straf und hohe Un- 
gnad' fallend 

Das Mandat, erlassen ,aus Angaben der Jesuiten^, hatte 
nur geringen Erfolg. Auch sind die Angaben, dass die Wie- 
dertäufer zu den gemeinen Lasten nichts beitrugen, falls sie 
sich, wie in dem Buche von Fischer, auch auf die mährischen 
Wiedertäufer erstrecken, durchaus unrichtig. Die Besteuerung 
der wiedertäuferischen Haushaben war eine ziemlich bedeu- 
tende.^ Dass man die anderen Handwerker aufsaugt, leugnet 
Claus Breutel entschieden. ,Wir müssen,' sagt* er, ,un8 wehren 
mit täglicher Handarbeit und nicht mit Müssiggang. Wir be- 
gehren einem Jeden, was er kauft, umb sein Geld zu ver- 
gnügen, und wenn die Leut' nicht um ihren Pfennig vergnügt 
wären, so würden sie uns lange nicht zugehen.' ' Damit er- 
ledigt sich der Vorwurf Fischer's: Den Handwerksleuten schlagt 
Ihr den Preis so hoch an, dass sie neben Euch nicht arbeiten 
können. Die Wiedertäufer dagegen sagen, dass sie nur die 
gebührlichen Preise verlangen. Allerdings, ,wie sie eine Sache 
bieten, so muss man sie nehmen'. Aber sie sahen ihrerseits 
strenge darauf, dass nur gute Waare zum Verkaufe gelangte. 
,Die Klingen,' heisst es in der betreffenden Ordnung, ,die man 
als mangelhaft erkennt, soll man nit verkaufen, auch unsaubere 
Arbeit nicht so theuer geben als andere.' ,£inkaufer und Zu- 
schneider sollen nach der Oemein Sinn und Ordnung daraaf 
sehen, dass gute Arbeit ausgegeben werde, damit der Gemein 
guter und ehrlicher Name nit verloren gehe oder verlästert 
werde, auch die' Leuf nit um ihr Geld betrogen werden.'^ 
Den Scheidenmachem wird eingeprägt, den möglichsten Fleiss 



^ Fischer, ,64 erhebliche Ursachen*, 21. Andere Dracke bei J. r. Beck, 
Geschichtsbflcher, S. 832. 8. oben 8. 196. 

'JBezflgUch der Steuern s. xnnächat ihre ,ErkUning an die liihriBchen 
Herren', QeschichtBbflcher, 8. 169. Besteuerungen aus den Jahren 1675 
(ebenda, 8. 276, von jeder Person ttber 10 Jahre 4 weisse Groschen), 
1679 (ebenda, 8. 273), 1582 (ebenda, 8. 282), 1694 (ebenda, 8. 320), 
1698 (ebenda, 8. 326, 327) n. a. N&heres darüber oben. 

s Fischer, Antwort, P. II. 

^ Einkäufer-Ordnung von 1639. 



265 

aumwenden, daas die Scheiden fein säuberlich und gut ge- 
macht werden y ^dieweil die Scheide das Messer ziert und 
schändet^ ^e Messerer sollen auf saubere Arbeit halten^ da- 
mit die Lent* um ihr Geld^ dieweil die Messer in hohem Preise 
stehen^ etwas Ordentliches eriialten/ ^Man soll den Leuten nicht 
ungarisches oder schlesisches Eisen statt des steirischen hin- 
ausgehen^ denn daraus entstünde Lästerung und es wäre nit 
Recht Auch yerschlägt man sich damit die Arbeit/ In diesem 
Sinne lauten die Weisungen ftir alle anderen Handwerke.^ 

Die für die einzelnen Handwerke verantwortlichen Auf- 
seher sind die Einkäufer, Austheiler (oder Zuschneider) und 
Vorgestellten. Allen sind in den Ordnungen die genauesten 
Weisungen ftLr ihr Verhalten gegeben. Die Einkäufer sollen 
bei grossen Eläufen mit einander Rath halten und nicht gegen 
einander auf Vortheile bedacht sein. Mit dem Gelde haben 
sie sorgsam und ^gewahrsam^ umzugehen und darauf zu achten, 
dass man mit den erhaltenen Stoffen gebührend verfahre. ,Weil 
dem Einkäufer ein grosses Gut anvertraut ist, so sollen sie mit 
dem Einkaufen nicht Uederiich und unachtsam sein, Handels- 
leuten, Fleischhauern und Juden nicht allzuviel trauen und 
nicht eigensinnig nach ihren eigenen Köpfen, sondern nach 
dem fiathe der Aeltesten handeln. Solchen Rath sollen sie auch 
dann nicht verachten, wenn er ihnen nicht gefällt. Empfange- 
nes Geld ist dem Haushälter zu übergeben. Sie sollen das 
Gteld Niemandem, auch ihren Weibern nicht, anvertrauen, son- 
dern sich mit den Aeltesten und Haushältem ins Einverneh- 
men setzen. Der Einkäufer beaufsichtigt die Vorgestellten, nimmt 
die Vertheilung der Rohwaaren vor und sieht darauf, dass 
diese ihrem Zwecke auch zugeführt werden. Die Arbeiter 
dürfen von dem ihnen zugetheilten Stoffe nichts ins Eigenthum 
nehmen und nichts verkaufen. Die Einkaufer sorgen dafür, 
dass das Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben er- 
halten oder zu Gunsten jener verschoben wird; sie sollen über- 
haupt ,fleis8ig in den Werkstätten nachsehen, wie man mit den 
Sachen der Gemeinde umgehet Die Eläufe von Rohproducten 
waren oft sehr bedeutend. Zu Protzka allein kamen eines 
Tages 20 Wagen mit eingekauften Rohstoffen an, ,so dass es 



^ Soweit man eben aas den noch erhaltenen Ordnungen zu erkennen 
vermag. 



266 

in der ganzen Nachbarschaft Aufsehen erregtet Eben darum 
sollen solche Käufe nicht ohne Wissen der Aeltesten der Ge- 
meinde vollzogen werden. ^Es hat sich zugetragen, da» ein 
einziger fUrgestellter Schmied zu Wessele bei einem Eisenkanf 
bei 1200 Gulden rh. Schulden gemacht hat und von den Leu- 
ten Qeld geUehen, von einem Juden allein 100 Gulden, und 
die Gemein damit zu Schaden gekommen/ ^ Wegen des ^schk- 
sischen und ungarischen Eisens soll auch ein Jeder Aufinerk- 
samkeit haben, da es nicht so gut ist als das steirische, wie- 
wohl es wohlfeiler ist. Im Hofe soll nicht viel unnützes Eisen- 
zeug hegen; man möge bedenken, ,da8s Eisen und Kohlen in 
einem hohen Preis seiend ,Mit Rossecuren sollen die Schmiede 
sich nicht abgeben: wenn ein Ross umstünde, würde das Odd 
der Gemeinde zugemessen werden.^* 

Unter dem Haushalter stehen die Ausgeber (Zuschneider); 
sie sollen ihnen zur Hand sein und bei der Arbeit helfen. Das 
Geld, das sie fUr Tücher und andere Waaren lösen, sollen sie 
nicht heimlich behalten. Sie dürfen ,unseren Leuten', wenn sie 
wandern, nicht ungeschnittenes Tuch mitgeben, damit sie es 
nicht lu anderen als den bestimmten Ding^i verwenden und 
dann an den Orten, wohin sie wandern, neues verlangend Die 
Zuschneider theilen wohl die Rohproducte aus, dürfen solche 
aber nicht einkaufen; sie nehmen das Qeld in EmpfSuig und 
stellen es alle vienehn Tage dem Einktafer (oder Hausbalter) 
au. Von den einaefaien HandwertLem rnuss der Cklderlös dem- 
nach mindestens alle vienehn Tage abgdiefert werden. Ak 
Kegt^l gilt übrigetnss ,dass nidit jed^r einzelne Schuster, son- 
dern der Zuschneider das Geld von den Baaem in Empfiu^ 
nimmt Die Ausgeber müssen genau veneichnen, was jedem 
einaelnen Bruder und jeder Schwester an leinenem und woOe- 
neitt (Wwmnd ankommt; aach kaboi sie darauf zu sehen, dass 
dit> ahea Kleider nicht toq den Sdiaben aeifressen weiden. 
W^MAtt Brdder sterbi^i« mftss«& sie dcven Gewandung und 
^^Vrka«Mtg1^ eittfordeni. Fetaere TttdiO' und Leinwand und so 
a«c)i die be«s$«ren und the^ereii Waarea soUeii sie nicht her- 
am^^t^hen. «line die Aehe^ten ra Ralke wm sieli^L Die Ans- 
S^Wr $v4lett beim Verdtetk« der Gewladcr nidit nach Oonst 







267 

vorgehen, sondern nach Billigkeit, ,denn nicht ihnen, sondern 
der Gemeinde gehören die Sachen, die sie in ihren Händen 
haben'. Sie sollen stets die Stuben selber sperren und die 
Schlüssel an sich nehmen. Beim Vertheilen seien sie nicht 
grob gegen die Jüngeren, diese müssen dagegen etwaige Ver- 
weise gut aufnehmen. Des Morgens yerftkgt sich der Ausgeber 
,fein bei Zeit^ in die Spinnstube (beziehungsweise in ein ande- 
res Handwerk), damit die Nachlässigen Furcht vor ihm haben. 
Er achtet darauf, dass in der Weberstube fleissig gewirkt 
werde, die Tuchmacher darob seien, dass die Tücher die 
rechte Breite und Länge haben. Ebenso ins Einzelne gehend 
sind die Vorschriften fllr die Voi^estellten ^ der einzelnen Hand- 
werke. ,Die Vorgestellten der Mühlen sollen darob sein, dass 
die Mühlen allenthalben gut eingerichtet seien und recht ge- 
ftLhrt werden.* 

Das MüUerhandwerk hatte neben dem der Tuchmacher 
und Messerschmiede einen ausgezeichneten Ruf. Wir wissen 
aus einem Sendbriefe, dass die Müller bis in die Schweiz ge- 
sandt wurden, um dort die verschiedensten Arten des Betriebes 
kennen zu lernen.* Die Vorgestellten haben den Lohn an Geld 
und Zugehör fleissig einzutreiben und nicht ausstehen zu las- 
sen, bis zu viel zusammenkommt; sie haben ihn dann dem 
Betreffenden zuzustellen und in die Zettel eintragen zu lassen. 
Bei den Mühlen sollen die Vorgestellten ihre Hausarbeit, vrie 
Holzhacken, Gi'asmähen, Heumachen, Graben in den Gärten 
und andere Arbeiten ,nieht verlohnen, sondern es mit ihren 
Leuten selbst thun, damit das unnütze Geldausgeben unter- 
weg bleibt*. 

Auf die Neuankommenden und die Buben ist besonders 
zu achten, dass sie redlich und fleissig seien imd zur Frömmig- 
keit und zum Handwerk angeleitet werden. ,Man soll sie nit 
schlagen und raufen oder sonst grob mit ihnen umgehen. Der 
Fürgestellte soll sie in seinen Schutz nehmen und darauf sehen, 
dass sie das Lesen und Schreiben nicht vergessen.* Am mei- 
sten ist daran gelegen, dass sie zu einem ehrbaren Wandel er- 
zogen werden. Neuankommende werden von dem Haushalter 



^ Zu Zeiten sind sie zugleich die Anstheiler. 

' Umgekehrt kommt 1660 ein Müller aus Bellinzona zu den Brüdern, um 
hier das Muster einer ,Ochsenmühle* zu holen. 



268 

empfangen; er gibt ihnen^ wenn es Noth thut, Kleidung and 
weist ihnen die Lagei*stätte an. Auf die Arbeit der jungen 
Handwerker ist besonders zu sehen^ damit sie »ch nicht an 
das ySchleudem^ gewöhnen. ,Die jungen Schmiede sollen an- 
gewiesen werden , fein und gut zu beschlagen, und allerifli 
saubere Arbeit zu lernen, damit das Schmiedehandwerk nit 80 
gar in Abgang kommt.^ Auch die jungen Haushalter sdlen 
sich gewöhnen, etwas zu arbeiten, anzugreifen, wenn sie lange 
Weile haben.' 

Es kam wohl vor, dass einzelne Werkstätten yiel zu gross 
angelegt waren; ,sollten sie ganz besetzt sein, so kann man 
die Menge der fertigen Messer nicht verkaufend Wenn dann 
in einem Handwerke weniger zu arbeiten war, mossten die 
Handwerker auch bei der Feldarbeit fleissig zugreifen. Die 
meisten Brüder waren wohl in den Werkstätten thfttig; aber 
sehr viele arbeiteten auch in Wald und Feld, nicht in der 
Gemeinschaft, sondern in der ,Ainöd^ Auch diese erhalten ihr 
Gewand von der Gemeinde; den Lohn an Geld mtL^en sie an 
diese abgeben und die freie Zeit, die ihnen bleibt, zu Arbeits 
für die Gemeinde verwenden. Viele waren Vorsteher in Privat- 
diensten der Brüder. Geyerspüchler bekennt am 29. Apiä 
1566: ,£r sei ein MüUner und in einer Mühl' und Maierho^ 
einem behämischen Herrn, Simon Helden, zugehörig, Zuseher 
und Obermüllner gewest.^ 

An Sonntagen durfte des Vormittags nichts verkauft wer- 
den: ,es verfügt sich ein Jeder zum Wort des Herm^ Ob sie 
des Nachmittags arbeiteten, ist aus den Ordnungen nicht er 
sichtUch. Wahrscheinlich nicht. Ihre Arbeit war keine leichte. 
Die Arbeitszeit dauerte vom Sonnenaufgang bis zum Untergang 
und war nur des Mittags durch eine Stunde Rast unterbrochen,* 
in der sich die Handwerker in die Esstuben verfügten. 

Bei ihrer harten körperlichen Arbeit wai' es nöthig, dass 
sie in entsprechender Weise genährt werden. Von ihren ge- 
meinsamen Mahlzeiten ist schon gesprochen worden; auch Ür 
jene Leute, die sich als Feldarbeiter, Weinhüter, Maarer, Zim- 
merleute u. s. w. nach auswärts verdangen, musste in entspre- 
chender Weise gesorgt werden. Ueber die Art und Weise, wie 
dies geschah, belehrt eine ,Ordnung^ aus dem Jahre 1569. 



^ Ordnung der Haushälter 



269 

^Damak ist die gross teuerung angangen^ dass im 1570 lar ein 
laib brot 45 kreuzer gölten hat/ In dieser Noth erliessen die 
Aeltesten am 19. September 1669 zu Altenmarkt eine Ord- 
nmig, ^wie die gemain zu unterhalten sei in dieser einfallenden 
Teuerung, damit man in die Weite gelangen möge^^ Es wur- 
den die Ausgaben in Küche und Keller u. s. w. wesentlich 
eingeschränkt, man wird aber aus dem Folgenden ersehen, 
dass die einzelnen Mitglieder immer noch reichliche Nahrung 
hatten: man kann wohl sagen reichlicher, als sie der Klein- 
bauer und Handwerker (auf dem Lande) heutzutage in ge- 
wöhnlichen Zeitläuften hat. 

,Da6 gemeine Volk,' heisst es in dieser Ordnung, ,erhält 
um 7 Uhr das Frühstück, zu Mittag ein Brot, zur Nacht wieder- 
umb (wie des Morgens) gekochte Speis', am Mittwoch ein Fleisch, 
und auch am Sonntag, wofern man's haben kann.'^ 

,D6n Hauern, Dreschern, Zimmerleuten und Maurern, den 
Schmieden und den „harten" Arbeitern ist in der Woche zwei- 
mal Fleisch, aber kein Bier zu geb^i, es sei denn, dass ihnen 
die Herrschaft Bier gebe. Sonst soll dies nur den Kranken 
und Dürftigen gereicht werden; den Arbeitern gebe man, so- 
weit es langt; dagegen lasse man ihnen „zur Marent" einen 
Käse zum Brot zukommen.' 

Dasselbe erhalten die Qerber und Müller. Wenn diese 
in der Nacht arbeiten, reiche man ihnen einen Trunk Bier. 
Handwerker, die in der Stube arbeiten: Weber, Tuchmacher, 
Kürschner, Sattler, Seiler, Hafner, Binder, Schuster, Wagner 
und Tischler erhalten zweimal die Woche Fleisch und zwei- 
mal Käse ,zur Marent^ 

Brüder, die im Hof ,8chlettem', Holz hacken u. dgl., 
sollen sich mit gemeiner Speis begnügen und hie und da zur 
Marent einen Käse erhalten. So sollen auch die Schneider, 
Säckler, Messerschmiede, Nähterinnen u. a. gehalten werden. 
Den Alten mag man dazu ein ,weich Brot^ und einen Trunk 
Bier geben, den Schwachen ihre Krankenspeise. Die ,gar* 
Schwachen, auf die man besonders aufmerken soll, erhalten 
einen Krag Wein; die tödtlich Kranken ,haben kein Mass oder 
Ordnung', sondern man soll ihnen reichen, ,was sie mögen', 



^ QescMclitsbttcher, S. 264. 

' Andre Ehrenpreis, Ordnungen. 



270 

nach den 
sehen und 

Den 
einem thei 
Kindsmutte 
Schwestern 
Lande, Br 
zum ander 
nur Bier g< 
einen Schh 

Das 
Bier, Wäcl 
halten in 
Bader und 
Woche zw 
Bier soll : 
geben. Vo 
in der Wo 
wird des 1 
eine Suppe 
oder, wenn 
Wein in di 

jDies« 
fUr den Wi 
Bchen wohl 
Gemeinde ' 
zelne Besti 
im Zusamn 

Wähl 
die Schule 
geschehen; 
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nen. Kein 
muss Tielm 
den. Kein 
gehen od et 
Muller dar 
oder verka 

Kein 
Anordnung 



271 

mit Speise und Trank versehen; das würde ihm nicht gut auf- 
genommen werden.* 

6. Capitel. 
Die Landwirthsohaft. 

Grossen Neid erregte es unter den andersgläubigen Nach- 
barn des Landes, dass die Barone mit Vorliebe aus den Wie- 
dertäufern ihre Gutsverwalter und anderen Bediensteten aus- 
wählten. Christoph Andreas Fischer schreibt darüber: ,Weil 
Ihr die Herrn in Märhem also habt eingenommen, dass sie 
Alles thun nach Euerm Rath und Angeben, weil Ihr von den 
Herren über alle ihre Wirthschaften zu Kästnern, Kellnern, 
Burggrafen, Müllnem, Schaff lern, Fischmeistern, Gärtnern, 
Förstern und Meiern gesetzt werdet, weil Ihr bei ihnen in 
grosser Reputation und Ansehen seid, also dass Ihr auch mit 
ihnen esset, trinket und dergleichen Favor von ihnen erlanget: 
heisst das nicht herrschen und regieren? Heisst das nicht die 
Christen verschlagen? Weil Ihr durch Eure Handwerk der 
Christen auch gar nothwendige Handwerk niederleget, dass 
auf drei oder vier Meilen, ja auch wohl weiter um Euch kein 
guter Handwerker gefunden wird und Ihr ihnen also das Brot 
vor dem Maul abschneidet, so sage mir, ist es wahr, dass Ihr 
aus dieser Ursache aus ganz Oesterreich vertrieben seid?^* 

Fischer hat mit seiner letzten Bemerkung nicht Recht, 
denn nicht aus diesem Grunde wurden die Wiedertäufer in 
Oesterreich nicht eingelassen: aber das ist richtig, dass neben 
den Arbeiten der Wiedertäufer der Wettbewerb der Anderen 
nicht aufzukommen vermochte. Den Herren, katholischen und 
utraquistischen oder protestantischen, empfahlen sie sich durch 
ihre unbedingte Treue und Gewissenhaftigkeit und durch die 

^ Wie 60 in späteren Jahren in der Gemeinde mit Speise und Trank ge- 
halten wurde, sieht man aus den Geschichtsbüchern. S. 467: ^Fleisch 
haben wir alle Tag übers Nachtessen; Morgens: die Woch ein-, zwei-, 
drei- oder viermal; anders nehmen wir mit Gemüs vorlieb. (Der Text 
ist hier offenbar verderbt.) Alle Tag über Essen zweimal ein gesohmeidigs 
Trankl Wein . . . Mit dem Brot, wie maus im Haus gemein hat, neh- 
men wir gern fürlieb. Lassen uns auch das ganze Jahr nichts beson- 
ders auflegen.* 

' (Aatwort auf die Widerlegung, so Claus BreuteP etc., Q. II., »Ursach, 
die Wiedertäufer nicht im Land sein zu leiden', p. 108, 125. 




274 



daher die übrige Zugehör, als Jungvieh, Hühner, Eier, Schmalz 
u. a. selbstwiUig in das Haus geben, wohin er das Jahr über 
die Kranken, Bresthaften, Schwangeren und die jungen Kin- 
der schickt.' 

Einnahmen und Ausgaben soll er genau verbuchen und 
sich nicht auf sein Gedächtniss verlassen. Mit den Haushaltem 
sollen die Meier fleissig berathen und weder Geld, noch Ge- 
treide verleihen. Ihren Frauen mögen sie nicht so viel Macht 
einräumen, dass man sagen kann, sie meistere den Meier. 

Der Adel des Landes sah in solcher Weise Haus und 
Hof, Aecker und Wiesen und die ganze Wirthschaft am besten 
versorgt und konnte vor Uebervortheilungen unbedingt sicher 
sein. Er brachte den Wiedertäufern daher ein unbegrenztes, 
von den Kathohken des Landes ungern vermerktes Vertrauen 
entgegen. Jetzt finden wir, klagt Fischer, dass sich Alles im 
Mährerlande mit den Wiedertäufern gemein macht; der hohe 
sowohl als der niedere Stand treibt mit ihnen Handel und 
Wandel. Nicht blos das: ,Sie essen und trinken mit ihnen, 
laden sie zu Gast, gebrauchen ihre Bäder, sie lassen sie in 
ihren Krankheiten zu sich rufen, nehmen Arznei von ihnen 
und vertrauen ihnen ihre Kinder aufzuziehen. Dass diesem 
also sei, bezeuget das ganze Land.'^ ,Sobald nur solch' ein 
Wiedertäufer zu einem mährischen Herrn kommt, so ist er 
der beste bei ihnen. Man begehrt seinen Geburts- oder Lehr- 
brief gar nicht einmal zu sehen; sie fordern nicht ab seine 
Kundschaft und sind schon mit dem zufrieden, dass er ein 
Wiedertäufer ist. Die sind die besten am Brett und ihnen 
werden Land und Leute vertraut.'* ,Also sind Etliche den 
Wiedertäufern geneigt, dass sie ohne diese weder essen können, 
noch wollen. Fahren sie aus, so müssen sie dabei sein, in 
ihren Rathschlägen und Geheimnissen sind sie die nächsten. 
Alles, was sie zu ihrem Hof bedürfen, muss bei ihnen gemacht 
werden, als wenn sie die allerbesten Handwerker wären. Sie 
handeln lieber mit den Wiedertäufern als mit den Christen, 
fahren bei ihnen ein und aus, suchen sie heim, bleiben bei 
ihnen über Nacht, rucken das Hütlein vor ihnen, geben ihnen 
die besten Worte und baden mit ihnen.' , Während die Chri- 



* 54 erhebliche Ursachen, S. Hb. 
« Ebenda, S. 84. 



275 

sten^ und oft vornehme Männer noch obendrein, bei ihnen (den 
Adeligen) eine Stund' oder gar drei in den Zimmern warten 
müssen, gehen die Wiedertäufer frei und unangesagt zu ihnen/ ^ 
^Dieses und anderes dergleichen kommt aus dem falschen Wahn 
und der Einbildung, als wenn die Wiedertäufer die allerbesten 
und verständigsten wären. Des 1605. Jahres haben sie allhie 
zu Feldsberg sich öffentlich rühmen dürfen, dass sie allein die 
auserwählten Kinder Gottes seien, denen die Herren alle ihre 
Herrschaften zu regieren anvertraut haben.'* ,So weit haben 
sie es schon gebracht, dass die Unterthanen zitternd und ihre 
Hüte in den Händen tragend vor ihnen stehen müssen.'' An 
einer anderen Stelle sagt Fischer: ,So grosse Freiheit geben 
die Herren den Wiedertäufern, dass sie in etlichen Aemtern 
gar keine Rechenschaft geben dürfen. Also hat ein stattlicher 
Landherr einem Wiedertäufer alle seine Weine ohne jede 
Raitung vertrauet. Sie kommen auch, wohin sie wollen, und 
trinken, soviel sie wollen.' Mit einzelnen Wiedertäufern knüpf- 
ten die Landherren in der That enge Beziehungen an, imd es 
ist wahr, wenn Fischer klagend ausruft: Sie sitzen mit ihnen 
an einer Tafel, essen aus einer Schüssel und trinken aus dem- 
selben Becher. Ja also spielen sie mit den Herren und der 
Grundobrigkeit, dass sie auch den wohlgeborenen Herrn Fried- 
rich von Äierotin unter sich ,Un8em Fritz' genannt haben.* 

Nach alledem wird man begreifen, dass der Adel in den 
Fällen, wo es die Austreibung der Wiedertäufer galt, nur sei- 
nen eigenen Vortheil wahrte, wenn er recht nachdrückUch zu 
ihren Gunsten eintrat. 

7. Capitel. 
Die Arsneiknnde und die Bader der Wiedertäufer. 

Grossen Zuspruches erfreuten sich ihre Bäder. ,Die ge- 
schwollenen Bader,' sagt Fischer, ,reiten im Lande auf und 



^ 64 erhebliche UrsMhen, S. 89, 90. 

' Ebenda, S. 92. 

' Ebenda, S. 93, 99, 101, 108, 113. 

* S. 11. Ureach, warum die Wiedertäufer nicht im Land zu leiden seien, 
S. 35. Gemeint ist der Landeshauptmann Friedrich von 2erotin, der 
den Wiedertäufern in Pribits die Haushabe einräumte; s. J. v. Beck, 
Geschichtsbücher, S. 247. 

18* 



272 

Einhaltung jener strengen Ordnung, zu der die Meier und ihre 
Leute verpflichtet wurden:* 

,Die Gedanken des Meiers sollen auf alle Werke, Orte 
und Winkel früh und spät gerichtet sein, was gut, ehrlieh und 
nutz sei, zu fördern, allem Gegentheil so viel als möglich sa« 
vorzukommen und es zu verhindern. Er sei der Erste aus 
dem Bett und der Letzte darin, wie es einem fleiaeigen WirÜie 
geziemt. Morgens und abends gehe er in alle Ställe und sehe 
ab und zu auch während der Nacht nach, ob nicht etwa eia 
Dieb vorhanden sei, ein nothleidendes StUck Vieh schreie. 
Sonderlich sei er wohl aufs Feuer bedacht. Er sehe fleissig 
auf Aecker, Wiesen und Gründe, zu welcher Jahreszeit und 
Witterung und mit welchen Mitteln auf ihnen zu arbeiten sei, 
achte auf die Gepflogenheiten anderer guter Wirthe, behandle 
die Leute mit gebührendem Ernst, leiste ihnen Hath und Hilfe, 
achte darauf, dass im Herrendienst nicht zu viel Geld au%ehe 
u. s. w. Er sehe auf die Roboter, dass sie ihre Dienste leisten. 
Die Fütterung soll zu rechter Zeit geschehen, das Gras nicht 
zu alt sein; denn namentlich die Schafe können das stenglichte 
Futter nicht vertragen. Heu und Streu soU man recht gebrau- 
chen, um auch in langen Wintern ein Auslangen zu finden. 
Wenn der Meier nicht im Felde zu thun hat, so soll er im 
Hofe arbeiten, an Dach und Thüren, im Stall und an den Zäu- 
nen bessern, die Meierin beaufsichtigen und „sich nicht in 
Müssiggang begeben, um nicht auch Anderen Ursache dazu 
zu geben". Es ist einem Meier eine grössere Ehre, wenn ihn 
der Herr nicht „in einem säubern Schürzel", das auf den 
Müssiggang deutet, sondern in kothigem Hemde findet' 

Der Herr soll nicht Ursache haben zu klagen: ,Der Meier 
bessert keine Lücke im Zaun oder keinen Schaden im StiJle 
aus, lässt das Geschirr im Freien liegen, lässt den Pferden su 
viel einlegen u. s. w. Das muss fürwahr ein fauler Kerf sein; 
denn wäre er ein rechter Bruder, dann wäre er auch im Fleisse 
anders, als er ist.' 

Im ganzen Lande berühmt war die Pferdezucht der Wie- 
dertäufer. Auch die Gegner sprachen mit Lob davon.* Man 

^ Was mit den Maiersleuten zu reden. ErstUch mit dem Müer. Aai 
Andre Ehrenpreis, Ordnungen 1690 (circa) bis 1666. Cod. G. J. VI, 26, 
in Gran, Fol. 101 ff. 

* Fischer, Antwort, O. 4. 



273 

entnimmt es den betreffenden Ordnungen, dass mam in den 
Haushaben und Meiereien der Wiedertäufer mit einer gewissen 
Vorliebe der Pflege des Viehes oblag, gewiss noch eine Erb- 
schaft aus der tiroiischen Heimat der Taufgesinnten. ,Wenn 
schon/ heisst es in der genannten Ordnung, ,der Meier über- 
all, hinten und vom, selbst daran sein soll, so soll er doch oft- 
mals des Tags in die Rosställe gehen, weil das Fümehmste in 
der Wirthschaft an den Rossen und dem Fuhrwerk gelegen 
ist. Da möge er zusehen, wie der Rosse mit Heu und ande- 
rer Fütterung gewartet wird. Er soll selbst nachsehen, damit 
sie nicht überfüttert und ihnen somit das Essen verschlagen 
werde. Desgleichen soll man sie in der Hitze nicht überwäs- 
sem, sondern wenn sie aus der Hitze heimkommen, eine Zeit 
lang beim Heu stehen lassen und ablöschen; dann erst möge 
man mit Aufmerken ihnen zu trinken geben. Es dürfen sich 
dann die Herren nicht eines etwaigen Schadens wegen bekla- 
gen und von uns keinen Ersatz verlangen. Sollte sonst ein 
Fuhrmann mit den Pferden in Stall und Acker grob umgehen, 
sie etwa aus Zorn mit der Streugabel schlagen, so darf es der 
Meier unter keinen Umständen dulden und muss mit einem 
solchen groben „Knausten" (Knechten?) ernsthaft darüber reden.^ 

,Was den Ackerbau betrifft, soll der Meier seinen Fleiss 
darauf verwenden, dass er jedes Feld unterschiedlich nach 
Grund und Boden kennen lerne, ob er sandig oder lehmig, 
lettig oder rauh, sperr oder geschlacht, ob er hoch oder tief 
oder wässerig sei; darnach muss die Düngung eingerichtet und 
die Ableitung des Wassers vorgenommen werden. Beim Ern- 
ten ist darauf zu achten, dass das Getreide nicht „überzeitigt^ 
ist. Beim Einführen und Schöbern hat der Meier selbst zuzu- 
sehen und zu helfen. Den Schlüssel zu den Scheunen hat er 
wohl zu verwahren, damit den Herren kein Schaden zuge- 
fiigt wird.' 

Was ,im Gedingt erlaubt wird zu mästen, es seien 
Schweine oder Ochsen, soll nicht von dem Eigen der Herr- 
schaft gemästet werden; auch soll man sich stets an die vor- 
geschriebene Zahl halten, damit die Herrschaft nicht argwöhnen 
kann, ,e8 gehe von dem Ihrigen^ Von dem, was der Meier 
flir sich erübrigt, soll auch nicht Alles verbraucht, sondern für 
die Bedürfiiisse der Gemeinde zurückgehalten werden: ,Er möge 
bedenken, dass der Lohn klein und die Kleidung theuer ist, 

Archir. JjXXXI. Bd. I. Hilft«. 18 



278 

gen, sonderlich in Schulen*. ,Wenn die Geschwistrigeten nicht 
zu rechter Zeit ins Bad kommen oder sich das Haar schneiden 
lassen, soll man ihnen nicht bösen Bescheid geben/ 

8. Capitel. 
Die Schulen der mährischen Wiedertäufer. 

Schon den Zeitgenossen ist die tiefe Missachtung der 
Wiedertäufer gegen alles gelehrte Wesen, die hohen Schulen 
und die einzelnen Gelehrten aufgefallen. ,Sind denn diese 
Wiedertäufer,* ruft Fischer aus,* ,nicht meistentheils Hauer, 
Bauern, Handwerker, gar grobe, fleischliche, unwissende, un- 
gelehrte Leute, vom gemeinen Pöbel zusammengerottet? Ver- 
achten sie nicht alle freien Künste, wie auch die heil. Schrift 
da, wo sie ihnen nicht taugt? Schlagen sie nicht alle hohen 
Schulen in den Wind? Vernichten sie nicht die gelehrten 
Leut*? Verwerfen sie nicht die Historien?^ Es ist viel Wahres 
an dem, was Fischer behauptet. In zahlreichen gerichtlichen 
Verhören und Sendbriefen an die Gemeinde in Mähren spra- 
chen sie ihre Verachtung gelehrten Wesens unbedenklich aus, 
ja selbst ihre gelehrten Richter und die zu ihrer Bekehrung 
abgesandten Geistlichen verschiedener Confessionen behandeh 
sie aus dem Grunde ziemlich geringschätzig. Man darf nun 
zunächst nicht vergessen, dass ihr Vorgehen die Antwort auf 
die verächtliche Behandlung war, der sie eben als arme Bauern 
und einfUltige Handwerker in vielen Fällen ausgesetzt waren. 
Dann aber — und das ist bei ihnen wohl die Hauptsache — 
braucht es denn Gelehrsamkeit, um gut und fromm zu wer- 
den? Wer waren denn die Apostel, die Christus auserkoren 
hat? Hier fanden si^ ihr Vorbild, an das sie sich hielten. ,E8 
werfen uns,^ sagt Felbinger, ,die Weltweisen ihre Kunst vor. 
O, ihr thörichten Leute! Die Weisheit Gottes lässt sich nicht 
aus den Büchern klauben und auf hohen Schulen lernen. Haben 
wir nicht das alte und neue Testament? Sollte Niemand selig 



* Vier und fUnffsig Erhebliche Ursachen, Warumb die Widertanffer nieht 
sein im Land zu leiden. Gestellt durch Christophomm Andream fischer 
D. Pfarrherrn su Veldsperg. Exodi 22. Den Zauberer sollsta nicht 
lassen leben. Ingobtadt, Anno 1607, S. 64, 65. So auch in den ande- 
ren Werken Fischer^s. 



279 

werden, als wer Eures Vorhabens ist, so würde schier die 
ganze Welt verdammt werden müssen. Ihr Klugen, mit sehen- 
den Augen seid Ihr blind und taub mit hörenden Ohren/ 

So sagt Hans Arbeiter den Gelehrten, die sich auf ihre 
Sprachenkenntnisse viel zugute thaten: , Weder in Rom, noch 
in" Speier lernt man die Weisheit; auch in den hohen Schulen 
nicht, sondern aUein in der Schule Gottes, von der Ihr Andern 
freilich nicht wisst, wo sie ist. Die Christum ans Kreuz nagel- 
ten, verstanden auch Latein, Hebräisch und Griechisch, ja vor 
Zeiten gab's keinen Sauhirten um Rom, der nicht lateinisch 
gesprochen hätte, denn es war eine gemeine Sprach', jetzt 
heisst's eine weltliche Kunst.' 

Die Verachtung ,eitlen* Wissens theilen sie mit den ver- 
wandten Richtungen, wie jener Schwenckfeld's, der sich über 
die Gelehrten und Verkehrten nicht weniger hart auslässt. 

Dagegen haben sie ihr Schulwesen schon im 16. Jahr- 
hundert auf eine verhältnissmässig hohe Stufe gebracht. Als 
eifrige Bibelfreunde — sie benützten zumeist ,das kleine Zwingli- 
sche, zu Zürich gedruckte Testament'^ — sahen sie darauf, 
dass ihre Jugend auf das Sorgsamste in den Anfangsgründen 
des Wissens unterrichtet werde. Wohl die meisten der mähri- 
schen Taufgesinnten waren des Lesens und Schreibens mäch- 
tig. Von ihren Sendbriefen zeichnen sich nicht wenige durch 
eine klare und gewandte Darstellung aus, in einigen findet sich 
eine schwungvolle, oft poetische Sprache, und manche der 
Wiedertäuferschriften, wie z. B. jene des bei den Huterischen 
gerade nicht gut angeschriebenen Gabriel Ascherham, gehören 
zu den schönsten deutschen Prosaschriften im 16. Jahrhundert. 
Ihre Schulen genossen eines guten Rufes und waren nicht 
selten auch von Andersgläubigen besucht. Diese mussten sich 
allerdings in das System ,der Gemeinschaft^ einfügen. Von der 
Brust der Mutter hinweg wurden die Kinder von der Gemeinde 
in die Zucht genommen. Ihr Schulhaus war ihr Vaterhaus. 
Hier fanden sie zunächst die nothwendige Pflege des Körpers, 
der sich dann jene des Geistes anschloss. Das Schulhaus ent- 
hielt die Räume für die Pflege der kleinen Kinder und die 
Schulung der grossen. Hier gab es gemeinsame Schlaf-, Speise- 
und Arbeitszimmer. Manche Gemeinde besass zwei Schulen, 



* Fischer, 1. c, pag. 81. 



^> 



4m? rrini? für die ErwachBenen, die andere fiir die kleinen Kin- 
der, Zu dieser Zucht war eine gut eingeübte Lehrerschaft 
n/rtliwcindijf; da gab es einen oder mehrere^ Schulmeister, eme 
Hchidtnuttor, eine Anzahl von Schulschwestem und Kinds- 
dirnon. Diose letzteren haben die groben Arbeiten im Hause 
/iil vorrirhton und sorgen ftir die Reinhaltung der Schlaf- und 
HpolHorlliiino, die Schulschwestem reichen der Jugend bei Tisck 
H|ioi«t* und Trank, beaufsichtigen sie des Nachts, pflegen sie 
In Ki'Hnkhoiton u. s. w. Die Schulmutter sorgt fiir die WirÜi- 
Mi^luilt \\\\ lluuso: alles NOthige an Nahrung und Kleidung 
wirtt Vi»n dt^m IlnushUlter beigestellt. Die Hauptarbeit ist de& 
Hoh\(hnoit«torn augowiesen, nicht blos das geistige, auch das 
k(U|»orlloKo Wohl der Jugend ist ihnen anvertraut. ,Ihnen sind 
s\\y^ Kiudtu' vom Horrn und den Aeltesten der Gemeinde empfbb- 
W\\\^ »xio Imbon nio deshalb auf die Ehre und Furcht Grottes ib 
»\^^«ou und ilmou das Beste von Jugend an zu gewähren* 
mhs'r wiinl iluu'U untersagt, sich fiir länger als für einigte 
Stunvlv^u WMU Uhus^o au entfernen oder die Verantwortung te 
\W \\\^^w\\K \^tw» »uf die Schidschwestem abzuwälzen. Hai 
«yill vlvv^ KuuUm' uioht dott Weibern überlassen, denn diese p- 
\^\\\\\'^\\ ^^\" oU in /i>rti und fahren mit der Ruthe unter & 
Kn^dov w^o \u\Un' das* Vieh» ,dass diesen das Fleisch färbridir 
MU luulou Stiviohou wirtl nicht viel gerichtet, man mag £c 
\{\\{\\\^ \\s>\\\ Ihiv^^ aioheu und aushalten, wie denn MandifT 
\,\\\\ dut\\v hnbou >iviU. Man muss durch die Lehre msf & 
Kn^dov wivkou, «d^^un w^r^ schon an sich so viel GattesfBrrii: 
\\\ \\\\\\s\\x vU>i!* »io !Mch ^«'IWt «verhüten'' könnten, so bedäd^ 
UVHU k\'u\oi' Sohu)uiei^t^r\ Weim sie die Kinder bckmäek 
hU wius^u \v* ihnfi» t^ig^iwoi^ erst dann wird der Flem «nw 

W\K^ \X\K^ Ki'^H^huu^ und den Untenrieht gab es ni dsr 
MvUv^ dv"^*« l^^ Jahrhunderts bei den WiedertSnfeni alte AAbcSk''. 
vhsx iu slor Sohuknxluunjr von 1568 festgelegt wnrdeau wafl & 
vUu^hIvh^'^^ ti^Kivr «u jung waren und diese BrSadie iriA: 
Khu^Um« Su^ ^vxTi^iohAel etBehe nodiwen£ge Pio^z&l. w 
sl\o tXl^'^i^'^U'Uhnx Bruder und Schwestern saaniit 2inni A 




4i a A% 




^ 



281 

gehilfen in Schalen in Zucht und Pflege der Jugend Ordnung 
halten sollend ^ 

Der grössere Theil der ,Ordnung' befasst sich mit dem 
körperlichen Wohle der Jugend, und man findet da Grund- 
sätze, die auch der Schule der Neuzeit Ehre machen würden. 

Die Lehrer, Brlider und Schwestern, sollen stets ein- 
gedenk sein, warum sie vom Herrn und den Seinigen zu ihrem 
Amte verordnet seien. Da auf ihrer ,Ordnung' des Hauses 
Heil beruht, so sollen sie finedsam und ,vertraulich' mit einan- 
der sein; denn ein friedlicher, verträgUcher Wandel reizt die 
Jugend zur Stille und Zucht an. 

Der Pflege der Reinlichkeit widmet die ,Ordnung' einige 
Abschnitte: ,Wenn ein Kind zur Schule gebracht wird, so muss 
sein Gesundheitszustand auf das Sorgsamste untersucht werden, 
wenn es eine böse Sucht hat, als Fäule, Franzosen u. dgl., so 
muss es während des Schlafens, Essens, Trinkens und der 
Reinigung von den übrigen Kindern abgesondert werden/ 

Hat ein Kind ,einen Schaden', so soll das nicht verborgen 
werden, vielmehr soll so rasch als möglich Hilfe und Rath ge- 
sucht werden. 

Wenn die Schalmutter den kranken Mund eines Kindes 
gereinigt hat, so soll sie nicht mit ungewaschenen Fingern den 
Mund der gesunden Kinder untersuchen, sondern ,alleweil zu- 
vor mit einem sauberen Tüchel und Wasser die Finger reini- 
gend Auch soll sie die Schulschwestem unterrichten, wie man 
den Mund der Kinder reinigt. 

Alle Wochen einmal ist das Gewand der Kinder genau 
zu untersuchen, ob es nicht Ungeziefer enthält; ebenso soll das 
Bettgewand stets sauber gehalten werden. Kindergewand soll 
nicht zu viel, aber stets nach Bedarf vorräthig sein und sauber 
gehalten werden. Die Gewänder für die Knaben werden von 
einem Bruder, alles Linnen von der Schulmutter ausgetheilt. 
Eben so ins Einzelne gehend sind die Anordnungen fllr die 
Bäder der Kinder. Man soll sie nicht zu heiss baden, da es 
ihrer Gesundheit abträglich ist. Kein Kranker darf zugleich 
niit einem Gesunden baden. 



* Cod. der Stud.-Bibl. in Olmütz, h. 63. Fol. 12—35. Nur ist sie dort 
ßllBchlich von 1578 datirt. 



282 

Den Schlaf der kleinen Kinder haben die Schwestern zu 
überwachen. Man hüte sich, sie zu schlagen, wenn sie etwa 
im Schlafe aufschreien. Wenn sich eins aufdeckt, decke man 
es zu, auf dass es sich nicht erkälte. Bei der Nacht darf 
keinem Kinde, es wäre denn krank, zu essen gereicht werden. 
Schlafende Kinder soll man ,nicht aus dem Schlafe aufzustehen 
zwingen', es sei denn, dass zwingende Gründe dazu veran- 
lassen; sonst lasse man sie schlafen: die Natur wird sie von 
selbst auftreiben. 

Morgens und abends sind die Kinder von den Alten 
genau zu überwachen, man soll sich da weder auf Buben, 
noch auf Dirnen verlassen. Die Mädchen werden zur Winters- 
zeit um 5 Uhr ,zum Spinnen', die Buben um 6 Uhr geweckt 
Dieweil sich diese ankleiden, werden die Kleinen und Klein- 
sten in Ordnung gebracht. Abends soll man darauf sehen, dass 
die Kinder nicht zu früh nach dem £ssen zu Bette gehen, des 
Sommers mögen sie — es wären denn kühle Abende — bis 
nach Sonnenuntergang aufbleiben. 

Brot und Fleisch theilt der Schulmeister den grossen 
Kindern zu, Aepfel und Birnen im Einverständnisse mit der 
Schulmutter. Bei Tische sollen die Schulmeister mit den Schwe- 
stern nicht ^lautselig' sein und von Dingen reden, die nicht 
bessernd oder auferbauend sind. Die Kinder, sonderlich die 
Dirnen, hören so Manches, was sie nicht vernehmen sollen. 
Die Speise soll den Kindern gereicht werden, wie sie ihnen 
gebührt, ohne auf sie einen Zwang auszuüben. 

Man achte auf die Nothdurft der Eander, zumal wenn sie 
krank sind. Dann darf man mit ihnen auch nicht hart sein, 
wenn sie Verschiedenartiges begehren, man hebe und lege, 
wische und wasche sie, wie sie es bedürfen. 

Man sei mit den Kindern nicht unnützerweise streng. 
Wenn ein Kind beim Spinnen etwas verschuldet, hüte man 
sich, sofort dreinzuhauen. Da genügt eine Anzeige bei der 
Schulmutter. Die grossen Buben züchtigt der Schulmeister, 
die Dirnen die Schulmutter. Wegen Diebstahls, Lügens und 
anderer Sünden soll die Strafe stets ,mit dem Rath und der 
Erkenntniss eines Bruders festgesetzt werdend 

Da die Zucht der Ruthen nothwendig ist, soll sie in 
Gottesfurcht geschehen, gegen schalkhaftige, verlogene, diebische 
mit Ernst nach dem Verdienste ihrer That, nicht im Dunklen, 



N 



283 

sondern vor allen Kindern, damit sie ,Fuixht daraus lernend 
Allzu strenge Züchtigungen, etwa Schlagen an die Köpfe oder 
auf den Mund, sind streng untersagt. Auch soll die Strafe 
nicht früher erfolgen, bis der Grund hiezu sorgsam erkundet 
ist. Den grossen Buben und Dirnen ist nicht gestattet, die 
Kinder zu stossen, rupfen und zu schlagen. 

In der Zucht der Kinder bedarf es grossen Aufinerkens 
und eines rechten Unterscheids: das eine lässt sich mit Freund- 
lichkeit ziehen, das andere wird durch Gaben gewonnen, ein 
drittes erfordert strengere Zucht. 

Den Kleinen, die zum ersten Male zur Schule kommen, 
soll man nicht die Köpfe zu brechen versuchen. 

Die Schulmeister haben ihrer Aufgabe, die Kinder lesen 
und schreiben zu lehren, zu obliegen. Sie dürfen sich nicht 
ohne Noth von der Schule entfernen oder auswärts Arbeit 
suchen oder gar auf die Märkte laufen, um da nach ihrem 
Gefallen Einkäufe zu machen. Den Unterricht sollen sie nicht 
den Aufsehern übertragen; * desgleichen dürfen die Schwestern 
nicht ihrem eigenen Nutzen nachgehen, etwa mit Nähen u. dgl. 
,Keines soll mit Widerwillen dem Anderen dienen: es wäre 
kein Segen dabei, und die armen Kinder müssten es ent- 
gelten; ,wo der Wille nicht gut ist, da sind die Worte un- 
geschickt.* 

Der eigentlichen Schulordnung folgen Verordnungen für 
die ,Essenträger und das Kuehelvolk', Kindergebete, wenn sie 
auf- und niedergehen, die Erläuterung der zehn Gebote, die 
zwölf Artikel des christlichen Glaubens, Tischgebete vor und 
nach dem Essen, endlich ein ausführlicher Katechismus. Das 
,Kindergebet zur unfriedlichen, gefährlichen und trübseligen 
Zeit' ist geradezu ergreifend und wohl in den Tagen schwerer 
Verfolgung niedergeschrieben. Im Katechismus steht die Lehre 
von der Taufe naturgemäss im Mittelpunkte. 

Ob diese Schulordnung in allen ihren Punkten so streng 
eingehalten wurde, wie ihr Anordner voraussetzte, muss man 
billig bezweifeln. Wir finden unter ihren Sätzen einen, der 
eben nicht darauf schliessen lässt: ,Auch sollen Brüder und 
Schwestern in den Schulen sonderlich Acht haben, dass sie 
den fremden Geschwistrigeten, die in die Schule kommen, um 
die Jugend zu besichtigen, mit Zucht und Ruthen nicht an- 
stössig seien.' 



284 

Den meisten Zeitgenossen war diese Erziehungsmethode 
ein Greuel. Am eifrigsten polterte Fischer dagegen: ^e ver- 
kehrten Wiedertäufer handehi gegen die Natur; sie sind un- 
verständiger als die kleinen Vögelein und unbarmherziger als 
die wilden Thiere gegen ihre Jungen; denn sobald die Mutter 
das Kind entwöhnt hat^ wird es von den rechten, natürlichen 
Müttern genommen und bestellten Schwestern übergeben. Her- 
nach den unbekannten Schulmeistem und jähzornigen Kind- 
zieherinnen, die dann ohne Liebe, Sittsamkeit und Erbarmung 
bisweilen heftig und unbarmherzig dreinschlagen. So werden 
sie mit der grössten Strenge erzogen, so dass sie wohl manche 
Mutter nach ftinf oder sechs Jahren und gar letztlich nicht 
mehr recht sieht, noch kennt, aus welchem viele Blutschanden 
entstehen. Femer treibt man diese Eander auf ein Berglein, 
oder gar schlecht haufenweise vor die Thüre auf eine kleine 
Höhe, nicht anders ak die Gänse oder anderes Vieh, und doch 
nicht so frei als diese.' Das geschehe, fügt Fischer hinzu, aUe 
vier Wochen einmal, oder wie sie es jetzt verändern, aUe vier- 
zehn Tage einmal. Sonst stecken die armen Kindlein wie die 
Wespen übereinander daheim, so dass man ihrer nicht warten 
kann, wie sie es brauchen. Daher seien es meistens un- 
gesunde, aufgeblasene und geschwollene, kranke Kinder. ,Wär' 
es denn nit bilUg, dass man sie bei ihren Müttern liesse, bis 
sie das fünfte oder sechste Jahr erreicht haben, weil sie ja 
doch durch die Liebe und den Fleiss ihrer EUtem besser ver- 
sorgt werden als durch Fremde.' ^ 

In diesem Punkte mag man Fischer zustimmen; aber 
diese Art der Erziehung der Kinder- hatte doch fbr manche 
Wiedertäufer, die fem von den Hausbaben als Hauer, Hand- 
werker oder Schafiher wohnten, das Gute, dass ihre Kinder 
einen geregelten Unterricht genossen. Ein ki'änkUches Aus- 
sehen dürften wohl auch die Kinder der Wiedertäufer nicht 
gehabt haben, wenn es wahr ist, was Fischer an anderer Stelle 
behauptet, dass £e Vornehmen im Lande die Ammen zu ihren 
Kindern gern unter den Wiedertäuferinnen suchten.' 



^ Vier und fnnfftzig erhebliche Ursachen n. b. w. ^e 14. ursach,* S. öS, 64. 

* ,Qott erbarm, es ist alles xn weit kommen, denn es müssen jetxt fast 
alle Frauen in MXhren sn ihren Hebammen, Saugammen and Kinds- 
wXrterinnen lanter wiedertäoferische Weiber haben, als wenn sie 



285 

Dem Unterrichte im Lesen und Schreiben folgte der in 
der Lehre der Wiedertäufer, der wohl erst, wenn die Jugend 
die Fähigkeit besass, den Stoff in sich aufzunehmen, zur Be- 
handlung gelangte. In der Form von Fragen und Antworten, 
wie dies einst Hubmaier gelehrt, werden der Jugend die wich- 
tigsten Stücke aus der Lehre von der Taufe und dem Abend- 
mahl beigebracht. In der Sache weichen diese ,Kinderberichte' 
von Hubmaier's Lehren nicht wesentlich ab. Der Unterricht 
wurde namentUch in diesen beiden Punkten gründlich vorge- 
nommen, weil sie die Stützpunkte des gesammten Systems sind. 
Daher kommt es auch, dass die in der Fremde gefangenen 
und vor Gericht gezogenen Wiedertäufer auf die an sie ge- 
richteten Fragen stets ihre Antwort bereit haben, und dann, 
dass die Antworten der an verschiedenen Orten und zu ver- 
schiedenen Zeiten in Untersuchung gezogenen Wiedertäufer oft 
bis auf ein Wort mit einander übereinstimmen. 

Welche Gegenstände sonst noch in den Schulen vorge- 
nommen wurden, und die Art und Weise, wie sie zur Behand- 
lung gelangten, darüber ist nichts überUefert. 

Bei der grossen Wichtigkeit ihrer ,Sendbriefe' ist es be- 
greiflich, dass sie der Uebung im Briefschreiben grosse Auf- 
merksamkeit zuwendeten. In späterer Zeit benützten sie wohl 
auch eigene Briefsteller; sie fanden in diesen die Muster fUr 
Buss- und Ermahnungsbriefe, ^ Trostschreiben u. dgl. Einige 
dieser Musterbriefe enthalten Aufforderungen zum Eintritte in 
die Genossenschaft^ oder Lehren, wie sich ein gläubiger 
Diener einem ungläubigen Herrn gegenüber zu verhalten habe. 
In einem Briefe drückt ein Jüngling seinem Freunde die hohe 
Befriedigung aus, die er geniesse, seitdem er ,die Wahrheit 
kennen gelernt habe^,^ in einem anderen wünscht er, dass sein 
Freund desselben Glückes theilhafdg werde. 



allein in diesen Sachen die erfahrensten wären.* Die 40. ur- 
sach, S. 101. 

* Cod. Poson., Nr. 163. 

■ 8. B. Cod. Poson., Nr. 163, Fol. 120^ 

• Ebenda, Fol. 126. 




286 

9. Capitel. 
Der Verfall der Gemeinschaft. 

Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, dass die von 
Andre Ehrenpreis aufgezeichneten Ordnungen schon aus einer 
Zeit stammen, in der sich die ,Gemeinschaft' in Auflösung be- 
fand. Aber eben darum sind sie von besonderem Interesse, 
denn sie zeigen deutlich alle die Uebelstände, an denen das 
communistische Gemeinwesen krankte. In der ersten Zeit de« 
Bestehens der mährischen Wiedertäufergemeinden bedurfte es 
derartiger Ordnungen nicht, denn alle die strengen Befehle, die 
sie enthalten, waren nicht ftir die ältesten Genossen mit ihrem 
glühenden Eifer ftlr die Gemeinde bestimmt. Jetzt war dieser 
Eifer zum Theile erkaltet: selbst die Diener des Wortes moss- 
ten an ihre nächsten Verpflichtungen gemahnt werden, und 
aus der grossen Anzahl von Uebelständen, vor denen sie ge- 
warnt werden, lässt sich leicht schliessen, dass die Gemeinde 
an den meisten von ihnen thatsächlich krankte. 

Aus der Ordnung für die Diener des Wortes ersieht man, 
dass sich diese zu viel an die Obrigkeiten herandrängten, was 
,vorhin nit unsers Brauchs gewesen', dass mancher von ihnen 
besondere Begünstigungen aus Küche und Keller flir sich und 
die Seinigen begehrte. Man wird da an die Vorwürfe er- 
innert, die Christoph Andreas Fischer den Wiedertäufern 
machte: ihre Vorstände sorgen nur fUr sich in Essen und 
Trinken, die Anderen müssen zusehen. Man nimmt wahr, dass 
sie den Frauen zu viel Macht selbst in Dingen des Amtes ein- 
räumen. Ja, indem sie gemahnt werden, dass sie ihre Kinder, 
Anderen zum Vorbilde, zu rechter Zeit in die Schule geben, 
wird es deutlich, dass dies gar oft nicht geschehen sei. Sie 
zeichnen ihre Kinder vor den anderen durch besondere Klei- 
dung mit Pelzbesatz u. dgl. aus, sie verlangen für ihre Frauen 
einen besonderen Tisch und lassen hier reichlicher auftragen, 
,was nit sein soU'.^ Auch der Friede in der Gemeinde Uess 



^ Besonders bOses Blut machte es bei dem weiblichen Theile der Ge- 
meinde, dass die Frauen der Diener des Wortes feinere Lagerstitten ,iiiit 
Flachs und Flaumen* hatten als die anderen. Das gibt bei denen, «die 
Armuth leiden müssen, schwere Seufzer, Aergemiss und BetrfibulM*. 
Ehrenpreis, der diese Note in der Handschrift eigenhändig anlUgti 
also wohl in dieser Beziehung böse Erfahrungen gemacht hali6B> 



^ 



287 

Manches zu wünschen übrig: die Einen waren mit den Brü- 
dern und Schwestern zu ,gemein und scherzlich', die Anderen 
zu ,grandig und seltsam^ 

Noch deutlicher ersieht man den Niedergang des ,Ge- 
meinsinnes' aus den Ordnungen flir die einzelnen Handwerke. 
In allen finden sich bereits die schärfsten Mahnungen wider 
den jEigennutz' und das eigenmächtige Gebahren mit dem 
Gemeindevermögen. In der jüngeren Schusterordnung vom 
8. Jänner 1591 wird geklagt, dass die Schuster ,Drahtstrinner' 
verkaufen und das Geld für sich behalten, die ,Flicker' das 
Geld lange zusammensparen, und dass die Einkäufer und Zu- 
schneider auf den Märkten ihren Weibern verschiedene Sachen 
von dem G^meindegelde einkaufen. In der Ordnung für die 
Einkäufer vom 31. October 1639 wird bemerkt: ,Es will ver- 
lauten, dass die jungen Einkäufer und Zuschneider sehr ge- 
neigt seien zum Verthun, Fleisch, Wein, Gewürz und andere 
Dinge zu kaufen wider den Sinn der Gemein und wider die 
Liebe zum Nächsten. Daher komme es, dass so viele Unord- 
nungen entstehen, wie denn die jungen Schuster von den Ord- 
nungen nichts wissen wollen. 

Die Müllerordnung stammt aus dem Jahre 1571 und 
wurde 1591, 1610 und 1640 erneuert. Auch sie enthält in 
ihrer letzten Fassung Klagen über den Verfall des alten Her- 
kommens. Die ,Fürgestellten' seien an das unordentliche ,Au8- 
laufen' ins Dorf zum Wein gewöhnt; manche meinen, die 
Aeltesten und Haushälter hätten ihnen nichts mehr zu befehlen. 
Bei Einzelnen habe man nach ihrem Tode Schätze gefunden. 
Andere laufen auf die Märkte, fröhnen mit den Gemeinde- 
geldem ihrer Eitelkeit oder versorgen, ehe sie der Gemeinde 
etwas zustellen, ihre Kühe- und Schweineställe, ihre Truhen 
und Betten. Manche brennen Branntwein, verkaufen ihn aber 
nicht zum Nutzen der Gemeinde, sondern trinken ihn allein 
oder in Gemeinschaft mit ihren Freunden. ,Wenn Einer wan- 
dert, nimmt er nicht blos Kuchelspeise (Gries, Graupen u. s. w.), 
sondern auch dürres Fleisch, Schmalz, Salz, Kerzen und Oel, 
ja selbst Kessel, Pfannen und Küchengeschirr mit, das um der 
Gemeinde Geld gekauft wurde, und betrachtet es als sein 
Eigenthum. Eine ,Fuhre' reiche nicht mehr hin, um das Alles 
wegzuftihren. Sie sollten sich erinnern, dass ihre ,Vorfahren^ 
mit Leib- und Bettgewand und dem nöthigsten Handwerks- 




288 

zeuge zufrieden waren. Ja, auch dieses wurde in der ältesten 
Zeit nicht als Eigenthum betrachtet, mit dem man nach Gutr 
dünken schalten und walten dürfe. Die Leute in den Ge- 
mciudemühlen seien im Essen und Trinken dermassen wähle- 
risch, dass man es ,kaum mehr erschwingen kann^ Das 
IVIahlgeld wird nicht selten unter ihnen getheilt. 

In der Ordnung flir die Weinzierle vom 16. März 1650 
heisst es, dass sich die Leute von der Arbeit abziehen^ so dass 
die Nachbarn und Bauern über ihren Unfleiss klagen, ,wie 
unsere Leut' so langsam an die Arbeit kommen, vor Essens- 
zeit wenig thun und dann wieder eine Stund' versitzend ^ 

Am Sonntage, heisst es in der Ordnung vom 9. October 
1610, laufe das Volk seinem eigenen Nutzen nach. Von den 
Versuchen, dem Eigennutz beizukommen, sind alle Ordnungen 
voll, und es möge genügen, zu den bereits erwähnten nur 
noch einige wenige Fälle anzuführen, da sie einander ohnehin 
völlig gleichen. So wird geklagt, dass sich die Bader Ge- 
meindesachen aneignen und stehlen, was sie nur können. In 
den Werkstätten, zumal bei den Webern, werden verbotene 
Arbeiten heimUcher Weise ,für den Eigennutz' gemacht J)ie 
Brüder lassen sich eigenes, kostbareres Geschirr brennen, sie 
,krämlen und tischlen' (handeln) damit. Im Uebermalen des 
Geschirres kann man jetzt nicht genug thun, während die 
Brüder vordem mit den einfachen Farben Schwarz, Gelb, 
Grün und Roth zufrieden waren. Jetzt müssen verschiedene 
Gegenstände auf dem Geschirr gemalt sein. Die Messer 
schmiede treiben es am ärgsten. Die Ordnungen klagen, dass 
sie sich zumeist mit unerlaubten Arbeiten befassen, sie suchen 
sich die schönsten ,Beiner' aus, ßlrben sie und wenden das 
beste Zeug ihren Angehörigen zu. Daher haben diese die 
schönsten und köstlichsten Messer, was doch nicht erlaubt sein 
soll. Alles, was sie zu eigenem Nutzen haben: Klingen, Mes- 
sing, Elfenbein, grüne Schalen, Perlmutter, Sandel u. s. w., in 
Summa Alles, was zur Nebenarbeit dient, soll zurückgestellt 
werden. An einer anderen Stelle wird geklagt, dass Klingen 
imd Gabeln entwendet werden. 

Noch mehr Klagen finden sich in der ,Beredung* mit den 
,ftlrgestellten Messerem' vom 7. Mai 1641. ,Unser Volk und 



^ Vgl. Geschichtsbücher, 8. 462, 478, 480. 



289 

sonderlich die Schwestern tragen gar kostbare Messer^ nicht 
allein mit grünen Knöpfeln^ sondern auch mit Perlmutterschalen 
und was sonst die Hoffart aufbringt/ Man trägt auch über 
die Massen hoffärtige Gürtel und Beschläge; die Schwestern 
richten diese wie einen Spiegel auf den Rücken/ Niemand, 
heisst es in der Ordnung von 1640; möge sich unterstehen, 
Stahl oder Eisen zu seinem Eigennutz zu entwenden. Es 
komme nun vor, dass man der Gemeinde Sachen angreife, 
seinen eigenen Nutzen damit schaffe, dass es zu erbarmen ist. 
Da ist keine Furcht Gottes und kein Gewissen. Ein Messerer 
allein hat bei einem Schenken in neun Wochen 8 Gulden ver- 
trunken. Bei einem £Etnd man 17 Paar Messer, 45 neue Schei- 
den, 100 Klingen, 33 Gabeln, 15 Gulden in Baarem und vieles 
Andere. Solcher Leute hat man binnen kurzer Zeit einige 
gefunden, und diese haben ihrerseits bekannt, dass es die 
meisten Messerer so thun. ,Und solcher Unrath ist nun offen- 
bar bei Denen, so die Gemeinde verlassen und bundbrüchig 
werden. Sie vertrösten sich auf ihren Geiz, bilden sich gute 
Tage ein und haben auch anfUngUch Zeug genug, wie man 
bei einigen Leuten in Trentschin sehe. Wie soll man aber bei 
solcher Unredlichkeit die Gemeinde ernähren? So machen es 
auch die Scheidenmacher, die ,vertragen^, was sie nur erlan- 
gen können. Man sieht es auch hier bei den Abgefallenen in 
Städten und Dörfern, die sich von der Gemeinde Sachen er- 
nähren. Ghites Zeug nehme man von der Gemeinde entgegen, 
schlechte Waare liefere man ab. Die schönsten Messer kann 
man auf solche Weise gar wohlfeil geben. Daraus folgt leider 
noch mehr der Seelen Verderbniss. Wenn man aber Einen 
frage, so leugne er Alles ab. 

Wenn wir Fischer glauben, so war nicht erst 1640, son- 
dern schon 1600 die ,Gemeinschaft^ an vielen Punkten brüchig. 
Wieviele, fragt er,* sind, die heimUch Geld haben? Wieviele 
Meister sind bei dieser ehrbaren Zunft, die das, was sie von 
den Christen schinden und schaben, ihren Haushältern nit Alles 
zustellen? Das wissen die Krämer gar wohl, die um sie woh- 
nen, wie oft sie von ihnen allerlei Sachen heimUch kaufen. 
Daher arbeiten die Messerer oft gar schleuderhaft und achten 
Bor darauf, dass sie bald auf den Feierabend kommen. Sie 



' Von der Wiedertäufer yerfluchtem Urspmng, T. III. 
ArehiT. LXXH. Bd. I. Hilfle. 19 



290 



geben mit dem theuersten Zeug unsauber um und eilen mit 
der Arbeit, um auf den Feierabend zu kommen. 

Ehrenpreis bemerkt^ dass auch der alte Fleiss abnehme. 
Mit Müssiggehen sei es nicht möglich, die Weiber, Kinder und 
Alten zu ernähren. Man arbeite ja ohnehin nicht mehr so 
wie einstens in Mähren. Krämer, Frätschler imd Juden lasse 
man in den Häusern ,einschliefen*, nur damit ,da8 Volk* Ge- 
legenheit finde, zu kaufen. Dabei nehme der Luxus über- 
hand. Den Brüdern kann man die Gewänder nicht mehr gut 
genug machen. Schon Fischer klagte (in seinen ,54 erheb- 
lichen Ursachen'^): Wer ist hoffärtiger und stolzer als sie? Sie 
haben bisher die Welt so hoch gescholten, dass sie Sammt 
und Seide trage. Tragen nun doch die Huterischen WeiW 
die schönsten Doppeltaffete, von Pomeranzen und anderen 
Farben Röcke und seidene Gewänder, als wenn sie von Adel 
oder gar Freiinnen wären, welche doch nur gar etwa Baders-, 
Kellners-, Haushälters- oder Dieners -Weiber seien. Ja es ist 
gewiss, dass einige von ihnen ihre eigenen silbernen Löffel 
haben und silbernes Trinkgeschirr, schöne, kleine, güldene 
Uehrlein, herrliche Teppiche und was der Pracht mehr ist, mit 
silbernen Gürteln- und Korallen. Es geht das Badergesinde 
so stolz und geschlissen mit ihren schönen, glatten Hosen, als 
wenn die ganze Welt auf ihre stinkende Hoffart sähe. Sie 
reiten auf* den stattlichsten Rossen trotz einem Edelmann. 

Wenn Fischer's Schilderung übeiirieben ist und auf die 
Zeit von 1600 kaum passen dürfte, so dürfte doch jene des 
Ehrenpreis von 1642 den Verhältnissen entsprechen:* ,da8s 
man besser hüeten und wachen soll wider die Hofiart, dann 
die Schwestern wieder gar zu gemein werden mit den glitzen- 
den leinern Schürzen, damit sie daher rauschen, sowohl als 
mit den schönen Röcken, so köstlichem Bettgewand und andern 
Dingen mehr, welches man alles heimlich wider alle Ordnung 
gewiss um Geld kaufen muss.' 

Die ,Gemeinschaft', wie sie die Gründer des mährischen 
Anabaptismus erdacht und durchgeflihrt hatten, war auf die 
Dauer nicht mehr zu erhalten, imd man wundert sich nicht 
weiter, wenn anderthalb Menschenalter später der Beschluss 



> S. 92. 

' Geschichtsbücher, S. 466. 



291 



gefasst wird, dass ein Jeder für sich zahlen soll. Auch 
ohne die ,Noth der Zeit^, die ja zweifellos auf die Gemeinde 
stark drückte^ wäre die ^Gemeinschaft* nicht länger zu er- 
halten gewesen. Sie erlag dem Eigennutz^ wie es gut ,gemein- 
schaftlich* gesinnte Leute längst vorausgesehen hatten: 

,Die Gemeinschaft war* nicht schwer, 
Wenn der Eigennutz nicht war'/ 



19* 



BEILAGEN. 



Nr. 1. 



Ein soDiitbrüeff Claus Felbinger, geschriben aus seiner ge- 
fenckhnus an die gmain gottes in Märhern im ain 1000, 500. 

des 60. jars. 

(Cod. bibl. Olora. I. VUI. 1.) 

Die göttlich gnad und auch sein himlischer segen sambt der würk- 
liehen kraft des heiligen geists wolle sich bei allen kindlen gottes Ter- 
meren; das wünsch ich Claus Felbinger euer mitgenoss des glaubens, 
yotzt gefangen zu Landshuet im Baiernland umb gottes warheit willen, 
von ganzen herzen durch Jesum Christum Amen. 

Ir sunder vil gebliebten biüeder und Schwestern im herren, ich 
kan und mag aus warer gottes rainer lieb, die ich in meinem herzen zu 
euch trag nit underlassen euch zu schreiben, dieweil mir got gel^nheit 
und stat darzue vergunt, wie es uns geet. So wais ich got sej lob nit 
änderst dan im herren wol an; allain ein weil haben wir vil anrennens 
gehabt von den kindern des Unglaubens, in denen frejlich der teuffei 
sein werk treibt, dan sie thuen gleich wie er. Welches mich auch bewegt 
und ursacht euch zu schreiben, was sie bisher mit uns gehandlet und für 
list gebraucht haben und noch für und ftir an uns hantieren, ob sie uns 
möchten von unserer hofiPnung abfueren, das wir unser ftlrhaben in gott 
in ein zwejfel stellen wie sie, dass wir inen gleich wurden, dan der sa- 
than wais wol, wan wir das thuen, daz wir den glauben verlaugnet 
betten; das schreib ich allen fromen zur warnung, das sie die tiefe des 
teufeis und der schlangen list auch dest bas mögen erkennen, was er im 
sin hat. 



^ Das ,Cronickel* sagt zum Jahre 1560: 2 Brüder Claus Felbinger, Diener 
des Eyangeliams, und Hans Leutner, gemeiner Bruder, zu Neomaikt io 
Baiern gefangen, dann nach Landshut abgeführt und gefoltert Claai 
schicket zwei Sendschreiben an Bruder Leonhard Salier und & Cb- 
meinde; dann Beide geköpft Geschichtsbücher der Wiederttnfti^ 



293 

Ich wil aber sonderlich den tauf für mich neinen, der in gegen 
008 am aller härtesten im weg iet, da der satan am allermeisten wört, 
dass nur der recht christlich tanf nit offenbai* werd oder auf kam; und 
ist auch kain wunder nit, es mödit im nit etwas entzogen werden : dan 
wan der recht diristlieh tauf an den tag kam, der den gläubigen und 
Torständigen von gott angeben und be?olhen und nit den kindern, so 
wurd man bas wissen, was man gott schuldig ist. Dan der recht tauf ist 
ein bund eines gueten gewissens mit gott, dass sich der mensch mit got 
verbflndt und verlübt, wider gott nit mer zu sünd%en sunder gott mit 
ain guetten gewissen sein leben lang in warer frümbkeit zu dienen und 
anzuhangen, sein treu nim^mer an im wöl brechen; durumb sagt ein 
mensch im tauf dem teufel den dienst auf, gibt der weit mit irem sündigen 
wdUust Urlaub sambt aller ongereditigkeit. Und das understünd der 
satan gern; darumb haltet er sich des kindstauf: dan die kinder lassen 
in den bund mit gott nit haiss angelegen sein, dieweil sie auch nit wissen, 
was mit in gehandlet isi Wie aber das kind dem teufel widergesagt 
hat, gibt das werk zeugnus, bald es erwachst, all sund und bosheit treibt, 
^tt schendt und schmftcht und dienet im mit lust. Der kindstauf ist 
dem satan nit zuwider, es wird im niemand dadurch entzogen, dan er 
ist auch durch seinen schalkhaftigen lüstigen geist durch den widercrist 
erdacht, dem waren cristliehen tauf zur schmach und uneer. Und dar- 
umb haltet der greulich greyel, der bapst so stu-k darob, der alle ding 
Terkert, was gott geordnet und g^et gemacht hat D^*umb wirt in auch 
gott erwürgen mit dem atiiem seines munds: dan der kindtauf ist nichts 
andera dan ein aufhaltung im unrechten und ein hindemus der waren 
nndergebung gottes. Dan ein verständiger mensch, der gott etwas ver- 
husst und mit im in ein bund geet, der waiss, dass gott nit zu versuchen 
ist, dass er nit mit im scherzen lasst, so er änderst gott f5rcht und kennt, 
der fleisst sich mit ernst, gott sein gelübd zu bezalen. 

Erstlich sein wir gefangen worden nit weit von Neumarkt, d^i 
dinstag nach Judica (2. April) in der fasten des 60. jars und der 
pfieger zu Neumarkt hat uns behalten bis auf den Balmtag (7. April) 
frue, wie gleich das volk in tempel hat wollen geen. Da haben sie uns 
auf drej karren geschmidt, lun jeden besunder, den pauren, mich und 
den Hansen. Aber ee in den 5 tagen hat uns der pfleger mit seinen bey- 
sytzern zwaymal verh6i*t und uns an dem rechten cristliehen tauf am 
allerhörtesten verwysen, dass wir uns noch einmal haben taufen lassen. 
Da hab ich gesprochen: Wir halten den kindstauf für kein tauf; es ist 
nur ein menschenpflanz, die ausgereut muess werden. Gott hat in nit 
bevolhen und die apostel haben in auch nit gebraucht, sunder haben sich 



294 



des angebens Ii-es msisters gehalten and nur die glaubigen getauft, die 
ans der leer cristj oder seiner apostel seind bewegt worden, sich gott zu 
schenken und sich in seinen göttlichen gehorsam zu nndergeben, wie 
auch geschrieben steet: Die sein wort gern annemen, die liessen sich 
taufen, wie vil ir zum ewigen leben verordnet waren. Actomm. 

So spiicht der gerichtschreiber: Das war zu erbarmen, seit die 
christlich kfirch so lang geirret haben? So sprich ich: £j nun, wir 
glauben der göttlichen zeugnus, die da sagt: Es sej nur ein ^aub und 
ein tauf. So findt man von kindstauf nit ein buchstab; nur die gläubigen 
sein getauft worden auf iren bekanten glauben. 

Da spricht der Schreiber: Ich will euch göttliche zeugnus gnueg 
zaigen, des kindstauf halben. So sprich ich: Wo? Da facht er an und 
spricht: der Zyprianus, der schreibt schön darvon. Da sprich ich: Der 
Zyprianus steet nit in der bibl. Wir lassen uns nit in frembde geschriit, 
wir halten nicht von legenden, bOechern, wir glauben der göttlichen bibli- 
schen geschrift. Darin findt man grunds gnueg, so vil zum leben not ist 
zu wissen. 

Demnach haben sie uns, wie vor gesagt, mit reutem und traben- 
den wol bewart und gen Landshuet geschickt und ain yeden besun- 
der gelegt. 

Und in denselben wochen seind die herren, der hanbtmann, der 
haidentuech, ^ der altpfleger und der canzler daher für die gefänknos 
kumen und mich zu inen hinaus lassen ffleren und mich freundlich ange- 
sprochen, sie wären aus genaygten treuen gmOet zu mir komen, nach- 
dem sie gehört hotten, dass ich bloss umbs glaubens willen hie gefangen 
lag, nit von kainer obrigkait geschickt, sunder mich kumen zu trösten, 
nachdem sis sunderUch in der marterwochen für ein guetts werkh halten. 

Aber sie ($emd) mir nur komen, meinen einenfaltigen sin in 
Christo zu erspehen; das hab ich wol gemerkt, dass sie' sich aus meiner 
an falschen bekantnus erst über mich gerflst haben mit gegenwürf der 
Schrift, mich darnach haben gesuecht irr zu machen und mich ans meiner 
vestung und Sicherheit zu Verstössen, nachdem sie bald mer sein kumen, 
gehofiFt, mich ainmal schwach zu finden und ein rechte stund treffen. 

Aber der gerechte gott ist bisher mein treuer beystand (und) Ver- 
fechter gewesen, dem sey auch allein der preis. Eben das hoff ich, dass 
er die weisen in iren tücken kan ergreifen und behaltet in seinen kindien 
das feld; die im sein eer treulich lassen im sin ligen, die bewart er wie 



^ Vielleicht: haidentaecher; tnecher: Knecht, Diener. 
' Handschrift hier nnd Öfter: sich. 




295 

sein angapfel im aug; das habe ich schon selbst erfaren, dass ers in 
keinen stucken last zu schänden werden. 

Nun wie sie nicht haben an in schaffen künen, da haben sie zwen 
dechant aus der Stadt berausgeschickt, zwen prediger, die haben uns des 
sacraments halbers und warumb wir uns von der rechten cristlichen 
kürchen haben abgesündert, und des kindstauf halben auch bericht thuen 
sollen. Sie seind aber ungern kumen, haben selbs gesagt: sie wollten 
lieber wais wo sein, dieweil, ich glaubs. 

Da hat der ain ange£angen, was ich vom sacrament des altars halt. 
Ob ich nit glaub, dass Cristus leibhaft und wesentlich darin sey, wie er 
am stam des heiligen creuz für uns gelütten hat. Da hab ich gesprochen: 
Nain. Ich glaubs nit, darumb, Cristus ist aufgefaren geen himel; da sitzt 
er zu der rechten des vatters, von danen er künftig ist. Darumb lasst er 
sich nit in die sunder hend herab zaubern. So haltstu uns für zanberer? 
Was ists änderst? Judas hat in nur einmal verkauft, so verkauft ir in 
alle tag. Wen ers war, wie ir meint, er ist*s aber nit. Darumb seid 
ir ärger als Judas. Dass ir aber meint, wir haben uns von der rechten 
cristlichen kürche abgesündeii;: sag ich nain, sunder von der römischen 
nncristlichen kürchen, von der gmainschaft der gottlosen und Ver- 
sammlung der boshaftigen als: huerer, eebrecher, lugner, gützendiener, 
von geizigen, trunknen, fressern, saufern, hoffäiiigen, gottes feinden, 
die nit aufhören, gott zu lästern und zu schmähen, sein angesicht zu 
erzürnen, von denen allen haben wir uns wol abgesündei*t nachs 
herren wort. 

Aber zu der rechten waren cristlichen kürchen, die gott im goist 
und in der warheit dient, die fiiimb, redlich ist und gottsällig lebt, zu 
der hab ich mich gethon und hoff zu gott: ich werd mein zeit in gottes 
gnad bey in verzeren, dan ich waiss, dass es die rechte gemainschaft der 
heiligen ist, darin Vergebung der Sünden ist. 

So spricht der ein dechant: Nun, was haltstu dan vom sacrament 
der tauf? Vom rechten cristlichen tauf halt ich wol vil, den Cristus 
selbs bevolhen hat, aber vom kindstauf, da halt ich wol nicht, dan er ist 
nur ein menschen gedieht. Es steet in der ganzen bibel nit ain buech- 
stab darvon. Da spricht der pfaff: Es ist war, es steet nicht darvon; 
glaubstu aber, dass die cristliche kürch, durch den heiligen geist ist ge- 
samlet worden und alle ding in ir anrieht und ordne. In der rechten 
cristlichen kürche glaub ichs; die sich den heiligen geist lassen regieren, 
die leitet er in die warheit und haltet sie beständig darin. Da spricht 
^r: Waistn auch, wie Cristus dort zu seinen Jüngern sprach: Ich het euch 
wol noch vil zu sagen, aber ir künt8 jetzund nit alles vasseu noch tragen, 



296 

wan aber jener, der geist der warheit, wirt kamen, der wirts enck alles 
erinnern. Und dammb ist der kindstaaf darnach erst durch den heiligen 
geist fßi' guet erkent and geordnet worden, das Cristos nit deutlich hat 
bevolhen. Es steet auch nit geschriben, dass du ein Schlosser seist seil, 
es ist dennocht geschehen. Mit einem solchen gmnd haben sie mi<^ 
wollen stürzen. 

Da hab ich gesprochen: Nun wie kumbts aber, dass der heilige 
geist dem Paulo nit auch des kindtauüs bericht und erinert hat, der den 
herren ein auserwelter rustzeug war, seinen namen zu verkündigen, der 
erst hernach nach den andern aposteln ist erwMt worden. Nun schreibt 
er nit ein wörtl darron. Darumb ist nichts nit. Dan man sieht, do er n 
Mileto von eltesten von Epheso Urlaub nimbt und spricht: Ich beaeiig 
euch an dem heutigen tag, dass ich euch alles das, das da nützlich ist, 
ja allen rat gottes verkündigt hab; darumb wil ich rain sein von euren 
bluet, dan ich hab euch nit verhalten, das ich euch nit verkündigt hete, 
darumb schaut auf euch selbs. Ja dass er er des kindstauf mit aim wort 
ged&chte, dan er ist kain rat gottes nie gewesen: dan wan der kindstaef 
von Cristo oder durch seinen geist het sollen für den rechten cristlicbea 
tauf gebraucht werden, Cristus het in nit allein deutlich bevolhen, sunder 
ernstlich geboten, wie man sieht, da sich Johannes widert, den herren 
zu taufen Hat. 3., da spractt er: Lass es jetzt also sein, also gebürt ee 
sich alle gerechtigkeit zu erfüllen. 

Nun wie dise auch nit richten haben kftnnen, da haben sie mit der 
marter auch versuecht und da haben sie gott sei lob auch nit gelangen 
mögen, nachdem sie unser Unschuld in der marter erst gemeiü haben, 
gleich entsetzt sein, uns zu tödten. Dan es muess nur gottes urtel 
treiben, ire sund zu erfüllen. Es ist inen bang mit uns; wie dan der 
pfleger sprach: Ich wolt, dass ir 100 meil von hinnen werendt: sie 
snchent weg mancherlay weis. 

Sy haben auch von Münichen zwen dechant, auserlesne schlangen 
wol 9 meil wegs zu uns geschickt, die haben ain ganzen iamersprüch 
aufzfuchnet aus der bibel, den kindstauf damit zu bezeugen, hat sich aber 
kainer troffen. Haben nur ire thorheit anzeigt, dass sie nichts von gott 
wissen, sunder nur veinden fäerer sind, und da haben sie gemaint, dass 
ich inen nit zue fallen wil; da hat es in treffentlich anthon. Da hat der 
ain angefangen und ernstlich zu mir gesprochen : Nun dieweil du denn 
alleding mit der schrift wilt bezeuget haben, so sag mir: was haltstn 
vom suntag? Was sol ich darvon halten? Wir halten nit ain tag für den 
andern, man nimbts vom gesatz her, dass man den sibenten tag feüri 
Cristus hat in nit geboten, sunder er selbs hat alle seine werk am sabatk 




297 

tban. Bammb die Juden maineten, er wer nit yon goti, weil er eich nit 
still hielt. Da sprach Cristns: was gebürt sich zu thuen auf .dem sabath, 
gflets oder böses? Da sieht man, dass guets thuen alle tag erlaubt ist 
und das böse alle tag yerboten. Wie der prophet Esaj^s am 56 meldt: 
der das hoch acht, das gott gefallt und seine hend yerhüet, dass sie kein 
böses thuen, der halt dem herren seinen sabatii recht, wen der sündlich 
leib durch den geist überwunden wird, dass er feuren mueess mit seiner 
sündigen Wirkung. Auf dass wir aber die unwissenden yölker umb uns 
nit ursach geben zu lestem, so halten wir den sontag auch still, aber nit 
umb ires gebots willen, sunder wie yorgesagt, ergemus zu yermeiden. 
Weil dem herren nicht dardurch yergeben wird, so handlet man bey uns 
des herren wort allen frumen zum trost. 

Da hat der p&ff gemaint: du kannst in mit keiner schrift bezeugen. 
Nun sag mir: Hat Maria die mutter des herren mer kinder tragen als den 
herren? Wir haltens nit dafür. Nun woher kumen im dan seine brüeder. 
Da hab ich im gesagt: Wir achten, es seyen seine nächsten freund ge- 
wesen, nach der alten gebrauch, die sunderlich seines geslächts seind ge- 
wesen, haben sie brüeder geheissen. 

Da spricht er: Du kanst dise ding gleich also wenig mit der schrift 
bezeugen, als den kindstauf. Da hab ich gesprochen: Es ligt nichts 
daran, wan man dise ding gleich nit waiss, es seind nit artikel des 
glaubens, die man wissen muess, aber der recht cristliche tauf ist uns 
not zu wissen, dan es ist ain gerechtigkeit, die uns gebürt zu erfüllen, 
dan Oristas hat deutlich gesagt: Predigt das ewangelium aller creatur, 
wer da glaubt und tauft wird, der wirt s&lig, wer aber nit glaubt, der 
wird yerdambt. 

Sprechen sie: So muess das kind ein glauben haben und tauft 
werden, soll es änderst nit yerdambt sein, dan der apostel sagt auch, es 
sey on glauben unmüglich, dass man gott gefallen mög und was nit aus 
glauben geet, sey alles sünd. 

Merkt wen das kind die predig des worts yersteet, so mag es gleich 
wol ein glauben haben: wo nit, so hat es auch kein nit, dan der glaube 
hmbt nur aus dem gehör der predig und die predig aus dem wort gottes. 
£y so seind die thumen und die doren alle yerloren nach eurer meinung? 
So sprich ich: Wie so? Darumb weil sie die predig nicht yersteen so 
babens auch kein glauben nit. Da sprich ich: Wie mögt ir nur so un- 
verständig sein? Gott wird freylich yon thumen und yon kindem, denens 
nmuüglich ist, keinen glauben fodem. War doch gott zu beschuldigen. 
Das sey ferr yon im. Er thuets auch nit; er ist treu und gerecht und 
SQecbt sein geschöpf zu erhalten und hat kein lust oder gefallen an 



298 

yemands vei'derben. Nun verdampt er doch ein vich nit, walt er dan den 
nnwissenden menschen so hart sein? Dan der glaub wird nur von denen 
gefodert, die wytzig sein, die verstand und Vernunft haben, die den 
glauben möchten fassen und gott dienen in warer &ömbkeit und wollen 
aber muetwilliglich kein wissen tragen, wie geschriben steet : Wer da 
waiss, guets zu thuen und thuets nit, dem ists snnd, ders aber nit waiss, 
kan oder vermag, den lasse man dem herren in seinem urtel steen. 

So sprechen sie dan weiter: Nun warumb wolts gott unmfiglich 
sein, dass das kind kein glauben kundt haben? Ist doch der glaub m 
gab gottes, ist im doch müglioh gewesen, mit ainem wort himel und erde 
zu schaffen, so kan frejlich das wol auch sein. Da sprich ich : Es ist gott 
wol ein grossers müglich gewesen als das, es ist aber seim göttlich wort 
zuwider und der göttlichen zeugnus entgegen. Ir last die göttlich zeog- 
nus faren und geet nur euren gedanken nach. Ir dörft euch um die nn- 
schuldigen nit komern, wie sie gott richten wird: Er wird niemand lo 
vil thuen, schaut nui* ir, wie ir euer sündigs leben mit warer reu nnd 
buess wölt ablegen, gnad erlangen und frid mit gott und seinen kindleo 
fiberkommen, damit ir auch der sichern hoffnung, der säligkeit gewiss 
wärendt und nit zweyfflen dörft durch Unglauben. Und darumb schaut 
yetz in der gnadenzeit, dass eure sfind vertilgt werden, damit ir nicht 
am tag des ainsprechens müest zu schänden werden: dan gott wird nur 
die kennen, die im in sein wolgefallen mit treuen gedient haben. 

Sie fahen an, den schändlichen kindstauf widerumb zu beklagen; 
es sei doch (sprechen sie) ein einleibung in die gmain gottes, gleichwie 
im alten testament die beschneidung : dan welches knäblen am achten tag 
nit beschnitten wurde, das muest ausgereut werden. Also mocht des 
kindlen auch geschehen, wo sie nit getauft wurden, dan Paulus sagt 
deutlich: Wir seind kinder des zoms von natur, darumben wird der 
mensch erst rain von der erbsfind durch wasserbad; im wort wird der 
zorn versünt. Es ist alles ein eitels geschwätz on grund, merkt aber: 
Dieweil ir meint, es mfiessen die kindlen durch den kindstauf angenom- 
men werden in die gmain gottes oder in die zal seiner kinder, warumb 
hat den Cristus (sie) sälig preist on den kindstauf und gesagt solcher sej 
das reich gottes, dan er hat die Unschuld frey zeit, wie auch der prophet 
Ezechiel sagt: Du wärest ganz volkumen vom tag deiner erschaffnng an, 
bis die missethat an dir erfunden wai*t, und also glaub ichs. So aber 
das kind erwachst und das gnet und bös kan underschaiden und es ver- 
last das guet und thuet das bös, da falts erst in zorn. Dan der prophet 
sagt deutlich: Wer selbs sündigt, muess selbs sterben; es werden die 
kinder der vätter missethat nit tragen, noch die vätter der kinder, der an 



299 

mir Bandet, muess vertilgt werden. Dass aber das kind ain angeborne 
naiglicbkeit hat, das auch sünd haist, das ist die erbsünd von Adam her, 
so schad im die selbsflnd nit weiter; dass sie im ein nrsach des zeitlichen 
tods ist, das sieht man an den jungen kindien, die in irer masz wol so 
hart sterben als die alten, die gott noch nie haben erzürnet, kein sflnd 
nie gethon und nmb keine auch nit gewist. 

Aber an der säligkeit ists in kain nachtail, weil Cristus ir recht- 
fertignng ist. Wen aber Gristus nit wer knmen und den zom seines 
yaters gestillet bete, durch sein verdienst, so glaub ichs, dass die jungen 
sambt den alten in der gnad gottes beten mflessen verschlossen bleiben. 

Ey nun, spricht einer zu mir, so glaubstu dass auch der Türken 
kinder sälig werden? So sprich ich: Ir höiis wol, weil die kinder der 
Väter missethat nit werden tragen und Gristus ir rechtfertigung ist. Dass 
ir aber so hart auf die beschneidung diingt, sie sei ein bild auf den 
kindstauf, das aber nit ist: dan man het die majdlen auch beschneiden 
mfiessen, weil sie doch auch erben des lebens sein. Nun wen es schon 
wer nach eurer meinung, das aber nit ist, so müest ir bekennen, dass 
Abraham kein kind an fleisch mocht beschneiden, sie wurden im dann in 
sein haus geboren. Ja es ist also. 

Ey nun, wan die beschneidang ie ein bild darauf wer auffen tauf, 
so muest man Gristo in seinem haus die kinder vor auch lassen geboren 
werden, wie dan auch nur die neugebuil; giltet in Gristo, die aus dem 
unzergenglichen samen des lebendigen wort gottes, das ewig bleibt, ge- 
sehihet; denen hat er macht geben, gottes kinder zu werden und nit der 
fleischlichen geburt, dan was vom fleisch geboren ist, das ist fleisch und 
was vom geist geboren ist, das ist geist, wie zu Bömern am 9. steet: Nit 
seind das gottes kinder, die nach dem fleisch kinder seind. Sonder dass 
ir aber meint, die kinder werden durch den tauf besser, rainer und der 
erbsünd ledig, das ist nichts: der tauf macht niemands frömer, wo nit ein 
lebendiger glauben ist. Die erbsünd haben die junger gehabt bis in die 
^Hieben, haben sie sich derselben beklagt: Dass aber Paulus den zorn 
anzeucht, das redt er allerding nit von kindern, wie man es dan sieht, 
dass er die glaubigen zu Epheso erinnert ires eytlen wandeis halben, den 
sie weylend wider gott nach dem lauf der weit gefuert haben in den 
losten des fleischs, darumb sie auch lebendig tod waren durch gepresten 
^d Band. Da warens kinder des zoms, wie alle die nach dem geist der 
^Wt wandlen on gott in der weit, darumb betten sie auch kein hoff- 
nniig nit. 

Lieben männer, last nur ab, ir bezeugt mich nit, dass ich dem 
^dstauf zuefall und recht geh, dan er ist ein greyel vor gott und vom 



800 

widercrist erdacht. Ir kOnt in weder i 
zeugen, dasB er guett sey. Nu sagt mir, 
er ifit nur ein aufhaltung im unrechten, 
er Bey ein criBt dsiamb daes er cristlich 
er Wöl, 60 doch ein mensch den namen i 
hat, dan der criBtlicb lebt, der ist ein c 
tat ein heid. Da spricht der ain pfaff: 
getauft sey, der hab Cristum anzogen ui 
rechter crist, der sich gott schenkt ui 
hoream mit seel und leib nnd allen gUd« 
der legt Cristum an mit seiner art und 1 
keit beweisen, in der warbeit wandlen. 
beit für ein geist hat anzogen, beschau i 
zeugnns, dass sie der geist der bosheit ri 
begeben haben. 

So spricht ein regent: herr* Claui 
wendig. So sprich ich: was ist, dass mau 
darwider, das reich gottes steet (nit) ii 
beweisung eioes gottsäligen lebens um 
hevolheu, wir sollen den paom aa der fr 
bäum bringt guete frQcht und kau kein 
aus gott ist, der thuet nit sflnd und ma 
gottes behalt in. 

Nun Bo sagt der caniler, der drej 
gewesen und sich vil bemflhet, ob er n 
herren sei allein der preis, der mich 
schlangen unverletzt bewart hat: ich hol 
seiner gerechtigkeit bedecken und mit i 
Der facht an nnd spricht : Claus, ich ve 
du den kindstauf darumb vernichtest, da 
oder darumb dass in die sündigen pfaffe 
anch wider des beiTen bovelch. Ey mein 
Nicodemns deutlich uud guet, knnd es e< 
sagen alle menscben, ans wasser und i 
mögen, sie nicht in das reich gottes ku 
das Wasser vor. Nun sprich ich: Wos ' 
umb kein kindei-tanf verordnet, dan der 
gewissen mit gott; das kind wais von kei 

' herr in der Handschrift. Wohl wie s| 



301 

er aber das wasser vor den geist setzt, das findt man oft, dass der heilige 
geist nach dem tauf erst über die glaubigen ist ausgössen worden. 

Ich acht aber: Cristus hab dem Nicodomo darumb vom wassertauf 
Yorgcsagt, weil er der treffenlichen leerer in Israel einer gewesen, dem 
on zweiffcl der wassertauf der buess, den Johannes gepredigt wol bekant 
gewesen sey, dan Johannes war ein vorbot, der Cristo dein herrn den 
weg sölt bereiten und im ein eingang under die kinder^Israel machen, 
weil er in auch verhaissen ward, drumb er zu in sprach : Ich tauf euch 
mit wasser, der aber nach mir kumt, wiiii mit dem heiligen geist und mit 
feuer taufen. Wie auch Cristus Lucas am 12. sagt: Ich bin komen, dass 
ich ein feur anzünd. Was wolt ir lieber, dass es schon anzündt wer? Ich 
muess mich aber vor taufen lassen mit einem tauf. wie ist mir so angst 
und man sichts auch, dass der heilig geist erst über die glaubigen komen 
ist nach dem leiden und sterben Cristi, da er wider auferstanden ist. 
Darumb ist auch nichtz von kindern geredt. Da spricht der Euelandt der 
altpfleger: Claus, dass du mainst, es sey ein kindisch ding und ein ain- 
faltiger handel, dass man mit dem ein kind ein solchen ernst wöl 
brauchen, das nicht verstee, das bevilcht man gott; nun so hat man aber 
in der kürchen Cristi auch geordnet und für guet erkent, wen das kind 
erwachst, das sol man examinieren und wo es zum glauben tüchtig erkent 
wirt, dass mans firme und mit der firmung bestättigen: wo es aber noch 
nit geschickt ist, da müessens die geden oder der kinder eitern den 
glauben bas leernen. lieben männer, es ist alles ein erdichts ding das 
in keiner göttlichen zeugnus nit funden wirt; (Es ist freylich im neuen 
tcstament vil darvon geschriben wie das hend auflegen ein annemen und 
ein weiters bestättigen sey in die gmain) also ist die firmung auch: es 
ist alles ein erdichtung on grund über den kindertauf erdacht, ire thorheit 
damit zu verdättigen. Das hendauflegen ist allerding kein kind bevolhen 
an im zu brauchen: schau man die geschieht bass an, es findt auch nichts 
von götten, dan es kan ye ainer als wenig für den andern glauben als 
wenig einer für den andern essen kan oder vermag. 

freylich, spricht einer, mag auch einer für den andern glauben. 
Waist du nit, wie dort im evangelium steet, dass die leut ein sol- 
chen glauben beten, wen sie den kranken nur für den herren brächten, 
dass er gesund wurd. Und do sichts man, do sie den kranken durchs 
Ziegeldach darnieder Hessen für den herren und er iren ernstlichen 
glauben sach, da macht er in gesund. Da sprich ich: Der krank hat 
den glauben auch haben müssen, sunst het in der &embd glauben nit 
mögen helfen, dan es steet geschriben, der gerecht wird seines aignen 
glaubens leben. 



302 

Da focht der caozler widorumb an 
hab aus detnca roden, du zeugst durui 
dasB in die sündigen pfaffca handien n 
mich fafaen wollen, dan er hat mirs fi 
or ist auch gott zu der Hchmach erdacht, 
in auch weder mit woi'ton noch mit den 
oder guet üo;, dan alles das, was gott 
alles nutz und giiet. So sagt mir, wat 
seyn anbang, das gott gefallen hab? n. 
sein heiliges angeben überall verkert ui 
der wiiost greyel, damit er die mensche 
möcht aufhalten und nach seinem muet i 
canzlor: Mer Clans, dass ich dir beke 
weit venucht und mit den Sünden hoc 
uns auch gott und gibt uns kindische un 
nie der prophet sagt: Es geschee umbs ' 
den mich und waiss wol — mer gutherzi 
unbill ;otz so gar über band nimht. I( 
wäi'en, so wolt ich, dass mich gott heint 
gewiss bey mir, als gewiss. Ich hoff s&li 
uin gespött halten; dan ir maint, wer ni 
verrucht. Da hab ich gesprochen: By w 
thuet, warumb straft irs dan nit, dieweyl 
in der weit seyt, die den andern anleitno 
alles erstrafen. £y ja, ir sollents verbll 
und die herrschaft thuete am mausten. 

Uan sol sich nit vol saufen, darau. 
steen. Wo findt man mer, dan bey de 
nimer strafen, ir habt die ki-aft verloren, 
herr, man sol das nnkraut lassen wachse] 
ir eur unrecht fein mit einem sprQchlein 
hin: Thuet binaua was bOs ist, dammb i 
nit ein gmain gottes seit, weil ir euch 
und sein wort verlassen habt, so hat er t 
rechten Qbet^eben, wie dan das werk zen 

Nun Claus spricht ainer, mainstu, 
treiben oder sein wort reden, weil sie ni 
worfen sein. So sprich ich: Sie kOnnen 
sein heiligen geist nit lassen regieren, 
wort den huerern, gOtzendienem, Ingne: 



803 

lesterlichen tollen pfaffen tm-ffen for gott nit treten, er ist feind allen 
übolthätern. Gott ists wort selbs, das bevilcht er tieuen meuBchen, die 
geschickt sein, auch andere zu lernen, wie Paulus zum Timotheus am 
dritten und Tito am ersten sagt, wie die ewangelischen prediger sein 
sollen: bewärte männer, die ein berümbts leben f&eren, dass sie dem 
lesterer nit ins uiiiel fallen, die die gehaimnus des glaubens in reinem 
gewissen tragen, die treu, warfaaft und dem geiz feind sein. So spricht 
der canzler: ich glaubs aber, dass das ampt und das wort nit geschwecht, 
sunder in seiner craft bleibt, wie Cristus sagt: Auf Moses stuel haben 
sich gesetzt die geschriftgeierten. Was sie euch nun sagen, dass ir thuen 
sollent, das haltent und thuent, aber nach iren werken thuent nit. 
Nun schauen t, es ist nit abgeschlagen oder verboten, wort zu predigen. 
Ey, so sagt mir nun, was hat man auf dem stuel Mose verkündt, nämlich 
das gesatz und nit die gnad und warheit ist durch Cristum geben. Der 
hat den friden und die yergebung der Sünder durch den glauben in seinem 
namen lassen verkünden durch treue menschen, die in geliebt haben, in 
seine fuessstapfen trotten, im nachgevolgt in der widei'geburt, auch bej 
im beharret sein in allen anfechtungen. Die hat er auch mit seinem geist 
begabt und inen sein lebendiges wort in iren mund gelegt und das selbig 
bekreftigt, dass es auch den menschen hat eingriffen, wie ain scharffs 
zwajschneidents schwort, das seel und geist durchdringt, das die men- 
schen von Sünden geschi*eckt, erneuet und frumb gemacht hat. Wo haben 
die pfaffen das lebendig wort: Es geet niemandt zu herzen, es macht auch 
niemand von Sünden frumb, es hat gar kein kraft, es ist nur ein lärer 
plast und wind on geist, vom todten buechstaben genomen. Drumb dre- 
schen sie ein läres stro, fr predigen gibt nichts aus, dan ursach: sie reden 
nit aus dem mund gottes. Gott hat in nichts bevolhen, sie reden nur ir 
gueyunken und den betrueg ires herzen, sie thun nit mer mit irer leer 
dan sich selbs und alle, die in zuehören, im unrechten aufhalten und ver- 
derben, wie Cristus sagt: ir nattergezücht, wie kunt ir guets reden, die- 
weil ir bös sejt. Dan ein böser bäum kan je kain guete frucht bringen: 
so kan man von disteln nit feigen noch Weintrauben von dömem samlen. 
Mag man von keinen unreinen gereinigt werden so sagt man (sagt der 
Sirach): von keim lugner die warheit hoffen. So spriecht der Buelandt: 
Nun wie dan, das Cristus selbs dem Cayphas zeugnus gibt, wie er pro- 
phetieret hab und hab die warheit gesagt, darumb, dieweil er des selben 
jar hoher prister war. Drumb meinen wir ganzlich, es bleib alles in 
seiner kraft: das ampt und das wort. So sprich ich drauf: Cristus hat 
seine junger und seine nachvolger herzlich gewamet vor den valschen 
Propheten, dass sie nit durch iren sauertaig etwo wurden betrogen und 



304 



snnderlich vor dem müetling und vor den gedingten knechten, die nur 
umb Ion predigen. Sie sollen ir stim als der frembden stim nit allein 
hören, sonder von inen fliehen. Dan alle die, so vor Cristo herlaufen, ee 
er sie spendet, sündt, dieb und mörder kumen nur zu w&i^n stellen omb- 
zubringen. 

Demnach seind zwen arglistige pfaffen auch zu mir geschickt wor- 
den, die haben mich aus der gefangnus in ein änderst haus lassen füeren 
zu inen, ist auch ein doctor der gescbrift und ein Schreiber bey inen ge- 
wesen, der alle ding hat beschriben. Die haben sich doch nit gespart, ob 
sie mich möchten iiT und kleinmüettig machen. Aber der treue gott im 
himel, der den kleinen beysteet, die sich sein halten, der hat mir noch 
ein gnädigs auskörnen geben, im sey lob. Die haben auch nur mit dem 
kindstauf am ersten versuecht, do sie aber am selben ort gar nichts haben 
schaffen künnen, habens mich mit fragen gesuecht zu greifen, wie dan der 
teufifel über alle mass geschwind ist in schalkheit. Und hat der ein an- 
gefangen: Wir versteen an dir, dass du dich gar sicher dunkst in deinem 
bernef. Da hab ich gesagt: Ja ich bin sicher, gott sei lob, und hab kein 
zweifei, dass ich nit recht dran sey. So spricht er: nun so merke ich da 
dein vermessenheit, so übertriffst du den Job und bist übern David und 
thuest Paulo bevor. Da hab ich gemaint: Wie so? Darumb sie haben 
solche küenheit nit gehabt wie du, sie haben sich imer zu der immg be- 
sorgt, sie seien nit recht dran und ir seid so frech und küen in eurem 
und thuen (f) argument, als ob euch gar nichts fälle. Da hab ich ge- 
sprochen: Mein küenheit ist nit aus dem fleisch sonder der geist gotes 
versicheii; uns, dass wir gewiss wissen, dass dies die rechte gnad gottee 
ist, darin wir steen mit allen fromen. Darin ich auch hoff selig zu wer- 
den ; darum red ich solches in mein göttlichen eifer. 

Lieber, sagt der ein pfaff, verlass dich nit zu vil auf dein eifer:« 
hat oft der göttlich eifer frome leut in grossen schmerzen eingefuert, 
dass sie törlich gethan haben, wie maus mag sehen an fromen Panllo, 
der ein starker eyferer umb gott war; noch verfolgt er die fromen cnsten 
und wer wolt sagen, dass ers nit herzlich guet gemaint hab. Wie im aber 
gott solches zu erkenen gab, o wie hart hat er sich in seiner thorheitge- 
schämbt und sich seines Unverstands beklagt; desgleichen auch DaTid, 
den zu zelten auch ein thörichter eifer hat bestanden, darin küen ge- 
wesen und in für ein göttlichen eifer gehabt, ist im gross herzlicher leid 
daraus entstanden. Das kumbt alles daher, wen man zu sicher und 
sorglos wil sein, welches in zuletzt auch gedemüetigt hat und in ein 
forcht triben, dass er zu gott bat: herr leere mich deine weg, dan wer 
waiss die irrung; mach mich ledig von den haimlichen. Und Paulus sagt 



306 

aach: Ich sag nicht, daes ich volkumen sej, ich jag im erst nach, ich hab 
wo] iust an gottes gesatz dem inwendigen menschen nach, ich empfind 
aber ein ander gesatz in meinen glidern, das widerficht dem gesatz gottes 
in meinem gemfiet. ich eilender mensch, wer wird mich erlösen vom 
leib dieses todts? Nun sich zue, man findt auch in seinem schreiben, dass 
er die brueder lernet, sie sollen nit sorglos sein, sonder sich förchten, 
dan der steende mag wol zue sehen, dass er nit fall; darumb sollen sie 
mit zittern nach ihrer säligkeit trachten. So sagt der heilig Job (ich acht 
am neindten und überall) : Wenn ich gleich frumb und nnschuldig bin, so 
waiss das mein seel nit. Auch der weis man sagt in Sprüchen: Wer will 
sagen ich bin rein, rein bin ich und der sünd ainig? 

Mit solchen scharfen Sprüchen haben sie mich gesuecht zue feilen. 
Aber solche strick seind in mein herzen gewesen, damit sie mir mein ge- 
wissen haben wellen binden, gleichwie ein zwirender faden, der vom 
fetier gesengt wirt. Es ist mir auch nit zue herzen gegangen; ich ttab 
wol erkent durch gottes gnad, dass es nur des teufeis pfeil sein, die man 
durch den schilt des glaubens muess ausleschen. Sie haben mich nie kein 
glauben gelernet, sunder nur den zweifei: Das hab ich von anfang für 
des teufel predig erkent. Aber gott sey alle eer vom herzen geben umb 
seinen beystand, der mein herz noch in freuden rain und das gewissen 
anverletzt bewai*t hat. Ich hof, er werd mir sein barmherzigkeit furspanen 
und gnad beweisen zur zeit, wan mir und allen fromen hilf not wirt sein. 

Nun wie sie ire pfeyl gar haben vei*schossen, da hab ich zu inen 
gesprochen: So weiss ich, dass nichts verdamlichs an denen, die in Christo 
Jesu sein, die nicht mer nach dem fleisch sonder nach dem geist leben; 
dan ob sich wol sünd im fleisch erregt, so man den sündigen gedanken 
nur nit nach hangt und der anfechtung nit stat gibt, so schadts aim nicht, 
und dieweil ir noch so unsicher seyt, so zaigt ir damit hell und klar an, 
dass ir vom geist gottes nichts vrisst, dan wo derselb ist, da ist auch 
Sicherheit und freiheit, wie Paulus sagt: Der geist gottes versichert 
uniern geist des, dass wii* gottes kinder sein und miterben Cristy, dan 
die schwachen hei*tzen, die gott nit glauben und vertrauen, die werden 
auch von got nit beschirmbt, dan das wanken ires gemüets macht sie 
£^len. Sie dörfen auch nit gedenken, dass sie etwas erlangen bei got. 
Und dohin sucht ir mich zue bringen von dem sichern in ein unsichers 
vom glauben in ein Unglauben nachs teufeis angeben und leer. 

Ey nun, ir habt da lang von den alten gesagt, wie sie sich vor gott 
gefurcht haben. Das thuent wir auch und ich waiss, gott wird mir das 
zeugnus geben, dass ich seinen namen treulich förcht und vor seiner 
herrlichkeit zittere, wie es dan auch billich ist; aber im glauben zweifei 

Arehir. LXXXI. Bd. I. Hälfte. 20 



ich nit Dod bin nit unsicher, dan ich waies, d: 
warhaftig iet und oit liegen kan. Wan ich e 
der alten freud^keit im ^anben: ich bet lang 
dorten seine frennd von im abweist, die in at 
kleinmuetig zn machen : Weicht ir elenden tiOi 
mir 20 gericht stüend, so wolt ich nnecfauldif 
ledig ansgeen, dan mein gewissen, das beissl 
auch, wie der David im glauben getinilst hat v 
fftrcht mir nit, wan die erd einfiel, ich fOrcbt 
her, der ist mein hilf nnd heil. Vor wem aolt i 
meines lebens craft. Vor wem Bolt mir gi-aui 
gott Ober die maner springen. So sieht mans t 
die auK^en habent, so s^ ich auch nur obei 
ganz wol vertraut in gott lebendig in der hoff] 
lieb gegen gott gewesen sein, les man das acht 
man die anserwälten gottes nit beschaldigeii 
dem fleisch sondern nach dem geist gottes w 
verdamlichs an inen, den ist gott far uns, wei 
bin gewiss, dass mich weder tod noch leben, w 
thumb, kein gewalt hocha noch tiefe, kein ti 
mag Bchaiden von der liebe gottes, die da is 
herren. 

Da bat ee dem ain pfafF heftig angetban 
dich Paulo nit vorgteichen, du bist auch nit i 
Darauf icb b^: Ich gleich mich Paulo nit, ich 
sie also anzeucht, sie seien nit sicher in irem g 

Nun spricht der schw&bisch pfaff: Felbi: 
wir dich an dem oii; nit kllnen bezengen, di 
stucken auch nit geben. Nun was wil wir dan 1 
ich: Bs* derfst's nit vil bemOehen, ir habt m« 
icb, in allen stucken wol vernumen. Dasselbig 
warbeit und gedenk mit gottes hilf darbei zu < 
herren erwarten, was er euch Aber mich verhe 

Da seind die aufgestanden nnd hat der 
Claus, es ist uns allen laid umb dich und gleicl 
kein heilsame leer oder treuer beiicht nit hafh 
sunkt magst sein. Gott im himel waiss, dass 
meinen. Da Rpricb ich: Dem fleisch nach mi 

' i). h.; Ihr dürft euub: es ^ Ob = ir. 



307 

wol ein heilsamer boricht, er wurd der gefanknus und des creuzes los, 
die seel müest darunder verderben. Cristus spricht: Wer sein leben 
wi] erhalten, der yerleurts, der es aber umb meinetwillen verleurt, der 
findts wieder. 

Nach dem allen ist der yitzthum mit etzlichen canzley herren für 
die gefanknus kumen und gar mild mit mii* g^rcdt, mich gesuecht mit irer 
freundligkeit zu erwaichen. Da hat der canzler angefangen: Nun Claus 
da bist nun nahent 10 wochen da nnd nachdem man trenlich mit dir ge- 
. redt hat und dich bericht, hast du dich nit auch ersuecht und erinnert, 
ob du nit etwa ein irii^umb in deinem hei'zen betest funden, den du waist 
on zweifei wol, an was ort du yetzund bist und was dir entgegen steet. 
Darauf ich geantwui*t: Ich ei*suech mich alle tag, find aber keinen irr- 
thumb in meinem hei'zen, ich bin nit unsicher sondern waiss, dass ich in 
der rechten gnad gottes stee. Darin man salig wird, darin beger ich mit 
gottes hilf zu yerharren. Da spricht der canzler: Claus, gee recht in dein 
herz, du wirst noch etwas finden, du bist im urtel leiden schnei. Du 
meinst, wer nit eures bunds sej, der förcht gott nicht, gleichwie der 
Elies dorten, der auch gmaint hat, er sey allein über bliben. 

nein, es waren noch tU tausent, die den herren eerten und dar- 

umb bin ich auch gewiss, dass der herr noch vil frumer herzen hin und 

her zerstreuet hat, die im auch treulich f5rchten. Da hab ich gesagt, so 

waiss ich auch, dass kein zerspalten reich gott wil haben, sondern dass 

einig sei, dan er spricht : wer nit mit mir ist, der ist wider mich. Dass 

aber gott nit in andern sprachen, die nicht von uns wissen, nit auch solt 

frome herzen haben, in denen er sein heiligs werk anrieht, der weit zu 

einer zeugnus, dass widerspnch ich nit; dan gott last sich in keinem 

land unbezeugt, auf dass niemand kein entschuldigung hab an seinem 

tag. Nun aber seit der zeit Cristus auferstanden ist, hat er geheiligt alle 

die, die seim wort glauben geben, sie von der weit heissen ausgeen, sich 

absflndem und kein unrains mer anrüeren, auf das sie ein tempel und 

ein lustbarlicher tabemakel seien, darin got wonen und wandlen wil, ir 

got und vater sein und sie für seine kinder und erbyolk haben und dai*- 

umben halten sich auch die glider des leibs Ci-isty zusamen, damit eins 

dem andern durch treuen dienst aus aller crafk handraichung thuet mit 

der gab, die es yon gott empfangen hat, zu bessern den leib Cristy; wie 

den die lieb ein art hat, bis dass sie mit einander erstarken und wachsen 

zm* gross, die got gibt zum rechten volkumen alter Cristi. Und das ist 

auch die recht gmain gottes, die er selbs gerainigt und geheiligt hat 

durch sein aigen bluet, dass sie on runtze und on allen flecken sey, 

beilig wie der, der sie beruefen hat. Und dieser gmainschaft der heiligen 

20» 




308 

hat or auch don Bchlflssel nnd gewalt gebe 
bindea, welcbee auch die recht thür im 
andoratwo (den durch mich, das ist dui 
gmain ist, der ich mein wort der gOttlicl 
abbricht und ausbaut, vertraut hab) hineiu: 
mOrder. und dai-omb sag ich, welcher meni 
der mness dui-ch äas fürgebot der gmaind g( 
diener Criety gerechtfertigt und frej geepr 
hocken im noch vor seiner thür. 

Spricht der canzler: So steest du, al 
gnnden eey, dan da io eurer gmain. Antn 
nur ein teib und ein geist, dan es kau : 
vergeben. Sagt er widerumb: So glaub ich 
menschen die eund selb vergeb und verzeu 
reut, er sey, wo er wOl, dan David spricht 
nit verachten. B; ja, deunoch hat der herr 
oder rechter mas in Beinen heiligen gebani 
nit angefangen. Dan man sichts am 32. 
da ich mein sflnd wolt verschweigen, da 
mein täglichen heulen, dan mein craft wai 
band gottes war tag und nacht schwer ob 
bokeut, da vcigabstn sie mir, dafür we 
rechten zeit. 

Da Bpricht der canzler weiter: Nun 
den Schacher am crouz und auch den Fotn 
solviret. Ja wer wolts zur selben zeit tban 
OB ist kein richtige gmain nindeit gewesei 
die sOnden zu vei^ben seinen jungern 
übergeben; derselben hat er dainacb nit 
Ordnung die eer geben. Da sihet man, i 
schlug auf dem weg und selbs mit im redt 
volgstu mich. Und er fraget: Wer bißtu o 
hets im alles wot ei'zellen künen, was er n 
Nain, er hat es nit gethon sonder in bii 
apoBtel Ananias, der hats mflestien than, v 
siebt man auch am Coraelio, des sich got 
und in dem treu war, das er erkenet vor gi 
auch got ein enge], der zu im spi-ach: 
almussen ist vor got gedacht worden. Dan 
hss her fodcrn Simon Petrus, welcher bo e 



309 

du sälig wirst. Drumb mag mans deutlich sehen, dass er seiner Ordnung 
nit hat abgenomen, er hets durch den engel auch mögen ausrichten, 
Petrus der apostel muests thnen. Es het auch got den yerschnitnen 
kämmerilng selbs wol absolvieren kflnen und aufrichten, dieweil er in 
eins rechten gmüet erkenet. Nain, er thets nit, sondern er trib durch 
seinen geist den apostel Philippen hinzue zum wagen, der müest im die 
göttlich zeugnuss erklären und den weg gottes das hail durch Cristum 
dar anzaigen, in welchen er auch glaubet und in seinem namen von Fhi- 
lippus tauft waii;. Und da habt ir mein sin. Sie aber sprachen: So 
glauben wirs gänzlich, dass kein sünd so gross sej, wan der mensch dar- 
über von herzen laid tragt, so yerzeicht ims gott. So sprich ich: Ir mögt 
wol glauben, aber es ist ein yerkerter sin, es stet die gantz weit also, es 
wird euch fällen, das haltet sie auch im unrechten auf, dass sie der 
waren bness dest mflndter nach fragen, weil sie mainen, sie wollen den 
herren gleich herzuckhen, wen sie wellen, wie sie dan sagen: Gristus ist 
nmb der sflnder willen kumen, gleich als hab er inen erst freyheit geben 
zu sündigen, nun hat er doch (sagen sie) gnueg f&r uns gethan. Darumb 
sündigen sie nur anhin auf gottes barmherzigkeit, vermeinend, wen sie 
nur zu letzt ein gueter sejfzer lassen, so soy es alles schon versüent, und 
darumb spart auch ein jeder sein besseimng bis zum tod. So doch der 
herr spricht: Heut, heut, so ir mein hörent so verstockent eure herzen 
nit und bindet nit zwo sünd zusamen: dan umb die eine werdt ir nit un- 
gestraft bleiben; dan der mensch muess vor gott rechenschaft geben von 
ainem yeden unnutzen wort, vil mer von werken. Und also haben sie 
nachgelassen, zuletzt alle ding faren lassen und gemaint, es sej nit ein 
wunder, dass sich yemandts der venmchten weit entschlach. Es wundert 
mich auch nit, mein Claus, sprach der canzler, dass du dein sünd nit so 
bald fallen last, weil du 11 jar daran gesamlet hast. Es ist villeicht die 
stund nit, wir wollen jetzund von dir geen; ein andermal, als wolt er 
sagen, wollen wir sehen, ob wir dich bezeugen künen. Da hab ich ge- 
sprochen: Nein; ich hof, ir solt die stund nit erleben, dass ich die warheit 
verlass. Ich vertrau meinem got, er werde mich be waren. Spricht der 
canzler: Wan wir nur mit dem kindertauf bass möchten zusamen kumen. 
Drauf einer sagt: Von sacrament oder vom abendmal hat er schon ge- 
schriben, aber von seiner würkung haltet er nicht. 

Nun sprachen sie: Siestu dan gar nit, dass du wölles bericht an- 
nemen? Ir künt mich mit der warheit nit berihten, den ir stet nit in der 
warheit und drumb wil ich in der einfalt Oristy bleiben. 

Da sagt der canzler: bistu einfaltig, so kan ichs nit glauben, ich 
denk, es sollen ir wol hundert herauf komen, die sich also verantwurten 



310 

ntt kflnen, wie du thuest, d&a i& 
man ir find, die dn umblanfen on 
ars hat müessen bekennen, mir zi 
und aller preis; derselbe sein heili 
allRn frompn xii einem trost. 
Amen. End. Finig. 



Benesrh (Wenesck) Köhler an . 

aher seine Erfolge in der Umge 

12. Au 

Der berr mit seiner Gnad, 
Dir noch zn jeder zeit bei, insondi 
Dir gleich aber ein wenig schreibet 
iiiiirOszig werden, dass ich Dir so 
und mach Dich auch deeter gwis 
allen fromen) lieb hab, und wenn 
Wochen ainmal schreiben; darnmb 
mein schreiben im besten nffnembi 
frewet wflrde, wan (ich) einmal eii 
HeiTD hab. Darnmb, lieber Bruedi 
sampt meinem Bi-uoder wol im Ui 
und hab immerzu e ain innerliche f 
gedenk, und hab auch die boffnung 
den zu denselben föeren, wiewol 
muß. Ich boff* aber, der Herr wi 
ain mal ain volk abfertige, so geet 
ab. Dan ich werde (wills Gott) 1 
fertigen, das aus dem Basel(ge)bie 
Vom baimziehen kan ich Dir sende 
der boffnung, anf Michaeli im landt 
geben. Sei also Oott dem almech 
(sambt der ganzen gmain) bevolhe 
sambt Deiner üi-sel. QrOß mir ai 
Andre Lorenzo, den Jern; Planer, 
Sonderheit grOeB mir das kncbeWo 
allen Naterin(en), den Call Haoi 

' Hier fehlt ein Wort. 



311 

Bnechbinder zn Bilawfitz. In summa grfieß mir und meinem Brueder die 
ganz gmain, alle frommen mit dem innerlichen friden Jesu Christi, wo ir 
ny mit des herrn wort besuechet. 

Datum Gottmading in Eil, den andern tag nach Laurenti, anno 1584. 

Sunst aber lieber brueder Mathes thue ich dir zu wissen, dass ich 
sambt ainen jungen Schneider yon Seheckwütz den 4. August bald 
wer gelingen worden zu Birmessdorf, 1 meil von Zürch, da aber des 
ündenrogts weih den anschlag vemomben hatte, da ward sj sehr be- 
kumert (dan dein brueder sein ir lieb), da hat sy von stund an ihren 
knecht (der auch mit disem volck komen ist) zu uns geschickt, in des 
Bartels yon Schäckwfitz haus und uns lassen warnen und heissen 
fliehen. So wir kaum auss dem hauss kumen sind über ainen berg aus 
in ainen wald, da kumen die Pilatnsknechte daher, aber der herr hat 
ans danron geholfen, betten sy mich erwüscht, so hett ich hinein geen 
mfissen gen Zürch. Aber der HeiT hat ihren anschlag zu nichten ge- 
macht; wir haben aber des dings noch mehr zu gewarten. Der herr 

welle uns bewaren. Amen. 

Wenesch KOler, 

Dfem) l(ieber) B(ruder) i(m) E(erm). 

Schick Dir auch hie mit dem Bartel ainen Schweizer Ziger; wellest 
also von mir mit ainer schlechten gab vor gut nemen. Ich hoff, ich well 
im helfen essen. Sunst waiss ich Dir aus disem groben, rauchen, ber- 
gichten, waldigen, wässrigen, ungeschickten landt auf dismal nit änderst 
zu schicken. 0, wer ich bei der graain, mein Gott im himel. Seid unser 
vorm henn ingedenk. 

An Matheus Binder zu Gostal, meinem insonder gliebten brueder 
zu henden. 

In tergo: Copy Schi*eybenß Wenesch KoUerss an Mattheuß Pinder 
zn Gohstall. Datirt den 2. tag nach Laurentj anno 84. 



Nr. 3. 

Benesch Köhler an Michdel Veldthaler zu Nicohburg über seine 
jüngsten Erfolge und weitere Absichten in der Schtoei!^. — Oott- 

mading^ 13. August 1584. 

Der herr sei allezeit mit und bei Dir. In sunder geliebter Bruder 
Michael. Ich kan nit underlassen. Dir zu schreiben abermals, wie es mir 



312 

samt meiDem B(nieder) gubet. So ^h( 
wol mitten unter unsern feinden. Aber i 
aus, Bamt der soi%, mfieb und arbeit tag 
selbig in gueter erfarung hast, iet onoi 
gut bredigen. Sunst aber, lieber Bruei 
schreiben den sunb^ nach Jacobi cmpfä 
freuet hat, dass Du mein im trüebsal so 
Bin auch durch Dein und viler Brueder 
und gleich ein neue kraft, muett und 
Himmel sey treulich und fleissig gelobt . 
Uichael, wiss, dass es sich itzund gegen 
lassen, da man dan auch vil leut nni 
hat, die uns geherbringet, esaen oder tr 
bei der bredig gewesen sind ; auch so wä 
kluppen kumen, dan 1 nieil von Zfirct 
kummen ist, gesucht, inen ein zeit gestii 
also durch den pfafTen auekundtschafft 
vogtgen Zurch geschriben: Die teufTer bi 
hauB (der mit zu der gmein zogen igt). Da 
(den) ßiith ti'itgen. Da hat niiin von Btu 
schickt: Der UnteiTcgt soll uns gefang 
viigts weib solches vernnmen hat, hat sie 
iren knecht, der auch mit diesem volck k 
dem hauß kumen sind, so ist der uudi 
Pylatuskn echten. Aber der Hoit hat un 
im sej alle eer und aller breis. Nim abi 
KU thun ins Boein (jj'ejbiet,* da es dar: 
wel uns bewaren. Und wenn ich den 
sambt meinem bruder (wtls gott) wider z 
well uns mit freOden heim helfen. Se 
sambt deinen (gk) und kind befolhen, dam 
und deinen gehQlfen, dem Pauln und all 
innerlichen friden Oriati. 

Gottmading den 13 Augusti 1584 



' Einige Khnlicbe Sätze sind oben we^ 
* Ixnd AQflgeBtricIien; dnfllr: biet. 
' dAoken in der HaiYduchrin. 



813 

Seit unser TOim Herrn eingedenk. Es lasst Dich auch der David 
treulich griessen. 

Grüss mir sonderlich den Görg Zobel. ^ 



Nr. 4. 

Benesch Köhler an den Wiedertäuferbischof Clause Breuiel 

zu der Neumühl über seine let!{ten Erlebnisse als Sendbote in 

der Gegend von Zürich, Kündigt die Ankunft eines bekehrten 

Völkleins an. — Gottmading, 14. August 1584, 

Der Herr sey olzeit mit und bey dir. Insonder vilgelibter Bruder 
Olauß. Ich hab gleich Ursach Dir wiederumb zu schreiben sonderlich 
dieses völklins halber; da ich dann hab sorg gehabt, man hat sie aufge- 
halten, da ich dieses vor dem Volckel hab abgefertiget, dir geschriben 
hatte, da hab ich einen bruoder lassen hinter sich laufTen gen Schof- 
hausen, wie es umb diß Volckel stehet. Da hat er sy mit einander beim 
schiff funden; also sein sy den andern tag zu Mittag hernach khummen. 
So hab ich Ihnen geholfen und zu Gottmädingen, 1. meil von Schaf- 
hausen wiederumb ein für gedingt bis gen Ulm und hab sie also abge- 
fertiget. Eß ist wol ein zimllch freches gesindel, aber sie haben sich wol 
erpoten, dann ich ernstlichen mit inen geredt hab. Den ich mit Ihnen ge- 
schickt hatte, also den Hen (t), Henrich und Pai-tel vom Scheickwitz, der 
ist noch beim Prüder. Auch ist unter Ihnen allen kein geschwistriget, 
wiewol ich mit den vorigen auch auf hofnung (aic) gehandlet habe, dan 
sie alle über 5 oder 7 fl. über dj zei*ung nit gehabt haben, darmit sie mit 
einander steil fortkomen, dan ich hab selber hinein müssen gen Birmess- 
dorf, ein Meil von Zürch, dass ich Ihnen den tag gestimbt hab, wan sie 
sollen auf sein, und hab die dasigen, die im sinne haben gehabt, hienein 
zu ziehen, lassen versamblen, am abendt bey licht und mit Ihnen geredt 
was mir der herr geben hatt: Was ihr auszug sey und was sy bey der 
gemende finden werden. 

Da pin ich durch den pfaffen auskuntschafft worden; der schreibt 
geschwindt hinein gen Zfirch an die Obervögt (da haben die Obervögt 
den biief für den rath tragen), dass die tauffer itzo alle nacht ins Bartels 
hauss sein und predigen. Da habens von Stund an die Stadtpoten heraus- 



* Der Arzt, der einmal nach Prag gerufen wurde, nm in der Kaiserburg 
Hilfe zn leisten. Er und Feldthaler werden in den Geschichtsbüchern 
wiederholt genannt S. S. 276. 



314 

geschickt, man sol uns gefangen nehmen, gen Zürich pringen, sind aber 
durch des Vogts Weib, die einen knecht geschickt hat, gewarnt worden, 
dann so bald wir aus dem haus komen sein, so knmbt der underrogt 
sambt seinen gesellen daher. Aber der Herr hat uns geholfen, dass wir 
aus iren banden entronnen sein. Dem sei die Eher. 

Sonst aber, lieber prueder Clauß ist ein abgefalner bey diesen 
Volckel, heist Heini Bencker, ist zu Schadewitz vor zwei Jaren weg 
komen. Der stett wieder buss zu thun, hat sich sonst bei dem Volck nit 
übel bewisen. 

Ein Witfrau heisst Barbl. Ist zu Brotzka vor acht Jaren wfg- 
komen. Die hat auch angehalten, begert von hei-tzen bueß zu thuen. Sj 
hat sich auch nit ungeschickt beim Volck gehalten. Du wirst nun aller 
nach halben wol wissen zu thun. Ist aber mein Pitt, Du woUst den 
Christel von Bruschen mit zwei oder drei jungen bedenken, die haner 
mochten ausgeben; setz dies in deinen willen. Sey also von mir sambt 
meinen brüedern, sambt Deinen geholfen, deiner Ammdel (sie) und der 
gantzen gemein treulich gegrfisst. 

Datum Gottmäding den 4 tag nach Lanrentzj anno 84. In eyl. 

Seyd unser vorm herrn eingedenk. 

W. Koller 
dfcin) \(teber) h(nider) \(fn) h(erm). 

An Clauß Bi*ädl zu der Neumfiel, meinem insondem und gelipten 
Pröedeni im herrn zu banden. 

Tn Urgo: Copy Schreybenß Wenesch Kollers an Clauß Praidl zu der 
Neumfill, datirt den 4. tag nach Laurenty a^ 84. 

Oiig. Pap. in der v. BecVschen Sammlang. 



Nr. 5. 

Mandat der Züricher gegen die nach Mähren ziehenden Wieder- 
täufer. — 1612, 30, December. 

(Züricher Stadtarchiv.) 

Diss Mandat Ist bestetiget vnd soll Inn tioick verfertiget vnnd Inn 
Statt vnd land öffentlich verkhündt werden. 

Actum Mitwochs den dOten Decembris Anno 1612. Präsentibus 
Herr Burgermeister Bhan, Rhat vnd burger. 



315 

Wir der Bargermeister, Bath vnnd der gross ßhat, so mau nennt 
die zweyhundert der Statt Zürich. Embietend allen vnnd leden vnnseren 
bürgeren, Inwohneren, Ober: ynnd Yndervögten, anch allen annderen 
vnnseren Zugehörigen, Geistlichen vnnd Weltlichen Inn vnnser Statt 
Grafschafftien, Herrschafften, Landen, Gerichten vnnd gebieten v^ohnhafft, 
vnnsem günstigen geneigten willen vnnd alles guts zuvor vnnd thund 
hiemit vch sampt vnd sonders zu vernemmen. Nachdem die Irrige sect 
der Widerthäüfferen an etlichen orten nur Immerdar mehr zu dann 
abnemmen will, unnd aber ein Jede Christliche Oberkheit vss obligender 
pflicht, solliche Widertäüffery vnd dero anhang, vngestrafffc nit hingahn 
lassen khan, als die nit ring zuachten Ist: diewyl die Widei-thaüffer vil 
schädlicher, erschrocklicher vnd grifflicher Irrthumben von vil articklen 
habend vnnd fürend, inn denen si nit allein den Eindertauff schendend, 
darzu von vnsers lieben Herren Nachtmal schlecht haltend, sonders 
Irrend auch Inn dem rechten hauptpuncten der Christlichen Lehr, als 
da sy fürgabend, das sy durch Ire eigne werck vnd lyden selig werdint, 
lähi'end hiemit vss den thüren verdienst ynnsers Henn Jesu Christi, durch 
wellichen allein wir dess heyls theilhafftig werdent. Item durch Ire lehr 
werdent alle Christenliche Kiixhen verwii'rt vnnd zerstört, dessglych 
die Begiment vnd husshaltungen zerrüttet, dann sy wendend menigk- 
lichem so vU Ihnen müglich ab, von ordenlichem Kirchgang, lehrend, 
kein Christ möge Im stand der Oberkeit syn, nennend sy anch nur 
Heyden, bebend die rechten Eid vf, mit denen die vnderthannen Iren 
Herren vnd Oberen verbunden sind. Vemers trennend sy die Ee, fürend 
einem biderman syn Eelich wyb hinweg, einer Eerenffauwen Iren 
£eman, wyssend auch die kind vnd dienst vf, das sy von Iren eiteren 
vnd Herren lauffind, dessglych die Eiteren von kinden, beraubend auch 
die kinder Irer Erbguteren, damit sy vil gut vss dem land hinweg fer- 
tigind, vnd Irer Gesellschafft Im landt Merrhern zueignind, wie 
glych etliche, so durch Ir faltsche anleitung sich daselbst hin begäben, 
zu Irem widerkheer den trug vnd bschiss anzeigen khönnen. Bruchend 
auch mit verschleicken der zollen vnnd abzügen, auch anderm so den 
Oberkeiten zugehöi-t, allerley gfahren, entblössend vnnd beraubend das 
Vaterland der hilf wider vyentlichen gwalt. Inn summa sy vertrybend die 
recht Euangelisch Beligion vnnd Christenliche billiche politische Sa- 
chen etc. Das wir vss Christlicher Oberkeitlichen pflicht söUichem 
schädlichen Irrsal, vnrecht vnnd vbel mit ernst vnnd nach gebür zu- 
begegnen verursachet worden sind, vnnser vormaln hierwider vssgangen 
Mandat, widervmb Inn vnnser Statt vnd Landschafft mit etwas Ver- 
besserung ynd verneren zusatz zuernüweren. Vnd gebietend dainif zum 



316 

aller erntstlichist«n c 
von dieer Inigen W 
enthalte, dann wer s 
ordenlichitn Eilcl^ang 
vssorte, Tnd das gm« 
Eilchen (wie andere | 
gend) nit .besuchte, vr 
eines Krsammen Eege 
schafft des Pfarrers, ' 
Gineind, fruntlicher ve 
den sCndemn^ Im K 
Tssert der ordenlichei 
soll des ncuheten Sor 
andern Sontags daim 
zi>clien pfnnd an ban 
jntzt bestimpten bussc 
blybena der Predig g 
werden. Da die Pred 
by synem £id sOllidic 
weite dann by einem < 
noch verfahen. So aolt 
biirger ald Inwohner 
vnd GsellschafFt vssge 
Ime verbotton vnnd r 
aller gmeinschafTt vnd 
Inn wäBxei-ungen, kai 
dessen, alle die wyl v 
genoss vnd nit vehig s 
Welliche aber, i 
alles Inn Irer halsata 
weiten, der vnd diese 
banden genommen, vi 
man gegen sOllichen ' 
vnderrjchten vnd abw; 
so wellend wir als dai 
vnnser Statt vnd Lanii 
Inno ohne vorgende he\ 
betiStten wurdint, sy 
vnd brot spysGen lass 
nit znm abstand vndi 



317 

eüunal von vnnser Statt vnd land verwysBen. Were dann einer bo frSfTon 
vnnd widei^setzig, yber das er zum andern mal verwissen worden, sich 
abermaln widemmb ohn erlaubtnuss Inns landt Hesse , oder das einer 
sich nit yss dem landt wyssed lassen, sondei*s mit gwalt dai* Innen be- 
Ijben weite, wie dann etliche Toüffer so vermessen sind, das sy Inen ein 
sölliches fQmemmen ynd der Oberkeith sich auch Inn dem widersetzen 
ddrffond, gegen söllichen halsstarrigen mentschen, an denen alles nüdt 
helfen will, werdent wir mehrern emtst anwenden, vnd dieselben als 
meineyde yfrürische iQth, ynd die sich allem Oberkeitlichen rechtmessigen 
gwalt trutzlich widei-setzend, an Irem lyb, oder auch am leben nach 
gstaltsamme der Sachen straffen. 

Vnnd wiowol wir vor Jaren, die Jhennigen, so mit der Taüffeiy 
befleckt sind, mit Irem hab ynd gut vss vnnser landschafft veifaien 
lassen, Sidtmaln aber augenschünlich sich ei'findt, das, wann sy hinab 
Inn das land Merrhern, oder aber Inn berüwen khommend vnd wider- 
umb dem Vaterland! zuzflchend, oder da sy da vnden absterbend, vnnd 
dann Ire kinder, als vnschuldige, sich wider heimbwei*ts begebend, alles 
gut eintweders verbrucht Ist, oder Inen anderschwo abgenommen vnd 
vorgehalten wirt, da so wellend wir kheinen mehr der vnnseren, so sich 
der Täfiff^rischen sect anhengig machend, oder mit Inen hinweg zflchend, 
Ires zyClichen hab vnd guts nQtzit volgen lassen, alle die wyl sy Inn 
Ihrer vngehorsamme verharrend, sonders dasselbig zu vnnseren banden 
Inn bevogtig^g vnd verwahi*ung nemmen vnd vfbehalten lassen, damit 
wann hernach sy oder Ire kinder widerumb Inn berüwen vnd zu land 
khoDunend vnd gehorsam syn wellend, wir den vnd dieselben nach 
vnnserm gefallen vnnd gutbeduncken, vss söllichem gut bedencken 
khönind, wellichs wir vnns hiemit vorbehaltend. Nach gnaden vnnd 
gstaltsamme der Sachen zethund. 

Vnnd als dann vnns feirkompt das etliche Taüffer so vermessen 
sind, das sy sich Inn vnnseren landen vfstellend, vnd Inn wincklen vnd 
an heimblichen orten dess predigens anmassen dörffend, vnd daimit ein- 
falte Lüth an sich ze hencken vnnd zu verfQren vnderstahnd, da Ist vnnser 
er^tstlich gebott vnd meinung, so bald man vemimbt, das sölliche lüth 
vorhanden, sy sygind frömbd oder heimbsch, söllint alsdann vnnsere 
vnderthanen schuldig syn, by Iren Eyden vnd vennydung vnnserer 
höchsten vngnad vnnd straff, den nechsten ohn Verzug sOllichc Lehier 
vnd Prediger anzugryffen, vnnd vnns der hohen Oberkeith gfengklich zu- 
zefüren, gegen denselben nach vsswyssung vnnsers Mandats vnnd Irem 
verdiennen zehandlen. Wo aber derglychen heimbliche versamblungeu 
vnd predigen wider all vnnser verhoffon In vnnssoren landen gehalten 




318 

wurdint, vnnd etliche der vnnseren so vnbedacht vnd wundei'geb werend, 
das sy an sölliche heimblichen predigen giengend, es weren wyb ald 
man, jung oder alt, benelchend wir vnnseren Obenrögten, das sy die- 
selben all, anderen zu einem byspil, büssen vnd straffen söUint.. 

Denne die, so heimbschen vnd frömbden Tönfferen, sy sygind Inen 
verwandt oder nit, wüssentlich vnderschlaulf vnd platz Inn Iren hüsseren, 
grchüren oder güteren gebend, anthreffend, von dem vnd denen, sol dardi 
vnsere v6gt vnd Amptlüth so offt daz beschicht, zehen pfand gelts vnab- 
lesslich zu buss Ingezogen werden. Es möchte aber einer Inen znm 
predigen, oder Innzug annderer lüthen sy auch abtrünnig zemachen, der- 
massen fürschub thun, oder sy nit leyden oder verjagen, wir wurdint ^ 
denselben (als Ifith die thi'üw vnd eyd an Ii*en Herren vberfaren babent) 
ohne gnad rechnen, vnd dar Inn niemandts vei*schonnen. 

Ob auch Jemandts, wer Joch derselbig were, von wüssenüidien 
Töufferen gut verkaufifte oder vmb zinss bestünde, ohne voi'wüssen vnnd 
willen der Oberkeith, der vnd dieselben söUent das gut, vnd was sy daran 
bezalt betten, ouch die Lehenschafft oder bestandt dess guts, verwürdd 
vnd verlohien haben vnd dasselbig zu vnnseren banden genommen 
werden. 

Anlanngend die Vfwigler vnd Lehrer so alle land durchstrychend, 
vnnd fromme einfalte lüth Inn Irrthumb, auch mit lyb vnd gut vss dem 
land fhürend, daher ein Ghi'istliche Oberkeit billichen sy an lyb vnd 
laben zustraffen hatt, vnnd das nit von dess Glaubens sonders von des- 
wegen, das sy vfrüristh handlend, meyneyd sind, vnd einer Ersamen 
Oberkeith Ire vndei-thanen vnghorsam machend vnd verfürend: Wo nun 
söUicher vfwigleren vnd Lehreren einiche, wer sy loch sind, frömbd oder 
heimbsch, Inn vnnseren grichten vnd gebieten vorhanden, vnd erfaren 
werdent, die söUent angents ohn alles snmen mit allem erntst vnd Yfer 
gfengklich angenommen vnd vnns bewahrt zugefüi*t werden, gegen den- 
selben wir vnns, nach Jedessen verhandlen und verdiennen vnd gstalt- 
same der sach, mit straff an gut, oder auch am lyb vnd leben fürzu- 
nemmen, vnnss hiemit fryg vorbehalten haben wollend. 

Vnnd so dann hienebent die Täüffer vil vnd grossen anlass nem- 
mend, sich von vnnserem Glauben vnd Kilchen abzusdnderen, by den 
lästeren der trunckenheit, gyts, liederligkeit vnd anderen, mitt denen 
etliche Predicanten vnd Kilchendienner behafftet sind, dessglych audi 
by dem, das vnnseren Christenlichen Satzungen vnnd Mandaten etwan 
nit nachgesetzt, vnd dieselben nit gehalten vnnd gehandthabt werdent, 
so wellen wir hiemitt alle Predicanten vnd vorstehnder der Kilchen, Irer 
pflicht vnd ambts, darzu sy von Gott vnnd vnns Irer Oberkeith beruft 




319 

sind zum ernistlicbisten erinneret, vnd dabj vermannett haben, das sy 
sich alles ergerlichen wandeis vnd lebens, vnnd aller deren dingen so 
Iiem berufF vnd ambt nit gezimend, enthaltind vnnd Iren vertrawien 
Kilchgnossen ein gut byspil YoifQrind. Wir Termannend auch hiemit 
zum allerthreffenlichisten alle vnnsere Obervögt, Yndenrögt, weibel, 
Eegaumer, geschwomen vnd Eltisten allenthalben vff vnnser Landt- 
Bchaffty das sy alle sampt, Inen die handthabung vnnsserer Satzungen, 
vnnd Innsonderheit ynnssers Mandats Tnd ernflwerung vnnserer Christen- 
lichen Batzungen, so wir Im Augstmonat dess nechstyergangnen £in- 
thussent Sechsshundertisten vnnd einlifften jars Im ti'uck Tssgahn vnnd 
öffentlich yff vnnser Landtschafft verkhflnden habent lassen, mit mehrerm 
erntet ynd Tfer dann bissher erzeigt worden Ist, hinftüro angelegen syn 
lassinty die vbei-tretter ohne verschonnen angSbind vnnd straffind, vnnd 
wo vnnssere Obervögt vnd nachgesetzten AmptlAth In Irem ampt sum- 
seiig vnnd hinlässig werind, vnd Ir pflicht nit erstattetind, das dann 
dasselbig als bald ohne forcht vnd schflchen vnnseren Burgermeisteren 
fürgebracht vnd angezeigt werde, damit gegen den Jhenigen, so dess orts 
nit thetend, was sy schuldig sind gebürender erntst nach erfoi*derung der 
nothurfft erzeig^, vnnd also aller anlass, so von Qeistlichen vnnd Welt- 
lichen den Toüfferen gegeben werden möchte, als wyt Immer mäglich 
Ist, abgeschnitten vnnd fOrkhommen werde. 

Ynnd diewyl dann zum bschluss, fflmemblich an dem gelegen Ist, 
das diss vnnser Mandat, so wii* der Wider Toüfferen halber abermaln 
vssgahn gelassen, vss erforderter not vervrsachet worden sind, volstreckt 
vnd demselbigen nachgesetzt werde, so vberg^bend vnnd beuelchend wir 
vnnserm Eegricht alhie, desselbigen execution vnnd volnstreckung, was 
vnnser Statt alhie, vnnd die Wachten vnd Gmeinden vsserthalb so alhar 
Pfarr- vnd Kilchgnössig sind, belanget, mitt dem ernstlichen beuelch, 
das sy die verordneten Eerichtere, wer die In der zyth sind, by Lon 
Eeren vnd eyden, vff die Tofiffer vnd andere personen, die nit Inn die 
Küchen zur predig gahnd, vnnd anndere opinionen vnd Imge meinungen 
vnnserer Christenlichen Religion vnnd vssgangnen Glaubensbekhantnuss 
zuwider haben mochten, mit allen thrüwen Ir flyssigs vfsehens habint, 
vnnd so bald sy derselben einiche erfarend oder Inen geleidet werdent, 
dieselben den nechsten ohne Verzug für sich beschicken, vnnd mit aller 
früntlichkeit vss dem woi-t Gottes berichten, vnd von Iren Irrigen mei- 
nungen abzustahn ernstlich vermannen, vnnd welliche nit gehorsammen 
vnnd sich abwyssen lassen weiten, dasselbig alsbald für vnnser kleinen 
Rath bringen söllint, gegen söllichen lüthen wyter nach gebür ze- 
handlen. 



320 

Ynod beuolchend demnach auch allen vnnseren Predicanten, Ober- 
vnd VndeiTögten, Weiblen, Eegoumeren vnnd anderen nachgesetzten 
gantz erntstlich vnnd wellend, das sy ob disseim vnnserm Christen- 
liehen Mandat mit allem flyss styf vnd stet haltind ynd demselben mitt 
thrüwen nachsetzind, damit die vngehorsammen, Jeder wie TorgelOthert 
Ist, gebüi'onde sti*aff empfachind. Wo aber etwan die nachgesetzten 
Amptlüth,* es sygen vndervögt, Weibel oder andere, hier Innen sumselig 
weren, vnnd vnns vnnd vnnseren Obervögten nit zuspringen vnd das so 
Inen beuolchen wii-t vnnd sy Irer dientsten halber ze thund schuldig sind, 
nit vssrichten wurdint, so söllent vnnsere Obervögt dieselbigen snm- 
soligen mitt erntst darzu halten. Welliche aber vber das einem Obervögt 
hier Innen nit gehorsammen weiten, das söllent vnsere Obervögt 
vnns klagen, da wii* dann die vnghorsammen Irer Empteren vnd diensten 
entsetzen werdent. Ob auch etwan vnnsere ObeiTögt Iren von vnns 
habenden beuelch, was diss vnnser Mandat belangt, nit verrichteten, das 
soll man ohne schüchen vnd vei'zug vns anzeigen, gegen denselben was 
sich gebürt, furzunemmen, vnnd sy zu erstattung vnnsers beu^dis ze- 
halten wüssen. Das alles Ist vnnser ernstlicher will vnnd meinung, dann 
wir je der Widei'thoQfferen vnverdacht syn, vnnd sy Inn vnnseren landen 
nit lyden noch dulden wollend. Darnach wüsse sich ein Jeder zeiichten. 
Geben vnd beschlossen Inn vnnserm grossem Bhat v£f den (wU chtn). 




INHALT. 



I. Theil. 

Die Huter'sohe »Gexneinsohaft* in Mähren von ihrem Ent- 
stehen bis EU ihrer Vertreibung. 

Cap. Seite 

1. Die Parteiongen unter den Taafgesinnten in Mähren von Hubmaier^s 

bis zu Jakob Unteres Tode 139 

2. Fortschritte des Anabaptismns in Mähren nach dem Tode Jakob 

Huter^s. Der Kampf gegen die ,Qemeinschaft' und die zweite 
grosse Verfolgung in Mähren 149 

3. Die Wirksamkeit Peter Riedemann^s und Lienhard LanzenstieFs, 

Peter Walpot's und Hansel KraFs. Die glückliche Zeit der Ge- 
meinschaft und die zweite Einwanderung aus der Schweiz . . . 166 

4. Das Ende der glücklichen Zeit der Wiedertäufer in Mähren, die 

Anfänge der katholischen Reaction in Nikolsburg und die Streit- 
schriften katholischer Schriftsteller wider die Huterische ,Qemein- 
schaft* (1583—1609) 182 

5. Die Vertreibung der Wiedertäufer aus Mähren 207 

IL Theil. 
Leben und Lehre der Wiedertäufer in Mahren. 

1. Stimmen der Zeitgenossen über Leben und Wandel der Wiedertäufer. 

Weiterbildung ihrer Lehre. Der Communismus 222 

2. Die Lehre von der Gemeinschaft 231 

3. Die Durchführung der Gemeinschaft 245 

4. Die Handwerksordnungen 250 

5. Aus einzelnen Handwerken 259 

6. Die Landwirthschaft 271 

7. Die Arzneikunde und die Bäder der Wiedertäufer 275 

8. Die Schulen der mährischen Wiedertäufer 278 

9. Der Verfall der Gemeinschaft 286 

ArchlT. LIIXl. Bd. 1. Hälfte. 21 



322 

Beilagen. 

Sdto 

1. Sendbrief Claus Felbinger's an die ,6emain* Gottes in Mähren. 1560. 292 

2. Benesch Köhler an Matthäus Binder in Kostl über seine Erfolge in 

der Umgebung von Zürich. 12. August 1684 310 

3. Derselbe an Michael Veldthaler zu Nikolsburg über dasselbe. 13. August 

1684 311 

4. Derselbe an den Wiedertäuferbischof Clauss Breutel zu der Neumühl 

über dasselbe. 14. August 1584 313 

5. Mandat der Züricher gegen die nach Mähren ziehenden Wieder- 

täufer. 30. December 1612 $H 



STUDIE 



Zr DEX 



UNGARISCHEN GESCHICHTSQUELLEN 



I. UND IL 



T..S 



D» BAIMUND FBIEDRICH KAINDL, 



r%rrA7vxafTts r« .las.-mTn. 



Irckiv LXUr iU L Ifatfte 



L 



I. 

Ueber das YerhSltnlss der Hartyicl eps. Tita s. Stephan! 
za der Tita malor and Tita minor. 

Bekanntlich sind über das Verhältniss der Hartvici eps. 
Vita 8. Stephan! zu den beiden anderen Stephanslegenden bis- 
her verschiedene Ansichten geäussert worden. KerökgyArtö 
hat es nicht zu entscheiden gewagt,^ ob Hartwich die Vita 
minor und maior oder diese ihn compilirt haben. Nach Watten- 
bach* hätte ,ein Bischof Hartwich, vielleicht von Regensburg 
(1105 — 1126), die Vita minor und maior mit einander verbun- 
den', ein arger Plagiator, wenn er nicht vielleicht selbst auch 
der Verfasser der grösseren Legende gewesen ist, mit welcher 
er die kleinere verschmolz. Dagegen hat Marczali den Be- 
weis zu führen versucht, ^ dass gerade die Hartwich'sche Legende 
die ursprünglichste sei; die kleinere und grössere Legende 
wären aber Auszüge aus derselben, und zwar in der Art an- 
gefertigt, dass ,die erstere übernahm, was die letztere stehen 
liess'. Endlich hat Florianus beweisen wollen,* dass die weit- 
läufigste Lebensbeschreibung Stephans gar nicht von Hartwich 
herrühre; sie sei vielmehr erst um das Jahr 1200 verfasst. 

Diesen Ansichten gegenüber wird im Folgenden der Be- 
weis geführt werden, dass 1. durchaus kein Grund vor- 
handen sei, an der Autorschaft Hartwichs zu zweifeln 
and die Entstehung der unter seinem Namen bekann- 
ten Legende in die Zeit Emerichs zu versetzen (gegen 
Florianus); dass ferner 2. die Hartwich*sche Legende in 
ihrer ursprünglichen Gestalt mit der Vita minor durch- 
aus keine Berührung gehabt hat (gegen Wattenbach); dass 

' V^l. Marczali, Ungarns Geschichtsqnellen, S. 14. 

* DentBchlands Geschichtsquellen II', 146. 

* Oeschichtsqnellen, S. 14 ff. 

* HUt. hong. fönt. I, 183 ff., und II, 303 ff. 

22* 




326 



sie aber endlich 3. jedenfalls jünger als die Vita maior 
ist und diese ausschrieb (gegen Marczali). 

1. Bei unserer Untersuchung wollen wir von einer Kritik 
der Ansichten Florianus' ausgehen. 

Derselbe stützt seine Ausführungen im Allgemeinen auf 
die im Pester Codex aufbewahrte Recension der Vita und be- 
müht sich, darzuthun, dass einzelne Ausdrücke und Mittheilun- 
gen derselben auf ihr Entstehen um das Jahr 1200 deuten. 
Die Widmung des Werkes an König Coloman, in der sich 
Hartwich als Autor nennt, hätte dann für eine spätere Fäl- 
schimg zu gelten. 

Es ist nun bekannt, dass im Pester Codex, der seinem 
Schriftcharakter gemäss kurz vor 1200 geschrieben sein dürfte, 
die älteste vollständige Aufzeichnung der Vita vorliegt. Ist uns 
aber in dieser Handschrift die Legende auch in ihrer ursprüng- 
lichen Gestalt erhalten? Auf diese Frage hat Florianus viel 
zu wenig Rücksicht genommen, und doch hätte er den ihm 
vorliegenden Text nur dann in der Art, wie er es that, be- 
nützen dürfen, wenn er mit Bestimmtheit als der ursprüngUche 
bezeichnet werden könnte. 

Dem ist nun aber nicht so. Der Pester Codex ist bereits 
Abschrift, und zwar offenbar das Werk eines Schreibers, der 
an dem ihm vorliegenden Texte absichtliche Aenderungen vor- 
nimmt. Dass in diesem Codex bereits eine Abschrift vorliegt, 
geht schon aus dem Umstände hervor, dass in § 6 und § 8 
die Stelle sed quoniam Pannonia . . . simile fecit episcopüs 
wiederholt wird^ und ebenso im § 23 die Stelle adveniente 
vero tempore . . . deberet esse querendum zweimal sich findet* 
Sieht man femer die citirte Stelle in § 6 und § 8 genauer an, 
so ergibt es sich unzweifelhaft, dass uns hier nicht der ge- 
meine Fehler des Doppeltschreibens vorliegt, sondern ziun 
Theile willkürliche Aenderung. In § 6 steht nämlich die 
Periode sed quoniam Pannonia . . . simile fecit episcopüs in 
einem Zusammenhange, in dem sie in der Vita maior, aus der 
sie entnommen ist, nicht vorkommt; femer ist sie im § 6 am 
den der Vita minor entnommenen Satz nihil ex rebus eo- 
rum ad opus sui reservans und ferner durch den originalen 



* Florianus, a. a. O. I, 40 f. und AH f. 
« Ebenda I, 63 f. 



327 

Zusatz übt aanctits Martinus cum adhuc in Pannonia degeret 
orationis sibi locum assignaverat erweitert. Im § 8 kommt 
dagegen die Stelle in demselben Zusammenhange wie in der 
Vita maior und ohne alle Zusätze vor. Da man nun nicht an- 
nehmen kann^ dass die Stelle in der Vorlage doppelt vorkam, 
80 ist die Wiederholung auf den Schreiber des Pester Codex 
zurückzufuhren; da femer der Wortlaut an beiden Stellen 
nicht derselbe ist, so liegt Absicht vor, und zwar ist jedenfalls 
die erweiterte Stelle im § 6 als eine Neuerung unseres Schrei- 
bers aufzufassen, während er sie im § 8 in seiner auch sonst 
zu Tage tretenden Lässigkeit^ unverändert nochmals aus der 
Vorlage übernahm. 

Da also der Pester Codex eine mit willkürHchen Aende- * 
rungen und unabsichtUchen Fehlern angefertigte Abschrift einer 
älteren Vorlage ist, was sich übrigens später noch evidenter als 
bisher ergeben wird,^ so hätte Florianus aus einzelnen Aus- 
drücken und Mittheilungen desselben nicht auf die echte Vita 
zurückschliessen dürfen. Seine ganze Beweisführung könnte 
nur ergeben, dass die im Pester Codex vorliegende Redaction 
um 1200 entstanden sei, was übrigens schon aus dem Schrift- 
charakter des Codex ohnehin folgt, entscheidet aber nichts 
über den Bestand und die Beschaffenheit einer echten älteren 
Form derselben. 

Zu dieser Behauptung sind wir selbst dann berechtigt, 
wenn die Beweisführung Florianus', auf welche wir gleich 
näher eingehen werden, durchaus richtig wäre und die von 
ihm herausgehobenen Ausdrücke und Mittheilungen des Pester 
Codex in der That nur um 1200 eingefligt werden konnten. 
Die Vita hätte, da es sich doch nur um einzelne Wörter und 
Nachrichten einer willkürlich geänderten Abschrift handelt, 
ohne dieselben doch schon früher bestehen können. Sind aber 
die Beweise Florianus' hinfilllig, so sind wir zu dieser An- 
nahme umsomehr berechtigt. Prüfen wir nun seine Beweis- 
führung im Einzelnen. 



* Vgl. in meinen »Beiträgen zur älteren ungarischen Geschichte*, 8. 83, 
die Ausführungen über das im § 12 eingeschobene »epe dictw; ebenso 
die oben citirte Wiederholung im § 23, über welche auch weiter unten 
die Studie II zu vergleichen ist. 

* Wir werden nämlich eine ältere Passung der Vita als die im Pester 
Codex erhaltene nachweisen können. 



328 

I, 147 — 200 weist Florianus zunächst darauf hin, dass in 
der Vita minor und maior fllr die Zeit Geisas die Ausdrücke 
regnum und regalis als Synonyma ftir ducatus und ducalis ge- 
braucht wurden, während Hartwich dieselben streng nur für 
die Zeit Stephans anwenden soll. Er bemüht sich sodann, nach- 
zuweisen, dass diese strenge Auseinanderhaltung von regnum 
und ducatus etc. erst für die Zeit Emerichs charakteristisch 
sei und somit auch die Vita erst um 1200 verfasst sein könnte. 
Um indess zu erkennen, wie hinfäJlig dieser Beweis sei, genügt 
es, zu beachten, dass nur an zwei von. den vier Stellen, auf 
welche es ankommt, in der Vita Hartvici gegenüber der Vita 
maior die von Florianus hervorgehobene strengere Scheidung 
der beiden Ausdrücke vorgenommen wurde: es ist nämlich 
das regnum im § 2 der Vita maior in ducatum § 2 Vita Hart- 
vici geändert, ebenso das accessus regalis im § 5 der Vita 
minor in ducalis accessus § 6 der Vita Hartvici; dagegen bheb 
im § 5 der Vita Hartvici das regali . . . educatu und im § 6 
das regnoque Pannonica stehen, und zwar beide Male in Ueber- 
einstimmung mit der Vita maior und für die Zeit vor der 
Königskrönung Stephans. Unter diesen Umständen kann der 
Beweis Florianus' keine Geltung beanspruchen.* 

Noch weniger stichhältig ist seine folgende Bemerkung 
(I, 200). Nach der Vita maior § 5 starb Geisa im Jahre ^7, 
und nach § 9 fand die Königskrönung Stephans quinto post patris 
obitum anno statt, also 1001. Hartwich behalte nun das Todes- 
jahr bei, ändere aber das quinto in quarto, so dass nach seiner 
Ansicht die Krönung in das Jahr 1000 zu setzen ist. Wodurch 
und wann konnte diese Aenderung veranlasst worden sein? 
fragt nun Florianus und gibt folgende Aufklärungen: Die be- 
kannte Urkunde Stephans für Martinsberg,* nach deren Post- 
script dieser König im Jahre 1000 die E^rone erhalten hatte, 
ist im Jahre 1213 Andreas vorgelegt imd von diesem bestätigt 



^ Ist der Beweis Florianus' schon deshalb unhaltbar, weil die betrefiTen- 
den Ansdrilcke nicht so streng, als er es annimmt, im Pester Codex 
gebraucht werden, so wird ihm durch die folgende Betrachtung yöllig 
der Boden entzogen. Wir werden nämlich unten im Texte sehen, daas 
das ,ducatum* im § 2 schon in einer Redaction der Vita steht, die sieher 
älter als die Pester ist, und somit nur das ,ducalis* im § 5 anf te 
Schreiber des Pester Codex zurückzuführen ist. Vgl. auch die SMi»E> 

2 Fej^r, Cod. dipl. I, 280 ff. 




329 

worden; aus dieser Urkunde und bei dieser Gelegenheit wäre 
das Jahr 1000 für die Königskrönung Stephans bekannt ge- 
worden; folglich könnte jene Aenderung im Pester Codex erst 
um diese Zeit erfolgt sein. Wie gezwungen und unwahrschein- 
lich diese Ausführungen Florianus' sind^ ist augenscheinUch. ^ 

Ebenso unbegründet ist seine Behauptung (I, 200), dass 
die Erwähnung des Erzbischofe Sebastian im § 12 der Vita 
Hartvici nur auf das Postscript derselben Martinsberger Ur- 
kunde zurückzuführen sei, wo er ebenfalls genannt werde. 
Nichts berechtigt zur Annahme, dass man nur aus dieser Ur- 
kunde Nachricht über Sebastian erhielt, und noch willkürUcher 
ist die Annahme, dass man gerade erst im Jahre 1213 bei der 
Bestätigung der Urkunde ihn aus derselben kennen lernte.^ 

Wenn Florianus sodann behauptet (I, 200 f.), dass die in 
den §§ 8, 9 und 12 enthaltenen Nachrichten über den Bischof 
Astrik von Kalocsa sicher vor dem Jahre 1212 noch nicht ge- 
schrieben waren, weil sich in dem damals zwischen Gran und 
Kalocsa herrschenden Streite über das Krönungsrecht Niemand 
darauf berief, dass dieser Astrik von Kalocsa die Königskrone 
aus Rom gebracht habe, so ist auch dieser Beweis hinfällig. Noch 
nach der echten Fassung des Pester Codex war es nänüich 
nicht Astrik von Kalocsa, sondern Erzbischof Astrik von Gran, 
der die Königskrone geholt haben soll. Erst eine spätere Hand 
hat die betreffenden Aenderungen vorgenommen.* 

Nach der Vita maior § 2 ist femer bekanntlich Geisa 
princeps (qu)intus ab illo, qui ingressionis Ungarorum in Pan- 
nonia dux primus fuit Geisa war also nach dieser Angabe 
der fünfte Fürst nach Arpad, unter welchem die Ungarn in 
die Theiss- und Donauebene kamen; gezählt wurden in dieser 
Keihe offenbar Arpad, Zulta, Phalitzes, Toxun und Geisa. An 
der entsprechenden Stelle in der Vita Hartvici erscheint hin- 



^ Uebrigens hat schon die polnisch-ungarische Chronik (bei Bielowski, 
Mon. Pol. hist. I, 600), die sicher eine ältere Redaction der Vita be- 
nutzte, als die im Pester Codex ist, das ,qiiarto*. lieber die in der 
Chronik erhaltene ursprüngliche Form der Vita vergleiche weiter unten 
im Texte. 

' Bfan vergleiche in meinen ^Beiträgen zur älteren ungarischen Geschichte* 
die Studie XI. 

* Auch darüber ist meine in der vorstehenden Anmerkung citirte Arbeit 
xu vergleichen. 



330 

gegen Geisa als prineeps quidam quartus ab illo etc.; bei 
dieser Zählung ist offenbar Phalitzes ausgefallen^ der auch in 
den ungarischen Chroniken nicht erscheint. Anders deutet 
Florianus den Sachverhalt (I, 201). Er behauptet, der Verfaffler 
der Vita maior habe von Almos, dem Vater Arpads, und ohne 
Rücksicht auf Phalitzes die ungarischen Fürsten gezählt Unter 
Andreas 11. seien dann die Ungarn von den Griechen belehrt 
worden, dass diese Zählung unrichtig sei, und dass nicht 
Almos, sondern Arpad die Ungarn nach Pannonien geflihrt 
habe. Nun hätte man Geisa als den quartus ab illo etc. ge- 
zählt, und diesem Stande des Wissens entspreche der Pest^ 
Codex, der somit erst im 13. Jahrhundert geschrieben sein 
müsste. — Abgesehen von allem Anderen hat Florianus den 
Beweis vergessen, warum denn die Ungarn erst unter Andreas 11. 
und nicht schon in früheren Jahrzehnten, da doch auch ein 
sehr reger Verkehr zwischen ihnen und den Griechen statt- 
fand, jene Aufklärung erhalten haben könnten.^ 

Wenn schliessUch die in der Vita (§§ 4 und 9) erzählten 
Visionen der Eltern Stephans und des Papstes in einer Ur- 
kunde Andreas' vom Jahre 1233 erwähnt werden, so kann 
man sicher nicht mit Florianus (I, 201) den Schluss ziehen, 
dass die Aufzeichnungen dieser Visionen in der Vita gerade um 
das Jahr 1233 und nicht schon auch viel früher haben statt- 
finden können.* 

Aus Allem geht somit hervor, dass die ganze Beweis- 
führung Florianus' hinfällig ist. Wir gelangen zum Schlüsse, 
dass die von ihm als um 1200 allein möglich bezeichneten Aus- 
drücke und Mittheilungen des Pester Codex durchaus nicht 
zwingend in diese Zeit gehören. Umsoweniger ist seine An- 
nahme richtig, dass die Vita erst um 1200 überhaupt entstan- 
den sei. Sind nun aber die Ausführungen Florianus' irrig, so 
werden wir auch nicht mit ihm die Widmung Hart- 



^ Die der polnisch-ungarischen Chronik zu Grunde liegende ursprüngliche 
Redaction der Vita (vgl. S. 32*.), Anm. 1) zählt Geisa übrigens auch schon 
als den vierten Fürsten (Bielowski, Mon. Pol. hist I, 498: AquiU— 
Columannus — Bela — Jesse [d. i. Geisa]). 

^ Thatsächlich sind diese Visionen schon in einer älteren Fassung der 
Vita vorhanden, die weiter im Texte nachgewiesen wird, ffie skdieB 
nämlich in der polnisch-ungarischen Chronik im Cap. 4 ond 6 (01^ 
lowski, Mon. Pol. hist. T, 499 f. und 602). 



331 



wichs an Coloman für gefälscht erklären und müssen 
die Vita als zu Anfang des 12. Jahrhunderts von Hart- 
wich verfasst betrachten. 

2. Unsere vorstehenden Ausführungen würden sehr an 
Bestimmtheit gewinnen, wenn es möglich wäre, eine Redaction 
des Hartwich' sehen Werkes nachzuweisen, die gegenüber dem 
Pester Codex ein ursprünglicheres Aussehen haben würde und 
dem Schreiber desselben vielleicht als Vorlage gedient haben 
könnte. Eine solche Redaction ist uns nun in der That, wenn 
auch nicht vollständig, erhalten. 

Vergleichen wir nämlich die Vita Hartvici mit der be- 
kannten ungarisch-pohlischen Chronik,^ so wird es klar, dass 
dem Verfasser der letzteren die Vita vorlag und er dieselbe 
im weitgehendsten Sinne ausschrieb. Aber diese enge Ab- 
hängigkeit erfuhrt doch in einer Beziehung eine Einschrän- 
kung. Ueberall nämlich, wo die Vita Hartvici sich an die Vita 
maior anlehnt oder eigene, sie charakterisirende Nachrichten 
bringt, stimmt die Chronik mit ihr überein; dagegen begegnet 
sich diese nirgends mit der Vita minor, aus der doch in der 
Redaction des Pester Codex viele Stellen vorhanden sind. Wir 
wollen diese Bemerkung zunächst durch einige Citate stützen 
und dann unsere Schlüsse ziehen. 

Vorerst mögen einige SteUen angeführt werden, aus 
denen es hervorgeht, dass die Chronik überall dort, wo die 
Vita Hartvici aus der Vita maior Entlehntes oder ihr Eigen- 
thiimliches bietet^ dieselbe ausschreibt. Bemerkt sei noch, dass 
in den folgenden Citatcn aus der Vita Hartvici nach dem Vor- 
gange Florianus' die aus der Vita maior entnommenen Sätze 
mit stehender Schrift, die derselben eigenthümlichen aber mit 
cursiver gedruckt sind. Dementsprechend sind auch die Stellen 
aus der Chronik wiedergegeben. 



Vita Hartvici: 



§ 1. Omne datum Opti- 
mum et omne donum perfectum 
desursum est, descendens apatre 
lominum. Huius patris datum 
optimvmi et donum perfectum 



Ungar.-poln. Chronik: 

(Praefatio). Omne datum 
Optimum et omne donum per- 
fectum de sursum est descen- 
dens a patre luminum. Huius 
patris datum Optimum post 



^ Bei Bielowski, Mon. Pol. bist. 1, 495 ff. 



332 



in omnes large proveniens . . . 
flagellum quondam fuisse con- 
stai diffusum est Neque enim . . . 

§ 4. Expergefactus prin- 
ceps visionem stupidus prius 
secum, post cum Christi fideli- 
bus et suis pertractans, deo 
gratias pavimento manibus ex- 
pansis adherens humiliter egit 
. . . Nuntiatur ei beatum Adal- 
bertum Boemiensis ecclesie 
pontificem ad se venturum 
propter conversionem ipsius. . . . 
Oritur leticia novis Christi mi- 
litibus inenarrabilis. Dux ob- 
viam tyroni Christi cum fideli- 
bus quibusdam procedit et ho- 
norabiliter suscepit. . . . Igitur 
iubente principe fit ubique con- 
gregatio gentis indomite, per 
sanctum episcopum fiunt et 
per suos exortationes continue, 
convertuntur et baptisantur 
alumni patrie^ statuuntur multis 
in locis ecclesie. . . . Nee hoc 
silentio pretereundum est, . . . 
uxorem eius iam propinquan- 
tem partui tali voluit visione 
dimna gratia consolari, Appa- 
ruit namque Uli beatus levita 
et prothomartyr Stephanus, le- 
vitici hahitus ornatus insigni- 
bus, qui eam alloqui taliter 
cepit: conßde in domino mulier 
et certa esto u. s. w. bis Quo 
dicto disparuit. 

§ 5. Nascitur interea pre- 
dictus a domino filius principi^ 
quem secundum prophetam, 
antequara in utero conciperetur 



passionem et gloriosam . . . 
ad orientalem Ungarorum re- 
gionem usque diffusum est . . , 
Cap.4. Expergefactus prin- 
ceps visione stupidus, post (?) 
secum^ post cum Christi fideH- 
bus suis pertractans, Deo gra- 
tias humiliter egit Et ecce 
nuntiatur ei beatum Adalber 
tum, pontificem Bohemiae ad- 
venturum propter conversionem 
ipsius. Oritur laetitia noris 
Christi militibus. Dux obviam 
tironi Christi procedit, honora- 
biliterque suscipit. Igitur fit 
ubique congregatio gentis in- 
domitae per sanctum episcopum 
Adalbertum, fiunt exhortationes 
continuae, convertuntur et bapti- 
santur alumpni patriae, statuun- 
tur multis locis ecclesiae. Pro- 
pterea uxorem eius Athleidam, 
iam propinquantem partui, tali 
visione voluit divina gratia con- 
solari, Apparuit namque ei 
beatus protomartyr Stephanus, 
levitico habitu ornatus, in ri- 
sionibus, qui eam alloqui tali- 
ter coepit: Confide in domino 
mulier Athleidis et certa esto 
u. s.w. bis Quo dicto disparuit 



Cap. 4 (Schluss). Nascitur 
interea a deo praedictus fiüas 
principi, quem, antequam in 
utero conciperetur, dominua 



333 

novit^ et cui, antequam ncuce- 
retur, protomartyr Stephanua 
nomen suum indidit Hunc 
deo dilectus Adalbertus episco- 
pus etc. 

Cap. 8 (Schluss) und Cap. 9 
(Anfang). Idem quoque rex san- 
ctu8, solicitudine regalium dis- 
poaitionum occupatus etc. 



dominus novit^ et cui antequam 
nasceretur per prothomartyrem 
8uum nomen indidit, Hunc do- 
mino dilectus Adalbertus epi- 
scopus etc. 

§ 18. Idem quoque rex 
heatus sollicitudine regalium 
dispositionum occupatus etc. 
bis zum Schlüsse; durchaus ein 
eigenthtLmlicher Zusatz derVita. 

Aus den vorstehenden Stellen, die sich übrigens leicht 
vermehren Hessen/ geht es klar hervor, dass die Chronik mit 
der Vita Hartvici tiberall da tibereinstimmt, wo diese der Vita 
maior folgt oder eigenthtimliche Mittheilungen bringt; dagegen 
werden die folgenden Citate beweisen, dass die Vorlage des 
Schreibers der Chronik keine Bertihrung mit der Vita minor 
hatte. Zu den Citaten aus der Vita Hartvici sei bemerkt, dass 
der gesperrte Druck Entlehnungen aus der Vita mmor kenn- 
zeichnet. 



Vita Hartvici: 

§ 5. . . . Hunc domino 
dilectus Adalbertus episcopus 
crismali baptismate secundum 
credulitatis sue veritatem in- 
ünxit et susceptor suus ipse 
ftiit. Nomen sibi impositum est 
Stephanus. . . . Strigoniensi 
vero oppido nativitatis ex- 
ordium habuit, et puer ad- 
huc scientia grammatice 
artis ad plene imbutus est. 
Crevit infans diligenti et regali 
Dutritus educatu, qui transacta 
pueritia, postquam gradum ado- 
lescentie primum ascendit, con- 
Tocatis pater suus Hungarie 



Chronik: 

Cap. 4 (Schluss). . . . Hunc 
deo dilectus Adalbertus episco- 
pus chrismali baptismate secun- 
dum credulitatis suae virtutem 
intinxit et ei nomen Stephanus 
imposuit. Cre- 



vit infans diligenti nutritus edu- 
catu, quem transacta pueritia 
convocatis pater suis Ungariae 
primatibus, post se regnaturum 
populo praefecit. 



^ Tgl. die vollständige Zusammenstellung der betreffenden Stellen unten 
in der Studie II. 




334 



primatibus cum ordine sequenti^ 
per communis consilium collo- 
quii^ filium suum Stephanum, 
post se regnaturum populo pre- 
fecit. . . . 



Die Entlehnung aus der Vita Hartvici hört also 
in der Chronik knapp vor dem in der Vita enthalte- 
nen Citate aus der Legenda minor auf und setzt sofort 
wieder hinter demselben fort. Wäre in der Vorlage 
der Chronik der Satz aus der Legenda minor gestan- 
den, so hätte der Chronist denselben sicher überaom- 
men, da er eine sachliche und wichtige MittheSung 
enthält. 



§ 11. . . . Ipse vero rex 
episcopia nuper incepta . . . 
familiis et reditibus regaliter 
disposuit, crucibus et vasis 
aliisque supellectilibus ad mini- 
sterium dei pertinentibus secun- 
dum quod unicuique opus fuit 
sufficienter decoravit, et sin- 
gulis annis quamdiu ad- 
vixit munera et oblationes 
superaugebat, ne aliquid 
extrinsecus quererent etc. 



Cap. 7. . . . Stephanus, 
Ungarorum rex, episcopales e^ 
clesias amplians, regaliter dis- 
posuit, crucibusque et vaas 
alliisque supellectilibus adminis- 
teriimi dei pertinentibus secon- 
dum quod unicuique opus erat, 
sufBcienter decoravit Tribus 
vero post etc. 



Die Chronik entnimmt also auch hier die Schilde- 
rung der Thätigkeit Stephans der Vita Hartvici, soweit 
dieselbe der Vita maior folgt, bricht aber dann mitten 
im Satze ab, sobald das Citat aus der Vita minor 
anhebt. 



§ 18. Idem quoque rex 
beatiLS sollidtudine regalivm 
dispositionum occupatus tem- 
pU8 diumum colloquiis u. s. w. 
bis zum Schlüsse : blandis prius 
aermonihus quid vidisset scis- 
citabatur, post regiis donis eo 
ditato, ne cui patefaceret, quod- 



Cap. 8 (Schluss). lim 
quoque rex sancbus solidtVLdxM 
regalium dispositionum oct»- 
patus tempus diumum coUo- 
quiis u. s. w. bis zum Schlüsse 
des Cap. 8; dann Cap. 9 bis 
blandis prius sermonibus, qwi 
vidisset, scisciUibatur, pott ne 



335 



adusque ipse rex viveret, in- 
Urminabatur ei, § 19. Fama 
nominis sui in auribus 
maltarum gentium secula- 
rium diffusa u. s. w. bis zum 
Schlüsse aus der Vita minor 
mit einem neuen, eigenthümli- 
chen Nachsatze. § 20. In 
beato quoque rege constat apo- 
stolicum illud impletum quod 
legitur, quoniam per multas 
tribulationes u. s. w. 



cui diceret, donec ipse viveret, 
imperavit In 



beato quoque rege constat illud 
impletum etc. 



Auch hier übernimmt also die Chronik aus der 
Vita Hartvici Alles, was diese aus der Vita maior 
schöpfte, enthält aber nicht das eingeschobene Citat 
aus der Vita minor. Dasselbe bemerken wir in den 
folgenden Stellen: 



§ 21. ... Vix unquam 
ad risum labia movit . . . sem- 
per sie apparens ac si ante 
tribunal Christi staret. Interio- 
ribus oculis eins presentiam 
vultu verende conspiciens, Chri- 
stum in ore, Christum in corde, 
Christum in cunctis actibus 
se gestare demonstravit. . . . 
§22. Post non multum tem- 
poris egrotationem incur- 
rit, qua postmodum cor- 
pore excessit u. s. w. bis et 
adversus eos iudicio locu- 
tus digna eos multavit senten- 
tia, Tandem per misericordiam 
dei dignus centuplicate retribu- 
tionis bravio tactus febri etc. 



Cap. 10. ... vix unquam 
ad risum labia movit, sed sem- 
per sie apparens, ac si ante 
tribunal Christi staret. In ora- 
tionibus ocidis eins praesentiam 
conspiciens, Christum in ore, 
Christum in corde, Christum in 
cunctis actibus se gestare de- 
monstravit. Tan- 



dem per misericordiam dei 
dignus centuplicari retributio- 
nis bravio expectabat etc. 



Aus den vorstehenden Betrachtungen ergibt es sich, dass 
es eine im Vergleiche zum Pester Codex ursprünglichere Form 
der Vita Hartvici gab, welche wohl die der Vita maior ent- 



336 

sprechenden Stellen und ebenso die die Vita Hartvici eharakteii 
sirenden und ihr eigenthümlichen Erweiterungen und Nach- 
richten enthielt, sich aber mit der Vita minor noch nicht be- 
rührte. Von allen im Pester Codex bereits vorhandenen, ziemlich 
zahlreichen und zum Theile umfangreichen Stellen der Vita 
minor ist in derjenigen Redaction des Hartwich'schen Werk^ 
welche der Chronik zu Grunde liegt, keine Spur zu finden. 
Die Hartvici eps. Vita s. Stephani war also ursprüng- 
lich keine Compilation aus der Vita maior und minor; 
sie hatte vielmehr mit der letzteren keine Berührungs- 
punkte.^ 

3. Es erübrigt uns schliesslich, die Frage über das Ver 
hältniss der Vita Hartvici zu der Vita maior zu erörtern. Ein 
bedeutender Unterschied in ihrem Alter ist sicher nicht anzu- 
nehmen. Wattenbach lässt den Gedanken zu, dass Hartwich 
möglicher Weise auch die Vita maior verfasst habe. Ander- 
seits ist er geneigt, eine Priorität der Vita maior anzunehmen, 
während Marczali diese als einen Auszug aus der Vita Hart- 
vici bezeichnet.^ Um aber zu erkennen, dass letztere Ansicht 
irrig sei, genügt es, eine und die andere Stelle aus der Vita 
Hartvici mit der Vita maior zu vergleichen. Man wird immer 
finden, dass die Unterschiede zwischen beiden Fassungen «if 
Erweiterungen der ersteren gegenüber der zweiten, nicht aber 
in Kürzungen der zweiten gegenüber der ersten bestehen. So 
ist beispielsweise in der oben S. 333 angeführten Stelle aus dem 
§ 5 der Vita Hartvici der Satz : et cui antequam nasceretur , . . 
nomen indidit leicht als Einschaltung in den Text der Vita 
maior zu erklären; dagegen wäre es unverständUch, weshalb 
der Schreiber dieser Legende aus einer ihm etwa vorliegenden 
Vita denselben nicht aufgenommen hätte. Ganz ähnlich ver- 
hält es sich, wenn der § 9 der Vita Hartvici ebenso wie der 
§ 9 der Vita maior mit den Worten Quarto (quinto) post patris 



* Wenn also Huber (Mitth. d. Inst. f. österr. Geschichtsf. IV, ISO f.) ws 
dem Umstände, dass im § 6 der Vita Hartvici der Sieg Stepbans fiber 
die Aufstftndigen zweimal, nämlich zunächst nach der Vita maior wai 
dann nach der Vita minor, erzählt wird, den Schluss zog, ,daB6 Ha^^ 
wich seinen Bericht aus beiden Legenden zusammengescbweisst bibe', 
so ist dies unrichtig. Seine Bemerkung gilt nur vom Pester Codex, 
nicht aber von der ursprünglichen Vita. 

« Vgl. oben S. 325. 




337 

obitam anno divina commovente (sie voluntate) dementia an- 
hebt, die diesen Worten in der Vita maior anmittelbar folgen- 
den Sätze benedictionis (ergo) apostolice literis etc. aber erst 
im § 10 der Vita Hartvici erscheinen. Den besten Beweis für 
die Priorität der Vita maior werden wir aber im Folgenden 
erblicken dürfen. Wir haben schon früher erwähnt, dass in 
der Vita Hartvici die Ausdrücke regnum, ducatus etc. zum 
Theile schärfer geschieden würden als in der Vita maior und 
minor; hier werden nämlich diese Wörter ohne Rücksicht dar- 
auf gebraucht, ob es sich um die Zeit vor oder nach der 
Königskrönung Stephans handle, während in der Vita Hartvici 
dieser fehlerhafte Gebrauch wenigstens an zwei Stellen richtig- 
gestellt erscheint. So ist in der Vita maior § 2 zu lesen: sta- 
tuit (Geisa) insuper preceptum ceteris christianis regnum suum 
intrare volentibus etc.; hingegen lautet die Stelle in der Vita 
Hartvici, und zwar nicht nur im Pester Codex § 2, sondern 
auch schon in derjenigen Redaction, welche der Chronik zu 
Grunde lag (Cap. 3): ducatum suum intrare volentibus. Es 
ist nun wohl denkbar, dass der besser unterrichtete Schreiber 
der Vita Hartvici an die Stelle des fehlerhaften regnum der 
Vita maior das richtigere ducatum setzte, nicht aber dass das 
Umgekehrte stattgeftinden habe. Somit ist die Vita Hart- 
vici jünger als die Vita maior. 



n. 

Einige Bemerkungen fiber den Pester Codex nnd sein 
YerhSItnlss zu der in der poinlseh-nngarlsehen Clironlk 
enthaltenen nrsprfingileheren Redaction der Hartvici eps. 

Tita s. Stephanl. 

Es ist bereits an einer früheren Stelle gesagt worden, 
dass der Pester Codex das Werk eines Schreibers ist, der so- 
wohl unabsichtliche Fehler, als auch vor Allem willkürliche 
Aenderungen sich zu Schulden kommen liess. Es würde nun 
sicher von grösstem Werthe sein, besonders die absichtlichen 
Aenderungen und Zusätze des Schreibers dieser Handschrift 
festzustellen. Würde nun die Vorlage des Pester Codex be- 
kannt sein, so würde die angeregte Untersuchung nicht bedeu- 
tende Schwierigkeiten verursachen. Da aber in der Chronik 



338 

wohl eine ältere Redaction der Vita vorliegt, nichts jedoch zur 
Annahme berechtigt, dass diese auch unmittelbar vom Schrei- 
ber der Pester Handschrift benützt wurde, so 4^tsteheD be- 
deutende Schwierigkeiten. Hierzu kommt noch, dass in d» 
Chronik die Vita nicht vollständig erhalten ist, wodurch die 
vergleichende Betrachtung ebenfalls erschwert wird. So wird 
denn die vollständige Lösung der oben angeregten Frage zu- 
nächst wohl unmöglich sein; doch scheint die Untersuchung 
immerhin einige bemerkenswerthe Ergebnisse zu bieten. 

Die Redaction der Vita im Pester Codex weist auf den 
ersten Blick dreierlei Bestandtheile auf: 1. die aus der Vita 
maior entnommenen Stellen, 2. Entlehnungen aus der Vita 
minor und 3. endlich die sie charakterisirenden eigenthüm- 
hchen Aenderungen an den vorgenannten Citaten und origi- 
nelle Nachrichten. Die Entlehnungen aus der Vita maior und 
gewisse eigen thtiraliche Mittheilungen sind, wie wir gesehen 
haben, nach dem Ausweise der Chronik der Kern der ur- 
sprlinglichen Vita Hartvici gewesen; hingegen sind die Stellen 
aus der minor imd ebenso mögUcherweise auch neue Aende- 
rungen und Zusätze erst später hinzugekommen. Es entstehen 
nun die Fragen: 1. Ist vielleicht die Vita minor erst durch 
den Schreiber des Pester Codex in die ursprüngUche Vita 
Hartvici eingeschaltet worden? und 2. was gehört von den der 
Vita maior und minor nicht entlehnten Nachrichten bereits der 
ursprünglicheren Fassung der Vita Hartvici und was erst der 
Redaction im Pester Codex an?^ 

Die folgende Untersuchung wird es versuchen, diese 
Fragen, soweit dies bei den oben geschilderten Schwierig- 
keiten möglich ist, zu lösen. 

1. Für die erste Frage ist die Beti'achtung des § 6 der 
Vita Hartvici von Bedeutung. In demselben ist nämUch der 
§ 5 der Vita minor von den Worten ceperunt autem (enim) 
urbes eins ... ad opus sui reservavit (reservans) unter 
Umständen eingeschaltet, welche den dringenden Verdacht er 
regen, dass diese Interpolation erst durch den Schreiber der 
Pester Handschrift vorgenommen wurde. 



* Hierbei sehen wir natürlich völlig ab von den ganz neuen Zusitwn, 
welche in der Ausgabe beiFlorianus fettgedruckt sind und erst durch 
eine spätere Hand in den Pester Codex eingetragen wurden. 



339 

Betrachten wir zunächst diesen Paragraphen in Bezug auf 
seine Bestandtheile und seine Nachrichten. 

Die W«rte Regnoque Pannonico . . subtrahere molie- 
batur sind der Vita maior § 6 entnommen und schildern die 
Anfänge der Regierung Stephans bis zum Ausbruche der Re- 
bellion. Hierauf folgen die Sätze Ceperunt enim urbes eins 
desolari . . . utrinque decertaverunt, welche aus dem §5 
der Vita minor herstammen und das Treiben der Aufständigen 
schildern. Dann folgt die Schilderung des Sieges Stephans 
wieder nach der Vita maior: Quos omnes . . . distribuendo 
compuUt. Während nun die Vita maior mit diesen Worten 
den § 6 schliesst; schildert der Pester Codex mit den der Vita 
minor § 5 entnommenen Worten tandemque . . . meliora 
elegerat nochmals den Sieg Stephans und fügt sodann eine 
Nachricht über die Gründung des Martinsberger Klosters an, 
welche aus der Vita maior § 8 herrührt (sed quoniam etc.). 
Zu merken ist noch, dass an unserer Stelle — § 6 der Vita 
Hartvici — dieses Citat aus der Vita maior durch einen Satz 
aus § 5 der Vita minor (nihil ex rebus eorum . . . reser- 
vans) und überdies durch zwei eigenthümliche Zusätze (ubi 
sanctiLs MartintLB . . . cusignaverat und constituens . . . daret) 
erweitert ist und sich im § 8 der Vita ohne diese Zusätze 
wiederfindet. 

Aus den vorstehenden Bemerkungen ist der auffallend 
ungeschickte Aufbau des § 6 der Vita Hartvici leicht ersicht- 
lich: Der Sieg Stephans über seine Feinde wird zweimal er- 
zählt, und zwar zunächst nach der Vita maior, dann nach der 
Vita minor; die aus dem § 8 der Vita maior aber hierher ver- 
setzte und mit dem Satze aus der Vita minor interpolirte Stelle 
wird später in demselben Zusammenhange und in demselben 
Paragraphe, in dem sie in der Vita maior steht, nochmals 
wiederholt. Das Unpassende dieser Fassung haben alle jünge- 
ren Redactionen der Vita Hartvici gefühlt: sie Hessen im § 6 
die der Vita maior entnommene Schilderung des Sieges Stephans 
weg und haben im § 8 die Stelle quoniam . . . episcopüs nicht 
wiederholt. ^ 



^ Es ist bemerkenBwerth (ygl. die Ausgabe bei Florianns), dass bereits 
im Fester Codex durch die Tilgung des die Stelle einleitenden quoniam 
deren Wegfall bezeichnet zu sein scheint. Aehnlich dürfte auch im 

ArehiT. LXXXI. Bd. I. Hüfte. 23 



340 



Wenn somit nicht Alles trügt, so trägt der § 6 des 
Pester Codex deutlich die Spuren einer ungeschickten, eben 
vorgenommenen Umarbeitung; dieselbe ist somit dem.Schrei- 
ber des Pester Codex zuzuschreiben, und dieser ist es auch, 
der die Stellen aus der Vita minor in diesem Para- 
graphe interpolirte. 

Ob nun auch alle anderen Stellen der Vita minor durch 
denselben Schreiber eingeschaltet wurden, lässt sich freilich 
nicht nachweisen, aber es ist sehr wahrscheinlich, denn man 
wird kaum annehmen können, dass dieselben durch verschie- 
dene Schreiber interpoUrt wurden. 

2. Wir gelangen nun zur Untersuchung der zweiten 
oben angeregten Frage. 

Ueber die Scheidung der eigenthtimlichen Nachrichten 
u. dgl. des Pester Codex in solche, welche bereits in der ur- 
sprünglichen Redaction standen, und in solche, welche erst auf 
den Schreiber dieses Codex zurückzuführen sind, gilt offenbar 
zunächst Folgendes: Alles bereits in der Chronik wörtlich aus 
der Vita Citirte oder doch irgendwie Benützte gehört bereits 
der älteren Redaction der Vita an; wovon sich in der Chronik 
keine Spur findet, das kann entweder in der Vorlage gewesen 
sein und wurde in die Chronik nicht aufgenommen, oder es 
gehört einer jüngeren Redaction an, ob jedoch erst der Pester, 
muss von Fall zu Fall nachgewiesen werden. 

Zunächst wollen wir alle jene Stellen zusammenstellen, 
in denen der Pester Codex mit der Chronik übereinstimmt, die 
also bereits der ursprünglichen Redaction der Vita Hartvici an- 
gehörten. Die vergleichende Untersuchung umfasst die §§ 1 
bis 22 der Vita, da die Chronik nur bis zum letzteren Para- 
graphe dieselbe benützte. In diesen Paragraphen finden sich 
nun folgende 13 parallele Stellen:^ 



§ 23, wo die Stelle adveniente vero tempore declarationiB etc. iweimjü 
steht, durch Wegradinmg der drei ersten Worte der Wiederholung denm 
Aasfall angedeutet worden sein. Gegenwärtig stehen nlmlich diese 
Worte zwar wieder an dem betreffenden Orte, aber mit anderer Tinte 
geschrieben und auf einer Rasur, also wohl von späterer Hand neoer- 
dings nachgetragen. Vgl. Florianus I, 64, Note 12. 
^ Ueber die typographische Wiedergabe derselben vgl. oben S^ 331 
und 333. 



341 



Vita Hartvici: 

§ 1. Omne datum . . . 
diffusum est Vgl. das ganze 
Citat oben S. 331 f. 

§ 2. Ea siquidem tempes- 
tau qu^ gens prefata dei ec- 
clesiam depopulabatur erat in 
ea princeps quidam quartus 
ab illo etc. — Geisa wird hier 
also gegentlber der Nachricht 
in der Vita maior (quintus; vgl. 
oben S. 329) als der vierte 
nach Arpad bezeichnet. 

Ebenda. Statuit insuper 
preceptum cunctis christianis 
ducatum suum intrare volenti- 
bus etc. 

§ 4. Expergefactus prin- 
ceps . . . Quo dicto disparuit. 
Vgl. das ganze Citat oben S. 332. 

§ 5. Nascitur interea . . . 
suum noinen indidit. Vgl. das 
ganze Citat oben S. 332 f. 

Ebenda. Crevit infans di- 
ligenti et regali nutritus edu- 
catu etc. 

§ 9. Quarto post patris 
obitum anno etc. . . . 

Ebenda. . . . divina com- 
movente dementia eundem 
Astricum presulem etc. Erzäh- 
lung über die Gesandtschaft an 
den Papst um die Königskrone. 

§ 13. In diesem Para- 
graphen wird die Erbauung der 
Kirche in Stuhlweissenburg und 
die Vorrechte derselben geschil- 
dert. Unter Anderem heisst es 



Chronik: 

(Praefatio). Omne datum 
. . . diffusum est Vgl. das 
ganze Citat oben S. 331 f. 

Cap. 3. In diesem Capitel 
wird Jesse= Geisa ebenfaUs als 
vierter Fürst der Ungarn auf- 
gezählt: Aquila, Columanus^ 
Bela, Jesse. Dass in den Na- 
men grobe Irrthttmer vorUegen, 
ist für unsere Untersuchung 
gleichgiltig. 

Ebenda. . . . cunctis chri- 
stianis ducatum suum intrare 
volentibus etc. 

Cap. 4. Expergefactus 
princeps . . . Quo dicto dis- 
paruit. Vgl. oben S. 332 das 
ganze Citat. 

Ebenda. Nascitur interea 
. . . nom^n suum indidit. Vgl. 
das Citat oben S. 332 f. 

Ebenda. Crevit infans di- 
ligentia nutritus educatu. 

Cap. 5. . . . Querto post 
obitum patris anno etc. 

Ebenda. . . . divina com- 
movente dementia Astricum 
praesulem etc. 



Cap. 7. . . . talique eam 

libertate corroboravit, ut nullus 

archiepiscoporum vel episcopo- 

rum in ea cuiusque iurisdictio- 

nem habebat etc. 

23» 



342 



daselbst: nullus episcopus vel 
missam celebrandi vel cuitus- 
Übet episcopalis oficii exercendi 
sibi licentiam tuurparet. ^ 

§ 18. Idem quoque rex 
beatus sollicitudine regalium 
. . . descendere flagitabat. 

Ebenda. Quod cumsedulo 
spiritualis desiderii frequenta- 
ret officio, nocte quadam templo 
dei lange remoto, descenderat 
quippe cum illo suo magno et 
nobili comitatu, fixis tentoriis 
in campestris amplitudinis loco, 
ceteris sopore depressis, surgens 
a lecto etc. 

§ 20. Cuius (sc. Henrici) 
animn ipsa transitus 8ui hora 
cuidam episcopo Grecorum san- 
cte conversationis viro revela- 
tum est, deferri per angelos ad 
celi palatia . . . 

§ 22. . . . Ubi per annos 
plures dominus per ipsius me- 
rita multis incommoda patienti- 
bus,febricitantibu8,afflictionem 
et miseriam suam proclamanti- 
btis, iudiciumque portantibus 
beneficia prestitit innumera, 
Sepe per noctem melodia cantus 
angelici a multis audiebantur, 
odoris sUfavissimi dulcedo per 



Cap. 8. Idem quoque rex 
. . . descendere flagitahaU 

Cap. 9. Nocte igitur qua- 
dam, cum aestatis tempore in 
campestribus fixis tentoriis sta- 
rent, ceteris sopori deditis, sur- 
gens a lecto etc. 



Cap. 11. Quidam autem 
episcopus Grascorum sanctae 
conversionis, in ipsa transitus 
sui hora audivit animam sanäi 
Stephani (!) in coelum defer- 
r entern per angelorum choros. . . . 

Ebenda. Saepeharmoniae 
supra sepulchrum eius audie- 
bantur angelorum, saepe lam- 
pades ardentes in a'^re vide- 
bantur, multorum vero pueri, 
qui in infirmitate sua eius li- 
minibus devovebantur, mox ut 
perveniebant, curabantur auxi- 
liante domino nostro Jesu 
Christo. 



latera templi dispergebatur, \ 

Alle diese angeftthrten Stellen und Nachrichten müssen 
also in der ursprünglichen Redaction der Vita Hartvici gestan- 
den haben. Doch darf man hierbei Folgendes nicht tibersehen: 



^ Marczali (S. 17) hat also mit Recht yermuthet, daaa die AusfOhmo- 
gen über die Rechte der Stuhlweissenburg^r Kathedralkircbe von Hart- 
wich herrühren. 



343 

Die Chronik ftüirt nicht alle Entlehnungen wörtlich an, viele 
verkürzt sie bedeutend. Wenn also von den oben citirten 
Stellen im Pester Codex manche eine weitläufigere Fassung 
hat (z. B. § 13); eine andere (§ 20) dasselbe Ereigniss von 
verschiedenen Personen erzählt u. dgl., so ist eine sichere Ent- 
Scheidung; ob eine Erweiterung im Pester Codex oder eine 
Kürzung in der Chronik stattfand, ob der Fehler in jenem 
oder in dieser stecke etc., sehr schwierig. 

Ganz ähnlich verhält es sich mit vielen derjenigen den 
Pe«ter Codex charakterisirenden Stellen, welche in der Chronik 
gar nicht berührt werden. Auch bei diesen ist es schwierig, 
zu entscheiden, ob sie schon in der ursprünglichen Fassung 
standen und von der Chronik nicht berücksichtigt wurden, 
oder ob sie erst neue Zusätze sind. Bei manchen dieser Stellen 
ist glücklicherweise die Frage ohne vielen Belang, weil es sich 
in denselben nur um den sprachlichen Ausdruck oder um 
Phrasen handelt. Der Vollständigkeit wegen führen wir auch 
diese im Folgenden an. Im Ganzen sind 16 Stellen zu be- 
trachten. Ein ? zeigt an, dass sich über die Convenienz der 
Stelle nichts Bestimmtes sagen lässt. 

Schluss des § 1. QtAod, qualiter et quando factum sit, 
üüi officio memorie commendare congruwm diLximus, Phrasen.^ 

Anfang des § 2. Ea siquidem tempestate qua gena pre- 
fata dei eccleaiam depopulabatur. . . . Statt des blossen ,tunc^ 
in der Vita maior. ? . 

Schluss des § 5. . . . apud se cepit meditari, qualiter 
suhiectum sihi populum unius dei cultui manciparet, sed quia 
perpendebat id absque ^icinarum gentium confederaiione fieri 
minime passe, § 6 regnoque pannonico. . . . Die Worte guo- 
liter — passe stellen den Uebergang von der aus der Vita 
minor entlehnten Stelle zu dem aus der Vita maior entnomme- 
nen § 6 her; unter der Voraussetzung, dass die Einschaltungen 
aus der Vita minor auf den Pester Schreiber zurückzuführen 
seien, rührt auch unsere Stelle vOn ihm her. 

Ebenso ist im § 6 im Citate aus der Vita minor die 
Aenderung des regalis der minor in ein ducalis auf den 
Fester Schreiber zurückzufahren. 



^ Der Gedanke, diese wie ähnliche andere Phrasen dem Schreiber des 
Pester Codex beizulegen, liegt nahe, bleibt aber doch nur Vermuthung. 



344 

In demselben Paragraphe sind die Sätze (uU $anctu$ — 
assignaverat und constituens — daret), welche an die aus § 8 
der Vita maior entlehnte Stelle geknüpft sind, Zusätze des 
Schreibers der Pester Redaction. Vgl. oben S. 339. 

§ 7. . . . 6aj donativis sancti dticU . . . ? 

§ 8. predictum vero und sublimamt sind nach meinen Aus- 
führungen in den Beiträgen zur ungarischen Geschichte, S. 79ff.j 
ganz neue Zusätze, die in den Pester Codex erst wieder von 
späterer Hand eingetragen wurden. 

Im § 11 sind die Worte tarn videlicet ipsam arckiepi- 
scopalem, quam omnes episcopales ecclesicu, amplissimam m- 
gulis assignans diocesim^ et unicuique aemper preßciens iio- 
neum presulem eine ziemlich bedeutungslose Specificirung der 
aus der Vita maior herrührenden Worte episcopia nuper ineepta; 
sie dürften wohl vom Pester Schreiber herrühren, der in di^em 
Paragraphen gleich darauf eine ähnliche Bemerkung aus der 
Vita minor interpolirte. 

Der § 12 ist in der Chronik nicht belegt; es ist aber 
kein örund vorhanden, denselben als neuen Zusatz zu b^ 
trachten; nur die Worte sepe dictus scheint der Schreiber des 
Pester Codex in Folge eines Versehens eingeschaltet zu haben. 
Man vergleiche hierüber Kai n dl, Beiträge zur älteren ungari- 
schen Geschichte, S. 83. 

Der Schluss des § 19 quod ob terrorem incuciendum rdv 
quid, zelo cum iu^ticie fecisse credendum est etc. steht im An- 
schlüsse an ein Citat aus der Vita minor und rührt daher 
offenbar vom Schreiber der Pester Redaction her, welcher mit 
diesen Worten Stephan wegen seines strengen Urtheiles zu 
rechtfertigen sucht. 

Dasselbe gilt von den ebenfalls an ein ähnliches CHat 
aus der Vita minor geknüpften Worten im § 22 digna eoi 
multaoit sententia. 

Im § 23 scheinen die beiden Zusätze interiectis itaqut 
XLV annis , . . ad dominum convertissent und sed ut o$ten- 
deret . . . nichil ante ponderis habuisset Einschaltungen der 
Pester Redaction zu sein. Der Aufbau dieses Paragraphen ist 
nämlich folgender: einer Stelle aus der Vita maior folgt der 
erste oben erwähnte Zusatz und diesem wieder das Citat aus 
der Vita maior adveniente vero tempore . . . querendum; dar 
auf folgt der zweite Zusatz und auf diesen aus der Vita maior 



345 

nochmals die Stelle adveniente etc. Die Wiederholung dieser 
langen Stelle in demselben Paragraphe scheint nicht aus blos- 
sem Irrthum durch Doppeltschreiben hervorgegangen zu sein; 
sie ist vielmehr wohl durch den Vorgang beim Interpoliren 
veranlasst worden. Zunächst schrieb der Interpolator die erste 
Einschaltung und beschloss das Capitel mit der Entlehnung 
ans der Vita maior; hierauf fügte er die zweite Einschaltung 
hinzu und setzte nun wieder den Schluss aus der Vorlage hin. 
Da die in den jüngeren Redactionen übrigens bereits getilgte 
Wiederholung^ natürlich erst auf den Pester Schreiber zurück- 
zofhhren ist, so muss er auch der Interpolator, wenn schon 
nicht beider, so doch der zweiten Erweiterung sein. 

§ 24. . . . (Quorum tarnen aliqua, quia cuncta non pos- 
sumus, innotescere satagimus . . . ? 

Der Schluss des § 24 his iiiserendum videtur etc. ist als 
jüngerer Zusatz schon durch die Anfangsworte gekennzeichnet 
und steht überdies auf einem besonders eingeklebten Blatte. 
Ob derselbe von dem Schreiber der ganzen Handschrift her- 
rühre oder jünger sei, ist nicht bekannt^ 



' Vgl. auch oben S. 339, Anm. 1. 

' Bei Florianus I, 66 ist hierüber nichts bemerkt. 



Ausgegeben am 22. Juni 1894. 




SIGMAR UND BERNHARD 



VON 



KREMSMÜNSTER. 



KRITISCHE STUDIEN 

zu DEN 

GESCHICHTSQUELLEN VON KREMSMÜNSTER 
IM Xm. UND XIV. JAHRHUNDERT. 



VON 



D"" J. LOSERTH, 

PROFESSOR PER GESCHICHTE AK DER KARL FRANZENS- Ulf IVERSITÄT IN ORAZ. 



MIT ZWEI TAFELN. 



ArcWT. LXXXl. Bd. II. H&lft€. 24 



Einleitung. 



Vor zweiundzwanzig Jahren erschien meine Ausgabe der 
Geschichtsquellen von Kremsmünster im 13. und 14. Jahrhun- 
derte. Einem glückUchen Umstände danke ich es, dass ich die 
Studien, die ich damals abgeschlossen wähnte, im verflossenen 
Sommer wieder aufnehmen konnte. Und das war mir sehr will- 
kommen, denn bald nach dem Erscheinen dieser meiner Erst- 
lingsarbeit fand ich, dass die Resultate, zu denen ich nament- 
lich in Bezug auf das Verhältniss der Randnoten im Wiener 
Codex 610 zu dem Autograph des sogenannten Bemardus Nori- 
cus (Kremsmünsterer Codex 401) gelangt war, keineswegs so 
ganz gesichert seien, wie ich vordem angenommen hatte. Schon 
damals hegte ich den Wimsch, eine neuerliche Untersuchung 
des Gegenstandes in Angriff zu nehmen und ihr das Original 
des sogenannten Bemardus selbst zu Grunde zu legen, denn 
meine Ausgabe ruhte nicht auf dieser, sondern auf einer Copie, 
die mir zur Verfügung gestellt wurde, und die, wie ich nach- 
träglich ersah, doch nicht immer correct war. Daraus erklä- 
ren sich einzelne Irrthümer und unrichtige Angaben in die- 
ser Ausgabe. Der Aufenthalt an einem weit entlegenen Orte, 
die UnmögUchkeit, die gesammten zu diesen Studien benöthig- 
ten MateriaUen dort imtersuchen zu können, Fragen zu er- 
örtern, über die man nur in Kremsmünster selbst Auskunft 
erhalten konnte, zwangen mich, diesen Gegenstand vorläufig 
zur Seite zu legen. Geraume Zeit hernach erschien eine Ab- 
handlung von Qeoi^ Waitz unter demselben Titel, den ich an 
die Spitze dieser Blätter gestellt habe, ^ und nicht lange darauf 



^ Forechnngen snr deatschen Qesohichte, XX. Bd., S. 606 — 616. 

24» 



350 

eine Ausgabe von seiner Hand im XXV. Bande der ,Monu 
menta Germaniae^ 

Waitz kam in den wesentlichen Punkten zu anderen 
Resultaten. Während ich der Meinung war, dass Alles, was 
der Wiener Codex 610 an Kremsmünsterer Sachen enthalte, 
auch dort geschrieben sei und mit Ausnahme der Randnoten 
von dem Grosskellermeister Sigmar herrühre, der denn auch 
die dem sogenannten Bernardus Noricus zugeschriebenen Stücke 
verfasst habe, fand Waitz, dass der in 610 enthaltene Katalog 
der Aebte von Kremsmtinster ursprünglich und im Wesenüichen 
wohl Sigmars Werk sei, freilich nicht in der jetzt vorliegenden 
Gestalt, dass die Randnoten daselbst keinesfalls aus 401 stam- 
men, dass 610 und 401 so viele Widersprüche enthalten, dass 
sie in keinem Falle von einem Verfasser herrühren, dass der 
Verfasser von 401 zwar 610 und einen Theil der dort befind- 
lichen Randnoten benützt, die anderen aber selber eingetragen 
habe, dass endlich der Autor von 401 Bernardus sei, derselbe, 
der seit Aventin Bernardus Noricus heisse. Sigmar könne als 
Verfasser dieser Stücke umsoweniger angesehen werden, als er 
1298 wahrscheinlich gar nicht mehr unter den Lebenden weilte, 
während der Autor von 401 noch bis 1325 fleissig arbeitet Ee 
fehle daher aller Grund, dem Sigmar einen Platz unter den 
Historikern des Mittelalters anzuweisen, und andererseits sei 
kein Grund vorhanden, das Zeugniss Aventins und einer Mün- 
chener Handschrift (dieselbe ist aber nicht älter, ja wahrschdn- 
iich viel jünger als Aventin selbst, was Waitz hätte hinau- 
fUgen können) zu verwerfen, die einen Bernardus als Ver&sser 
der uns erhaltenen Schriften nennen. 

Diesen Ergebnissen Rechnung ti-agend, hat auch die neue 
von Waitz veranstaltete Ausgabe dieser Quellen im XXV. Bande 
der ,Monumenta Germaniae' ein ganz anderes Aussehen, und 
wird Sigmars Name als Autor auch nur einer der in Rede 
stehenden Schriften gar nicht erwähnt. 

Den Resultaten, zu denen Waitz gelangt ist, kann ich 
weder im Ganzen, noch in den einzelnen Theilen beitreten. 
Waitz hat zunächst den Zweck, dem die Arbeiten in 610 zu 
dienen hatten, verkannt, und dies deswegen, weil er die ande- 
ren handschriftlichen Materialien von Kremsmünster aus der 
Zeit des Abtes Friedrich von Aich unberücksichtigt gelassen 
hat. Er hat jene Stellen, die ganz zweifellos Sigmar als den 



351 

Autor mindestens des Abtskataloges von 610 bezeichnen^ zu 
gering geachtet und übersehen, dass ausser dem Abtskataloge 
mindestens auch noch das Anniversarienverzeichniss von ihm 
herrührt. Auch seine Angaben über den um 1298 erfolgten 
Tod Sigmar's sind, wie man den unten folgenden Bemerkun- 
gen über das Todtenbuch entnehmen wird, nicht blos imwahr- 
scheinlich, sondern geradezu unrichtig, womit der Hauptgrund, 
an Sigmar als Autor dieser Stücke zu zweifeln, hinwegfkUt. 
Auch die von ihm betonten Widersprüche zwischen 610 und 
401 sind entweder nur scheinbar solche oder lösen sich auf, 
wenn man die verschiedenen Zwecke im Auge behält, die in 
610 und 401 verfolgt werden. Auch sonst bedürfen manche 
Angaben der Richtigstellung. Wenn Waitz S. 606 sagt, dass 
im Cod. 610 zum Jahre 1304 eine andere Hand eintrete, so ist 
das unrichtig, wie ein Blick in die unten folgende erste Tafel 
ergibt. Die dort (2. Columne, Zeile 5 von unten) stehenden 
Worte: ,Huius tempore anno domini 1304 computatis' etc. sind 
von der nämlichen Hand eingetragen^ die auch das Vorher- 
gehende geschrieben hat, freilich, wie man dem Originale ent- 
nimmt, zu anderer Zeit, mit anderer Tinte. 

Unter solchen Umständen schien es mir zweckentsprechend 
zu sein, die ganze Frage nochmals in ihrem vollen Umfange 
aufzurollen und hiebei die Originale zur Grundlage der Unter- 
suchung zu machen. Ich kann mir nicht schmeicheln, die ein- 
schlägigen Fragen mit unbedingter Sicherheit gelöst zu haben, 
namentlich vermag ich nicht zu sagen, woher Aventin und die 
dem 16. Jahrhunderte angehörige Handschrift (die wohl den- 
selben Ursprung haben) ihre Kunde von Bemardus erlangt 
haben, aber um einen guten Schritt dürfte die hauptsächlichste 
Frage ihrer Lösung nähergerückt sein. Jener aber, dem die 
unten folgende Begründung der Autorschaft Sigmars für die 
Werke des Cod. 401 nicht zwingend genug eracheinen sollte, 
wird ihm wenigstens da Rechnung tragen müssen, wo man es 
erwiesenermassen beanspruchen darf 

Dass ich ip die einschlägigen Originale Einsicht nehmen 
konnte, danke ich der ausserordentlichen Liberalität des hoch- 
wilrdigen Abtes von Kremsmünster, Leonhard Achleuthner, der 
selbst ein ausgezeichneter Kenner der hier behandelten Gegen- 
stände ist. Ich konnte den Cod. 401 nicht blos in Krems- 
münster einschen, sondern auch hier in Graz mit den beiden 



352 

Codd. 610 und 375 der Wiener Hofbibliothek vergleichen. 
Leider war die Urkunde von 1292, die Sigmars Namen tiilgt, 
nicht aufzufinden. Zum Schlüsse sei mir gestattet, dem hocb- 
würdigen Herrn Abte Leonhard Achleuthner, dem Bibliodiebr 
von Kremsmünster, Herrn P. Hugo Schmid, der mit seinem 
reichen Wissen mich freundlich unterstützte, dann dem Director 
der k. k. Hofbibliothek, Herrn Hofrath W. v. Hartel, endlick 
dem Director des hiesigen Landesarchivs, Herrn Regienng^ 
rath J. V. Zahn, für vielfache Förderung dieser Studien Dank 
zu sagen. Er gebührt auch dem Herrn P. Altmann Altinger, 
der mich in das seiner Bearbeitung und Ausgabe anvertraate 
Nekrolog Einsicht nehmen liess. 



§ 1. Allgemeine Bemerkungen über die literarisehe 
TliStigkeit in Eremsmflnster unter dem Abte Fried- 

ricli Yon Aieh. 

Von Kremsmünster sind an der Wende des 13. und in 
den ereten zwei Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts einige histo- 
rische Arbeiten ausgegangen , welche die österreichische Ge- 
schichtschreibung der nächsten Jahrhunderte stark beeinflusst 
haben. Von diesen Werken kommt nicht allen derselbe Werth 
zu: während die Erzählung von dem Entstehen und Wachs- 
thume und von dem Ruine der Kremsmünsterer Kirche zu den 
schönsten Klostergeschichten des ganzen Mittelalters gehört, 
sind die einzelnen Theile der Historia Cremifanensis als solche 
und in ihrer Gesammtheit wenig bedeutend. Und dennoch 
waren sie es: der Katalog der Passauer Bischöfe, die Herzogs- 
liste von Baiem, jene von Oesterreich u. s. w., die sich grosser 
Beliebtheit erfreuten. Durch sie sind nicht wenige sagenhafte 
Züge erst festgesetzt worden, lieber die Persönlichkeit des 
Verfassers aller dieser Aufzeichnungen ist man in neuerer Zeit, 
namentlich seit den letzten Bemerkungen G. Waitz' ^ und der 
Ausgabe in den ,Monumentis G^rmaniae', mehr im Unklaren 
als jemals früher; denn wenn Waitz auf der einen Seite sagt, 
dass die Abfassung des Abtskataloges in dem Wiener Codex 
610 zweifellos auf den Grosskellermeister Sigmar von Krems- 
münster zurückzuführen sei, so hätte man andererseits gewiss 
erwarten dürfen, dass diese Autorschaft auch irgendwie in der 
neuen Ausgabe der ,Monumenta Germaniae^ deutlich angemerkt 
worden wäre. Man darf aus diesem unsicheren Verhalten des 
jüngsten Herausgebers dieses Kataloges den Schluss ziehen, 
dass ihn seine Untersuchungen zu keinem völlig gesicherten 
Ergebnisse über die Frage nach dem Autor der Stücke des 



^ Fonchongen zur deutschen Geschichte, XX, 605 — 619. Mon. Qerm. Hist. 
Script. XXV, 610 ff. 



354 

Cod. 610 geführt haben. Ans diesem Grunde mag es an- 
gemessen erscheinen, wenn wir hier der Sache eine breitare 
Behandlung zutheil werden lassen, als es uns vor zweiund- 
zwanzig Jahren möglich gewesen. Vielleicht würde man den 
stiittigen Fragen, um die es sich hier handelt, früher auf den 
Grund gekommen sein, wenn man den Ausgangspunkt der 
Untersuchung von einer umfassenderen Würdigung der in jeder 
Beziehung bedeutsamen Thätigkeit des Abtes Friedrieh von 
Aich genommen hätte. Vielleicht gelingt es uns, auf diesem 
Wege die Streitfragen, wenn auch nicht ganz zu lösen, so doch 
ihrer Lösung näher zu bringen. 

Von welcher Seite man auch an die Verhältnisse Krenas- 
münsters in jenen Tagen herantritt, überall begegnet man den 
Spuren einer ausserordentlich erfolgreichen Wirksamkeit des 
Abtes Friedrich, und die Worte, mit denen die beiden Abts- 
kataloge, sowohl der des Wiener Codex 610 (Sigmar), als auch 
der des Kremsmünsterer Codex 401 (Bemardus) über seine 
Thätigkeit berichten, sind noch lange nicht ausreichend, um 
das völlig zu erschöpfen, was er für die Herstellung der 
mönchischen Zucht, die Erwerbung neuer Kirchenschätze und 
die Erhaltung der alten, für Kirchenbauten, die Ordnung der 
Besitzverhältnisse u. s. w. gethan hat. Er verstand es wie selten 
Jemand, für die grossen Arbeiten, die seiner Regierung vor- 
behalten waren, die rechten Kräfte zu gewinnen.* Von dieser 
hervorragenden Wirksamkeit zeugen noch heute die beiden 
prächtigen Urbarbücher, das Copialbuch, das dem einen Urbar 
angefügt ist, das Nekrologium, das auf seinen Befehl neu an- 
gelegt wurde, und so viele andere Werke, die auf seine An- 
regung zurückzuführen sind. Leider ist von diesen Manches 
und, wie es den Anschein hat, nicht Unwichtiges verloren ge- 
gangen, während, was hier auch gleich angemerkt werden mag, 
schon damals Einiges, wie z. B. das ältere Todtenbuch, als (durch 
die Auflegung eines neuen) veraltet beiseite geworfen wurde. 



^ Siehe hierüber auch Lorens, Deutschlands Ge8chich|^qaeUen im Mittel- 
alter I, 217, und Tb. Hagn, Das Wirken der Benediktinerabtei Krem»- 
raünster für Wissenschaft, Kunst und Jugendbildung, S. 31. Zu diesen 
Werken kommt jetzt noch L. Achleuthner, Das älteste Urbarium von 
Kremsmünster, Festschrift aus Anlass des 1100jährigen Jubiläums, 8. 1 
u. ff. Die ältere Literatur ist vollständig verzeichnet in LoreuE, Geachichts- 
quellen, a. a. O. 



355 

Den grössten Eindruck machen auf den Besucher des 
Stiftes noch heutzutage die grossen Bücherschätze^ deren An- 
lage und Ordnung auf diesen thatkräftigen Mann zurückzu- 
führen ist.* Was im Kataloge der Aebte hierüber gesagt wird, 
ist dm'chaus zutreflFend: ,Item multos et solempnes libros scribi 
feeit de musica atque textu, scilicet tria missalia, integrum vero 
quartum, unum evangeliarium, unum epistolarium, matutionalem 
de tempore unum, alterum de sanctis, duo officialia, tria anti- 
phonaria in sex voluminibus, tria gradualia. . . / Nun, das 
waren Bücher, die in der Sacristei hinterlegt wurden; nicht 
geringer war die Zahl jener, die wissenschaftlichen Zwecken 
dienten: ,totam bibliam in quatuor voluminibus, Sentencias Petri 
et Scolasticam Historiam, Registrum Gregorii, Sentencias Isidori 
et De Doctrina cordis in uno volumine, Gregorium super Can- 
tica et Isidorum super Eptaticum in uno (volumine), unum 
librum de possessionibus et privilegiis ecclesie (der 
Codex Fridericianus A), alterum item de possessionibus, 
de ecclesiis ac decimis (der Codex Fridericianus B), Regu- 
lam sancti Benedict! cum martyrologio, Josephum in duobus 
voluminibus, duo paria hymnorum^; gewiss eine stattliche Zahl 
neu angefertigter Bücher. Wir sind heute noch in der erfreu- 
lichen Lage, diese Angaben des Kremsmünsterer Hauschronisten 
bestätigen zu können, denn die meisten von den genannten 
Schriften sind noch da und verkündigen den Ruhm des hoch- 
sinnigen Abtes. Dies im wörtlichen Sinne, da bei einigen Büchern 
ausdrücklich angemerkt wird, dass sie auf Befehl des Abtes 
geschrieben wurden. Auch das Jahr, wann dies geschah, wird 
hinzugefligt. 

So finden sich die oben genannten Werke Gregorius super 
Cantica etc. im Cod. 37 der Stiftsbibliothek. Hier heisst es auf 
Fol. 189: 2 



* Mit Recht schreibt Bruschius, Chrouicou mou. Centuria secunda, p. 165: 
,Fridericu8 nobilis de Aych, qui coepit administrare . . . 1273, praecepit 
57 anniä, iiisigtiis bibliothecae augmentator, sed et aliarum ceno- 
bii poflsessionum.* Kettenpacher , Annales mouasterii Cremif., p. 208: 
,Bibliothecam multis libris auxit.* Th. Uagn, Das Wirken der Bene- 
dictinerabtei Krenismünster, S. 49. 

' Es ist, wa.s schon hier bemerkt werden mag, dieselbe Hand, die den 
Codex Fridericianus und alle unter dem Namen des Bemardus gehenden 
Schriften geschrieben hat. 



356 

Jnstruit iste über, ut lector crimine über 

Sit bene morosus ac ad mala queque moroBOfi/ 

,Scriptus est anno'domini 1312 tempore Friderici abbatis anno XL 
minus 1/ Die andere oben genannte Schrift Isidors u. s. w. ist 
vier Jahre später geschrieben: ,Explicit tractatus fratris Thome 
de preparacione cordis, compilatus circa annum domini 1280, 
scriptus vero anno domini 1316 tempore domini Friderici abba- 
tisy ordinacionis sue anno XLII apostolica sede vacante et Pata- 
viensi tanto tempore viduata et imperio in duos reges diviso/ 

Wenn es endlich im Kataloge der Aebte heisst: ,ac plures 
alios scribi fecit', so ist auch diese Thatsache bezeugt Der 
Chronist hat, wie es scheint, blos jene Bücher besonders her- 
ausgehoben, die für das Kloster Kremsmünster eine grössere 
Bedeutung beanspruchen, wie den Codex Fridericianus, der 
später unter einem anderen Titel nochmals genannt wird, oder 
die durch ihre Grösse und schöne Ausführung besonders her- 
vorstachen; denn einige dieser Werke sind von einem selten 
grossen Formate, gut um ein Drittel höher und breiter, als es 
sonst selbst grosse Folianten zu sein pflegen, und alle von einer 
wahrhaft künstlerischen Ausstattung. Ich hebe hier nur die 
Bibelbände heraus, von denen der Chronist spricht, den ,Josephus 
in duobus voluminibus' und die ,Scolastica Historia'. 

Diese Prachtwerke sind, was gleich hier angefügt werden 
mag, von einer anderen Hand geschrieben, als jene Schriften 
aufweisen, die dem sogenannten Bernardus Noricus zugehören. 

Von diesen Schriften wird zunächst zu reden sein. 



§ 2. Der Codex Fridericianus. 

a) Das ürbarium des Abtes Friedrich von Aioh. 

In einer Zeit, wo man allerorten daran ging, Urbare anzu- 
legen, folgte man auch in Kremsmünster dem gegebenen Bei- 
spiele nach. Hier erwies sich die Anlage eines solchen als eine 
der dringendsten Aufgaben: sollten die Uebelsittnde in der Ver- 
waltung des Stiftes sich nicht bis ins Unerträgliche steigern, so 
musste nicht blos rasch, sondern auch nachhaltig ans Werk 
gegangen werden. Und dass dies geschah, davon legen nahezu 
alle in jenen Jahren in Kremsmünster verfassten Schriften Z^ng- 
niss ab. Nahezu alle sind geradezu unter dem GdBiekts- 



357 

punkte der Regelung und Feststellung des Besitzes 
abgefasst worden. Selbst die Anlage des Todtenbuches diente 
in letzter Linie diesen Zwecken, und ohne diese wäre man 
kaum an die Abfassung jener historischen Arbeiten geschritten, 
die an die Namen des Qrosskellermeisters Sigmar und des so- 
genannten Bemardus Noricus geknüpft sind. Mit Altaich, dem 
Matterkloster, hatte KremsmUnster seit seinem Bestehen nahe 
Beziehungen. Dass jenes mit der Abfassung eines Urbars vor- 
angegangen war, wirkte aufmunternd auf dieses. Von zustän- 
diger Seite ist mit Recht bemerkt worden,^ dass es das Alt-- 
aicher Urbarium war, das dem von Kremsmünster zum Vorbilde 
gedient hat. Gewiss erkannte der Abt schon beim Antritte 
seiner Regierung* die Nothwendigkeit einer Festsetzung der 
Besitzverhältnisse und Rechtstitel hiezu; unter den Brüdern 
drängte der Prior Hartwig auf die Ausführung des wohl schon 
seit längerer Zeit bestehenden Planes.^ Der Convent erwog, 
dass man bei der Lage der Dinge gar nicht wisse, welche Be- 
sitzungen und Einkünfte dem Kloster zugehören, von wem die 
Oiebigkeiten zu leisten und welchen Wohlthätern man zu ewi- 
gem Danke verpflichtet sei.* Gerade weil die Besitztitel nicht 
völlig gesichert seien, könne es geschehen und ist es auch in 
der jüngsten Zeit noch geschehen, dass dem Kloster gehörige 
Besitzthümer von fremder Hand besetzt worden seien, wozu 
nicht wenig die Unachtsamkeit der Besitzer selbst beigetragen 
habe. Diesen Uebelständen müsse für alle Zeiten vorgebeugt 
werden. Das könne nur so geschehen, dass man alle Meier 
and Colonen des Stiftes zusammenrufe, beeide und unter An- 
drohung der Entfernung von ihrem Gute verpflichte, anzu^ 
geben, was ihnen in Bezug auf die bisher so sehr vernach- 
lässigten Rechte der Kirche bekannt sei. 

^ Leonard Achleuthner, Das älteste Urbarium von Kremsmünster. Wien 

1877, 8. IX. 
^ Die Worte: ,ex assumpti regiminis debito cohortati' lassen fast darauf 

schliessen. 
' ,Circa annum domini 1300, tempore domini Friderici abbatis, ordinacionis 

sue anno XXVI ex consilio conventus et precipue Hertwici prioris ac 

imperio eiusdem abbatis etc. . . .*■ KremsmUnsterer Geschichtsquellen, 

8.18. 
* ,Considerantes redditus ac possessiones . . . nee ex ullis scripture monu- 

mentis discere posse, que possessiones, quid solvere debeant . . .* Ach- 

leuthner, 1. c., 8. 4. 




358 

Diese Arbeit auszuführen, wurden zwei Männer auserlesen, 
von denen mindestens der eine sich in den Privilegien des 
Stiftes schon einigermassen auskannte: ein Geistlicher und ein 
Laie, jener der Grosskellermeister Sigmar, dieser der Hof- 
richter Dietrich.^ Sie erhielten die gemessene Weisung, in aUe 
Bezirke des Stiftes zu ziehen und von Allen und Jedem ganz 
genau in Erfahrung zu bringen, was man zu wissen noth- 
wendig hatte. ,So ist es geschehen,^ sagt der Prolog zum 
,Liber possessionum', ,dass man die Namen der (dem Stifte 
gehörigen) Orte, die Lage der einzelnen Besitzungen und die 
Beschaffenheit und Grösse der Einkünfte vollständig kennen 
lernte.* Wie weit sie sich hiebei auf das ältere Besitzregister 
stützten, ist schwer zu sagen.^ 

Sigmar war es, der in Gemeinschaft mit den Meiern der 
dem Stifte gehörigen Höfe und von den Bediensteten des Stif- 
tes begleitet, diese Arbeit durchführte. Er legte ein genaues 
Verzeichniss aller dem Stifte gehörigen und zukommenden 
Besitze und Rechte an, das dann im Laufe der nächsten Jahre 
in eigenen Bänden besser angeordnet wurde: ,scriptam nobis 
attulit nostrorum reddituum totam summam, immo pocius reli- 
quias rerum, que raptorum manus effugere contingebant, qui 
deinde in voluminibus sunt melius ordinati.' 

In solcher Weise entstanden die beiden Exemplare des 
Urbariums, wie sie heute noch vorliegen. Vollendet waren sie 
im Ganzen und Grossen im Jahre 1304/ doch konnte es nicht 
fehlen, dass noch in den beiden nächsten Jahrzehnten zahl- 
reiche Nachträge eingezeichnet werden mussten. Von den bei- 
den Exemplaren zeichnet sich das eine durch seine Grösse und 
seine feinere Ausstattung vor dem zweiten aus, welches letztere 



^ ,. . . quasdam de subiectis nobis personis, fratrem scilicet Sigmaram, 
tunc cellerarium de monachis et Ditricum prepositum ex laicis de con- 
silio nostri conventus elegimus ad hoc ipsum, qui omnes districtus uostros 
perambulantes et de qnibuslibet iuquirendis diligencius requirentes ad 
nostram deferrent noticiam uuiverea.' Prolog zum ,Liber possesnonum*. 

' Ibid.: ,Hinc factum est, ut nomina locorum, situs possessionum et reddi- 
tuum qualitatem cum quautitate plenarie diaceremur . . .* 

^ ,Et abhinc uostra ecclesia videtur abbate caruisse, ut patet in registro de 
possGssionibus, qua» Amoldus dux vendicavit.* Mou. Germ. Hlst Script« 
XXV, S. 631. 

* .Item anno domini 1304 . . . computatis redditibus ecclesie bactenus 
neglectis et in scripta redactis inveuta sunt de XVlil ofliciis . . .* 



369 

wohl ,dem jeweiligen Verwalter der Stiftseinkünfte als Hand- 
exemplar dientet* Inhaltlich unterscheiden sich die beiden 
Exemplare nur wenig und fast nur in Bezug auf die allerdings 
m'cht seltenen Nachträge; der Hauptunterschied ist, dass die 
Reihenfolge der Geld- und Naturalabgaben, welche die einzel- 
nen Meier zu leisten hatten, in beiden Exemplaren verschoben 
ist^ Da eine Beschreibung der beiden Bücher, eine Schilde- 
rung der Einrichtung des Urbariums und eine sachgemässe Er- 
klärung einiger im, Urbarium erwähnten Giebigkeiten von sach- 
kundiger Seite vorliegt, so wird weiter unten nur noch über 
das Verhältniss des Urbariums zu den eigentlich historischen 
Schriften Kremsmünsters zu handeln sein. 

Im Stifte fand die Arbeit die verdiente Anerkennung. 
Auf diese Arbeit darf man wohl eine Notiz im Kataloge der 
Aebte beziehen: ,Item quidam ex suis professis monachus forma- 
vit quendam librum de feodatariis, ministerialibus, censualibus, 
fiscalinis, quem ortum ecclesie nominavit.' Dieser ,Hortu8 
ecclesie' ist zweifellos das Urbar der Kirche, denn die von 
jenem gegebene Inhaltsangabe ,liber de feodatariis' etc. stimmt 
sachlich ganz mit dem Inhalte des Urbariums überein. Auch 
in diesem liest man Fol. 46: ,Hec sunt feoda, que nobis domi- 
nus Hugo de Morspach ex suis propriis possessionibus pro 
ecclesie nostre dampnis resignavit et a nobis in feodo acce- 
pit . . J Ueber die Censuales siehe im Urbar Fol. 45**: ,De 
censu ecclesiarum', und auch die Fiscalini werden an vielen 
Stellen genannt.^ 

,Hortus ecclesie' — solche Bezeichnungen liebte man im 
Kloster. Man besass einen Codex, den man den ,Liber vitae' 
nannte, und von dem es im Copialbuche Fol. 66** heisst: ,Nota 
quod in libro Annalium nostrorum, qui dicitur Liber vite, 
habetur, quod homines ibidem residentes cum suis posteris de- 
derunt ad censum quinque denarios.' In diesem Sinne wird 
der ,Liber vitae' häufig citirt. 



* Ächlenthner, 1. c, p. XXIII. 

* Ebenda. 

" Ebenda, S. 9. 

* Siebe den Excnrs. 



360 



b) Der Liber privilegiomm. 

Die Aafgabe^ die Sigmar zugefallen war, war mit dem 
Absuchen der einzelnen Bezirke doch nur zum Theile erst 
erftdlt. Der schwierigere Theil lag wo anders. EJr hatte die 
Privilegien des Stiftes zu sammeln^ ordnete sie zuerst nach der 
Zeitfolge, setzte darnach fest, unter welchen Achten sie aus- 
gestellt waren, und benützte hiebei eine Abtsliste, die er, wie 
weiter unten ausgeführt werden wird, aus den Privilegien selbst, 
aus Chroniken und Todtenbüchem in mühevollster Weise zu- 
sammengebracht hatte: ,Qui dum ordinem datorum privilegio- 
rum et quorum abbatum tempore essent data, vel numerum 
eorundem quereret, nequaquam perfecte poterat invenire, verum 
tarnen sicut potuit ex privilegiis et ex chronicis ac ex defuncto- 
rum calendariis colligere annotavit . . / Die Kenntniss der 
einzelnen Privilegien hat er sich in langjährigem Studium er- 
worben. Von den Privilegien waren viele verloren gegangen. 
Die Passauer Bischöfe hatten einzelne zugleich, wie man in 
Kremsmünster klagte, mit den Besitzungen an sich genommen. 
Schon vordem waren viele in der Ungamnoth, andere durch 
Brand zugrunde gegangen. Solchen Verlusten sollte gleich&lls 
für alle Zeiten vorgebeugt werden, und zu diesem Zwecke liess 
der Abt Friedrich in dem zweiten Theile jenes Prachtbandes, 
der das Urbar enthält, auch die nunmehr im Kloster vorhan- 
denen Privilegien niederschreiben. In dem für das Urbar und 
den ,Liber privilegiomm' gemeinsamen Prolog sagt er, nach- 
dem er der Thätigkeit Sigmars und Dietrichs gedacht: , Verum, 
quia impium esse iudicavimus, si anime eorum qui hec contule- 
rant, speratis oracionum stipendiis fraudarentur,^ votorum nostro- 
rum affeccio perrexit ulterius, indagare videlicet omnia nostre 
ecclesie privilegia, que in tota bibliotheca poterant repe- 
riri, quamvis vix reliquie remanserint ablatis pocioribus a pre- 
donibus tam domesticis quam hostibus alienis. Quoniam autem 
instituimus de ipsis rebus verba non perdere intellecta, que- 
libet inquisita prout sunt cognita, ne unquam a memoria fiige- 

> Aus dieser Notiz geht klar hervor, dass aach die Anlage des neuen 
Todtenbuches, von dem weiter unten gesprochen werden soll, mit der 
Regelung der Besitzverhftltuisse zusammenhängt Man soll wissen, was 
man besitzt und wer es gegeben, damit dem Verstorbenen der rer- 
heissene Lohn, die Fürbitte bei (}ott, nicht vorenthalten weide. 



361 

rent, primo loco huius tractatus scriptomm vinculo per ordinem 
iossimas innodari; deinde privUegia que inveDimus subsequenter 
fecimus registrari, ut, dum ex libris pia pioram facta memorie 
superstitam recitantor^ propter misericordie opera et oracionum 
soffragia^ ipsorum misericordium anime in etema vivant memo- 
ria ante Deum/ 

Und so heisst es Fol. 50: ^Incipiant capitula huius libri. 
Anno domini 1302 coUeeta sunt et registrata ecclesie nostre 
privilegia universa; que tune in nostra bibliotheca poterant in- 
veniri tempore domini Friderici abbatis . . /^ 

Geschrieben ist der ,Liber privilegiorum' von demselben 
Schreiber, der das Urbar geschrieben, doch davon wird weiter 
unten zu handeln sein. Hier genUge vorläufig die Anmerkung, 
dass am Rande des Textes zahlreiche Noten stehen, die wort- 
getreu mit solchen historischen Aufzeichnungen Übereinstimmen, 
die in Kremsmilnster damals mehrfach gemacht worden sind, 
wie sie sich beispielshalber im Cod. 610 der Wiener Hofbiblio- 
thek so häufig finden. 

Dieser Thätigkeit des Abtes Friedrich wird im Kataloge 
der Aebte rühmend gedacht: ,unum librum de possessionibus 
et privilegiis ecclesie (das ist der Codex Fridericianus A), alte- 
rum item de possessionibus, de ecclesiis et de decimis (das ist 
das zweite Exemplar des Urbariums) scribi fecit.^ 

Dass der Abt mit der Anlage des Codex Fridericianus 
auch Zwecke der Pietät verfolgte, wurde schon angedeutet. 
Mehr tritt diese Sache im Todtenbuche dieses Abtes zutage. 

§ 3. Das Todtenbnch des Abtes Friedrich von Aich. 

Wie die anderen berühmten Klöster der Nachbarschaft 
besass auch Kremsmünster ein Todtenbuch, das sich nicht blos 
durch die Reichhaltigkeit der hierin verzeichneten Namen, son- 
dern auch durch sein hohes Alter auszeichnete. Es gewährt 



* Gedruckt sind die einzelnen Stücke des Codex FridericianuB im Urknn- 
denbnche von Kremsmünster, herausgegeben von Theoderich Hagn, 
Wien 1862. Man lasse sich aber durch die dort angewendeten Typen 
nicht irreführen, als wäre der Codex Fridericianus in dieser Schrift ge- 
schrieben. Ein guter Abdruck der Schrift findet sich auf den beiden 
Tafeln der Achleuthner'schen Ausgabe des Urbariums. Auf die Tafel 
Nr. 2 will ich noch weiter unten zurückkommen. 



362 



dem Forscher eine wahrhafte Befriedigimg, in diesem Bache, 
von dem sich jüngstens Trümmer, fineilich recht dürftige, tot- 
geftmden haben, eine Fülle ahdeatscher Namen, darunter nicht 
wenige sehr selten vorkommende, za lesen. Da die Krems- 
münsterer Todtenbücher demnächst genauer wissenschaftUdi 
ontersucht and der weiteren Forschong zugänghch gemacht 
werden dürften, so genüge hier nor noch die Bemerkimg, dass 
der Ranm in diesem älteren Todtenbache nicht mehr f&r vi^ 
Namen ausreichte. Auch mochte sich dessen Anlage schon an 
und ftir sich als weniger passend erweisen, kurz, indem man 
einmal eine vollständige Neuordnung in allen Dingen vornahm, 
welche die AuEeeichnung der Rechtstitel und Besitzverhältnisse 
des Klosters betrafen, ging man auch daran, jenen Persönlich- 
keiten ftir alle Zukunft gerecht zu werden, denen das Kloster 
zu Dank verpflichtet war. Es wurde daher unter dem Abte 
Friedrich ein neues Nekrolog angelegt,^ das, auch wenn man 
die Namen aus dem alten dahin übertrug, ftir lange Jahre aus- 
reichen konnte. Dieses Todtenbuch, in einigen Theilen leider 
recht beschädigt und namentlich auf der letzten Seite zum 
Theile unleserlich, hat sich erhalten. Das alte ging nun ein 
und wurde, vielleicht noch in der Zeit des Abtes Friedrich, zu 
Einbanddeckeln benützt. Vielleicht lässt ein ft^undliches Ge- 
schick auch die noch fehlenden Trünuner an den Tag treten. 
Wie methodisch man bei der Anlage des neuen Todtenbuches 
verftihr, sieht man aus verschiedenen Andeutungen. Auf dem 
letzten Blatte finden sich längere Erörterungen über die ver 
schiedenen Arten von Wohlthätem, denen das Stift verpflichtet 
sei: ,Quidam enim absolute sua remedia contulerunt, qaidam 
di stricte: quibus sumus omnibus debitores. Ulis . . . debemus 
communicare omnia bona nostra, tam communia quam privata, 
que eis secundum meritum prosimt. . . . Ulis vero qui districte 
. . ., tenemur reddere, que emerunt' 

,Horum namque quidam sua bona legaverunt, ut eonuD 
memoria inter mortuos perpetuo recolatur. Quidam vero, ut 
propter eos et vice eorum sanctorum memoria celebretur. . . 



' Eine Ausübe der nekrologischen Quellen des Stiflee veranstaltet P. Alt* 
mann Altinger. Ihm danke ich die Kenntniss der Fragmente des «Iten 
NekrologiunM. Ans dem neuen theile ich nor so viel mit, als som Ver- 
ständnisse der Bemardns-Sigmar-Frage nothwendig ist. Im XJeking^ 
verweise ich auf Altinger^s Arbeit, die wir wohl bald erwarten dfiiien. 



363 

Item quidam sua predia contulerunt, ut de ipsis pietaneie nomi- 
nate in suis anniversariis prebeantar^ et ne liceat hec omittere 
sine pena . . / 

^Qtiidam autem nee qualitatem anniTersariomm in officio 
nee in fratrum solacio distinxerunt: igitur, ut reddamus que 
condieionaliter sunt permissa, sciendum quod secundum con- 
dicionem in privilegiis comprehensam debemus exequi ofiicia 
mortuorum et assequi beneficia commodorum^ ut ipsis^ sicat de- 
sideraverunt et quantum meruerunt, prosint labores vivorum et 
suflragia beatonun.* . . . 

Nach dem in diesen Worten ausgesprochenen Systeme 
werden dann die einzelnen Wohlthäter aufgezählt, endlich auch 
jene Persönlichkeiten aus dem Stifte selbst angeführt, deren 
Jahrestag wegen ihrer Heiligkeit oder ihrer sonstigen hervor- 
ragenden Verdienste gefeiert werden muss: ,de quorum numero 
sunt sanctus Wisinto, Erchenbertus, Rainboto, Gerhardus, Ditri- 
eus, Alramus et alii quam plures/ * oder, wie es im Nekrologe 
selber heisst: ,Wisinto, Rainboto . . . qui miraculis claruerunt*. 
Dann folgt auf demselben letzten Blatte eine Aufzählung jener 
Klöster, ,in quibus habemus fraternitatem^ An der Spitze der 
Wohlthäter des Stiftes steht natürlich Tassilo. Es folgen in 
der im Kloster üblichen Schematisirungsweise zuerst die welt- 
lichen, dann die geistlichen Würdenträger. 

Es ist uns selten ein Todtenbuch begegnet, wo dessen 
Zwecke in so lehrhafter Weise vorgetragen würden als hier. 
Doch nicht genug daran. Es finden sich in diesem Todten- 
buche zwei Urkunden des Abtes Friedrich, die mit den Zwecken 
des Buches ii^ nächster Verbindung stehen. Ich füge den wesent- 
lichen Theil der beiden im vollen Wortlaute an, weil aus ihm 
weiter unten ziemlich weitgehende Schlussfolgerungen gezogen 
werden sollen: ,Circa annum domini 1310 decretum est a do- 
mino fratre abbate et fratribus universis, ut anniversarii fra- 
trum nostre congregacionis devocius celebrentur, hoc scilicet 
modo, ut compulsatis campanis cantetur officium defiinctorum 
et missa publice in conventu pro fratribus defunctis ab anno 
domini 1300 et deinceps in etemum; et eorum prebenda ut 
vivorum pleno detur pauperibus eo die.' Man sieht hieraus, es 
wird in dem Todtenbuche keiner jener Brüder mehr fehlen 



' De amenitate loci spiritnaliter. Nairacio de ecciesia Chremsm., p. 92. 
ArehiT. LXXXl. Bd. 11. H&lfte. 25 



364 

dürfen, die seit 1300 gestorben sind. ,Sed ne multitndo de- 
fiinctorum indies aucta transeat in negtigenciam et errarem, 
huiusmodi scriptum est taliter moderandum, ut tribos annis 
contiDuis cuiuslibet sDniTersanas taliter specialiter peragator, 
reliquis quatuor annis eorum anDiTersarins, quorum occarreiit. 
infra mensem simul semel agatur, et sie post septenninm gene- 
rali commemoracioni fratrum congregacionis commnniter con- 
iungator, nisi sit aliquis qui maioribus laboribus vel 
meritis mereatur ulterius memorari.' Und nan folgt anf 
einer neuen (der vierten) Colnmne derselben Seite (jede Seite 
hat 5 Columnen): ,Hii autem sunt üratres ex hoc tempore 
defUncti', wobei zu den Worten ,ex hoc tempore' zu bemerken 
ist, dass sie nicht wSrtlich vom Jahre 1300 an zu deuten sind, 
denn wir finden erwähnt den Chunradas Heidenheim von 1297 
und den Gunthenis 
VerzeicbnisB hiutet: 

(t.)' MartinuG 

(2.) Ditmarui 

(3.) Ulricus 

(4.) Haertwit 

(5.) Leutoldc 

(6.) Berchtol 

(7.) Wernhai 

(8.) Wemhei 

(9.) Mffiinhai 

(10.) Chunrad 

(11.) Di(e)tmfi 

(12.) Günther 

(13.) Otto COE 

(14.) Ulricus . 

(IB.) Ulricus i 

(16.) Wernhai 

(17.) Wernhai 

(18.) Otto de 

(19.) RicberuB 

' Die Zahlen sind roi 

aufgelöst. 
* Er fainterlieRB dem 1 
" Da^leichen. 



366 



(20. 

(21. 
(22. 

(23. 

(24. 

(25. 

(26. 

(27. 

(28. 

(29. 

(30. 

(31. 

(32. 

(33. 

(34. 

(35. 

(36. 



Emestus presbyter et monachus. 

Di(e)tricus presbyter et monachus. 

Rndolfus Sartor conversus. 

Fridericus . . . presbyter anno domini 1320. 

Heinricus de . . . presbyter . . . 

. . . conversus . . . 

Heinricus abbas (?) presbyter et monachus. 

Heinricus conversus. 

Sighardus presbyter et monachus. 

Martinus presbyter et monachus. 

. . . erus presbyter et monachus. 

Hylprandus presbyter et monachus. 

. . . bertus presbyter et monachus. 

Fridericus quondam abbas (schon von anderer Hand). 

Fridericus presbyter et monachus. 

Fridericus diaconus. 

. . . etmarus presbyter. 



Rest unleserlich. 

Man sieht auf den ersten Blick ^ wie ausserordentlich 
wichtig dies Verzeichniss für die Beantwortung der Sigmar- 
und Bemardus- Frage ist, und wie dankenswerth, dass diese 
Liste schon mit 1297 beginnt und nach 1326 endet. Sie 
dürfte uns mit ein Mittel an die Hand geben, die Sigmar- 
Frage zu lösen. Was man namentlich gegen ihn als Verfasser 
der Kremsmünsterer Geschichten eingewendet hat, war ja nicht 
zum Wenigsten der Umstand, dass man ihn um 1320 längst 
unter den Todten meinte. Wie man aber aus der Liste sieht, 
lebte er noch, denn er befindet sich nicht in ihr. Er erreichte 
also wohl ein sehr hohes Alter und konnte in dieser langen 
Zeit jene zahlreichen Werke vollenden, von denen sich noch 
die meisten vorfinden. Doch davon später. 

Wie ernst es der Abt Friedrich mit seinem in der oben 
angeführten Urkunde erwähnten Befehle nahm, sieht man dar- 
aas, dass er mit einigen Aenderungen am 29. September 1312 
erneuert wurde: ,Ne ea, que a presentibus provide ac salubri- 
ter disponuntur, recedant a memoria posteriorum, stabili scriptu- 
rarum debent testimonio commendari . . . Nos igitur Frideri- 
cus, Dei gracia abbas totusque conventus ecclesie Chremsr 

munstrensis . . . statuimus . . . ut quando vocante domino 

2B* 



366 

unius fuerit finis nostriim, qui hodie sunt in eame Domino 
servientes in monasterio hoc professi . . . per triginta dies a 
seniorum ordine sacerdotum usque ad ultimum inchoantes dica- 
tur diebus singuL's una missa . . . cum Ave Maria tociens 
Paternoster ... in anniversario vero compulsatis ter campanis 
opus singulariter defunctorum et in crastino missa una . . . 
(folgen genauere Bestimmungen). Que suffragia impenduntur 
Omnibus ab anno domini 1310 iam defimctis et deinceps per 
tempora post futura, abbatibus . . . duplicata.' 

^Acta sunt hec anno Domini 1312 in festo sancti arch- 
angeli Michahelis.' 

Neben diesen wichtigen Notizen, die sich, man möchte 
sagen als Anhang, im Nekrologe finden, hat dessen eigent- 
licher Inhalt fiir die Beantwortung unserer Frage eine gerin- 
gere Bedeutung. Nur die Schrift und der Inhalt gewisser Rand- 
noten wird weiter unten noch genauer zu untersuchen sein. 

§ 4. Die Vita sancti AgapitL 

Dem Verfasser des Abtskataloges ist es aufgefallen, dass 
des Patrones der Kremsmünsterer Kirche, des heil. Agapitos^ 
in den Urkunden der älteren Zeit so selten Erwähnung gethan 
werde. Er bringt die grössere Verehrung, die man diesem 
Heiligen in der späteren Zeit zollte, mit der Einweihung der 
Kremsmünsterer Kirche durch den Bischof Altmann von Passau 
im Jahre '1082 in Zusammenhang: ,Huius tempore,' sagt er, 
,idem Altmannus episcopus nostrum monasterium iam tercio 
consecravit anno Domini prenotato (1082), precipue in hono- 
re(m) Salvatoris et sancti Agapiti martyris nee non sancti Bla- 
sii. Et deinde festum sancti Agapiti cepit solemnius 
celebrari et festum Salvatoris mediocriter celebrari 
cepit.' So ganz übergangen wurde nun der heil. Agapitus 
auch in älterer Zeit nicht; wenn die Tradition seine Anwesen- 
heit im Stifte schon in dessen erste Anfänge versetzt, so wird 
dem wohl so sein, denn wir finden, dass der heil. Agapitus 
von Kremsmünster schon in der Urkunde vom 22. October 893 
erwähnt wird, in welcher König Amulph dem Stifte die ihm 
BUgefallenen Güter der Grafen Engelschalk und Wilhehn zu 
immerwährendem Eigenthum schenkt: ,nos quasdam res iuris 
nostri, id est, quicquid Wilihelmus et Engilscalcus, germani 



367 

fratres^ comites videlicet quondam strenui ... ad sanctum Dei 
martyrem Agapitum tradiderunt, ... ad monasterium sancti 
SalvatoriS; quod Cremisa nuncupatur, ubi idem electas Dei 
martyr corporaliter requiescit . . . donamus et tradi- 
mas . . / 

Dann schweigen die Urkunden für Kremsmünster allerdings 
lange von dem heil. Agapitus. Erst um das Jahr 1083 wird 
er wieder erwähnt: der Edle Arnold schenkt zum Altare des 
heil. Agapitus den Ort Wartberch unter der Bedingung^ dass 
dort eine Pfarrkirche erbaut werde. In der Stiftungsurkunde 
für Kremsmünster wird gesagt, dass die Earche erbaut sei ^in 
honorem sancti Salvatoris^, und so wird in einer und der ande- 
ren der folgenden Urkunden das Kloster geradezu ,monaste- 
rium sancti Salvatoris^ genannt. Im Jahre 1095 wird schon 
von einem ^altario Salvatoris mundi sanctique Agapiti^ gespro- 
chen. In einer Urkunde vom 30. April 1099 wird Krems- 
münster ^monasterium Salvatoris mundi sanctique Agapiti^ ge- 
nannt, im folgenden Jahre ,cenobium Salvatoris mundi sancti- 
que Agapiti^, 1135 ,Salvatoris mundi et sancti Agapiti*. Im 
Jahre 1140 wird zum ersten Male davon gesprochen, dass 
die Kirche in Kremsmünster auf den Namen des heil. Aga- 
pitus geweiht sei: ,tradidit ad altare sancti Agapiti, ad cuius 
memoriam et patrocinium idem fundatum est cenobium . . J 
In der Urkunde vom 4. Jänner 1189 schenkt Leopold VI. 
einige Güter wieder zurück, die einstens die Grafen Adalbert 
und Gebhard von Rebgau und ihr Vater Albert dem heil. Aga- 
pitus in Kremsmünster übergeben hatten (beato Agapito . . . 
tradiderunt). In dem Privileg Leopolds von Oesterreich vom 
15. Mai 1217 liest man: ,Omnes iusticias . . . gloriose Christi 
martyri Agapito contulimus.^ 

Man sieht, wie gut sich der Verfasser des Abtskataloges 
aus den Urkunden unterrichtet hat: mit Recht konnte er sagen, 
dass das Fest des Erlösers vor dem des heil. Agapitus in den 
Hintergrund trat. Dementsprechend wusste man allmählich die 
Meinung zu vertreten, dass des heil. Agapitus Gebeine schon 
vom Anfange an im Kloster waren. In der Papstliste wird 
beim Papste Adrian hinzugefligt: ,cuius tempore Tassilo dux 
construxit nostrum monasterium anno domini 777 et suum 
fiUum ab ipso papa baptizari procuravit, et corpus sancti Aga- 
piti martyris ab eodem sibi dari peciit et nobis attulit.' Wenn 



368 

diese in EremBinUnster mit Zusätzen versehene Papstliste das 
Verdienst^ den Leichnam des heil. Agapitus nach Kremsmünster 
gebracht zu haben, dem Herzoge Tassilo zuschreibt, so ist 
doch zu bemerken, dass es hierüber am Beginne des 14. JaIl^ 
hunderts noch keine feste Tradition gab. Die ,Narratio de 
ecclesia Chremsmunstrensi^ hat diesem Heihgen ein ganz^ 
Capitel gewidmet; es fUhrt die Ueberschrift: ,De patroni sub- 
limitate^ Zunächst wird Klage geführt, dass man die Geschichte 
der Translation dieses so erhabenen Patrones nicht kenne (cuius 
translationis historiam proh dolor ignoramus), dann wird gesagt, 
dass es wahrscheinlich sei, dass der Papst Adrian selbst den 
Leichnam des heil. Agapitus nach Kremsmünster gesandt habe, 
und zwar aus Liebe zu dem Gründer und zu Karl dem Gros- 
sen, von denen er Jedem einen Sohn aus der Taufe hob. Hier 
wird ako schon Karl der Grosse eingeführt; auch darüber, wie 
die Translation geschehen sein könne, war die Ueberliefemng 
nicht feststehend.^ Viele Möglichkeiten sind angedeutet. Dieses 
Capitel zeugt aber andererseits auch davon, dass die Verehrung 
des heil. Agapitus in der Zeit des Abtes Friedrich eine ausser- 
ordentlich rege war: ,Habemus et secundum patronum inter 
famulos coeli cives, solemniimi meritorum, sanctissimum Aga- 
pitum . . .^* Mit Schmerzen beklagte man es, dass man die 
,Historia translacionis^ nicht kenne; man untersuchte seine Reli- 
quien, und da war es ein grosses Verdienst des Abtes Fried- 
rich von Aich, dass er nicht blos für die ReUquien dieses Heili- 
gen Sorge trug, sondern dass er auch eine Legende dieses 
Heiligen abfassen Hess. Von der Sorge für dessen Reliquien 
wird in den Kremsmünsterer Aufzeichnungen zweimal gespro- 
chen; das Verdienst wird dem Gustos Hertwicus zugewiesen: 
,Item,^ heisst es das eine Mal in dem älteren Abtskataloge, 



^ ,Et certe, ut ipsum fundatorem huiusmodi muneribiis in incepto proposito 
confirmaret . . . vel cum nuncii pape ad Tassilouem et e coDverso non- 
cii Tassilonis ad papam legaciones pacis ferentes irent et redirent, pot- 
erant apportari. Si qai vero velint affirmare, quod mnnere Leonis pape 
eiusdem sancti martjris reliquias habeamus, nos sacius arbitramnr, 
alieno intellectui cedere, quam contencionibus deservire. Nun 
aestimari potest, quod has Karolus ab ipso impetravit . . . aat ipse Tas- 
silo iam conversus has impetravit . . ^ 

' Dazu die Stelle im Abtskataloge: ,Item concursus solemnis fait ad reli- 
quias saucti Agapiti martyris, que destructo summo altari sub ara beatae 
Mariae fuerant coUocatae . . .* Qeschichtsquellen, S. 73. 



369 



^hoias tempore Hertwicus eustos renoyavit crucem et caput 
sancti AgapitiS und so auch in dem jüngeren Kataloge: ,Item 
idem frater (Hertwicus) caput sancti Agapiti renovavit/ 

Indem nun der Abt Friedrich von Aich einen neuen Altar 
des heil. Agapitus errichten und einweihen Uess^ lag es nahe^ 
das Verlangen nach der Legende dieses Heiligen^ die man noch 
vermisste, zu äussern. Diesem Verlangen kam ein Mitglied des 
Klosters entgegen. Als er sah^ dass sich von diesem Märtyrer 
nichts in den Büchern finde, habe er grossen Schmerz empfun- 
den: ^doluiy fateor, et erubui, toto corde desiderans et orans, 
nt Dens pro cuius amore idem sanctus sanguinem suum fudit, 
dignaretur inspirare alicui suorum devotorum, ut cantum face- 
ret a(d) sui gloriam ipsi proprio martyri assignantem. Sed cum 
hoc desiderium cemerem non impleri; tandem primo anno 
mei sacerdocii, qui tunc fuit (annus) domini 1300, quia 
tepedius audissem predicti martyris sollempnia celebrari, fui 
super eo solito plus turbatus.' Er geht dann an die Arbeit und 
bringt sie in vierzehn Tagen zu Stande. Sie findet sich hand- 
schriftlich in Kremsmünster in demselben Codex, der die Schrif- 
ten des sogenannten Bernardus Noricus enthält. Auch wenn 
das Jahr 1300 nicht genannt wäre, würde man es wissen, dass 
die Schrift in jener Zeit verfasst wurde, denn sie ist nicht arm 
an zeitgenössischen Reminiscenzen; Fol. 91': ,Cum ergo quilibet 
laicus merito sue perfeccionis clericalem vitam transcendit, eins 
eleccio rata potest haberi. Nam et nostris temporibus Stepha- 
nus dux Wawariae fuit electus Salzpurgensis,* et Albertus dux 
Austrie Pataviensis et Dyemudis begina de Polhaim fuit abba- 
tissa in Erlaco,^ eine später, aber wohl von derselben Hand 
angefügte Randnote. Dass ihr Verfasser dem der ,Narratio de 
ecclesia Chremsmunstrensi' nahegestanden, sieht man aus gewis- 
sen wörtlichen Uebereinstimmungen, wie z. B. aus dem Satze: 
;Porro eiusdem translationis scripta proh dolor non habentes', 
der wörtlich mit einem Satze des Capitels ,De patroni sublimi- 
täte' übereinstimmt.^ 



' Kremsmünsterer Geschichtsquelleu, S. 56. 



Vita sancti Agapiti: 

Porro eiusdem translacio- 
nis scripta pro dolor uon 
babeutes, tum quia aut vetustate 
vel incendio vel negligencia perie- 



De patroni sublimitate: 

Cuius translacionis bisto- 
riam quamquam prob dolor 
ignoramus, que una nee minima 
doloris est et gemitus nostri causa. 



370 



Fol. 85 erklärt er, warum er die Legende schreibe. Sein 
Lehrer habe ihn aufgefordert: ^Tandem . . . cum aliquam noti- 
eiam cronicarum coneepissem^ eiusdem memor obedieneie, ad 
quam exequendam monitis predicti magistri et quorundam alio- 
rum quotidie provocabar, collegi ex tribus, que apud nos haben* 
tur^ legendis unam . . J 

^Processi preterea in scribendo et ex ore cuiusdam valde 
senis et literatissimi viri de fratribus nostri loci, ad predicti 
magistri et domini mei iussum reportavi^ que idem sive lectu 
sive auditu didicerat de origine huius loci additis nonnuUis, qne 
ego ipse ex cronicis invenissem.^ 

Die Schrift hat einige Aehnlichkeit mit den vorhergehen- 
den Texten. Dass es ganz dieselbe sei, möchte ich nicht be- 
haupten. Weder an Sigmar, noch an Bemardus als Verfasse 
wird zu denken sein, wenn die Worte ,primo anno mei sacer- 
docii, qui tunc fuit . . .' nicht etwa auf einen Irrthum zorück- 
zufiihren sind, denn auch Bemardus müsste 1300 sein erstes 
Priesterjahr längst zurückgelegt haben, wenn er Alles das ge- 
schrieben haben sollte, was ihm die Tradition zuschreibt So- 
viel ist sicher, dass auch diese Arbeit in den Elreis jener 
gehört, die auf Friedrich von Aich zurückzuführen sind.^ 



§ 5. Die historischen Arbeiten in Kremsmünster ans der 
Zeit Friedrichs Ton Aich und ihre handschriftliche 

Ueberlieferung. 

a) Der Cod. 401 in Kremsmünster (die »Historiae Gremifanensefl' 
und die ,Narratio de ecclesia Ghremsmnnstrensi* des sogenannten 

Bemardus Noricns). 

Wie bereits oben (S. 350, 354) angemerkt wurde, sind 
bisher noch alle Herausgeber der Werke des sogenannten 
Bemardus Noricus in den Fehler verfallen, dass sie fUr ihre 



niut, aat quia ab raptoribus sunt 
ablata, hoc sufficit scire, quod eius 
presencie perhibent testimo- 
niuin scripture in einsdem ossi- 
bns fig^rale et diversarnm cu- 
raciones infirmitatum.* 
* Siehe Anhang Nr. 2. 



tarnen certitudinem eius presencie 
nobis prestAnt scripture veterum et 
miracula modernorum.* 



371 

Studien nicht das gesammte handschriftliche Material zu Rathe 
gezogen haben. Es müssen bei einer solchen Arbeit nicht blos 
jene Schriften zur Hand genommen werden, die ihm selbst 
zugeschrieben werden, femer jene, die seinen Studien als 
Quelle gedient haben, wie die Stücke der Codd. 610 und 
375 in Wien, sondern auch die oben angeftlhrten Urbare, der 
,Liber privilegiorum' und das Todtenbuch nebst einer Anzahl 
anderer Codices aus dieser Zeit. Erst dann wird man im 
Stande sein, die ganze Bedeutung des Autors, heisse er nun 
Sigmar oder Bemardus, zu würdigen. Wer sich nur an den 
Kremsmünsterer Cod. 401 und die beiden genannten Wiener 
Codices hält, kennt die Bedeutung dieses Mannes nur nach 
einer Seite hin; einen rechten Einblick in sein Wirken als 
Organisator gewähren erst die anderen Stücke. 

Bei einer kritischen Untersuchung dieses Gegenstandes ist 
es aber unerlässlich, von jenen Werken auszugehen, die als 
Oeschichtswerke des Bemardus bekannt sind: dem ,Liber de 
origine et ruina monasterii Cremifanensis', wie ihn der jüngste 
Herausgeber,^ oder die ,Narratio de ecclesia Chremsmunstrensi^, 
wie der Autor selbst sein Buch benannt wissen wollte, und die 
^EUstoriae Cremifanenses*. 

Sie finden sich in jenem berühmten Codex zu Krems- 
münster, der als Autograph des Bemardus in hohen Ehren 
gehalten wird. Dieser Codex wurde von vornherein so an- 
gelegt, dass in allen Theilen mit Ausnahme des letzten, der 
eine in sich geschlossene Arbeit bildet und wohl deshalb an 
. letzter Stelle steht, Nachträge eingezeichnet werden konnten. 
Es wurden daher gleich im ersten Theile, dem Kataloge der 
Lorcher und Passauer Bischöfe (Fol. 2' — 8'), an vielen Orten 
leere Räume gelassen. Sie sind geringer an Zahl für die 
älteste Zeit, mehren sich aber vom Jahre 508, wo die be- 
kannte Tradition österreichischer Quellen über die Einwande- 
rung der Baiem erzählt wird. 'Hier findet sich ein leerer 
Raum von drei Zeilen. Zum Jahre 519, wo vom Tode des 
heil. Benedict gesprochen wird, sind zwei Zeilen, zum Jahre 
520 eine, 532 eine, 547 zwei, 694 eine, zu Bonifatius eine, dem 
Bischöfe Anseimus eine, Odilo eine, zu Hatte 807 sechs, zur 
Translation des heil. Othmar eine, zu Tiemo zwei, zu Berchtold 



Mon. Germ. Hist Script. XXV, p. 638. 



372 

von GarsteD drei, z 
zu Albo drei, Heini 
gold vier, Chunradi 
sieben, Wemhard u 
ben, so dass man d 
Passauer Bischöfe, 
fortgesetzt werden. 

Der Text ist 
Beginne des 14. Ji 
bietet die Tafel {IV 
hat (TeztBcbrift od 
Waitz übersehen ha 
sind sie in dreifacl 
gelassenen Zeilen i 
infra obiit anno X^ 
floruit, filia Pippini 
anno doniini 1300'; ] 
palhum confirmavit': 
nachträglich dazugei 
martyrizatur'; Fol. ( 
Pol. 7': jlste conseci 

In allen dieset 
nur hie and da eini 

Für eine Änzi 
Zeilen kein Platz; d 
ren Ränder in Ans 
unten rechts). Die f 
Man wird indess b< 
ihr Charakter dersel 
ren finden sich aucl 
findet sich von diec 
Probe, dagegen iius 
Austrie' etc.). Zu d 
Fol. 3*: ,qui Theo« 
firmavit'; Fol. 4*: j 
Require infra'; Fol. 
dedit', oben: ,Quod 
,canonicus Wlrtzbur 

' Siehe auch anteo B 



373 

Fol. 4* unten: ß, Emmeranus sub Dietone. Et notandum — 
est commissa/ 

Fol. 6: ^quod ad eum — ante eripuit'; ibid: ,ideo scilicet — 
ab antiquis.^ 

Fol. 6* unten: ,Ab hoc episcopo dedicata est ecclesia in Hag 
anno domini 1032^; ibid.: ,quam nunc habet monaste- 
^ rium Glunicense'; ibid.: ^anno Domini 1082^ 

Fol. 6'': ,obiit anno Domini 1091'; ibid.: ,vel forte non tot'; 
ibid.: ,Item consecravit ecclesiam Chirchdorf anno 
Domini 1199, ord. sue XXVII, quam Air. contraxe- 
rat anno Domini M . . .' 

Ibid., 2. Columne, zwischen den Zeilen: ,Huius tempore anno 
Domini 1123 — Babenberg.' Die folgenden Worte: 
,sub Lothario rege' sind von derselben Hand, aber 
später hinzugefügt. Ibid.: ,sub Ch. rege, Leup. H 
duce.' 

Fol. ?•: ,Item Chirchperg reconsecravit anno Domini.' 

Fol. 7**: ,et forte plus'; unten: ,Huiusmodi verba sunt superflua 
— et invicem.' 

Ibid., 2. Columne, zwischen den Zeilen: ,Hic contulit suo decano 
ecclesias nostras Vorchdorf etWseizchirchen' (die dem 
Schreiber der Textschrift so eigenthümliche Verschrän- 
kung von se, das aber nicht immer ae zu lesen, findet 
sich auch hier in der kleinen Schrift). 

Fol. 8*: ,anno pontificatus sui XXX**.' 
,anno 1321.' 
,Salzburg.' 
,Wienne.' 

Von den Randnoten mussten einzelne noch kleiner ge- 
schrieben werden als in der gewöhnlichen Randnotenschrift, so 
Fol. 6 unten: ,Ab hoc episcopo dedicata est ecclesia in Hag 
anno domini 1032'; ibid.: ,quam nunc habet monasterium Glu- 
nicense.' 

Man muss sich hüten ^ gleich an eine etwa neu eintretende 
Hand zu denken; dass es hier dieselbe ist, kann man schon 
Fol. 6' aus dem ,Beziehungszeichen' 1** ersehen. Es ist die- 
selbe Hand; da diese oft weder in demselben Jahre, noch mit 
derselben Tinte geschrieben, so ergibt sich naturgemäss ein 
Unterschied. 



374 

Derselben Hand gehören endlich die Verbesserungen des 
Textes an, die sich zwischen den Zeilen finden: FoL 1' über 
,ecclesia' geschrieben ,civitas'; Fol. 1** zu ,Sixtx>' hinzugefügt 
,n'; ibid.: ,ambo'; ,Wiennam^; Fol. 2' ,Ratisponam*; FoL 2* 
,Neapolim*; ,Geisericus rex'; ,sub Celestino CC episcopomm*; 
Fol. 3** ,Iin' zu ,Bonifacius'; Fol. 4' einige Zahlen zu den 
Namen, und so auch Fol. 6', 6**, 7*. 

Bei dieser Schrift (b) ist es nothwendig, noch etwas in 
verweilen, denn sie ist es, die sich nahezu in allen älteren 
Codices von Kremsmünster in ähnlichen Randnoten findet (ein 
Beispiel findet der Leser in Ächleuthner, a. a. O., Taf. 2 rechts). 
Derjenige, den Abt Friedrich beauftragt hat, die Besitzverhält- 
nisse des Stiftes zu fixiren, hat oflFenbar auch bei der Inventari- 
sirung der Handschriften diese seine Thätigkeit entfaltet Wir 
finden diese Schrift auch in dem jüngeren Millenarius, in den 
Randnoten des Fridericianus, des Todtenbuches, der Krems- 
münsterer Annalen und des Cod. 610. 

Noch eine dritte Schriftart findet sich schon auf den 
ersten Blättern dieses Codex. Die Schrift ist ausserordentlich 
fein, so fein, dass sie wohl auch übersehen werden kann, wie 
das mitunter in der neuesten Ausgabe von Waitz der Fall ge- 
wesen ist, z. B. Fol. 2**: ,secunda universalis, tercia, quarta uni- 
versalis.' In dieser Schiift sind Noten, um auf etwas aufinerk- 
sam zu machen, z. B. ^, das sonst ,obiit' lautet, hier aber diese 
Bedeutung nicht besitzt, oder ,Nota' etc. 

Auch diese Hand ist, was man weniger aus diesem Codex, 
als vielmehr aus den von Waitz nicht beachteten Codices Fri- 
dericiani zu erweisen im Stande ist, dieselbe wie die Texthand 
und die Hand b. Man vergleiche z. B. Fol. 6** oben das ,prae- 
dieti*, das schon den Uebergang zu dieser Schrift bildet. Proben 
bietet der Cod. 610, beziehungsweise die von Waitz seiner Aus- 
gabe beigegebene Tafel (IV). 

Es ist demnach festzuhalten, dass alle drei Schriftarten 
einer und derselben Hand angehören. 

Nach dieser langen Erörterung über die Schrift des ersten 
Theiles des Kremsmünsterer Cod. 401 ist über dessen folgende 
Theile nur wenig zu bemerken. 

Wie mit dem Bischofskataloge verhält es sich auch mit 
den unmittelbar folgenden Katalogen der Herzoge von Baiem 
(,De ordine ducum Wawarie sive regum' Fol. 9* — 13*) und 



375 

Oesterreich (,De origine et ordine ducum Austrie^ Fol. 15' — 18'). 
Die Schrift ist die nämliche, nur dass die zweite Schriftart, in 
der die Nachträge zumeist erscheinen, hier viel weniger, die 
ganz feine Schrift gar nicht vorkommt. Für Nachträge wurde 
auch hier entsprechender Raum gelassen, am wenigsten fiir die 
älteste Geschichte, was dann zur Folge hatte, dass die Nach- 
träge, die sich doch ergaben, am oberen und unteren Rande 
eingetragen wurden. Je näher man an die Zeiten Tassilos 
rückt, desto reicher werden die Lücken in der Handschrift: 
man will womöglich Alles, was sich noch irgend über die Per- 
son des Stifi;ers findet, eintragen. Vor 748 (Grifo) sind ein und 
eine halbe Zeile, nach Grifo eine Zeile, nach 756 zwei, nach 
771 ein und eine halbe, nach 773 zwei, nach 777 sieben, nach 
782 zwei und eine halbe, nach 785 zwei Zeilen leer geblieben. 
Für die nächste Zeit werden die leeren Räume seltener. Nach 
790 ist eine, nach 810 eine, nach 812 eine, nach 813 eine, nach 
828 eine, nach 834 eine, nach 888 eine, nach 900 eine, nach 
911 eine, nach 948 eine, nach 951 zwei, nach 961 eine und 
eine halbe, nach 995 eine, nach 997 zwei, nach 1001 fiinf, 
nach 1002 eine, nach 1047 eine und eine halbe, nach 1049 
zwei und eine halbe (von denen aber zwei bald ausgeftült wur- 
den), nach 1056 zwei, nach 1066 eine, nach 1070 eine, nach 
1119 zwei, nach 1142 drei (eine wurde alsbald ausgeftült), vor 
1190 eine, darnach zwei, vor 1240 fiinf, dann weiter unten 
zwei und ftinf, endlich bei den letzten Zeilen der bairischen 
Herzoge noch drei Zeilen leer gelassen. Für Nachträge aus 
den folgenden Jahrzehnten blieb ein ganzes Blatt frei. 

In der Herzogsliste von Oesterreich ist ein verhältnis- 
mässig ausgedehnterer Raum ftir etwaige Nachträge freigelassen 
worden. Vor 1042 eine Zeile, vor 1056 zwei und eine halbe, vor 
1075 sechs und eine halbe, vor 1072 zwei, vor 1096 fünf, vor 
1106 sechs, vor 1136 eine, vor 1139 drei, vor 1142 eine, vor 
1152 acht und gleich darauf zwei Zeilen, vor Leopold VI. vier, 
vor Friedrich dem Streitbaren zehn, nach Ottokar Pf emysl sechs, 
nach Albrecht I. sieben Zeilen; für alles Folgende wurde auch 
ein ganzes Blatt freigelassen.^ 

Bei beiden Herzogslisten tritt die Texthand A in den 
Vordergrund. Sie hat auch die Nachträge zum grossen Theile 



' Nur fünf Zeilen wnrden Pol. 18 beschrieben. 



376 

eingezeichnet. Fol. 9** oben: ,Circa hec tempora Narses patri- 
cios ab imperatrice offensos Longobardos in Italiam introdncit 
sab Johanne papa.' 

Unten: ,Item sanctus Medardos episcopos moritur etsanctus 
Erminigildos rex a patre oeciditur^ et frater eins Richaredos 
cum Gothis convertitur.* 

Jtem 8. Gregorius Rome pape creatur 59P et anno 594 
ab eo concilinm celebratur/ 

,Item 8. Rudbertus in Wawaria accessitur et Erchenfridus' 
[das Folgende ist durch einen Schnitt am Rande nicht mehr 
deutlich genug]. 

Fol. 11**: ,quia quidam Leupoldus post Rugerum de Preclara 
ibidem per Amoidum monachus (Cod. monacho) est 
effectus.' 
Fol. 12'': ,qui multos liberos habuit.' 
Fol. 13*: jlste monasterium Scotorum construxit.' 
Fol. 16^: ,Iste Leopoldus regem Anglie captivavit (fein durch- 
gestrichen), Medelicum construxit.* 

In kleiner Schrift schrieb derselbe Schreiber eine Anzahl 
von Nachträgen: Fol. 9**: ,Et Machmet christianos seducit. Item 
Heraclius reduxit lerusalem s. crucem.' Hier ist die Schrift 
fast noch der gewöhnlichen Textschrift gleich. In der üblichen 
Weise der Nachträge, d. h. in der gebräuchlichen kleineren 
Schrift finden sich einige Notizen auf Fol. 10*: ,Iste Grinwaldus 
defuncto fratre suo Theodoaldo uxorem eins duxit Pro quo 
ipsum sanctus Corbinianus episcopus increpavit Item sanctus 
Emmeramus martirizatur et Ratispone sepelitur.' Fol. IP: ,tem- 
pore Leonis V. pape et Gerhardi Laureacensis.' Fol. 13' (zu 
,Heinricus dux Wawarie in Saxonia obiit'): ,relinquen8 ibi filium 
Henricum.' Die sonstigen Randnoten sind jünger. Wie beim 
Kataloge der Bischöfe hat auch hier der Verfasser Einiges in 
den Zeilen nachträglich gebessert: eine Zahl angeftigt, ein Wort 
(Fol. 11**: ,Ottonis') eingeschoben: ,qui successerat Hermanne' 
(ibid.) u. dgl. 

Die kleinste Schrift, die in dem Kataloge der Bischöfe 
einige Male vorkommt, fehlt hier. EJs ist derselbe Schreibe 
wie dort, der den eigentlichen Text in kalligraphischer Form 
schreibt und in kleinerer Schrift später einige Zusätze an- 



377 

fhgt^ Bedeutender sind diese im Kataloge der Herzoge von 
Oesterreich: 

Fol. 15**: ,Licet legatur, quod anno domini 920 Leupoldus pri- 
mus ibi marchio fuerit post Rugerum de Preclara, 
sed qui vel quot ante hos vel post fiierint impe- 
ratores/ 

Fol. 16**: yCirca hec tempora monasterium Glunich est construc- 
tum anno domini 1123 a Prnnone nobili. Et Otta- 
cherus marchio dedit ei Privilegium Chaesaw, quod 
a Babenberch habuit, ubi Chremsmunster dederat 
aliud antea episcopus ßabenbergensis Otto II, quod 
eonfirmavit Ekbertus anno domini 1237.* 

Fol. 17': ,Cirea hec tempora, scilicet anno domini 1190, Otto 11 
episcopus Babenbergensis construxit hospitale in 
Pimo monte, cuius presbiterum instituere debent 
abbas Admontensis, Glunicensis, Gerstensis et pre- 
positus s. Floriani, ut videtur in privilegio.' 
Jtem Ottacherus marchio dedit monasterio in Glunich 
villam Tudich, quam ab episcopo Pataviensi in 
feodo habuit, sed pro ea postea Leupoldus dux, 
avus Friderici ducis, dedit eis ecclesiam Tudich a. 
1201 sub Steveno abbate successore Marquardi post 
Ulricum abbatis in Glunich.' 

Fol. 17**: ,l8te Ottacherus occiditur anno domini 1278.' 

Die Note Fol. 15** in marg.: ,sciHcet de Vohburch' ist in 
der gewöhnlichen Textschrift geschrieben. In der kleineren 
Schrift findet sich dann noch eine Anzahl von kleineren Nach- 
trägen: 1042 ist zu ,Albertus marchio' die Ziffer über die Zeile 
geschrieben, zu 1050 ist vor ,Leo' das ,et' nachgetragen, zu 
,Emestus' die Ziffer IV (105*>). 

Fol. 16: Zu ,Leopoldus 11' ist ,vel Leutoldus' am Rande 
nachgetragen, ebenso die Ziffer VI bei ,Leopold VT'; ,dictus 
est largus'; das letzte Wort ist gestrichen und ,pius' darüber 
geschrieben. 

Fol. 16^ zu 1106 . . . jLeupoldus' steht am Rande ,pius', 
zu ,Heinrici V regis' findet sich am Rande: ,per quam plures 



* Von anderer Hand sind die Randnoten Fol. 13* und 13»». 



378 

filios generavit^ 1136 ist zu ,Leopoldus* über der Zeile jlargus' 
und ,Vn' angefügt, ebenso 1142 zu ,Heinricus': ,Vni marchio^ 
zu ^filius Leupoldi^: ,largi^ 

Bei 1177 ist zu ,Udalrico' die Ziffer HI hinzugefiigt, dann 
am Rande zu ,Ottacherus': ,111^ und ,Et comites de Rebgaew 
Viehtwang etc. legaverunt^ 

Fol. 17. Jtem dictus est': ,eciam^ 

Denselben Schriftgebrauch finden wir in den folgenden 
Stücken: ,De kathalogo abbatum' (Fol. 19' — 32% wo mit den 
Worten: ,Huic successit Fridericus iuvenis quidam etate' [ab- 
gesehen von den gar späteren Randnoten des 17. Jahrhunderts 
und einem Stücke auf Fol. 18 von 1386J zum ersten Male 
eine andere Hand^ die der ersten zeitlich sehr nahesteht), 
dann in dem letzten Stücke, der ,Historia de fundaeione' 
(Fol. 45' — 60'). In allen haben wir drei Arten von Schriften: 

1. die grosse, sehr zierlich gehaltene Hauptschrift 

2. die kleinere, in der die meisten Zusätze angefügt 
wurden, und 3. eine noch feinere, in der sich ein- 
zelne Bemerkungen und Noten finden. 

Von derselben Hand, welche die Hauptschrift geschrie- 
ben, rühren in diesem Codex noch her: 

Fol. 61' — 62**: ,Epistola (Cassinensium) de consuetudine rega- 

lari.' 

Fol. 63'— 64**: ,Decretales pro ecclesia Chremsmunstrensi.' 

Fol. 64*": ,Epistola de cessione abbacie.' 

Fol. 65' — 79': ,De dignitate ecclesie Laureacensis (chartae Sym- 

machi, Agapiti, Eugenii, Leonis V, Benedicti etc., 
d. h. die bekannten Lorcher Fälschungen). 

Auch die Schrift, in der die beiden folgenden Stücke ge- 
schrieben sind, weist mit der in den vorhergehenden Theilen 
eine gewisse Aehnlichkeit auf: 

Fol. 85'— 96^ ,De sancto Agapito' (siehe Anhang Nr. 2). 
Fol. 97' — 104': ,Sermo de sancto Agapito.' 

Die folgenden Regulae Fol. 105 — 139*' sind von einer 
anderen Hand. Derselben Hand scheinen dagegen wieder an- 
zugehören: 



379 

Fol. 141 ■— 146**: ^Constitutiones monachales/ 
Fol. Ue*»— 150»*: Synodalbeschlüsse. 

Die folgenden Stücke stammen wieder von einer anderen 
Hand her: 

Fol. 151 —181*: ,Constitutiones. Vita s. Cholomanni' etc. 

Fol. 182-— 183\- Legenden. 

Fol. 184*—185*: ,De sancto Udalrico.' 

b) Der Cod. 610 der Wiener Hofbibliothek (die Kataloge der 
Pasianer Bischöfe, der bairischen Herzoge und der Aebte von 

Kremsmüniter). 

Es kann sich hier nicht darum handeln, den vielen Be- 
schreibungen dieses Codex eine neue anzuftLgen, denn wenn es 
hier um eine einfache Beschreibung zu thun wäre, könnte das 
zur Noth genügen, was die ,Tabb. codd. manuscr. . . .' in 
»Bibliotheca Vindobonensi' (I, 106) sagen. Die folgende Be- 
schreibung soll aber, mit dem zusammengehalten, was sich 
unten in dem Abschnitte über den ersten Abtskatalog und sei- 
nen Verfasser findet, über die Art und Weise, wie der Gross- 
kellermeister Sigmar gearbeitet hat, einiges Licht verbreiten. 
Die Handschrift wurde in Kremsmünster angelegt und gehörte 
dem Stifte an. Darüber, wie sie nach Wien gekommen, ist 
dort nichts bekannt. Sie enthält auf Fol. 1' — 15' Einhards 
,Leben Karls des Grossen', Fol. 15* — 56*" dessen Annalen und 
die , Annales Laurissenses', Fol. 56*— 8 P den ,Monachus San- 
gallensis: Caroli Magni vita et facta^ 

Ob diese Handschrift mit jener identisch ist, deren im 
zweiten Abtskataloge Erwähnung gethan wird, ist zweifelhaft, 
doch immerhin möglich. Dort heisst es: ,Item de libris chroni- 
cis chronicam Martini, cui conscripta sunt gesta Karoli Magni.* 
Dann wäre freilich der Ausdruck ,cui „conscripta" sunt* nicht 
gut gebraucht, denn mit diesem beginnt der Codex, wie er 
jetzt vorliegt. Auf die ,Chronica Martini* könnte immerhin die 
Papstreihe fixhren, die in derselben Handschrift unter den 
Arbeiten Sigmars steht und von Anacletus bis auf Adrian 
reicht. Wahrscheinlicher aber ist es doch, dass sie beim Zu- 
sammenbinden der einzelnen Schriften, das später stattfinden 
mochte, nicht mehr zu der ,Vita Karoli* gegeben wurde. 

ArchiT. LXXXI. Bd. U. U&lfte. 26 



380 

Der Cod. 610 gehört zu der Reihe jener, die unter dem 
Abte Friedrich in Kremsmünster geschrieben worden sind. Sich 
mit der Geschichte Karls des Grossen zu befassen, hatte da- 
mals ausser dem streng literarischen noch einen besonderen 
Zweck. Man besass aus dieser Zeit Urkunden, und was das 
Wichtigste war, in diese Zeit fiült die Gründung des Klosters. 
Man erhielt eine und die andere Auskunft über Baiem and 
seinen Herzog, den Stifter von Kremsmünster. Die ganze Ein- 
richtung mahnt, wie man der Beilage Nr. 1 im Vergleiche zu 
der zweiten entnimmt, an die Handschrift 401. Hier wie dort 
dasselbe Format, hier wie dort jedes Pei^amentblatt in vier 
Columnen getheilt u. s. w. 

E^n Blick auf die unten folgenden Tafeln I und 11 lehrt 
dass in beiden Handschriften eine und dieselbe Hand thsäg 
gewesen. Freilich bei einem nur flüchtigen Anblicke der leti- 
ten Theile von 610 könnte man meinen, es sei dort eine grö» 
sere Zahl von Händen nachzuweisen. Sicher ist, dass wir jene 
Hand aus 401 hier wieder finden, die wir dort die Texthind 
genannt haben. Sie erscheint auf den unten folgenden Tafdn 
I und H, von denen jene aus 610, diese aus 401 stammt 

Aber auch die beiden anderen kleineren Schriftarten sehen 
wir hier wieder, jene, die wir oben mit b und c bezeichne 
haben. Sie erscheinen hier, um so wie dort kleine Verbesseron- 
gen vorzunehmen, Zahlen anzuftlgen oder Hinweisungszeichen 
anzubringen. Wichtiger als die ersten Theile des Codex, die 
von einer anderen Hand geschrieben sein dürften und bei 
denen nur die Nachträge von der Hand b herrühren, sind ftr 
uns die letzten Blätter mit jenen Aufzeichnungen, die mit der 
Geschichte Kremsmünsters selbst in einer näheren oder ent 
femteren Verbindung stehen. Sie reichen von Fol. 82* bis 9? 
und enthalten: Fol. 82* — 83*" den ,Catal<^s episcoporum Pat»- 
viensium'; Fol. 84* — 86* den ,Catalogu8 ducum Bavarie^; Fol. 86^ 
ist leer; Fol 87*— 88* ,Catalogus Pataviensium episcoporum: 
Cum sacrosancta — dant Coronas' (Loserth, Geschichtsquellen, 
S. 12—14, Zeile 12 von oben); Fol. 88*» eine Columne leer; 
Fol. 88** — 89* eine Colunme ,Nunc restat videre — vacoavit^: 
Fol. 89^—90*» ,Sequitur videre — defecerunt'; Fol. 91* leer; 
Fol. 9P— 95' ,Catalogus abbatum Cremifanensium'; Fol. 96' 
bis 97' ,Catalogus paparum ab Anacleto nsque ad an- 
num 777^ 



381 

Diese Listen wurden zu einer Zeit angelegt,* die sich 
heute noch bestimmen lässt. Fol. 83 ist ,Wemhardus' genannt 
mit dem Jahre 1284. Nach diesem Jahre wurde die Liste 
geschrieben. Die folgenden Worte ,sedit usque ad aonum 1313 
et centenarius obiit et vacavit sedes' sind später hinzugefügt 
worden und gehören demnach nicht in diese Rechnung. Da- 
gegen Fol. 86': 1231 ,Ludwicus dux Bawarie XXXIX anno 
sui ducatus presente familia sua a quodam ignoto cultro per- 
cossus apud Chelheim obiit', also 1270, ,cui successit filius eins 
dux Otto, qui lam ducatum Bawarie regit XXII annis', also 
1292, dann von derselben Hand in rother Tinte: ,Otto'; dar- 
unter: ,Heinricus*; darunter: ,Otto et Ste(phanus) iam, scilicet 
anno 1301.' Ebenso deutUch lässt sich die Sache aus der 
AbtsHste ermitteln. Bei dem letzten Abte Friedrich stehen 
voran die Jahre 1270 (was allerdings nicht zutrefiFend ist, 
daher sich auch Spuren einer Correctur daselbst finden), dann 
schrieb er dazu ,XXVIin', hat aber in Erwägung, dass der 
Abt ja weiter regiert, die Zahl gestrichen und drei römische 
Zehner sammt einem genügenden freien Raum zur NachfUllung 
angefugt. Wenn man die ursprüngliche Zahl 29 zu 1270 
addirt, so erreicht man auch wieder jenes Jahr, in welchem 
die Inventarisirungsarbeiten in Kremsmünster noch im besten 
Zuge sind. 

Diese Listen blieben im Gebrauche, bis sie durch bessere 
abgelöst wurden. Das war sicher vor 1313 noch nicht der 
Fall; die Hand, die den sonstigen Text geschrieben, fügt am 
Schlüsse der Bischofsreihe, wohl gleichzeitig mit dem genann 
Jahre, an: ,sedit usque ad annum domini 1313 et centenarius 
obiit et vacavit sedes^ 

Wer diese Listen des Cod. 610 sieht, findet sofort, dass 
ihnen jene des Cod. 401 in Kremsmünster nachgebildet sind. 
Auch hier dieselben leeren Räume für spätere Nachträge, auch 
hier dieselbe Art der Eintragung in den Linien, über den 
Linien, am oberen, unteren und den Seitenrändem, in einer 



' Ich mochte durch das WOrtchen ,angfelegt* nicht wieder ein Hissver- 
standniss hervorrufen und bemerke der Darstellung von Waitz gegen- 
über, dass ich 1871 so wenig wie heute daran gedacht habe, dass diese 
Bischöfe- und Herzogslisten ursprünglich in Kremsmünster angelegt wur- 
den. Siehe Waitz, Sigmar und Bernhard von Kremsmünster. Forschun- 
gen zur deutschen Geschichte XX, S. 606. 

26* 



382 

Schriftgrösse, die sich ganz nach der Grösse des znr Ver- 
fligung stehenden Raumes richtet.^ 

c) Der Cod. 375 der Wiener Hofbibliothek (Anctarium Cremifi- 
neni e). Einige Bemerkungen über den Schriftcharakter der urbar- 

bncher, des Todtenbnches n. A. 

Dieser Codex ist im Jahre 1142 angelegt worden: ,Hoc 
anno über iste scriptus est',* liest man zu diesem Jahre, und 
in den Noten zum Abtskataloge wird beim Äbte Adelbert an- 
gefügt: ,Item annalis cronica est scripta, quc apud nos habe- 
tur/^ Wie es scheint, wurde er bei der grossen Inventari- 
sirung, die unter Friedrich von Aich stattfand, einer genauen 
Untersuchung unterzogen. Dahin zielen Notizen, wie Fol. 5^ 
,Reliqua require, ubi positum est infra huiusmodi Signum X^; 
und darunter: ,deest unus arcus scilicet duo folia ab anno 54 
usque ad annum 74^ Der Codex, den schon Wattenbach vor 
42 Jahren beschrieben hat,* enthält eine Fülle von Nach- 
trägen, Besserungen und Hinweisungen, die alle von der Hand 
herrühren, welche wir bereits aus den Codices Kremsmünster 
401 und Wien 610 kennen, denn dass die meisten dieser dem 
14. Jahrhunderte angehörigen Nachträge einer Hand zuzu- 
weisen sind, hat schon Wattenbach bemerkt: ,Per totum codi- 
cem sparsae sunt adnotationes de rebus Cremifanensibus et 
Pataviensibus, quas primo intuitu a diversis seculi XIV scripto- 
ribus venisse putabam. Sed cum singulas discemere conarer, 
frustrata opera eo deductus sum, ut paucis quibusdam exceptis 
cetera omnia ab eodem scripta esse existimem sed modo festi- 
nanti calamo modo accurate, quo tanquam vetustiorum anna- 
lium pars apparerent' An diese letzte Bemerkung möchte ich 
gleich eine Beobachtung anfügen, die man in dem Codex 
machen kann. Der Schreiber bildet ältere Zeichen, die er in 
diesem Codex findet, nach. Im Cod. 375 findet sich in der 
älteren Schrift jenes eigenthümliche U, das dem Y sehr ähn- 
lich sieht,*^ z. B. Fol. 13*: ,Yolusianus'; Fol. 4»: ,Ye8pasianu8^ 



' Näheres hierüber siehe unten § 8 : ,Der Abtskatalog und sein Verfasser/ 

• Cod. 376, Fol. 68»». 

' Loserth, Geschichtsquellen von Kremsmttnster, S. 23. 

* Mon. Germ. Hist Script IX, p. 481. 

^ Leider fanden sich keine Lettern fUr dieses und die niichsten Zeichen 
vor. Das U, dem Y ähnlich, hat den ersten Theibtrich anagebogen, der 



383 

In einer Schrift des 12. Jahrhunderts finden wir das natür- 
lich; nicht so in einer des 14. Jahrhunderts. Man findet aber 
von der Hand^ welche in 375 die Nachträge einzeichnet^ im 
Cod. 610 genau so das U, Fol. 9P: XC)Ym' u. s. w. Nicht 
anders steht es mit dem Buchstaben E; er benützt die dem 
12. Jahrhunderte angehörige Form E mit Vorliebe, z. B. Fol. 90*": 
E in ,Engelbertus^ Von hier scheint er auch das eigenthüm- 
liche 2d, das einen Haken an der Seite trägt, genommen zu 
haben. Ich habe dies Zeichen allerdings sowohl in Urkunden, 
als auch in Bücherhandschriften gefunden, z. B. in der Qrazer 
Handschrift des Magnus von Reichersperg zum Jahre 1251; 
Fol. 92**: ,Haertwicus'; ebenso in einer und der anderen Ur- 
kunde selbst noch vom Ende des 13. Jahrhunderts, ja sogar 
noch in einer vom Jahre 1367. Aber dieses Vorkommen ist 
im Anfange des 14. Jahrhunderts schon sehr vereinzelt, dann 
erscheint es meistens in deutschen Wörtern, um den Umlaut 
zu bezeichnen. Hier finden wir es nicht blos im Cod. 610, 
sondern auch in allen bisher besprochenen Handschriften, man 
kann sagen mit Vorliebe, oft mit einer gewissen zur Manierirt- 
heit werdenden Aufdringlichkeit (siehe Waitz, Mon. Germ. Hist. 
Script. XXV, Taf. IV, und Achleuthner, Das älteste Urbarium 
von Kremsmünster, Beilage Taf. I). Sollte der Schreiber es 
nicht aus Cod. 375 genommen haben, wo es auf mancher Seite 
viermal angewendet wird? Fol. 44**: ,H8ßinricus rex Boemiam 
petit.^ 932: ,H»inricus Abodritarum et Nordmannorum regem 
christianos efifecit' u. s. w. Er wendet es noch in demselben 
Cod. 375 an. 979: ,Sanctus Wolfkangus episcopus claruit Ratis- 
pone et Haertwicus Salzpurge'; Fol. 49**: ,mansus in Wachaein'; 
Fol. 52**: ,Sanctus Berchtoldus Gaerstensis primus abbas claruit*. 
Es scheint also wie bei U, E und einzelnen anderen Zeichen 
ein Archaismus zu sein, dem er huldigt. Wir können dies 
Streben auch im Todtenbuche von Kremsmünster finden. Auch 
dort sind einzelne Namen mit Buchstaben, die denen einer 
älteren Zeit nachgebildet sind, geschrieben. 

Dieser Schreiber zeichnet nun im Cod. 375 mit Vorliebe 
schon für die ältesten Zeiten jene Dinge ein, die auf Krems- 
münster irgendwelchen Bezug haben, z. B. zum Jahre 164: 



zweite Theil biegt sich weit unter dem ersten fort Das E, hie und da 
in der Mitte eingebogen, hat oben an der Schleife einen scharfen Abstrich. 



384 

^Quarta persecucio christianoram orta est^; dazu: ,in qua et 
Agapitus puer quindennis apud Prenestinam martyrio corona- 
tur/ Mit 249 beginnt er auch hier wie in 610 mit dem Kaiser 
Philippus und seinem Sohne die fabelhafte Geschichte der 
Lorcher Erzbischöfe: ,Is Philippus cesar Pannonie superioris 
fuit et inferioris ac Mesiarum, qui archiepiscopatum Laureacen- 
sem exaltavit . . / oder 268: ,Eucherius Laureacensis archiepi- 
scopus sedit; qui concilio Sardicensi interfuit* u. s. w.^ 

Mit 508 greift er die Geschichte der Baiem auf und fägt 
die wichtigsten Daten in ihrer bekannten fabelhaften Gewan- 
dung an, Alles Dinge, die wir in den Noten des Cod. 610 und 
im Texte von 401 wiederfinden. Die Schrift ist, wie schon 
Wattenbach bemerkt hat, nicht überall gleichmässig: an eini- 
gen Stellen, so namentlich Fol. 26, ist sie von ausserordent- 
licher Schönheit, an anderen Stellen flüchtiger und kleiner, 
ganz so, wie wir dies aus den beiden genannten Handschriften 
kennen. Auch hier finden wir jene drei Schriftarten wieder, 
die wir dort als Textschrift, als Schrift b und c, bezeichnet 
haben, auch hier sehen wir die eigenthümlichen Zeichen i 
und n in der feinen Schrift von c, von denen auch hier das 
erstgenannte nicht ,obiit' heisst, sondern eine allgemeine Ver- 
weisung andeutet. Schon Wattenbach hat in dem Schreiber 
jenen Mann gesehen, der den Cod. 610 mit seinen Glossen vct- 
sehen hat. Er hätte noch hinzuftigen können, der alle die auf 
Eremsmünster bezüglichen Theile dieser Handschrift geschrie- 
ben hat. 

Man kann aber noch weiter gehen und sagen: Die bei- 
den Exemplare des ,Liber possessionum' und des ,Liber privi- 
legiorum' sind von einer und derselben Hand geschrieben, und 
zwar ist es dieselbe Hand, welche wir im Cod. 610 und 375 
der Wiener Hofbibliothek und 401 in Kremsmünster geftmden 

^ Der Schreiber prunkt an vielen Stellen mit seinen chronolo^scli«& 
Kenntnissen, so z. B. wenn er an einer Stelle sagt, dass die Jahre der 
Zeitrechnung nicht stimmen: ,ad annum 268; nota quod anui poutifica- 
tus Lini et Cleti, scilicet 22 in ordine successivo ponuntur, et propterea 
est hie error. Ponatur ergo primo loco post s. Petrum pontificatus s. Gie- 
men tis aut solius aut M. (sie! medii?) et tercii, et sie concordabit paasio 
Thebeorum tempore imperatoris s. Diodeciani et apostoUci MaroelUni, qui 
occiditur et Marcellns succedit post Eusebium, inde Melciades* etc. Ebenso 
Fol. 34^: ,Nou ooncordant cronice in temporibus pape Sergii et impera- 
toris.* 



385 

haben. Auch im ,Liber possessionum' und ^privilegiorum^ finden 
wir dasselbe Verhältniss der drei Schriftarten. Der einzige 
Unterschied ist der^ dass jene Schrift^ die wir die Textschrift 
genannt haben^ im Codex Fridericianus entsprechend der be- 
deutenden Grösse des Codex etwas grösser genonmien wurde. 
Am grössten ist sie im Codex Fridericianus A^ kleiner in B^ 
noch etwaS; wenn auch unbedeutend, kleiner im Cod. 401, 
dann in 375 und 610. Auch hier hat dieselbe Hand sich in 
dreifacher Weise bemerkbar gemacht: in der Schrift des Textes 
nnd der kleineren Schrift der Nachträge, die, wenn es sehr an 
Raum mangelte, noch etwas verjüngt wurde. Die Textschrift 
unterscheidet sich von der Schrift der sogenannten Pracht- 
werke aus der Zeit Friedrichs von Aich zunächst dadurch, 
dass die Schäfte alle noch ungebrochen sind, selbst im Fride- 
ricianus A, wo man wegen der Grösse des Codex imd dem- 
entsprechend der Grösse der Schrift bereits eine reine (soge- 
nannte) Gothik erwarten sollte; nicht einmal die Neigung dazu 
ist vorhanden. Dagegen findet sich die Ligatur von a und e 
in auffallender Weise, in Worten, wo man dies nicht vermuthen 
sollte, und so gehäuft, dass man auch hier sagen darf, es ist 
Manier eines Schreibers geworden. Dass diese Ligatur nicht 
immer auf den Umlaut deutet, sieht man aus Wörtern wie 
Erlsch, -^mperg, gmeinier, pCßi u. s. w. Und wie im Cod. 401 
so auch hier: man findet diese manierirte Form nicht blos in 
der sogenannten Textschrift, sondern auch in der Schrift b, ja 
selbst in der ausserordentlich feinen Schrift c. Fol. 6P: Schön- 
beikeben. Dasselbe ist mit dem eigenthümlichen d, mit dem 
eigenartig gebrauchten Zeichen flir ,con* ^ u. A. der Fall. Man 
wird festzuhalten haben, dass auch hier die grosse, mittlere 
und kleine Schrift von einer, einzigen Hand herrührt. Der 
mittleren (b) begegnen wir noch in vielen anderen Krems- 
münsterer Handschriften. Wer auch immer der Schreiber ge- 
wesen, die meisten der unter dem Abte Friedrich in ein Ver- 
zeichniss aufgenommenen Handschriften sind durch seine Hände 
gegangen und enthalten Spuren von ihm. 

Auch im Todtenbuche finden wir die Züge von b wieder. 
Diese Hand hat zunächst die Worte: ,(Iste über) est (ecclesie) 
$(ancti) Agapiti m(onasterii) in Chremsmunster^ geschrieben. 



' Es hat stets unten einen Haken angefügt. 



386 

Auch hier finden wir die oben angeführten charakteristischen 
Merkmale wieder^ und zwar nicht blos in der Schrift b, son- 
dern auch in c. 

In *der mittleren Schrift b sind z. B. die oben (S. 363) 
erwähnten Actenstticke geschrieben, in denen die Trauerfeier 
flir die abgestorbenen Mönche von Kremsmünster geregelt wird. 

Ueber jene Handschriften, in denen sich die Schrift b 
findet, werden zunächst noch einige Andeutungen zu machen 
sein. Man wird aus ihnen entnehmen: der Mann, dem 
diese Schrift angehörte, muss an der Feststellung der 
Eigenthums- und Rechtsverhältnisse des Stiftes mehr 
als irgend ein Anderer mitgearbeitet haben. 

§ 6. Die Ordnung der Bibliothek von Kremsmflnster 
unter dem Abte Friedrich von Aich. 

Dieselbe Sorgfalt, die der Abt Friedrich von Aich dem 
liegenden Besitze zuwandte, brachte er auch den beweglichen 
Besitzthümern entgegen. Die Bibliothek wurde nicht nur reich 
vermehrt, sondern es wurde auch Sorge getragen, dass die 
vorhandenen Bücher einer genauen Durchsicht unterzogen wer- 
den. Auf jedem Buche wurde an der Spitze eine Note an- 
gebracht, die das Eigenthumsrecht des Stiftes bekundete. Man 
suchte alle theologischen Schriften zusammen, also die Schriften 
des heil. Augustinus, Ambrosius, Hieronymus, Origenes, Cyprian, 
Bemhardus, die biblischen, liturgischen und homiletischen Schrif- 
ten, die Passionsbüchcr und Legenden, die exegetischen Schriften 
berühmter Doctoren, Bücher juridischen Inhalts, philosophische 
Arbeiten, Studien aus der Astrologie, Arithmetik, Geometrie, 
Physik, Musik, Rhetorik, aus der Medicin, endlich die histori- 
schen Schriften. Es sollte nicht blos ein summarisches Ver- 
zeichniss angelegt, sondern vielmehr jede einzelne Schrift auf- 
gezeichnet werden, wozu es leider nicht mehr gekommen ist. 
Daher finden sich an jenen Stellen, wo der Schriften der einzel- 
nen Verfasser gedacht wird, im Abtskatalogc so grosse Lücken: 
,Item de libris Augustini^, folgen 13 leere Zeilen; ,Item de libris 
Gregorii', folgen llVj leere Zeilen; ,Item de libris Ambrosü*, 
8V2 leere Zeilen; ,Item de libris Hieronymi', 9^8 leere Zeilen; 
,Item de libris Origenis', 10 leere Zeilen; ,Item de libris Cypriani*, 
8, ,Item de libris Bernhardi', 10 leere Zeilen, und so geht es 



387 

bei allen jenen Schriften, die nur summarisch genannt sind. 
Dass freilich der leergebliebene Raum hingereicht hätte, um 
alle die Bücher einzutragen, die man von einem Autor besass, 
möchten wir biDig bezweifeln. Die Worte, die das Besitzrecht 
des Klosters wahren sollten, lauten zumeist: ,Iste liber est ec- 
clesie sancti Agapiti monasterii in Chremsmunster.' ^ Von den 
im Abtskataloge angeführten Werken ist zum Glück noch ein 
grosser, vielleicht der grössere Theil bis zu dieser Stunde vor- 
handen. Es finden sich beispielshalber noch die Schriften vor, 
die der Arzt Wernher dem Kloster geschenkt hat, und von 
denen es im Kataloge der Aebte heisst: ,Item de libris medi- 
cinalibus, quos frater Wernbenis medicus dereliquit, scilicet . . .^ 
Ebenso der ,Liber passionum et legendarum',* die ,Sermones^,^ 
die ,Summa Sentenciarum Petri^ dann Manches aus den ,Libris 
metricis seu rythmicis^^ 

Nicht wenige von den so erhaltenen Codices erinnern 
noch heute an die Arbeiten der von dem Abte Friedrich ein- 
gesetzten Commission, und die Art, wie das der Fall ist, ist 
bezeichnend genug. Heben wir beispielshalber den Cod. 27 
heraus.^ In einem seiner ältesten Stücke findet sich ein Ver- 
zeichniss der Schriften des heil. Augustinus: ,Incipit indicium 
librorum sancti Augustini episcopi a Possidio episcopo composi- 



' Das ist z. B. beim Todtenbuche, dem unteu zu besprechenden Cod. 27 
und vielen anderen Bücliern der Fall. 

* Er enthält die J^assio s. Thome episcopi et raartyris, sanctorum Macha- 
beorum', die ,Gesta vel passio sancti Leodegarii episcopi et confessoris*, 
die ,Pas8io sanctorum martynim Kiliani et sociorum eiusS die ,Vita 
sancti Barcbardi confessoris^ die ,Passio s. Christophori' etc. 

^ Gemeint sind zunächst die Codd. 14 und 280. 

* ^ntencie PetriS Fol. 27 »> . 

* Von den hieher geh(5rigen Schriften habe ich bei der Kürze der mir zur 
Verfügung' stehenden Zeit nur Einzelnes durchnehmen können. Es findet 
sich eine Schrift mit dem Anfange: ,Incipit rithmus de meditacione per 
Septem horas* mit Randbemerkungen, die ganz der Zeit Friedrichs von 
Aich angehören und von der Hand herrühren, die auch die Schriften 
des sogenannten Bemardus Noricus mit Randglossen versehen hat, dann 
,Incipit quidam dialogus anime et corporis hominis morientis.' Egidius, 
Cod. 280. 

* Wie er heute vorliegt, bestand er 1300 nicht; heute sind noch einige 
jüngere Schriften angefügt, auf denen sich natürlich von den oben er- 
wähnten Randnoten nichts finden kann. 



388 

tum/ Da heisst es bei dem Werke ,De utilitate credendi^: 
,habemu8*. Dieses ,habemu8' ist von der Hand geschrieben, der 
die mittelgrossen Randnoten des sogenannten Bemardus-Codex 
angehören. Und so Uest man zu ^Sohloquiorum Ubri IP: fhabe- 
mu8*; ,De agone Christiane^ : ,hahemus^; ,De sermone evan- 
geUi in Monte': ,hahemu8'; ,De In principio erat verbum, col- 
latio': ,habemu8'; ,Item de doctrina christiana Ubri quataor': 
,Quorum unum habemus'; ^Confessionum libri XIII^: ,Haec hohe- 
mu8*; ,De opere monachorum': ,habemtL8^; ,De virginitate lib. T: 
,habemu8^; ,De bono coniugali lib. I': ,habemvs\ ZaVl dem Satze: 
yQuatemio unus quem propria manu s. Augustinus episcopos 
iniciavit' befand sich eine Note, d\p aber nun zum grossen 
Theile verkratzt ist. ,De praesencia Dei': ,habemu8'; ^Psalmo- 
rum exposicio a primo a primo usque tricesimum secundum': 
,Habemu8 omne8 in quatuor voluminibu8*,^ 

Dieselbe Hand findet sich in gleicher Weise auf dem 
ersten Blatte desselben Codex: ,Incipit prologus sancti Augu- 
stini episcopi in Ubrum qui dicitur Encheridion ad Lauren- 
cium/ Am unteren Rande stand eine Note, von der man nur 
noch Spuren findet. 

Fol. 2: jExplicit prologus. Incipit Über Encheridion sancti 
Augustini.' Der ganze Tractat enthält feine Randnoten der- 
selben Hand, dann Hinweisungszeichen, wie wir sie genau so 
auf den ersten Blättern des sogenannten Bemardus Noricus 
finden. Beliebt ist besonders das Zeichen ♦ oder N = notÄ, 
oft sehr verzogen. Dieselben Zeichen finden sich in einer 
demselben beigebundenen Schrift des Peti'us Damiani. Zu zwei 
Bullen Gregors VII. schrieb dieselbe Hand folgende Noten: 
,Nota (nicht ganz zu lesen, da das Blatt am Rande zu stark 
beschnitten ist): Iste Gregorius VII (auch hier die Gewohn- 
heit, die Ziffern über die Namen zu schreiben) papa . . . ö 
dictus fiiit Hiltprandus . . . prior Gluniacensis et (a)po8tolice 
sedis legatus. In d. LXXXHI Si quis fornicarius' etc. bis ,ab 



' Eine Anmerkung zu ,ad Valerium de uupciis* ist nun verwischt Sonst 
finden sich noch solche Anmerkungen zu: ^x evang^lio lohannis: Non 
potest filius facere quicquam etc. Ex eodem lohanne: Pater enim dili* 
git filium. De Trinitate. De In principio. De lohanne Baptista. De 
decem virginibus. Probe, de orando. luliaue, de sancta individuitate. 
lugum meura suave,* und noch bei einer weiteren Anzahl von Wer- 
ken, die wir hier übergehen können. 



389 

officio suspendatur/ ^ Weiter anten: ,Hic G. vivus et mortuus 
. . . miraculis gloriosus/ 

An die Arbeiten dieser Commission erinnern die Codices 
XIV, VII, XXIV, CCLXXX, XXXn, LXX u. a. Immer ist 
es der genannte Schreiber, der sich bemerklich macht. Im 
Cod. XIV hat er dreimal die Worte eingeschrieben: ,Iste Über 
est sancti Agapiti martyris in Chremsmunster.' Von derselben 
Hand finden sich im Cod. VII die Worte: ,Ea que continentor 
in hoc volumine, reperies adnotata post hunc quaternum.^ Die- 
selbe Hand schreibt im Cod. XXIV: ,Incipit dialogus beati 
Gregorii pape.^ Liber primus, Fol. 3: ,De sancto Libertino^; 
Fol. 11': ,Nota hec exempla^ Fol. 59 hat er ein dem Jahre 
1314 angehörendes Ereigniss, die Geschichte einer Frau Gisila, 
die den Heiland im Sacramente sah, angemerkt. Eine längere 
Note findet sich Fol. 77"* und so noch öfter. Es ist die Hand, 
die sich auf der von Waitz seiner Ausgabe des Bernardus 
Noricus beigegebenen Tafel (Mon. Germ. Hist. Script. XXV, 
Tab. rV, Mitte links) und noch besser auf der zweiten Tafel 
der Achleuthner'schen Ausgabe des ältesten Urbariums rechts 
am Rande findet. Von dieser Hand finden sich Noten im 
Cod. CCLXXX. Cod. XXXH trägt wieder an der Spitze die 
Worte: ,Istc liber est sancti Agapiti in Chremsmunster. Incipit 
exposicio beati leronymi super Ecclesiasten,' auf dem letzten 
Blatte die Zeilen: ,Hic liber continet ista: Primo exposicionem 
beati leronymi super Ecclesiasten. Item exposicionem Albini 
super eundem. Item exposicionem Wilrammi super Cant. Cant.' 
Von den Schriften des obengenannten Physikers Wemher findet 
sich Einzelnes im Cod. LXX. Von der genannten Hand stam- 
men die Worte her: ,Sancti Spiritus assit nobis gracia. Wem- 
herus. Liber sancti Agapiti monasterii in Chremsmunster.^ Eben- 
so an der Spitze des beigebundenen ,Barbarismus Donati gram- 
matici^: ,Iste est liber s. Agapiti m. . . .^ Und so finden wir 
diese Hand des sogenannten Bernardus Noricus in vielen Codices, 
entweder um das Eigenthumsrecht festzustellen, oder um hie 
und da auch zu corrigiren und zu commentiren. Gewiss ist es 
wichtig, dass alle diese Bücher solche sind, die im Kataloge der 



' Auf der folgfendeu Seite: ,S. 6. in d(istinccione) : Consentire videtar, qai 
ad reAecanda que corri^ debent, non sucurrit' Und so auch auf der 
nüchsteu Seite. 



Aebte aufgezählt werden. Sie sind alle durch die Hände dieses 
Schreibers gegangen, der offenbar ein Inventar aufnahm, eine 
Arbeit also verrichtete, die einen Theil der grossen orgsni- 
satoriBchen Thätigkeit des Abtes Friedrich von Aich bildete. 

§ 7. Zweck der Bisehofs- und Herzogsliste im Cod. 610. 

Wer die Bischofs- und Herzogsliste im Cod. 610 eber 
Betrachtung unterzieht, findet, auch wenn er die E^nleitas|: 
zur Abtsliste noch nicht gelesen hat, wo von ihrem Zwecke 
die Rede ist, diesen ohne ftfuhe heraus. Weder die Herzog 
noch die Bischofsliste enthalten etwas von EromsmUttsterer 
Sachen. Beide waren in KremsmUnster nicht entstanden, und 
dort, wo sie entstanden waren, hatte man keinen Grund, auf 
KremsmUnster sonderlich Bezug zu nehmen. Im Cod. 610 sind 
beide Listen, von geringen Zusätzen am Ende abgesehen, in 
einem Zuge geschrieben. Das ist bei der Äbtsliste nicht der 
Fall. Dort hat ein Autor lange — wohl einige Jahre — m 
thun gehabt, bis die Liste ihre jetzige Oestalt erhielt. Und 
das ist ja begreifhch. Die Bischofs- und Herzogsliste stand 
fest, den Abtskatalog hatte der Autor erst zu entwerfen, und 
um dies thun zu können, bedurfte es ausser den Urkunden 
des Archivs noch der beiden Listen; diese sollten ihm du 
QerUste bilden, mittelst dessen der Aufbau des Ahtskatalo?es 
erfolgen konnte 
um die ReihenJ 
zu bestimmen, 
seien: ,Qui di 
abbatum tempo 
nequaquam pei 
zu vollenden, : 
werden. Die 
bUchcr gaben 
In diesen Que 
Rede stehe ndei 
chronic! 8 ac ex 
Da EremsinUn: 
dem Bisthume 
engen Beziehut 
war, eine zien: 



391 

von Passauer Bischöfen ausgestellt waren, in vielen anderen 
auf die Passauer Bischöfe Bezug genommen wird, da man im 
Gebiete von Kremsmünster so viele Kirchen und in den Kirchen 
Altäre hatte, die von ihnen geweiht worden waren, da man 
endhch andererseits von Passauer Bischöfen auch gar vieles 
Ueble hatte erdulden müssen, so musste naturgemäss der 
Wunsch rege sein, eine Liste der Passauer Bischöfe zu haben, 
wie sie ja auch die meisten Klöster in Oesterreich schon be- 
sassen. Im 13. und 14. Jahrhunderte enthalten diese Listen 
oft schon die fabelhafte Herleitung des Passauer Bisthums von 
dem Loreher Erzbisthum. Man nahm eine solche Liste, die 
bis zum Jahre 1285 reichte und den Bischof Bernhard, der in 
diesem Jahre den bischöflichen Stuhl bestieg, noch enthielt. 
Sie enthielt nichts als Namen und Zahlen. So nahe es ge- 
legen wäre, ein und das andere Datum aus der Geschichte 
von Kremsmünster einzufllgen, wie etwa vielleicht Einiges aus 
der Geschichte des Bischofs Manegold, der doch zuvor Abt in 
Kremsmünster gewesen: es ist nichts davon angefügt worden. 
Es heisst einfach: ,1201 Manegoldus episcopus Patavie sedit 
sine pallio annos novem, menses tres.^ Ebenso findet sich über 
die Beziehungen des Bischofs Altmann zu Kremsmünster auch 
nicht die leiseste Andeutung. 

Im Besitze dieser Liste, konnte man die entsprechenden 
Angaben in den Privilegien, der Chronik u. s. w. näher er- 
läutern. Man schrieb bei den einzelnen Bischofsnamen zu, 
welche Privilegien er dem Kloster gegeben; solche Noten wur- 
den dem Bischöfe Regmar beigesetzt: ,Iste a. d. 1140 dedit 
claustro montem sancti Martini^; dann dem Bischöfe Theo bald: 
,forte propter violenciam quam intulerat Chremsmunster. Hie 
dedit nobis Chirchperch^; Wolfger: ,Hic dedicavit capellam 
sancti Michaelis in Chirchperch; hie cum duce Leupoldo . . . 
Jerusalem ivit^; Ulrich: ,Hic remisit steuram in Maatam et 
dedit de Puchel in Privilegium monasterio Chremsmunster, quod 
speciali iure nobis attinet'; Rüdiger; ,Hic commutavit Wjßiz- 
chirchen et dedit in Privilegium: Recognoscentes etc. . . .' 
(folgt eine Stelle aus dem Privilegium). Diese Notizen wur- 
den von derselben Hand nicht blos an den Rand dieser Liste, 
Bondem auch in die ,Chronica annalis' eingetragen. Und so 
war es auch bei der Herzogsliste. Der Gründer des Stiftes 
war ein Baiemherzog. Herzoge von Baiem hatten in der 



älteren Zeit ea re 
Herzoge genau zu 
Stelle liest man: 
auctoritaa fundato 
wann die einzelni 
genossen waren, 
Gleich bei Tassilo 
,Anno 777 monast 
Stelle: ,Priyilegiui 
habam Hall. Hu 
Qiutatns est pro : 
Heinrici filius Hei 
ab Horenbach se 
Herzogslieten koti 
mannigfacher We: 
das Gut Steinpoi 
tauschte. Wann 
dessen Zeit man < 

Man nahm 
der bis in die Mii 
man ihn in Kre 
Kataloge standen 
begannen mit 501 
die Einwanderung 

Da man ftlr 
so schrieb man i 
zum Papste Adria 
Reliquien des heil 
am Schlüsse uotei 
XCVin loco posi 
dux construxit no 
filium ab ipso pa| 
piti martyris ab e 

Doch wir s: 
Papstreihe wurde 
als bei dem Biscli 
Kataloge der Ael 
engsten Zusamme 
Toi^enommenen L 



393 



§ 8. Der erste Abtskatalog und sein Verfasser. 

Wir sind an dem Kernpunkte der ganzen Untersuchung 
angelangt. Viele haben bisher die Kremsmünster betreffenden 
Theile des Cod. 610 durchforscht, beschrieben, nachgebildet, 
aber wenn irgendwo, so darf man hier die Worte des Dichters 
sagen : 

,Icb weiz wol, ir ist vil gewesen, 
die von Tristande hftnt gelesen; 
nnd ist ir doch niht vil gewesen, 
die von im rehte haben gelesen/ ^ 

Und doch kann nur ein genaues Betrachten dieser Hand- 
schrift die Lösung aller einschlägigen Fragen bringen. Was 
enthält der Abtskatalog in 610? Nicht mehr als das, was zur 
Ordnung der Privilegien von Kremsmünster am unerlässlichsten 
war: die Jahre des Regierungsantrittes der einzelnen Aebte, 
deren Namen und die einzelnen Privilegien, die ihnen von 
geistlicher oder weltlicher Seite zutheil geworden. Einige Bei- 
spiele mögen das Gesagte verdeutlichen. Heben wir fönf in 
diesem Kataloge unmittelbar aufeinander folgende Aebte her- 
aus: Gerhart, Erchenbert, Pezelin, Dietrich und Alram. 

1040 ,Gerhardus. Huius tempore computate sunt omnes res 

ecclesie mobiles tam in libris quam in vestibus con- 

secratis.' * 
1050 ,Erchenbertus. Huius tempore datum est nobis privi- 

legium ab Heinrico imperatore de Schutzing et Diet- 

halming.^ 
1060 ,Pezelinus. Hie redemit locum ecclesie in Thalheim cum 

dote sua a quodam servo sancti Agapiti sub Albino 

advocato.^ 
1072 ,Dietricus. Huius tempore domino Altmanno episcopo con- 

firmante tradita est nobis ecclesia in Wartperch et 



* Gottfried, Tristan, 181. 

" Das Inventar fand man im Kloster, wo auch noch ein älteres im klei- 
neren ,Codex millenarins* nach dem Evangelium des heil. Matthäus auf- 
bewahrt wurde. Siehe Hagn, Das Wirken der Benedictinerabtei Krems- 
münster, 8. 27. Die genannten Inventare siehe in meiner Ausgabe, 
S. 67, 6S. 



394 

mansus in Wachaein et apud nos reformata est qne 
decreverat monastica disciplina/ 

1093 ,Alramus. Huius tempore scriptus est matutmalis über 
chori antiquus et datum est nobis Privilegium ... de 
Petenpach . . .^ 

Man sieht, es sind in erster Linie die Privilegien des 
Stiftes, aus denen der Verfasser die Kunde von den Aebten 
und deren Aufeinanderfolge gewinnt. Von vielen Aebten befend 
sich im Kloster wohl eine alte Tradition; damit begnügte man 
sich nicht; man suchte nach urkundlichen Daten: ,Sunt enim 
plures abbates, quorum regiminis tempus nescitur, scilicet Ho 
holdus . . . Sigmarus . . . Bertoldus . . . Wolframus, quorum 
si aliqui dicto Fater successerint, nequit sein . . .' Oder man 
hatte Privilegien, kannte die Aussteller, wusste aber nicht, 
welchem Abte sie ertheilt wurden: ,Et sciendum, quod eciam 
a domino Karolomanno huius Amulfi patre data sunt tria privi- 
legia de pluribus rebus a se ipso et a suis capellanis nostre 
ecclesie delegatis, sed qui abbates tunc prefuerunt huie loco 
. . . nullatenus invenitur/ 

Manche Notiz fand man in der Chronik des Hauses. Doch 
was war das fdr ein schwacher Behelf? Die ,Chronica anna- 
lis' war ja erst 1142 angelegt worden, und das Kloster bestand 
seit 777. Der erste Abt, von dem man in der Chronik sichere 
Kunde hatte, war Alram, und auch da fand man nur das Jahr 
seines Rücktrittes, nicht seines Antrittes. Erst von Aham 
konnte man eine rechte Abtshste aufstellen: ,Abhinc abbatum 
ordo in chronicis invenitur usque ad Rudolfum,^ d. h. bis 1210. 
Das Weitere wusste man aus mündlichen Berichten: ,Abhinc 
abbatum ordo cognoscitur ex relatu.' 

Sichere Zahlen hatte man also vom Abte Hermann bis 
zu Friedrich von Aich, und nun ist es interessant zu beob- 
achten, wie wenig man sich damals im Stifiie auf die herr- 
schende Tradition verliess: Man zeichnete in die anzu- 
legende Liste erst jene Aebte ein, von denen man 
völlig sichere Kunde hatte. Für jene Aebte, die naan 
noch nicht sicher bestimmen konnte, Hess man vorne einige 
Seiten frei. Der Abtskatalog begann also bei der ui«prtbi|^ 
liehen Anlage gar nicht mit den jetzigen Anfangswortett fiuB 



395 

antiqua ecclesia Cremsmunstrensis^, sondern mit dem ersten 
Abte, den man in der ,Chronica annalis^ las. 

Im Cod. 375 liest man aber Fol. 52*»: 1123 ,Alramas 
abbatia decessit. Hermannus eligitur in abbatem^ qui in brevi 
eliminatur. Adalrammus abbas obiit.^ 

Fol. 52*». 1126: ,Hermannu8 abbas vita decessit. Odalricus senior 

abbas preficitur.^ 
Fol. 53'. 1131: ^Ödalricus (darüber: ,1 de Chremsmunstiure') 

abbas obiit. Odalricus iunior successit* (über dem 
Namen: ,11 in Cbremsmunstiure^. 
Fol. 53**. 1146: ,Odalricus abbas obiit. Adelbertus successit.^ 
Fol. 54**. 1159: ,Adelbertus abbas obiit.^ 
1160: ,Martinus abbas efficitur.' 
^Martinas se . . . laus (?)... abbatiam resignat.' 

Hier sind zwei Stellen radirt. 
1165: ^Adelrammus (darüber von zweiter Hand: JP) 
in abbatem eligitur . . J 
Und so geht es fort. 

Diese Namen, bei denen man immer gleich die Zahlen 
hatte, trug der Verfasser aus der ,Cronica annalis^ in den 
Katalog ein. Cod. 610, Fol. 92**: ,M . . . Alramus. Huius tem- 
pore. . . . MCXX Hermannus . . .' Fol. 93': ,MCXXVI Ulri- 
cus (auch hier ganz wie in der Vorlage die Ziffer darüber 
geschrieben) . . . MCXXXI Ulricus.' Darüber: ,n . . . 
MCXLVI Albertus . . . MCLX Martinus . . .' Fol. 93**: 
,MCLXIV Alramus de Gersten . . . MCLXXHI Ulricus de 
Gersten . . . MCCVI Chunradus de Sintensteten . . .' Fol. 94': 
,MCC1X Ber(n)hardus electus . . . MCCX . . . Rudolfus . . . 
MCCXXI Heinricus . . . MCCXLVH Ortolfus . . .^ Fol. 94\- 
,MCCLVI Berchtoldus . . . MCCLXX . . . Fridericus.' 

Dass anfangs thatsächlich nur jene Aebte eingetragen 
wurden, von denen man im Kloster ganz sichere Kunde, sei 
es aus den Annalen oder ex relatu, hatte, kann man aus dem 
Cod. 610 noch bis zu dieser Stunde deutlich entnehmen. So 
ist z. B. auf Fol. 94** (siehe die Beilage Nr. 1), siebente Zeile 
von unten, der Name Fridericus eingetragen. Der Name des 
Abtes, zu dessen Zeit die Aufzeichnungen gemacht wurden, 
erfuhr die Auszeichnung, dass er in grösserer Schrift geschrie- 
ben wurde, denn während die Buchstaben des danebenstehen- 

JktAiT. LXXXI. Bd. II. H&iffce. 27 



396 

den Textes nur 2 Millimeter hoch sind, haben jene eine Höhe 
von 3 Millimeter. Die Tinte ist eine von der des sonstigen 
Textes verschiedene. So finden wir es auch auf derselben 
Seite, 7. Zeile von oben, mit dem Abtsnamen Berchtoldus, 
der auch noch um Einiges grösser und schärfer geschrieben 
ist als der übrige Text. Und so auch auf der Seite vor- 
her die Namen Ortolfus (94'), wo zwar die Buchstaben nicht 
grösser sind, aber die Schrift in Bezug auf die Tinte hervor- 
sticht, so bei ,Heinricus' (Fol. 94', 7. Zeile von oben), ,Rudol- 
fus' (ebenda, 1. Columne, 7. Zeile von unten) und ,B^K°)'^*'* 
dus^ (ebenda, 7. Zöile von oben), so Fol. 93*': ,Chunradus de 
Sintensteten', wo das tiberflüssige n durch eine Correctur ge- 
tilgt wurde, ,Manegoldus . . . Ulricus de Gersten . . . Al- 
ramus de Gersten^ Auf Fol. 93' treten die ursprüngUchsten 
Eintragungen — die Abtsnamen ganz allein — am deutlich- 
sten hervor: ,Martinus, Albertus, Ulricus, Ulricus^, und so noch 
Fol. 92**: ,Hermannu8 . . .' Von diesem Abte angefangen wur 
den alle Abtsnamen mit den Zahlen des Regierungsantrittes, 
die man beide in der ,Cronica annalis' oder aus dem Munde 
noch lebender Mitbrüder hatte, eingetragen. Bemerkenswerth 
ist es hiebei immer, dass man gerade, was den letzten Punkt 
betrifft, bei dem Abte Friedrich einen Fehler machte. Sonst 
aber ging man so sicher als möghch. Man schrieb denmaci 
im Ganzen fllnfzehn solche Namen ein. Sonst stand anfilng- 
lich nichts oder nahezu nichts dabei, wie man dieses noch 
ganz deutlich Fol. 94' sehen kann, wo auf die Worte, be- 
ziehungsweise ZiflFem: ,1209 Ber(n)hardus electus' filnfeehn 
leere Zeilen folgen. Genau so sieht man es auf Fol. 92**, wo 
auf die Worte: 1120 ,Hermannus tribus annis prefiiit. Huios 
tempore . . .' nichts mehr folgt. So wurde offenbar das Schema 
aufgestellt. Erst dann zeichnete man zu den Namen ein, was 
man aus ihrer Regierungszeit in sichere Erfahrung brachte, 
z. B. Fol. 94' beim Abte Rudolf: ,Hic construxit capelkm 
beate Marie.^ Dann, zweite Einzeichnung: ,Hu]us tempore 
datum est nobis Privilegium de ecclesia in Puchchirchen* 
Dieses Privileg fand man im Archive; sein Inhalt konnte also 
bald vermerkt werden. Später schrieb man dazu — es ist 
aber doch dieselbe Hand — ,et remissum perchrecht de Plikers- 
perch^; dann: ,et absoluta est ecclesia nostra ab oppressione 
advocatorum per L. II ducem^; dann: ,Item absoluta est decima 



397 

in Acbllten'; ebenso: Jtem absoluta est steura in Mautarn^ 
Dazu kommt dann eine Anzahl allgemeiner historischer Notizen^ 
die am unteren Rande der ersten Columne beigefügt sind. 
Beachtenswerth ist die Notiz, die noch hieher gehört: ^Abhinc 
abbatimi ordo cognoscitur ex relatu/ Noch beachtenswerther 
ist die knapp an das Ende des für die Qeschichte dieses Abtes 
noch freigelassenen Raumes gedrängte Notiz: ^Hic rediens a 
Roma Tervisii mortuus sepelitur/ 

Nicht weniger lehrreich ist der Abschnitt über den Abt 
Manegold. Erste Einzeichnung: Jahr des Eintrittes, Name. 
Zweite Einzeichnung: Regierungsjahre und: ,postea factus 
episcopus Pataviensis. Huius tempore confirmata et aucta sunt 
predia nostra in Viechtwanch et data curtis quedam apud Sier- 
nikh et Privilegium de ponte in Wels/ Dritte Einzeich- 
nung (man sieht hier deutlich, wie die Feder neu ansetzt): 
,Item ecclesia in Vorichdorf data est nobis/ Vierte Ein- 
zeichnung (neuer Federansatz): ,Item idem factus episcopus 
Pataviensis dedit nobis vineam in Plikersperg.^ Fünfte Ein- 
zeichnung (Tinte schwärzer, Schriftzug derselbe): ,Item datum 
est nobis predium prope Ror/ Sechste Einzeichnung, zu- 
sammenhängend in blasserer Tinte: ,Huius abbatis tempore 
magna fuit in ecclesia dissensio, quia intrusus per Diepoldum 
episcopum fratrem suum, fratres monasterii ad Lucium papam 
appellantes, cum breviter esset defunctus, per successorem eins 
Urbanum tertium fineni discordie acceperunt Cuius litis scripta 
require in Ubro De excepcionibus ecclesiasticis ante K (viel- 
leicht R = Registrum Jeronymi ^). Endlich folgen oben und 
unten am Rande Notizen in der feineren Schrift. 

Man sieht aus diesen Beispielen zur Genüge, in welcher 
Weise die Abfassung des Kataloges vor sich gegangen: Wenn 
man aus einer Urkunde eine sichere Angabe, aus irgendeiner 
Quelle eine auf Kremsmünster bezügUche Notiz gefunden hatte, 
so wurde dies in dem Kataloge bei dem betreflFenden Abte ange- 
merkt. Bei manchem konnte man aus den Privilegien gar niahts 
finden, daher blieb der ihm zugewiesene Raum unausgefUllt. 

Und so kann man die ursprünghche Anlage des Kataloges 
noch jetzt in der Handschrift deutlich erkennen. Der Ver- 



^ Die betreffenden Stücke sind die Nummern 41, 42, 43, 44 und 45 im 
Kremsmünsterer Urkundenbuch, S. 54—58. 

27» 



398 



fasser setzte von jenen Abtsnamen, über die es keinen Zweifel 
mehr gab, je zwei auf eine Columne, vier auf eine Seite, und 
zwar immer einen auf die 7. Zeile von oben und die 7. Zeile 
von unten (beziehungsweise die 7. und 24. Zeile). Die da- 
zwischenliegenden Zeilen sind ursprünglich ganz leer gewesen 
und bei einigen Aebten sind sie es auch geblieben. Die ersten 
Aufzeichnungen machte der Verfasser da, wo er seiner Sache 
ganz gewiss war. Aus der Regierungszeit seines Abtes Fried- 
rich waren ihm alle Urkunden und auch jene Thatsachen, die 
nicht in den Urkunden verzeichnet waren, bekannt. Hier 
konnte er unverweilt in einem Zuge schreiben. Und so war 
es auch in BetreflF der Regierung des zweitletzten Abtes- Berch- 
told. Wer die unten beigegebene Tafel Nr. 1 anblickt, sieht, 
dass Alles von einer Hand geschrieben ist. Dieselbe Persön- 
lichkeit, welche die Namen Berchtoldus geschrieben, hat auch 
alles Weitere angefllgt. Ein Wechsel in der Tinte tritt erst 
ein nach ,Huius tempore' auf der zweiten Columne, 5. Zeile 
von unten: ,anno domini 1304 computatis . . .^ Zwischen dem 
Folgenden und dem Vorhergehenden Hegt ein Zeitraum von vier 
bis fUnf Jahren; die Hand ist, wie man sieht, immer noch die- 
selbe. 

Man wird also festzuhalten haben, dass die Hand, von 
der die Fünzeichnung der Abtsnamen herrührt, auch den Text 
von Fol. 94** geschrieben hat (siehe Beilage Nr. 1). Man kann 
die Gleichheit der Schrift in den fünfzehn Namen und der anf 
Fol. 94** bei allen Buchstaben bis in das Einzelne verfolgen. 
Man wird z. B. ohneweiters zugeben, dass das H in ,Heinricu8*, 
Fol. 94' ganz gleich ist den vielen H im weiteren Texte von 
94'', z. B. in der Marginalnote ,Huiu8 tempore', in ,Hic restau- 
ravit' u. s. w. Dasselbe gilt vom R in ,Rudolfus', 94*, 2. Co- 
lumne, 7. Zeile von unten, und ,Rugeru8', 2. Columne, 12. Zeile, 
in dem Worte ,Heinricus', 94', T.Zeile, und ,Fridericus', 13.2Jeile. 
Hier wie da zieht er durch die Buchstaben, die er hervorheben 
will, einen Strich. 

Wenn man aber zugeben muss, dass sänmitliche Eigen- 
namen und der zu den Aebten Berchtold und Friedrich ge- 
hörige Text von einer Hand herrührt, so muss man weiter 
sagen, dass dieselbe Hand die ganze Schrift geschrieben hat, 
welche wir die Textschrift genannt haben — auch den Anfang 
des Abtskataloges. 



399 

Die Art des Entstehens dieses Eataloges erklärt es^ wes- 
halb die Tinte so oft wechselt^ während die Hand dieselbe 
bleibt. Man sieht es ganz deutlich, dass man es in dem Abts- 
kataloge von 610 mit einem Entwürfe zu thun hat. Es fehlte 
in dem Kataloge so viel, was dann an den Rändern nachge- 
tragen werden musste. Man hatte ja noch nichts darin aufge- 
nommen als Namen des Abtes, Antrittsjahr, knappen Inhalt 
seiner Geschichte. Die wichtigsten Daten aus der allgemeinen 
Geschichte fehlten: welche Päpste damals regierten, welche 
Kaiser, welche Bischöfe von Passau, welche flir die Kloster- 
zucht bedeutsamen Verordnungen da und dort erlassen worden 
waren. AUes das musste nun in irgendeiner Weise nachgetra- 
gen werden, und da für die Nachträge die wenigen freigebhe- 
benen Linien nicht mehr ausreichten, so nahm man die Ränder 
zu Hilfe. Was man am schmerzlichsten vermissen mochte: von 
den Aebten, deren Katalog es ja schliesslich war, waren nicht 
einmal die Todestage eingeschrieben, man wusste nicht, wo sie 
begraben waren. Hier war es in erster Linie nothwendig, Er- 
gänzungen anzubringen; und wenn man nun dies Alles zusam- 
menhält, wird man sich nicht wundem, dass der ganze Kata- 
log, wie er im Cod. 610 vorliegt, mit Noten wie übersäet ist. 
Diese finden sich nicht blos zwischen den Zeilen, sondern 
auch an den oberen, mittleren und Seitenrändem. Und wie 
in einem rechten Concepte finden wir im Texte und in den 
Noten einzelne Worte, ja häufiger noch ganze Satztheile und 
Sätze ausgestrichen; so die Note: ,Hic abbas (nämlich der Zeit- 
genosse Friedrich) usum infule non habuit nee habere studuit; 
eins tamen tempore ipsum Privilegium in sacrario Pataviensis 
ecclesie cum XVI et eo amplius . . . cognitum . . . fuit.^ Es 
lag doch ein leiser Vorwurf darin gegen den regierenden Abt, 
dass dieser sich um ein ihm gebührendes Recht nicht be- 
kümmere, und so strich man lieber die ganze Note weg. 
Solche Streichungen sieht man auf Fol. 94, und es ist inter- 
essant zu bemerken, sie betreflfen den Entwurf einer Stelle, 
mit dem der Schreiber nicht zufrieden war, denn mit wirklich 
bedeutenden Schwierigkeiten hatte der Autor zu kämpfen. 

Am schwierigsten war es, die Reihenfolge der ersten 
Aebte (precipue a Snelperone usque ad Dietricum) festzustellen, 
und so hat man 'die ersten Aebte von Fater bis auf Dietrich 
erst eingezeichnet, als man einigermassen in der Lage war, 




400 

dies tlmn zu können. Wieviele 
der Namen und Zahlen diesej 
deutlichsten, wenn man die e 
und 610 zusammenhält. Man 
in 610 ein, von da wurden sie 
sich oft genug der Fall heraus 
Während in 610 Gerhard ohn 
setzt wird, sagt derselbe Sehr 
prefuit. Circa hec lerapora st 
Erchenbertus: ,circa hoc temp 
linus steht in 610 zum Jahre ] 
Jahre 1062 weggestrichen und 
Abt Dietrich hatte 375 erst bi 
zügefligt: ,Hec notula debet sul 
und so stand wohl auch in 6 
radirt und die richtigere Zahl 
es bei AJram. So kann man 
der Handschrift selbst die Wo 
,Qui dum ordinem datorum pi 
tempore essent data vel numcr 
ncquaquam perfecte poterat in" 
Dieser erste Thcil musste 
Man schrieb ihn, sobald man 
Reihenfolge der älteren Achte 
denn auch, mit Ausnahme e 
nicht feststand, in einem Zugf 
Anlage nicht wiisste, wieviel j 
anreihen sein würden, konnte 
nach welchem immer nur zwi 
stehen sollten, nicht halten, 
treffenden Columne (untere Häl 
Namen: ,üerhardus, Erchcnbi 
sten Columne: ,Dietricus, Air 
noch in Cursivschrift unten: 
ramus abbas, Hoholdus abbas' 
Partien gewesen, die in das i 
eingefügt wurden. Auf der < 
Jahres 1303 gedacht, doch fii 
noch in dem Bischof akataloge 
demnach der KremsmUnsterer 



401 

denn sonst hätte man das betreffende Datum nicht mehr hier, 
sondern nur mehr dort angemerkt. Auch die Einleitung wurde 
nun, d. h. um 1305 oder 1304, angefügt; sie hat flir uns ein 
um so grösseres Interesse, als wir endlich der Frage nach dem 
Verfasser dieses Kataloges näherrücken können. 

Dass das immer noch eine Frage ist, muss eigentlich 
Wunder nehmen, und für mich ist es denn auch seit 1871 nie 
eine Frage gewesen, zumal im Cod. 610 ausdrücklich Sigmar, 
der Grosskellermeister des Stiftes, ab der bezeichnet wird, der 
,das da^, d. h. das, was folgt, geschrieben; ,qui ista scripsit'. 
Die ganze Stelle lautet: ,Tempore domini Friderici abbatis, 
ordinacionis sue anno XXVI ex consilio conventus et precipue 
Hertwici prioris ac imperio eiusdem abbatis Sigmarus tunc 
cellerarius summus una cum villicis et officialibus ad hoc ne- 
cessariis omnes nostre ecclesie possessiones perambulans et 
diligencius investigans scriptam nobis adtulit nostrorum reddi- 
tuum totam summam immo pocius reliquias rerum, que rapto- 
rum manus effiigere contingebant, qui deinde in voluminibus 
sunt melius ordinati. Preterea et privilegia, que transcripta olim 
fuerunt, de ipsis instrumentis, antequam vetustate corrumperen- 
tur, . vel certe priusquam per rapinas per rapinas dissipancium 
auferrentur, et que in nostra ecclesia poterant aut alibi reperiri, 
similiter scribi fecit . . .^ Damit erweist der Abtskatalog, dass 
die beiden Arbeiten, von denen oben schon gesprochen wurde, 
der ,Liber possessionum' und der ,Liber privilegiorum^, auch 
auf Sigmar zurückzuführen sind. Die von ihm angelegten 
Schriften wurden nur ,melius ordinati^ Der Begründer des 
ältesten Urbarbuches ist somit (ausser dem Abte, der den 
Befehl zur Abfassung ertheilte) Sigmar. Von ihm sagt der 
Katalog weiter: ,Qui dum ordinem datorum privilegiorum et 
quorum abbatum tempore essent data vel numerum eorundem 
quereret, nequaquam perfecte poterat in venire (etwas später 
angefügt: ,precipue a Snelperone usque ad Ditricum*), verum 
tarnen sicut potuit ex privilegiis et ex chronicis ac ex 
defunctorum calendariis coUigere annotavit, incipiens a 
primo abbate huius loci et perducens ad illum abbatem, cuius 
tempore Ista scrlpsit.' 

Und eine gleichzeitige Randnote sagt: ,His eciam addidit 
diem obitus abbatum vel locum sepulture, sicut a senioribus 
didieit annotare.' 



402 

Damit ist doch gesagt, dass der Mann, der das Urbar 
und, nachdem er dieses angefertigt hatte, die Transsumirung 
der Privilegien veranlasst hat, auch den Abtskatalog vom ersten 
Abte an bis auf seine Zeit geschrieben hat. Er hat Namen 
und Zahlen aneinandergereiht, die Privilegien der einzelnen 
Aebte dazu geschrieben und die Todestage und die Begräbnis- 
stätten derselben angefUgt: ,sicut a senioribus didicit annotare'^ 
d. h. wir dürfen in ihm wohl den sehen, dem schon vordem 
die Führung des Todtenbuches anvertraut war. 

Nach alledem scheint jeder Zweifel ausgeschlossen, einen 
Anderen als Sigmar als den Verfasser dieses Abtskatalog^ an- 
zunehmen. Nichtsdestoweniger ist dies an sich so klare Ver- 
hältniss jüngst durch Georg Waitz verdunkelt worden. Er 
findet den Katalog , wesentlich^ als Sigmars Werk,^ ,wenn audi 
vielleicht in der Weise, dass das von ihm gesammelte Material 
von einem Anderen in die vorliegende Form gebracht wurdet* 
,Denn gerade dieser Katalog enthalte so viele Aenderungen, Zu- 
sätze, wie es scheint von verschiedenen Händen,' mit verschie- 
dener Schiift imd Tinte,* dass das UrsprüngUche vielfach gar 
nicht mehr zu erkennen sei.^ 

Und so sagt Waitz an einer anderen Stelle, dass das 
Kremsmünsterer Abtsverzeichniss ein Werk sei, das jedenfalls 
auf Sigmar zurückgehe, aber in seiner ursprünglichen Gestalt 
nicht mehr vorliege.^ 

Nach meiner Ueberzeugung liegt die Sache so, wie sie 
die Einleitung zum Abtskataloge, deren Wahrheit zu bezweifeln 
kein Grund vorhanden ist, und die man denn über Bord zu 
werfen kein Recht hat, darlegt. ,l8ta scripsit* — ich weiss 
nicht, mit welchem Rechte G. Waitz diese Worte unberück- 
sichtigt gelassen hat. Aber sicher ist wohl, dass kein Grund 



* Was ihn freilich nicht bewogen hat, in seiner Ausgabe der ,HistoriÄ 
CreraifanensisS wie er nicht ganz richtig diesen Katalog betitelt, Sif- 
raars Namen an die Spitze zu stellen. 

* Etwas in eine derartige ,Form bringen*, wie es 610 bietet, ist etwas 
nahezu Unglaubliches, weil Unmögliches. Man kann es höchstens aus 
dieser Form in eine bessere bringen: ,raelius annotare.* 

' Dass es dieselben Hände sind, siehe oben. 

* Das ist richtig. 

* »Sigmar und Bernhard von Kremsmünster' im XX. Bd. der Forschungen 
zur deutscheu Geschichte, S. 606, 608. 



403 

vorliegt, an der Wahrheit dieser Angabe zu zweifeln, denn in 
Eremsmünster, wo dieser Katalog um 1300 geschrieben wurde, 
wird doch wohl ein Jeder genau gewusst haben, wer ihn ge- 
schrieben hat, und hätte ihn ein Anderer geschrieben als Sig- 
mar, so würde man dessen Namen doch nicht an dieser Stelle 
geduldet haben. Er — Sigmar — also war es, der den ersten 
Katalog der Achte angefertigt hat. Wir erfahren aber noch 
mehr, nämUch wie weit dieser von Sigmar angelegte Katalog 
reiehte (incipiens a primo abbate huius loci et perducens usque 
ad illum abbatem, cuius tempore ista scripsit); wir erfahren 
auch etwas über die Quellen, die er bei seinen Studien an- 
wandte. Er hat ftlrs Erste die Kremsmünsterer Privilegien 
einer genauen Untersuchung unterzogen (ordinem datorum privi- 
legiorum quesivit), eine Arbeit, zu der man offenbar den filhig- 
sten Mann im Stifle aussuchte, und der muss damals wohl 
Sigmar gewesen sein, denn es handelte sich hier um die 
Leetüre von Urkunden, die ein halbes Jahrtausend alt waren; 
er musste die mühevollsten Untersuchungen anstellen, um fest- 
zustellen, unter welchen Achten die Privilegien gegeben worden 
waren (quorum abbatum tempore essent data); zu diesem Zwecke 
zog er die Privilegien selbst herbei (sicut potuit ex privilegiis), 
und wo diese nicht ausreichend waren, vertiefte er sich in das 
Studium der Chroniken (ex chronicis) und der Todtenbücher 
(ac ex defunctorum calendariis), und es gelang ihm so, die 
Liste der Aebte bis auf die Zeit jenes Abtes, unter dem er 
jdieses da^ (ista) geschrieben hat, zu Stande zu bringen. Inter- 
essant ist es, ihn bei dem Studium der Chroniken zu finden; 
dass damit in erster Linie die Annalen von Kremsmünster ge- 
meint sind, ist ja natürlich, und wir erinnern, dass derselbe 
Schreiber, der die Listen von 610 geschrieben, sich auch im 
Codex von 375 bemerkbar macht, und ebenso finden wir ihn 
im Nekrologium thätig. Wie kann man nach dem klaren Wort- 
laute dieser Stelle und nachdem der Thätigkeit Sigmars auch 
im Jjiber possessionum' in einer geradezu auflfäUigen Weise 
gedacht wird, mit Waitz nur sagen: ,Es liege nicht der min- 
deste Grund vor, in Sigmar den Autor von W (oder eines 
Theiles von W), d. h. des Cod. 610, zu sehen/ 

In den Worten ,ista scripsit' steht es doch klar zu 
lesen, dass er selbst und niemand Anderer den älteren Katalog 
der Aebte ver&sst hat. Man hat nach diesen Worten, die 




404 

jeden Zweifel ausschliesscn und beweisend wären, auch wenn 
wir die paläographischen Merkmale nicht hätten, kein Rechtj 
zu sagen, ,dass der ältere Katalog auf Sigmar zurückgehe* 
(Waitz, S. 608); ,er ist Sigmars Werk selbst/ Man darf nach 
den eigenen Worten Sigmars dessen Arbeit durchaus nicht so 
gering veranschlagen, wie dies Waitz gethan. Zunächst musste 
er mit den Urkunden nicht blos gut umzugehen wissen, es 
musste ihm auch deren Wortlaut bis in die Einzelnheiten be- 
kannt sein, er musste nicht blos die Urkunden des Kremsmünste- 
rer Archives gut kennen, sondern auch in auswärtigen Archiven 
Nachforschungen halten, und dass er dies that, erfahren wir 
aus mehreren Stellen seiner Schriften. Dass er überhaupt den 
Werth der Urkunden so ausserordentlich zu schätzen wusste, 
dass er eine Abschrift des gesammten UrkundenmateriaJes ver- 
anlasste und bei dieser Sammlung auch die auswärtigen Archive 
berücksichtigte, sagt er ja selbst: ,Preterea et privilegia, que 
transscripta olim fuerunt, de ipsis instrumentis, antequam vetu- 
state corrumperenlur vel certe priusquam per rapinas dissipan- 
cium auferrentur et que in nostra ecclesia poterant aut alibi 
reperiri . . . similiter scribi fecit . . .' 

Man könnte nun sagen, dass nur die oben erwähnten älte- 
sten Theile des Kataloges von Sigmar herrühren, nicht auch 
das, was später innerhalb der Zeilen und ausserhalb an den 
Rändern beigefügt wurde. 

Wenn wir die Partie, die offenbar zu den ersten En- 
zeichnungen gehört, vom Abte Berchtoldus, mit den früheren 
Listen der Bischöfe von Passau und Herzoge von Oesterreich 
vergleichen — es ist dieselbe Hand. Wenn wir dieselbe Partie 
mit den späteren Nachträgen (am lehrreichsten sind die bei dem 
Abte Albert) vergleichen — es ist dieselbe Hand. Nur ist die 
Tinte nicht dieselbe, und der Charakter der Schrift zeigt die- 
selben kleinen Schwankimgen, die wir bei einer Hand finden, 
die nicht in unmittelbarer Zeitfolge schreibt, beim Abte Albert 
mindestens fünfmal, und es ist doch immer dieselbe Hand. 

Wie steht es nun aber mit den zahlreichen Noten, die 
sich im Cod. 610 finden? Ich war früher geneigt, diese Noten, 
wie dies auch schon ältere Forscher gethan, einer jüngeren 
Hand zuzuschreiben. Man ist dazu um so geneigter, wenn 
man die extremsten Schriftarten dieses Codex nebeneinander 
hält, wo eben die zierhche Minuskel neben einer ausserordent- 



405 

lieh feinen, oft sehr stark verzogenen Cursive steht. En ande- 
res Bild gewinnen wir schon, wenn wir die einzehien Schriften 
nach ihrer Grösse unmittelbar aneinander reihen: da kennt 
man bald, dass es eine Hand ist, die Alles das geschrieben 
hat Aber auch so ist die Aehnlichkeit schon in die Augen 
fallend. Wer z. B. Fol. 94*> (Beilage Nr. 1), Zeile 13, das Wort 
,W8eizchirchen* mit dem gleichen Worte am Rande vergleicht, 
wird sich kaum leicht tiberzeugen können, dass das zwei ver- 
schiedene Hände sind; das N von Tafel I, Columne 2, Zeile 3 
von unten, findet man in der Cursive auf früheren Seiten 
wieder; ebenso das R, wo der Abstrich ftJrmUch seitwärts hin- 
ausgeworfen wird, und so noch manches Andere. 

Doch wir haben einen unmittelbaren Beweis dafür, dass 
Noten und Text von einer Hand herrühren. Wie heisst es im 
Prologe, nachdem von Sigmar gesprochen wurde, der ,das da' 
geschrieben habe: ,His eciam addidit diem obitus et locum se- 
pulture, sicut a senioribus didicit annotare.' Welches sind denn 
diese ,Additamenta'? Wir finden sie alle in 610: Fol. 92**: ,Her- 
mannus obüt secundo Kai. lan.'; Fol. 92*^: ,Huius anniversarius 
est VI Kai. Febr. Sanctus esse creditur*; ,Huius anniversarius 
est Vni Kai. lulii et sanctus esse creditur'; Fol. 92*", 2. Co- 
lumne, oben: ,Huiu8 anniversarius est V Idus Decembris et 
sanctus creditur'; Fol. 92**, 2. Columne, rechts: ,Circa colump- 
nam mediam in dextro choro in capella quiescit', und dar- 
unter: ,Obiit V Idus Marcii . . / Wenn nun, wie der Prolog 
sagt, das Sigmars Schrift ist, und wir haben daran zu zweifeln 
kernen Grund, so haben wir den Autor für Alles, was der 
Cod. 610 an Kremsmünsterer Sachen enthält, festgestellt. Ich 
mache namentlich auf das Anniversarienverzeichniss aufinerk- 
sam: das ist dieselbe Schrift, die uns im Todtenbuche und 
80 vielen Büchern der Kremsmünsterer Bibliothek begegnet, 
in allen denen, auf die oben hingewiesen wurde. 

Dieses Resultat ermöglicht es aber auch, der Persönlich- 
keit des Schreibers von 401 näher zu rücken. 

§ 9. Das Terhältnlss des ersten zum zweiten Abts- 
kataloge. Die anderen Kataloge. 

Aus der vorhergehenden Darstellung hat sich ergeben, 
dass es Sigmar war, der die Aufzeichnung sämmtlicher Ein- 



406 

künfte, Rechte und Freiheiten vorgenommen hat, und dass das 
angelegte Verzeichniss nicht allen Wünschen entsprach. Er 
wurde also ,in eigenen Bänden^ besser angeordnet (^melius 
ordinati'). Aehnlich lagen die Dinge zweifellos bei dem Abte- 
kataloge. So wie dieser nun im Cod. 610 vorlag, mit seinen 
zahllosen, kaum lesbaren Randnoten einerseits und seinen noch 
vorhandenen Lücken andererseits, endlich mit einigen darin 
vorhandenen Irrthümern, mochte er Niemandem zusagen, am 
wenigsten vielleicht dem Schreiber selbst. So wie er es nun 
gewesen sein wird, auf den die Ausarbeitung eines besseren, 
weil übersichtlicheren Schemas der Urbare (und darin liegt 
wohl das ,melius ordinäre') zurückzuführen ist, da sich kaum 
ein Anderer in diesen Dingen so zurechtfand wie er, so hat 
wohl er selbst auch den berichtigten Abtskatalog hergestellt. 
Man wird bemerken, dass die erste Anlage des KatalogeS; 
vermehrt um die Noten dazu, den zweiten Katalog gibt, wo- 
bei denn freilich manche Unregelmässigkeiten, hie und da 
auch einige Widersprüche, mit unterlaufen. Die meisten von 
diesen sind es aber doch nur scheinbar, wie weiter unten er- 
wiesen werden wird. In dem Kataloge, wie er ursprünglich 
angelegt war, standen nicht einmal die Angaben der Todes- 
tage und Begräbnissstätten der Aebte. Der Autor hat das 
zwar in den Noten nachgetragen, aber das konnte nicht ge- 
nügen. Man wünschte vor Allem eine saubere Darstellung 
dieser Dinge. Mit denselben Worten wie im ersten wird im 
zweiten, bisher dem Bernardus zugeschriebenen Kataloge von 
dieser Arbeit gesprochen: ,Nihilo minus tamen singulorum 
nomina notabuntur in ordine veriori et dies obitus ac se- 
pulture locus.' Alles das findet sich in der That in dem 
zweiten Kataloge. Er benützte hieftlr die ,calendaria defuncto- 
rum'; diese werden dann in dem zweiten Kataloge auch ge- 
nannt: ,Hoholdus post istum creditur praefuisse; de quo nil 
aliud invenitur nisi quod in Calendariis dicitur abbas e^e 
. . . oder Berchtoldus ... in Calendariis mortuorum abbas 
dicitur . . .' Oder er zieht, wie er es selbst sagt (ex chroni- 
cis), die Chroniken zu Rathe: ,ex Hbro vite^ discitur mani- 
feste. Nam Wawaria pluries ab Ungaris est vastata, . . . ut 
ex chronicis invenitur . . . Anno domini 1040 prefoit Gerhar- 



Siehe darüber den Excurs. 



407 



dus tempore Heinriei regia filii Chunradi, ut habetur ex libro 
vite'; oder: ,Post hunc Berchtoldus ... in libro annalium . . . 
Abhinc abbatum ordo ex chronica invenitur . . .^ 

Nachdem Sigmar erwiesenermassen den ersten Katalog 
verfasst und die schwierige Untersuchung bezüglich der Sterbe- 
tage und Begräbnissstätten der Aebte durchgeführt hatte, ja 
welche Arbeit wäre denn noch flir einen anderen Verfasser, 
etwa für Bemardus, übergeblieben? Enthält denn der zweite 
Katalog, den man diesem zuschreibt, überhaupt viel mehr, als 
was Sigmar thatsächlich geschrieben? Setzen wir einmal zwei 
Berichte über denselben Abt aus dem ersten und zweiten Kata- 
loge nebeneinander: 



1. 

1064 ,Alramus de Gersten 
IX annis; hie construxit basili- 
cam sancti Egidii et sub altare 
quiescit; hie deponitur a Die- 
poldo episcopo Pataviensi . . . 

Huius tempore data sunt 
nobis predia in Hoitenhaim et 
in Perchwinden sub Ottachero 
marchione; item sub eodem 
date sunt nobis due vinee in 
Erlach.^ 



2. 

1065 (die Correctur aus 
,Auct. Crem.') ,Alramus de Ger- 
sten annis IX. Postea deponi- 
tur a Dlepoldo episcopo. Hie 
capellam sancti Egidii constru- 
xit, quam consecravit Albertus 
archiepiscopus Saltzpurgensis 
a. d. 1170. Huius tempore data 
sunt nobis predia in Perchwind, 
ubi forte ecclesiam fabricavit. 
Item in Haitenhaim sub Ota- 
chero. Item due vinee in Er- 
lach. Obiit HI Nonas lulii et 
sub altari est sepultus.' 



Der einzige Fortschritt ist hier ausser einigen ganz un- 
bedeutenden Zusätzen die Anfügung der Todestage, und die 
geht, wie man sieht, auf Sigmar zurück: ,His eciam addidit . . / 

Es ist noch die Methode zu sehen, wie der Autor arbeitete, 
um von den mitunter etwas dürftigen Angaben des ersten zu 
den reicheren des zweiten zu gelangen. Er schrieb an den Rand 
des ersten Kataloges einfach noch hinzu, was er über die ein- 
zelnen Aebte und ihre Zeit noch in Erfahrung brachte. Von 
denen der ältesten Zeit vermochte er weder Todestag, noch 
Begräbnissstätte aufzufinden, denn wenn es, und wir zweifeln 
nicht daran, ältere Nekrologien gab, so waren diese in den 




408 

Magyarenstärmen zu Grunde gegangen. Weder von dem Abte 
Fater noch von Sighard fand er, was er suchte: ,Iste abbas 
quamdiu rexerit vel vixerit vel ubi sepultus fuerit, ignoratur*, 
heisst es gleichlautend vom ersten und zweiten Abte. 

Vom Abte Burkhard erfuhr er, dass er am 14. Jänner 
(XIX Kai. Febr.) gestorben sei. Im zweiten Kataloge ist er 
merkwürdigerweise ganz aus der Liste gefallen. Das kann 
aber nur zufällig geschehen sein, denn erwähnt wird er doch 
bei seinem Nachfolger Snelpero: ,exceptis his que Purchardo 
et Snelperoni contulerat.^ Er kennt im ersten Kataloge die 
Nachricht, dass Herzog Arnulf dem Kloster die Ortschaft 
Papilundorf gegeben habe, und wenn er klagt: ,sed nee in- 
strumentum nee rescriptum proh dolor invenimus', so ist das 
richtig, denn die Schenkung des Besitzes bei Papilundorf wird 
in einer anderen Schenkungsurkunde vom 3. Jänner 888 als 
vordem geschehen erwähnt; die Schenkungsurkunde ,de Papaln- 
dorf^ wurde auch später nicht gefanden. Er weiss, dass dieser 
Abt Purchard in einem ,Privilegium venerabilis abbas* (Nr. 8 
des Kremsmünsterer Urkundenbuches), in einem zweiten ,fide- 
lis noster' (Nr. 9) genannt wird. Dass in dem zweiten Kata- 
loge der Todestag bei diesem Abte nicht angemerkt is^ rührt 
wohl daher, dass er nachträglich fand, dass dieser Todestag 
zum Abte Berchtold gehöre, von dem er ja sagt, dass er sei- 
nen Namen im ,Kalendariis mortuorum* gefunden habe, und 
hinzufügt: ,Obiit XIX Kai. Febr.' Er hat also einen begange- 
nen Irrthum im zweiten Kataloge verbessert. 

Ganz dasselbe gewahren wir bei dem Abte Snelpero. Ur- 
sprünglich hiess es da: ,Huiu8 tempore data sunt nobis tria 
privilegia.' Am Rande wurde ,tria' in ,quinque' verbessert, und 
so erscheint er nun im zweiten Kataloge. Im zweiten Kata- 
loge wird nur noch knapp von den einzelnen Privilegien der 
Inhalt vermerkt; es ist hier also strenge genommen nur eine 
weitere Ausführung dessen, was sieh im ersten Kataloge findet. 
Wieviele Mönche während der Magyarennoth umgekommen 
seien, darüber gab es im Stifte eine feste Tradition: man 
nannte 50 Personen. Im Jahre 1303 erfuhr man aus dem 
Munde einer besessenen Frau, dass mehr als 200 Menschen^ 



^ bomines, KloBterleute. 



409 

ihres Qlaabens wegen nmgekommen seien, die 50 Mönche 
werden noch besonders gerechnet. Zu den Worten ,per os 
femine obsesse^ machte er dann die Randnote: ^licet taUbus 
testibus non credatnr', und so bUeb diese ganze Geschichte im 
zweiten Kataloge weg; dagegen nahm er flir die 50 Mönche 
die Tradition als Bürgschaft auf (et dicunt nostri seniores). 

Nach Snelpero kannte man die Reihenfolge der Aebte 
nicht bis auf Gerhard (1040), oder wie es in einer Randnote 
zum ersten Kataloge heisst: ,vel pocius usque ad Ditricum a 
quo et deinceps usque ad Fridericum a chronicis et privilegiis 
cognoscuntur^ Der erste Katalog hatte: 1. Fater, 2. Sighard, 
3. Purchard, 4. Snelpero, 5. Gerhard, 6. Erchenbert, 7. PezeUn, 
8. Dietrich, 9. Alram. Nach Snelpero gab es eine Lücke; hier 
galt es, einige Namen unterzubringen, welche die Tradition als 
Abtsnamen festhielt. Schon in seiner ersten Liste klagt der 
Autor: ,Sunt et plures abbates' etc. Die Namen Hohold, Sig- 
mar, Berchtold und Wolfram hat er gar nicht in die Liste 
aufgenommen, weil er nicht wusste, wohin er sie setzen solle. 
Die zweite Liste bietet bis auf Alram schon folgende Namen: 
1. Fater, 2. Sighard, 3. Purkhard, 4. Snelpero, 5. Sigmar, G. Ger- 
hard, 7. Erchenbert, S.Wolfram, 9. Pezelin, 10. Dietrich, 11. Ho- 
hold, 12. Berchtold, 13. Akam. 

Hier ist also Sigmar an die fünfte, Wolfram an die achte, 
Hohold an die elfte und Berchtold an die zwölfte Stelle ge- 
rückt. Aber wie lange man schwankte, bevor man diese Reihen- 
folge feststellte, sieht man daraus, dass sowohl in den Noten 
zum ersten Kataloge, wie auch im zweiten Kataloge eine Moti- 
virung gegeben wird, warum man diesen oder jenen Abt so 
und nicht anders einreihe, und wenn sich da schliesslich in 
der Feststellung der Noten und dem zweiten Kataloge Un- 
ebenheiten finden, so wird man das nach dem Gesagten er- 
klärhch finden. Die Widersprüche erklären sich so: In einem 
Buche ^ (in ,Minori Plenario') fand er ein Verzeichniss des von 
Sigmar hinterlassenen Klostergutes, vielleicht (denn die Stelle 
ist nicht ganz klar) auch eine Notiz, die ihm sagte, warum 
Sigmar nach Gerhard zu setzen sei. Indem er nun aber die 
beiden noch erhaltenen Klosterschatz-Inventare näher mit ein- 



^ Nach dem Evangelium des beil. Matthäus im kleineren Millenar-Codex. 
Siehe oben, und Uagn, S. 27. 



410 



ander verglich, stellte sich heraus, dass das, was Gerhard 
hinterliess, fast doppelt so viel ausmache als der ELlosterschatz 
Sigmars, daher müsse er der spätere sein. Und dementsprechend 
wurde in dem zweiten Kataloge die Sache festgelegt Ebenso 
hat er in Bezug auf die Reihenfolge von Hohold und Wolfiram 
später eine richtigere Meinung gewonnen. Während er im 
Anfange meinte, Hohold noch vor Sigmar setzen zu dürfen,^ 
kommt er später zu einer besseren Ansicht von der Sacbe; 
man sieht ihn an der Arbeit: ,hic quoque alios duos pono.' 
Der Grund, weswegen er Hohold nach Dietrich setzt: ,quiÄ 
Hoholdus Ditrici tempore fuit prepositus.^ 

Oft findet sich im zweiten Kataloge eine Ergänzung zn 
dem, was in den Randnoten gegeben ist. Berchtold fehlt im 
ersten Kataloge ganz; in den Randnoten und im zweiten Kata- 
loge wird seiner in gleichlautender Weise gedacht 



Randnoten : 

,Invenitur eciam quidam 
Bertoldus abbas in K., scriptus 
est in libro vite pro testimonio 
censualium; sed quando pre- 
fiiit ignoratur.^ 



Zweiter Katalog: 

,Post hunc Berchtoldos 
creditur prefuisse. De quo 
eciam nichil constat nisi quod 
in Ubro annaUum in testimo- 
nium censualium est adductos 
et quod in Kalendariis mortuo- 
rum abbas dicitur. Obiit XIX 
Kai. Feb.^ 



Die letzten vier Worte bilden die einzige Ergänzung. 

In den Randnoten sagt er bei Alram I: ,Abhinc abbatmn 
ordo in cronicis invenitur usque ad Rudolfiim^, und so im er- 
gänzenden Sinne im zweiten Kataloge: ,Horum omnium abba- 
tum noticia tantum ex privilegiis et annalibus est inventa.* 

Im Ganzen und Grossen steht also die Sache so, dass 
der zweite Katalog nicht mehr als der erste und nur an 
einzelnen Stellen einige Zusätze und Verbesserungen enthält 
Nehmen wir als Beispiel das, was über den Abt Hermann ge- 
sagt wird. Katalog I schreibt: ,1120. Hermannus tribus annis 
prefiiit. Huius tempore . . .' 



^ ,Sunt enim plnres abbates, quoram regiminis tempos nescitur, scilicet 
Hoholdu«, Sigmarns . . .* 



411 

Daza sagen die Noten: ,Obiit 11 Kai. lan/ 

Nichts Anderes bietet der zweite Katalog: ^120. Herman- 
BUS prefcdt tribus annis. Huius tempore' ... 6 Zeilen leer . . . 
,Obiit n Kai. lanuarii^ tumulus ignoratur.' 8 Zeilen leer. 

Der zweite Katalog hat den Worten des Autors zufolge 
den Zweck, auch die Todestage und Begräbnissstätten der 
Aebte anzumerken. Warum findet sich weder bei Ulrich I, 
noch bei Ulrich 11 eine hierauf bezügliche Angabe? Der Grund 
ist der, weil der Autor nichts Sicheres wusste; man kannte 
den Todestag von zwei Aebten dieses Namens, von einem den 
Begräbnissplatz, welcher von beiden aber ,VI Idus Maii', wel- 
cher ,VI Kai. Sept.' starb, welcher es war, der ,ante candela- 
brum in capella', wie die Noten sagen, begraben lag, das 
wusste man nicht, und darum wurde Beides im zweiten Kata- 
loge ganz unerwähnt gelassen. Vielleicht hoffte man, später 
durch weitere Forschungen auf den rechten Sachverhalt zu 
kommen, darum liess man beim ersten Ulrich 7 Zeilen, beim 
zweiten 4 für Nachträge frei. 

Bei dem folgenden Abte Albeii; bildet der erste Katalog 
mit den dazu gehörigen Randnoten den zweiten; dasselbe ist 
bei Martinus der Fall. Den Todestag kannte man nicht; in 
den Randnoten heisst es nur ,ante turrim est sepultus^, und so 
steht auch im zweiten Kataloge nach ,obiit' eine Lücke. 

Bei Alram 11 findet sich im zweiten Kataloge nur der 
Zusatz: jlste Alramus emit vineam in Plikersperg.' 

Für Ulrich DI hat der zweite Katalog einige Nachträge, 
die sich in den Noten zum ersten Kataloge nicht finden; be- 
zeichnend aber ist, dass diese Nachträge auch im zweiten 
Kataloge erst ,nachgetragen^ wurden. Die erste Anlage des 
zweiten Kataloges hatte sie nicht. Dieses Verhältniss gewahrt 
man auch beim Abte Manegold und bei Chunrad; was sich 
bei Letzterem in der zweiten Liste mehr findet, ist auch in 
dieser erst ein jüngerer Zusatz, allerdings noch von der- 
selben Hand. 

Sämmtliche Ausgaben der Kremsmtlnsterer Geschichts- 
quellen — auch die neue von Waitz — nennen nach Chun- 
radus de Sitensteten einen ,Gerhardus electus^ Einen solchen 
hat es aber nicht gegeben; der Schreiber meint auch gar kei- 
nen Gerhard; das G ist nur ein etwas verzogenes B, also 

ArdiiT. LXXXI. Bd. U. HUfte. 28 



412 

Ber(n)bardu8; dann ist zweitens durch zwei Beziehnngszeichen 
a und b, die auch von den Herausgebern übersehen worden 
sind, die richtige Reihenfolge ,Rudolfus, Bemhardus' beigestellt 
worden, und ist darnach das ,Omittitur Bemhardus, qui sedit 
a. 1222 — 1230' in der Waitz'schen Ausgabe richtigzustellen. 

In der That stehen auch im ersten Kataloge alle die 
Noten bei seinem Namen, die der zweite Katalog in den Text 
mit aufnimmt. 

Im Wesentlichen ist das Verhältniss auch bei den folgen- 
den Achten Heinrich, Ortolf, Berchtold und Friedrich kern 
anderes. Eine richtige Bemerkung hat G. Waitz bei der Et- 
wähnung Ortolfs gemacht.^ In den Noten findet sich nämlich 
zu diesem Abte Folgendes: ,Huius Ortolfi tempore creditor 
Privilegium de infula abbatum nostrorum, quam habuit ipse, 
esse venditum Ottoni, episcopo Pataviensi a custode Hob- 
pergensi, quia in sigillo antecessoris eius vidimus ipsum sedere 
infulatum, ad cuius evidenciam idem sigillum in armario iussi- 
mus reservari.' ,Hier spricht offenbar eine Person, die der 
Sache gleichzeitig war, die auch im Kloster etwas anordne 
konnte.' Das passt aber sehr gut auf Sigmar, der ja auch 
eine solche Anordnung in Betreff der Anlegung eines neuen 
Copialbuches getroffen hat: ,preterea et privilegia simihter 
scribi fecit.' 

Das ,iu8simu8 reservari' hat er freiUch noch in den Noten 
selbst mit eigener Hand in ein ,ecclesie reservatur* abge- 
schwächt; im zweiten Kataloge ist die Sache noch mehr abge- 
blasst: ,Item Privilegium de infula abbatum, cuius usum ipse 
sui regiminis tempore habuit, est venditum a custode ecclesie, 
forte Pellndorfer Ottoni episcopo Pataviensi.' 

Waitz hat übrigens übersehen, dass der Autor an einer 
Stelle seiner ,Narratio de ecclesia Chremsmunstrensi' im Capitd 
,De violentia episcoporum' weitläufig darüber spricht, und dass 
das wohl der Grund ist, weswegen sich Sigmar im zweiten 
Abtskataloge kürzer fasst als in den Noten zum ersten. Die 
Geschichte von der Infel wird übrigens auch bei den beiden 
letzten Achten Berchtold und Friedrich erzählt. 

An diesen Beispielen mag es genügen. Man dürfte ihnen 
entnommen haben, dass das Verhältniss des Kataloges I am 11 

* 1. c, p. 610. 



413 



das eines Conceptes zur Reinschrift ist. Und nicht anders 
steht die Sache bei den übrigen Katalogen. Freilich müssen 
hier nothwendigerweise jene Einschränkungen gemacht werden, 
die sich aus der verschiedenen Art der Entstehung der Kata- 
loge ergeben. Im Cod. 610 ist Sigmar der Autor des Abts- 
kataloges; die anderen Kataloge hat er einfach aus einer aus 
Passau stammenden Vorlage copirt. Nur die Noten, die er zu 
diesen Katalogen macht, rühren von ihm her, und man findet 
sie auch wieder in den Katalogen des Cod. 401. Dieser Codex 
ist genau so angelegt wie 610, die ganze Richtung ist dieselbe: 
Bischofslisten, Herzogslisten, Abtskatalog. Den einzigen Unter- 
schied gewahren wir darin, dass die Kataloge in 401 etwas 
reicher ausgestattet sind. Und das ist ja auch erklärlich, denn 
Vieles von dem, was dem Autor bei der Anlage von 610 noch 
nicht bekannt war, ist nun zu seiner Kenntniss gelangt und 
wird nun auch behandelt. Da die ältesten Listen vor 1300 
geschrieben sind, wird man sich nicht wundern, in den jünge- 
ren Zusätze zu finden, welche Ereignisse des Jahres 1300 be- 
rühren. Die meisten Zusätze sind aus dem ,Auctarium Cremi- 
fanense^ (Cod. 375) genommen, wo sie entweder schon vordem 
eingezeichnet waren, oder erst kurz zuvor eingezeichnet wur- 
den. Dass es im letzteren Falle von derselben Hand geschah, 
die wir in 610 und 401 finden, ist schon bemerkt worden. Im 
Grossen und Ganzen bietet auch hier der Text von 610 sammt 
den Noten die Grundlage von 401. 



610. 

Text: ,1233 Rugerus epi- 
scopus Patavie sedit XVHI an- 
nos et sex menses.' 

Noten: ,Hic commutavit 
Waeizehirchen et dicit in privi- 
legio: Recognoscentes quod ei- 
dem ecclesie ex eo quod de 
corpore . . .^ 



Kremsmünst. Geschichtsqu., S. 16: 

,Piligrimus archiepiscopus, 
vir magnificus atque sanctus. 



401. 

,1233 Rugerus episcopus 
sedit Patavie XVHI annis et 
sex mensibus. 

Hie commutavit nobis ec- 
clesiam in Wseizchirchen pro 
Altenburch. Item dicit in privi- 
legio: Recognoscentes quod ei- 
dem ecclesie, scilicet Chrems- 
munstrensi eo quo de cor- 
pore . . .' 

jPiligrimus archiepiscopus 
sedit Patavie annis XVHH. 

28» 



414 



ecclesiam strenue rexit, et que 
barbari occupaverant et de- 
struxerant, ingenio magno et 
auxilio imperatorum revocavit. 
Capitulum, quod sevicia barba- 
rorum opibus exhaustum fuerat^ 
viriliter reformavit/ 

Dazu die Noten: ,Hic 
contulit beneficia circa Trunam 
et Hausruck Ottachero mar- 
chioni et ecclesiam Tudich/ 



Iste fuit vir magnificus et ec- 
clesiam suam strenue rexit 
Que barbari occupaverant et 
destruxerant^ ingenio magno et 
auxilio imperatorum revocavit 
Capitulum quoque viriliter re- 
formavit. Huic Benedictus papa 
pallium dedit. Iste contulit ec- 
clesie nostre predia circa Tru- 
nam et Hausruck et Ascha 
Ottachero marchioni Stjrie fiüo 
Ottacheri. 

Huius tempore apostolici 
resumpserunt investituras ec- 
desiarum quas Adrianus papa 
Karolo Magno contulerat^ sed 
resistentibus imperatoribus dis- 
sensio propterea in ecclesia est 
exorta/ 



So genau sind die Angaben in den Noten von 610 
in 401 übergegangen, dass auch das Unverständliche her- 
übergenommen, aber durch einen Zusatz verständlich ge- 
macht wurde: 



610. 

,Christianus episcopus se- 
dit sine pallio Patavie annis 
XXH . . / 



Noten: ,Hic eciam dedit 
Chremsmünster iure legitimo 
sacre Pataviensis ecclesie sedi 
pertinentem' (felilt das Sub- 
stantiv). Diese Note war nur 
dem Kenner des Privilegiums 
selbst verständlich. 



401. 

,Christianus episcopus se- 
dit Patavie XXH annis. Iste 
nihil clari gessit et sine pallio 
decessit . . . 

Hie eciam specialem sihi 
iurisdiccionem in nostra eccle- 
sia sibi vendicavit. Unde dicit 
in privilegio: Chremsmunstren- 
sem ecclesiam sacre Pataviensi 
sedi iure legitimo pertinen- 
tem . . .' 



Die Hensogslisten sind oft gar nicht erweitert: 



415 



610. 

834 ,Ludwicus imperator 
et ex Bavarie iudicio episcopo- 
rum deponitur et recluditur et 
eodem anno relaxatus ab in- 
cinsorio arma resumpsit et 
regnavit/ 



401. 

834 jLudwicus Imperator 
deponitur et recluditur; sed 
post breviter restituitur regno 



suo. 



g 10. Der Cod. 401 in Eremsmflnster und der angebliche 

Bernardus Noricns. 



Die obige Untersuchung hat ergeben, dass das Anniver- 
sarienverzeichniss des Cod. 610 von Sigmars Hand herrührt. 
An dieser Stelle mögen noch einige Bemerkungen angefUgt 
werden. Wie man den betreffenden Stellen entnimmt, hat der 
Schreiber diese Notizen durch (rothe)^ Linien, die er unten 
entweder gerade oder auch in Form eines Winkels anbringt, 
hervorgehoben. Es ist dieselbe Art, die wir auch in seiner 
grösseren Schrift finden. So hat er in der ersten Beilage 
(Fol. 94**) die in schöner Textschrift, aber am Rande, geschrie- 
benen Worte: ,Huius tempore collati sunt nobis redditus in 
Earinthia^ mit rothen Linien eingeklammert. Die Todestage 
der Aebte und deren Begräbnissstätten fielen nun gleich in 
die Augen. Nicht überall finden wir diese Klammem, es sind 
offenbar nur die ersten sicheren Daten von ihm in dieser Weise 
ausgezeichnet worden. Die späteren finden wir in feinerer 
Schrift und ohne solche Klammem, aber die Hand ist doch 
zweifellos dieselbe. Wir finden diese in der sogenannten Text- 
schrift; da sind einzelne Buchstaben so gross geschrieben wie 
im Fridericianus, wir finden sie in der Einzeichnung der Anni- 
versarien, d. i. dieselbe Schriftart, die wir in so vielen Codices 
der Kremsmünsterer Bibliothek finden, endlich in der noch 
kleineren Schrift an den Rändern, wie sie uns oft und am 
zierlichsten in gewissen Noten des Codex Fridericianus begeg- 
net. Er hat sie dort angewendet, um einige bisher übersehene 



* Die Farbe lässt sich dem Abdrucke leider nicht entnehmen. Durch die 
Farbe herausgehoben sind die Todestage und Begräbnissstätten von Ger- 
hard, Erchenbert, Pezelinus, Alram, Ulrich, Martin, Alram II. 



416 

Angaben nachzutragen, aber öfter noch, um etwas vorzu- 
schreiben, was dann später kalligraphisch ausgeführt werden 
sollte. 

Alle Schriftarten, die wir in 610 sehen, finden sich, wie 
bereits oben erwähnt wurde, in 375 wieder. Ganz dieselbe 
Hand, welche z. B. in 610, Fol. 92', oben, die Worte geschrie- 
ben: ,Huius tempore datum est nobis Privilegium a Ludwico 
pio et Lothario filio eins de Grunz wit', hat im Cod. 375 oben 
angemerkt: ,Hoc anno datum est nobis Privilegium a Ludwico 
et Lothario filio eins imperatoribus de territorio in Grunzwh 
sub Syghardo abbate.' In beiden Handschriften ist das Wort 
,Grunzwit' ausgestrichen und in 610 darüber geschrieben, und 
zwar in der Cursive ,de territorio inter Sumerberch et Drais- 
munster'; das letzte Wort ist durch darunterstehende Punkte 
getilgt. In 375 findet sich in derselben Cursive über ,Grunz- 
wlt' das Wort ,Sumerbergh^ Wir haben also hier beide Schrift- 
arten und dieselbe Correctur, die offenbar ein und derselbe 
Schreiber gemacht hat Aber nicht immer ist das, was in 610 
in einer bestimmten Schriftart von dem Schreiber eingetragen 
worden, in dieser auch in 375 vermerkt. Fol. 93 findet sich, 
und zwar in der feinsten Schrift, die er anwendet: ,Circa hec 
tempora Heldorfus ftiit camerarius, qui tot bona comparavit' In 
375 (aber in der Textschrift von 610) steht Fol. 53»»: ,CircÄ 
hos annos damit Heldolfus camerarius huius loci, cuius indu- 
stria multa bona aucta sunt nobis.^ 

Es kann hier nur die Frage auftauchen, ob er die Zu- 
sätze — denn er und kein Anderer ist, wie schon Wattenbach 
richtig gesehen hat, der Verfasser des ,Auctarium Cremifanense* 
— vor oder nach der Einzeichnung der Nachträge in 610 ge- 
macht hat. Ich möchte glauben, dass er aus 610 das ,Aucta- 
rium* angefertigt hat Und das ist auch natürlich; die ,Cronica 
annaUs^ durfte nicht durch fortwährende Correcturen verunziert 
werden. Nur was sicher war, nahm er hier auf. Während 
er z. B. bei den älteren Abtsnamen in 610 schwank^ radirt, 
ausstreicht, bessert, hat er in 375 die Dinge so eingetragen, 
wie sie in 610 ihre letzte und endgiltige Gestalt bekommen 
haben. 

Wie steht es denn aber mit 401, mit dem sogenannten 
Autograph des Bemardus Noricus? Auch hier finden wir, wie 
schon oben aus der Beschreibung der Handschrift ersichtlich 



417 

geworden, dieselben drei Schriftarten wie in 610 und 375 
GAnctarium CremifanenseO: die Schriftztlge Sigmars, die einen 
anbedeutend geänderten Charakter haben, geändert mit Rück- 
sicht auf die Differenz der Zeit; denn von 401 ist das Meiste 
mindestens um einige Jahre später geschrieben. Wo sich aber 
auch in 610 aus späterer Zeit solche Nachträge finden, ist die 
Schrift ein und dieselbe, z. B. 610, Fol. SS**, der Zusatz: ,sedit 
usque ad annum domini 1313 et centenarius obiit et vacavit 
secies . ^ • 

Hält man fest, dass dieselbe Hand, welche das Namens- 
verzeichniss der Aebte in 610 angefertigt, auch die in der 
ersten Beilage unten befindliche Textschrift geschrieben hat, 
so sind wir im Stande, auch die Identität dieses Schreibers mit 
dem von 401 festzustellen. Man vergleiche z. B. nur das erste 
Wort von 401 : ,CYm' = ,cum' mit dem ersten Worte des Abts- 
kataloges von 610: ,(C)Ym'. Wir fanden oben, dass der 
Schreiber von 610 mit Vorliebe das dem 12. Jahrhunderte an- 
gehörige Y = v oder u anwendet, wir finden nun, wie wir 
sehen, dieselbe Manier auch in 401. 

Denselben Fall haben wir mit dem gleichfalls dem 12. Jahr- 
hunderte angehörigen e = E, dessen Kenntniss er sich ebenso 
wie die des u aus dem Annalenbuche, das er so oft in Hän- 
den hatte, ei-warb. Wenn wir es dort geschrieben finden in 
,Eutices^ (Fol. 22^), so ist das ganz zeitgemäss; es ist aber eine 
Manierirtheit, wenn Schreiber des angehenden 14. Jahrhunderts 
solche Buchstaben anwenden. Jenes e nun, das 610 so oft ge- 
hraucht (Fol. 87^ 88% 89% 90% 90»» u. s. w.), sieht man oft 
genug im Cod. 401 (siehe unten Tafel H, Columne 1, Zeile 10 
yccclesiis'; Columne 2, Zeile 2 ,Epiphania' u. s. w.). Und wie 
einzelne Buchstaben dieselben sind, so ist denn natürlich der 
ganze Schrifl;charakter in beiden Codices der gleiche. Es fin- 
den sich in den beiden Handschriften fast die nämlichen Stellen; 
da ist denn der Vergleich der Schriften besonders lohnend. In 
610 liest man Fol. 94*» unten (siehe Tafel Nr. I, Colunme 2, 
Zeile 5 von unten): ,Huius tempore anno domini 1304 com- 
putatis reddidibus sunt inventa in Nativitate sancte Marie 
LVni tal. den. et in aliis diversis temporibus XLIX et H tal. 
Werch. et Stainpfenning preter minorem . . .' Zur Vergleichung 
ziehe man aus dem Cod. 401, Fol. 28', 1. Columne, die ersten 
neun Zeilen (siehe unten Beilage Nr. 2, 1. Columne, Zeile 1 



419 

am seine bajuvarische Herkunft anzudeuten, zuriickzuftihren. 
Schriftliche Belege für die Autorschaft des Bemardus vermag 
Niemand beizubringen, denn jene Handschrift, die von dem 
Mönche Bernardus als dem Verfasser der von ihr copirten 
Stücke über Baiem spricht,^ ist ausserordentlich jung.* Sie 
stammt aus der zweiten Hälfte des 16., wenn nicht gar schon 
ans dem 17. Jahrhunderte, ist also jüngeren Datums als selbst 
der Druck Aventins und kann demnach bei der Beurtheilung 
der vorliegenden Frage nicht ins Gewicht fallen.* 

Auf welche Quellen sich Aventin stützt, wird nirgends 
angemerkt. Eine Kremsmünsterer schriftliche Quelle wird es 
nicht gewesen sein. Die Kremsmünsterer wissen von diesem 
Bemardus gar nichts; man hat es dort nicht der Mühe werth 
geftinden, die Erinnerung an diesen Mann, dem das Stift an- 
geblich so ausserordentlich viel dankte, in der Schrift festzu- 
halten. Man weist heute einfach auf die Tradition hin.' Ich 
bin der Letzte, der der Tradition ihre Berechtigung absprechen 
möchte, aber misslich ist es gewiss immer, auf eine blosse Tra- 
dition hin einem Manne einen Ehrenplatz in der Geschichte der 
historischen Literatur anzuweisen, während man durch gute 
Zeugnisse genöthigt ist, diesen Platz einem Anderen zuzu- 
erkennen. Wie alt ist denn diese Tradition? Man hat Bei- 
spiele, wie Traditionen gemacht werden. In Lambach weiss 
man z. B. von einem Abte Sigmar, der aus Eremsmünster 



erstea Zeiten . . .' (Und solchen Angaben, man spricht da beschönigend 
von ,Tradition*, wird heute mehr geglaubt als jenen, die gut begründet sind.) 

' Das ist der Cod. 1273 in München: ,Ich weiss nicht,' sagt Waitz, ,warum 
man diese Zeugnisse zurückweisen soll, da doch zu dieser Zeit ein ge- 
wisser Bernhard in Kremsmünster gelebt haben soll.* Gewiss; sogar 
zwei, wie man dem Todtenbuche entnimmt. Wenn ihn aber im Todten- 
buche eine Hand einträgt, die schon der Mitte des 14. Jahrhunderts an- 
gehört, so wird er kaum der Bernhard sein, der schon im ersten Jahr- 
zehnt des Jahrhunderts oder gar noch im letzten des 13. schriftstellerisch 
thätig war. Warum hält man sich da nicht an Sigmar, der erwiesener- 
massen in der fraglichen Zeit noch lebte? Freilich meint Waitz, gestützt 
auf die beiden Quellen (!), dass jener Sigmar dem Bernhard die Palme 
nicht entwinden kann. Aber dass 401 nur wenig bringt, was nicht schon 
in 610 stünde, das hat Waitz übersehen. 

' Mitiheilung von Dr.A.Chroust in München, dem auch S.Riezler beistimmt. 

* So schon Pez, Script rer. Austr. I, 688 : ,non aliunde constare opinamur 
quam fama perpetua ac constanti maiorum tradicione.* 



420 

stammte und um 1302 in Lambach Abt geworden sei. Die 
Kremsmünsterer Herkunft dieses Abtes begründet man auch 
auf die Tradition. Nun^ zur Zeit; als Bruschius schrieb^ kannte 
man diese Tradition gewiss noch nicht, denn er wei^ von 
diesem Abte überhaupt nichts, also auch nicht, dass er ans 
Kremsmünster stammte. 

Wenn man mit Waitz sagt, dass in der Zeit des Abtes 
Friedrich ein Mönch dieses Namens in ELremsmttnster gelebt 
habe, so ist ja damit noch nicht bewiesen, dass das auch der 
Verfasser der genannten Schriften ist, wenn man dann aber, 
wie Hagn u. A., weiter sagt, dass dieser Mönch namens Bemard 
1290 Subdiakon gewesen, 1299 Priester geworden sei, u. s. w., 
so befindet man sich in einem Zirkel, denn das Letztere wird 
von dem Verfasser der Kremsmünsterer Geschichten gesagt, 
nach dessen Namen aber erst noch gefahndet wird. 

In Kremsmünster hat im zweiten Jahrzehnte dieses Jahr- 
hunderts ein gelehrtes Mitglied des Stiftes, Jakob Schwarzen- 
brunner, Vorarbeiten zu einer Geschichte von Kremsmünster 
geliefert, in denen er im ersten Bande, S. 365, sagt: ,Bei der 
Ansicht so vieler schätzbarer Schriften unseres StiftsmitgUedes 
ist die Entstehung des Wunsches ganz natürlich, einige Nach- 
richten aus seinem übrigen Leben zu erhalten. Aber die 
Befriedigung dieses Wunsches ist grösstentheils un- 
möglich. Woher der Verfasser stammte? Welche Aemter er 
im Stifte bekleidete? Darüber schweigt unsere Geschichte 
gänzlich, und er selbst gibt in seinen Schriften keine nähere 
Aufklärung darüber. Nicht einmal sein Name kommt irgendwo 
daselbst ausdrücklich vor, so dass wir eigentlich nur der be- 
ständigen Tradition die Aufbewahrung seines Namens verdan- 
ken. Das älteste Zeugniss fiir seinen Namen kommt in Aventins 
„Annales Boierum** vor, welcher in seinen 1554 ausgegebenen 
Annalen dieses unser Stiftsmitglied unter den von ihm benüti- 
ten Schriftstellern mit folgenden Worten anführt: „Bemardus 
Noricus, monachus in Chrembsmunster de rebus Boiorum*'.'* 



^ Was Schwarzenbrunner sonst noch von Bernardus sagt, ist Folgende! : 
,Der Zuname Koricos macht es zur G^wissheit (siehe über diesen Zb* 
namen Waitz, p. 616: ,Noricu8 bei Aventin ist nicht Beiname, sondern 
nur Bezeichnung der bairischen Herkunft'), dass Oesterreich ob der Ebb* 
sein Vaterland war. Seine Abstammung von nicht unadeligem Gebltte 
verbürgt er selbst aus seiner Vorrede zur Legende des heiL AgapitUi 



421 

Wenig genug; wie man sieht^ was man von Bemardus 
weiss. Die Thätigkeit Sigmars ist dagegen vorzüglich bezeugt. 
Im Prologe zum Codex Fridericianus schreibt Abt Friedrich: 
;Sane dum infirmitatis nostre vires ad execucionem tam utilis 
ac pemecessarii negocii metiremur esse nimium imbecilles et 
id quod in hac parte mentis nostre presumebat affectio, singu- 
lares nostre manus exequi non valerent, quasdam de subiectis 
nobis personaS; iratrem scilicet Sigmarum, tunc celerarium de 
monachiSy et Ditricum prepositum ex laicis de consilio nostri 
conventus elegimus ad hoc ipsum.'^ Wie sich die Thätigkeit 
dieser Männer äusserte, sagt der Prolog gleichfalls: ^Sie durch- 
zogen alle unsere Bezirke (qui onmes districtus nostros per- 
ambulantes), durchforschten alle jene Dinge, die zu unter- 
suchen waren, sehr genau (de quibuslibet inquirendis diligencius 
requirentes) und brachten das Ganze zu unserer Eenntniss, 
und so ist es geschehen, dass wir die Namen der Orte, die 
Lage der Besitzungen und die Beschaffenheit und Grösse der 
Einkünfte, vollständig kennen lernten (ad nostram deferrent 
üoticiam universa. Hinc factum est, ut nomina locorum, situs 
possessionum et reddituum qualitatem cum quantitate plenarie 



Fol. 85. Von seiner Geschichtskande und seinen Talenten musste der 
Novizenmeister viele und sichere Proben erhalten haben, denn dieser 
war es, der ihn zur Verfassung einer Legende vom heil. Agapitus auf- 
forderte, welche er jedoch erst im Jahre 1300, dem ersten seines Priester- 
thomes, nachdem er schon im Jahre 1290 die Diakons weihe empfangen, 
wirklich verfasste. Schon etwas Mher scheint er seine „Narratio de 
ecclesia Chremsmunstrensi**, auf welche er in der Vorrede zu seiner 
Legende anspielt, geschrieben zu haben. Zu den letzten Früchten seiner 
historischen Bemühungen gehören die Folgereihen der Bischöfe von Lorch 
und Passau, jene der Herzoge von Baiem und von Oesterreich und der 
Chronik von Kremsmünster. Bei allen diesen liess er viele leere 
Zwischenräume, welche er in der Folge bei einer Ueberarbeitung mehr 
oder weniger auszufüllen gesonnen war. Die letzte Nachricht von seiner 
Hand ist die Resignation des Abtes Friedrich zu Anfang 1325 (Fol. 32) 
welche er im Jahre 1326 hinzugefügt haben mag, weil die letzten Worte 
von seiner Hand lauten: „privatum deinceps vitam duxit per annum . . .** 
IdlS ist ein Prior Bernhard im Stifte . . / Vgl. Theodorich Hagn, Das 
Wirken der Benedictinerabtei Kremsmünster, S. 22 ff. Siehe Urkunden- 
buch von Kremsmünster, S. 194, Nr. 180. Urkundenbuch von Oesterreich 
ob der Enns V, 231, Nr. 240. 
^ Fast mit denselben Worten charakterisirt Sigmar selbst im ersten Abts- 
kataloge seine Thätigkeit Vgl. Achleuthner, Das ftlteste Urbarium, p. 4. 



422 

disceremus). Abgeschlossen war diese Arbeit im Wesentlichen 
im Jahre 1299: ,Anno domini 1299 scripta sunt predia reddi- 
tus atque iura, que tunc ecclesia Chremsmonstrensis in tota 
abbacia videbatur habere^; man sieht aber ans den beiden 
Fridericianen, dass noch fortlaufend Nachträge hinzukamen, 
und darum möchte ich darin keinen Widerspruch finden, wenn 
es im Abtskataloge heisst: ,Anno 1304 . . . computatis redditi- 
bus ecclesie hactenus neglegtis inventa sunt de . . / 

Die Commission, die zur genauen Erhebung der Besht 
Verhältnisse ausgesandt wurde, nahm die Aussagen aller Unter- 
thanen genau zu Protokoll. Von diesen Aussagen lassen sich 
heute noch Spuren auffinden, und es ist ja bezeichnend, dass 
auch sie von jener Hand geschrieben sind, die über die Besitz- 
und Rechtsverhältnisse von Kremsmünster so genau Buch fährt 
Es bezieht sich die Sache auf den Census von Wartperg. Da 
heisst es: ,Predia in Wartperch dedit nobis quidam comcs 
Amoldus, ut ibi ecclesia fundaretur. Quam Ditricus abbas 
construxit et episcopus Altmannus consecravit in honore sancti 
Chyliani martyris. et. Ceterum nichil scribam, quia bis ambas 
chorus Pataviensis, sibi, licet illicite, usurpavit, hac ex causa: 
Hanc enim Ditmarus clericus de Hagwald olim a 
nostra ecclesia habuit, ut mihi dixit. Sed cum eius col- 
lacio sicut Chirchdorf esset ad episcopum devoluta, que tamcn 
postea debuerat revocari, abbas Fridericus, mente pavidus, 
potenciam episcopi verebatur. Et sie iam tercio per episcopos 
sunt collate. Que si repeti debeant, questio esse potest* 

Nachdem die einzelnen Bezirke des Klosters durchforscht 
waren, ging Sigmar daran, die Privilegien des Stiftes zu sam- 
meln, ordnete sie nach der Zeitfolge, stellte fest, unter welchen 
Aebten sie ertheilt worden waren, bestimmte ihre Anzahl und 
benützte hiebei eine AbtsUste, die er aus den Privilegien selbst 
aus Chroniken und den Todtenbüchem zusanmiensteUte: ,Qni 
dum ordinem datorum privilegiorum et quorum abbatum tem- 
pore essent data, vel numerum eorundem quereret, nequaquam 
perfecte poterat invenire, verum tamen sicut potuit ex privi- 
legiis et ex chronicis ac ex defunctorum calendariis colligere 
annotavit . . / Er fiihrte diese Liste vom ersten Abte bis anf 
jenen Abt, unter dem er schrieb: ,incipiens a primo abbate 
huius loci et perducens usque ad illum abbatem, cuius tempore 
ista scripsit/ Wer wird leugnen woUen, dass das jene Arbeit 



423 



ist, die ich unter Nr. 5 in den ^Qeschichtsquellen von Krems- 
mttnster im 13. und 14. Jahrhunderte^ und Waitz als ^Historia 
CremifanenBis^ abgedruckt hat? 

Diese erste Liste, die er verfasste, genügte seinem Sinne 
fUr geschichtliche Darstellung nicht. Sie hatte auch noch viele 
Fehler. Es war nothwendig, auch die Todestage der Aebte 
und die Begräbnissstätte eines Jeden anzuf\igen. Alles das war 
in jener nicht; sie hatte nur Namen der Aebte mit der Auf- 
zählung der Privilegien, die ihnen zufielen. An den Rändern 
der Liste stellte er zunächst das Fehlende fest: ,His eciam 
addidit diem obitus abbatum vel locum sepulture . . .' Auch 
mochte ihm die Reihenfolge nicht ganz klappen. Man sieht 
ihn an der Arbeit, wenn es heisst: ,hic quoque alios duos 
pono'; oder: ,abhinc abbatum ordo cognoscitur ex relatu^ 
u. 8. w. Die vollendete Arbeit erhielt nun den Titel ,Catalogus 
abbatum^ Noch immer freilich war er mit seinem Werke 
nicht zufrieden; es gab noch Irrthümer und Widersprüche, die 
nicht völlig aufisuhellen waren: ,Notandum, quod multorum 
abbatum tempora non possimt veraciter inveniri, quos tamen 
abbates Chremsmunstrensis ecclesie extitisse ex calendariis 
mortuorum et libro vitae (siehe darüber unten) discitur mani- 
feste, sicut Wolframi, Sigmari et aliorum. Equidem nee eorum 
omnium, quorum tempus regiminis invenitur, finis aut princi- 
pium valuit perscrutari . . .^ Nichtsdestoweniger habe er die 
Namen der Aebte in besserer Ordnimg angefügt und Todestag 
and Begräbnissstätte hinzugefügt. Und dass er dies that, nicht 
ein Anderer, sagt die Note des Cod. 610 ausdrückUch: ,His 
eciam addidit^, nämlich Sigmarus, von dem der Text der Note 
spricht. Die Ausdrucksweise dieser Note findet sich auch ganz 
im Kataloge der Aebte wieder. 



Cod. 610: 

,Hi8 eciam addidit (Sig- 
marus) diem obitus abba- 
tum vel locum sepulturae, 
sicut a senioribus didicit an- 
notare.' 



Catalogus abbatum: 

,Nichilominus tamen sin- 
gulorum nomina notabuntur in 
ordine veriori et dies obitus 
ac sepulture locus.^ 



Soll ein Mann, der mit den Nekrologien, Zeittafeln und 
anderen Quellen umzugehen wusste, den man im Kloster zu 



424 

dem Dach der Äbtswürde wichtigsten Amte berief, dem eines 
Kellermeisters, eines Gutcrdirectors in unserem Sinne, nickt im 
Stande gewesen sein, jene Compilation zusammenzubringen, die 
dann als ,Hi8toria de fundacione monasterii Chremifanensis' be- 
kannt wurde? 

Umgekehrt, nur Derjenige, dem die Privilegien des Stiftes 
so oft durch die Hände gegangen waren wie Sigmar, konnte 
jene ,Historia' abfassen, welche in jedem Capitel auf die Cr- 
kuoden des Stiftsarchivs Bezug nimmt; denn ihr Verfasser 
kennt nicht nur die im Stiftsarchiv selbst vorhandenen Privi- 
legien ei 
Stifte ei 
Bind, y- 
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Passau i 
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und ihn 
Wortlaut 
auf, das 
lernen, 
währtV 



haben; 

gewesen 

wichtige 






425 

alten, über zweihundert Jahre zurückliegenden PrivUegien der 
Slremsmünsterer Kirche nicht blos zu lesen, sondern er merkte 
auch ihren Inhalt an. Er fand unter den Privilegien eines, 
das dem Abte den Gebrauch der Infel gewährte, er fand 
weiter, dass dieses Privileg heimlich nach Passau verkauft 
worden war. £r unternahm ein förmliches Studium hierüber, 
wobei er fand, dass der Schuldige aUer WahrscheinUchkeit 
nach kein Anderer sei als der Custos des Stiftes, Konrad 
Pellendorfer, aus der Zeit des Abtes Ortolf (f 1256). 

Aber nicht genug daran, er weiss, welche Privilegien 
Passau sonst noch hat, die nach Kremsmünster gehören: 
,Superioribus quoque temporibus Christianus episcopus diripuit 
ecclesie dotem in Petenpach et quedam alia predia et hec con- 
tulit Leupoldo, marchioni Austrie, que restituit Heinricus III 
rex.' ^ 

Dieser Bote kann in der Schatzkammer auch jene Ur- 
kunden Ottos n., Ottos m. und Heinrichs III. eingesehen 
haben, in denen die betreffenden Kaiser die ganze Abtei 
Kremsmünster an das Hochstift Passau schenken (Urkunden- 
buch, Nr. 15, 16, 17, 19, 20). Man wird bereits vermuthen, wer 
der Bote gewesen, den die Kremsmünsterer Mönche zu diesem 
etwas heiklen Geschäfte nach Passau entsandten. Es war der- 
selbe, der das Copialbuch im Stifte angelegt hat. Und nun 
wird man sich nicht wundern, erstens dass so viele Stellen in 
den Noten des Copialbuches wörtlich mit den Angaben der 
,Narratio^ übereinstimmen, und zweitens dass beide von einer 
und derselben Hand geschrieben sind. 

Man wird sich auch nicht wundem, zu welchem Zwecke 
und weshalb eben dieser Mönch nach Passau entsandt wurde: 
schon um 1290 hatte er erfahren, welche Kremsmünsterer 
Schätze sich in Passau befänden. Als nämUch der Bischof 
Bernhard dem Clerus und den Bürgern der Stadt die Reliquien 
der Kirche zur Verehrung ausstellte, fand man unverhofft die 
Körper der Heiligen Tiburtius und Valerianus und das Haupt 
der heil. Cäcilia mit Urkunden, welche es auswiesen, dass sie 
von Kremsmünster hergeftihrt worden seien. Dieses Ereigniss 
sah der Schreiber der ,Narratio^, der damals zum Diaconus 



^ Vgl. dazu yUrkundenbuch yon Kremsmünster^ Nr. 86, sammt Noten. 



426 

» 

ördinirt wurde; er sah die Reliquien und hörte die Schrift- 
stücke hierüber verlesen. 

Seine genauere Bekanntschaft mit dem Kremsmünsterer 
Archiv erweist der Verfasser der ,Narratio* schon im Prologe: 
er hat nach den im Archiv liegenden Urkunden gearbeitet und 
will das^ was von diesen urkundlichen Schätzen der Hand der 
Räuber entgangen, zu Nutz und Frommen der künftigen Gläabi- 
gen feststellen. So werden denn nicht blos die älteren im 
Stifte vorhandenen Privilegien im Allgemeinen citirt, sondern 
auch längere Auszüge aus diesen geboten. Vom Privileg Ulrichs,' 
des Nachfolgers Manegolds, theüt er aus dem Wortlaute einige 
Sätze mit, ebenso aus der Urkunde des Bischofs Rudiger v(hi 
Passau vom 21. August 1242, beide Stellen mehr formelhafter 
Art, aber doch wieder so, dass die Vorlage der Urkunde vor- 
ausgesetzt werden muss; aus der Gründungsurkunde stammen 
zunächst in dem Capitel ,De origine et causa fundationis mona- 
sterii Chremsmunstrensis' die Worte: ,Tassilone anno ducatos 
sui XXX, indictione prima (Urkundenbuch, S. 2) et anno primo 
ducatus sui fihi Theodonis^ (Urkundenbuch, S. 2), dann in dem 
Capitel ,De patroni subhmitate^ ein langer Satz aus dem Priri- 
leg des Königs Arnulph, wo er dem Stifte die eingezogenen 
Liegenschaften der Grafen Engelschalk und Wilhelm zuweist* 
Im Capitel ,De donacionibus munificis' sind die Stiftungsurkonde, 
dann die Bestätigungsurkunden Karls des Grossen, Ludwigs 
des Frommen und Lothars Schenkungsurkunden, drei Urkun- 
den Karlmanns, die Urkunden Arnulphs vom 3. imd 4. Jänner 
888, sowie die sonstigen Urkunden Arnulphs citirt. Dasselbe 
ist der Fall im zweiten Theile der ,Narratio^, der von den dem 
Kloster zugeftigten Entfremdungen handelt. 

Wenn es feststeht, und daran kann man nach den vo^ 
hergehenden Bemerkungen wohl kaum mehr zweifeln, dass 
der Haupttext von 610 sammt den Nachträgen von Signur 
herrührt, so haben wir damit den Schreiber der einschlägigen 
Stücke von 401, den Verfasser des ,Auctarium Cremifanense^, 
den Schreiber des Todtenbuches und jener zahlreichen Noten 



^ Der Name ist irrig. 

* Die Stelle ist deswegen interessant, weil der Verfasser der ,Narratio' noch 

einen Nachtrag bringt, den er ebenfalls dem Privileg entnimmt, nimlich 

die Worte: ,ad sanctum Dei martyrem Agapitum*. 



427 

gefunden, die man in so vielen Kremsmünsterer Handschriften, 
vor Allem in dem ,Liber possessionum^ und dem ,Liber privi- 
legiorum^ sehen kann. 

Die in 401 enthaltenen Kataloge bieten ja im Grossen 
und Ganzen ohnehin nicht viel mehr, als sich in 610 findet, 
und da sich diese Kataloge von der ,Narratio de ecclesia 
Chremsmunstrensi' nicht scheiden lassen, so wird man natur- 
gemäss in Sigmar gleichfalls ihren Verfasser zu suchen haben. 
Die stilistischen Unterschiede sind, wenn man den Zweck der 
Kataloge einerseits und der ,Narratio^ andererseits im Auge 
behält, doch nicht so bedeutend, als Waitz meinte. Der Autor, 
der in den Katalogen nicht mehr als nackte Thatsachen, Tabellen 
geben will, muss da selbstverständlich mit seiner Person in den 
Hintergrund treten, und schliesslich gar so vordringlich ist 
auch der Verfasser der ,Narratio' nicht. Er tritt an zwei, drei 
Stellen hervor. 

Wie steht es denn aber mit den Widersprüchen in den 
beiden Fassungen der Kataloge? Waitz sagt: Auch seine An- 
sichten müsste er wesentUch geändert haben. So wird Alt- 
mann im Cod. 610 ,Pataviensis ecclesie destructor^, an anderer 
Stelle ,sevus destructor* genannt. Es heisst von ihm, dass er 
seine Kirche ,usque ad interitum dimembravit, suos canonicos 
usque ad ultimam paupertatem deducens^ Im Cod. 401 heisst 
es von Altmann: ,bonus et religiosus fuit et dum canonicis 
et aliis clericis male viventibus resisteret, de episcopatu deiec- 
tus.* Das ist nun freilich ein arger Widerspruch. Aber, was 
Waitz ganz tibersehen hat, die ersteren sind keine Sätze, die 
Sigmar angehören. Darüber, dass die Liste der Passauer 
Bischöfe aus Passauer Quellen stammt, existirt kein Zweifel. 
Wie konnte man aber in Passau von Altmann etwas Gutes 
sagen, wenn es wahr ist, was man ihm nachsagte: ,Hic de 
possessionibus ecclesie Pataviensis et sui capituli plurimas con- 
ventuales ecclesias fundavit, restauravit et ditavit, suam autem 
usque ad interitum dimembravit et suos canonicos ad ultimam 
paupertatem deducens, castra ecclesie et comitatus et aquarum 
alluvia ut canonicis posset resistere, nobilibus contulit, quibus- 
dam eciam infeudavit/ 

Ja, wie konnte man von Altmann in Passau Gutes sagen, 
wenn er so aus dem Körper seiner Kirche Riemen schnitt? 
Aber ist denn das die Meinung Sigmars? Was sind Sigmar 

ArchiT. LXXXI. Bd. U. H&lfte. 2d 



428 

diese ersten Listen der bairischen Herzoge und der Bischöfe 
von Lorch-Passau? Doch nichts Anderes als ein Faollenzer 
fUr seine eigene Arbeit. Wer seine Ansicht über Altmann ken- 
nen lernen will^ muss daher entweder einen Blick in die 
Noten zu 610 oder in den zweiten Passauer Bischofskatalog 
werfen. Hier weist Sigmar deutlich nach^ dass Altmann ein 
Gönner von Eremsmünster war, denn ^hic nostrum monaste- 
rium in disciplina monastica reformavit . . . dedit decimas ee- 
elesiarum^; ja er hätte noch mehr gethan: ^et forte dignitatem 
pristinam restituisset, si indigena fiiisset, ut eam scivisset, aat 
yiolencia principum non obstetisset . . . Iste posuit terminoe 
ecciesie Tudich, quam fimdator nobis dederat^ . . ., also lauter 
Verdienste, die er um Kremsmiinster hatte. Weni\ alles das 
im zweiten, d. h. dem allein in Kremsmiinster abgefassten EaU* 
löge der Bischöfe von Lorch-Passau, entsprechend gewürdigt, 
beziehungsweise gerühmt wird, so ist das ja ganz begreiflich. 
Aber unbegreiflich ist es, wie man mit Waitz sagen kann, 
dass hier Sigmar mit sich selbst in Widerspruch gerathen. Ist 
denn Sigmar der Autor des ersten Eataloges der Passauer 
Bischöfe? Was den Passauem hier recht schien, das hätte 
den Eremsmünsterern sehr unbillig scheinen müssen. Daher die 
verschiedene Behandlung Altmanns in Passau und in Krems- 
münster. Von einer Aenderung der Ansichten Sigmars wird 
man also nicht wohl reden dürfen. 

Auf einige andere angebliche Widersprüche wurde bereits 
in anderem Zusammenhange hingedeutet. Das aber wird man 
doch nur ganz billig finden, ,da8S K (= Cod. 401 E^remsmtlnster) 
genauer und besser erzählt als die Glosse zu W' (d. h. als die 
Noten in 610). Ist doch der Cod. 401, um mit Sigmars Wer 
ten selbst zu sprechen, der Liber ,melius ordinatus^, eine vct- 
besserte Auflage dessen, was der Text von 610 sammt den 
Noten bietet. 

Dieses ,melius ordinäre^ kann man nirgends besser beob- 
achten als in den Bischofskatalogen. Im Cod. 610 ist die Ge- 
schichte von Lorch in vier Theile zerrissen: den eigentlichen 
Bischofskatalog (Fol. 82' — 83*"), dann, unterbrochen durch den 
Herzogskatalog von Baiem, das Stück ,Cum sacrosancta — 
dant Coronas' (Fol. 87'— 88»), hierauf das Stück, welches von 
dem Patrimonium der beiden Philippe handelt, und endlich eine 
Untersuchung über die Frage, welche der Bischöfe würd% 



429 

seien, dass die Nachwelt dankbar ihrer gedenkt^ und welche 
nicht (Fol. 89** — 90*'). In dem zweiten Kataloge wird AUes in 
systematischer Weise angeordnet. Auf dass kein Zweifel be- 
stehe, dass der erste Katalog die Grundlage des zweiten bildet, 
beginnt dieser mit einer Bezugnahme auf jenen, dann aber 
nimmt er sofort ein Stück aus Nr. 3 (Cum sacrosancta — dant 
Coronas) und gibt hierauf eine Beschreibung des Erbgutes der 
beiden Philippe. Erst nachdem dies geschehen ist, ftlhrt der 
jüngere Katalog mit der Geschichte des zweiten Bischofs fort; 
wir erhalten somit im Wesentlichen dasselbe, die Darstellung 
ist aber nunmehr abgerundet. Auch das Papstverzeichniss, das 
wir im Cod. 610 finden, ist ausgenützt. 

Unter den Argumenten, die Waitz gegen Sigmars Autor- 
schaft vorbringt, ist eins, das von besonderem Gewichte ist. 
,Es scheint,^ sagt er, ,überhaupt zweifelhaft, ob Sigmar seine 
erste Arbeit lange überlebt oder sie nur zu Ende gebracht hat. 
Er heisst in der Vorrede zum Abtskataloge in W (610) „tunc 
cellerarius summus", und ebenso steht in der Vorrede zum 
„Liber possessionum^ : „Sigmarum tunc cellerarium de mona- 
chis" ... er muss also, da dies geschrieben, entweder schon 
gestorben oder zu einer höheren Würde befördert gewesen 
sein. Denn dass er jenes Amt aufgegeben habe und wieder 
zum einfachen Mönch herabgesetzt sei, wie die vorher ange- 
fiihrte SteUe den Autor der Gründungsgeschichte bezeichnet, 
ist doch ganz unwahrscheinlich. Wäre er aber zu einer höhe- 
ren Stelle befördert, so hätte dies wohl Erwähnung gefunden. 
So hegt es am nächsten, das „tunc^ auf seinen bereits einge- 
tretenen Tod zu beziehen.^ 

,Er muss also entweder schon gestorben oder zu einer 
höheren Würde befördert gewesen sein.' Diese Schlussfolge- 
rung aus dem Wörtchen ,tunc' zu ziehen, ist etwas kühn. Er 
braucht weder gestorben, noch auch zu einer höheren Würde 
befördert worden zu sein. Das ,tunc' hat in dem Falle ent- 
schieden nicht die Bedeutung des ,piae memoriae', das wohl 
hier stünde, wenn es den Thatsachen entspräche. Davon, dass 
das Amt eines Cellerarius ein lebenslängliches ist, steht in der 
Benedictinerregel kein Wort.^ Der Abt, beziehungsweise der 

^ Es heisst von üim: ,Caram gerat de omnibus. Sine iassione abbatis 
nihil faciet. Omnia vasa monasterii cunctamque sabstanciam, ac si alta- 
ris vasa sacrata conspiciat, nihil ducat negligendum . . .* 

29» 



430 

Convent, überträgt es, ohne sich an ein bestimmtes Alter zu 
binden, dem, den er für den Tauglichsten hält; er kann es 
ihm eben so gut wieder abnehmen, und es ist sogar sehr wahr- 
scheinlich, dass ihm in dem Augenblicke, als er zu seiner be- 
schwerlichen, ihm von seinem Abte übertragenen Arbeit, ein 
Inventar des gesammten Besitzstandes des Klosters aufzuneh- 
men, ein Verzeichniss der Privilegien anzulegen, diese zu ex- 
cerpiren, mit ihrer Hilfe an Ort und Stelle auf dem Lande 
langwierige Untersuchungen zu pflegeu, als er, genöthigt, fär 
die Anlage des Abtskataloges Behelfe zu suchen, Bischöfe- und 
Herzogsreihen copierte, mit einem Worte, als ihm diese lange 
dauernde und schwierige Arbeit übertragen wurde, das ver- 
antwortungsvolle Amt eines Cellerarius abgenommen wurde, 
umsomehr, als seine Arbeit ihn für längere Zeit aus dem 
Stifte führte. 

Waitz legt ein grosses Gewicht darauf, dass 1298 schon 
ein anderer Kellermeister genannt wird. Dem entspricht es, 
sagt er, wenn schon 1298 ein Emestus als Nachfolger genannt 
wird: ,per manum fratris Ernesti eiusdem loci cellerarii pro- 
testamur^ (Urkundenbuch von Kremsmünster, Nr. 135; Urkon- 
denbuch von Oberösterreich IV, Nr. 316) . . . Aber führt denn 
nicht Sigmar im Abtskataloge die Bezeichnung ,cellerarius sum- 
mus', woraus hervorgeht, dass er einen Subcellerarius an der 
Seite gehabt haben muss? Und das ist ja auch begreiflich, da 
Sigmar wegen der Erhebungen, die ausserhalb des Stiftes zu 
pflegen waren, längere Zeit vom Hause abwesend war (siehe 
Achleuthner, Das älteste Urbar von Kremsmünster, S. XI).' 



^ Wie sehr alle in der Zeit des Abtes Friedrich in Kremsmünster ra- 
fassten Werke dem Ziele, in die Besitzverhältnisse des Stiftes Ordnang 
zu bringen, dienen müssen, sieht man daraus, dass diese PrivileigiflB 
und Rechte nicht blos in dem Annalenbuche eingetragen wurden, son- 
dern dass sogar das Todtenbuch dazu verwendet wurde. Auch hier findeo 
wir die Schenkungen eingetragen, die an das Stift gemacht wnrdeo; 
,Walchunus frater noster*; dazu: ,hic dedit nobis sagenam in Atersee et 
omnes possessiones et dedit et 30 homines . . ., Fol. 43^: ,dedit nobis 
(in) Neuhofen, Aspach, Wels . . . Chnneg^ndis conversa de Mnlperg 
soror nostra. Nota, de hnius patre et matre, scilicet Hertwico et Gertrud« 
de Mulperg, habemus eciam in Aptay et unum campum in predpido 
super Chremsam . . . Item per eam habemus curiam in HiBng . . . 
Item decimam in curia Adam. Item ... Hiltwinus presbjrter frater 
uoster, plebanus de Thalhaim; hie dedit nobis tal . . . (pro) annirerss* 



431 

Davon, dass Sigmar etwa schon in den Jahren 1301 — 1303 
gestorben wäre, können wir nicht nur nicht die mindeste Spur 
finden, wir können vielmehr mit Sicherheit sagen, dass Sigmar 
in der Zeit von 1297 — 1320, ja sogar noch einige Jahre dar- 
über hinaus, nicht gestorben ist. Wir müssen an dieser SteUe 
jene zwei Urkunden, von denen oben die Rede gewesen, in 
Erinnerung bringen: In der ersten setzt der Abt fest, dass 
und in welcher Weise die Todtenandacht ftlr die Mitglieder 
des Klosters, die seit 1300 verstorben sind, zu halten sei; in 
der zweiten wird dies fUr die seit 1310 verstorbenen bestimmt. 
In dem Todtenbuche, das beide Schriftstücke enthält, werden 
nach dem ersten die Namen jener Conventsmitglieder aufge- 
zählt, die nicht etwa seit 1300, sondern schon seit 1297 ver- 
storben sind; wir finden Namen zu 1297, 1310, 1312, 1313, 
1320 u. s. w., im Ganzen 36 Namen, was für die Zeit von 
circa 25 Jahren genug ist — aber Sigmars Namen finden wir 
nicht unter den Verstorbenen. Damit entfällt der erste Theil 
des Schlusssatzes von Waitz, der zweite ist ja ohnehin nur 
der Form wegen gestellt. Zu welcher höheren Würde, da die 
des Abtes besetzt war, hätte er aufsteigen können? 

Nur eine Möglichkeit wäre noch da, die zur Annahme 
fuhren würde, dass Sigmar zwar noch über die genannte Zeit 
hinaus gelebt habe, aber dennoch nicht in der Lage gewesen 
sei, seine Arbeiten zu vollenden, nämlich die, dass er etwa an 
ein anderes Kloster als Abt postulirt worden wäre. Und in 
der That liest man in dem 1865 herausgegebenen ,Breve 
Chronicon monasterii beatae Mariae Lambacensis', dass -der 



rio agendo (s)ao et suorum ... V Id. Dec. Hertwicus presbyter et 
monachus, prior et custos istius loci . . .*■ Darüber: ySchlüsselberg*. Alles 
in rother Tinte, um ihn anszuzeichnen, denn es ist jener Hertwicus, von 
dem der Abtskatalog (1) sagt: Jtem hnius tempore Hertwicus custos re- 
novavit crucem et caput sancti Agapiti*, und im zweiten Kataloge: 
,Item omnes fenestre monasterii per fratrem Hartwicum custodem vitris 
pulchrius decorate . . . Item . . . idem frater (renovavit) ambo plena- 
ria; item brachium sancti Blasii . . .' Hartwig drängte auf die Her- 
stellung der Ordnung der Besitzverhältnisse, siehe ,Catal. abb.S S. 18: 
,et precipue Hertwici prioris . . .* Abt Friedrich selbst ist im Todten- 
buche eingetragen: ,X Kai. lanuar. Fridericus presbyter et monachus, 
istius loci quondam abbas . . .', in marg., zum Theile weggeschnitten: 
,XLUU annis . . . tavit Ried infirmis . . . anno 1326% und von jünge- 
rer Hand: ,Hic rexit 52 annis et multa bona fecit.^ 



433 

siebzehnte Abt von Lambach Sigmar geheissen habe and zo- 
TOr Mdncb in KremsmflDster gewesen sei. Die AuskOofte, die 
ich über diesen letzten Punkt erlangen konnte, gingen dahin, 
da^B die Tradition in Lambach die Kremsmünsterer Herkunft 
des Abtes Sigmar festhält. Aber ich habe bereits erwühot, 
dass diese Tradition keine alte sein kann, da Bmsch von ihr 
nichts weiss.' Die Sache klappt aber noch nach einer ande- 
ren Seite hin nicht. Dieses Cbronicon von 1865 sagt: ,1303 
Sigmarus. Griffone, Lambacensium electo, per episcopum Ber- 
nardam repulso, per archtepiscopum Salisburgensem quidem 
. eonfirmato, denique anno 1305 ultro cedente — Sigmarns, 
monachus antea CremifanenBis fratribus Minoribus sacelliun 
B. M. V. Welsii eonfirmavit , . .' Er soll dann — von Qaellen 
wird keine genannt — am 5. Juli (dabei ein Fragezeichen) 
1321 gestorben sein. 

Vor 1305 ist kein Sigmar in Lambach als Abt nachza- 
weisen. Erwählt war nach Christians Tode Griffo, der am 
17. April 1305 sein Amt in die Hände des Bischofs Bemhut 
von Paseau niederlegte. Davon, dass sein Nachfolger Sigmar 
aus KremsmUnster postulirt wurde, findet sich in keiner U^ 
künde eine Andeutung; wenn dem so gewesen wfire, so hfitte 
der Schreiber des Kromsmtlnsterer Todtenbuches seinen Sterbe- 
tag im Juli 1321 doch angemerkt, da zwiBchen Lambach und 
KremsmUnster Confratemität bestand. Die Tradition in Lam- 
bach durfte nach alledem auf eine blosse Combination zurQck- 
zufUhren sein: es kannte der Abt Sigmar derselbe sein, der 
sich vordem um die Herstellung wirthschafUicher Ordnung in 
KremsmUnster so grosse Verdienste erwarb. Diese Combi- 
nation lag dem Verfasser des ,Chromcon', F. Schmieder, am so 
nfther, als auch der damalige Abt Th. Hagn, dem er dia 
Werkchen widmete, aus KremsmUnster stammte und vom En- 
bischof Scbwarzenberg zum Abte von Lambach idenominiif 
wurde. 

Im Prologe zum ,Liber possessionum' wird bemerkt, dass 
die Aufzeichnung der G" "- > - - . t. . . , ^. > 



' .BroBchii Chronicon sive 
hunpt nicht an ; nach CI 
ganz andere Namen nenn 
iler Gene h ich I« enttprocb 



433 

in Kremsmünster durch Sigmar im Jahre 1299 vorgenommen 
wurde. Die Arbeit zog sich bis in das Jahr 1304 hinaus. Sig- 
mar legte ein schriftliches Elaborat vor, das dann ,in Bänden' 
besser angeordnet wurde: ,scriptam nobis attulit nostrorum 
reddituum totam summam^ Damit ist gesagt, dass der Ver- 
fasser des ,Liber possessionum' Sigmar ist. Wir können, wie- 
wohl sich das ,melius ordinäre' auch leicht anders deuten lässt, 
selbst annehmen, dass die ursprüngliche Arbeit Sigmars nach 
einem übersichtlicheren Systeme abgeändert wurde; in der 
Sache blieb doch stehen, was er zusammengestellt hatte. Im 
,Liber possessionum' lesen wir Fol. 46: ,Hec sunt feoda que 
nobis dominus Hugo de Morspach ex suis propriis possessioni- 
bus pro ecclesie nostre dampnis resignavit et a nobis in feodo 
accepit . . .' Fol. 45**: ,De censu ecclesiarum' u. s. w. Ist 
dieses Buch nicht dasselbe, von dem es im zweiten Abtskata- 
loge bei dem Abte Friedrich heisst: ,Item quidam ex suis pro- 
fessis monachus formavit quendam librum de feodatariis, mini- 
sterialibus, censualibus, fiscalinis, quem ortum ecclesie appella- 
vit' Sachlich wtlrden beide miteinander wohl übereinstimmen. 
Und finden wir nicht in dem Capitel ,De censu ecclesiarum' 
noch jene schon oben angeftihrten (protokollarischen) Angaben, 
die Dietmar von Hagwald dem Autor machte: ,ut mihi dixit' 
(Urkundenbuch, S. 378)? Dieses Buch führte den Titel: ,Hortus 
(ortus) ecclesie^ Derselbe Mönch aber, der dieses Buch ge- 
schrieben, hat aber auch Einiges über den Ursprung der Grün- 
dung und das Ansehen des Gründers geschrieben: ,Item de 
origine fondacionis et fundatoris dignitate quedam scripsit.' 
Nun wird von der ,origo fundacionis^ und der ,dignitas funda- 
toris* in der ,Narratio de ecclesia Chremsmunstrensi* gesprochen. 
Ein Capitel der ,Narratio^ führt den Titel: ,De origine et causa 
fondacionis monasterii Chremsmunstrensis*, ein anderes ,De pa- 
troni sublimitate'. Dass wir unter dem Werke ,De origine fun- 
dacionis et fundatoris dignitate' nichts Anderes zu verstehen 
haben als die ,Narratio de ecclesia Chremsmunstrensis' mit 
ihren zwei Abschnitten: ,De construccione* und ,De ruina ec- 
clesie*, steht demnach fest. Derselbe Autor hat somit dieses 
Werk und den ,Liber de feodatariis* etc. geschrieben. Wie 
nahe liegt es hier wieder, an Sigmar zu denken, und der Um- 
stand, dass eine und dieselbe Hand es ist, die beide Bücher 
geschrieben hat, kann diese Meinung nur unterstützen. 



434 

Dass diese im Mittelalter sehr gern gebrauchte Wendung 
mit ,Quidam', wenn der Autor sich selbst meint^ auch hier auf 
den Verfasser zielt und somit unter dem ^Quidam^ in beiden 
Fällen Sigmar zu verstehen ist, dafUr finde ich noch einen 
Beweis in seinen eigenen Schriften. In seiner ^Narratio de 
ecclesia Chremsmunstrensi' im Capitel ,De violentia episcopo- 
rum' (Mon. Germ. Eist. XXV, p. 648; Loserth, Geschichts- 
quellen von Kremsmünster, S. 103) liest man: ,Quod autem in- 
cunctanter predia cum privilegiis Chremsmunstrensis ecclesie a 
Pataviensibus teneantur, vivum et verum testimonium sie habe- 
mus* Nam circa annum domini 1308 quidam de fratribus 
nostri loci in ecclesie negociis veniens Pataviam, tantam custo- 
dis eiusdem ecclesie meruit graciam et favorem, ut cum in 
sacrarium introducens ipsa privilegia legere concederet et videre. 
Inter que privilegium quoque de usu infule vidit et legit, et 
quod sit occulte ipsis venditum, intellexit. Quod potest esse 
factum per Ottonem episcopum et nostrum custodem fratrem 
Chunradum Pellendorfarium tempore Ortolfi abbatis . . .' Wer 
ist dieser ,Quidam', der das Privileg über den Gebrauch der 
Infel durch die Aebte von Kremsmünster in Passau gelesen 
hat? Es ist der Autor der Noten im Cod. 610. Dort nennt er 
sich (Mon. Germ. Eist. Script. XXV, p. 635): ,Euius Ortolfi 
tempore creditur privilegium de infula abbatum nostrorum, 
quam habuit iste, esse venditum Ottoni episcopo Pataviensi a 
custode Eolenpergensi, quia in sigillo antecessoris eins vidi- 
mus ipsum sedere infulatum; ad cuius evidenciam idem sigil- 
lum in armario iussimus reservari^ Das kann andererseits 
nur Jemand von sich schreiben, dem wie Sigmar ein Ver- 
fügungsrecht über die Dinge zustand. Jemand, der sich nicht 
scheut, gelegentlich auch über den Abt einige schärfere Worte 
zu sprechen. 

Dass der Verfasser der älteren Theile des Cod. 610 und 
der Stücke in 401 eine und dieselbe Person ist, erhellt auch 
sonst aus einigen gelegentlichen Bemerkungen, von denen wir 
nur eine und die andere herausheben. Im Prologe zu seinem 
,ordo episcoporum* sagt er: , Verum quia nihil in humanis ad- 
inventionibus perfectum esse potest, si quid minus fecero aut 
ultra quam debeo vel forsitan erravero, quod non spero, dit 
genti adhibita caucione venia non negetur, cum a vetustissimis 
exemplaribus et diversis collegerim, que scribere cogitavi, licet 




435 

ad omnia que voliii exemplaria non potuerim pervenire/ Wenn 
der Verfasser, der dies schreibt, nicht derselbe ist wie der von 
610, so sagt er eine grosse Unwahrheit, deren man ihn zu- 
nächst in seinem eigenen Hause, wo man seine Thätigkeit 
genau kannte, geziehen hätte. Denn mit nichten ist dieser 
Autor des Stückes ,De ordine episcoporum Laureacensium' und 
der folgenden Stücke in 401 auf die ,vetustissima exemplaria' 
zurückgegangen. Die Arbeit, in diesen ,vetustis9imis exempla- 
ribus' zu forschen, war schon von dem Autor von 610 ge- 
macht, und der von 401 hat seine Vorlage einfach abgeschrie- 
ben.^ Die Redewendung ,cum a vetustissimis exemplaribus et 
diversis collegerim' finden wir aber ganz correct, wenn der 
Verfasser beider eine und dieselbe Person ist. Er hat dann 
in 401 seine früheren Arbeiten einfach neu geordnet, erweitert 
und ergänzt, in einigen wenigen Punkten auch verschlechtert, 
vorgelegt Er hatte auch weiter nicht nöthig, sich um die Er- 
forschung der Todestage der auf Snelpero folgenden Aebte 
grosse Mühe zu geben: was da geleistet werden konnte, hat 
Sigmar geleistet, und in einigen Sätzen, die 401 schreibt, träte, 
wenn man zwei verschiedene Verfasser annehmen würde, nichts 
als die Verlogenheit des zweiten zutage, der sich einer Arbeit 
rühmt, die der erste schon gemacht hat; denn wie könnte 
Bemardus Noricus so von seiner Arbeit sprechen: ,Circa quod 
notandum, quod multorum abbatum tempora non possunt vera- 
citer inveniri, quos tamen abbates Chremsmunstrensis ecclesie 
extitisse ex calendariis mortuorum et libro vite discitur mani- 
feste, sicut Wolframi Sigmari et aliorum. Equidem nee eorum 
omnium, quorum tempus regiminis invenitur, finis aut princi- 
pium valui perscrutari, sicut Siglmrdi, Snelperonis et aliorum 
. . . nihilominus tamen singulorum nomina notabuntur in ordine 
veriori et dies obitus ac sepulture locus.' Hier würde sich 
Bemardus einfach die mühevolle Arbeit Sigmars, über die im 
ersten Kataloge fast mit denselben Worten gesprochen wird, 
zugeeignet haben. 

Hält man alle Umstände zusammen, dass die Codd. 610, 
375 und 401 in der Anlage ganz oder theilweise übereinstimmen, 



* Wenn er dann hinzufügt: ,Unde et spatia vacua reservavi circa tempora 
singulorum*, so befolgt er auch nur das, wozu 610 das Beispiel gegeben, 
und wovon man sich in der von Waitz publicirten Tafel überzeugen kann. 




436 

dass iD den genannten Handschriften Tomehmlich drei Schiift- 
arten vorkommen, die auf eine einzige Hand zurUckzufOhreo 
Bind, und dass diese Hand es ist, die in allen jenen Sacheo 
zu thun hat, die in erster Linie auf die Festetellung der Rechte 
und Besitzungen des Stiftes KremEmUnster Bezug nehmen, daes 
als der Autor der StUcke in dem einen Codex Sigmar genannl 
wird, auf den nachweislich auch die ,Libri Fridericiani' la- 
rUckzufÜhren sind, erwägt man endlieh, daas Sigmar inneihalb 
der Jahre 1297 — 1320 nicht gestorben sein kann, da das Ver- 
zeichniss im Todtenbuche von KremsmUnster seinen Namen 
nicht nennt, so wird man wohl zu dem Schlosse gelangen, 
daas kein Anderer als Sigmar ea ist, auf den alle dem so- 
genannten Bemardus Noricua zugeschriebenen Arbeiten zurück- 
zuftlhren sind. 

Völlig erwiesen ist dies in Bezug auf den Abtskatalog 
des Cod. 610 sammt den biezugehöngen Noten. Wer aber 
wird leugnen wollen, dass mit dieser Arbeit daa Wesenthebe 
geleistet war, das der angebliche Bernardus geleistet hat? Wenn 
die Tradition Recht hätte, dass ein Bemardus den Cod. 401 
geschrieben hat, so könnte sich dies im äussersten Falle nur 
auf das Schreiben als solchea beziehen, aber dann mflsste 
seine Tbätigkeit als Schreiber auf viel mehr Handschriften ab 
allein auf den Cod. 401 aus 
Lösung wird indess gewiss nur 
sein. Das Wahrscheinlichste ist 
über die Zeit des Aventinus hii 

§ 11. Er 

Wenn wir den Verfasser d 
munstrensi' mit den berflhmten 
9, 36 über die erhabene Aul 
hören, so könnte man leicht n 
bedeutsame historiographische '. 
am Ende des 13. und am Anfan) 
wurde, auf die Vorliebe eines 
für die Geschichte zurllckzufllhj 
in der That ein Mitglied des 
schon der vorgelegten Probe 
und ihrer Bedeutung die höc 



437 

Grunde genommen hingen diese historischen Studien in Krems- 
münster sammt und sonders mit der Regelung und Sicher- 
stellung der Besitzverhältnisse zusammen, die man, durch arge 
Verluste belehrt und den Beispielen benachbarter Klöster und 
Stifter folgend, endlich in Angriff nahm. Diesem Zwecke zu- 
liebe wurde ein Urbar angelegt, die Urkunden inventarisirt und 
in ein Copialbuch eingetragen und ein genauer Katalog der 
Aebte von Kremsmünster angelegt. Begreiflicherweise mussten 
sich die Vorstudien auf eine Geschichte der Bischöfe von Passau 
und der Herzoge von Oesterreich und Baiern erstrecken; auch 
der Päpste, die dem Kloster manche Privilegien gegeben hatten, 
muBste gedacht werden.^ Solche Listen der Bischöfe von Passau 
und der Herzoge von Baiem fand man viele in der Nachbar- 
schaft. Man schrieb eine solche Liste ab und ging dann an 
die Abfassung des Abtskataloges. Diese Arbeit bot grosse 
Schwierigkeiten. Man hatte eine sichere Abtsliste nur inso- 
weit, als die Aebte in der ,Chronica annalis^ eingetragen waren; 
doch diese war erst 1142 angelegt worden. Wieviel aber war 
an historischen Materialien in den Magyarenstürmen verloren 
gegangen? Die Festsetzung der Reihenfolge der ersten Aebte 
bot daher die grössten Schwierigkeiten: die alten Todtenbücher 
und die Privilegien, die man neben der Chronik allein als 
Quelle benützen konnte, reichten nicht aus, um die vielen vor- 
handenen Lücken zu füllen. In mühevollster Weise wurde end- 
lich eine Abtsliste aufgestellt und in diese eingetragen, was für 
die Qeschichte von Kremsmünster bedeutungsvoll war: zunächst 
der Inhalt der Privilegien. Diese Abtsliste in Verbindung mit 
den hiezugehörigen Vorarbeiten und den Nachträgen zu ihr 
bildet den Inhalt der auf Kremsmünster bezüglichen Stücke im 
Cod. 610 der Wiener Hof bibliothek. 

So wie die Abfassung des Kremsmünsterer Urbars, so 
sind auch diese dem Fleisse Sigmars zu danken, der damals 
die eigentlichen Geschäfte als Kellermeister an ein anderes 
Mitglied des Stiftes abgab. Auf ihn ist auch die Abfassung 
des ,Auctarium Cremifanense' zurückzuführen. In der alten 
Chronik des Klosters fand er das Vorbild, nach welchem er 
seine Geschichtswerke anlegte, wie auch manche Archaismen 
auf dieses Vorbild zurückzuführen sind. 



* Urkundenbuch, Nr. 38—39, 41—45. 



438 

Dass Sigmar der Verfasser des Abtskataloges ist, wird 
aiisdrücklich angemerkt; da ihm die Untersuchimg der Besitz- 
Verhältnisse übertragen war und er zu dem Zwecke die Privi- 
legien des Klosters der sorgsamsten Untersuchung unterzogen 
hatte (votorum nostrorum affeccio perrexit ulterius, indagare 
omnia nostre ecciesie privilegia, que in tota bibliotheca pote- 
rant reperiri), so war es begreiflich, dass er den Inhalt dieser 
Privilegien bei der Erwähnung der einzelnen Aebte kurz ver- 
zeichnete. Um eine vollständige Kenntniss des gesammten 
Materials zu erlangen, war er genöthigt, auch die Archive der 
Nachbarschaft, namentlich das von Passau, zu durchforschen. 
In der That fand er dort nicht weniger als 16 Urkunden, die 
nach Kremsmünster gehörten. Ihren Inhalt, dann die Todes- 
tage der einzelnen Aebte und manche historische Notizen, die 
er in der ,Chronica annalis' fand, trug er auf den Rändern 
seiner Kataloge auf. In dieser Weise finden wir den Autor 
bis 1315 thätig. 

Wie aber schon vordem aus seinem Verzeichnisse der 
Besitzungen, Einkünfte und Rechte eigene, schön geschriebene 
Volumina angefertigt worden waren — wie wir vermuthen, 
von seiner eigenen Hand — so stellte sich auch das Bedürf- 
niss heraus, diese ,silva rerum^, die nun in den verschiedenen 
Katalogen angehäuft lag, in eine bessere Ordnung zu bringen 
(melius ordinäre). Zugleich sollte eine eigene Schrift von dem 
Entstehen, dem Wachsthume und dem Verfalle von Krems- 
münster Zeugniss abgeben. Das wurde in der ,Narratio de 
ecclesia Chremsmunstrensi' geschildert, deren zwei Theile dem 
genannten Gesichtspunkte entsprechend die Titel flihren: ,De 
construccione ecciesie' und ,De ruina ecciesie^ Der Ruin 
wurde vornehmlich auf drei Dinge zurückgeführt: die Invasio- 
nen der Magyaren, die Begehrlichkeit der Passauer Bischöfe 
und die Verschleuderung durch die eigenen Aebte. Im An- 
hange dazu wurden die alten Kataloge neu bearbeitet und 
eine Liste der Markgrafen und Herzoge von Oesterreich hin- 
zugefügt. Die neuen Kataloge enthalten im Wesentlichen nicht 
viel mehr als die alten, die sammt den dazugehörigen Noten 
das Concept zu den neuen KatalogeÄ bilden. Auch in den 
neuen Katalogen und in der ,Narratio de ecclesia Chrems- 
munstrensi' Hegt auf den Urkunden das Hauptgewicht So 
entstanden aus den Schriften des Cod. 610 jene Werke, die 



439 

sich im Cod. 401 zu KremsmUnster finden und seit den Tagen 
Aventins einem Mönche des Klosters, Bernhard dem Noriker, 
zugeschrieben werden. 

Dass diese Annahme wenig Berechtigung hat, ergibt sich 
aus inneren und äusseren Kriterien. Jene zeigen, dass ftir 
die Arbeit des angeblichen Bemhardus alles Wesentliche schon 
durch Sigmar gethan war, diese stützen sich auf eine Ver- 
gleichung der Schriften, indem die Gleichheit einiger zweifel- 
los von Sigmar herrührenden Stücke aus dem Cod. 610 mit 
der Schrift anderer Stücke dieses Codex und der Handschrif- 
ten 401 und 375 erwiesen wird. 

Von den Notizen Sigmars ist eine erhebliche Anzahl 
dem Kremsmünsterer Todtenbuche entnommen, das gleichfalls 
von ihm angelegt wurde, wie auf ihn möglicherweise auch 
noch die in jenen Tagen in Kremsmünster abgefasste ,Vita 
Agapiti^ zurückzuführen ist. Dass man seine Hand im ,Codex 
Millenarius und in so vielen anderen Handschriften aus der 
ältesten Zeit Bjremsmünsters wieder findet, zeugt von dem 
grossen Eifer, den er bei der schweren ihm zugefallenen Auf- 
gabe entfaltete. 

Im Todtenbuche zeichnet er noch den Tod seines Abtes 
ein; Fol. 4P: ^X. Kai. Dec. Fridericus presbyter et monachus 
istius loci, quondam abbas pie memorie (re)xit LUII annis . . . 
avit Ried infirm . . . anno domini 1326.^ Bald darauf wird er 
selbst gestorben sein, denn nur so ist es zu erklären, dass im 
Abtskataloge die Regierungsjahre dieses Abtes m'cht mehr von 
seiner Hand eingetragen und an einer anderen Stelle noch 
Lücken gelassen wurden, die man kaum erwarten sollte: ,Iste 
abbate mortuo anno sue elatis . . . ordinacionis . . . anno do- 
mini MCCCXX . . / 

Die vorstehenden Blätter suchten seine Verdienste in die 
rechte Beleuchtung zu rücken, wie dies auch früher schon, 
wenngleich nicht so weitgehend, Dümmler versuchte, wenn er 
sagt: Im Ganzen hat man den Werken des Bernardus Nori- 
cus bisher einen viel zu hohen Werth beigelegt, da man nicht 
erkannte, wieviel er seinem nächsten Vorgänger zu verdanken 
hatte. Meine eigene wissenschaftliche Ueberzeugung von der 
Sache habe ich seit einundzwanzig Jahren nur in unwesent- 
lichen Dingen zu ändern Ursache gehabt, ein genauerer Ein- 



440 

blick in das gesammte einschlägige handschriftliche Materiil 
hat die damals gewonnenen Anschauungen nur befestigen 
können. 



ANHANG, 



Nr. 1. 
Der LIber yitae ron Eremsmfinster. 

Im Codex Fridericianus findet sich auf Fol. 66** die Notiz: 
,Nota, quod in libro annalium, qui dicitur Liber Vite, habetur 
quod homines ibidem residentes cum suis posteris dedenmt ad 
censum V denarios' (siehe Th. Hagn, Urkundenbuch von Krems- 
münster, S. 87, Note 2). 

Damach wäre der Cod. 375 der Wiener Hofbibliothek, 
welcher die Kremsmünsterer Annalen enthält, einstens Liber 
Vitae geheissen worden und dieses Buch mithin nicht unter 
jene zu rechnen, deren Verlust seither zu beklagen ist. Des 
Liber Vitae wird sowohl in den Stücken des Cod. 610 als im 
Kremsmünsterer Codex sehr oft gedacht. In jenem finden sich 
folgende Stellen: ,Invenitur eciam quidam Bertoldus abbas, qui 
est scriptus libro vite pro testimonio censualium^ (Fol. 92* unten); 
in diesem: ,Circa quod primo notandum, quod multorum abba- 
tum tempora non possunt veraciter inveniri, quos tarnen abba- 
tes Chremsmunstrensis ecclesie extitisse ex calendarüs mortuo- 
rum et libro vite discitur manifeste . . . Anno 1040 prefuit 
Gerhardus tempore Heinrici regis filii Chonradi, ut habetur ex 
libro vite . . . Post hunc Berchtholdus creditur prefuisse, de 
quo eciam nihil constat, nisi quod in libro annalium in testi 
monium censuahum est adductus . . .' Zum letzten Male is 
der Geschichte des Abtes Friedrich: ,qua8 require in prologo 
libri vite . . .' 

Ebenso im Liber pri vilegiorum : ,PriviIegium huins re- 
quire in principio libri vite, in novo folio', Urkundenbach, 
S. 372, bezieht sich auf eine Urkunde Alexanders HI. ... Zu 
einer Urkunde vom Jahre 1189 wird bemerkt: ,Item de huius- 



441 

modi require in libro vite, capitolo: Omnium; et Privilegium 
de libertate pontis in Wels ex parte Fridrici de Ror require 
in medio libri vite . . / 

Sehen wir nun in den ^Annales Cremifanenses^ nach^ so 
wird darin der Berchtoldus gar nicht genannt, geschweige denn 
die ^quinque censuales homines ibidem residentes . . / Zum 
Jahre 1040 wird Abt Gerhard nicht genannt, sondern erst zum 
Jahre 1044 und auch da von einer Hand des ausgehenden 
13. Jahrhunderts und mit HinzufUgung (von zweiter Hand): 
ycirca hec tempora sui plus vel minus/ Ebenso stimmen alle 
anderen Angaben mit dem Annalenbuche, d. h. dem Cod. 375, 
nicht zusammen. Es wäre nun freilich nicht unmöglich, dass 
man in der Zeit des Abtes Friedrich von Aich noch ein zweites 
Annalenbuch angelegt hätte, in das man dann verschiedene 
Nachträge eingezeichnet hätte, wahrscheinlicher ist aber doch, 
dass das Wort ,Annalis' an der obengenannten Stelle gar nicht 
die Bedeutung unseres ,Jahrbuch' hat, sondern entweder die 
^Messen' bedeutet, die an bestimmten Tagen filr die an diesen 
Tagen verstorbenen Wohlthäter zu lesen sind, wie man solche 
Stellen mehrfach findet,^ oder die Einkünfte, die in Qemäss- 
heit der letztwilligen Anordnungen eines Gönners des Klosters 
an einem bestimmten Tage des Jahres dem Convente auszu- 
folgen sind,* oder endhch überhaupt eine Art jährlicher Ein- 
künfte.* 

Nr. 2. 
Zar Tita sanctl Agapltl. 

Die zur Vita Agapiti gehörigen Stücke finden sich im 
Cod. 401 auf Fol. 85»— 104»»; die Vita selbst steht Fol. 87* 
bis 96*»; ihr geht eine Erklärung des Namens Agapitus voraus, 
und vor dieser befindet sich der Prolog, dessen wesentlicher 
Inhalt bereits oben vermerkt wurde. Fol. 87* folgt: ,De sancto 



^ Jtem lego sex libnu ad duos annales faciendos . . .' Da Gange I, 2ö6; 

auch annale = Anniversariam = dies qni pro mortuis celebratur singulis 

annis . . .* Ebenda. 
' »Annale, qaod pro defüncto singniis annis aut saltem per nnura annum 

datur vel conventni Tel pauperibus.* Da Gange, 1. c. 
' ,Annales, censns annni species: et qaestas et toltas et albergas et man- 

datos et Annales census et asos . . .' Da Gange, ibid. 



442 

Agapito martyre Christi', dann Fol. 97' ein ,sermo de sancto 
Agapito martyre^ Ueber die Etymologie des Namens wird 
sehr breit gehandelt.^ Die Geschichte des aus Präneste stam- 
menden Heiligen erzählt der Autor in verhältnissmässiger Kürze 
ohne charakteristische Einzelnheiten, was sich ja nach dem m 
der Einleitung Gesagten begreift. Wir fügen eine längere SteUe 
an, weil man aus ihr des Verfassers Art zu arbeiten ersieht: 
,Huius autem gloriosi martyris Christi ossa dehinc (de Prae- 
nestina urbe) circa annum domini 770 translata sunt in fines 
Wawarie provincie Germanie inferioris (sie) et locata in mona- 
sterio sancti Salvatoris ordinis sancti Benedicti Pataviensis dio- 
cesis, quod situm est in Pago TraungSBu super alveum Chrem- 
sam, a quo eciam nomen traxit. Hie locus est tyrocinii nostn 
testis et in quo de tanti martyris reliquiis gratulamur. Porro 
eiusdem translacionis scripta proh dolor non habentes, tum qoia 
aut vetustate vel incendio vel negligencia perierunt, aut quia a 
raptoribus sunt ablata, hoc su£Scit scire. Et quod eins pre- 
sencie perhibent testimonium scripture in eiusdem ossibus figo- 
rate et diversarum curaciones infirmitatum, quas non solom 
legimus sed oculis vidimus, et veraciter testes sumus.^ 

,Sed ad hoc, quod beatus leronymus dicit, quod passos 
sit sub Antyocho rege potest dici, quia Aurelius Antyochum ex 
preside regem fecit vel quod errore scriptoris positum est 
Antyochus pro Aurelio, sicut in legenda sancti Cyriaci Maxi- 
mianus ponitur pro Galerie et in sancti Laurencii Decius pro 
Gallieno et in sancte Katharine Maxencius pro Maximo. Kam 
nuUus rex vel imperator huius nominis cirea hec tempora re- 
gnasse ex cronicis Orosii, Ysidori, Eusebii, Honorii vel 
Martini invenitur. At contra: Martyrologium id, cui pre- 
mittitur prologus sancti leronymi, non est eins, quia in eo 

^ fAgapitus dicitur ab Aga quod est festivus vel solempnis vel loquens 
vel meditans et Patos, quod est passio, vel pedos, quod est puer . . • 
vel dicitur ab Agapeo pei, quod est donum datum ex dileccione . ■ ■ 
vel dicitur ab Ago, quod est facio vel procuro et patos . . . vel dicitur 
ab AgoSf quod est sanctus, et patos, quia sanguine tinctus . . . vel dicitor 
ab A, quod est sine, et Geos terra, et Patos . . . vel dicitur ab Ago, quod 
est doceo et pedos, quod sonat pueros . . . vel dicitur a Capite, qncd 
ideo creatum est sine came secundum pbilosophum, ut velodoris et 
melioris sit sensus et quia ipse optimum caput habuit . . / Zu jeder 
einzelnen Ableitung werden die entsprechenden ausführlicheu Motive 
angefügt. 



443 

plarimam mencio fit sanctorom, qui post saa tempora clarue- 
rant. De hoc martyre eciam dicit Honorius: Sab hiis impera- 
toribos scilicet Lucio Aurelio Commodo et fratre eius Marco 
Antonino Vero quarta persecucio christianorum est exorta et 
multa martjrum millia Rome^ Crete, in Sjria et in Alexandria 
sunt martyrio coronata, in quibos et Agapitus puer quindennis 
apud Prenestinam martyrio coronatur . . / 

Die Predigt, welche sich an die Legende anschliesst, ent- 
hält keine bemerkenswerthen Angaben, aus denen sich über 
Zeit und Autor etwas feststellen liesse. In der Legende finden 
sich, wie schon oben bemerkt wurde, einige historische Notizen 
aus der Zeitgeschichte. Die Ereignisse, die erwähnt werden, 
liegen freilich ziemlich weit auseinander. Zu unseren Zeiten, 
heisst es, ist der Herzog Stephan von Baiem zum Erzbischof 
von Salzburg gewählt worden. Das geschah 1290. Albrecht 
von Oesterreich, von dem gesagt wird, dass er Bischof von 
Passau war, ynirde 1313 gewählt. Da nun der Prolog der 
,Vita Agapiti^ davon spricht, dass er 1300 geschrieben wurde, 
so ergibt sich, dass der Theil der ,Vita^, in welchem von der 
Bischo&wahl Albrechts gesprochen wird, um ganze dreizehn 
Jahre später geschrieben wurde als der Prolog, oder dass die 
,Vita^ vielfache Nachträge erhielt. Und da muss gleich von 
vornherein bemerkt werden, dass nicht die ganze ,Vita Aga- 
piti' von einer und derselben Hand geschrieben ist, und dass 
die obige Angabe des Jahres 1300 sich mit den sonstigen An- 
gaben geschichtlicher Art gut vereinen lässt. 

Der Verfasser, der sich im Prologe meldet, ist in schrift- 
stellerischen Sachen ein Anfänger: ,Rogo autem humilibus Ute- 
ris ac desideriis tocius cordis, ut super huiusmodi presumpcione 
devota seu devocione presumptuosa, qui hec legeris, veniam 
mihi prestes et moneo nichilominus quam attente ne hiis quasi 
mea auctoritate utaris in publice sed nee passim in cubiculo.' 
Er besitzt, wie man merkt, ein starkes Lampenfieber. ,Sed,^ 
fkhrt er fort, ,ut occasione accepta ex hiis que scripsi satis- 
faciens meo voto vel obediens imperio senioris alia edas scripta 
aat saltim (sie) ista corrigas.^ Dieser Wunsch ist ihm erfüllt 
worden, und es war auch wirklich nothwendig, diese Sachen 
zu überprfLfen, denn abgesehen von der stihstischen Unbeholfen- 
heit, die er fast in jedem Satze kundgibt, zeugt des Autors 
Schrift von einer solchen Unkenntniss im Schreiben, dass man 

IrohiT. LXXXI. Bd. II. H&lfU. 30 



INHALT. 



Ei^<»{t3iae Stf 

m^Asfier saser <fem Abte Frjtdrv'.h tob Ajr& 

§ 2L I>*r C-i*i Fn.i^r>.{jLm» 

•/ I>M ITrtAruEB d<« Abc«« FrieirKk v«« Am^ . 3K 

4, Dw Liber pnriiepigm 3A 

S 3l I>M Tft^mmhnfh 4ea Ate» Fmiiick v« Amh Ml 

I 4^ Die Ta» wamtd A^ipcti J« 

«^ Der C'jd. PjI ia Kr»msmeMter . . S?t 

\ Iter C>d_ «:•> der Wiener Hcfi:':;:-. ca«k 37* 

c. Der C>L 373 <i5r Wl^cer H--ri:=U-ti*k 

§ «. Die OriÄror der BI^Ii*>c&ek tqh 

Frieilriek ▼on Aick 

§ 7. Zweck 4er Bhc^o^i- «wi HermfslLito » C*^ <!• 

§ «L Der ente AbCiUteloe «ad leiB T« 

§ 9. DMYcrhihuM 

\ ^" TVrrii in in ITif ImiHi ■im' Im t^rMirhr ffw^riM TfwkM 41i 
§ II. Br;refcni*«e 4K 

410 

1. Der Lib«r rita^e m Kremsoilsstcr 44i'> 

2. Zur Vita sa£«ti Azmciü .... 441 



Ln.sEKTH. Sig-iuar und Bernhard von Kremsmünster 



Taf. I 






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444 

sich nicht wundert, wenn schliessUch ein Anderer ihm die 
Feder aus der Hand nimmt und den angefangenen Faden 
weiter spinnt. Die Verbesserungen dürften, was man zum 
Theile noch sehen kann, auch stilistischer Art gewesen sein: 
Fol. 85* (2. Columne, Zeile 2 von unten) hatte er geschrieben: 
,ante me intemptata ausus fuerim usurpare.' Der Ausdruck 
,usurpare' passt nicht, darum schrieb der Corrector darüber 
,adtemptare'. Andere Correcturen sind zahlreicher. Sie be- 
treflfen ausgelassene Wörter. Fol. 85**: ,qui^ in dem Satze ,timc 
foit domini 1300«»; Fol. 85V ,videram ut'; Fol. 85»* macht er 
aus dem sinnlosen ,as8igat^: ,assignatum^ Fol. 86* ergänzt er 
ein ausgebliebenes: ,scito tamen'; Fol. 86** bessert er ,a quam 
exequendam^ in: ,ad quam exequendam^ u. s. w. Man sieht 
schon daraus, dass sich hier auf einem Blatte ungewöhn- 
heb viele Fehler finden. Und dabei ist dem Corrector noch 
der eine und andere entgangen. So steht an einer Stelle 
(Fol. 85') statt ,exemplum de eo habemus': ,exemplum Deo 
habemus'.^ Im Allgemeinen gewinnt man den Eindruck, ak 
habe der Schreiber bisher sehr wenig mit der Feder ge- 
arbeitet: er weiss die Wörter nicht geschickt genug anf die 
Zeile zu vertheilen, so dass er genöthigt ist, ungewöhnhche 
Umbrechungen vorzunehmen, z. B. Fol. 85 endet die Zeile mit 
,s(er)mo(n)^, wobei die in Klammem stehenden Buchstaben die 
Abkürzungen andeuten; das noch fehlende e setzt er auf die 
andere Zeile; er schreibt ,ac deine* statt ,divino', weil er nicht 
weiss, wie man richtig das Wort zu kürzen hat; er kürzt 
,porro' (p'®), wie man es nicht gewohnt ist, schreibt ,inperro* 
statt ,inperio', ,armantibus^ statt ,animantibus^ Das sind Dinge^ 
die man von einem Schreiber, sei es nun Sigmar oder Bern- 
hard, nicht erwartet; denn ob man nun an den Einen glaubt 
oder den Anderen verficht, wie dies Waitz thut, wir wissen, 
dass er um 1300 schriftstellerisch thätig ist und eine gute 
Feder führt. Das, was auf Fol. 85'— 86» sich findet, kann 
daher weder der Eine, noch der Andere geschrieben haben. 
Die Unbeholfenheit des Schreibers des Blattes 85 ist eine 
geradezu klägUche, und wir begreifen seine Bitte: ,Non enim 
(et [sie!]) mihi in hoc estmo (corrigirt von anderer Hand: 
estimo) derogari, dummodo amateria (sie) tam nobili et (fehlt, 



^ Ebenso ,a saam gloriam' ; oder ^ic' statt ,sicat' ; ,admode* statt ^modam*. 



445 

von anderer Hand ergänzt) utili imo (corrigirt: immo) neces- 
saria non recedas. Scito tarnen (beide Worte am Rande er- 
gänzt), quod hec ipsa manos transierunt arehydiaconi Paduani 
et aliorum literatorum virorum, qnibus ea idem archydiaconus 
commiserat corrigenda. Si vero nee alia scribere nee suseipere 
ißta placet, hec saltim (sie) que de diversis . . / 

So weit reicht diese Hand. Oflfenbar wurde ihr die Feder 
genommen, und dieselbe, die den sogenannten Bernardus ge- 
schrieben, corrigirte die vorhergehenden Fehler und führte nun 
den Text weiter, und zwar in derselben leichten und eleganten 
Weise wie dort. Auch hier finden wir wieder die drei Schrift- 
arten: Textschrift, kleinere Schrift in den Nachträgen und die 
ganz feine Schrift, in der er hie und da sein ,Nota^ anbringt 
oder eine Bibelstelle citirt. 

Es ist nach dem, was im Prologe bemerkt wird, wahr- 
scheinlich, dass eben der Mönch, dem die Bücher in der 
Bibliothek wohl bekannt waren, ^ und der im Passional die 
Legende des Schutzheiligen im Stifte vermisste, einen seiner 
jüngeren Genossen auflForderte, eine solche zu schreiben. Dass 
man da in erster Linie an Sigmar als jenen denken wird, der 
zu der Arbeit die Anregung gab, liegt auf der Hand. Da sich 
aber der Autor seiner Aufgabe wenig gewachsen zeigte, wurde 
sie ihm von Sigmar abgenommen, und dieser wird es gewesen 
sein, der die Arbeit ergänzte und ins Reine schrieb. 



^ Siehe oben § 6. 



30* 



INHALT. 



Seit« 

Einleitung S49 

§ 1. Allgemeine Bemerkungen über die literarische Thätigkeit in Krems- 
münster unter dem Abte Friedrich von Aich 3&3 

§ 2. Der Codex Fridericianus »W 

a) Das Urbarium des Abtes Friedrich von Aich SM 

h) Der Liber privilegioram SM 

§ 8. Das Todtenbnch des Abtes Friedrich yob Aich 3«1 

§ 4. Die Vita sancti Agapiti 366 

§ 5. Die historischen Arbeiten in Eremsmünster aus der Z^t Friedrichs 

von Aich und ihre handschriftliche Ueberliefening 370 

a) Der Cod. 401 in Kremsmünster 370 

i; Der Cod. 610 der Wiener Hof bibliothek 879 

c) Der Cod, 376 der Wiener Hof bibUothek 388 

§ 6. Die Ordnung der Bibliothek von Kremsmünster unter dem Abte 

Friedrich von Aich 386 

§ 7. Zweck der Bischofs- und Hersogsliste im Cod. 610 390 

§ 8. Der erste Abtskatalog und sein Verfasser 393 

§ 9. Das Yerhftltniss des ersten Eum «weiten Abtskataloge. Die anderen 

Kataloge 406 

§ 10. Der Cod. 401 in Kremsmünster und der angebliche Bemardos Noriena 416 

§11. Eigebnisse 436 

Anhang 440 

1. Der Liber vitae in Kremsmünster 440 

2. Zur ViU sancti Agapiti 441 



. Sigmar und Bernhard von Eremeününgter. 



LosERTH. Sigmar und Bernhard von Kremsnmnster. Taf. II 



«fit Miitn'^n^gUctu.i tfq» 

lvt^•mih«^^Jiftnlatt#^i <^fäA^ofRtiui;^y)|)abrdl> 

ecb.tf a Hem^ AM .f. <^ 2^«^^lr'bofpt«At^ 

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^Jf Aimwi ii^eimAUu ^ a^ icv . ^c^ 6'amAl'« 

^IfCfltitcit '4^>l<s>iAlliai«rMftnttftt 

mJft# c.T^tifiM.^f^AW.Ä^v'- 



Aus tlnu Alitskat.iIoLT (l«> Cod. 401 in KroiHMnüiir^tcr 



c 



( A(ilu;^i;iiihie ilt-i ^ug', uuuut''U iJei ii.irdas Ntaicu>.) 



BEITRÄGE 



ZUR 



STÄDTE- UND EECHT8GE8CHICHTE 



OBERUNGARNS. 



VON 



D" FRANZ VON KR0NE8, 

OOBEISPOHDURBNDni mTGLIEDB DER IAI8. ▲KADBHIB DBB WUWENSCHUTBir. 



Vorbemerkung. 



Der Verfasser bietet unter diesem Titel dreierlei Bei- 
träge zur Städte- und Rechtsgeschichte Oberungams. 

Die I. Abtheilung: ,Analekten aus dem Easchauer Stad^ 
archive' enthält acht Urkunden und deren sachliche Erläuterung. 
Zwei davon gehören der Epoche der ,Böhmen in Oberungam^, 
den Zeiten Jiskra's von Brandeis an; drei fallen in die Zeiten 
K. Mathias Corvinus und gewähren uns den Einblick in ztLnftige 
Verhältnisse und gewerbUche Interessen der Stadt^ abgesehen 
von ihren spracUichen Eigenthümlichkeiten^ während die drei 
letzten Urkunden den Thronkrieg zwischen König Wladislaw 11. 
von Böhmen und Ungarn mit seinem Bruder Albert und dessen 
Folgen fUr Easchau beleuchten. 

Die n. Abtheilung: ,Zur Geschichte der königl. Frei- 
stadt Zeben^ versucht es, aus einem Bruchsttickwerk hand- 
schriftlicher Aufzeichnungen die wechselnden Geschicke einer 
der Deutschstädte des Säroscher Comitates in der Strömung 
der Jahrhunderte aneinanderzureihen. 

Die in. Abtheilung: ,Zwei deutsche Rechtshandschriften* 
untersucht einerseits die zwei Theile eines im Jahre 1599 ver- 
fassten Manuscriptes, deren erster eine jüngere Fassung der 
sogenannten Zipser Willkür oder des Landrechtes der Zipser 
Sachsen enthält und gewisserraassen in der Mitte zwischen 
dieser Rechtsaufzeichnung und jener Articulirung der ,Zipser 






- --«etn^ __ 



450 

Willkür' steht, welche sich in einem Göllnitzer Formelbuche 
aus dem Jahre 1666 findet und vom Verfasser im ,Ärchiv 
für Kunde österreichischer Geschichtsquellen' 1865 besprochen 
wurde, während der zweite Theil eine Bearbeitung des Sieben- 
bürger Landrechtes bietet, und verzeichnet anderseits die 
Capitel einer Handschrift unter dem Titel: ,Der Bergstetter 
geschriben Recht und Freystetter geschriben Recht,' die sich 
als Privatarbeit des Tyrnauer Stadtrichters Raimundi ,zu Nute 
und Frommen seiner Kinder' herausstellt und ab systemati- 
sches Handbuch des persönlichen und dinglichen Rechtes und 
der Rechtshandlungen nach den Grundsätzen der Jurisprudenz 
erscheint. 



Erste Abtheilung. 
Analekten aus dem Kasohauer Stadtarchive. 



Das hier Gebotene entstammt der Zeit meines berufs- 
mässigen Aufenthaltes im Hauptorte des ostungarischen Berg- 
landes ^ Studien y die ich als wissbegieriger Gast der alten 
deutschen Ansiedlungsgemeinde mit frischem Behagen am be- 
deutenden Geschichtsleben Kaschaus in den Räumen des Stadt- 
archivs betrieb. Manches von dem, was ich später nach der 
Rückwanderung auf den Boden Cisleithaniens als Excerpt oder 
Abschrift mit mir nahm und als Aehrenlese Uebgewordener Thätig- 
keit verwahrte, schien mir der VeröflFentKchung werth, und so 
biete ich denn eine Reihe solcher archivalischer FindÜnge, die 
ich, in Gruppen geordnet, zunächst inhaltlich würdigen will. 

I. 

Ans den Zelten Jiskra^s Ton Brandeis (1444, 1449). 

Die erste der im Anhange mitgetheUten Urkunden fMlt 
in die Zeit der Machthöhe des Söldnerführers nach harter Be- 
drängniss. Jiskra, der oberste Feldhauptmann der Königs- 
witwe Elisabeth und des nachgebomen Sohnes Ladislaus, wie 
dies eine von ihm veranlasste Inschrift im Kaschauer Elisabeths- 
dome noch heute verkündet, hatte den Handstreich des Erlauer 
Bischofs Simon Rozgonyi gegen Schemnitz, anderseits den An- 
griff der polnischen Hauptleute Eomorowski und Czaika auf 
Eperies, den Hauptort des Säroscher Comitates (1442), durch 
den Sieg vor den Mauern der letztgenannten Stadt und durch 
die Erfolge innerhalb des Gebietes der Grundner Bergorte und 
der Gemarkung des Zipser Sachsenlandes gründUch wettgemacht 
und den Erlauer Bischof zu einem Waffenstillstände gedrängt, 



452 

welcher anfangs September 1443 zu Neudorf (Iglö) in der Zips 
abgeschlossen wurde^ dem ^Hauptmann von Kaschau' den Besitz 
dieser Stadt^ Leutschaus^ ,und der anderen Städte und Festun- 
gen des Berggebietes' (Kremnite, Schemnitz^ Neusohl, Königs- 
berg, Pukancz, Libethen) zuerkannte und bis zum 8. Mai 1444 
währen sollte.^ Der 2. Februar 1444 wai* zur Au&ahme der 
eigentlichen Friedensunterhandlungen ausersehen.* 

An der Wende dieser Kriegsvorfklle war jedoch (24. De- 
cember 1442) die schwergeprüfte Königswitwe und Mutter des 
habsburgischen Anwärters der BLrone Ungarns eines jähen Todes 
verstorben; sie hatte die Möglichkeit eines gedeihhchen Reichs- 
ftiedens mit sich ins Grab genommen und anderseits mit dem 
bitteren Geftihle die Augen geschlossen, dass ihre Qeld- ond 
Machtmittel nicht hinreichten, ihrem Sohne den Besitz Ungarns 
zu erringen. Hatte doch schon früher Jiskra von Brandeis bei 
aller Umsicht und eisernen Willenskraft ftlr Sold und Verpflegung 
der schwierigen Söldner nicht leicht das Nöthige aufzubringen 
vermocht, und die Bedürfnisse wuchsen in dem Masse, in 
welchem die Bezugsquellen mit dem guten Willen der Land- 
und Stadtbevölkerung, die unbequemen Söldnerrotten zu ver- 
pflegen, schwanden. 

In die Zeit vor dem wichtigen Ofner Reichstage, der, vom 
polnischen Parteikönige Ungarns, dem Jagellonen Wladislaw, ein- 
berufen, den 18. April 1444 seinen Abschluss fand* und auch 
Jiskra von Brandeis, mit Geleitsbrief des Königs, unter den Be- 
suchern zählte, fUUt die ausfUhrUche Urkunde, in welcher Jiskra 
von Brandeis die Treue und Opferwilligkeit der Kaschauer rühmt 
und sich vor Allem als Schuldner filr die Summe von 16.388 
Gulden in Gold einbekennt. Wir merken der langärmligen 



^ Kaprinay, Hung. dlplom. temp. Mathiae Corrini I. dissert Y., Katona, 
HUt. crit Xni, 283. Die Urkunde bei Teleki, Hunyadiak Kora, XI.B<1, 
p. 135, Nr. 62. Vgl. auch Hatvani (Horvdth M.) im »Magjar tört^n. tir 
IX. (1861), »Magyar regest^k* (aus städtischen Archiven), p. 145—147, 
und ,Mon. Hung. Hist. I. A. Diplom.*, I. Bd. Vgl. auch Krones, Die 
böhmischen SOldner im Ostlichen Obernngam (Progr. des Qraxer akaH. 
Gymn. 1862), und Kwiatkowski, Jan Giskra z Brandysn. Lembeig 
1886. 

' Die Hauptpunkte der Neudorfer Abmachung drehten sich um die Hintan- 
haltung der Gewaltthaten aller Art und um die Zahlung des Geld- nnd 
Victualienzinses an Johannes Jiskra. 

3 Kovachich, ßylloge decretorum comitialium i. r. Hung. I, p. 74— W 



453 

Sprache der Urkunde sogleich an, dass sie der Feder des 
Rathschreibers entstammt, dass die Stadtvertretung selbst be- 
müht ist, ihre Verdienste um den habsburgischen König Ungarns 
und den Verfechter seiner Rechte nachdrücklichst zur Geltung 
zu bringen, und dies erweist auch die lateinische Schlussformel 
der Urkunde, die ,in Gegenwart Herrn Jiskra's von Brandeis, 
d^ obersten Feldhauptmannes^, ausgestellt wurde, als er ,niit 
lebendiger Stimme im Rathe der Stadt Kaschau weiltet 

Die Urkunde^ hebt mit dem Nachweise an, dass die 
Easchauer Stadtgemeinde ihm als Hauptmann der Königin 
Elisabeth und ihres Sohnes Ladislaus mit ,ganzer Treue^ an- 
hing und die angeführte Summe vorschoss, an mancherlei 
Heerfahrten sich mit Wagen und Aufgebot zu Fuss und zu 
Ross gegen die gemeinsamen Feinde betheiligte und daher für 
ihre treuen Dienste, Mühen und Leistungen der ewigen Dank- 
barkeit Jiskra's versichert sein könne. 

Wir wissen allerdings, dass die Kaschauer Bürger nach 
dem Ableben der Königin Ehsabeth und angesichts der Macht- 
stellung des jagellonischen Ungarnkönigs keineswegs gewillt 
waren, ihre Parteistellung hervorzukehren, sondern vielmehr 
sich beeilten, mit K. Wladislaw auf guten Fuss zu treten, denn 
eme Urkunde des Letztgenannten vom Jahre 1443 lobt die Er- 
gebenheit der Elaschauer.' Solange der stramme Söldnerfuhrer 
die Hand über ihrem Stadtwesen hielt, mussten sie sich aller- 
dings seinem Begehren fügen, wie müde sie auch des wüsten 
Parteikrieges waren.^ 

Die zweite Urkunde vom 19. Juli 1449 gehört einer Zeit 
an, welche die Stellung Jiskra's von Brandeis als königlicher 
Feldhauptmann wesentlich verändert zeigt. "Allerdings hatten 
sich seit 1445 die Reichsstände in ihrer Allgemeinheit zur An- 
erkennung Ladislaus Posthumus' bequemt, aber die Tage der 



^ Pergament-Urkunde (Acta Politica Nr. 232). Eine zweite Urkunde (Nr. 236) 
bezeugt einen neuen Vorschuss von 3300 Gulden. 

' Timon, Cussovia yetus et nova, gedruckt 1732 zu Kaschau, p. 56, und 
Teleki, a. a. O. X., p. 123. 

' Eine willkommene Zusammenstellung der Auslagen der Kaschauer Ge- 
meinde in der Epoche Giskra's, insbesondere 1440 — 1445, bieten die 
kürzlich (1892) von L. Kemönyjun. herausgegebenen Bechnungsbücher 
unter dem Titel: ,ELa8sa vdros r^i szimadAs-kOnyvei 1431 — 1553/ 
Kaschau, Verlag Adolf Maurer, S. 22—30 (in deutscher Sprache). 



464 

oUgarcbiflcben Verwaltung Ungarns durch Reichshauptleote gin- 
gen zu Ende, und die Wahl Johannes Hunyadi's zam Reichs- 
verweser (1446) legte die ganze vollziehende Gewalt in die 
Hände eines Maunes, der entschlosBen war, mit den Söldn«-- 
rotten Oberimgams aufzurftumen und den kriegetachtigen, un- 
beugsamen Jiskra an die Wand zu drucken. Aber auch dessen 
Hachtkreis hatte inzwischen wesentliche Veränderongen er&b- 
ren. Jiskra's Soldnerrotten fanden allerdings noch immer in 
Ostungam ihren Halt, so im AbaujvÄrer, Säroacher und Zipser 
Comitate, sie besetzten Qdlszäcs und Homonna in der Zempliner 
Gespanschaft und waren auch in Gömör heimisch gewOTden. 
Aber sie begannen auch da und dort auf eigene Faust zu 
wirthschaften; Barczal von Dobra, dem wir 1445 als ,Statt- 
halter' Jiskra's in der Zipa begegnen, zeigt sich später anch 
nicht verlässlich. Der Reichstagsabschied vom 23. März !447 
drängt auf eine Räumung der Städte von Seite der Söldner, 
und Hunyadi rüstet von 1448 auf 1449 zu einem Hauptschlage 
gegen die wichtigste Stellung Jiskra's, das westungarische Gebiet 
der Bergstädte, das der bOhmiBche Feldhauptmann vor Allen xa 
decken bestrebt sein musa. Aber er bUeb ebenso entschlosaen, 
seinen Einfluss in den ostungariscben Städten, so namentlich in 
Kaschau, Leutschau, Eperi «— — i» 

sich im Bewusstsein, dass 
Zumnthungen^ des ungari 
Die Urkunde vom 1 
selbst sich Jiskra in Kriej 
Kaschauem sein Wohlbe 
(Kaschaner) Münze an K 
Stelle bezieht sicG auf di 
OBtungarischen Städte.^ W 
schon Herren um den 4, Ji 
fallen wollen, was aber mi 



' S. Jnni U19 forderte der 
dem schon in der FaatoDH 

g'leich Abgeordnete behuä i 
KoTSchich, Suppl. ad Tee 

* Anhang, Hr. II, 

* Vgl. Ko»achlch, Snppl. a 
Ai onttgo» tanic« 6t orsE 

* ,nu am fhreytage acht tage'. 



455 

Peter Eolar und andere Getreue Jiskra's in die Hände ge- 
rathen. Hätten die Bevollmächtigten der Easchauer, wie sie 
beabsichtigten, die Reise nach Ofen angetreten, so wäre ihnen 
ein Gleiches begegnet. Sie sollten daher auf der Hut sein. 
Schliesslich fordert Jiskra die Stadtgemeinde auf, seinem Münz- 
meister in Allem behilfUch zu sein. Wir stehen am Beginne 
des Krieges, der nach dem Erfolge Jiskra's vor Somos und 
Eremnitz gegen Sz^kely und Hunyadi durch polnische Ver- 
mittlang zur Abmachung einer Waffenruhe von Anfang De- 
cember bis 25. Juli 1450 ftLhrte, worauf zu Kaschau in der 
Osterwoche des Jahres 1450 Jiskra den Städten Easchau, 
Leutschau, Bartfeld, Eperies, Eremnitz, Schemnitz und Neu- 
sohl einen Friedensbrief ausstellte.^ 



n. 

Ans dem gewerblichen Leben Easchans In den Tagen 
K. Mathlas Corrlnns* (1475, 1482, 1483). 

Aus staatlich geordneten Verhältnissen, aus einer Zeit, 
deren kriegerische Verwicklungen Ungarn nicht unmittelbar 
berührten, treten drei Zeugnisse für die rege gewerbliche 
Thätigkeit Easchaus an uns heran. 

Den Reigen eröffnen (Nr. IV) die Satzungen oder Statuten 
der Easchauer ,Bruderschaft der Steinkrämer^ Offenbar haben 
wir es mit der Zunft oder Innung jener Erämer oder Eauf- 
leute zu thun, welche in ,steinernen^, gemauerten Läden oder 
Kramen, die sie laut der in Rede stehenden Urkunde ,vor 
langen Zeiten^ von der Gemeinde käufUch erwarben, ,erbhch* 
besassen und dafUr jährUch einen Zins entrichteten, ihre ge- 
mischten Waaren feilboten. 

Der erste Punkt dreht sich um die Einschränkungen des 
Waarenvertriebes der ,Au8länder^ oder Solcher, welche nicht 
das Bürgerrecht der Stadt Easchau besitzen, die weiteren 
Satzungen um die Regelung des Verkaufes einzelner Waaren- 
gattungen. 

Die nächstfolgende Urkunde vom Jahre 1482 (IV) bietet 
die Satzungen der Easchauer Gerberzunft, eines in Ungarn 



* VgL Teleki, X, p. 119, und Hatvanl, a. a. O. I, p. 162, Nr. CXX. 




456 

besonders früh und namhaft entwickelten Gewerbes. Es sind 
im Ganzen 45 Artikel, von denen 16 — 33 mancheriei Ab- 
änderungen enthalten und 34 — 45 in grösserer Schrift auf der 
Rückseite der Urkunde angebracht erscheinen. Die Artikel 
1 — 11 haben vorzugsweise mit der Standesmoral^ der Ehrung 
der Todten u. A. zu thun, die folgenden (12 — 33) betreffen 
Fellkauf und Lederbereitung, während die letzten (34 — 41) 
sich mit der Erwerbung der Meisterschaft, mit Gesellen und 
,Lehrknechten' beschäftigen. 

Beide Stücke sind belangreiche Denkmäler für das mittel- 
alterliche Gewerbe Oberungarns und die Sprache ^ des Kaschauer 
Deutschthums. 

Das letzte Stück dieser Gruppe (V) ist ein Schreiben des 
königlichen Burggrafen und Kämmerers der ostungarischen 
Bergstadt Nagybänya,* Stefan Zöld von Osztopan,' an die 
Kaschauer. Letztere hatten sich an den Genannten mit dem 
Gesuche gewendet, das für die Montanindustrie nothwendige 
Blei von ihnen und nicht von den Polen zu beziehen, da sie 
den gleichen Preis in Silber zu gewähren erbötig seien. Der 
Kammergraf bedauert, dem Wunsche der Kaschauer nicht ent- 
sprechen zu können, da er sich infolge der Verarmung seiner 
Berghäuer und zur Vermeidung königlicher Ungnade weder 
mit den Kaschauern, noch mit den Polen in irgendeine bin- 
dende Abmachung einlassen könne, sondern zum Nutz und 
Frommen Nagybänyas freie Hand lassen müsse. 



^ Vergleiche diesfalls den Anhang zu meiner 1864 im «Archiv f. Kunde 
österr. Geschichtsquellen*, XXXI. Bd., erschienenen Abhandlung: »Zur Üte- 
sten Geschichte der oberungarischen Freistadt Kaschau' und meinen Auf- 
satz in der «Zeitschrift für deutsche CulturgeschichteS Neue Folge, h^- 
ausgegeben von Christian Meyer, Berlin, II, 1. Heft (1891), 8. 20—31, 
über ,Da8 Kaschauer Deutschbürgerthum und seine Namen*. 

* UjvAros, Neustadt, Asszonjpatak, Bivali dominarum im Ssatmirer 
Comitat. 

■ Diese Familie, welche zunächst im Somogyer Comitate auftaucht und 
das Prftdicat Perneszi führt, verzweigte sich auch nach Siebenbflrgeiu 
Vgl. Nagy , MagyarorszÄg csalÄdai, Vm. Bd., p. 299, und IX. Bd., p. »44- 



457 



III. 

Ans der Zelt des Thronkrieges E. Wladlslaw n. Ton 
Ungarn (nnd BShmen) mit seinem Bruder Albert Ton 

Polen (1491).! 

Infolge der Bildung einer polnischen Wahlpartei im nord- 
östlichen Ungarn unter der Führung der Magnaten Emerich 
Perönyi und Blasius Magyar kam es in der Zips, im Abaujvärer 
und Säroscher Comitate^ besonders vom Herbste 1490 an, zu 
kriegerischen Ereignissen. Easchau^ hielt mit Leutschau, Käs- 
mark und Bartfeld zu Wladislaw, dem Candidaten der Haupt- 
partei Ungarns, welcher die Personalunion Böhmens und Ungarns 
herbeiführte, während Eperies, Sdros und Zehen der Partei 
seines Bruders Albert von Polen beitreten mussten. Anfangs 
Oetober 1790 hatten die Kaschauer, von der WaflFenmacht 
Perönyi's und Magyar's eingeschlossen, an K. Wladislaw ge- 
schrieben, sie seien kaum im Stande, sich ohne Entsatz noch 
zwei Wochen halten zu können. Wladislaw, damals auch von 
König Maximilian I. im Westen bedroht, vertröstete die Kaschauer, 
so gut es ging, und Gleiches that die für Wladislaws Erhebung 
thfttige Königswitwe Beatrix, während Albert von Polen mit 
polnischen und ungarischen Kriegsvölkem vor Szerencs im 
Zemphner Comitate lagerte und von hier aus drohende Mahn- 
schreiben zur Huldigxmg an die seinem Bruder anhängenden 
Städte ergehen Uess.' 

EndUch nahte ein Banderium der Königin -Witwe zum 
Entsatz von Kaschau, Blasius Magyar zerstreute diese Reiter- 
schaaren. Sein Tod in diesem TreflFen war und blieb der 
bärteste Schlag, welcher die Sache Alberts treflfen konnte. Die 



* Vgl. Katona, Hang. bist. crit. XVI (bis 1490) und XVII (1491—1495); 
Fessler-Klein, m (1457—1576); Palacky, Geschichte Böhmens V, 
i. A. 

' Im hierortigen Archive finden sich sämmtliche im Texte angesogene 
Correspondenzen in der Abtheilong ,Acta politica' vor. 

• Hauptquelle: Bonfin, B. H. Dec. V, 1. und 2. Buch, 1490—1492. Dazu 
Tubero, Comm. s. temp. Ragus. Ausg. von 1784, I, 1. bis 4. Buch (bei 
Schwan dtner, Script rer. Hung., II. Bd.); femer Pray, Epist proc. 
rer. Hung., I.Bd., und Wagner, Diplom. Sdros. (1780, Poson. Cassoviae). 




458 

Zuschrift der Feldherren Wladislaws, Stefan Bäthory und Paul 
Einizsi (vom 7. December), vertröstete die bangenden Kaschauer 
Bürger auf die Ankunft K. Wladislaws mit dem Entsatzheere 
binnen sechs Tagen. Der römische König habe sich zurück- 
gezogen^ und die Polen wtkrden nicht standhalten, ^wenn es 
auch zwei solche Feldherren wie Albert gäbe', in der That ein 
schönes Zeugniss ftir die Eüriegstüchtigkeit des Gegners! 

Doch bUeben die Kaschauer abermals in ihren Hoffioon- 
gen auf Entsatz getäuscht Vielmehr fand sich Ende 1490 
Albert mit frischer Kriegsmacht im Feldlager vor Kaschao 
ein. Die Strenge und Gefährlichkeit der Belagerung wuchs, 
das Geschoss richtete wachsende Verheerungen in der Stadt 
an, von denen auch die schöne Hauptkirche zur heil. fSiBabedi 
heimgesucht wurde.^ 

So verstrichen der Jänner und Februar des Jahres 1491. 
Kaschau leistete Widerstand mit dem Angebote der letzte 
Kräfte. 

Endlich — den 13. Februar 1491 — langte ein Send- 
schreiben K. Wladislaws aus dem ^Feldlager' nahe bei Kasehaa 
ein. Die ftbrstlichen Brüder, inmitten deren Kriegsvölker ein 
Zweikampf des waffentüchtigen Demeter Jakusiih mit einem 
riesigen Tataren im Kriegsgefolge Alberts vor sich gegangen 
war, hatten einen Präliminarfrieden abgeschlossen, welcher der 
Belagerung Kaschaus ein Ende machte. 

Die letztgenannte Stadt wurde mit dem Gnadenbriefe 
Wladislaws vom 17. März (datirt vor Kaschau) entlohnt, der 
il\r filr die erhttenen Unbilden 6000 Gulden in Baaigeld und 
3(XX) in Salz zusicherte, und zwar in einer Weise, dass sie 
bald in der Lage sei, ihren Verpflichtungen gegen die Krakauer 
und Andere nachkommen zu können. 

Diese Urkunde bietet der Anhang (VI) als ein archivali' 
sclios Zeugniss dieser Zeitläufe. 

Das zweite (vom 24. April 1491, datirt Ofen, Nr. VII) 
beweist, wie unsicher und schwierig die nächste Zukunft sieb 
anliess. Die Kaschauer hatten nämlich bald darauf an K. Wladis- 
law einen Sendboten mit der Nachricht geschickt, sie hfttten 
gehört, dass der Polenkönig Kasimir, der Vater der streiten- 
den Brüder, an Johann Albert geschrieben, er brauche nicht 



1 Vergleiche aach (Tiwon) Caasovia yetos et nova (Caas. 1732). 



459 

Ungarn zu räumen^ sondern die Kriegshilfe abzuwarten, die er 
ihm alsbald zusenden oder persönlich zufUhren wolle. Sie sollen 
dies nicht glauben, noch solchen Gerüchten das Ohr leihen, da 
er von seinem königlichen Vater, welcher ihn schon ,König 
von Ungarn' nenne, nichts Feindseliges zu besorgen habe. 
Anderseits sei ihm kürzlich ein Schreiben des Bruders Johann 
Albert zugekommen, demzufolge dieser nur durch die lieber- 
schwemmung der Wege am Abzüge aus Ungarn verhindert 
wäre. Gleicherweise habe der Unterhändler Wladislaws, Zako- 
loczky, des Friedens wegen nach Schlesien entboten, durch die 
austretenden Gewässer eine Verzögerung seiner Ankunft er- 
fahren. Die Easchauer mögen denn ohne Furcht in ihrer 
Treue beharren und sich um die Drohungen der benachbarten 
Edelleute, insbesondere des Niklas Lapospataky,^ nicht küm- 
mern. Die Sache werde bald eine ganz andere Wendung neh- 
men als diese vermeinen. 

In diese Zeiten einer unerquicklichen Sachlage, denn der 
Krieg zwischen den beiden Brüdern nahm in der That seinen 
Fortgang, gehört auch der Sendbrief der Krakauer Eaufleute 
an die Stadtgemeinde Easchau vom 14. Juni, aus Leutschau 
in der Zips abgesendet (Anhang, Nr. VIII). Das Schreiben 
handelt von der gegenseitigen Wahrung der Handelsinteressen, 
mit dem Bemerken, dass die Absender des Briefes sich des 
freien Geleites Palatins Stefan Zäpolya, des Erbgrafen der 
Zips, des vornehmsten Anhängers K. Wladislaws, versichert 
hätten. 

Der wiederausbrechende Krieg zwischen Wladislaw und 
Johann Albert gab somit jenen Besorgnissen der Kascliauer recht, 
wie dies K. Wladislaw in seinem Sendschreiben vom 5. August 
1491 eingestehen musste. Palatln Stefan Zäpolya überkam nun 
den Oberbefehl mit unumschränkter Vollmacht und zwang end- 
lich den Prinzen Johann Albert zum Rückzuge. Sein Anhang in 
Oberungam schmolz auf ein kleines Häufchen zusammen und 
die Städte Eperies und Zeben erlangten (1492) die Versiche- 
rung des Palatins, dass ihre ohnehin nur durch die Sachlage 



^ Niklas L., Sohn Sigmimdii, des Burggrafen von Pressbarg, wurde 1491 
als rückfälliger Parteigänger des Barggutes Sebes im Sibroscher Comitate 
verlustig erklärt und dasselbe der von ihm geschädigten Stadt Kaschan 
sugesprochen (Wagner, Diplom. SAros., p. 75). 

ArehiT. LXXXI. Bd. n. H&lft«. 31 



460 

erzwungene Parteinahme flir den polnischen ThroncandidMen 
ungeahndet bleiben solle. Die Prttfungszeit für Easchau gin^^ 
vorüber,^ und seine Treue wurde durch eine umfaiigreiche 
Gnadenurkunde K. Wladislaws (vom 8. December 1492, Ofco) 
entlohnt^ welche der Stadt ein neues Wappen bescheerte.* 



Urkunden -Anhang. 



I. 

1444» 7. Februar» Kasohau. 

Wir Johan Gjskra von Brandis des allerdnrchlewchtigisten 
fQrsten vnd herren Laslan, kftniges ze Hungern, Dalmatien, Croatien etc. 
hauptman: Bekennen thuen offenbar vor allermenickljchen, den diaer 
vnser briff forbmcbt wii*t yeczunder und zukumfftigk und sunderiidieD 
vor deme obengescbribenen deme allerdurchlewcbtigisten fürsten und her- 
ren kfinig Laslan und vor allen andern nocbkomenden an der heiligen crone 
des reiches ze Hungern: Nocbdeme als uns dje allerdurchlewchtigiste 
fürstinne und frawe, fi*awe Elyzabetb zu Hungern, Dalmatien, Croatien etr. 
kuniginne erpfrawe zu Bebemen berczoginne zu Österreich und markgraf- 
fine zu Merberen selige gancze macht und volkomene crafft geben, an stat 
unde von wegen des achtparen Ires natui'licben von keysers kuniges ge- 
seybe (!)' und kyndes kunigis Laslan ei*pbeiTen und worbafftigen gekröne- 
ten kuniges der vorgenenten lande in seyner durchlewcbtikeyt yugent iit 
zu den selbigen czeiten beuolben als einem getrewen bawptman zuvorwesen 
mitsampt den trewewirdigen herren von den steten in disen obirlandeoi 
dye dann in seyner kuniglicben genaden teyle zu den czeiten vestigk- 
liehen mit ganczen trewen beygestanden, uff das der egenante allerdnrch- 



* Die gesammte Correspondenz über den Polenkrieg von 1490—1492 nm- 
fasst im Arcbive der Stadt die Nummern 662—692. 

* Abgedruckt nacb dem Original im Kaachauer Stadtarohir in Tatko, 
Kassa vires tOrt. övkOnyre, Kaschau 1861, Anbang, p. 226-230, 
Nr. XVI. 

* = Gesippe, Sippe. 



461 

lewchtigiste forste nnd herre herre knnig lasla, nnser natürlicher herre 
wider Got nnd Becht nnd ftn alle redelicfae arsache, das vnder cristen- 
lewten vormals nngehort ist — yon seyme yaterlichen erbe nicht ver- 
triben worde, do got der herre ewige vorsey. Als dann vorgenamen ist 
worden von dem allerdnrchlewchtigsten fursten und herren Wladislaen 
zu den czeiten kunige zu Polon etc. nnd seynen belfern: derkegen und 
mehr wann obirmogen ^ sieb dy erbern herren von den steten in dysen 
landen obenberQrt mit namen dy wolwürdigen der stat Caschaw irem 
natürlichen herren kunig Laslaen uns an seiner genaden stat als eyme 
hawptman gutlichen dargeligen sich angegriffen,' uffs allerhöchste leyp 
(und) gut mit uns getrewlichen geteilet, das wir nymmer mögen dye folle 
voldancken' und yeczunder mit crafft dises unsers briffis solicber trewe 
und beystendikeyt bis in nnsern tod nymmer wellen vergessen nnd mit 
namen ^ uns geligen ^ an goldes silber gelde nach innehabunge der register 
etc. cliu'lichen awsgedruckt sechzehen tawsent dreyhundert und 
acht und acbczig goldein in golde und der wirde unuorgessen vil 
manicherleye andere notdurfft auch gar merkliche czeiten gehalten haben 
und ab got wil noch werden getrewlich halden bys an ir ende.^ Noch 
vil mehr bekennen wir, wye gar vil und mancherleyo reysen die eegenan- 
ten herren von der stat Caschaw mit waegen als das awch beschriben ist 
czu rosse nnd fusse wyder dy ffyndo kunig Laslas trigelichen (sic)^ be- 
weiset, tag und nacht gewachet, das do kostit unde stehit eyne gar grosse 
unmossen merckliche bedewtliche summa geldis, awsgenomen anderen 
schaden do manich wolgeborn man sowol unscrthalben von gestenn (sie) * 
also sost gestorben ist edell und nnedell douon mehr wann zu vil wer 
zu schreiben. Als dann das offinpar gernck (sic)^ ist in vil cristen- 
landen. 



* mehr als über ihr M«geu = Vermögeii, über ihre Kräfte. 

' = (mit) tätlichen (gutwillijjen) dargeligen (Darlehen) sich angegriffen 
(angestrengt). 

* dye folle (Fülle) Toldancken, d. i. Dank in entsprechender Fülle aus- 
sprechen. 

* = namentlich. 

' geligen = geliehen. 

* nnd nicht vergessen wird noch viel mancherlei andere Nothlage, welche 
sie durch gar merkliche Zeiten ertragen haben und — so Gott will — 
noch werden getreulich ertragen bis an ihr Ende. 

' soll wohl ,trivelichen* = »treulich* heissen. 

* = ausgestanden, erlitten. 

* geruck = Gerücht. 

31* 



462 

Nu haben wir wol petrachtet in dysen so harten uberswencklichen 
dinsten an stat konig Laslan von den vilgenanten herren von Caschaw 
vor andern in grossen noten mehr wann zn vil erczeiget nnd snnder 
Gzweiffel noch gotis willen noch mit volfamnge^ der werke hinfür mit der 
gerechtikeyt beweisen werden, also ferro in nicht gepricht lejp noch gut, 
und zu voraws haben wir zu herczen genomen als pillichen ist solten wir 
vorgessen solicher woltat und getrewen beystsndikeyt der warheit,' die 
dan dy vilgenanten getrewen herren von Caschaw getan haben, das wir 
in nu noch nymmer mögen gedancken mit volfarunge solicher beczalunge 
und widergeldunge uns mildeklichen an alle Widerrede ettwedicke' er- 
czeiget und wir auch solche woltat vorsweigen schrifftlich und muntUch 
das von arm und reich gutlich dargeligen ist und dorumb den vilgenan- 
ten heiTen von Caschaw in und iren rechten erben oder nachkomelingen 
in zukumfftigen tczeiten nicht belonunge oder genugsamkeyt geschehen 
worde, mag allerweniklich wol erkennen, das is wider aller recht were 
und lesterunge in smoheit der gerechtikeyt,^ das goth unde das gelficke 
nymmer werden vorbeugen. Dorumb do raffen wir an alle allerdurch- 
lewchtigiste fürsten und heiTen und rechte nachkomen an diser heiligen 
crone zu Hungern und eynen iczlichen besunders was wesens der sey, 
den unser briff furbracht wirt, sunderlichen kunig Laslan noch gotis- 
willen in^ merklichen bitende mit demutigen fleisigen andachtigen begir- 
lichen suffczenden beten, so wir höchste sullen, ermanen mit geneygtem 
hawpte durch unsere getrewer dinste willen mit sampt den steten kunig 
Laslan in harten noten erczeiget und ab got wil mit beweisnnge der 
werke hinfur zu behaltunge schucz und beschirmunge seyner genaden 
vaterlichen lande und erben noch unserm höchsten veimogen beystendig 
sein wellen und das auch also one alles abelassen, als pillichen ist mit 
ganczer eyntracht und mit hulffe der höchsten wai'hait forgenomen haben 
in solichen getrewen dinsten bis an unsern tod zu volfuren und bleiben 
welche wol angehabene treffliche merkliche dinste ffrüntschafft und über- 
swenckliche darlegunge der vorgenanten summam geldis an statt kunig 
Laslas uns geligen zu hulffe der ritterschafft, dye uns dann von manchenn 
landen geriten und gedienet unbelonet nicht bleiben, daruff bekennen 
wir mit crafft disis unsers briffis bey unsern guten Trewen an eydistat, 
also in ym seibist ist gesehen, das wir soliche summa schuldig seyn mit 



* = Vollführung. » der Wahrheit gemäss. 

' =±s mhd. fitoswenne dicke. 

^ nnd eine Lfisterang zur Schmach der Gerechtigkeit 

■ ihn. 



463 

Tolkamener warheit geschehen nnd geligen als oben ist berürt and dor- 
jnne kejnerley geuerde zesnchen noch geprawchen. Sunder der offlge- 
melte nnser naturlicher herr kunig Lasla oder seyne anwalden die ob- 
geschribenen heren von Caschaw solicher trewer dinste mühe arbeit und 
bejstendikeyt in sundern genaden nicht worden genissen lassen,^ das 
doch unpillich wer. So geloben wir und vorsprechen in masse als obge- 
schriben ist unsem naturlichen herren und dy seynen egemelt trewlichen 
anzuhalten, das eynes solchen kegen den herren von Caschaw und iren 
erben in allem g^te nymmer sol yergessen werden und sunderliche dy 
weile wir hawptman sein und bleiben werden in Iren rechten erben (und) 
erpkomenden^ der egenanten stat Caschaw innwonem yczunder und zu- 
künftig noch' unserm höchsten vermögen belonung wyderstat danck- 
sagunge mit beweislichen teylhafftigen werken dorczu wir wellen ge- 
dencken an alles oblassens> Also ferro vns Got der herre vorleyhe unser 
lebtage unde nicht gebrechen in beswerunge leybis unde gutls,^ so sol 
solich gelawbde^ dises unsers briffis ewigk nu und ymmer^ aws unserm 
herczen gelassen nymmer, wann zugedencken wo sich das wirt gebüren so- 
wol in liebe forderunge woltat bestis zu wissen gedeyen in aller wolfsert 
awfrichtiger unstrefflicher hulffe rotis und totis,^ dy wir dann vor gote 
schuldigk zu thuen sein inn merem geczewgnys der höchsten warheit all 
czeit an alle argelist geuerde und newefunde^ dy an dysem unserm briffe 
nw und ewicklich sollen awsgesundert bleiben und abgefirret,^^ keynerley 
do got vor sey geprfichen^^ noch zu hulffe anzuiüffen wann warhafftig 
erbare lawtre vorsorgunge inn bedewthlicher merklicher belonunge zu bey- 
Btendikeyt den egenanten herren von Caschaw und all iren rechten nach- 
kommen erblingen und rechten beyligem** dyweil wir leben, mit urkund 
vorsigelt mit unserm angehangen ingesigell. 

Gegeben zu Caschaw am freytag noch sant Dorothee tag der seli- 
genn jungkfrawen. Noch Cristi gepurt Tawsent virhundert und in dem 
vimndvirczigsten iaren. 



^ nicht würden schadlos halten lassen. 

* zmn Erbe kommenden. 

' nach. * ohne alles Ablassen. 

' sofern uns Gott der Herr das Leben schenkt nnd wir nicht Schaden er- 
leiden an Leib und Qnt. 

* Gelübde. ' jederzeit • Rath und That. 

* neue Funde = Kniffe. 
*• beseitigt. 

" gebrftchen = gebrauchen, benützen. 
^' Einwohner, Insasse. 



464 

Coram propriapraesentiad. loh. Giskre de Brandis Cipii 
supr. Residens uiva uoce in consilio civitatis Cassa. 



n. 

1440, 19. Juli, Altsohl. — Johann Jlskra's von Brandeis Send- 
sehreiben an die Kasohauer. 

Den namhaftigen nnd weisen herren richteren ande geschwonifiii 
purgeren czw Casschaw unseren besunderen gutten gnnneren und frunden, 

ünsem dinst czuuor libin herren, wir tun eweren genedin in 
wissin, daz wir frisch und gesunt seyn von den genedin gots, und iti 
geet uns gar wol ; desgleichen heret wir gerne sagen von euch, auch ton 
wir ewer Weiset^ zu wissen daz wir dem herren Czancko^ dy moncM^ 
befolen haben und auch pey im dy probe ^ gesant haben und wir getrawen 
euch wol daz ir uns behelffen wert sein. Auch tun wir ewer Weishait so 
wissen, dacz dy hungerische herren in dem ffride, den Ir czwischen Im 
gemacht habt, haben sy wolt^ wberfalen dy Crempnych^ mit fnnfftzehen- 
hunderth pherden, und daz hat uns got bewart und gutte leute, und daz 
solde gesehen sein gewest nw am ffreytage acht tage und haben ge- 
fangen herren peter Colar und andere unser diner, und wisst, das sy von 
uns nie nicht guttes gedencken, und wert Ir kegen Owen^ geritten, als 
Ir den mut habt gehat, so wert Ir alle gefangen; dorumme bewart euch 
seihest und waz Ir ader newer zeitunge wert haben, daz lat uns auch 
wissen, und desgleichen wellen wir kegen euch tuen; wir pitten euch, 
daz Ir dem heiTen Zenko beholf lieh zeyt,^ daz dy moncze ein forgang* 
habe von tage czu tage umb unsern gnedigisten herren küniges Lasfat 
willen nucz und auch unsern, als Ir dann vormols getan habet alle zeit 

Gegebin ImAldenSole am snnobenth nehest noch sent Maii§;i^ 
rethin tage als man schreibet noch Christi gepurt thausent firhundert und 
in dem XLIX. lare. 

lan Giskra von Brandis des allerdurchleuchtigisten fürsten und 
heiTen kuniges Lasla Oberster hauptmann. 

(Orig.) 



^ Weisheit (Titulatur der Rathsbürger) s. w. u. 
' w. n. Zenko geschrieben. 

* Münze. ^ Mttniprobe. 
^ gewollt ' Kremnits. 

^ Ofen, wohin ein Landtag einberufen war. 

• seid. • Tnilauf. 



465 



m. 

Statuten der Kasohsuer Bmdeniehaft der «Stein-Krämer* 

vom 21. Mars 1475. 

Wir Johannes Müszikgank auff die zeit richter, Hanns Thotklar, 
Hanns Wogmaister, Johannes Weysser, Hanns Villach, Czotmar Frautz, 
Hanns Henckel, Johannes Bwsdorffer, Johannes Waickhart, Hanns Gol- 
man, Petir Seghart, Sabranczy Janusch vnd Stephan Bmner gesworne 
ratmanne der stadt Cascha bekennen offenlich mit disem vnseren offen 
briefe allen on jeczlichen da ynnd es noth würde sein zn sehen odir 
lessen, das Yor ynns komen seynt die fdrsichtigen ynnd erbaren lewte der 
bnidirschaft der Steyn-Grome Ynd habenn vorbracht ire anleginde ^ noth 
In cze lindn* ynnd anderlich^ gebeten en^ ire freiheit ynd gerechtikeit, 
80 sie mit denselben cremen die sie denn yor langen zeitenn yon eynem 
erbaren Bäte diser stadt gekauft haben, ynd yon alter bysher auff sie ge- 
erbt ynnd komen seynt ynnd noch yor czinsen^ jerlich mnszen, aoff eyn 
newsz zu bestetigen ynnd zu confirmiren ober das^ sie auch durch merk- 
licher notdorft willen mit etlichenn stocken der cremerey höcher zu be- 
gnaden ynnd zu begoben ynnd sie des mit eynem briefe sulcher besteti- 
gung zn yersorgen; wir allzeit gutwillig seyn mit gantzigem'' fleys 
gemaynen nucz allenthalben zu betrachten denselbigenn in der künig- 
lichen ynsern stadt zu erheben ynnd fürderen mochten,* dadurch eyn 
ieglicher in ynnserem mittel in seynem weszen^ bey yns sich aufhalden 
vnnd besseren mochte, habenn wir en eyntrechtiglich aws wolbedachtem 
mutte mit reifen rate ynnd guttem willen mitgeben yorlihen ynd auch 
sie begnadet mit den articklen, als denn in mosze ynnd weisze yon wort 
zu werte clarlich begriffen hernach yolget. Darnoch sich eyn jecilioher 
kanfinan beide fremde vnnd eyn woner ^^ mit seynem handel wisse zu 
balden ynnd zu richtenn. 

Zu dem ersten, das alle awslender odir die nicht burgerrecht diser 
Stadt habenn, nicht sullen auslegen odir feilhaben awsschneiden aws- 
messen hinwegen odir verkauffen auff dem markte an keynem tage, aws- 
genomen in dem freien Jarmarkte, sunder in iren herbrigenn^^ sullen 



' anliegende. * lindern * anderseits. * = in, Ihnen. 

* vor-zinsen, Zins oder Abgabe zahlen. 

' überdies. ' gtoeJichera == yollem. * möchten. 

* Wesen = Beruf, Geschäft. 

'• sowohl Fremde als Kinh(3iiiiiH4*liH. *' herborjf^ii. 




466 

sie vnnd mügen verkauffen noch awssatzung^ der stadtgerechtikeit noch 
den artickien, die hernoch begriffen ynnd geczaichent seynt, awsgenomen 
all andere pfemert^ welcberlej Ynnd wie die genant möchten werden, die 
alhie nicht bestympt odir awsgedimckt seynt: der sol ejn gast' dem 
andern nicht verkauffen odir kauffen ynder vier golden. 

Item ejn ieczlicher eynwoner sol frej sejn in der wochen eynen 
tag vnd nicht mer, das ist am donrstage, auff dem markte ansxnlegen 
feilzuhabenn vnd zn vorkanffen vil oder wenig was oder wi der wfl, 
snnder sust all andern tage in der wochen magk er vnnd sol in sepeo 
hawse odir herberge verkhauffen vnd hingeben noch awssatzung der stat- 
gerechtikeit vnnd anch noch disen articklen hie vnden awsgecsaichent, 
sonder allerlay andere pfemert, welcberlej vnnd wie die genant so vnd 
hie noch nicht begriffen seynt mit eynem golden vnnd darvnder nicht 
kaoffen odir verkaoffen awsgenomen festilspeisze^ allerlej die.sol z«t 
aoff dem markte vnnd der herbrige zu kaoffen vnd zo vorkanffen eynem 
ieczlichen noch seynem vermögen frej seyn. 

Item es sol nymant verkaoffen odir hingeben vndir eynen vierteil 
eynes czentners bloenczwyrnn nicht. 

Item ondir eynem vierteil eynes czentners wetgarn^ nicht. 
Item ondir czwehn czindelposth^ nicht. 
Item vndir czwehn stücken leynnt nicht die do awszlendisch vnnd 
nicht bej der Stadt gemacht ist, wie die genent were. 

Item vndir czwehn stücken goltsch'' nicht. 

Item vndir czwehen harissen^ nicht. 

Item vndir vier stocken schloer nicht awsgenomen eyn ieczliche 
fraw odir einwonerin sol frej seyn schloer zu kaufen zu wes leibes not- 
dorft zo vil vnd ir noth ist. 



' nach Bestimmung. 

* = pfennigwert, pfenwert, Yerkanfsartikel, Waare, insbesondere ßein- 



waare. 

t 



s= hospes, Aoslftnder. 

* wahrscheinlich Fastenspeise, vgl. Brinckmeier, Gloss. I, p. 775, 
und Schmeller-Fromann, Bair. Wtb. I, p. 7ö3— 766, über ,Fastel*. 

* wet-garn; wete = wsBte, Gewand. 

' offenbar zusammengesetzt aus ,czindel' ,zendel' (Sorte von Tafft) und 
posth = posztö, magyar. Bezeichnung fOr Tuch, Stoff. 

' goltsch, vgl. ,K(Jlsch* bei Schmeller-Fromann, p. 1241 = Leinenieng. 

■ harissen, vgl. Harras, Tuch von Arras, dflnnes Tuch, Brinckmeier, 
Gloss., p. 962. 




467 

Item vndir acht Schilling droemeP nicht, snnder eyn ieczlicher 
eynwoner ader eynwonerin zn wer notdorft vil adir wenig frej seyn ynnd 
mftgen kauffen ymb eynen gnlden wider czn yorkauffen. 

Item yndir vier spulen vntczengolt* nicht. 

Item yndir yier gantcen parchent nicht. 

Item vndir eymem thnsin^ hoszen nicht. 

Item vndir dreisig tzahen^ nicht. 

Die obgeschriben artickel gebiten wir ernstlich stet vnnd vnverukt 
zu halden. Wer abir ymand der solche vnsere gebot öbirtretenn vnnd 
anders denn hie vorgenomen ist mit kaufifen odir verkauffen gefunden 
würde, der sol dieselben seyne gntter verloren haben vnnd dazu in 
vnnsere straffe veifolenn seyn. 

Zn nrkund vnnd merer sicherhejt haben wir vnnser stadt Insigel 
an disen brieff thun hengenn. 

Der geben ist noch Christi vnnsers herren gebart Tawsent vier- 
handirt vnd darnoch im v&mf vnnd sibenczigstenn Jare an dem 
nagsten Dinstage noch dem sontag Palmarum. 

(Pergament-Urkande.) 

IV. 
1482. — Satsungen der Kasohauer Gerberztinft. 

Item das ist eyne lobeliche gewonheyt vnd eyne anefang von aldies 
her das do haben angehaben dy meyster ald vnd iungk der zeche der 
gerbir das sy gelibt haben mit gemeyner stymme eyntrechticlichen das 
man das halden sol bey gehorsam der zeche dy nochgeschriben stücke: 

(1) Item czu dem ersten: das eyn meyster den anderen eren sol 
vnd forderen, ys sey wo ys sey, wer es aber sache, das eyn meyster 
denn anderen vnem wurde ader ligen^ heyszen, der sal die bnsz vor- 
fiülen seyn. 

(2) Item czu dem anderen mol, das keyn meyster der czeche heym- 
lichkeyt nicht sal awsbrengen vnd der es awsbrengen wirt, der sal seyne 
busze nicht wyszen.® 



^ Stangen? vgl. Brinckmeier, GIom., p. 641, and Schmeller-Fro- 

mann, p. 662. 
' ? Blattgold; nnoz, nncze als Flächenmass. * thusin = Dntzend. 

* tznhen = Ziechen, Ueberzog. Schmeller-Fromann, II, p. 1079. 

* Lügen. 

' wisen = ausweichen, meiden, vgl. entwtsen =: verlustig gehen, leer aus- 
gehen. 



468 

(3) Item czn dem dritten, ab yndei*t eyn meyster wurde yn 
ebrecherey adir yn dewberey infanden, adir yn vnerlichen sachen, der 
do mit rechter worheit oberzewget wurde , der sal keynen meyster der 
czecbe nicht g^t seyn.^ 

(4) Item jn dem iore czn fyrmol sal man zel mesz* losten singen 
alle quatnor tempornm bey dem gehorsam, ynde eyn yder meyster sal 
selber dabey seyn. Ynd wer das erste opper' versewmpt, der ist bnn- 
vellig eyn halbt phnnt war;^ vnd ist es sache, ab eyner henweg wolde 
zyhen, wen en^ das zeychen noch do hejrmen begreyfft,^ der sal lawbe 
nemen.^ 

(5) Item wen eyn meyster stirbt ader eyne meysterin, do sal der 
meyster mit sampt seyner hawsfrawen czn der leyche geen ynnd czwjer 
czo opper geen vnd den meyster ader meysterin weder ^ heym beleyten 
bey der busz.® 

(6) Item stirbit aber eynes meysters kint, das sich beridit^^ bot, 
so sullen sy auch beyde geen vnd eyn mol czn dem opper vnd den man 
adir fraw wedir heym beleiten bey der busz. 

(7) Item stirbst eynem meyster eyn dinstbote, ys sey mayt adlr 
knecht, dos sich bericht bot, do saP^ czn der leyche geen vnd eyn mol 
czu dem opper geen. 

(8) Item stirbt aber eyns meysters kint das nicht bericht ist, so 
sal auch eyns czu der leyche geen, vnd wer dy leyche yn dem hawsze 
nicht begreyfft,^^ das ist buszfellig eyn halb tphnnt war. 

(9) Item czu dem ersten sullen dy fir iungsten meyster do seyn 
vnd sullen bor kerczen ^^ vnd das leychtuch dartrogen ; ist das sache, das 
sy das versewmen, so seyn sy dy bnsz vorvallen bey eynem tphnnt war. 

(10) Item keyn meyster sal dem andern seyn dynstboten ent- 
f reden ^^ es sey knecht adir medt;^^ wer das thut der sal seyn bnsi 
nicht wyszen. 

(11) Item ab eyner qweme czu fei*** adir ledir, so sol her eyns 
kewffen vnd der andere das ander, der dorczu kompt, czw dem kawffe 

^ der soll keinem Meister der Zeche genehm sein. 

• Seelenmesse, Todtenamt. • Messopfer. * Waare. • ihn. 
^ das Glockenzeichen noch zu Hause ereilt. 

^ Urlaub nehmen, seinen Abgang melden. 

* wieder • bei Strafe. 

'° berichtet hat = mit den Sterbesacramenteu versehen wurde. 

" (Meister oder Meisterin.) " ? berührt. 

*' Bahrkerzen, Todtenlichter. 

** entfremden, abwendig machen. 

" iiuMit = Maid, Ma^d. " Fell. 



469 

kompt,^ abir der erste hot dy wole,' was her kewffen wil; wer das ober- 
trit der ist dy basze vorfallen nach dyrkentnysz' der meyster. 

(12) Item nymand ys czu woertben^ wedir leder noch fei ymb gelt. 

(13) Item der do hy warde kewffen vf dem marckte fei adir leder 
?nd wer nicht hantwerg^ is, dem sal man nicht abe kewffen, js sey 
denne, her brenge is von dem lande; wer das obirtrit, der sal seyne 
busz nicht wyszen. 

(14) Item keyn meyster sal keyn rawleder ^ yff den fuszen ^ kewffen ; 
wer das thaen wurde, der sal dy basz vorfallen. 

(15) Item ab eyn meyster vmb asche^ kewfft, zo sal her eynem 
andern teil loszen, her kewff sy vmb gelt ader vmb gülden, dy weil eyn 
ander dy asch begreifft off dem wagen. 

(16) Item keyn meysterin sal keyn rawleder kewffen, vnd wurde 
sy begryffen, zo sal ir man dy bosz nicht wyszen, Is sey denne, ir man 
werkrang, ader nicht do heymen, so sal sy lawbe nemen^ (cass,, der Salz 
txm ,Is sey' . . . an durchstrichen). 

(1 7) Item eyne meysterin hot frey allenczal fei ^® zu kewffen : eyns 
adir zwee obir eynem hawffen vnd sust nicht mer obir eynen hawffen 
vnd auch vnder den bencken nicht vnd von den tyschlern auch nicht ^^ 
(coM.i von ,obir eynen hawffen vnd auch vnder den bencken' durch- 
ttrichen), 

(18) Item eyn meyster adir eyne witwe, dy das hantwerg arbten,^' 
an dem montag snllen sy fyer leder awsti'agen adir sechzehn fei vnd an 
dem domstage VI ledir adir eyn firtel fei. 

(19) Item wen eyn meyster ledir adii* fei awstret vff den marckt, 
zo sal es der meyster selber vorkewffen vnd sal das nicht das weib lossen 
vorkewffen, vrid her wolde vff dem marckte vmblawffen i'aw ledir kawffen 



' sich beim Kaufe einfindet ' die Wahl. 

* Erkenntnifls, Straferkenntniss. 

* Sollte es soviel wie ,werderenS abschätzen, taxiren (Brinckmeier, II, 
p. 727) bedeuten? 

* hantwerg = hantwerger, vom Handwerk. 

' Rauhleder = unausgearbeitetes, rohes Leder. 

' Lingenmass oder Bestimmung des Leders zur Fussbekleidung? 

* Das cum Enthaaren der Häute nothwendige Aetzmtttel. S. w. u. «Ascher*. 

* die Erlaubniss ansuchen. ^° Felle in jeder Zahl. 

" Eine schwer verständliche Stelle. Der ,hawffeu* muss eine bestimmte Zahl 
oder Masse von Fellen oder Häuten darstellen. Die ,bencke* dürften sich als 
Fleischbänke, die ,tyschler* vielleicht als Fleischer, die nicht in Bänken, 
sondern auf ,Ti8chen*, d. i. auf Ständen verkaufen, deuten lasHeu. 

^' ? erbten, erblich überkamen. 



470 

der sal dy busz vorfallen seyn dornoch dy meyster dirkennen^ als der 
kaw£f ist (ccus, und durchstrichen), 

(20) Item Eyn yder meyster ader witwe sal dy g^w(rchten fei 
loszen schawen, ee das her sy vorkewft ader dy schuster wegtn^en, sy 
seyn trewg' adir nasz. Wer sie nicht leet schawen, der ist vorfallen von 
ydem firtel fei eyn tphunt war. 

(21) Item keyn meyster sal keyn meyster' leder vorkewffen an der 
fir meyster^ wille vnd lawbe. Is sey denne das es em dy fyr meyster be- 
fulen adir hyszens en awstragen vff den marckt. 

(22) Item den buttern czu gots leycbnamstag adir off Elisabet, 
welche en hutten, den sal man bflen.^ 

(23) Item man sal keynem bürgen dy eyn genge ader den phenig 
alle fyr wochen.* 

(24) Item ab eynem meyster eyn 1er innge entlewft so sal